Donnerstag, 31. Mai 2018

Big Ben


Am 31. Mai 1859 konnte man die Glocke, die Big Ben heißt, zum ersten Mal in London hören. Heute nennt jedermann den Glockenturm Big Ben, aber es ist nur die Glocke, die so heißt. Wir merken uns das mal mit dieser wunderbaren Geschichte, die sich in Tom Stoppards Theaterstück Dirty Linen & New-found-land findet. Diese kleine Geschichte aus dem Stück möchte ich doch mal eben zitieren. Es redet da ein gewisser Bernard, ein Beamter des Home Office:

Lloyd George once asked me whether it was possible to see Big Ben from the upstairs window. I said that it was not. `Surely you are wrong,’ he said, ‘are you absolutely certain?’ ‘Absolutely certain, Prime Minister.’ He replied that he found it difficult to believe and would like to see for himself. I assured him that there was no need. The fact was, my mother was upstairs in bed making out her dinner table: she had the understandable, though to me unwelcome, desire to show me off during my leave. Lloyd George pressed the point, and finally said, ‘I will bet you £5 that I can see Big Ben from Marjorie’s window.’ ‘Very well,’ I said, and we went upstairs. 

I explained to my mother that the Prime Minister and I had a bet on. She received us gaily, just as though she were in her drawing room, Lloyd George went to the window and pointed. ‘Bernard,’ he said, ‘I see from Big Ben that it is four minutes past the hour. The £5 which you have lost,’ he continued, ‘I will spend on vast quantities of flowers for your mother by way of excusing this intrusion. It is a small price to pay,’ he said, ‘for the lesson that you must never pit any of the five Anglo-Saxon senses against the Celtic sixth sense.’ ‘Prime Minister,’ I said, ‘I’m afraid Welsh intuition is no match for English cunning. Big Ben is the name of the bell, not the clock.’ He paid up at once. . . and that was a fiver which I can tell you I have never spent.

Der gute Bernard hat sich sein Leben lang nicht gefragt, wieso der Premierminister das Schlafzimmer seiner Mutter kannte.

Tissot


Irgendwie ist das ja immer noch ein cooles Teil, meine alte Tissot Seastar Seven Visodate. Sie hatte mal ein Metallband, jetzt hat sie ein Krokoband. Man kann den Boden nicht aufschrauben, das Gehäuse ist aus einem Stück. Wenn man an das Werk will, muss man mit einem Spezialöffner das Plexiglas abnehmen, diese Konstruktion garantierte, dass die Uhr wasserdicht war. Tissots Schwesterfirma Omega hatte damals das Modell Seamaster, Tissot die Seastar. Die Erwähnung des Meeres musste sein, auch wenn die meisten Besitzer einer solchen Sportuhr sie nie den salzigen Fluten aussetzten. Bevor die Seastar auf den Markt kam, bot Tissot als Sportuhr das Modell Camping an (und in den 40er Jahren gab es schon eine Aquasport), eine robuste Uhr mit dem unverwüstlichen 27er Kaliber.

Tissot hatte damals noch eine andere wasserdichte Uhr im Programm, das Modell hieß T12. Das T stand für Tissot, das 12 für 120 Meter. Wenn Schweizer Firmen 120 Meter garantierten, dann war die Uhr wirklich wasserdicht. Ansonsten besagen diese Zahlen auf dem Zifferblatt wenig, wenn da 30 Meter steht, dann darf man sich mal gerade mit der Uhr die Hände waschen. Auf dem Boden der Seastar steht waterproof, und das war sie wirklich, da ich jahrelang mit ihr geschwommen bin. Was das Symbol auf dem Rückboden bedeutet, weiß ich nicht. Es könnte etwas Bootsähnliches sein. Beim Modell T12 ist eine Art spanischer Galeone auf dem Boden, könnte auch das Flaggschiff von Christoph Kolumbus sein.

Die außergewöhnliche Wassersportwelle und das große Interesse für das Fischen und Tauchen im Meer haben die Fabrik Tissot dazu veranlasst, eine Uhr zu etwickeln, welche die strengsten Anforderungen unter verschiedensten zeitlichen, örtlichen und beruflichen Bedingungen erfüllt, schrieb Tissot 1956 in einem Prospekt anläßlich der Lancierung des T12 Modells.

Zur Konfirmation hatte ich, wie Millionen aus meiner Generation, eine Junghans bekommen. Das Armband war aus Nylon und wurde unter der Uhr durchgezogen. Man konnte es jede Woche waschen, das war praktisch. Ich hätte die →Junghans wahrscheinlich heute noch, wenn sie nicht in einem →Bundeswehrmanöver unter einen Panzer gekommen wäre. Glücklicherweise war mein Arm nicht dran. Als ich Leutnant wurde, schenkten mir meine Eltern zu Weihnachten die Tissot Seastar Seven, automatisch und wasserdicht, sozusagen state of the art. Sie hat mich nie im Stich gelassen. Sie hat in den siebziger Jahren mal den Großbaum unseres Congers bei einem verunglückten Wendemanöver abbekommen. Seitdem sitzt das Werk etwas schief im Gehäuse, jeder Uhrmacher weist mich darauf hin. Macht aber nix, sie geht nach 50 Jahren immer noch zuverlässig.

Auf die Marke Tissot, die im 19. Jahrhundert im Rußlandgeschäft groß geworden war, lasse ich nichts kommen. Meine Schwägerin gewann als junges Mädchen bei einem Tissot Preisausschreiben eine Mexikoreise, damals hatte Tissot gerade eine Fabrik in Cuautitlan in Mexiko eröffnet. Meine Schwägerin trägt aber keine Tissot. Mein Bruder hat ihr einmal eine Omega geschenkt, ist ja die gleiche Firma. Mein Bruder bekommt zum medizinischen Staatsexamen von meinen Eltern eine Rolex, gottseidank eine Explorer, ein schlichtes Modell. Hat damals achthundert Mark gekostet. Für das, was ihm die Firma Rolex beim Kundendienst in den letzten Jahrzehnten an Geld abgenommen hat, hätte er zwei Dutzend Tissot Seastars kaufen können. In Gold.

Als es Omega in den zwanziger Jahren schlecht ging, schlossen sich Tissot und Omega zur Société Suisse pour l’Industrie Horlogère SA (SSIH) zusammen. Madame Marie Tissot pflegte noch Jahrzehnte später im Aufsichtsrat die Vertreter der inzwischen viel mächtigeren Konzernschwester Omega daran zu erinnern, wer sie damals gerettet hatte. Die Enkelin des Firmengründers, die wie ihr Bruder Paul noch in Russland geboren wurde, hat fünfundfünfzig Jahre für die Firma gearbeitet, deren Namen sie trug. Die Firmengeschichte von Tissot kann man in dem Buch Tissot: 150 Jahre Geschichte 1853-2003 von Estelle Fallet nachlesen, ein Buch, das leider nicht an die Qualität von Marco Richons Omega Buch heranreicht.

Omega und Tissot verwendeten häufig die gleichen oder ähnliche Werke. Dies ist das erste Automatikwerk (noch eine Hammerautomatik) von Tissot, das beinahe baugleich mit dem  Omega Werk 28.10 ist. Diese Baugleichheit wird man bei Tissot bis zu den neuesten Omega Werken beibehalten. Das Tissot 2940 ist nichts anderes als das Omega 1022. Auch die Quarzwerke der beiden Firmen werden die gleichen sein. Die Werke von Tissot sehen nicht besonders schön aus, den letzten Schliff, den die Omega Werke haben, den haben sie nicht. Aber sie sind robust.

