Samstag, 5. Mai 2018

Zigarrren


Sieht er wirklich aus wie Karl Marx? Das hier ist ↝Mario Adorf als Karl Marx. Marx hat in diesen Tagen Konjunktur, es ist sein 200. Geburtstag. Ich muss gestehen, dass ich nur wenig von Marx gelesen habe. Auch ↝1968 nicht, als er noch gefragter war als heute. Und es Filme gab, die Die Kinder von Marx und Coca Cola hießen. Ich habe mehr von Friedrich Engels gelesen als von Karl Marx. Das liegt wahrscheinlich daran, dass der mal in Bremen war und nette Dinge über meinen Heimatort ↝Vegesack gesagt hat. Engels lässt in seinem ↝Bericht über die Schiffsreise von Bremen nach Bremerhaven übrigens nicht unerwähnt, dass er eine Zigarre raucht.

Heute ist nicht nur der Geburtstag von Karl Marx, heute ist auch der Geburtstag von ↝Søren Aabye Kierkegaard. Marx hat Kierkegaard nie gelesen. Kierkegaard seinerseits hat Marx nie gelesen. Das haben sie gemeinsam. Sie haben noch etwas gemein, sie rauchten beide gerne Zigarren. Das ,Kapital' wird mir nicht einmal so viel einbringen, als mich die Zigarren gekostet, die ich beim Schreiben geraucht, soll Karl Marx gesagt haben. Karl Marx raucht natürlich keine Zigarren aus dem VEB Karl Marx in Karl-Marx-Stadt. Er raucht aber auch nicht diese wirklich guten, teuren Zigarren, die sich Kierkegaard leisten kann. Wäre Das Kapital ein besseres Buch geworden, wenn sich Marx bessere Zigarren hätte leisten können?

Man kann im Internet lesen, dass sich Karl Marx bei Dunhill in London Zigarren auf Pump gekauft und sie nie bezahlt hat. Das ist natürlich Unsinn, denn als Marx starb, gab es das Geschäft von Alfred Dunhill noch gar nicht. Wahr ist aber, dass Kierkegaard gesagt hat: Rätselhaft muß man nicht allein andern sein, sondern auch sich selbst. Ich studiere mich selbst; bin ich dessen müde, so rauche ich zum Zeitvertreib eine Zigarre und denke: Gott der Herr weiß, was er eigentlich mit mir gemeint hat, oder was er aus mir machen will. Als der Dandy Kierkegaard beginnt, Zigarren zu rauchen, ist das gerade in der dänischen Oberschicht chic geworden. Es gibt auch schon dänische Zigarren, Tabak kam schon lange aus Dänisch-Westindien, aber im Geburtsjahr von Kierkegaard erlaubt der dänische König, dass auch in Dänemark Zigarren hergestellt werden dürfen. Handgefertigt natürlich. 1958 kaufte, statistisch gesehen, jeder Däne 209 Zigarren oder Zigarillos im Jahr.

Das Luxusprodukt Zigarre hat etwas mit der Ausbeutung zu tun, und da muss ich noch einmal nach Bremen zurückkommen, wo Friedrich Engels seine kaufmännische Ausbildung erhält. Ich beginne mal eben mit dem Lied, das in Bremen am ↝Nikolaustag gesungen wird und das immer auf Halli, halli, hallo So geiht na Bremen to endet. Eine Variante der Strophen des Liedes lautet:

Miin Vadder is Zigarrenmaaker,
miin Mudder ruppt Toback.
Un wenn ji dat nich glöben wüllt,
denn steck ick jo inn'n Sack.
Halli, halli, hallo
So geiht na Bremen to.


Das wurde nun wohl in den Stadtteilen gesungen (es ist auf jeden Fall aus Hastedt überliefert), wo die weniger Begüterten wohnten. Und man muss auch betonen, dass das Nikolauslaufen zuerst eine Sache der ärmeren Schichten gewesen ist, bevor es im 19. Jahrhundert von allen Bremer Kindern adoptiert wurde. Die Zigarrenmaakers kommen in unzähligen Bremer Döntjes aus dem 19. Jahrhundert vor. Man kann der Strophe auch entnehmen, dass Frauenarbeit in den Bremer Fabriken (hier die von Martin Wilckens in ↝Burgdamm), in denen eine Schicht 14 Stunden dauert, selbstverständlich ist: miin Mudder ruppt Toback. Auch die Kinderarbeit ist die Regel, selbst wenn sie hier im Nikolauslied nicht vorkommt. Die Zigarrenmacher gelten als Facharbeiter, alles andere - Wickelmacher und Strieper (die die Tabakblätter entrippen) - ist Arbeit für Frauen und Kinder.

Die Zigarrenmaakers sind seit 1849 die erste gewerkschaftlich organisierte Gruppe in Bremen, wo es in der Mitte des 19. Jahrhunderts 78 Tabakfabriken gab. Sie bildeten auch ein Element gesellschaftlicher Unruhe in der sonst festgefügten konservativen bürgerlichen Struktur des 19. Jahrhunderts, wie es in Werner Kloos' Bremer Lexikon heißt. Der Zusammenschluss der Zigarrenmacher (und der ihnen gleichgestellten Sortierer) wahrt ihre sozialen Interessen und fördert Ziele der Allgemeinbildung. Denn sie hatten, wie wir es auch in Kuba finden, Vorleser in der Fabrik. Seit 1994 gibt es in Bremen auch ein Denkmal für die Zigarrenmaakers.

Das Geburtstagskind Karl Marx hätte seine ganze Theorie der Ausbeutung mit Beispielen aus der Zigarrenindustrie belegen können. Der Tabak zählt für Marx zu den Notwendigen Konsumtionsmitteln, das wollen wir nicht anzweifeln. Zumal ich morgens auch meine Pfeife brauche. Dieses Etikett findet sich in den Zigarrenschachteln der Commonwealth Cooperative Association, ein sozialistisches Kollektiv, das seit 1898 Karl Marx Zigarren verkaufte.

Karl Marx hatte ↝hier vor drei Jahren schon einen Posts. Leider wenig gelesen. Für ↝Søren Kierkegaard gab es auch schon einen. Erstaunlich häufig gelesen. Und Kierkegaards Zigarren spielen in ↝Blauer Dunst eine große Rolle. Marx brauchte seine Zigarren, um das Kapital zu schreiben, Kierkegaard braucht sie - auf jeden Fall im Tagebuch des Verführers - um der Versuchung durch weibliche Reize zu widerstehen: Vielleicht bist du gar kein Fischermädchen, sondern eine verzauberte Prinzessin; du dienst einem Zauberer; er ist grausam genug, dich Holz im Walde sammeln zu lassen. So ist's im Märchen. Warum gehst du sonst immer tiefer in den Wald hinein? Bist du ein wirkliches Fischermädchen, dann mußt du ja hinab zum Dorf, an mir vorüber, der ich auf der andern Seite des Weges stehe. – Folg nur dem Pfad, der sich spielend durch die Bäume schlingt, mein Auge findet dich; sieh dich nur nach mir um, mein Auge folgt dir; rufe und locke mich, das kannst du nicht, die Sehnsucht reißt mich nicht hin, ich sitze hier ruhig am Graben und rauche meine Zigarre. – Ein ander Mal – vielleicht. –

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