Freitag, 31. August 2018

Photographieren


So sah der Anfang der Vegesacker Strandstraße in den fünfziger Jahren aus. Da ist die Lotsenstation, auf deren Bällen auch der Wasserstand angezeigt wurde. Im Hintergrund der Bremer Vulkan, auf der anderen Weserseite die Werft von Lürssen. Die Strandstraße wurde von Bäumen gesäumt, links von den Bäumen war der Strand. Man kann auf Schwarzweißbildern viel sehen. Viele Kunsthistoriker ziehen reprofähige Schwarzweißbilder einem Farbbild vor: man erkennt in Details mehr darauf. Dieses Photo wurde mit einem Gelbfilter gemacht, man erkennt das an den schön konturierten plastischen Wolken. Das ist alles dahin, den Strand gibt es nicht mehr, da ist heute eine Spundwand. Und auch die schöne Schwarzweiß Photographie der fünfziger Jahre, als die Magnum Photographen die Szene beherrschten, sieht man heute kaum noch.

Die fünfziger Jahre waren die große Zeit der Photographie. Photoapparate stratifizieren die Gesellschaft der Adenauerzeit genau so wie die Automobile: Wenn man eine Leica (oder einen Mercedes-Benz) hat, ist man oben. Viele der Eltern haben die neuesten Kameras (wie zum Beispiel eine Minox) nur als Statussymbol, die photographieren nicht wirklich. Die Photographie ist für mich und meine Freunde ein wichtiger Teil unseres Lebens, wir haben unsere Photo-Bibel, den millionenfach verbreiteten Photo Porst-Katalog (in dem alle Photoapparate liebevoll detailliert beschrieben sind), schon beinahe auswendig gelernt. Und man darf ja davon träumen, eines Tages eine Contax zu besitzen oder eine Robot Royal III mit Schnellaufzug.

Wir kennen auch die Vor- und Nachteile aller Objektive. Namen wie Steinheil Cassar, Color Skopar, Schneider Xenon und Summicron (Bild) gehen uns ganz locker von der Zunge. Einzelne Hefte der Photozeitschrift Magnum sind wohlgehütete Schätze. Wir haben Photo Lehrgänge in der Volkshochschule besucht und haben alle ein kleines Photolabor im Keller oder auf dem Boden. Ich entwickle da noch nebenbei die Röntgenfilme für meinen Vater, wenn er es nicht lieber selbst macht, er ist solch ein Perfektionist.

Ich habe ein Liesegang Vergrößerungsgerät (Bild). Ekke, der sein Labor in der Waschküche hat, hat ein teureres Vergrößerungsgerät mit einem besseren Objektiv. Manche von uns experimentieren jetzt auch schon mit der Farbphotographie, aber ich bleibe bei Schwarzweiß. Da kann man Entwickler und Photopapier (in der Gradation extra hart) ja noch bezahlen. Und für schwierige Sachen, die mein Liesegang nicht hinkriegt, gibt es ja noch das Photolabor im Gemeindehaus. Das hat eine vorzügliche Ausstattung. Wenn man einen Film entwickelt (Namen wie Tetenal, Atomal und Neofin blau muss man jetzt kennen) und Abzüge und Vergrößerungen gemacht hat, muss man noch ein paar Stunden draufrechnen, bis die Photos fixiert, gewässert und getrocknet sind. Das ist eine einsame Arbeit unten im Keller in dem kleinen Rotlichtkabuff. Natürlich haben die Geräte noch keine Belichtungsautomatik, das wird frei nach Schnauze gemacht. Erfahrung ist besser als Belichtungsautomatik. Und natürlich gibt es nur coole randlose Hochglanzbilder. Nicht diesen Chamois Kitsch mit Büttenrand, den die Photogeschäfte liefern.

Wir Hobbyphotographen haben mit von den Eltern geliehenen 6x9 Kameras angefangen (mit einer Box oder einer billigen Agfa Isola, die kostet damals neun Mark neunzig). Jetzt beginnen wir mit der Kleinbildkamera. Peter besitzt irgendwann eine Spiegelreflex, um die ich ihn beneide. Ekke würde ja gerne mit einer der Leicas seines Vaters photographieren, aber der gibt die nicht aus der Hand. Dafür hat Ekke dann eines Tages eine 6x6 Rollei. Gert sogar eine geerbte alte Leica.

Wir schleppen unsere Photopparate bei allen Spaziergängen mit uns herum, photographieren uns an der Weser entlang, durch den Bremer Hafen, photographieren die Weserbrücken in Bremen, Stapelläufe beim Bremer Vulkan (Bild oben) und das Gewirr der Vulkan Kräne in Lobbendorf, die Heringslogger an der Lesummündung (hier von Hans Saebens photographiert) und hochpolierte Mahagoniheckspiegel von Luxusyachten bei Abeking und Rasmussen, neblige Lesumdeiche und die Bäume in Knoops Park. Photographieren die kalte klassizistische Schönheit von Polzins Vegesacker Kirche und die kleinen verlassenen Kirchen mit den alten Grabsteinen hinter dem Deich auf der anderen Weserseite. Photographieren den stillen Eggestedter Wald von den Kiesgruben bis zum Silbersee, den Farger U-Boot Bunker, Fähranleger und immer wieder die Schiffe, die die Weser heraufkommen.

Meine Kleinbildkamera heißt ab 1959 Werra. Das ist ein guter Name für einen Bremer, denn eigentlich ist das der alte Name für Weser, wirra findet sich noch auf mittelalterlichen Urkunden. Diese Werra ist mit grünem Kunstleder überzogen (synthetischer Kautschuk aus den Buna Werken), die gleiche Farbe wie die Uniformen der NVA. Oder die der Ledersitze der Reichsbahn in der 1. Klasse der DDR Eisenbahn. Einfach nur gräsig. Ich habe sie nur wegen des Objektivs gekauft: des Zeiss Tessar mit der Lichtstärke 1:2,8, von Photoamateuren das Adlerauge genannt. Zeichnet die Welt schärfer als alle anderen Objektive.

Leider kann man damit nicht die Effekte erreichen, dass man Vorder- oder Hintergrund unscharf zeichnet, wie es die Magnum Photographen machen. Wie zum Beispiel bei diesem berühmten Portrait Sartres von Henri Cartier-Bresson. Das Tessar zeichnet alles scharf. Meine DDR-Werra ist offiziell bei der Drogerie Tüscher in der Breiten Straße gekauft, mit Importurkunde, nicht aus der DDR herausgeschmuggelt. Später werde ich entdecken, dass sie bei dem Quelle Shop in Bremen für 99 Mark verkauft wird, dreißig Mark weniger, als ich bezahlt habe.

