Donnerstag, 30. November 2017

Kröten schlucken


Mein Leib- und Magen Karikaturist hat punktgenau für den Tag, an dem Martin Schulz beim Bundespräsidenten zum Essen ins Schloss Bellevue eingeladen ist, wieder einen Cartoon geliefert. Als kulinarische Spezialität steht heute die Kröte auf der Speisekarte, liebevoll zubereitet von Jan-Göran Barth, dem Chefkoch des Bundespräsidenten. Martin Schulz isst ja am liebsten Currywurst mit Mayo, aber heute Abend muss er mal essen, was auf den Tisch kommt. Es geht schließlich um Deutschland. Das Gemüse kommt aus der Uckermark, ebenso der leicht säuerliche Schwarzessig, mit dem die Kröte übergossen wird. Und zum Schluss gibt es einen kleinen bayrischen Single Malt, der Slyrs heißt.

Es ist ungleich verteilt auf der Welt, die einen müssen Kröten schlucken, die anderen küssen Frösche und kriegen einen Prinzen.

Mittwoch, 29. November 2017

Leipzig


In dem Tatort Rot Rot Tot wird sie von Curd Jürgens umgebracht, aber es war ein anderer Tatort, mit dem die April gestorbene Schauspielerin Renate Schroeter berühmt wurde. Der hieß Taxi nach Leipzig, er wurde am 29. November 1970 um 20:20 Uhr in der ARD ausgestrahlt. Es gab noch kein Konzept für die Sendereihe, man nahm, was man hatte. Und Taxi nach Leipzig (nach einem Roman von Friedhelm Werremeier) war beim NDR gerade fertig. Der erste Tatort hat natürlich in diesem Blog schon einen Post. Wenn Sie gerade nichts anderes vorhaben, dann könnten Sie jetzt mal eben 1970 lesen. Sie könnten heute abend gleich zwei Sendungen aus der Tatort Serie sehen, an so etwas hat man 1970 noch nicht gedacht. Sie könnten sich natürlich auch Taxi nach Leipzig anschauen, habe ich extra für Sie vorbereitet. Was tut man nicht alles für seine Leser.

Dienstag, 28. November 2017

Streik


Dies Bild von Erik Henningsen aus dem Jahre 1899 hat den Titel En agitator. Man weiß nicht so genau, wer der Redner auf dem Podium ist, dänische Kunsthistoriker tippen auf Frederik Borgbjerg oder Louis Pio. Als Henningsen das Bild malt, haben viele dänische Großbetriebe ihre Arbeiter auf die Straße gesetzt, weil die Gewerkschaften eine Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen erreichen wollten. Die Arbeitskämpfe führen im September 1899 zu einem Vergleich, den man als das Grundgesetz des Arbeitsmarkts bezeichnet hat. Dänemark lebt heute immer noch mit diesem Vertrag.

Der Däne Erik Henningsen ist nicht der einzige, der die Welt der Arbeiter entdeckt hat. Viele Maler am Ende des 19. Jahrhunderts malen Bauern, Fischer und Arbeiter. Das Deutsche Historische Museum hat zu dem Thema eine interessante Seite. Bei Charles Maurin sieht das auf seinem Bild L'aurore du travail ganz anders aus als bei Henningsen. Das Bild von Maurin zog in der Ausstellung Salon de la Rose + Croix, die Joséphin Péladan organisiert hatte, die meisten Blicke auf sich. Das ➱Guggenheim Museum hat in diesem Jahr all die Bilder der Avantgarde des Symbolismus aus dem Keller geholt. ➱Mystical Symbolists in All Their Kitschy Glory, schrieb die New York Times.

Ich möchte mal eben zu etwas Handfestem zurückkommen, so wie dem agitator von Henningsen. Und da nehme ich mir doch dieses Bild hier, es heißt Der Sozialist, genauer gesagt: A German Socialist Propounding His Bloodthirsty Ideas. Gemalt wurde es von Robert Koehler, einem Amerikaner mit deutschen Wurzeln, der am 28. November 1850 in Hamburg geboren wurde. Die Sozialisten, die kommen immer aus Hamburg. Also Angela Merkel und Ernst Thälmann ... igendwas ist an diesem Satz, glaube ich, falsch. Angela Merkel kommt aus Hamburg, aber ich denke, sie ist keine echte Sozialistin. Niemand weiß, was sie ist. Ich bleibe mal eben bei Thälmann. Mein Onkel Karl hat in den Jahren 1953 bis 1956 an einer Figurengruppe zu Ernst Thälmann im Hamburger Aufstand gearbeitet, aber da sah niemand so aus wie hier bei Robert Koehler. Bei diesem Sozialisten weiß man, woran man ist. Er ist die Verkörperung des Gespenstes, das in Europa umgeht. Letztlich eine Karikatur, aber doch sehr eindrucksvoll als Kinderschreck.

Robert Koehler hat in Pittsburgh und New York studiert, aber auch in München. Dort hat er ➱William Merritt Chase und ➱Frank Duveneck kennengelernt, die lebenslang seine Freunde sein werden. Die beiden haben in diesem Blog schon einen Post. Einer seiner Münchener Lehrer war ➱Franz von Defregger, ein Historienmaler, der es wie hier bei dem Heimkehrenden Tiroler Landsturm beherrschte, kleine Volksmassen zu inszenieren.

Das wird Robert Koehler auch können, wenn er 1886 sein in München gemaltes Bild Der Streik auf der Frühjahrsausstellung der National Academy of Design in New York vorstellt. Das Bild wird zu einer Sensation, denn 1886 ist das Jahr nie zuvor gesehener Arbeitskämpfe in Amerika, die im Haymarket Riot und Haymarket Massaker gipfeln. Dies ist ein Bild, in das man viel hineinlesen kann.

