Montag, 21. Mai 2018

Gruen


Das Beste am Uhrensammeln sind die Geschichten, die man dabei zu hören bekommt. Man muss ein gut trainiertes Pokerface haben, um sich alle Lügen der Händler ungerührt anzuhören. Oder um nicht über einen Professor der Altphilologie zu lachen, der dem Uhrmacher versichert, dass er seine Uhr jeden Morgen zur gleichen Zeit aufzieht, zwanzig Mal rechtsrum. Aber jetzt geht sie nicht mehr. Er hat sie jeden Morgen umsonst aufgezogen, es war eine Quartzuhr, die nur eine neue Batterie brauchte. Ich  habe mit der Zeit schon einige dieser Geschichten hier erzählt, wie die von dem Uhrmacher in Alaska, der seinem Kunden empfiehlt, die Taschenuhr von ↝Charles Fasoldt in die Mülltonne neben der Tür zu werfen. Oder die wunderbare Geschichte, die am Anfang des Posts ↝Militäruhren steht.

Leider ist das Uhrensammeln zu einer eintönigen Sache geworden. Auf den Flohmärkten ist nichts mehr, bei ebay gibt es viel, aber das kann man nicht in die Hand nehmen und ans Ohr halten. Dann gibt es diese sogenanten Sammler, die mit einem Luxusschlitten bei den Auktionen von Dr. Crott vorfahren (wenn ich 10 Euro für jeden Fehler in seinen luxuriös gedruckten Katalogen bekommen würde, wäre ich ein reicher Mann) und sich etwas ersteigern, was teurer ist als die Spitzenerzeugnisse aus Untertürkheim. Und es dann in den Safe packen. Als ich vor vielen Jahren einen Hersteller von Uhrenbewegern fragte, weshalb er die meisten Modelle mit Batterien liefere, sagte er: für den Safe. Ich muß ihn völlig verständnislos angeguckt haben, als er mir erklärte, dass sich Millionäre so was kaufen, damit ihre Automatikuhren mit ewigem Kalender sich im Bankschließfach drehen können. Ich glaube fest, dass die Auktionspreise, die sie bezahlen, eigentlich Strafsummen für Dummheit und schlechten Geschmack sind.

Am unteren Ende des Antikuhrengeschäftes sind die Flohmarkthändler, die heute für schrabbelige Dugenas aus den siebziger Jahren dreistellige Eurosummen fordern, früher hätten sie die verschenkt. Der Antikuhrenmarkt war ja der erste Markt, der bei der Umstellung auf den Euro eins zu eins umgerubelt hat. Was auf den Flohmärkten völlig verschwunden ist, sind seriöse Händler mit seriöser Ware, da bekommt Sedlmayrs Verlust der Mitte eine neue Bedeutung.

Ich möchte heute eine kleine Geschichte erzählen, die mit der amerikanischen Uhrenmarke Gruen zu tun hat. Gegründet von dem Deutschen Dietrich Grün (hier der Firmensitz Time Hill im altdeutschen Stil in Cincinnati), wurde die Firma schnell zur größten Uhrenfirma Amerikas. Grün, der sich in Amerika Gruen nannte, ließ sich seine Rohwerke in Biel bei Aegler bauen (die Familie Gruen hatte auch Aktienanteile an Aegler) und veredelte sie in seiner ↝Precision Factory. Die steht heute noch, allerdings steht heute der Name Rolex auf dem Gebäude. ↝Rolex war ebenso wie Gruen Kunde bei Aegler, heute gehört ihnen die Fabrik.

Da Gruen und Rolex in vielen Fällen die gleichen Rohwerke von Aegler geliefert bekamen, gibt es heute eine Vielzahl von Fälschern, die ein Gruen Werk zu einem Rolex Werk umfrisieren. Das betrifft vor allem dieses Werk der Rolex Prince, das sich genauso in Gruen Uhren findet. Aber auch in einer Alpina ticken kann. Dr Ranfft, der die besten Seiten zu Uhrwerken im Internet hat, sagt dazu: In der Zeit der Alpina-Gruen-Gilde 1929-1937, an der auch Rolex beteiligt war, gab es sicher keine wesentlichen Preisunterschiede zwischen den baugleichen Modellen der drei Marken - heute schon. Wer sich heute für ein mit Alpina und/oder Gruen signiertes Exemplar entscheidet, spart eine Menge und hat dazu die Gewähr, daß er keine auf Rolex umsignierte Uhr bekommt.

Meine kleine Gruen Geschichte führt Sie heute nach New York:

Georg ist untröstlich. Da wollte er mir etwas aus New York mitbringen und dann das. Nicht, dass er jeden Tag in New York wäre. Er hat die Reise auf der Queen Elizabeth II beim Englischen Tag in Flottbek 1998 gewonnen, wo er mit seiner Mannschaft ↝Cricket gespielt hatte. Hatte zwei Lose gekauft, wie man das so tut. Und sie dann vergessen. Wochen später ruft jemand von dem Organisationsbüro an und fragt, ob er die Lose nicht einlösen wolle? Also ist er mit Bärbel über den Atlantik, ich habe ein Photo von ihm, wie er mit ↝Dinner Jacket beim Captain’s Dinner sitzt. Ich hatte ihm gesagt: Bring mir eine alte Gruen Curvex mit, vierziger Jahre. Kriegste für fünfzig Dollar. 

