Mittwoch, 15. Oktober 2014

Inspector Gently


Die Kathedrale von Durham ist eine der ältesten Kirchen Englands. Sie hat immer wieder Bewunderung hervorgerufen. Der amerikanische Schriftsteller Nathaniel Hawthorne, der dank seiner Freundschaft zu dem Präsidenten Franklin Pierce die Stellung eines amerikanischen Konsuls in Liverpool bekommen hatte, schrieb über die Kathedrale: I paused upon the bridge, and admired and wondered at the beauty and glory of this scene...it was grand, venerable, and sweet, all at once; I never saw so lovely and magnificent a scene, nor, being content with this, do I care to see a better. Solch einen schönen Posten als Konsul hätte ➱Herman Melville auch gerne gehabt, aber alles, was er eines Tages bekommen wird, ist die schlecht bezahlte Stelle eines Zollinspekteurs im New Yorker Hafen.

Melville hat auf seiner Europareise Hawthorne besucht, aber die beiden Freunde hatten sich nicht mehr viel zu sagen. Obwohl Hawthorne in sein Tagebuch schreibt: we soon found ourselves on pretty much our former terms of sociability and confidence, hat dies Treffen nichts mehr von dem glühenden Enthusiasmus, der ihre Freundschaft auszeichnete, als Melville Moby-Dick schrieb. Melville reist ohne großes Gepäck, nur mit the least little bit of a bundle, which . . . contained a night- shirt and a tooth-brush, aber er gibt in Liverpool zur Erleichterung Hawthornes einige Hemden in die Wäscherei. In ➱Liverpool war Melville schon in seiner Jugend gewesen, er hat die Stadt in seinen Roman Redburn hineingeschrieben.

Die Kathedrale von Durham hat Melville nicht gesehen. Er war mit Hawthorne in Chester, aber die Kathedrale rief bei ihm keine große Begeisterung hervor. Die Kathedrale von Durham tauchte vor vier Wochen (ZDF 14. Sep. 2014 ➱hier ganz zu sehen) unerwartet in einem englischen Krimi auf. Der hatte den Titel Todfreunde und hieß im Original Gently in the Cathedral. Irgendwie erinnerte mich diese Folge der Inspector Gently Reihe an den Film Gunfight at the O.K. Corral, weil sie mit einem wüsten Geballer in der Kathedrale endete.

Sind Kathedralen dafür da? Sind nicht schon die Hunde, die sich auf den Bildern des Holländers Emanuel de Witte in der Kirche tummeln (das war in der holländischen Malerei ein beliebtes Motiv), eine Entweihung des Kirchenraums? Was muss noch alles in Kirchen geschehen? Als der englische König Henry sagte: Will no one rid me of this turbulent priest?, war das genug für einige seiner Ritter, um den ehemaligen Lord Chancellor ➱Thomas Becket in der Kathedrale von Canterbury zu erschlagen. Murder in the Cathedral ist kein Titel eines Krimis, das ist der Titel eines Theaterstücks von T.S. Eliot.

Die Reihe Inspector George Gently (im Deutschen bekommt Gently noch den Zusatz Der Unbestechliche) wurde von der BBC nach den Romanen von Alan Hunter (der 46 Inspector Gently Romane geschrieben hatte) produziert. Es ist eine Serie, die im Norden Englands in den 1960er Jahren spielt. Als ich das vor Jahren in der Ankündigung in einer Rundfunkzeitschrift las, interessierte ich mich für die Serie.

Denn der Norden Englands war in dieser Zeit schon einmal Gegenstand des englischen Films (und der englischen Literatur, wenn wir an die Angry Young Men denken), wir verdanken der Region eine wunderbare filmische Tristesse in Schwarzweiß: Room at the TopSaturday Night and Sunday MorningThe Loneliness of the Long Distance Runner, Poor Cow und Kes. Also all dem, was heute unter dem Begriff ➱British New Wave läuft. Für den Film Poor Cow von Ken Loach hatte man die ➱B-Seite von Donovans Jennifer Juniper ein wenig geändert. Da hieß es nicht mehr I dwell in the north in the green country, sondern I dwell in the town in the grey country. Es hätte auch nicht geschadet, wenn sich die Macher der Serie einmal den Film Get Carter angeschaut hätten. Natürlich die Version von 1971 mit Michael Caine, die mit dem Mann mit sechs ➱Fingern.