Die halbe deutsche feinmechanische Industrie sitzt in der Sowjetischen Besatzungszone, DDR darf man nicht sagen, verkündet Axel Springers Bild Zeitung, weil man dadurch den Unrechtstaat anerkennen würde. Ob es Carl Zeiss in Jena ist oder Ihagee Exakta (wie sie James Stewart in Hitchcocks Rear Window benutzt) in Dresden, sie bauen hervorragende Apparate. Und sie haben schon Spiegelreflexkameras auf dem Markt, als der Westen nur die Zeiss Ikon Contaflex bieten kann. Bei der kostet das Modell mit dem Tessar fünfmal soviel wie meine Werra. Da die DDR Währung nichts wert ist, sind die DDR Spiegelreflexkameras, wenn illegal erworben, spottbillig. Die DDR Grenztruppen kontrollieren bei Ein- und Ausreise nur Photoapparate. Sie sind alle aus Sachsen. Ihre Sätze, die mit Gänsefleisch anfangen, sind berühmt. Gänsefleisch soll eigentlich Können Sie vielleicht heißen, wie in Gänsefleisch mal den Kofferraum aufmachen? Meine Werra besitzt ein Zertifikat des DDR Außenhandelsministeriums, was bei Grenzschützern automatisch gute Laune und Wohlwollen auslöst. War es von Günter Mittag oder Alexander Schalck-Golodkowski unterschrieben? Ich weiß es nicht mehr, ich weiß nur noch, dass es mir bei unzähligen Berlinreisen zwischen 1958 und 1963 eine Art carte blanche für einen reibungslosen Grenzübertritt bescherte.

Eltern photographieren auch, Beweise für durchgeführte Reisen und Hobbies. Es ist die Wirtschaftswunderzeit, man will zeigen, was man hat. Wir gucken uns alles an, was die Eltern photographieren, aber meistens artet das in Diaabende aus (eine furchtbare Erfindung der fünfziger Jahre), bei denen man oh und ahh sagen muß. Da kann man im Halbdunkel Salzstangen knabbern, bis einem schlecht wird, photographisch kann man da nicht viel lernen. Ich werde auch nie mit einem Diafilm photographieren, und es gibt bei uns zuhause auch keinen Diaprojektor. Historisch interessant sind auch die alten braunen Bilder, die Dirk Havighorsts Vater sammelt. Der Werftbesitzer in der x-ten Generation trägt alles über das alte Blumenthal und die Blumenthaler Werften zusammen. Vor fünfzig Jahren ist das noch ein bisschen spleenig, heute sind Historiker dafür dankbar. Teile seiner Sammlung sind auch später im Heinrich Döll Verlag erschienen.

Irgendwann wird Hans Saebens mein Vorbild. Der Bremer, der ein Haus in Worpswede am Weg zum Weyerberg hatte, hatte als Landschaftsmaler begonnen und war dann zu Photographie gekommen. Beinahe immer mit seiner Leica, die er sich 1930 gekauft hatte, kaum dass die Kamera auf dem Markt war. Es gelingt ihm, das Charakteristische der norddeutschen Tiefebene in dramatischen, stimmungsvollen Aufnahmen festzuhalten. Das weite Land und die mächtigen Wolkenzusammenballungen werden in deutlich voneinander abgegrenzten hellen und dunklen Bildzonen festgehalten. 

Vor allem seine späten Aufnahmen sind durch Sparsamkeit der Ausdrucksmittel und strenge Komposition gekennzeichnet, schrieb Helmut Brandt, der die Ausstellung Hans Saebens Photographien 1930–1969 in der Landesbildstelle Bremen organisiert hat. Es ist erstaunlich, was Saebens (mit viel Gelbfilter) aus dem Kleinbildfilm der Leica herausholt. Andere Photographen verwenden für Landschaftsaufnahmen eine Großbildkamera. Denn natürlich hat Ansel Adams Moonrise. Hernandez, New Mexico mit einer Großbildkamera gemacht.

Selbstverständlich machen wir auch Urlaubsphotos, und bei den Freizeiten der Evangelischen Jugend wird photographiert, dass man die Bilder schon nicht mehr zählen kann. Wird jetzt alles im Gemeindehaus entwickelt und vergrößert. Wir machen auch Familienphotos, auf jeden Fall die Sorte von Bildern, für die man nicht zu dem Vegesacker Photographen Erich Maack geschickt wird. Und stundenlang still sitzen muß, obgleich irgendetwas immer kneift und juckt.

Aber dafür haben diese Photos dann auch eine Art Ewigkeitswert, weil sie von einem Berufsphotographen sind, und sie kommen dann in einen Silberrahmen. Oder hängen gerahmt im Wohnzimmer, wie das Farbbild von Mammi im Abendkleid mit der Fuchsschwanzstola um die Schultern. Erich Maacks Tochter Annegret, mit der ich in der Volksschule war, hat mir damals als Geheimnis anvertraut, dass ihr Vater gar keine Farbphotos machte. Die milchig pastelligen Farben auf Mammis Portrait sind nachkoloriert. Das habe ich Mammi aber nie erzählt, und ich habe das große Geheimnis der kleinen Photographentochter, die so schön You are my sunshine sang, fünfundsechzig Jahre lang stillschweigend bewahrt. Bis jetzt.

Solche steifen Portraits und Gruppenaufnahmen wie Erich Maack sie macht, zieren auch unsere Photoalben, in denen hundert Jahre Familienleben dokumentiert ist. Die Aufnahmen, zum Teil auf steifem Karton, manche mit eingeprägtem Namen des Photographen, haben sich in der Dunkelheit des Photoalbums erstaunlich gut gehalten. Das älteste Bild, Mammis Urgroßmutter aus Epe (was heute Bramsche ist), ist irgendwann einmal von einer Daguerretypie umkopiert worden. Die Verwandtschaft mütterlicherseits ist bis zum Jahre 1900 zurück ziemlich vollständig. Vatis Vorfahren sind unterrepräsentiert, was wohl daran liegt, dass diese Photoalben mit dem Haus in Bremen abgebrannt sind.

Oma Johanna mit ihren schönen Schwestern und deren Männern ist auf vielen Bildern. Die Damen elegant, selbstbewusst, eine nachdenklich. Oma und Tante Margret etwas träumerisch. Die Herren bürgerlich gesetzt mit Stehkragen und Uhrenkette über der Weste. Dann der erste in Uniform, mit Pickelhaube, Mantel und Säbel. Und dem Schnurrbart vom Typ es ist erreicht, er könnte für einen Doppelgänger vom Kaiser durchgehen (die Photographie wurde von einem M. Hoffmann in Oldenburg, Heiligengeiststrasse 2 gemacht). Vom Kaiser ist auch ein ein Photo auf diesen Seiten, eine Postkarte Das Kaiserpaar mit seinen Enkelkindern mit der Adresse eines Berliner Hof-Photographen. Der Kaiser trägt natürlich Uniform, und das tun alle abgebildeten Herren auf den nächsten Seiten auch. Es ist Krieg. Gleich das erste Photo zeigt Opa und Oma mit dem kleinen Gustav (natürlich im Matrosenanzug), Opa hält seinen Offizierssäbel in der linken Hand, im Knopfloch ist das schwarzweißrote Band vom Eisernen Kreuz. Er guckt etwas griesgrämig, während Oma wirklich nett lächelt.