Ein Werk, das Tissot in den 70er Jahren auf den Markt brachte, hat Omega nicht gebaut. Das ist das Kaliber 2250, beinahe nur Plastik. Lief unter dem Namen Astrolon und Sytal (Systeme Total d'Autolubrification). Hatte keine lange Lebensdauer. Die goldenen Taschenuhren, die die Tissots im 19. Jahrhundert dem russischen Zaren lieferten, können heute noch gehen (Tissot hat solche Uhren als Replikat wieder aufgelegt), ein Astrolon Werk aus den 7oer Jahren geht heute bestimmt nicht mehr. Mein Nachbar Uli hat mal versucht, seins zu reparieren. Zu dem Ergebnis sage ich lieber nichts.
Tissot hatte noch eine Sportuhrenlinie, die PR 516 hieß, Seamaster stand da auch häufig noch auf dem Zifferblatt. Was PR 516 bedeutet, weiß niemand so recht, das PR kann für präzise und robust oder particulièrement robuste stehen. Dies hier ist eine PR 516 GL, ein wunderbares 70er Jahre Monster. Man kann mit einem Blick sehen, dass zwischen Zifferblatt und Gehäuse ein Spalt ist. Das Zifferblatt (mit dem Werk) stößt also nicht ans Gehäuse. Diese Entkoppelung von Werk und Gehäuse finden wir in den 70er Jahren bei Sportuhren häufig, so zum Beispiel in der IWC Yacht Club oder der Zenith Defy. Aber man konnte eine solche Konstruktion auch schon preiswerter in der Junghans Trilastic bekommen.

Auch unter der Bezeichnung Seastar lief dieses Modell, das aber keine Verzierungen auf dem Stahlschraubboden hatte. Es war ein Chronograph (Handaufzug), in dem das Tissot Kaliber 872 tickte. Was nichts anderes als das Lemania 1277 war. Der Chronospezialist Lemania war 1930 zur Société Suisse pour l’Industrie Horlogère gekommen und versorgte seitdem Omega und Tissot mit Chronographenwerken.

Mein Chrono hat ein schönes Edelstahlband, und man muss sagen, dass Tissot in den sechziger und siebziger Jahren hrvorragende Armbänder hatte (bei der T12 kamen die sogar von Gay Frères). Ich kannte einen Rolex Besitzer, der seine Rolex mit einem Tissot Band versehen hatte. Sah beinahe so aus wie ein Rolex Band, war aber qualitativ besser. Über die Jahre habe ich eine schöne kleine Tissot Sammlung zusammengetragen. Was mir fehlt, ist diese rechteckige Uhr aus den dreißiger Jahren, aber da ich so viele rechteckige Uhren habe - unter anderem zwei rechteckige Moeris - ist das nicht so schlimm.

Die Firma Moeris erwähne ich deshalb, weil ich dadurch einen schönen Übergang zu den Taschenuhren von Tissot bekomme, denn Tissot hat Moeris Anfang der siebziger Jahre gekauft. Die Firma von Fritz Moeri war berühmt für ihre Taschenuhren, die im Zweiten Weltkrieg auch von der englischen Armee verwendet wurden. Moeris lieferte erstklassige Qualität, ihre Armbanduhren hatten schon in den 30er Jahren Stoßsicherung und Glucydurunruhe (die vom gleichen Hersteller kamen, der auch Eterna belieferte). Eine Armbanduhr ist berühmt beworden, als es der Firma schon schlecht ging, und sie keine Top Qualität mehr lieferte. Und das ist die James Bond Uhr, sie können Sie in dem Post 007 sehen. Die Taschenuhrproduktion - Tissot ist heute einer der wenigen Hersteller, der noch Taschenuhren anbietet - wanderte zu Moeris. Die auch eine Modellreihe mit der Bezeichnung Moeris Grand Prix offerierten, aber das hatte nichts mehr mit der Qualität zu tun, mit der Moeris einst seine Grand Prix Modelle anbot.

Sonntag, 27. Mai 2018

Jahrmarkt


In Winsen war gerade Stadtfest, in ein paar Tagen ist in meinem Heimatort Vegesack ein Hafenfest, in vier Wochen fängt hier die →Kieler Woche an. Irgendwie sind diese vielen Feste zu einer Pest geworden. Früher gab es Jahrmärkte (und das Wort sagt schon alles) am Ende des Sommers, das reichte für den Rest des Jahres. Vor allem, wenn es nach dem Marktbesuch so aussah wie auf diesem Bild von →Anders Zorn. Ich möchte Sie in dieses früher heute einmal mitnehmen. Wir blättern im Buch der Erinnerungen mal einige Seiten zurück, bis wir zu den fünfziger Jahren kommen.

Die Bremer haben ihren Freimarkt, wo angeblich jeder in Bremen herumläuft und ischa Freimaak grölt, wie sich Journalisten das so ausdenken. Selbst der →Roland bekommt ein Lebkuchenherz mit Ischa Freimaak verpasst, wahrscheinlich auch von einem Journalisten. Aber uns in Vegesack interessiert der Bremer Freimarkt nicht so sehr, wir haben unseren eigenen Vegesacker Markt. Der ist auch schon alt, nicht so alt wie der Oldenburger Kramermarkt oder der Bremer Freimarkt, aber seit 1808 gibt es ihn doch schon. Da ist das noch, wie alle diese Märkte, ein Viehmarkt gewesen, und es wird nicht viel anders ausgesehen haben als der irische Markt im Jahre 1828, den →Humphrey O’Sullivan in seinem berühmten Tagebuch beschrieben hat. Das werde ich eines Tages für Karl August Großkreutz, den promovierten Tiermediziner, der im Alter beginnt, Bücher über das →Schwein in der Weltliteratur zu schreiben, zum Teil übersetzen.

Es scheint noch ein anderes Volksvergnügen in Vegesack gegeben zu haben, denn Marga Berck berichtet in ihrem bittersüssen Liebesroman →Sommer in Lesmona, dass sich die feine Bremer Gesellschaft einmal im Jahr zu einem Volksball im →Havenhaus in Vegesack einfindet: Also ist es eine alte Sitte, daß die Bremer Familien von den Landgütern dieser Gegend sich einmal im Sommer oder alle paar Jahre irgendwann zu einem Volksball im alten Vegesacker Havenhaus treffen. Die Alten sitzen in irgend einer Ecke, und die Jugend tanzt. Ich war noch nie dabeigewesen. Das Erlebnis im Havenhaus bedeutet der Heldin viel, und so schreibt sie später: Wir tanzten schöner denn je und immer nur wir beide, und wir dachten an den Volksball in Vegesack und an den Abend im Hotel Hillmann nach dem Rennen und an Nizza. Es war ein solcher Rausch und dabei der Abschiedsgedanke in der Kehle.

Nach dem Krieg fängt der Vegesacker Markt erst einmal wieder ganz klein an, bevor er dann den ganzen →Sedanplatz und den Aumunder Marktplatz belegt. Und alle Straßen dazwischen. Einmal ist der Markt sogar in der Weserstraße gewesen, keiner weiß mehr genau, wann das war. Aber dass ein kleines Karussell vor Giessels Kolonialwarenladen stand und Keunekes Wurstbude vor Schnatmeyer (wo ich jeden Morgen die Brötchen hole) war, daran erinnert sich jeder.

Die Märkte unserer Jugend in den fünfziger Jahren sind ein Ereignis, sie haben noch nichts von der bunten Hochtechnologie und dem Lärm der heutigen Volksvergnügen an sich. Das Hippodrom, über dem Reiten kann ein jedermann im Hippodrom von Haberjahn stand, ist leider irgendwann vom Markt verschwunden.

Hier ist →Haberjahns Hippodrom noch im Hintergrund zu sehen. Fügt sich ein in die Welt von Schießbuden, Kettenkarussells, Riesenrad und Geisterbahnen, dem eingeölten starken August, einem Hau-den-Lukas und der Dame ohne Unterleib. Das alles gibt es sicher schon seit Jahrzehnten. Und die Kuchenherzen mit Liebesbotschaften, die so grauenhaft nach Pappe schmecken, wenn man sie zu essen versucht.