Mit all diesen Bildern als Vorlage hätte aus der Serie ein optisches Fest der sechziger Jahre Nostalgie werden können. Aber ein solches Bild wie das hier von Laurence Harvey in Room at the Top kriegt die ganze Serie nicht zustande. Room at the Top, ist übrigens bisher (leider) einer der wenigen Filme aus dieser Zeit, der bereits in diesem ➱Blog vorkommt. Na gut, über ➱John Schlesinger, ➱Swinging London, Richard ➱Lesters The Knack und ➱Joseph Losey habe ich auch schon geschrieben.

Man hat für unseren Inspektor einen schönen alten Rover aufgetrieben (dem man ansieht, dass er ein gepflegtes Sammlerstück ist), aber das allein reicht noch nicht für ein stimmiges Zeitkolorit. Autofreunde könnten natürlich ➱hier mal eben Cars, spaces and places in British police drama von Jonathan Bignell lesen (mit vielen Beispielen). Jemand wie ➱Alan Parker, der eine Epoche perfekt filmisch rekonstruieren konnte, wäre der richtige Mann für das Ganze gewesen.

Die Serie lebt vollständig von ihrem Hauptdarsteller (Martin Shaw). Gut, dass tun Krimiserien meistens, aber gute Krimiserien haben neben dem sidekick des Helden noch eine Vielzahl von lebendigen Nebenfiguren. Der Inspektor ➱Richard Poole auf der fiktiven Karibikinsel Saint Marie war in Death in Paradise als great detective in der Nachfolge von ➱Sherlock Holmes ja nur deshalb erträglich, weil er von diesen wunderbaren Nebenfiguren umgeben war. Als er den viel zu frühen Filmtod starb (weil er lieber bei Frau und Kind in London und nicht das halbe Jahr in der Karibik sein wollte), hatte er mit Kris Marshall als DI Humphrey Goodman zwar einen Nachfolger, aber die Serie war schon mit ihm gestorben. Weil die Nebenfiguren nicht mehr lebten, die durften nur noch die stumme Jule geben.

Mit den Nebenfiguren sieht es in Inspector Gently etwas dürftig aus, diese Serie ist für einen Einzelgänger geplant: George is an old-time copper. He fought with General Montgomery in the Second World War; he's a very tough, seasoned fighter. He knows about hardship and has seen tough times, and that's a bonus. I think he carries a lot of baggage around, what with the grief of the murder of his wife as well. He faces the seemingly impossible task of trying to change a corrupt police force – a one-man mission. So sah der Hauptdarsteller in einem Interview seine Rolle.

Detective Sergeant John Bacchus (gespielt von Lee Ingleby) ist der Mann neben Gently. Während Gently holzschnittartig gradlinig ist, ist Bacchus ein klein wenig schräg. Er trägt seltsame Klamotten. Hat man so etwas wirklich in den 1960er Jahren in England getragen? Sind das die Reste, die man in den Sechzigern in der ➱Carnaby Street nicht mehr verkaufen konnte? In einem Interview sagte Martin Shaw über das Verhältnis Gentlys zu seinem Detective Sergeant: I think his impulse is to be a teacher right from the beginning. Having lost his wife early on and never having had children, I think he has sort of twin impulses with John Bacchus of wanting to train another policeman but also to have a son. I think Bacchus fulfills both roles. With the end of series five where we’re both shot. At the end of it, it’s not sure we’re going to survive.

Und da, am Ende von dem Staffelfinale liegen Gently und Bacchus tot (?) oder schwerverletzt auf dem Boden der Kathedrale von Durham. Das ist das Ende des Rachefeldzuges des unbestechlichen Gently, den man zu Unrecht aller schlimmen Verfehlungen wie Mord und Unterschlagung verdächtigt hatte - das ein Drehbuchautor dieses abgegriffene Motiv hervorholt, grenzt allerdings schon an literarische Leichenfledderei. Die alten Feinde aus Gentlys Zeit bei Scotland Yard hatten sich wieder gemeldet. Wegen dieser Leute war Gently aus dem Sündenpfuhl London weggegangen, in den Norden Englands. Skandale in Scotland Yard hat es nach dem Krieg genügend gegeben, vielleicht ist der Detective Sergeant Harry Challenor kein Einzelfall.

Gespielt werden die Bösewichte von Schauspielern, die wir schon aus englischen Krimiserien kennen. Da ist der Detective Chief Superintendent Trevor Staham, gespielt von Nigel Lindsay. Der war schon mit einem niedrigeren Rang ein Bösewicht in dem Film aus der Barnaby Reihe Painted in Blood (Der Tod malt mit). Das ist der Barnaby, den ich immer wieder abspielen kann. Sie können ihn ➱hier sehen. Am Ende von Gently in the Cathedral ist er tot, ebenso wie der ganz böse Bösewicht Donald McGhee. Den kennen wir eigentlich als Inspector Lewis (für den gibt es ➱hier natürlich einen Post), jetzt ist er ein Bösewicht. Es ist eine verkehrte Welt.