Neben den Familienphotos und den Passphotos, für die Maack ein Monopol hat (bis Foto Hallfeldt kommt), hat Erich Maack ein zweites Standbein: er photographiert alle Neubauten der Großwerft Bremer Vulkan. 1932, als sein Vater gerade den Laden in der Gerhard Rohlfs Straße von dem Photographen Gustav Dähn gekauft hatte, lernte der 18-jährige Erich Maack den Vulkandirektor Robert Kabelac kennen. Von da an ist er der Photograph des Vulkan bis zu dessen traurigem Ende. Die Photographien werden heute im Bremer Staatsarchiv aufbewahrt. Hier hat Maack die Festlichkeiten zur 150 Jahrfeier der Werft photographiert, in der ersten Reihe sehen wir Wilhelm Kaisen, den Baron H. H. Thyssen-Bornemisza, Werftdirektoor Kabelac, und Prinz Luis Ferdinand von Preußen ist auch irgendwo mit drauf.

Man kann von Erich Maacks Industriephotographien viel lernen, die er manchmal in den Schaufenstern seines Ladens ausstellte. Durchkomponierte Aufnahmen in Schwarzweiß, mit einer Plattenkamera (oder einer Linhof Technika) aufgenommen. Mit starkem Gelbfilter für Himmel und Wolken, die Prag oben wäre ein Beispiel dafür. Das Ehepaar Bernd und Hilla Becher hat es geschafft, dass seine Photos von Schornsteinen im Kohlenpott als Kunst angesehen werden. Das hat Erich Maack mit seinen Schiffsbildern nicht geschafft, vielleicht kommt das ja noch.

Es werden heute immer noch aus In- und Ausland alte Photos aus der Sammlung nachbestellt, die Fritz Maack mit Haus und Laden von seinem Vorgänger Gustav Dähn gekauft hatte. Dähn war als Photograph nicht unbekannt, dieses Photo aus dem Jahre 1927 des von Ernst Becker-Sassenhof gebauten Hauses für den Vegesacker Ruderverein ist ein beinahe schon ikonisches Bild der Neuen Baukunst geworden. Es findet sich auch im Katalog der Oldenburger Ausstellung Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch.

Nicht immer war bei Maacks Photographie für den Vulkan ein Kunstwollen zu erkennen, manches musste nur schnell gehen: Wir fotografierten jede Phase der Schiffstaufe und des Stapellaufs, dann wurden die Bilder in höchster Eile mit Hilfe von Zusatzkräften entwickelt und Abzüge hergestellt. Da hieß es Tempo. Wenn nämlich die Taufgesellschaft abends in der Strandlust tafelte, hatte neben jedem Gedeck eine Fotomappe der ganzen Zeremonie zu liegen, erinnert sich Dieter Maack, der das Geschäft 1992 übernahm.

Er wird wohl keinen Nachfolger finden. Photoläden gehen ein wie Buchläden. Heute wird mit dem Handy oder einer Digitalkamera photographiert, meine Welt ist das nicht. Braucht es auch nicht zu sein.


Noch mehr Photographie in den Posts: Ludwigslust, Werra, Wuddel, Zeiss, Photoalbum, Zahlenspielereien

Dienstag, 28. August 2018

Buchgespenster


Martin Mader, der Besitzer der Buchandlung Otto und Sohn in meinem Heimatort Vegesack, hat ein Gespenst im Laden. Es heißt Booky und ist das weltweit einzige Buchgespenst. Sie können es hier auf YouTube sehen. Booky soll Kinder zum Lesen bringen, und das mit den vier Booky und Martin Filmchen ist natürlich geschickt gemacht: ein Anreiz zum Lesen für Kinder und eine Werbung für die 90 Jahre alte Buchhandlung.

Es muss etwas geschehen, fast jeder fünfte Viertklässler kann nicht lesen, das ist seit Jahren schon so, und es wird nicht besser. Deutschland liegt interntional irgendwo im Mittelfeld. Ein Volk der Dichter und der Denker sind wir auf keinen Fall mehr, wenn wir das je waren. Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie hat gerade eine Hamburger Erklärung initiiert, in der Hoffnung, dass etwas besser wird. Am 20. September, dem Weltkindertag, sollen die gesammelten Unterschriften den Kultusministern der Länder übergeben werden.

Was soll werden, wenn die Lesefähigkeit sinkt und sinkt? Mit einem Smartphone oder einem Tablet können auch schon Kinder umgehen, mit einem Roman nicht. Und wenn sie der bunten Glitzerwelt der tausend Apps verfallen, verpassen sie das Schönste im Leben: Das Schönste, was wir gelesen haben, verdanken wir meistens einem uns teuren Menschen. Und mit einem uns teueren Menschen werden wir zuerst über die Lektüre sprechen. Vielleicht eben weil das Charakteristische des Gefühls – wie des Wunsches zu lesen – darin besteht, vorzuziehen. Lieben heißt letztendlich, denen, die wir vorziehen, das zu schenken, was wir vorziehen. Und dieses Teilen macht die Zitadelle unserer Freiheit aus.

Das ist nicht von mir, das ist von dem Franzosen Daniel Pennac, steht in seinem Buch Wie ein Roman. Friedhard hatte es mir geliehen, aber ich habe es mir sofort gekauft, kaum dass ich es zuende gelesen hatte. Es ist ein schönes Buch, das dem Leser auch Rechte zugesteht: 1. Das Recht, nicht zu lesen. 2. Das Recht, Seiten zu überblättern. 3. Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen. 4. Das Recht, noch einmal zu lesen. 5. Das Recht, irgendwas zu lesen. 6. Das Recht auf Bovarysmus [dh den Roman als das Leben zu sehen]. 7. Das Recht, überall zu lesen 8. Das Recht herumzuschmökern. 9. Das Recht, laut zu lesen. 10. Das Recht zu schweigen. Das ist wichtig: Das Schweigen ist der Garant für unser intimes Verhältnis zum Buch. Es ist ausgelesen, aber wir sind noch drin. Das bloße Zurückdenken daran ist eine Ausflucht für unsere Ausflüchte. Es bewahrt uns vor der großen Außenwelt. Es bietet uns eine Beobachtungswarte weit oberhalb der zufälligen Szenerien. Wir haben gelesen und wir schweigen. Wir schweigen, weil wir gelesen haben.

Martin Mader hat es geschafft, sich mit seiner Buchhandlung nicht nach unten ziehen zu lassen, dahin, wohin der kleine Ort Vegesack tendiert. Mader hat keine Konkurrenz mehr, Doris Otto hat die von ihrem Mann 1955 gegründete Buchhandlung Conrad Claus Otto vor wenigen Jahren geschlossen. Sie hatte ihren Mann bei den Proben zu Hindemiths Oper Die Harmonie der Welt kennengelernt (lesen Sie hier mehr dazu) und nach seinem Tod 2007 die Buchhandlung allein weitergeführt. Ich habe der kleinen avantgardistischen Buchhandlung schon in dem Post Catch-22 ein kleines Denkmal gesetzt. Buchhandlungen vor dem Aus, Kettenläden und Amazon geben den Ton an. In den Antiquariaten ist es nicht anders. Früher war die halbe Uni bei Eschenburg zu finden, heute scheint an der Uni niemand mehr zu lesen.