Der Kapitalist mit seinem Zylinder scheint unnachgiebig gegenüber den Arbeitern, deren Wortführer ein rotes Hemd trägt. Das mit dem roten Hemd hat noch nichts mit Ideologie zu tun, noch nichts mit dem rote Fahnen sieht man besser. Diese roten dicken Unterhemden sieht man auch in vielen Western, und das ist durchaus historisch korrekt. Noch wird geredet, aber da vorne rechts im Bild greift schon einer nach einem Stein. Wenn Steine fliegen, ist die Diskussion zu Ende. Wird er wirklich den Stein aufheben und ihn werfen?

Robert Koehler stand den Ideen des Sozialimus nahe. Seine Arbeiter sind keine Bittsteller, die wie Oliver Twist Please, sir, I want some more sagen. Sie stehen selbstbewusst vor ihrem Fabrikherren, sie diskutieren mit ihm, sie diskutieren miteinander. Sie sind sich uneins, sind noch keine geschlossene Front. Eine Frau steht mit ihren Kindern links am Rand, abwartend. Eine andere diskutiert in der Bildmitte mit einem Mann. Dies ist ein Bild, zu dem wir viele Geschichten erfinden können. Das Bild wird durch Reproduktionen schnell verbreitet, in den USA wie in Deutschland. Es wird, wie es so schön heißt, zu einer Ikone der Arbeiterbewegung. Aber als es 1893 auf der World’s Columbian Exposition gezeigt wird, redet niemand mehr über das Bild. Man möchte das Haymarket Massaker und die Arbeitskämpfe vergessen.

1899 wird das Bild auf der Pariser Weltausstellung gezeigt. Der Schriftsteller Peter Weiss ist mit diesem Bild aufgewachsen, weil in der Wohnung der Eltern in Bremen eine Reproduktion aus dem Magazin Harper's Weekly an der Wand hing. Er hat später darüber geschrieben: Unzählige Male, schon als Kind, hatte ich dieses Bild betrachtet und mit meinen Eltern drüber gesprochen, und immer wieder regte es die Phantasie zu neuen Auslegungen an. In der Gruppe der auf dem freiem Platz vor dem Haus versammelten Arbeiter schienen alle Entwicklungsmöglichkeiten des entstandenen Konflikts enthalten zu sein.

Sonntag, 26. November 2017

Verzierungen


Hallo, hat heute zufällig jemand "Wilsberg" angeschaut und das Lied im Abspann erkannt? Das war ein ganz bekannter Song, aber ich komm nicht drauf. Sätze wie diesen findet man zuhauf im Internet. Am Ende eines Wilsberg Krimis gibt es immer einen Song. Immer englisch. Die sind da in Münster ziemlich anglophil. Es ist neuerdings Mode geworden, an Krimisendungen zum Schluss einen Song dranzuklatschen.

Manchmal geht das auf. Zum Beispiel gab es in dem Tatort Der Himmel ist ein Platz auf Erden Martha Wainwrights Dans le silence, was ein sehr schönes Lied ist. Es ist übrigens auch ein schöner Tatort, nicht diese billige Dutzendware, sondern eine sorgfältig photographierte Geschichte, die schon Kinoqualität hatte.

Ich zitiere mal eben ein Gegenbeispiel, den Polizeiruf 110, der den Titel Ikarus hat. Der ist eigentlich nur erwähnenswert, weil es die letzte Sendung mit dem motoradfahrenden Polizeihauptmeister Horst Krause ist. Der Rest ist mit Jules et Jim verglichen worden, ist aber eher peinlich. Aber am Ende, als man schon schön schläfrig war, da gab es ein Lied, das jeden wach werden ließ. Sanft, eingängig, traurig. Es war Serge Gainsbourgs La Noyée. Hat nichts mit Polizeihauptmeister Horst Krause und seinem Hund zu tun, ist aber immer schön. Egal, ob Serge Gainsbourg das singt, oder ob Carla Bruni das haucht.

Es gibt Krimisendungen, in denen ein Lied strukturell sein kann. Das Lied ➱Unser Land, das Hans Hartz in der ersten Folge der Serie Schwarz-Rot-Gold sang, beherrschte die Handlung. Es ist übrigens ein Lied, das heute noch seine Bedeutung hat, ich habe es in dem Post Unser Land zitiert. Die musikalischen Verzierungen in den meisten Krimisendungen haben keine wirkliche Funktion. Rudolf Arnheim hatte einstmals postuliert: Filmmusik war immer nur dann gut, wenn man sie nicht bemerkte. Können Sie sich noch an die Musik des ersten Tatorts Taxi nach Leipzig erinnern? Die Gitarre am Schluss war ja nett, kann aber nicht mit La Noyée konkurrieren.

Natürlich findet man in den Tatort Sendungen auch klassische Musik. So kann man auf einer Seite der ARD lesen: Dieser "Tatort" hat einen artifiziellen Rahmen, in dem der Musik eine exponierte Rolle zukommt. Die Musik wurde teilweise exklusiv vom hr- Sinfonieorchester eingespielt. Insgesamt enthält der Film 23 Ausschnitte aus Werken der klassischen Musik. Die Damen und Herren auf dem Gruppenphoto hier sind diejenigen, die im Laufe der 90 Minuten niedergemetzelt werden. Die bodycount Fans sind noch am Zählen, es ist irgendetwas zwischen 47 und 53 Toten. Bei 23 klassischen Musikstücken gibt das eine Relation von zwei Toten pro Musikstück. Händels Lascia ch’io pianga ist auch dabei. Gab es auch schon mal in Ein starkes Team, als Maja Maranow traurig war. Zusammen mit der schönen Maja Maranow ist Händels Arie immer O.K.