Es hat sich bei amerikanischen Serien eingebürgert, ein Staffelfinale mit einer Überdosis von Mord und Totschlag enden zu lassen. Und mit einem cliffhanger, wir wissen nicht, wie es weitergeht. Weshalb der cliffhanger so heißt, das wissen wir, lesen Sie doch einmal den Post ➱Klippen. Klagen über den Verfall des Genres nicht nichts Neues. Schon im Jahre 1924 beklagte R. Austin Freeman in seinem ➱Artikel The Art of the Detective Story: A widely prevailing error is that a detective story needs to be highly sensational. It tends to be confused with the mere crime story, in which the incidents — tragic, horrible, even repulsive - form the actual theme, and the quality aimed at is horror--crude and pungent sensationalism. Here the writer's object is to make the reader's flesh creep; and since that reader has probably, by a course of similar reading, acquired a somewhat extreme degree of obtuseness, the violence of the means has to be progressively increased in proportion to the insensitiveness of the subject. The sportsman in the juvenile verse sings:

I shoot the hippopotamus with bullets made of platinum
Because if I use leaden ones his hide is sure to flatten 'em:

and that, in effect, is the position of the purveyor of gross sensationalism. His purpose is, at all costs, to penetrate his reader's mental epidermis, to the density of which he must needs adjust the weight and velocity of his literary projectile.


Der Zweizeiler von Hilaire Belloc scheint zur Maxime der Drehbuchautoren geworden zu sein. Das ist in Deutschland nicht anders. Der erste Tatort hieß Taxi nach Leipzig (es gibt ➱hier einen langen Post dazu), irgendwann gab es das Usambaraveilchen, das sagenhafte Einschaltquaoten erreichte. Obgleich Gustl Bayrhammer, der den Hauptkommissar Veigl spielte, mal gesagt hatte: Des Krimifach, des is doch scho lang a abg’mahte Wies’n. Doa passiert nix mehr.

Die Angst vor der abgemähten Wiese scheint die Redaktionen zu beherrschen, und deshalb gibt es keine biederen Kommissare mehr und keine qualitativ guten Literaturverfilmungen wie die Trimmel Filme nach den Romanen von Friedhelm Werremeier. Deshalb haben wir jetzt Til Schweiger als Kommissar Nick Tschiller. Und neunzehn Leichen im Tatort Kopfgeld. Man bekommt das Gefühl, dass es im deutschen Fernsehen nur noch den Schmunzelkrimi und schlechte Imitationen des Texas Chainsaw Massacre gibt.

In einem Essay mit dem ➱Titel Raffles and Miss Blandish aus dem Jahre 1944 (der bis heute nichts von seiner Bedeutung verloren hat), schrieb George Orwell: There exists in America an enormous literature of more or less the same stamp as 'No Orchids'. Quite apart from books, there is the huge array of ‘pulp magazines’, graded so as to cater for different kinds of fantasy, but nearly all having much the same mental atmosphere. A few of them go in for straight pornography, but the great majority are quite plainly aimed at sadists and masochists. Es sind Sätze, die ich immer wieder zitieren könnte.

Orwell trifft, wie die Autoren des Golden Age of the Detective Novel, noch einen Unterschied zwischen der detective novel und der crime story. Was in dem einen Genre erlaubt sein mag, gilt nicht unbedingt für das andere. Die Genretheorie der französischen Filmkritiker erreichte in der Nachkriegszeit (ebenso wie die auteur Theorie) geistige Höhenflüge, aber die Genres waren längst nicht mehr klar definiert, generic crossovers wurden immer häufiger. Das ganze ➱Fantasy Genre wimmelt von solchen Filmen. ➱Englische Krimiserien sollten englische Krimiserien sein, wir kennen die Zutaten. Wir lieben sie wegen eben dieser Zutaten.

Wir lieben sie, weil sie keine französischen ➱Gangsterfilme oder amerikanische Horrorfilme wie From Dusk till Dawn sind. Ich zitiere diesen Film, weil er den Genremix schön verdeutlicht. Weil er ein Gangsterfilm, ein Roadmovie, ein Vampir-Horrorfilm und ein Splatterfilm ist. Wenn Inspector Barnaby einmal einen kleinen Ausflug in den Wilden Westen macht (➱hier ganz zu sehen), dann mag man das ganz witzig finden, aber es ist nicht die Regel in der Serie. Wenn aber nun eine an sich biedere englische Serie wie Inspector George Gently Anleihen bei Ein Mann sieht Rot und Gunfight at the O.K. Corral macht, dann verstößt sie gegen alle ungeschriebenen Regeln des Genres. Denn jedes Genre hat seine eigenen Zuschauer (oder Leser), wer Splatterfilme liebt, wird sich nicht mit Inspector Lewis anfreunden.

