Mittwoch, 22. September 2021

Huck Finn


Gut, das Titelbild dieses Buches sieht nicht unbedingt nach Mark Twains Huckleberry Finn aus, aber dennoch hat es etwas mit dem Klassiker der amerikanischen Literatur zu tun. Wenn Sie den Roman Klein-Großchen: Eine Erzählung für junge Mädchen lesen wollen, dann brauchen Sie nur den Titel anzuklicken. Die Autorin des 1919 erschienen Werkes schreibt das, was man früher Backfischromane nannte. Das Wort Backfisch für junge Mädchen ist heute so gut wie vergessen. So gut wie vergessen ist auch die Schriftstellerin Henny Koch, die am 22. September 1854 geboren wurde. Bevor sie um die Jahrhundertwende mit ihren Romanen beginnt, übt sie sich in der Kunst, Jugendliteratur zu schreiben, indem sie amerikanische Jugendbuchautorinnen übersetzt. Also Werke wie A Humble Romance and Other Stories von Mary Eleanor Wilkins Freeman, Tommy Bancroft's adventures von Emily H. Miller und Captain January von Laura E. Richards. Das letzte erschien als sehr freie Bearbeitung unter dem Titel Vater Jansens Sonnenschein. In Amerika erschien Captain January 1936 auf der Leinwand, was Graham Green dazu veranlasste, some of Temple’s popularity seems to rest on a coquetry quite as mature as Miss Colbert’s and on an oddly precocious body as voluptuous in grey flannel trousers as Miss Dietrich’s zu schreiben.

Henny Koch übersetzt nicht nur die Crème de la Crème der amerikanischen Jugendbücher, sie übersetzt auch etwas ganz anderes. Fünf Jahre nach dem Erscheinen von Huckleberry Finn hat sie ihre Übersetzung (hier im Volltext) fertig. Ich zitiere mal eben den Anfang des Originals von Mark Twain: You don't know about me without you have read a book by the name of The Adventures of Tom Sawyer; but that ain't no matter. That book was made by Mr. Mark Twain, and he told the truth, mainly. There was things which he stretched, but mainly he told the truth. That is nothing. I never seen anybody but lied one time or another, without it was Aunt Polly, or the widow, or maybe Mary. Aunt Polly--Tom's Aunt Polly, she is--and Mary, and the Widow Douglas is all told about in that book, which is mostly a true book, with some stretchers, as I said before.

Now the way that the book winds up is this: Tom and me found the money that the robbers hid in the cave, and it made us rich. We got six thousand dollars apiece--all gold. It was an awful sight of money when it was piled up. Well, Judge Thatcher he took it and put it out at interest, and it fetched us a dollar a day apiece all the year round--more than a body could tell what to do with. The Widow Douglas she took me for her son, and allowed she would sivilize me; but it was rough living in the house all the time, considering how dismal regular and decent the widow was in all her ways; and so when I couldn't stand it no longer I lit out. I got into my old rags and my sugar-hogshead again, and was free and satisfied. But Tom Sawyer he hunted me up and said he was going to start a band of robbers, and I might join if I would go back to the widow and be respectable. So I went back.

Das, was Henny Koch daraus macht, liest sich nach hundertdreißig Jahren gar nicht so schlecht. Es wird im Laufe des 20. Jahrhunderts andere Übersetzungen geben (ungefähr dreißig), unter anderem die von Friedhelm Rathjen, dessen Moby-Dick Übersetzung für Dieter E. Zimmer eine systematische und dogmatische Verholperung und Verhässlichung des Textes war. Henny Kochs Übersetzung von Huck Finn, die sich millionenfach verkauft hat, ist heute immer noch auf dem Markt. Ich gebe mal eine Leseprobe: Da ihr gewiß schon die Abenteuer von Tom Sawyer gelesen habt, so brauche ich mich euch nicht vorzustellen. Jenes Buch hat ein gewisser Mark Twain geschrieben und was drinsteht ist wahr – wenigstens meistenteils. Hie und da hat er etwas dazugedichtet, aber das tut nichts. Ich kenne niemand, der nicht gelegentlich einmal ein bißchen lügen täte, ausgenommen etwa Tante Polly oder die Witwe Douglas oder Mary. Toms Tante Polly und seine Schwester Mary und die Witwe Douglas kommen alle in dem Buche vom Tom Sawyer vor, das wie gesagt, mit wenigen Ausnahmen eine wahre Geschichte ist. 
       Am Ende von dieser Geschichte wird erzählt, wie Tom und ich das Geld fanden, das die Räuber in der Höhle verborgen hatten, wodurch wir nachher sehr reich wurden. Jeder von uns bekam sechstausend Dollars, lauter Gold. Es war ein großartiger Anblick, als wir das Geld auf einem Haufen liegen sahen. Kreisrichter Thatcher bewahrte meinen Teil auf und legte ihn auf Zinsen an, die jeden Tag einen Dollar für mich ausmachen. Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich mit dem vielen Geld anfangen soll. Die Witwe Douglas nahm mich als Sohn an und will versuchen, mich zu sievilisieren wie sie sagt. Das schmeckt mir aber schlecht, kann ich euch sagen, das Leben wird mir furchtbar sauer in dem Hause mit der abscheulichen Regelmäßigkeit, wo immer um dieselbe Zeit gegessen und geschlafen werden soll, einen Tag wie den andern. Einmal bin ich auch schon durchgebrannt, bin in meine alten Lumpen gekrochen, und – hast du nicht gesehen, war ich draußen im Wald und in der Freiheit. Tom Sawyer aber, mein alter Freund Tom, spürte mich wieder auf, versprach, er wolle eine Räuberbande gründen und ich solle Mitglied werden, wenn ich noch einmal zu der Witwe zurückkehre und mich weiter ›sievilisieren‹ lasse. Da tat ich's denn.