Der Tatort mit den vielen Toten hatte den Titel Im Schmerz geboren. Er sollte nicht verwechselt werden mit dem Tatort Der große Schmerz. Auch da gab es siebenundvierzig Tote. Diese junge Dame hier spielt eine russische Killerin, normalerweise soll sie wohl eine Sängerin sein. Nicht, dass sie das Lascia ch’io pianga singen könnte, oder wie Carla Bruni das La Noyée hauchen könnte. Sie singt auch glücklicherweise in dem Tatort nicht. Es ist eine gewisse Helene Fischer.

Ich habe mit dem guten Tatort Der Himmel ist ein Platz auf Erden (hier noch einmal ein Bild daraus) und Martha Wainwrights Dans le silence angefangen, und ich bin dann niveaumäßig immer weiter nach unten gegangen. Jetzt bin ich bei Til Schweiger Tatorten angekommen. Da drunter geht wenig. Vielleicht der Botulismus Mörder aus Münster, doch dann ist Schluss. Eine Tatort Musik sollte noch erwähnt werden, sie ist von Klaus Doldinger und klingt so. Es gibt sie in jedem Tatort, wenn es nach Til Schweiger gegangen wäre, dann gäbe es sie nicht mehr. Glücklicherweise geht nicht alles nach Til Schweiger.

Vor über neunzig Jahren beklagte der Krimiautor R. Austin Freeman in The Art of the Detective Story den Verfall der Gattung: A widely prevailing error is that a detective story needs to be highly sensational. It tends to be confused with the mere crime story, in which the incidents - tragic, horrible, even repulsive - form the actual theme, and the quality aimed at is horror - crude and pungent sensationalism. Here the writer's object is to make the reader's flesh creep; and since that reader has probably, by a course of similar reading, acquired a somewhat extreme degree of obtuseness, the violence of the means has to be progressively increased in proportion to the insensitiveness of the subject. The sportsman in the juvenile verse sings:

I shoot the hippopotamus
with bullets made of platinum
Because if I use leaden ones
his hide is sure to flatten 'em:

and that, in effect, is the position of the purveyor of gross sensationalism. His purpose is, at all costs, to penetrate his reader's mental epidermis, to the density of which he must needs adjust the weight and velocity of his literary projectile.


Es fällt nicht schwer, das eins zu eins auf heutige Tatort Produktionen zu übertragen, ob sie nun durch Musik gerettet werden sollen oder nicht. Ich gucke mir das sowieso nicht mehr an; wenn man Krimis mit Stil sucht, dann wendet man sich nach England. Bei diesen beiden Herren ist man immer gut aufgehoben.

Und es gibt in allen Folgen von Morse auch viel Musik. Morse spielt Klavier, singt im Chor und ist in jedem Konzert zu finden. Er liebt Wagner und besucht sogar Bayreuth (sein Chef glaubt, dass er in Beirut war). In einem solchen Krimi darf sich die Liebe des Helden zur Musik auch auf die Filmmusik auswirken. Das sind keine Verzierungen, die an eine Handlung geklebt werden, das ist etwas Funktionales. Vielleicht bekommen die deutschen Zuschauer die Serie, dies es überall auf der Welt gab, ja auch einmal zu sehen. Die einzigen Deutschen, die Morse im Fernsehen sehen konnten, lebten in der DDR, da war er seit 1989 auf DDR2 zu sehen.

Die literarische Figur, die sich Colin Dexter ausgedacht hat, liebt nicht nur die Musik, er zitiert auch gerne. Morse hat klassische Philologie in Oxford studiert (Colin Dexter auch, er allerdings in Cambridge), er ist ein gebildeter Mann, er zitiert gerne Literatur. Damit ist Colin Dexter voll in der Tradition des englischen Krimis im Golden Age of the Detective Story, als gebildete Autoren für ein gebildetes Publikum schreiben. Das sind Verzierungen, die man gerne mag, und nebenbei bildet ein Krimi von, sagen wir, Michael Innes ja auch ungemein. Ich nehme mal an, dass die Romane von Michael Innes, Edmund Crispin, Josephine Tey oder Margery Allingham nicht zu der Bettlektüre von Til Schweiger gehören. Bis zur letzten Folge von Morse, die The Remorseful Day heißt (was aus How Clear, How Lovely Bright von A. E. Housman stammt), ist die Serie vollgespickt mit Zitaten.

So etwas ist in deutschen Krimis eher selten. Und wenn, dann findet man es in der völlig schrägen Krimireihe, die München Mord heißt. Da deklamiert Alexander Held (Bild) als Kommissar Schaller schon mal völlig unvermittelt das Gedicht Über die Heide von Theodor Storm. Man ist als Zuschauer nicht darauf gefasst, und so haben die Verse eine große Wirkung:

Über die Heide hallet mein Schritt;
Dumpf aus der Erde wandert es mit.

Herbst ist gekommen, Frühling ist weit -
Gab es denn einmal selige Zeit?

Brauende Nebel geisten umher;
Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer.

Wär ich hier nur nicht gegangen im Mai!
Leben und Liebe - wie flog es vorbei!


Da kann man nur sagen: weiter so. Peppt den deutschen Krimi mit Bildung und Musik auf, fünfzig Leichen sind ein Irrweg.

Mittwoch, 22. November 2017

Bielefelder Qualitätshemden


Früher kamen die Hemden aus Bielefeld. Nicht aus Polen oder Fernost. Früher waren die Hemden ➱weiß und wurden von der Hausfrau mißhandelt, weil sie gekocht und gestärkt wurden. Aber die Hemden, die meistens keinen Namen, sondern nur einen Hinweis auf Bielefelder Qualitätswäsche hatten, hielten das alles aus. Die Firma E.F. Banck aus ➱Oerlinghausen warb im Jahre 1887 mit der größten Haltbarkeit ihrer Hemden. Die Firma gibt es nicht mehr, sie wurde nach dem Ersten Weltkrieg vom Firmenverbund des Bielefelder Unternehmers Carl Theodor Dornbusch übernommen, der auch Baumhöfener & Heise erwarb.