Schulen werden mit Computern ausgestattet, angeblich kann man heute nur noch mit Computern lernen. Man kann das ohne Computer. Wichtiger wäre es, Schulbibliotheken aufzubauen. Lehrerbibliotheken gibt es meist, meine Schule hatte eine eindrucksvolle Sammlung der deutschen Literatur, die ich benutzen durfte. Unser Deutschlehrer Pedro Ziegert brachte uns in der Mittelstufe dazu, eine Klassenbibliothek aufzubauen. Zu der ich damals Alain-Fourniers Der große Kamerad beisteuerte. Wer liest dieses schöne Buch heute noch?

Auf dem IPhone von Apple kann man Books anklicken, aber das tun wir nicht. Wir wollen richtige Bücher in der Hand halten. Das einzige bunte Feld, das wir benutzen, ist unten links das grüne Feld mit dem weißen Telephon darin. Damit kann man telephonieren, für mehr brauchen wir ein Smartphone nicht. Ich klicke auf kein anderes Symbol. Für die Situation, die die Hamburger Erklärung beklagt, weiß ich auch keine Lösung, man kann das Lesen nicht befehlen: Das Verb "lesen" duldet keinen Imperativ. Eine Abneigung, die es mit ein paar anderen teilt: dem Verb "lieben", dem Verb "träumen"... Man kann es natürlich trotzdem versuchen. Probieren Sie es mal: "Liebe mich!" "Träume!" "Lies! Jetzt lies doch, zum Teufel, ich befehle dir zu lesen!" "Geh in dein Zimmer und lies!" Ergebnis? Null. Er ist über seinem Buch eingeschlafen. So beginnt Daniel Pennac sein Buch über das Lesen.

Wenn man lesen kann, dann sollte man das auch tun, man kann seine Lesefähigkeit ständig verbessern. Und das tut man nur mit dem Lesen. Immer wieder. Bücher lesen heißt, wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben, über die Sterne, hat Jean Paul gesagt. Und er hat ja so recht. Und wenn uns das nicht genügt, dann kann ich noch Proust zitieren: Vielleicht haben wir von allen Kindheitstagen diejenigen am intensivsten durchlebt, von denen wir glaubten, wir hätten sie nutzlos vertan: die nämlich, die wir mit der Lektüre eines Lieblingsbuches verbrachten.


Samstag, 25. August 2018

Hallöchen


Wenn ein Zwerg mit einem Riesenschnauzer Hallöchen sagt und dann ein dann bin ich der Horst folgen läßt, dann sind wir in der beliebtesten Sendung des ZDF. Wird immer gesendet, nachmittags, abends. Sonnabends auch. Ein Freund von mir hatte diese Sendung noch nie gesehen. Ich schickte ihm eine Folge (YouTube schwappt über mit solchen Folgen) und bekam folgende Mail: Das "Bares für Lichter" Stückchen hat mich doch mal wieder erschreckt. Triumph des Prolligen, Schwatzhaften, der Inkompetenz. Einfach grauenhaft, obendrein dann noch der schnauzbärtige Dummbeutel mit dieser pseudokumpeligen Zwangsduzerei. Dafür zahlen wir Gebühren. An dieser Stelle könnten wir aufhören, aber ich mache noch ein wenig weiter.

Bares für Rares hat qualitativ nichts zu tun mit einer seriösen Sendung wie Kunst + Krempel oder mit der Mutter all solcher Sendungen, der Antiques Roadshow der BBC. Wirklich Rares ist hier selten, vieles ist besserer Hausmüll. Nichts, wo man ausrufen möchte A thing of beauty is a joy forever. Häufig werden die Verkäufer von den Händlern über den Tisch gezogen und verkaufen ihre Stücke weit unter dem Schätzpreis. Schauen wir uns doch einmal so etwas an (⇨YouTube). Da kommt eine Frau mit einer goldenen Omega Constellation, einem Erbstück, das sie verkaufen möchte, um sich endlich eine Waschmaschine zu kaufen. An dieser Stelle lesen Sie vielleicht einmal den Post Constellation de Luxe, dann wissen Sie alles über dieses gesuchte Omega Modell. Sammler sind ganz scharf auf die frühen Connies mit dem pie pan Zifferblatt. Diese Modelle in einem schweren 18-karätigen wasserdichten Goldgehäuse können bei Auktionen Preise von 3.000 bis 4.000 Euro erzielen.

Zusammen mit Horst Lichter lernen die Verkäufer jetzt einen Experten kennen. In unserem Beispiel ist das Sven Deutschmanek (links). Im Gegensatz zu wirklichen Experten wie Dr Heide Rezepa-Zabel und Albert Meier ist Deutschmanek nicht für richtige Kunstgegenstände zuständig. Er darf Steiff Tiere, Schuco Blechspielautos und Mopeds bewerten, da ist er in seinem Element. Heute darf er eine Omega Constellation begutachten, er hat alles, was er sagt, schön auswendig gelernt. Sie zweifeln an diesem Satz? Hier ist nichts wirklich spontan, die Experten haben alles zuvor in der Hand gehabt. Und die Verkäufer, die es bis zu den Experten schaffen, haben Anreise und Übernachtung von ZDF bezahlt bekommen.

Unser Experte zeigt uns nicht das Uhrwerk der Constellation. Das ist ja nun das, was man eigentlich sehen will. Sammler sammeln Uhren wegen des tickenden Teufelsherzen innendrin. Nicht, weil die Uhr wie die goldene Omega noch ein Originalband aus den 50er Jahren besitzt. Das scheint Horst Lichters Händler brennend zu interessieren, einen Sammler, der die Uhr tragen will, interessiert das kaum. Ich hätte da noch ein Beispiel. Letztens kam eine goldene Taschenuhr, die Huber Urania signiert war, zum Verkauf. Unter diesem Markennamen bot Andreas Huber Präzisionsuhren an, die in den 30er Jahren häufig Werke von Helvetia und der IWC hatten (bei rechteckigen Uhren auch ein Raumnutzwerk). Diese Uhr hatte ein IWC Werk, das die Expertin Wendela Horz als typisches IWC Werk kennzeichnete.

Und das war es eben nicht. Es war die Qualität extra mit Schwanenhalsfeinregulierung und dreifach verschraubtem Kron- und Sperrad. Der Vierkant vom Sperrad deutet darauf hin, dass das Federhaus eine Malteserkreuzstellung (Bild) enthält. Die Uhren der Qualität extra wurden übrigens im Observatorium Neuchatel einer Chronometerprüfung unterzogen. Von dem typischen IWC Werk kann man hier nicht reden.