Besser schmecken natürlich die Borgholzhausener Pfefferkuchen. Eine kleine Papiertüte mit Borgholzhausener Pfefferküchlein war für mich, als ich klein war, das Schönste auf der Welt. Eigentlich kommen die ja aus Dissen, sagt Opa, die Kuchenbäcker sind nur irgendwann in den Nachbarort abgewandert. Ich weiß nicht, ob das wieder so eine lokalpatriotische Geschichte ist (das weiß man bei Opas Geschichten nie), aber irgendwie besteht meine Jugend nur aus →Borgholzhausener Pfefferkuchen. Luftballons, Zuckerwatte, rot-weiße Lutschstangen, Lakritze, gebrannte Mandeln, braune Moppen und Kokoskonfekt gehören selbstverständlich zu einem Marktbesuch.

Genau wie die Bockwurst von Heinrich Keuneke. Es gibt aber auch Stände mit Roßbratwurst, soll ja toll schmecken, aber ich habe nie eine gegessen. So was könnte man hier auch jeden Tag haben, denn in Aumund gibt es in der Fährer Flur die Schlachterei von Carsten Dohrmann, die nur Fleisch vom Pferd verkauft. Doch als vorsichtiger Norddeutscher hält man sich da lieber an Keunekes Brat- oder Bockwurst, mit viel Senf und diesem labberigen kleinen Brötchen auf der weißen Pappe. Die ist viel besser als die Bockwurst bei →Aschinger in Berlin, aber da kriegt man so viele kleine Brötchen (die da Schrippen heißen), wie man haben will.

Es gibt natürlich immer wieder Neuigkeiten, davon leben Jahrmärkte ja. Autoskooter sind jetzt neu, aber leider auch teuer. Die Todeswand, jene Holztrommel, in der waghalsige Motorradfahrer Kunststücke auf einer alten amerikanischen Indian machen, ist auch neu (und auch teuer). Wenn die Indian nicht in der Trommel gebraucht wird, steht sie aufgebockt vor dem Zelt und ist in ihrer vollen Schönheit, quietscherot und chromblinkend zu bewundern. Doch von diesen Dingen abgesehen, inklusive des billigen Jakobs, der an der Rückseite von Scheffels Wurstbude auf dem Sedanplatz steht (wo ich immer für Opa seine Stumpen und seine geliebten Jerry Cotton Hefte kaufen muss), ist das hier der ganz normale Rummel. Überall gibt es handgemalte Schilder: Junger Mann zum Mitreisen gesucht. Das hat aber nichts mit Eichendorffs Ach wer da mitreisen könnte In der prächtigen Sommernacht! zu tun. Wenn man klein ist, ist das alles eine märchenhafte Welt, vor der man mit offenem Mund steht. Mach den Mund zu, das Herz wird kalt, bekomme ich in solchen Augenblicken immer zu hören. Das Herz wird nur kalt, wenn man nicht mehr staunen kann.

Wenn man über das Alter des Staunens hinaus ist, geht man nur wegen der jungen Frauen in der ersten Septemberwoche auf den Markt. Die gehen immer in Gruppen, wir auch. Wir bewegen uns auf durch ungeschriebene Gesetze des Flirtens vorgeschriebenen Bahnen über den Markt, erst zweimal über den Sedanplatz. Dann am Goldenen Stern vorbei die Georg Gleistein Straße entlang und über den Aumunder Markt. Diese Wege über die Marktplätze haben sich tief in meine Erinnerung eingegraben, sie tauchen nach einem halben Jahrhundert noch in meinen Träumen auf. Immer wieder begegnen wir, scheinbar ganz zufällig, dieser Gruppe von jungen Frauen. Wir kennen sie alle, sie waren mit uns in der Volksschule, sie sind mit uns jetzt in der →Tanzstunde, in der →Jugendgruppe, wir sehen sie ständig. 

Aber der Markt ist eine Ausnahmesituation für das Flirten, da sind junge Frauen ganz anders als sonst. Vor allem bei der Raupe (die manchmal auch Knutschtunnel genannt wird), wenn sich die Persenning über das Wagendach senkt und es diesen Augenblick der Intimität im Dunkel gibt. Wir schießen Blumen für die Frauen, manchmal auch einen Teddybär. Wenn man Glück hat und ein gutes Gewehr erwischt. Wir kaufen ihnen diese pappigen glasierten Herzen mit tief symbolischen Botschaften drauf. Dein ist mein ganzes Herz, oder so was. Und seit dem Gedicht Ischa Freimaak von →Konrad Weichberger hat sich in dreißig Jahren auch nichts geändert:

Bremer Moppen hier, da Bremer Kluten,
volles Herz und leeres Portmoneh -
säurliche Bonbons und süße Schnuten
von der Großen zu der Klein’n—Alleh!

Samstag, 26. Mai 2018

Heinzelmännchen


Muss das schön gewesen sein, als es noch die Heinzelmännchen gab. Heute sind sie zu Mainzelmännchen degeneriert, das ist natürlich nicht dasselbe. Mein Vetter Uwe hatte ein Buch mit den Heinzelmännchen, um das ich ihn sehr beneidete, als ich klein war. Das Buch meines Vetters war kein gewöhnliches Bilderbuch. Es gab da Pappstreifen am Buchseitenrand, mittels derer man die putzigen Kerlchen auf den Bildern bewegen konnte. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich war fünf und wollte unbedingt auch so ein Buch haben. Versprichst Du mir das, Mammi? Versprichst Du mir das? Mammi verspricht mir in diesem Augenblick alles, sie will nur das quengelnde Kind durch die gekachelte Unterführung zum nächsten Bahnsteig schleppen. Da soll gleich ein Zug abfahren, es ist kurz nach dem Krieg, man weiß in diesen Tagen nie so genau, wann die Züge fahren. Ich schwitze in meinem Wintermantel, aber ich schleppe stolz die schwere Tasche meiner Mutter die Treppe hoch, sie trägt zwei Koffer. Wir kriegen den fauchenden und dampfenden Zug noch so gerade eben.

Manche Bilder aus der Erinnerung wird man nicht mehr los, sie sind wie kleine Filmstreifen, die keinen Anfang und kein Ende haben. Natürlich kriege ich nicht das Buch mit den Heinzelmännchen, sondern ein Buch, das ich einmal auf einem Spaziergang mit Vati in einem Glaskasten an der Wand einer Buchhandlung in Blumenthal gesehen hatte und das mich magisch anzog. Den Glaskasten an der Mauer und das Buch mit dem blassblauen Umschlag, auf dem ein Einhorn abgebildet ist, sehe ich noch heute vor mir. Es war sicher ein künstlerisch und pädagogisch wertvolles Buch, für mich war es eine Enttäuschung. Never judge a book by its cover. Die ordinären Heinzelmännchen wären schon richtig gewesen. Wenn man klein ist, will man immer Dinge haben, die andere besitzen, aber man bekommt sie nie. Das geht das ganze Leben lang so weiter.

Der Maler und Dichter August Kopisch, der die Blaue Grotte entdeckte und dem wir die Heinzelmännchen verdanken, wurde am 26. Mai 1799 geboren. Er hat hier schon einen schönen langen Post. Ich musste das hier mal eben schreiben, vielleicht geht mir dann mal der kleine Erinnerungsfilm mit dem Bahnhof und Uwes Heinzelmännchen aus dem Kopf.

Freitag, 25. Mai 2018

Jessi


Das ist Jessi Colters erstes ↝Soloalbum aus dem Jahr 1970, die LP steht noch bei mir im Regal. Gleich neben dem concept albumWhite Mansions und ↝Wanted: The Outlaws. Dieser Post wird heute ganz kurz: Herzliche Glückwünsche zum Geburtstag, Jessi Colter! Es gab hier lange nichts mehr zum Thema Country & Western, das war früher mal anders. Es gibt natürlich längst einen ↝Jessi Colter Post für die Sängerin, die zur Outlaw Bewegung der Country Music gehörte. Wir hören mal eben in ↝What's Happened to Blue Eyes hinein. Als sie klein war, hat sie in der Kirche das Piano gespielt, dazu ist sie, wenn man so will, im letzten Jahr nach zehnjähriger Pause zurückgekehrt, als sie ↝The Psalms auf den Markt brachte. Was sie da mit Lenny Kaye eingespielt hat, ist ganz erstaunlich. Hören Sie doch einmal ↝hier hinein.