Dornbusch wurde 1963 von Walter Seidensticker gekauft, der einmal bei Dornbusch gelernt hat. Eigentlich hatte er Schiffskoch werden wollen, jetzt bastelt sich Seidensticker nach kleinen Anfängen im elterlichen Wohnhaus ein kleines Imperium. Und frisst peu à peu alle anderen auf, Dornbusch, Daniel Schagen und wie sie alle heißen. Nicht alles, was Seidensticker auf den Markt brachte, war gut und schön. 1968 kam die Schwarze Rose auf den Männerbauch, eine gewaltige Geschmacksverirrung. Damals forcierte Seidensticker die Plastikhemden, die unter Namen wie  Splendesto und Diolen Star liefen. Wer jemals ein Nyltest Hemd getragen hat, weiß, dass man so etwas nicht anziehen soll. Die Schwarze Rose ist übrigens heute wieder im Programm.

Seidensticker ist heute immer noch im Familienbesitz, das ist in dieser Branche selten. Und sie sitzen immer noch in Bielefeld. Sie sind nicht die einzigen, es gibt da noch eine Vielzahl kleinerer Firmen. Schaeffer & Vogel, die seit 1867 im Geschäft sind, wären ein Beispiel. Oder Bracksiek-Hemmelskamp, die eine Nische gefunden haben, weil sie Hemden für katholische Priester und Dirigenten im Programm haben. Also Hemden mit dem dog collar und solche, die beim Dirigieren nicht aus dem Frack rutschen. In Bielefeld steht ein Leineweberdenkmal, und vor Jahrzehnten konnte man auf dem Bahnhof noch lesen, dass man in der Leinenstadt angekommen war. Schon seit dem 17. Jahrhundert wurde in Bielefeld mit Leinen gehandelt, später wurde auch Leinen verarbeitet. Aber als die irische und englische Konkurrenz im 19. Jahrhundert auf industrielle Produktion umstellte, konnte man in Bielefeld nicht mehr konkurrieren.

Doch dann kam Hermann Delius mit der Ravensberger Spinnerei, die einmal kurzzeitig zur größten Maschinenspinnerei in Europa aufstieg. Wenig später wird die Mechanische Weberei Ravensberg gegründet, jetzt produziert man nicht nur Garne, jetzt werden die auch weiterverarbeitet. Bielefeld wird zur Wäschestadt, Bielefelder Wäsche wird zu einem Qualitätsbegriff wie Meißener Porzellan, Lübecker Marzipan oder Nürnberger Lebkuchen. Es sei am Rande angemerkt, dass die letzte Kaiserin Auguste Viktoria ihre gesamte Aussteuerwäsche aus Bielefeld kommen ließ.

Ich muss mal eben einen Bremer in die Bielefelder Hemdengeschichte bringen. Er heißt Alexander Friedrich Kleinwort und arbeitet in Havana in dem deutschen Handelshaus von Adolf Höber. Die Firma importiert vor allem Bielefelder Leinen, das nach genauen Qualitätsvorgaben in Bielefeld bestellt wurde. Das Kontorhaus erlaubt Kleinwort, nebenbei auf eigene Rechnung zu arbeiten. So handelt er mit Bielefelder Leinen. Und Zigarren. Der Handel mit Zigarren war ihm aus seiner Heimatstadt Bremen nicht unbekannt.

Kleinwort hatte in Havanna ➱Hermann Dietrich Upmann aus Bielefeld kennengelernt, zusammen mischen die beiden Freunde den kubanischen Tabaksmarkt auf. Und werden beide berühmt: Kleinwort mit seiner Bank (die später Kleinwort Benson heißt), H. Upmann mit seinen Zigarren. Das Photo zeigt John F. Kennedy beim Unterzeichnen des Handelembargos gegen Kuba. Bevor er seinen Namen unter das Dokument setzte, hatte er übrigens all seine kubanischen Lieblingszigarren in Washington aufkaufen lassen, sein Pressesprecher konnte ihm noch 1.200 Upmann Petit Coronas besorgen.

Zuerst kam in Bielefeld die Maschinenspinnerei, dann die Weberei, und dann kommt Nikolaus Dürkopp mit seiner Bielefelder Einsatzmaschine, einer Nähmaschine, die speziell für Hemden entwickelt wurde. Noch nicht wird überall mit den Eisernen Nähmamsells genäht, wir sind in einer Phase der Industrialisierung, wo innerhalb des Verlagssystems die Heimarbeit in die Fabrikarbeit übergeht. Heute kündet davon in Bielefeld noch ein Museum, das früher einmal eine Wäschefabrik war. Und die Reste der Bielefelder Qualitätshemden kann man bei ebay finden. Wo alle alten Klamotten landen, in Wirklichkeit ist ebay ein Textilmuseum.

Im Jahre 1874 saßen in Bielefeld 3.000 Frauen an zweitausend Nähmaschinen, da laufen 11% aller Spindeln und Webstühle Deutschlands in Bielefeld. Nach der Jahrhundertwende werden es hier 5.000 Näherinnen sein. Da gibt es schon 150 Betriebe, von denen die meisten dreißig bis vierzig Angestellte beschäftigen. Wenn wir heute die schlimmsten Sünden der Globalisierung beklagen, dann müssen wir bedenken, dass um 1900 die Globalisierung Bielefeld heißt. Frauen kann man ausbeuten, auch wenn es inzwischen Kranken- und Sozialversicherung gibt. In der Wäschereifirma Winkel (die heute ein Museum ist) hing noch nach dem Zweiten Weltkrieg ein Schild mit den Reimen: Nur geschäftlich bist Du hier, Zeit ist Geld, das merke Dir. Willst Du unterhalten sein, stell Dich des abends ein.