Das Hesalitglas der Omega ist verkratzt, das kann man polieren. Ist in zwei Minuten fertig, kostet keine 40 bis 50 Euro, von denen der Horst redet. Kratzer vom Saphirglas kann man nicht entfernen, sagt der Sven. Wie allerdings bekommt man Kratzer auf ein Saphirglas? Ist sehr schwer. Aber auch hier kann man mit Diamantpaste polieren. Wir entlassen nun unsere Verkäuferin zu den Händlern. Vorher darf sie, wie alle in dieser Sendung, noch aufsagen, wie glücklich sie ist, die Händlerkarte zu haben. Wenn die Dame, die gerne ihre goldene Constellation gegen eine Waschmaschine tauschen möchte, in den Händlerraum kommt, wird es wirklich komisch. Fabian Kahl (Bild) bezeichnet das Exponat als Einsteigermarke für Uhrensammler. Einsteigermarke? Junghans ist eine Einsteigermarke, aber nicht Omega. Das hier ist das Beste, das Omega in den 50er und 60er Jahren gebaut hat. Hiermit haben sie, vor allem, als sie die 550er Kaliber hatten, Rolex als größten Chronometerfabrikanten der Schweiz weggefegt.

Noch nicht genug der Tollerei. Nun diskutiert man allen Ernstes, ob es eine Automatik oder eine Handaufzugsuhr ist. Man einigt sich auf Handaufzug, obgleich das Wort Automatic groß auf dem Zifferblatt steht, und es die Constellation damals nur als Automatik gab. Am Ende geht die Constellation für 200 Euro unter dem schon niedrigen Schätzwert weg, die Frau, deren Waschmaschine seit drei Jahren kaputt ist, kann sich jetzt eine neue kaufen. Und dann kommt der nächste, zu dem der Horst Hallöchen sagt. Und so geht das immer weiter. Wäre das hier ein Privatsender, man würde kein böses Wort sagen. Aber dies ist ein öffentlich-rechtlicher Sender, der zur Information, Bildung, Beratung, Kultur und Unterhaltung einen Beitrag zur Sicherung der Meinungsvielfalt und somit zur öffentlichen Meinungsbildung leisten soll. Ist das hier Unterhaltung? Oder doch Kultur?

Mittwoch, 22. August 2018

Zuwanderung


Nee, nicht was Sie denken. Es geht hier um Zuwanderungströme von Lesern, die von einem Blog zum anderen wandern. Ströme ist vielleicht das falsche Wort, es sind eher Rinnsale. Bei der Hitze im Sommer liest doch niemand einen Blog. Außer den vielen Hundert, die von jennifernathalie herübergewandert sind. Ich weiß nicht, ob Sie diesen Blog kennen. Bisher wanderten ständig Leser von den Blogs Le Penseur und Zettels Raum zu mir, das bin ich gewohnt. Bei denen stehe ich auf der Blogroll, und da werde ich manchmal zur Lektüre empfohlen. Aber in den letzten Wochen ist etwas Erstaunliches geschehen, und das sind diese Leser, die aus dem Politblog von Jennifer Nathalie Pyka gekommen sind.

Zu der Bloggerin gibt es schon einen eigenen Blog, der das-frollein-djaehniffer heißt, und der nicht nett mit der nett aussehenden Frau Pyka umgeht. Die Kommentare auf ihrer Seite sind auch nicht nett, um es zurückhaltend zu sagen. Beleidigungen, Schmähungen, Kränkungen, Verleumdungen - dies ist die unschöne Seite des Internets. Beleidigung mit Beleidigungen zu vergelten ist die Art des Pöbels, soll Friedrich der Große gesagt haben. Allerdings ist das Ganze nichts Spezifizisches für das Internet, so etwas hat es immer schon gegeben. Man denke nur an die Londoner Grub Street, über die Ned Ward 1698 schreibt: The condition of an Author, is much like that of a Strumpet, ... and if the Reason be requir'd, Why we betake our selves to so Scandalous a Profession as Whoring or Pamphleteering, the same exusive Answer will serve us both, viz. That the unhappy circumstances of a Narrow Fortune, hath forc'd us to do that for our Subsistence, which we are much asham'd of.

Na ja, die schämten sich wenigstes. Das tut Frau Pyka offensichtlich nicht. Aber vielleicht ist diese Frau Pyka nur ein gigantischer Fake, das ist nicht auszuschließen. Ich weiß nicht, was Frau Pyka in ihrem Blog über mich gesagt hat, damit so viele ihrer Leser zu mir gewandert sind, da müsste ich jetzt ihre Posts lesen. Aber das kriege ich nicht hin, da lese ich lieber Pascals Pensées.

Und da wir gerade von Leserzahlen reden: schauen Sie doch mal unten auf die Seite, da rückt eine beeindruckende Zahl von Lesern näher und näher. Als ich 2010 anfing, das Internet vollzuschreiben, wusste ich noch nicht, wohin die Reise gehen würde. Jetzt mag man mich. Weltweit. Da kann ich Günter Eich übertreffen, der einst dichtete:

In Saloniki weiß ich einen
der mich liest
Und in Bad Nauheim.
Das sind schon zwei.


Was wäre aus all den Dichtern geworden, die verzweifelten, weil sie niemand liest, hätten sie das Internet gehabt? Der arme Chatterton hätte keinen Selbstmord zu begehen brauchen, hätte er einen Blog gehabt. Wahrscheinlich hat Frau Pyka im Monat mehr Leser als Thomas Chatterton in seinem Leben. Das ist ein trauriger Gedanke.

Sonntag, 19. August 2018

Pascals Omnibus


Als mein Blog SILVAE zum erstenmal bei Wikipedia erwähnt wurde, wusste ich nicht so recht, ob ich mich geschmeichelt fühlen sollte. Sie wissen, dass ich erhebliche Vorbehalte gegen dies Online Lexikon habe. Andererseits bin jederzeit bereit, einen guten Wikipedia Artikel zu loben. Erstaunlicherweise findet sich mein Name in dem Artikel zu Krieg und Frieden, das ehrt einen denn doch schon, dass der Post zu Tolstois Roman so viel Beachtung gefunden hatte.

Dann gibt es da noch den Wikipedia Artikel zu Richard Parkes Bonington, in dem mein Post zu dem Maler auch zitiert wird. Und und und. Aber überrascht war ich, dass mein Blog zusammen mit Blaise Pascal erwähnt wird. Der Philosoph, Theologe, Mathematiker und Erfinder ist am 19. August 1662 in Paris gestorben. Er kam in meiner ersten Woche als Blogger einmal am Rande vor, als ich über den Film Ma nuit chez Maud schrieb. Da heißt es: 'Ma nuit chez Maud' war 1969 bei Kritik und Publikum ein großer Erfolg. Das ist einigermaßen erstaunlich, denn es gibt wenige Filme, die so wenig Handlung haben und in denen so viel über Pascal diskutiert wird. Ich habe den Film beim ersten Sehen nicht verstanden, aber ich verstehe auch Pascal nicht. Obgleich ich die Pensées einmal gelesen habe. Wenn Sie sich Pascal nähern wollen, kann das Vorwort von T.S. Eliot zur englischen Ausgabe der Pensées eine Hilfe sein.