Jessi Colters Ehemann ↝Waylon Jennings hat hier natürlich auch schon einen Post. Und ich habe bei dem wunderbaren amerikanischen Dichter ↝Red Shuttleworth ein Gedicht gefunden, das Waylon Jennings heißt, das möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

The guitar skitters, jumps. It's a pounding
bad-ass surly song: Take your sorry chances.
'cause gloom is what we all deserve,
for this is Pay Later Day, but if you can
battle past it, finally truth your way around
the cactus, she'll be there in a black Cadillac,
Love. It's a Wednesday, probably, sweat and dread.
He takes a pull off a bottle of whiskey,
can't seem to sleep on the ebony Silver Eagle
somewhere between Chickasha and Mineral Wells.
It's a gambler's soup and losers end at sixty
in furnished rooms feeding D-Con to rats.
He laughs, jots down some lines on a girl
with a nest of vultures in her topaz eyes.

Donnerstag, 24. Mai 2018

Annette von Droste-Hülshoff


Annette von Droste-Hülshoff ist am 24. Mai 1848 auf der Burg Meersburg in Meersburg gestorben. Mein Freund Peter in Hamburg mag sie, ich habe mein Leben lang um sie einen Bogen gemacht. Nicht, dass ich sie nie gelesen hätte, ich habe sie sogar einige Male in diesem Blog erwähnt, aber ich bin ohne sie ausgekommen. Dennoch habe ich an diesem Tag etwas anzubieten, nämlich zwei Gedichte. Nicht von der Droste, es sind Gedichte von anderen Dichtern. Das erste Gedicht ist von Sarah Kirsch, die Marcel Reich-Ranicki 1980 als der Droste jüngere Schwester bezeichnet hat. Das Gedicht, das häufig zitiert worden ist, findet sich in dem Band Zaubersprüche (1973):

Der Droste würde ich gern Wasser reichen
in alte Spiegel mit ihr sehen, Vögel
nennen, wir richten unsre Brillen
auf Felder und Holunderbüsche, gehen
glucksend übers Moor, der Kiebitz balzt
Ach, würde ich sagen, Ihr Lewin – 
schnaubt nicht schon ein Pferd?

Die Locke etwas leichter – und wir laufen
den Kiesweg, ich die Spätgeborne
hätte mit Skandalen aufgewartet – am Spinett 
das kostbar in der Halle steht
spielen wir vierhändig Reiterlieder oder 
das Verbotene von Villon
Der Mond geht auf – wir sind allein

Der Gärtner zeigt uns Angelwerfen
bis Lewin in seiner Kutsche ankommt
der schenkt uns Zeitungsfahnen,
Schnäpse gießen wir in unsre Kehlen, lesen 
Beide lieben wir den Kühnen, seine Augen 
sind wie grüne Schattenteiche, wir verstehen 
uns jetzt gründlich auf das Handwerk Fischen

Das zweite Gedicht ist, Sie ahnen das schon, von Gottfried Benn. Das muss am Todestag der Droste zitiert werden, das geht nicht anders:

In jenem kleinen Bett, fast Kinderbett, starb die Droste
(zu sehn in ihrem Museum in Meersburg),
auf diesem Sofa Hölderlin im Turm bei einem Schreiner,
Rilke, George wohl in Schweizer Hospitalbetten,
in Weimar lagen die großen schwarzen Augen
Nietzsches auf einem weißen Kissen
bis zum letzten Blick −
alles Gerümpel jetzt oder garnicht mehr vorhanden,
unbestimmbar, wesenlos
im schmerzlos-ewigen Zerfall.

Wir tragen in uns Keime aller Götter,
das Gen des Todes und das Gen der Lust −
wer trennte sie: die Worte und die Dinge,
wer mischte sie: die Qualen und die Statt,
auf der sie enden, Holz mit Tränenbächen,
für kurze Stunden ein erbärmlich Heim.

Kann keine Trauer sein. Zu fern, zu weit,
zu unberührbar Bett und Tränen,
kein Nein, kein Ja,
Geburt und Körperschmerz und Glauben
ein Wallen, namenlos, ein Huschen,
ein Überirdisches, im Schlaf sich regend,
bewegte Bett und Tränen −
schlafe ein!

Mittwoch, 23. Mai 2018

Petrolumkönige


Cinderella Rockefella sangen einst Esther und der vor kurzem verstorbene Abi Ofarim, das war 1968 ein großer Hit. Das bringt mich zu John D. Rockefeller, der am 23. Mai 1937 im Alter von 98 Jahren gestorben ist. Er war der reichste Mann der Welt. The only question with wealth is, what do you do with it? hat er einmal gesagt. Es ist eine gute Frage. Als ich im Wikipedia Tageskalender las, dass heute der Todestag von John D. Rockefeller ist, dachte ich mir, ich schreibe einmal über seinen Bremer Geschäftspartner Franz Schütte (Bild). Denn der hatte 1890 zusammen mit Rockefeller die Deutsch-Amerikanische Petroleum Gesellschaft gegründet.

Dieses Bild kennen Sie, es ist von Edward Hopper und heißt schlicht Gas. Zu dem Bild gibt es ↝hier schon einen ausführlichen Post. Das Bild wirkt wie eine Illustration zu einer Romanstelle von Fitzgeralds ↝The Great Gatsby, wo es heißt: Already it was deep summer on roadhouse roofs and in front of wayside garages, where new red petrol-pumps sat out in pools of light. Da sind die new red petrol-pumps, hier sind sie von der Firma Mobilgas, aber sie könnten auch von Standard Oil sein, die eines Tages die Firma Mobilgas schlucken wird.

Und das bringt mich zurück zu der Deutsch-Amerikanischen Petroleum Gesellschaft von Franz Schütte, den man in Bremen den Petroleumkönig nannte. Hamburg hat mit ↝Godeffroy einen Südseekönig, die Bremer haben einen Petroleumkönig. Rockefellers Mineralölunternehmen, an dem Schütte einen Anteil hatte, gibt es immer noch. Es heißt heute Esso, die phonetische Schreibweise der Abkürzung SO für Standard Oil. Das Ölgeschäft ist nicht das einzige, dass Schütte interessiert. Er bereichert die Sammlungen des ↝Bremer Kunstvereins, dessen Vorsitzender sein Bruder Carl ist. 1893 gründet er mit anderen Aktionären den Bremer Vulkan in Vegesack. Die Gründung der Bremen Vegesacker Fischerei Gesellschaft (die hier mit ↝Heringe einen Post hat) ist auch sein Verdienst.

Es gibt in Bremen für den Philanthropen und Mäzen natürlich eine Franz Schütte Allee im feinen Oberneuland. Die Straße fängt fein an und heißt ↝Kurfürstenallee. Geht dann nicht so fein in der ↝Neuen Vahr weiter, da heißt sie Richard Boljahn Allee. Der ist natürlich niemals ein Philanthrop gewesen. Den ↝Politiker, nach dem Bremen in den sechziger Jahren für viele Boljanograd heißt, hätte mein Opa am liebsten im Gefängnis gesehen. Boljahn hat sich bei den ↝Straßenbahnunruhen 1968 noch dadurch hervorgetan, dass er vom Schusswaffeneinsatz gegen die protestierenden Schüler träumte. Doch das ist auch das Ende von König Richard, wie man ihn nannte, die ↝Baulandaffäre bricht ihm endgültig das Genick.

Um das Geschäft mit Rockefeller zu besiegeln, reist Schütte 1889 mit seinem Compagnon Wilhelm Anton Riedemann (nach dem in Bremen auch eine Straße benannt ist) nach New York, im November können sie den Vertrag mit der Standard Oil Company of New York unterschreiben. Amerika kannte Schütte, denn nach seiner kaufmännischen Ausbildung bei der Tabakfirma Lüttge & Horst in Bremen war er mit seinem Bruder Carl in die USA gegangen, auch die väterliche Firma war ja im ↝Tabakgeschäft.