Als die Bielefelder Wäscheindustrie ins Rollen kommt, als noch mit der Hand und nicht mit der Eisernen Nähmamsell genäht wird, schreibt der Engländer Thomas Hood das Gedicht Song of the Shirt:

With fingers weary and worn,
With eyelids heavy and red,
A woman sat, in unwomanly rags,
Plying her needle and thread —
Stitch! stitch! stitch!
In poverty, hunger, and dirt,
And still with a voice of dolorous pitch
She sang the "Song of the Shirt."

Seidensticker sitzt noch in Bielefeld, produziert aber überall auf den Welt. Emanuel Berg sitzt in Köln, produziert aber in Polen. Die Firma van Laack sitzt in Mönchengladbach, produziert aber in Hanoi. Zu halbwegs akzeptablen Bedingungen: Knapp 200 Euro Lohn, 14 Tage Urlaub im Jahr, keine Nachtschichten und ein kostenloses Mittagessen in der Kantine. Das aber nichts mit dem Gourmettempel von van Laack La Cottoneria in Mönchengladbach zu tun hat. Wir tun das nicht aus reiner Nächstenliebe, sagt Firmenchef von Daniels, sondern weil es sich für uns rentiert. Christian von Daniels hat van Laack vor 15 Jahren Stefan Quandt abgekauft, der die Firma (inklusive Regent) gegen die Wand gefahren hatte.

Wir tun das nicht aus reiner Nächstenliebesondern weil es sich für uns rentiert. Dem Satz möchte ich etwas entgegenhalten, was ein englischer Fabrikbesitzer im Jahre 1853 vor seinen Arbeitern sagt: Ladies and gentlemen, it is with no ordinary feelings, I assure you, that I rise on this occasion to thank you for the very flattering manner in which you have received the last toast, and for the good wishes expressed therein. I cannot look around me, and see this vast assemblage of my friends and workpeople, without being moved. I feel gratified at this day's proceedings; I also feel greatly honoured by the presence of the nobleman at my side. I am more than all delighted at the presence of this vast assemblage of my workpeople. Perhaps it may be permitted me to remark that ten or twelve years ago I was looking forward to this day (on which I complete my his fiftieth year) as the period when I hoped to retire from business and enjoy myself in agricultural pursuits, which would be quite congenial to my mind and inclination. As the time drew near, looking at my large family (five of them being sons) I reversed that decision, and resolved to proceed a little longer and remain at the head of the firm. 

Having thus determined, I at once made up my mind to leave Bradford. I did not like to be a party to increasing that already overcrowded borough, but I looked around for a site suitable for a large manufacturing establishment, and I fixed upon this, as offering every capability for a first rate manufacturing and commercial establishment. It is also, from the beauty of its situation, and the salubrity of the air, a most desirable place for the erection of dwellings. Far be it from me to do anything to pollute the air or the water of the district. I shall do my utmost to avoid these evils, and I have no doubt of being successful. I hope to draw around me a population that will enjoy the beauties of this neighbourhood—a population of well paid, contented, happy operatives. I have given instructions to my architects (who are competent to carry them out) that nothing shall be spared to render the dwellings of the operatives a pattern to the country, and if my life is spared by Divine Providence, I hope to see satisfaction, contentment, and happiness around me. 

Der Sprecher heißt Sir Titus Salt, er ist Unternehmer und Philantrop. Die englische Briefmarke hier zeigt einen Ausschnitt von David Hockneys Gemälde von Titus Salts Fabrik in seiner Mustersiedlung Saltaire. In einer Zeit, in der Engels die Lage der arbeitenden Klasse in England beschreibt und Charles Dickens von der Auswüchsen der Ausbeutung im kapitalitischen England berichtet, da geht einer hin und macht etwas ganz anderes. Sir Titus ist hier schon in dem Post Ermenegildo Zegna erwähnt worden. Das hat einen ganz einfachen Grund: was Sir Titus Salt im 19. Jahrhundert macht, das macht der Graf Zegna im 20. Jahrhundert. Aber in Bielefeld hat das niemand gemacht. Zwar gibt es in Deutschland Arbeitersiedlungen, aber paternalistische Philantropen, davon haben wir nicht so viele.

Ach, was soll's. Wir haben so vieles nicht. Die Bielefelder Hemden können mit den italienischen Hemden nicht mithalten, nicht mit Fray, Pegaso, Borrelli, Finamore und wie sie alle heißen. Wir haben keine wirklich guten Hemden. Und gute Politiker schon gar nicht. Der fett gewordene Kubicki klagte vor der Kamera, dass ihm seine Frau wegen der langen Verhandlungen frische Hemden aus Kiel bringen müsste. Er ist offensichtlich unfähig, sich ein neues Hemd zu kaufen oder seine Hemden zur Reinigung zu bringen. Und so was will regieren.

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Sonntag, 19. November 2017

La Périchole


Das vorliegende Bühnenwerk ist nicht frivoler als die bereits bekannten von Offenbach in Musik gesetzten Pieçen und es dürfte daher nach Beseitigung der auf Seiten 40 und 118 bezeichneten Stellen zur Aufführung zulässig sein. Das steht 1868 in dem Wiener Libretto von Jacques Offenbachs opéra-bouffe La Périchole (hier gibt es das Libretto im französischen Original). Eine Zensur für Opern muss sein, Opern können gefährlich sein, das wissen wir von Mozarts Figaros Hochzeit. Aber auch wenn die Zensur den Rotstift ansetzt, revolutionäres Potential enthält Offenbachs La Périchole allemal. Zum Beispiel das Il grandira car il est espagnol, das das Premierenpublikum angeblich pfeifen konnte, als es die Oper verließ.

