Samstag, 19. September 2015

Übersetzer


Curt Meyer-Clason wurde heute vor 105 Jahren geboren, er war ein bedeutender Übersetzer, der vielen Lesern einen Zugang zur lateinamerikanischen Literatur ermöglichte. Er hat lange gelebt, länger als ein Jahrhundert, aber die Literatur war zuerst nicht sein Beruf. Sein Berufsleben fängt als Kaufmann in Bremen an, einer Stadt, die er immer gemocht hat. Doch lassen wir ihn selbst reden, das ist besser als der Wikipedia Artikel: Nach dem Besuch des Eberhard-Ludwig-Gymnasiums in Stuttgart bis zur Unterprima, hatte ich eine Banklehre gemacht, dann im Baumwollimport eine kaufmännische Ausbildung erhalten und als Baumwollklassierer und Korrespondent in Bremen und Le Havre gearbeitet. 

Für Edward T. Robertson & Son, Boston (Mass), USA, Cotton-Controller in Sao Paulo, von dort aus Brasiliens Häfen befahrend. In der argentinischen Provinz Santa Fe mit den Peones zum Märken der Jungstiere in die Pampa geritten; in Porto Alegre, Rio Grande do Sul, eine Möbelfirma verwaltet. In der Internierung [er war von 1942 bis 1944 als feindlicher Ausländer und angeblicher Spion der Nazis auf der Ilha Grande vor Rio de Janeiro (Bild) interniert] lesen gelernt: Rilke, Thomas Mann, Friedell, Montaigne, Pascal, Proust, Bernanos, Berdjiajew, Buber, die großen Russen. Anschließend im Lebensmittelhandel von Rio de Janeiro Kompensationsgeschäfte durchgeführt (brasilianisches Pinienholz gegen schottischen Whisky). 

Wenn er damals schon etwas übersetzte, dann war es aus dem ➱FranzösischenMerkwürdig, dass ich in all den Jahren nie etwas von brasilianischer Literatur gelesen hatte. Ich lernte das Portugiesische wie ein Papagei, wie ein Kind. Die Jahre auf der Ilha Grande waren für Meyer-Clason so etwas wie eine zweite Geburt. Auf diesem Photo ist Meyer-Clason der dritte von links. Rechts neben ihm steht João Guimarães Rosa, dessen ganzes Werk er übersetzt hat. In einem Brief von Rosa las er einmal: Und dann kam das wunderbare Wort, Meyer-Clason, traduzir e conviver, Übersetzen ist mitleben. Und da war natürlich mein innerster Kern angesprochen, mitleben mit der Lust am Erzählen.

Seit den fünfziger Jahren war er wieder in Deutschland, arbeitete als Verlagslektor und Übersetzer und wurde 1969 Leiter des Goethe Instituts in Lissabon (aus dieser Zeit stammen auch seine Portugiesischen Tagebücher): Unter Meyer-Clason wird das Deutsche Institut zu einem der geistigen Zentren des portugiesischen Widerstands gegen den Faschismus, schrieb Günter Wallraff in einem Artikel des Spiegel. 1969 war auch das Jahr, als ich seinen Namen zum ersten Mal las. Auf dem Cover des Suhrkamp Bandes von Robert Lowells Für die Toten der Union: Gedichte. Englisch und deutsch, Anmerkungen, eine Bio-Bibliographie und ein kluges Nachwort. Was kann man mehr verlangen?

Ich wusste damals nichts über ➱Curt Meyer-Clason, es gab noch keine Computer, mit denen man sich im Handumdrehen schlau machen konnte. Die südamerikanische Literatur ist nicht so sehr meine Sache, obgleich ich beinahe alles über ➱Guillermo Cabrera Infante weiß. Natürlich habe ich Hundert Jahre Einsamkeit gelesen, aber ich wusste nicht, dass Meyer-Clason das auch übersetzt hatte. Robert Lowells Gedichte waren nicht das einzige, das Meyer-Clason aus dem Englischen übersetzte. Er hat auch Brendan Behans Borstal Boy übertragen. Und, das ist sicher verdienstvoller, Isaiah Berlins Karl Marx. Das Buch wird ➱hier schon erwähnt. Isaiah Berlin taucht in diesem Blog immer wieder auf, wenn Sie einmal schmunzeln wollen, lesen Sie ➱White Christmas.

Der amerikanische Dichter Robert Lowell ist in Deutschland nie so recht bekannt geworden - und der Post ➱Robert Lowell ist leider auch kein Bestseller in meinem Blog. Dem Gedichtband von 1969 folgte bei Suhrkamp nichts nach. Erst 1976 gab es wieder einen deutschsprachigen Gedichtband von Lowell. Dessen Herausgeber im Nachwort schrieb: Es steht zu hoffen, daß die vorgelegten Proben auch für den Leser in der DDR zureichend belegen, daß Robert Lowell einer der beachtenswerten humanistischen Schriftsteller des zeitgenössischen Amerika ist, dessen Stimme es verdient, gehört zu werden, und dessen Poesie das Leben bereichert, weil sie dazu beiträgt, die Welt besser zu verstehen.

Die Übersetzungen der Gedichte stammten von Annemarie Bostroem, Karl Heinz Berger, Curt Meyer-Clason und Klaus-Dieter Sommer. Meyer-Clason war der einzige Übersetzer in Ein Fischnetz aus teerigem Garn zu knüpfen, der nicht aus der DDR kam, an ihm konnte der Herausgeber Joachim Krehayn wohl nicht vorbei. Die Zeitschrift für Anglistik und Amerikanistik schrieb 1980: Robert Lowell wurde dem großen Kreis der Lyrikfreunde in der DDR 1976 mit dem Band 'Ein Fischnetz aus teerigem Garn zu knüpfen' vorgestellt. Ich weiß nicht, ob der fünf (DDR-) Mark teure Band in der DDR ein Bestseller gewesen ist, aber ich habe auf jeden Fall ein Exemplar im Regal stehen.