Doch Pascal hat nicht nur die Pensées geschrieben, wir verdanken ihm noch mehr. Nämlich den Omnibus. Und da wird in dem Wikipedia Artikel Carrosses à cinq sols doch tatsächlich der Post Omnibus aus SILVAE zitiert. Schnell durch Paris zu kommen, war die Idee die Pascal hatte. Denn der Philosoph wußte: Le mouvement fait partie de notre nature. La tranquillité absolue est la mort. Pascal und ich, vereint bei Wikipedia. Vielleicht sollte ich die Pensées doch mal aus dem Regal holen.

Donnerstag, 16. August 2018

Willam Daniells Orient


Er war schon einmal in diesem ➱Blog, und damals schrieb ich: Vielleicht komme ich ja noch einmal dazu, auch über ihn zu schreiben. Meistens komme ich ja nicht dazu. Ich stellte damals William Daniell zusammen mit John Constable vor, und es erscheint uns heute schwer vorstellbar, dass Daniell (hier sein Blick auf Windsor Castle) berühmter als Constable war und viel früher als der in die Royal Academy aufgnommen wurde.

William Daniells Eltern sterben früh, sein Onkel der Maler Thomas Daniell (1749-1840) zieht ihn auf, nimmt ihn 1785 als Assistenten mit nach Indien. Meister und Lehrling. Als sie 1794 nach London zurückkommen, sind sie Partner, künstlerisch und finanziell. Der junge William Daniell hat schnell gelernt. Die beiden Daniells haben sich durch ganz Indien gemalt. Haben sozusagen auf Vorrat gemalt und gezeichnet, das wollen sie jetzt verkaufen.

Und sie werden es verkaufen. Von 1795 bis 1808 arbeiten die beiden an ihrem Werk Oriental Scenery (➱Volltext), das den stolzen Preis von 210 Pfund Sterling hat. Das ist damals viel, viel Geld. Dreißig Stück kauft allein die East India Company, die Indien beherrscht. Die Rezensionen sind lobend. So schreibt das Calcutta Monthly Magazine: the execution of these drawings is indeed masterly; there is every reason to confide in the fidelity of the representations; and the effect produced by this rich and splendid display of oriental scenery is truly striking. In looking at it, one may almost feel the warmth of an Indian sky, the water seems to be in actual motion and the animals, trees and plants are studies for the naturalist.

William Daniell starb am 16. August 1837. Da sieht das Indien und China der beiden Daniells ganz anders aus als am Ende des 18. Jahrhunderts, da ist der erste Opiumkrieg gerade vorbei. Das hier sind die berühmten Canton Factories in der Sicht von William Daniells. Auch von ihnen wird in seinem Todesjahr nicht mehr viel übrig sein.

Wenn Sie ein optisches Fest mit dem Werk der beiden Daniells haben wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Montag, 13. August 2018

Millais


Nicht jedermann mochte das Bild von Christus im Haus seiner Eltern, das John Everett Millais 1850 dem viktorianischen England präsentierte. Der schärfste Kritiker war Charles Dickens, der in seiner Zeitschrift Household Words über den Christus von Millais sagte: a hideous, wry-necked, blubbering, red-haired boy in a nightgown, who appears to have received a poke playing in an adjacent gutter, and to be holding it up for the contemplation of a kneeling woman, so horrible in her ugliness that (supposing it were possible for any human creature to exist for a moment with that dislocated throat) she would stand out from the rest of the company as a monster in the vilest cabaret in France or in the lowest gin-shop in England.

Millais ist schon häufig in diesem Blog erwähnt worden, zum ersten Mal in dem Post Ritter mit einem Bild, das Raymond Chandler in seinen Roman The Big Sleep hineingeschrieben hat. Während in Frankreich Maler wie Boudin den Himmel und die Küste entdecken, scheinen die Engländer die Errungenschaften von Constable und Turner vergessen zu haben und begeistern sich nur noch für das Mittelalter. Die Königin auch. Sie verleiht Millais den Titel eines Baronets, er ist der erste Künstler, der diesen Titel bekommt.

Millais (hier seine Ophelia) ist heute vor 122 Jahren gestorben, der Kitsch, den er produziert hat, hält sich hartnäckig in England. Wenn Sie noch mehr über den schlechten Geschmack der Victorianer lesen wollen, dann klicken Sie doch die folgenden Posts an: Penelope Boothby, Gustav Christian Schwabe, Drachen, Mark Girouard, Shakespeare, Spätrömische Dekadenz.

Sonntag, 12. August 2018

word processor


Der Computer kam mit einem Kran durch das ausgebaute Fenster. Standing in the leafy square in which I lived, watching all this activity, I had a moment of doubt. I was beginning to think that I had chosen a rather unusual way to write books, sagte der Mann, der das Monster bestellt hatte. Heute kommt ein Computer in einem kleinen Karton und ist, wie mein Apple Mini, kleiner als das Webster Dictionary. Der englische Schriftsteller Len Deighton war 1968 die erste Person, die einen Roman auf dem IBM wordprocessor MTST schrieb. Computer für jedermann gab es erst dreizehn Jahre später, als IBM heute vor 37 Jahren seinen Personal Computer 5150 auf den Markt brachte. Von nun an werden viele Schriftsteller einen Computer benutzen, was uns aber nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass die Masse der Weltliteratur mit der Hand geschrieben wurde. Alles Erworbene bedroht die Maschine, gilt hier nicht unbedingt.

Der Roman, den Deighton mit dem IBM MTST schrieb, hieß Bomber, er gehört mit zu seinen besten Werken. Aber geschrieben hat Deighton, dem wir The Ipcress File und all die schönen Sponageromane verdanken, die Ian Fleming alt aussehen ließen., das Buch nicht auf dem Magnetic Tape Selectric Typewriter. Er schrieb weiter auf seiner elektrischen IBM Kugelkopf Maschine, klebte auch handschriftliche Teile zwischen den Text: I am a slow worker so that each book takes well over a year—some took several years—and I had always 'constructed' my books rather than written them. Until the IBM machine arrived I used scissors and paste (actually Copydex one of those milk glues) to add paras, dump pages and rearrange sections of material. Having been trained as an illustrator I saw no reason to work from start to finish. I reasoned that a painting is not started in the top left hand corner and finished in the bottom right corner: why should a book be put together in a straight line? Seine Assistentin, die Australierin Ellenor Handley, war die einzige, die das IBM Monster beherrschte.

Like many other commercially successful novelists before and since, Deighton could not afford to indulge a solitary muse. Ellenor Handley had worked with him in his south London home since 1966. In an email, Handley, now 73 and retired, detailed her role in Deighton’s writing process. “When I started Len was using an IBM Golfball machine to type his drafts,” she wrote. “He would then hand-write changes on the hard copy which I would then update as pages or chapters as necessary by retyping—time-consuming perhaps but I quite liked it, as I felt a real part of the process and grew with the book."