Die Wiener Morgen-Post sagte am 9. Jänner 1869 über das Werk: Beide sind einander in Liebe zugethan, nicht mit der gewöhnlichen Straßenliebe, sondern in der reinsten reinen Liebe; da sieht der Vizekönig von ungefähr die Straßensängerin, und entbrennt in der anderen Liebe zu ihr. Der Straßensänger und die Straßensängerin vertreten also das gute, der Vizekönig das böse Prinzip. Es kann in einer Operette auch gar nicht anders sein. Ein Vizekönig und eine Straßensängerin, was für ein schöner Stoff.

Es hat die Straßensängerin, die man La Perricholi nannte, wirklich gegeben. Sie war die berühmteste Frau im Peru des 18. Jahrhunderts. Prosper Mérimée hat sie in sein Theaterstück Le Carrosse du Saint-Sacrement hinein geschrieben, das Henri Meilhac und Ludovic Halévy als Vorlage für ihr Libretto diente. Und die Straßensängerin La Périchole spielt eine Rolle in Thornton Wilders Roman The Bridge of San Luis Rey. Und natürlich in Jean Renoirs Film Le Carrosse d'or. La Périchole zählt nicht zu den berühmtesten Werken von Jacques Offenbach. Und doch haben berühmte Sängerinnen immer wieder die Lieder der Périchole gesungen, die Offenbach einst für seine Lieblingssängerin Hortense Schneider (Bild) geschrieben hat.

Wenn der an seinem Namenstag nachts inkognito durch die Hauptstadt seiner Bananenrepublik streifende Vizekönig (den trotz der Verkleidung jedermann erkennt) die halbverhungerte Périchole auf der Straße aufliest, lockt er sie mit der Aussicht auf ein Diner in seinen Palast. Hier wird nicht mehr Reich mir die Hand mein Leben Komm auf mein Schloss mit mir gesungen, hier wird die Richtigkeit des Satzes Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral bewiesen. Über das Essen wird sie später leicht angesäuselt singen: Ah ! quel dîner, je viens de faire ! Et quel vin extraordinaire ! J’en ai tant bu... mais tant et tant, Que je crois bien que maintenant Je suis un peu grise, un peu grise... Mais chut ! Faut pas qu’on le dise ! Faut pas, faut pas Chut ! Wir lassen hier mal eben Elīna Garanča das Ah! quel diner singen. Aber Julie Tourreau ist auch ganz witzig. Elise Caron mit sehr artistischen Einlagen kann ich mit dem Ah quel diner je viens de faire natürlich auch anbieten. Und auch die Eheschließung am Ende des 1. Akts, wo Braut und Bräutigam sich nicht erkennen.

Bevor die Périchole in den Palast verschwindet, schreibt sie ihrem Geliebten noch schnell einen Brief:

O mon cher amant, je te jure
Que je t'aime de tout mon coeur;
Mais, vrai, la misère est trop dure,
Et nous avons trop de malheur!
Tu dois le comprendre toi-même,
Que cela ne saurait durer.
Et qu'il vaut mieux -
Dieu! que je t'aime! -
Et qu'il vaut mieux nous séparer!
Crois-tu qu'on puisse être bien tendre,
Alors que l'on manque de pain?
A quels transports peut-on s'attendre,
En s'aimant quand on meurt de faim?
Je suis faible, car je suis femme,
Et j'aurais rendu, quelque jour.
Le dernier soupir, ma chère âme.
Croyant en pousser un d'amour …
Ces paroles-là sont cruelles,
Je le sais bien… mais que veux-tu?
Pour les choses essentielles,
Tu peux compter sur ma vertu.
Je t'adore, si je suis folle.
C'est de toi, compte là-dessus!
Et je signe: La Périchole,
Qui t'aime, mais qui n'en peut plus!

Elise Caron singt das Mon cher amant in der Aufführung von Jérôme Savary sehr rührend und verhalten. Jessye Norman macht da natürlich mehr draus. Aber die wahrscheinlich schönste Aufnahme ist von Suzy Delair (Bild), einer Dame, die am Ende des Jahres hundert Jahre alt wird. Wir hören da mal eben hinein, und Sie stellen das hier auf volle Lautstärke. Elise Caron ist keine Opernsängerin, sie ist eine Chansonssängerin. Ich habe sie in der Silvesternacht 2000 auf arte in der Live Aufführung gesehen, das habe ich schon in dem Post Jacques Offenbach hervorgehoben. Damals war ich noch auf der Suche nach einer DVD, heute habe ich endlich eine. Das war nicht so leicht.

Elise Caron musste für die Rolle eine neue Stimme finden, Prends pas ta voix de bourgeoise! hatte Savary ihr gesagt, Caron orientierte sich nicht mehr an der Bourgeoisie, sondern an den Fischweibern vom Markt. Sie ist auf jeden Fall das langbeinigste Fischweib, das die Rolle der Périchole gesungen hat. Ob in diesem grünen Bikinikostüm oder im Glitzerkleid. Und sie ist ja auch wunderbar vulgär, professionelle Opernsängerinnen wie Régine Crespin hätten damit Schwierigkeiten.

Non, vulgaire, non ! Qu’est-ce que c’est, la vulgarité, si c’est s’amuser, alors soyons vulgaires! hat Hélène Delavault gesagt. Sie war 1984 im Théâtre des Champs Elysées Jérôme Savarys erste Périchole (hier erfahren Sie alles dazu), damals gab es auch eine carrosse d'or auf der Bühne, das hätte Jean Renoir sicher gefallen. Auch Hélène Delavault war wie Elise Caron keine Opernsängerin, war aber mit ihrem Mezzo-Sopran eine formidable Périchole. Ihre CD La Républicaine mit den Liedern der französischen Revolution ist auch sehr interessant.