Den Riedemann hatte Schütte ins Geschäft genommen, weil der eine Reederei hatte und der erste war, der richtige Tankschiffe bauen ließ. Davor hatte er in New York das Petroleum in die Wassertanks der Segelschiffe kippen lassen. Die Entladung der gefährlichen Fracht in Hamburg bereitete ihm keine Schwierigkeiten, er hatte den ganzen Petroleumhafen gepachtet. Riedemann (1917 geadelt) war ein Vorläufer der griechischen Tankerkönige wie Onassis und Niarchos, er besaß zu Anfang des Ersten Weltkriegs die größte Tankerflotte der Welt. In seiner Heimatstadt Meppen nennt man ihn auch den Petroleumkönig.

Als ich die Namen Rockefeller und Franz Schütte bei Google eingab, war eins der ersten Ergebnisse ein Post namens ↝Rockefeller. In einem Blog namens SILVAE. Ich hatte völlig vergessen, dass ich diesen Post geschrieben hatte. Das kann passieren, 2.182 Posts in sieben Jahren, da verliert man schon einmal die Übersicht. Franz Schütte kommt noch an einer ganz anderen Stelle in diesem Blog vor, nämlich in dem Post ↝Benn & Oelze. Nicht weil Benn Franz Schütte gekannt hat, aber weil sein Freund und Bewunderer Oelze mit einer Frau aus der Schütte Familie verheiratet war. The only question with wealth is, what do you do with it? Schütte, der über ein Vermögen von 25 Millionen Mark verfügt, tut gute Werke, Schüttes Spenden kann man überall in Bremen noch sehen. Riedemann tut auch gute Werke und kauft sich auf dem Olsdorfer Friedhof noch ein riesiges Mausoleum für sich und seine Familie. Mitnehmen kann man das Geld ja nicht, auch Petroleumkönige nicht.

Montag, 21. Mai 2018

Gruen


Das Beste am Uhrensammeln sind die Geschichten, die man dabei zu hören bekommt. Man muss ein gut trainiertes Pokerface haben, um sich alle Lügen der Händler ungerührt anzuhören. Oder um nicht über einen Professor der Altphilologie zu lachen, der dem Uhrmacher versichert, dass er seine Uhr jeden Morgen zur gleichen Zeit aufzieht, zwanzig Mal rechtsrum. Aber jetzt geht sie nicht mehr. Er hat sie jeden Morgen umsonst aufgezogen, es war eine Quartzuhr, die nur eine neue Batterie brauchte. Ich  habe mit der Zeit schon einige dieser Geschichten hier erzählt, wie die von dem Uhrmacher in Alaska, der seinem Kunden empfiehlt, die Taschenuhr von ↝Charles Fasoldt in die Mülltonne neben der Tür zu werfen. Oder die wunderbare Geschichte, die am Anfang des Posts ↝Militäruhren steht.

Leider ist das Uhrensammeln zu einer eintönigen Sache geworden. Auf den Flohmärkten ist nichts mehr, bei ebay gibt es viel, aber das kann man nicht in die Hand nehmen und ans Ohr halten. Dann gibt es diese sogenanten Sammler, die mit einem Luxusschlitten bei den Auktionen von Dr. Crott vorfahren (wenn ich 10 Euro für jeden Fehler in seinen luxuriös gedruckten Katalogen bekommen würde, wäre ich ein reicher Mann) und sich etwas ersteigern, was teurer ist als die Spitzenerzeugnisse aus Untertürkheim. Und es dann in den Safe packen. Als ich vor vielen Jahren einen Hersteller von Uhrenbewegern fragte, weshalb er die meisten Modelle mit Batterien liefere, sagte er: für den Safe. Ich muß ihn völlig verständnislos angeguckt haben, als er mir erklärte, dass sich Millionäre so was kaufen, damit ihre Automatikuhren mit ewigem Kalender sich im Bankschließfach drehen können. Ich glaube fest, dass die Auktionspreise, die sie bezahlen, eigentlich Strafsummen für Dummheit und schlechten Geschmack sind.

Am unteren Ende des Antikuhrengeschäftes sind die Flohmarkthändler, die heute für schrabbelige Dugenas aus den siebziger Jahren dreistellige Eurosummen fordern, früher hätten sie die verschenkt. Der Antikuhrenmarkt war ja der erste Markt, der bei der Umstellung auf den Euro eins zu eins umgerubelt hat. Was auf den Flohmärkten völlig verschwunden ist, sind seriöse Händler mit seriöser Ware, da bekommt Sedlmayrs Verlust der Mitte eine neue Bedeutung.

Ich möchte heute eine kleine Geschichte erzählen, die mit der amerikanischen Uhrenmarke Gruen zu tun hat. Gegründet von dem Deutschen Dietrich Grün (hier der Firmensitz Time Hill im altdeutschen Stil in Cincinnati), wurde die Firma schnell zur größten Uhrenfirma Amerikas. Grün, der sich in Amerika Gruen nannte, ließ sich seine Rohwerke in Biel bei Aegler bauen (die Familie Gruen hatte auch Aktienanteile an Aegler) und veredelte sie in seiner ↝Precision Factory. Die steht heute noch, allerdings steht heute der Name Rolex auf dem Gebäude. ↝Rolex war ebenso wie Gruen Kunde bei Aegler, heute gehört ihnen die Fabrik.

Da Gruen und Rolex in vielen Fällen die gleichen Rohwerke von Aegler geliefert bekamen, gibt es heute eine Vielzahl von Fälschern, die ein Gruen Werk zu einem Rolex Werk umfrisieren. Das betrifft vor allem dieses Werk der Rolex Prince, das sich genauso in Gruen Uhren findet. Aber auch in einer Alpina ticken kann. Dr Ranfft, der die besten Seiten zu Uhrwerken im Internet hat, sagt dazu: In der Zeit der Alpina-Gruen-Gilde 1929-1937, an der auch Rolex beteiligt war, gab es sicher keine wesentlichen Preisunterschiede zwischen den baugleichen Modellen der drei Marken - heute schon. Wer sich heute für ein mit Alpina und/oder Gruen signiertes Exemplar entscheidet, spart eine Menge und hat dazu die Gewähr, daß er keine auf Rolex umsignierte Uhr bekommt.

Meine kleine Gruen Geschichte führt Sie heute nach New York:

Georg ist untröstlich. Da wollte er mir etwas aus New York mitbringen und dann das. Nicht, dass er jeden Tag in New York wäre. Er hat die Reise auf der Queen Elizabeth II beim Englischen Tag in Flottbek 1998 gewonnen, wo er mit seiner Mannschaft ↝Cricket gespielt hatte. Hatte zwei Lose gekauft, wie man das so tut. Und sie dann vergessen. Wochen später ruft jemand von dem Organisationsbüro an und fragt, ob er die Lose nicht einlösen wolle? Also ist er mit Bärbel über den Atlantik, ich habe ein Photo von ihm, wie er mit ↝Dinner Jacket beim Captain’s Dinner sitzt. Ich hatte ihm gesagt: Bring mir eine alte Gruen Curvex mit, vierziger Jahre. Kriegste für fünfzig Dollar. 

Hat mir mein Hamburger Händler R. gesagt. Den habe ich auf dem Flohmarkt kennengelernt, er hat tolle alte Uhren. Fliegt einmal im Jahr zu den großen Jahresversammlungen der National Association of Watch and Clock Collectors. Kauft groß ein, Uhren sind damals in den USA billig. Verkauft sie dann hier teuer weiter. Er hat mir sogar eines Tages eine Jahresmitgliedschaft der NAWCC geschenkt. Bin ich immer noch Mitglied, muß man als Uhrensammler sein. Ich hatte mal eine Gruen Curvex von ihm, die zickte aber immer rum, da habe ich sie gegen eine alte ↝IWC getauscht. Na ja, ich musste was dazubezahlen. 