Der Suhrkamp Verlag preist die Neuübersetzung von Friedhelm Rathjen als kongenial an. Und die Neue Zürcher Zeitung schrieb: Friedhelm Rathjen hat die unverwüstliche Bad-boy-Geschichte neu übersetzt, frisch, frech, und mit bemerkenswerter Akribie . . . auf die alte Streitfrage, ob man den Slang und die Umgangssprache des Originals in einer regional gefärbten Stillage wiedergeben soll, antwortet Rathjen mit einem selbsterfundenen, aus mehreren Dialekten gespeisten, lässigen Idiom, das, hat man sich einmal eingelesen, pfiffig und überzeugend wirkt. Ich habe auch von dieser Übersetzung eine Leseprobe:

Ihr wißt nicht von mir, außer falls ihr ein Buch mit Namen Tom Sawyers Abenteuer gelesen habt, aber das macht rein gar nichts. Das Buch hat Mr. Mark Twain verbrochen, und der hat die Wahrheit erzählt, meistenteils jedenfalls. Gab da Sachen, wo er bißchen übertrieben hat, aber meistenteils hat er die Wahrheit erzählt. Ist so gut wie gar nichts. Hab noch nie wen zu Gesichte gekriegt, wo nicht mal geflunkert hat, ab und zu mal, außer wenn das Tante Polly war, oder die Witwe, oder vielleicht Mary. Tante Polly – Tom seine Tante Polly, soll das heißen – und Mary und die Witwe Douglas, über die alle wird in dem Buch da erzählt – wo meistenteils ein wahres Buch ist; mit paar Übertreibungen zwischendurch, wie ich schon sagte.
       Nu, das Ende von dem Buch geht so: Tom und ich haben das Geld gefunden, was die Räuber in der Höhle versteckt hatten, und das machte uns zu reichen Leuten. Wir kriegten sechstausend Dollars pro Nase – alles Gold. Das war ’n fürchterlicher Batzen Geld, wenn man’s so aufgestapelt daliegen sah. Na ja, der Richter Thatcher, der hat’s genommen und auf Zinsen angelegt, und das warf uns einen Dollar pro Tag und Nase ab, das ganze Jahr über – mehr, als wo ein Mensch was mit anzufangen weiß. Die Witwe Douglas, die nahm mich als ihren Sohn an und schwang Reden, vonwegen sie würd mich ziehwillisiern; aber das war die ganze Zeit ’n hartes Leben da im Haus, wenn man bedenkt, wie elendig pingelig und schicklich die Witwe in allen Dingen war; und so hab ich mich, wie ich’s nicht mehr länger aushalten konnt, aus ’m Staub gemacht. Ich stieg wieder in meine alten Lumpen und mein Zuckerfaß rein und war frei und zufrieden. Aber Tom Sawyer, der stöberte mich auf und hat gesagt, er würd ’ne Räuberbande aufmachen, und ich dürft dabeisein, wenn ich zur Witwe zurückgehen und mich anständig aufführen würde. Also bin ich zurück
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Für mich klingt das ein wenig gequält originell. Die Dialekte des amerikanischen Originals existieren außerhalb der Übersetzung, die deutschen Sprachvarianten dagegen nicht. Das ist entscheidend, denn das Original lebt davon, dass der Leser dessen Sprache als charakteristisch wiedererkennt oder dass sich ihm zumindest erfolgreich der Eindruck vermittelt, er kenne sie von anderswoher. Dialekte bauen auf einen Realitätseffekt. In der Übersetzung aber lässt sich dieser nicht erzielen, denn jeder Leser weiß, dass es jene fabrizierte Sprache in der Wirklichkeit nie gegeben hat. Aus dem Realismus des Originals wird Manier, hat Mark-Georg Dehrmann gesagt. Und da hat er recht. Mark Twain hat an Huck Finn länger gearbeitet, als an jedem seiner anderen Werke. Hat es aufgegeben, wieder neu angefangen. Die schnodderige Sprache, die er für seinen Huck erfunden hat, hält er nicht immer im Roman durch. Was soll ein Übersetzer machen?  Es gibt auch noch eine neue Übersetzung von dem österreichischen Kinderbuchautor Wolf Harranth, die von vielen Kritikern gelobt wurde. Einhundertdreißig Jahre nach Henny Kochs Übersetzung ist man schlauer, aber dennoch bleibt ihre Übersetzung eine respektable Leistung.

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