Der ehemalige Jazztrompeter Savary erlaubt sich viel mit Offenbachs Operette, die er spectacle musical d’après Jacques Offenbach nennt (Karl Kraus nannte die Operetten Offenbachiaden). Da singt der Straßensänger Piquillo (im ersten Akt im Elvis Kostüm) schon mal Love me tender, die Barcarolle erklingt, die Habanera aus Carmen auch. Jacques Offenbach hat einen kleinen Auftritt und hundert anderer kleine Gags. Das muss gestattet sein, wahrscheinlich würde Offenbach diese Slapstick Version sogar gefallen. Das alles ist eher auf der Ebene der London Theatre Group (lesen Sie mehr dazu in The Marriage of Figaro) als auf der Ebene des sinnentstellenden deutschen Regietheaters. Als Dieter Hallervorden letztens gefragt wurde Was haben Sie eigentlich gegen das moderne Regietheater? sagte er: Ich sehe keinen Sinn darin, Schillers “Räuber“ in SS-Uniformen zu spielen. Hamlet muss Ophelia auch nicht in der Sauna kennenlernen. Dies ist kein deutsches Regietheater, dies spectacle musical d’après Jacques Offenbach hat Stil und ist amüsant.

Leider ist die DVD schwer zu bekommen. Bei YouTube schreibt jemand in schönstem Pidgin English: Dear sir, this version is very high prices. Why is a version of collectors. There was no reprint. However, whenever this happens, pirated DVDs appear on e-Bay for sale (illegal copies) at good prices. I have a friend who wants to launch clandestine copies of this DVD on e-Bay. When it happens, I'll let you know! Ich würde da lieber den Händlern von Amazon France vertrauen. Leichter erhältlich sind natürlich CDs von Offenbachs Operette, da hat man die Qual der Wahl. Leider erwähnen Karl Löbl und Robert Werba in ihrem vorzüglichen Lexikon Opern auf Schallplatten die Operette nicht. Das tut leider auch der Good CD & DVD Guide der Zeitschrift Gramophone nicht.

Der Penguin Guide to Compact Discs lobt die Gesamtaufnahme mit Régine Crespin, die habe ich schon lange, ist aber nicht meine Lieblings CD. Weil ich kein Régine Crespin Fan bin. Was ich immer wieder gut hören kann, ist die Gesamtaufnahme mit Teresa Berganza. Ich mag die Aufnahme besonders, weil ich bei Amazon Marketplace drei Cent dafür bezahlt habe. Ungelogen. Es gibt seit einigen Jahren eine deutsche Aufnahme, Sie können hier eine Besprechung lesen. Ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, wenn man den französischen Text im Ohr hat. Die Überarbeitung des Textes stammt von Peter Ensikat, die politischen Spitzen, die das französische Orginal enthält, werden hier noch deutlicher. Vor allem, wenn der Chor Wir sind nicht das Volk singt. Wenn aus dem Ah ! Que les hommes sont bêtes ein Ach Gott, was sind die Männer dämlich wird, dann klingt das allerdings ein wenig nach Claire Waldoff. Solche Petitessen beiseite: was die Staatsoperette Dresden hier abliefert, ist eine Studioproduktion mit einem hervorragend eingespielten Klangbild.

Leider enthält das kleine Heftchen, das der CD (JPC hat das preiswerteste Angebot) beiliegt, nicht den Text von Ensikats Übersetzung. Um genauer zu sein: es gibt überhaupt keinen Text. Die beiden anderen von mir genannten Gesamtaufnahmen haben den vollständigen Librettotext. Savarys Péricole war übrigens im letzten Jahr noch bei der Opéra Comique Paris im Programm. Da sang Marie- Stéphane Bernard die Périchole, auch im grünen Kostüm, aber nicht ganz so freizügig wie Elise Caron.

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Freitag, 17. November 2017

Anna Feldhusen


Anna Feldhusen wurde heute vor 150 Jahren in Bremen geboren, man weiß leider nicht so viel über ihre Jugend. Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie (ihr Vater J.P. Feldhusen war Börsenmakler). Ihre Familie war sehr dagegen, dass die Tochter Malerin wurde. Aber die Tochter war von diesem Wunsch nicht abzubringen. Das ist anders als bei Friedrich Ahlers-Hestermann, der kam aus einer feinen Hamburger Kaufmannsfamilie, aber seine Familie ließ ihn letztendlich Kunst studieren, auch wenn man ihn gerne als Hamburger Kaufmann gesehen sähe. Anna Feldhusen sieht auf diesem Photo sehr vornehm aus.

Das Photo oben, das im Besitz der Overbeck Stiftung ist, könnte eine Frau in einer Kirche zeigen, die eine Bibel oder ein Gesangbuch hält. Aber sie hält einen Skizzenblock. Das wird sie sich bei der Photographie ausbedungen haben, Maler werden gerne mit dem gemalt oder photographiert, was auf ihr Handwerk hindeutet. Es war eine kleine Frechheit von Gilbert Stuart, seinen berühmten Malerkollegen Sir Joshua Reynolds nicht mit Pinsel und Palette, sondern mit seiner goldenen Schnupftabakdose zu malen. Auch wenn Anna Feldhusens Familie ihren Berufswunsch nicht billigt, es führt zu keinem Bruch mit den Eltern. Sie wird lange in deren Haus in der Ellhornstraße 15a wohnen bleiben.

Ex Libris Anna Feldhusen steht hier unter einer Landschaft, die uns Worpswede sagt. Aber da steht auch noch Allein, ich will, und das ist ein Programm für das Leben. Alles, was man über sie sagen kann, ist symbolisch hier dargestellt. Das Ex Libris ist eine Radierung, und die Druckgraphik wird den größten Teil ihres Werkes ausmachen. Sie war nicht nur in Worpswede, sie wirkte auch in der Künstlerkolonie Dachau, zu der sie in den Wintermonaten gerne zurückkehrte. Ihre Münchener Wohnung hat sie, wie ihr Bremer Atelier, immer behalten. In den Sommermonaten war sie in der Künstlerkolonie Dötlingen zu finden. In München hatte sie drei Jahre bei Lina Kempter, Max Dasio und Oskar Graf an der gerade gegründeten Damenakademie des Künstlerinnenvereins studiert, bevor sie Schülerin von Hans am Ende in Worpswede wurde.