Also, Georg hat an die Gruen gedacht. Hatte auch ein schlechtes Gewissen, weil er zweimal meinen Geburtstag vergessen hatte. Ist aber nicht in einen kleinen Laden in einer Seitenstraße rein, sondern in Time Will Tell von Stewart Unger in der Madison Avenue. Das Mekka der Uhrensammler. Die haben ganz andere Preise. Die haben ihn nicht gerade ausgelacht, weil er eine Gruen für 50 Dollar haben wollte, die waren da sehr höflich. Mr Unger, der auch ein Buch über amerikanische Armbanduhren geschrieben hat, hat ihm eigenhändig Farbkopien von den Modellen gemacht, die er im Laden hatte. Und mit feiner Schrift Modelle und Preise dazugeschrieben. Alles im vierstelligen Bereich.

Stewart Unger hatte in den frühen 70er Jahren begonnen, alte amerikanische Armbanduhren auf Flohmärkten zu kaufen, zu Preisen von fünf bis zehn Dollar. Niemand sammelte damals Armbanduhren: I was buying watches and putting them in the apartment. I didn't even know why I was doing it. Als ein Jahrzehnt später das Sammeln von Armbanduhren chic wurde - wahrscheinlich wollte man statt der seelenlosen neuen Quarzuhren wieder etwas Tickendes am Arm haben - stand Unger gut da. Jetzt konnte er an die Uhren, die er für fünf Dollar gekauft hatte, ein Preisschildchen mit einer vierstelligen Summe hängen.

Und das wollte Georg nun doch nicht ausgeben, wo er gerade die vielen Trinkgelder auf der Queen Elizabeth II bezahlt hat, die waren im Losgewinn nämlich nicht drin. Aber irgendwie hat er jetzt ein schlechtes Gewissen. Andererseits muß er zugeben, dass der Besuch bei Mr. Unger ein wirkliches Erlebnis bei dieser Reise war. Besser als das Captain’s Dinner. Ich habe dann den Gedanken mit der Gruen aufgegeben. Spätestens als mir R. eine weißgoldene Movado Curviplan von 1934 verkauft hat. Bei ihm hätte ich mich ja Jahr für Jahr in Versuchung bringen lassen, er ist der ideale Händler: er versteht etwas davon, er hat Uhren, die kein anderer hat. Und er macht mir akzeptable Preise, manchmal Freundschaftspreise. Aber irgendwann ist das alles leider vorbei. R. wurden seine ganzen Uhren geklaut, als er auf einer Uhrenmesse mal kurz seinen Stand verließ.

Ich besitze eine einzige Gruen, aber das ist keine amerikanische Gruen, es ist eine Genfer Gruen. In der Uhr ist das Werk 415R (natürlich von Aegler). Hochfein mit Breguetspirale, Glucydurunruhe, Stoßsicherung und verschraubtem Decksteinplättchen für das Ankerrad. Das 18-karätige rosegold Gehäuse kommt von einem Genfer Gehäusemacher. Die Uhr heißt Gruen Genève und stammt aus der Zeit kurz nach dem Ende des Krieges. Da wollte Gruen an den europäischen Luxusmarkt ran, hatte eine Dependance in Genf eröffnet, damit man Genève aufs Zifferblatt schreiben durfte. Sie sind sofort von den berühmten Genfer Firmen verklagt worden, die Angst vor dem amerikanischen Riesen hatten (damals verkaufte Patek, wenn’s hoch kam 2.000 Uhren im Jahr, Gruen dagegen 200.000). Aber das oberste Schweizer Gericht gab Gruen Recht, sie durften das Modell Gruen Genève in Genf bauen.

Meine Gruen Genève sieht aus wie eine alte Vacheron, sehr flach, sehr groß, sehr stylish. Der damalige Besitzer hat 1951 in der Schweiz dafür 800 Mark auf den Tisch gelegt, für einen Hunni mehr hätte er eine Patek kaufen können. Es ist bei Uhren immer schön, wenn man ihre ganze Geschichte kennt. Ich will lieber nicht erzählen, dass ich diese schöne Uhr für’n Appel und‘en Ei gekauft habe. Wenn die Händler nix davon verstehen, warum soll ich sie da aufklären? Ich finde leider kein Bild im Internet von meinem schönen Modell. Gruen scheint die Sache mit den Luxusuhren schnell aufgegeben zu haben, später schreiben sie Genève auf alle möglichen Uhren.

Und dann habe ich zum Schluss noch eine kleine Uhrengeschichte mit einer goldenen Gruen, die vielen unbekannt sein mag. Sie kennen diese Dame aus dem ersten James Bond Film, da heißt sie Sylvia Trench. Was trägt ↝James Bond am Arm, wenn er sie kennenlernt? Nicht die fette Rolex, die ihm der Produzent Cubby Broccoli für die Dreharbeiten geliehen hatte, nein, eine goldene ↝Gruen mit dem Kaliber 510. Bei manchen Sammlern heißt das Modell heute Sylvia Trench watch. Sean Connery hat die goldene Gruen übrigens in mehreren Filmen getragen, wir können sie auch in Goldfinger sehen, wenn er mit Oddjob kämpft und die Welt rettet. Kann man alles mit einer Gruen machen, dafür braucht man keine Rolex.


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Sonntag, 20. Mai 2018

Felliniesque


Ich finde es ein wenig erstaunlich, dass ich hier noch nie über Fellini geschrieben habe. Gut, er kommt in ↝Cinecittà und die Mode und in vielen anderen Posts vor, aber es gibt keinen richtig großen Fellini Post. Sein Kollege Michelangelo Antonioni hat dagegen mehrere Posts. Und Visconti kommt hier mit ↝Ossessione und ↝temps perdue auch schon vor.

Am Ende des Posts ↝Steve Cochran (ein Post, der mit viel Liebe geschrieben ist) habe ich gesagt: Mehr Michelangelo Antonioni in diesem Blog unter ↝Swinging London, ↝Michelangelo Antonioni und ↝Antonioni. Als ich das erste Mal über Antonioni schrieb, endet der Post mit: Ich merke gerade, dass ich jetzt Tage (oder Wochen) über Antonioni weiter schreiben könnte. Ich höre erst einmal auf und stelle das ein. Vielleicht ein anderes Mal. So dacht ich. Nächstens mehr, wie Hölderlin am Ende von Hyperion sagt. Ich habe drei Jahre gebraucht, um dieses Nächstens mehr wahr zu machen. Aber ich war am Anfang meines Blogger Lebens, ich wußte noch nicht, wohin es mich führen würde.

Ich mag Fellini, ich habe beinahe all seine Filme gesehen, viele habe ich auf DVD, Drehbücher besitze ich auch, auf jeden Fall alles, was bei Diogenes erschienen ist. Und dennoch: kein Fellini Post im Blog. Dies heute wird eigentlich auch keiner, es geht hier nur um den Einfluss von Fellini. Wenn Sie den Post ↝Attolini gelesen haben, dann kennen Sie diesen Herrn, es ist Toni Servillo, der den Schriftststeller Jep Gambardella in dem Film ↝La grande bellezza spielt. Immer elegant, immer in Jacketts und Anzügen von Attolini. Ein Schneider, der Marcello Mastroianni auch schon einkleidete, allerdings trug der nie so bunte Jacketts.

Dass Attolini den Film ausstaffierte, haben alle Gazetten berichtet, eine bessere Werbung konnte es nicht geben. Dagegen war die Kampagne von Brioni gar nichts, die einmal James Bond einkleideten. In dem Buch Italian Style: Fashion & Film from Early Cinema to the Digital Age von Eugenia Paulicelli, das mir der Tobias geschenkt hat, sind Attolini und dem Film La grande bellezza ein ganzes Kapitel gewidmet. Kommt gleich nach Antonioni und Fellini.