Hier sehen wir Ellenor Handley im Jahre 2012, da hat sie noch einmal die 558 Seiten des originalen Manuskripts von Bomber in der Hand. Wie häufig sind Frauen die Hebammen eines Textes. Mrs Melville macht aus Hermans Manuskript einen leserlichen Text, was wäre Hermann Broch ohne Jean Starr Untermeyer? Len Deighton hatte übrigens die sauteure IBM Maschine nicht gekauft, nur gemietet. Er ahnte zu Recht, dass das, was heute state of the art ist, morgen schon veraltet sein kann. Der nächste word processor, den Deighton benutzte, kam von der Firma Olivetti. Es war eine Olivetti TES 501, die er Richard Condon abgekauft hatte. Deighton benutzt heute einen Windows Laptop.


Wenn Sie mehr zum Thema Schriftsteller und word processors wissen wollen, kann ich die Lektüre von Track Changes: A Literary History of Word Processing von Matthew G. Kirschenbaum empfehlen.

Freitag, 10. August 2018

Gewitter


Man hatte es gestern  kommen sehen, man konnte es fühlen. Der Himmel wurde dunkler, bis er fast schwarz war. Im Fernsehen redete jemand von dem kommenden Unwetter, draußen war es längst die Wirklichkeit. Ich stand am Fenster und bewunderte das Fernsehbild, das uns der Himmel bot.

Wahrscheinlich werden noch mehr Gewitter kommen, da werfen wir doch mal einen Blick auf literarische Gewitter. Ich präsentiere heute einmal einen Abschnitt aus der Erzählung Septembergewitter des Bremer Autors Friedo Lampe:

Und das Gewitter rauschte über die Stadt dahin, über Stadt und Wiesen und Fluß. Die schweren hängenden Wolkenbäuche platzten, und der Regen strömte in die Gärten und auf die Dächer, und die Blitze umzuckten den Ägidienkirchturm, und die Blumen auf den Gräbern lagen zerquetscht an der Erde, und der Großvater stand am Fenster und schaute mit Sorgen auf sie hin. Und der Wind schüttelte die Segel auf dem Fluß und füllte sie prall und riß den Dampfern den Qualm vom Schornstein und fuhr in die Straßen, daß der Staub wirbelte, und schlug die offenen Fensterscheiben zu und das Glas klirrte. Schwül war es gewesen und dumpf und still in der Stadt, und traurig war das Leben geflossen, aber nun rauschte und knatterte das Gewitter, und es war ein Lachen und Schreien und Jubeln ausgebrochen in den Lüften und ein Pauken und Beckenschlagen, und Trude Olfers stand auf dem Balkon mit fliegendem Haar und sang und fühlte die große Vermischung, und der Schwan in dem Graben unter ihr auf dem wogenden dunklen Wasser hob sich weit aus der Flut und schlug mit den Flügeln und reckte den Hals und schrie. Und die Jungens in Timmermanns Badeanstalt, Jan Gaetjen und seine Peliden, die sprangen kopfüber hoch vom Sprungbrett, und die Wellen tanzten und schäumten, und sie prusteten und kreischten und reckten die Arme, und Martin Hollmann saß still am Strande im Regen, blaß und müde, verbleut und zerkratzt, aber glücklich: er gehörte zur Bande.

Und die Kompanie des Leutnant Charisius marschierte auf dem Werder dahin, zurück zur Kaserne, stramm und mit hartem, regenverpeitschtem Gesicht, und schmetterte ein Marschlied, und Leutnant Charisius ging ein wenig hinterher. Laß es krachen, laß es donnern, recht so, recht, scharf muß der Blitz den Wolkensack zerschneiden. Und im Bürgerpark vor dem Schweizerhaus, wo die Leute so gemütlich auf der Wiese vorm Viktoriasee gesessen hatten, bei Kaffee und Kuchen, und Wöhlbiers Militärkapelle hatte gespielt in dem Pavillon, da war ein großer Tumult entstanden, die Leute drängten in die geschlossene Holzveranda des Schweizerhauses, und die Kellner hasteten zwischen den Tischen umher, rissen die Decken ab, trugen das Geschirr weg, und die Musiker sahen ruhig zu, geschützt durch das Pavillondach.

Friedo Lampe ist ein wenig in Vergessenheit geraten. Früher gab es das Gesamtwerk in einem Band bei Rowohlt, jetzt kümmert sich der rührige Wallstein Verlag um den Autor. Den Roman aus dem Nachlass, Ratten und Schwäne, können Sie hier lesen.


Mittwoch, 8. August 2018

Opiumwolken


À la fintous ces nuages aux formes fantastiques et lumineuses, ces ténèbres chaotiques, ces immensités vertes et roses, suspendues et ajoutées les unes aux autres, ces fournaises béantes, ces firmaments de satin noir ou violet, fripé, roulé ou déchiré, ces horizons en deuil ou ruisselants de métal fondu, toutes ces profondeurs, toutes ces splendeurs, me montèrent au cerveau comme une boisson capiteuse ou comme l’éloquence de l’opium.

Was hat der gute Charles Baudelaire eingeworfen, dass er bei der Besprechung der Bilder von Eugène Boudin im Pariser Salon Wolken und Rauschgift miteinander in Verbindung bringt? Der große Corot war da viel nüchterner, er nannte Boudin den König der Himmel. Eugène Boudin, der Erfinder des Strandbilds, der Erfinder des Impressionismus, ist heute vor 120 Jahren gestorben. Er hat natürlich längst einen Post, das wäre heute, wo der Hochsommer ausklingt, sicher die richtige Lektüre.

Tout ce qui est peint directement et sur place a toujours une force, une puissance , une vivacité de touche qu'on ne retrouve plus dans l'atelier, hat er gesagt. Die Freiluftmalerei war für ihn das einzige Mittel, um die Natur einzufangen: Trois coups de pinceau d'après nature valent mieux que deux jours de chevalet. Dafür können wir ihm dankbar sein.

Sonntag, 5. August 2018

Foyle's War


Wenn Sie sich bei dem Namen Foyle in der englischen Krimiserie Foyle's War, die während des Zweiten Weltkriegs spielt, an die Londoner Buchhandlung in der Charing Cross Road erinnert fühlen, liegen Sie nicht falsch. Der Autor der Serie Anthony Horowitz hat sich den Namen dort geborgt. Und auch einen Christopher Foyle hat es dort gegeben, er darf in der Folge Bad Blood einmal im Bild erscheinen. Unser Christopher Foyle ist kein Inspector oder Chief Inspector, er hat einen höheren Rang. Von dem er kaum Gebrauch macht, er stellt sich immer als I am a police officer vor. Doch er ist ein Detective Chief Superintendent, das ist ganz weit oben.