Obgleich dieses Selbstportrait aus dem Jahre 1899 eine gewisse Meisterschaft verrät, erkannte Anna Feldhusen, dass ihre Stärke in Radierung und Aquatinta liegen würde. Das Selbstportrait ist ein Bild, das eine starke Frau zeigt: Allein, ich will. Wir sind in der Zeit, wo in der Literatur starke Frauen auftauchen. Wie die New Woman bei George Bernard Shaw, oder schon viel früher die Sara Videbeck in Carl Jonas Love Almqvists Roman Die Woche mit Sara. In einem Bild Stärke und Überlegenheit zu demonstrieren, ist ein symbolischer Akt. Doch für das Selbstverständnis der Malweiber, wie die Künstlerinnen despektierlich genannt werden, braucht es etwas mehr. Zum Beispiel den Zusammenhalt der Künstlerinnen in Netzwerken, und es braucht eine eine ökonomische Basis.

Anna Feldhusen trat 1902 dem Bremer Malerinnenverein bei, 1922 dem Bremer Künstlerbund und 1929 der GEDOK. Und sie macht etwas ganz erstaunliches: sie beantragt einen Gewerbeschein als Kunstmalerin. Den sie auch erhält. Und sie signiert ihre Bilder mit Bremische Malerin und Graphikerin. Sie wird Kalender, Zeitschriften und Lesebücher illustrieren. Viele Schulbücher enthalten ihre Worpsweder Landschaften, Birken und Moor und ihre Bremer Stadtansichten. Und auch im Bremer Gesangbuch von 1917 (in dem auch Zeichnungen von Vogeler sind) sind ihre Zeichnungen zu finden.

Sie zählt nicht zu den großen Namen der Worpsweder Malerinnen, in vielen Büchern über Worpswede wird ihr Name nicht genannt. Da wird immer Paula Becker-Modersohn genannt, manchmal auch ➱Hermine Overbeck. Man hat sie sehr spät wiederentdeckt. 1992 taucht sie in einer Ausstellung auf, die Hermine Overbeck-Rohte und den Bremer Malerinnen um 1900 gewidmet ist. Das war eine Ausstellung in der ➱Kito in Vegesack. 2003 findet sie sich in einer kleinen Ausstellung, die Bremer "Malweiber" um 1900: zwischen Tradition und Moderne heißt. Vielleicht gibt es ja noch einmal, in Dötlingen oder Worpswede, eine richtige Ausstellung für sie.





Donnerstag, 16. November 2017

Räuber


Am 16. November 1802 hat Friedrich Schiller sein Adelsdiplom erhalten und war fortan Friedrich von Schiller. Als ich jung war, hatte ich mit Schiller nichts im Sinn. Gar nichts. Ich besaß zwar die vierbändige Ausgabe, die Enzensberger herausgegeben hatte - die damals ein Skandal war, weil er die Glocke weggelassen hatte. Aber mit dem Schiller im Regal hörte es bei mir auch auf. Das einzige, das ich bis zum Abitur von Schiller wirklich gelesen hatte, war sein Buch über den Grafen Egmont und den Abfall der Niederlande.

Eine Werkausgabe ohne die Glocke? Ja, und warum nicht? Karoline Schlegel notierte damals in ihrem Tagebuch: Über ein Gedicht von Schiller "Das Lied von der Glocke" sind wir gestern mittag fast von den Stühlen gefallen vor Lachen. Bei der Glocke habe ich nur eine simple Assoziation: es war ein Fehler, bei dem Auftritt des sächsischen Staatsschauspielers Horst Bogislaw von Smelding in der ersten Reihe in der Aula des Gymnasiums zu sitzen. Er spuckte. Besonders bei der Glocke.

Aber das hier, das war einfach geil. Nicht weil Zadek damals ➱Die Räuber inszeniert hatte, sondern weil Wilfried Minks das Bühnenbild gemacht hatte. Zadek wäre nichts ohne Minks gewesen, aber er hat ihn in seiner Autobiographie heruntergemacht. Er hat auch Judy Winters, mit der er zusammenlebte, als sie noch keine 18 war, heruntergemacht. Zadek war ein wenig wie Trump, für ihn gab es nur sich selbst.

Seine Räuber haben nicht nur das Bremer Publikum verstört und aus dem Theater vertrieben, sie haben Theatergeschichte gemacht: Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Thüre. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht! Das hätte eine Rezension zu Zadeks Räubern sein können, ist es aber nicht. Das schrieb ein Zeitgenosse über die Premiere im Mannheimer Nationaltheater am 13. Januar 1782. Da brauchte man keinen Zadek und keinen Minks, Schillers Stück besaß genügend revolutionäres Potential.

Meine Eltern, die ein Theaterabo hatten, mochten das, was Kurt Hübner seine jungen wilden Regisseure inszenieren ließ, nicht so sehr. Und so saß ich häufig in der ersten Reihe des Bremer Theaters. Was im Falle von Hamlet geradezu lebensgefährlich war (lesen Sie mehr in Richard Lester). Die revolutionäre Zeit des Bremer Theaters, die Bremer Stillosigkeit (Hübner) war nach zehn Jahren zuende. Da bekam Hübner seinen Vertrag nicht mehr verlängert und ➱Peter Stein, dessen ➱Torquato Tasso Furore gemacht hatte, nahm die halbe Truppe nach Berlin mit.

Noch mehr Zadek und Bremer Theater in den Posts Richard Lester, Rickie Lee Jones, Nicolas Freeling, Gisela von Stoltzenberg, Wolle, Flimm ist schlimm, Nico.