Paolo Sorrentinos Film wird von den meisten Kritikern in Beziehung zu Fellini gesetzt. Reise ans Ende der Nacht: Paolo Sorrentinos grandiose Fellini-Hommage ist eine Feier der morbiden und mondänen Schönheit Roms, gesehen mit den Augen eines einflussreichen und allseits gefürchteten Klatschreporters, titelte die ↝NZZ. Die Nähe zu Fellinis La Dolce Vita und Achteinhalb ist offensichtlich.

Dass im Titel des NZZ Artikels Louis-Ferdinand Célines ↝Voyage au bout de la nuit zitiert wird, ist kein Zufall, denn der Film beginnt mit einem Céline Zitat: Viaggiare, è proprio utile, fa lavorare l'immaginazione. Tutto il resto è delusione e fatica. Il viaggio che ci è dato è interamente immaginario. Ecco la sua forza. Va dalla vita alla morte. Uomini, bestie, città e cose, è tutto inventato, è un romanzo, nient'altro che una storia fittizia. Lo dice Littré, lui non si sbaglia mai. E poi in ogni caso tutti possono fare altrettanto. Basta chiudere gli occhi, è dall'altra parte della vita.

Der Erfolg des Romans, der den Journalisten Jep Gambardella berühmt gemacht hat, liegt Jahrzehnte zurück. Er kann nichts mehr schreiben: Sono anni che tutti mi chiedono perché non torno a scrivere un nuovo romanzo. Ma guarda 'sta gente, 'sta fauna. Questa è la mia vita, non è niente. Flaubert voleva scrivere un romanzo sul niente, non c'è riuscito. Ci posso riuscire io? Jetzt bewegt sich der alternde Flaneur nachts durch Rom, von Party zu Party: Ich wollte der König der mondänen Welt sein und es ist mir auch gelungen. Ich wollte nicht nur auf die Partys eingeladen werden. Ich wollte die Macht haben, jede Party zu sprengen. Aber er merkt, wo er auf die 65 zugeht, dass sein Leben leer ist.

Der Film zeigt diese Reise ans Ende der Nacht in rauschhaft schönen Bildern, Antonioni und Fellini waren da sparsamer, wenn sie ihre Helden durch die Großstadt wandern ließen. Es wird viel geredet, manchmal bösartig, wenn Jep Stefanias (Galatea Ranzi) ↝Lebenslügen, die wie ein O'Neillscher pipe dream sind, auseinandernimmt: La storia ufficiale del partito l'hai scritta perché per anni sei stata l'amante del capo del partito. I tuoi undici romanzi pubblicati da una piccola casa editrice foraggiata dal partito, recensiti da piccoli giornali, vicini al partito, sono romanzi irrilevanti, lo dicono tutti, questo non toglie che anche il mio romanzetto giovanile fosse irrilevante, su questo ti do ragione ... 

Allora invece di farci la morale… di guardarci con antipatia... dovresti guardarci... con affetto… Siamo tutti sull'orlo della disperazione, non abbiamo altro rimedio che guardarci in faccia, farci compagnia, pigliarci un poco in giro... O no? Auch wenn das böse ist und ein wenig nach Who's afraid of Virginia Woolf  klingt, wenig später tanzen sie bei einer Hochzeitsfeier engumschlungen.

Der Film kann sehr witzig sein. Wenn Jep Gambardella eine Liebesnacht mit Isabella Ferrari verbracht hat und sie ihren Laptop holt, um ihm ihre Nackphotos auf Facebook zu zeigen, ist er plötzlich verschwunden. Wir hören nur seine Stimme: Die wichtigste Erkenntnis nach meinem 65. Geburtstag ist die, dass ich keine Zeit mehr mit Dingen verlieren möchte, auf die ich keine Lust habe.

Mein Lieblingsdialog ist in einer kleinen Szene, wo Jep einem jungen Mann namens Andrea sagt: Non li piglia' troppo sul serio questo scrittori. Und der fragt: Se non prendo sul serio Proust, chi devo piglia' sul serio? Jep: Niente, niente devi piglia' sul serio — eccetto il menu, naturalmente... Insomma Andrea le cose so' troppo complicate per consentire a un singolo individuo di capire. Andrea: Il fatto che tu non abbia capito non significa che nessuno possa capire.

La Grande Bellezza hat einen Oscar bekommen. In Italien kam der ↝Film von Paolo Sorrentino trotz der Anzüge von Attolini nicht so gut an. Antonionis Filme zuerst auch nicht: In Italy, The Great Beauty received a mixed critical reception, ranging from the lukewarm to the outright negative, thus confirming a sad national tradition – started long ago with Roberto Rossellini’s Roma città aperta (Rome, Open City, 1945) – one that determinately neglects important domestic pictures. Only after the film enjoyed international success and won prestigious awards (including the European Critics’ Award, The Bafta, the Golden Globe, the Oscar), did audience and critics appropriate it.

La Grande Bellezza, den Arte letztens gesendet hat (wie auch Il Divo vom gleichen Regisseur auch mit Toni Servillo), ist als DVD leicht erhältlich, und ich kann hier noch einen sehr guten Aufsatz von ↝Carlotta Fonzi Kliemann empfehlen.

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Pfingsfest.

Samstag, 19. Mai 2018

Royals


Es wird heute genügend Berichte von der Hochzeit in London geben, ich halte mich da etwas zurück. Diesen Cartoon von Mac (das ist Stanley McMurtry) konnte man am 28. November 2017 in der Daily Mail sehen. Die Bildunterschrift lautete: MARKLE, Philip, dear. MEGHAN MARKLE! Harry's not marrying Angela Merkel! Ich fand den Cartoon damals wunderbar.

Die Hofdichterin Carol Ann Duffy (die hier schon erwähnt wird), die sich bei den letzten royalen Ereignissen merkwürdig still verhielt, und lieber über David Beckham als über die königliche Familie schrieb, hat diesmal für Harry und Meghan ein Gedicht geschrieben. Es heißt The Long Walk, und es ist, wenn wir ehrlich sind, ein etwas armseliges Gedicht:

It should be private, the long walk
on bereavement’s hard stones;
and when people wave, their hands
should not be mobile phones,
nor their faces lenses;
so your heart dressed in its uniform.
On. Then one blessed step
and the long walk ended
where love had always been aimed,
her arrows of sweet flowers gifting
the air among bells - yes, they all looked -
and saying your name.


Hofdichter zu sein ist keine leichte Aufgabe. Als Ted Hughes Poet Laureate war, schrieb Andrew Motion dies kleine Gedicht für ihn:

My family are a trial to Ted Hughes:
No sooner do they marry than divorce
His burdens would be lighter if he chose
To write about a corgi or a horse.

Und als Andrew Motion selbst Hofdichter war, schickte ihm Attila the Stockbroker das Gedicht: In Sympathy with the Poet Laureate anläßlich der Hochzeit von Charles und Camilla:

(I have never envied your task: especially now.....)
Their tenure should have ended at that final Worcester battle
But to this day we're fed a diet of endless royal prattle
And soon will come that awful time which some of us
are dreading:
The global media yawn-fest which is
Chas and Millie's wedding....
There's squabbling in the churches and across the Union Jack:
To write this one, I think you'll need to DRAIN your butt of sack!
We just need abolition, not a Cromwell-style beheading.
It's their business and theirs alone, old Chas & Millie's wedding.
It really doesn't matter who is sitting on the throne:
They're all as dull as dishwater and should be left alone.
I don't care what their hamster's called or whom
they are a-bedding:
I want some interesting news, not Chas & Millie's wedding!
So, Andrew, if your royal task becomes too much to bear
Go to your favourite football club and write your poems there.
I'm Brighton's Poet in Residence: tonight we're home to Reading.
That's worthy of a verse or two. Not Chas & Millie's wedding!