Da drüber kommen im Rang schon die Commissioners. Wie hier Edward Fox als Foyle's Vorgesetzter Assistant Commissioner Summers in einer der ersten Folgen (die können Sie hier ganz sehen). Foyle möchte weg aus der Provinz (er ist der Polizeichef von Hastings), möchte zum MI5 oder irgendwo hin, wo er im Krieg mehr leisten kann. Aber als er ein Angebot für die Tätigkeit im Cabinet Office bekommt, lehnt er ab, weil er gerade einen Mord aufklären muss. Vergeblich versucht ihn der AC zu überreden: Foyle, if you go out of that door you will remain a policeman not just for the duration of the war but until the day you retire. You won't get a second chance. Foyle bleibt Polizist. Soviel Mühe man sich bei der Serie gegeben hat, man hat einen kuriosen Fehler nicht vermieden: den Rang eines Detective Chief Superintendent gibt es erst seit 1949 - die Serie spielt aber in der Zeit von 1940 bis 1947.

Zum MI5 wird Foyle noch kommen, in der Serie 7 und 8 ist er aus dem Polizeidienst ausgeschieden und arbeitetet für den Geheimdienst. Äußerlich verändert er sich nicht sehr, er trägt weiterhin den zweireihigen Mantel, den er in der ganzen Serie trägt. Und Samantha (Sam) Stewart arbeitet auch weiterhin für ihn.

Man hat sich viel Mühe mit der Ausstattung gegeben, dafür sind Engländer ja berühmt. Was man mit der Verfilmung von Brideshead Revisited und A Dance to the Music of Time hingekriegt hat, muss ja auch bei einem Krimi funktionieren. Wir sehen hier die Schauspielerin Tamzin Outhwaite (in der Folge Sunflower) in einem Kleid, dessen Modell die Kostümabteilung bestimmt in einer Zeitschrift der vierziger Jahre gefunden hat. Und zur Not gibt es ja immer noch das Victoria & Albert Museum, die wissen alles.

Die Szene mit Tamzin Outhwaite wurde übrigens in Dublin gedreht, die ganze siebte Folge wurde dort gedreht (hier Foyle mit seiner Fahrerin Samantha Stewart, gespielt von Honeysuckle Weeks). Die neunte Folge wurde zum größten Teil in Liverpool gedreht. In den ersten Folgen, die in Hastings spielen hatte man noch den größten Teil dort gedreht. Dieses recreating the past ist ja etwas, was in den Filmen, die man ganz grob mit dem Etikett Kostümfilm belegen kann, immer ein Problem ist. Hat man wirklich das Geld und die Fachleute, um etwas hinzubekommen, was den Geist einer ganz anderen Zeit atmet?

Ich rede jetzt nicht von den italienischen Sandalenfilmen, in denen man römische Legionäre mit Armbanduhren sehen kann. Oder von den Kondensstreifen, die man im Himmel von Spartacus hinter Sir Laurence Olivier sehen kann. Davon soll hier nicht die Rede sein. Wir reden jetzt von den qualitätsvollen Produktionen, die in den sechziger, siebziger Jahren begannen und in den achtziger Jahren vielleicht einen Höhepunkt hatten. Denken Sie an Far from the Madding CrowdThe Great Gatsby oder A Room with a View. Sie können mehr zu dem Thema in dem langen Post The Go-Between lesen. Und vielleicht auch den ausführlichen Essay von Alan Parker über die Dreharbeiten von Angel Heart. Und die Lektüre von Anne Hollanders The 'Gatsby Look' and other Costume Movie Blunders könnte ich auch noch empfehlen.

Ich weiß nicht, wann Anthony Horowitz zum Schlafen kommt, die 25 Folgen von Foyle's War und die 6 Folgen von Barnaby sind ja nur ein kleiner Teil seiner Arbeit als Drehbuchutor. Dann kommen noch die Romane dazu. Und und und. Der Sender ITV hatte sich von Horowitz einen Nachfolger für die erfolgreiche Serie um Chief Inspector Morse gewünscht, Foyle's War (2002-2015) war die Antwort.

Sich für lange Zeit für die Dreharbeiten einer Serie festzulegen, bedeutet für einen Schauspieler, dass er wenig andere Rollen annehmen kann. Das war Michal Kitchen (hier in Out of Africa) klar: It’s certainly defined the last 10 years because I’ve done little else. This isn’t a complaint; having enjoyed the 30 previous years avoiding definition, it’s a privilege to be able to wait for projects that 100 percent fulfill the criteria, of which there have been, theater and radio aside, perhaps only about six. All worth the wait.

Michel Kitchen war mit seiner jahrelangen Arbeit sehr zufrieden: Foyle is the product of Anthony's original scripts and whatever I bring to them by adding, rearranging or taking out -- both of us have concluded that less is more. Some writers are very tight about what they've written and it can be restricting. Anthony was very easy, very loose and we worked to get a draft which was going to get the best out of me and which also flowed.

Seit Edgar Allan Poe und Arthur Conan Doyle ist dem Detektiv ein Gehilfe an die Seite gestellt. Der Great Detective (von dessen Eigenschaften Foyle etwas hat), braucht eine vermittelnde Figur. Das ist in Foyle's War nicht anders. Foyle bleibt gottähnlich, kühl und unnahbar. Sein Sergeant Miller bleibt blaß, hat nie die Rolle, die Lewis in Morse hat.

Und so rettet Samantha Stewart, die vom Mechanised Transport Corps (MTC) als Fahrerin für Foyle zur Polizei abgestellt wird, die ganze Serie. Im wirklichen Leben besitzt Honeysuckle Weeks wohl gerade keinen Führerschein mehr. Horowitz hat in Interviews gesagt, dass die Figur der Samantha Stewart auf seiner Nanny Norah FitzGerald beruht, der er hiermit ein Denkmal setzen wollte. Und das hat er mit viel Liebe getan.

Eine englische Krimiserie bürgt häufig für Qualität. Hier gibt es noch etwas dazu: den Zweiten Weltkrieg. Von der Produktionsfirma angekündigt als: As World War Two rages over Europe, one man fights his own battle against murder, mystery and betrayal on the south coast of England.  Dies ist ein anderes England als es uns im Fersehen verkauft wird. Mörder, Wirtschaftskriminelle, Saboteure, Kommunisten, Gewerkschaften, die Battle of Britain (Foyles Sohn ist Pilot der Royal Air Force), Dünkirchen und das Exercise Tiger: diese Krimiserie ist eine Sozialgeschichte Englands von 1939 bis 1947 und zugleich eine revisionistische Nachhilfestunde in englischer Geschichte. Sorgfältig inszeniert mit Unterstützung des Imperial War Museum. Ein Buch gibt es auch schon zu diesem Thema: Rod Green The Real History Behind Foyle's War.

So gut und schön das alles ist, man muss hier leider einmal die ersten Zeilen von Gottfried Benns Gedicht Was schlimm ist zitieren: Wenn man kein Englisch kann, von einem guten englischen Kriminalroman zu hören, der nicht ins Deutsche übersetzt ist. Es gibt Foyle's War nur in englischer Sprache (und lediglich die beiden letzten Folgen haben Untertitel).