Es hat bis 1982 gedauert, bis bei Klett/Cotta wieder ein Band zweisprachiger Gedichte von Lowell erschien, diesmal übersetzt von dem kreativen Anglisten Manfred Pfister. Der zusammen mit Jürgen Gutsch in der Edition Signathur das mehrbändige Werk Shakespeare's Sonnets Global herausgegeben hat, das die Rezeption und Übersetzung der Sonnets in 80 Sprachen und Kulturen dokumentiert. Die Edition Signathur wird in diesem Blog schon in dem Post ➱Michael Drayton vorgestellt, da geht es auch um Übersetzungen.

Die Farbe der Fremdheit in die eigene Sprachlandschaft herüberzuholen, war Curt Meyer-Clasons Ziel als Übersetzer: Mein Handwerk beginnt da, wo der echolose Raum des Hörsaales aufhört. Als Übersetzer versuche ich, ein Zwillingsbruder des Autors zu sein. Ich nehme mir immer vor, in seinem Namen und in seinem Geist, mit seiner Feder in meiner Sprache ein neues Buch zu schreiben. Den Text in eine neue Landschaft zu übersetzen, so wie man über einen Fluß setzt. Der Ton kommt mir vor dem gedruckten Wort: Schritt, Trab, Galopp oder Andante, Moderato, Scherzo, Adagio, Presto. Der Satz muß komponiert sein, hat er einmal über seine Tätigkeit gesagt. Der Zwillingsbruder des Autors hat ein gewaltiges Werk hinterlassen, das verdient unseren Respekt und unsere Hochachtung.

Das verdienen Übersetzer sowieso. Sie werden selten berühmt, werden auch selten gut bezahlt. ➱Harry Rowohlt, ➱Hans Wollschläger (der Joyces Ulysses übersetzte) oder ➱Wolfgang Butt (der Übersetzer von ➱Henning Mankell) sind da Ausnahmen. The art of translation is a subsidiary art and derivative. On this account it has never been granted the dignity of original work, and has suffered too much in the general judgement of letters. This natural underestimation of its value has had the bad practical effect of lowering the standard demanded, and in some periods has almost destroyed the art altogether. The corresponding misunderstanding of its character has added to its degradation: neither its importance nor its difficulty has been grasped. So beginnt Hilaire Belloc seinen ➱Essay On Translation im Jahre 1931, seine Sätze gelten vielleicht noch heute.

Es gibt eine Vielzahl von Theorien zur Übersetzung, aber die schlauen akademischen Bücher helfen in der Wirklichkeit nicht weiter. Interessanter (und für jeden Leser verständlich) ist da schon ➱Fritz Güttingers Buch Zielsprache. Der Schweizer Übersetzer und Essayist, mit dem ich eine lange Brieffreundschaft hatte, weiß, worüber er redet. Er hat ➱Melvilles Moby-Dick übersetzt, und viele andere Bücher mehr. Meine eigenen übersetzerischen Versuche liegen in einem Mäppchen, gut weggeschlossen. Das Abitur war noch nicht in Sicht, als ich dabei war, Walt Whitman, James Joyce (die Gedichte) und Ezra Pound zu übersetzen. Ich weiß, wie schwer das ist. Ich habe zehn Jahre lang den Übersetzungskurs Englisch-Deutsch an meiner Uni unterrichtet. Ich glaube immer noch, dass die Studentin, die den Filmtitel The Wild One mit Die wilde Eins übersetzte, mir eine Freude beim Korrigieren machen wollte.

Viele Übersetzer haben gesagt, es komme nicht so sehr darauf an, die fremde Sprache zu beherrschen, die eigene Sprache zu beherrschen, sei wichtiger. Ich bin eigentlich nach England gegangen, um deutsch schreiben zu lernen, hat Lichtenberg gesagt. Manchmal sind Schriftsteller gute Übersetzer. Nicht immer, Heinrich Bölls Übersetzung von ➱Salingers The Catcher in the Rye ist der Gegenbeweis. Und bei Arno Schmidt bin ich mir auch nicht so sicher, Peter Fleming und Wilkie Collins zu übersetzen, ist nicht gerade der Olymp der Literatur. Ich höre hier erst einmal mit der Kritik auf und zitiere Lessing: Gute Bücher verlangen gute Übersetzer, und diese sind unter uns seltener, als man denkt. Übersetzer und Übersetzungen sind in diesem Blog schon häufig thematisiert worden, ich liste das ganz unten einmal auf. Zum Schluss habe ich noch ein Gedicht, das Age de Carvalho zum neunzigsten Geburtstag von Curt Meyer-Clason geschrieben hat. Da können Sie schon mal ein bisschen übersetzen üben:

As árvores de Heine
a Curt Meyer-Clason, em seus 90 anos

Aqui te revejo, umpinheiro:
ein Fichtenbaum steht einsam
im Norden auf kahler Höh.
Teu manto deneve
se arrasta para o Sul,

er träumt von einer Palme,
sonha aquela,
aquela palmeira
palmeirinha, mata brasileira, da silva
 
die, fern im Morgenland 

que embaixo, do alto
desses anos,
te saúda
de pé
sobre o solo solitário onde,
lágrima alegre,
mana o milagre
de duas árvores-
irmãs.

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