Ich bin natürlich Royalist, das wissen Sie. König Frederik von Dänemark hat mir mal die Hand geschüttelt. Die Königin Elizabeth habe ich 1958 in Amsterdam und 1965 in Hamburg gesehen, mit Philip war ich einmal in einem Raum und bewunderte seine weinroten Schuhe. Wenn Sie noch mehr von der königlichen Familie wissen wollen, dann kann ich folgende Posts anbieten: BesucherHofdichter: Gott schütze die Königin, Morning Coat, Lisbeth, QueenTeckel & Corgwn

Mittwoch, 16. Mai 2018

Tom Wolfe


Ich war zwei Monate als Blogger im Internet, da gratulierte ich Tom Wolfe zum 79. Geburtstag. Ich hätte ja noch ein Jahr bis zum 80. warten können, aber ich wusste nicht, ob ich dann noch Blogger sein würde oder Tom Wolfe noch leben würde. Er hat noch lange gelebt, vorgestern ist er im Alter von 88 Jahren gestorben. Dennoch war der Märztag 2010 eigentlich sein 80. Geburtstag, ich war nur durch falsche ↝Jahreszahlen getäuscht worden. Wikipedia (deutsch) hält immer noch fälschlicherweise am Geburtsjahr 1931 fest. Der ↝Post vom 2. März 2010 war nicht das einzige Mal, dass der Mann aus den Südstaaten hier einen Auftritt hatte, geben Sie mal seinen Namen in das kleine Suchfeld ein. Es ist erstaunlich, wo er auftaucht. Natürlich in Posts wie ↝Ärmelfutter und ↝Dichtermode, weil ihn Mode mehr interessierte als jeden anderen amerikanischen Schriftsteller. Vielleicht mit Ausnahme von ↝Frederick Seidel. Ich stelle den Post aus dem Jahre 2010 hier noch einmal ein, ich hatte damals noch nicht so viele Leser.

Herzliche Glückwünsche an das whizz kid aus Richmond! Thomas Kennerly Wolfe, Jr. wird heute 79. Er hat sich Tom genannt, weil er nicht mit dem anderen berühmten Thomas Wolfe verwechselt werden wollte. Der, der bei seinem Besuch in Berlin ↝Ernst Rowohlt unter den Tisch getrunken hat. Und diesen Koffer voll Manuskriptseiten abgeliefert hat, aus denen Maxwell Perkins bei Scribners dann Look Homeward, Angel heraus sortieren durfte. Nein, dies ist der Tom Wolfe, der körperlich klein, aber geistig ganz groß ist. Der sich in den siebziger Jahren seinen ersten weißen Anzug bei Vincent Nicolosi in New York machen ließ und seitdem Nicolosis treuester Kunde ist. Die weißen Anzüge sind sein Markenzeichen geworden, schon Mark Twain hatte das erkannt, dass ein weißer Anzug einen großen Wiedererkennungswert hat. Er hat in Yale studiert, hat sogar einen PhD Titel. Begann als Journalist und hat den New Journalism erfunden. Heute assoziiert man ihn mit The Bonfire of Vanities, zu dessen theoretischer Untermauerung er einen langen Essay, ↝Stalking the Billion-footed Beast, geschrieben hat. Rückkehr zum Roman des 19. Jahrhunderts, zu Dickens und (vor allem) Zola war das Rezept, das Dr Wolfe den amerikanischen Schriftstellern verordnete.

Als er noch keinen weißen Anzug trug, hat er The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby geschrieben und den Geist der Sixties eingefangen wie kein zweiter. Ein hypernervöser, vibrierender Stil, geeignet zur Beschreibung von hot rod cars, Las Vegas und Junior Johnson, dem last American Hero. Später werden die American heroes in The Right Stuff wieder auftauchen und ↝Chuck Yeager et al. heißen. Tom Wolfe hat den Begriff New Journalism erfunden und auch einen Sammelband mit einem intelligenten Vorwort über die Anreicherung der Reportage mit literarischen Mitteln versehen. Er war nicht der einzige, der damals so schrieb, auch Hunter S. Thompson hatte es drauf. Und Norman Mailer in The Armies of the Night. Oder die hierzulande weniger bekannte ↝Joan Didion, die eigentlich immer gut ist. Truman Capote sprang auch noch in letzter Minute auf den Zug der non-fiction novel auf und schrieb In Cold Blood. Aufregende Zeiten für die amerikanische Literatur.

Nach den Erfolgen seiner ersten Bücher gab ihm sein Verlag eine carte blanche, und er durfte schreiben worüber er wollte. Er schrieb über Kunst, moderne Kunst und die Kunstkritiker, the kings of cultureburg. Sein Buch The Painted Word war eine Frontalattacke auf alles, was die amerikanische Kunst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs produzierte. From Bauhaus to Our House demontiert süffisant die Idolatrie der ↝Bauhaus Architektur: O Beautiful, for spacious skies, for amber waves of grain, has there ever been another place on earth where so many people of wealth and power have paid for and put up with so much architecture they detested as within thy blessed borders? Und er beantwortet die rhetorische Frage, in die er Katharine Bates' America the Beautiful eingebettet hat, mit einem lakonischen I doubt it seriously.

So lesenswert Romane wie Bonfire of the Vanities und A Man in Full sind, ich finde die Essays von The Kandy-Kolored Tangerine-Flake Streamline Baby und den nachfolgenden Büchern besser. Aber am besten gefällt mir der Tom Wolfe, der der Kunstkritiker und der Literaturkritiker ist. In The Painted Word, in From Bauhaus to Our House, dem Vorwort zu The New Journalism, dem Stalking the Billion-footed Beast und der Jefferson Lecture von 2006. Diese Institution des National Endowment for the Humanities gibt es seit 1972, die crème de la crème Amerikas hat da in Washington gesprochen. Und Tom Wolfe hatte da einen Höhepunkt, als er über La bête Humaine sprach. Ist besser als alles, was amerikanische Präsidenten in letzter Zeit gesagt haben.

Happy birthday, Tom, and many happy returns!

Da der Post damals mit der Erwähnung von amerikanischen Präsidenten endete, sollte ich vielleicht sagen, dass Tom Wolfe, der immer so hip und links wirkt, in Wirklichkeit ein knallharter Konservativer ist. Ich weiß, dass ich damit unser aller Tom Wolfe Bild kaputt mache. Er bewunderte Ronald Reagan (one of the greatest presidents ever) und George W Bush. Donald Trump hat er a lovable megalomaniac genannt. Ich habe in dem Post aus dem Jahre 2010, der nicht häufig gelesen wurde, nichts geändert, nur einige Links eingfügt. Zum Beispiel zu Wolfes programmatischem Aufsatz ↝Stalking the Billion-footed Beast. Tom Wolfe hat sich immer wieder zum Verhältnis des von ihm geprägten New Journalism geäußert. Dass diese neue Form des Schreibens would wipe out the novel as literature’s main event ist wohl ein klein wenig übertrieben. Ich kann hier noch Tom Wolfe aus dem Jahre 1972 mit einem ↝Artikel anbieten, wo er die Entstehung des New Journalism beschreibt.

Ich habe vor Jahrzehnten mal ein Seminar über Tom Wolfe und den ↝New Journalism gemacht. Eine meiner Studentinnnen, die über The Bonfire of the Vanities eine Seminararbeit schreiben wollte, machte etwas Erstaunliches. Sie schrieb dem Professor Dietrich Schwanitz einen Brief, in dem sie sagte, ihr Dozent hätte gesagt, dass sein Roman Der Campus bei Tom Wolfe abgekupfert sei. Professor Schwanitz warf den Brief nicht in den Papierkorb. Nein, er antwortete. Er wolle die Seminararbeit erst sehen, bevor er sich dazu äußere. Die Studentin schickte ihm ihre Arbeit, und Schwanitz schrieb eine lange Stellungnahme, weshalb er was bei Tom Wolfe übernommen hatte. Die Studentin pappte das an ihre Arbeit dran. Bekam natürlich eine eins dafür. Das hätte Tom Wolfe sicher amüsiert.