Folgt man Raymond Chandler, dann ist Dashiell Hammett daran schuld, dass wir uns von dem englischen Idyll abgewendet haben: Hammett took murder out of the Venetian vase and dropped it into the alley; it doesn’t have to stay there forever, but it was a good idea to begin by getting as far as possible from Emily Post’s idea of how a well-bred debutante gnaws a chicken wing. He wrote at first (and almost to the end) for people with a sharp, aggressive attitude to life. They were not afraid of the seamy side of things; they lived there. Violence did not dismay them; it was right down their street. Aber so sehr wir ➱Chandler und ➱Hammett schätzen mögen, die meisten ihrer Nachfolger produzieren ja nur den gleichen Schrott wie Mickey Spillane. Da sind uns doch ➱Mayhem Parva, ➱Oxford und Midsomer lieber.

Den Autoren des Golden Age of the Detective Novel wäre ein Tatort wie Kopfgeld oder ein Film wie Gently in the Cathedral wohl nie eingefallen. Dass man eines Tages von Kirchenkrimis reden würde, wohl auch nicht. Da hat G.K. Chesterton mit seinem Father Brown etwas zu verantworten. Wie war nun die Reaktion der englischen Zuschauer auf diesen Krimi? Die in religiösen Kreisen nicht unbekannte Avril Newey sagte: My first reaction was shock. It seems so out of place. I am aware of the huge amounts of money needed to keep our churches and cathedrals in good order, but this was so against everything that the cathedral would stand for. Und andere Stimmen äußerten: Nonetheless, as a practising Christian, I considered the violent nature of these scenes at the cathedral completely inappropriate and unethical in what is recognised, even by non-believers, as a sacred place.

Die Reaktion der Kirche war etwas seltsam. Man habe sich vorher mit dem Bischof von Durham beraten. Die Kirchenjuristen machen sich schon lange ihre Gedanken. Man habe bei den Beratungen auch an T.S. Eliots Theaterstück Murder in the Cathedral gedacht. Warum eigentlich? Will jemand uns weismachen, dass Murder in the Cathedral und Gently in the Cathedral vergleichbar sind? Vielleicht hat man das Unbar the doors! aus Eliots Stück falsch verstanden:

Unbar the doors! Throw open the doors!
I will not have the house of prayer, the church of Christ,
The sanctuary, turned into a fortress.
The Church shall protect her own, in her own way, not
As oak and stone; stone and oak decay,
Give no stay, but the Church shall endure.
The church shall be open, even to our enemies. Open the door!

Die Diözese war der Ansicht, man könne das Ganze auch als morality play sehen, bei dem das Gute gegen das Böse siege: Bad things sometimes happen in sacred places. A cathedral should be a place where issues of justice and morality can be explored both through formal worship and through culture and the performing arts. Natürlich wusste man auch, dass die Erlaubnis zu den Dreharbeiten viel Geld in die Kirchenkasse gespült hatte. In ➱Gloucester hatte man bei den Dreharbeiten von Harry Potter and the Sorcerers’ Stone, wogegen viele Gläubige protestiert hatten, ja auch gut verdient.

Der ➱Guardian erinnerte daran, dass viel schlimmere Dinge in der Kathedrale von Durham geschehen seien: Durham cathedral's own history includes a terrible episode at the end of the English Civil War when 3000 Scottish prisoners were locked in the building by Cromwellian troops and given such insufficient food, drink and warmth that an estimated 1700 died. The remainder did little better, being shipped as slaves to the American colonies. There is surely a BBC TV drama in that.

Durham is one of the great experiences of Europe to the eyes of those who appreciate architecture, and to the minds of those who understand architecture. The group of Cathedral, Castle, and Monastery on the rock can only be compared to Avignon and Prague, hat ➱Sir Nikolaus Pevsner geschrieben. Was hätte er nur zu dem Krimi Gently in the Cathedral gesagt? Bestimmt nicht Television drama of the quality of George Gently is contemporary drama at its best. Als Gently in the Cathedral gesendet wurde, haben das 4.3 Millionen Engländer gesehen. Die BBC gab zu den kritischen Stimmen keinen Kommentar ab. Die Quote heiligt die Mittel.


Die Bilder der Kathedrale von Durham sind von ➱Thomas Girtin, ➱William Turner, einem unbekannten Künstler des 19. Jahrhunderts, Arthur Fripp, George Fennel Robson, George Fennel Robson und William R. Robinson.

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