Hat mir mein Hamburger Händler R. gesagt. Den habe ich auf dem Flohmarkt kennengelernt, er hat tolle alte Uhren. Fliegt einmal im Jahr zu den großen Jahresversammlungen der National Association of Watch and Clock Collectors. Kauft groß ein, Uhren sind damals in den USA billig. Verkauft sie dann hier teuer weiter. Er hat mir sogar eines Tages eine Jahresmitgliedschaft der NAWCC geschenkt. Bin ich immer noch Mitglied, muß man als Uhrensammler sein. Ich hatte mal eine Gruen Curvex von ihm, die zickte aber immer rum, da habe ich sie gegen eine alte ↝IWC getauscht. Na ja, ich musste was dazubezahlen. 

Also, Georg hat an die Gruen gedacht. Hatte auch ein schlechtes Gewissen, weil er zweimal meinen Geburtstag vergessen hatte. Ist aber nicht in einen kleinen Laden in einer Seitenstraße rein, sondern in Time Will Tell von Stewart Unger in der Madison Avenue. Das Mekka der Uhrensammler. Die haben ganz andere Preise. Die haben ihn nicht gerade ausgelacht, weil er eine Gruen für 50 Dollar haben wollte, die waren da sehr höflich. Mr Unger, der auch ein Buch über amerikanische Armbanduhren geschrieben hat, hat ihm eigenhändig Farbkopien von den Modellen gemacht, die er im Laden hatte. Und mit feiner Schrift Modelle und Preise dazugeschrieben. Alles im vierstelligen Bereich.

Stewart Unger hatte in den frühen 70er Jahren begonnen, alte amerikanische Armbanduhren auf Flohmärkten zu kaufen, zu Preisen von fünf bis zehn Dollar. Niemand sammelte damals Armbanduhren: I was buying watches and putting them in the apartment. I didn't even know why I was doing it. Als ein Jahrzehnt später das Sammeln von Armbanduhren chic wurde - wahrscheinlich wollte man statt der seelenlosen neuen Quarzuhren wieder etwas Tickendes am Arm haben - stand Unger gut da. Jetzt konnte er an die Uhren, die er für fünf Dollar gekauft hatte, ein Preisschildchen mit einer vierstelligen Summe hängen.

Und das wollte Georg nun doch nicht ausgeben, wo er gerade die vielen Trinkgelder auf der Queen Elizabeth II bezahlt hat, die waren im Losgewinn nämlich nicht drin. Aber irgendwie hat er jetzt ein schlechtes Gewissen. Andererseits muß er zugeben, dass der Besuch bei Mr. Unger ein wirkliches Erlebnis bei dieser Reise war. Besser als das Captain’s Dinner. Ich habe dann den Gedanken mit der Gruen aufgegeben. Spätestens als mir R. eine weißgoldene Movado Curviplan von 1934 verkauft hat. Bei ihm hätte ich mich ja Jahr für Jahr in Versuchung bringen lassen, er ist der ideale Händler: er versteht etwas davon, er hat Uhren, die kein anderer hat. Und er macht mir akzeptable Preise, manchmal Freundschaftspreise. Aber irgendwann ist das alles leider vorbei. R. wurden seine ganzen Uhren geklaut, als er auf einer Uhrenmesse mal kurz seinen Stand verließ.

Ich besitze eine einzige Gruen, aber das ist keine amerikanische Gruen, es ist eine Genfer Gruen. In der Uhr ist das Werk 415R (natürlich von Aegler). Hochfein mit Breguetspirale, Glucydurunruhe, Stoßsicherung und verschraubtem Decksteinplättchen für das Ankerrad. Das 18-karätige rosegold Gehäuse kommt von einem Genfer Gehäusemacher. Die Uhr heißt Gruen Genève und stammt aus der Zeit kurz nach dem Ende des Krieges. Da wollte Gruen an den europäischen Luxusmarkt ran, hatte eine Dependance in Genf eröffnet, damit man Genève aufs Zifferblatt schreiben durfte. Sie sind sofort von den berühmten Genfer Firmen verklagt worden, die Angst vor dem amerikanischen Riesen hatten (damals verkaufte Patek, wenn’s hoch kam 2.000 Uhren im Jahr, Gruen dagegen 200.000). Aber das oberste Schweizer Gericht gab Gruen Recht, sie durften das Modell Gruen Genève in Genf bauen.

Meine Gruen Genève sieht aus wie eine alte Vacheron, sehr flach, sehr groß, sehr stylish. Der damalige Besitzer hat 1951 in der Schweiz dafür 800 Mark auf den Tisch gelegt, für einen Hunni mehr hätte er eine Patek kaufen können. Es ist bei Uhren immer schön, wenn man ihre ganze Geschichte kennt. Ich will lieber nicht erzählen, dass ich diese schöne Uhr für’n Appel und‘en Ei gekauft habe. Wenn die Händler nix davon verstehen, warum soll ich sie da aufklären? Ich finde leider kein Bild im Internet von meinem schönen Modell. Gruen scheint die Sache mit den Luxusuhren schnell aufgegeben zu haben, später schreiben sie Genève auf alle möglichen Uhren.

Und dann habe ich zum Schluss noch eine kleine Uhrengeschichte mit einer goldenen Gruen, die vielen unbekannt sein mag. Sie kennen diese Dame aus dem ersten James Bond Film, da heißt sie Sylvia Trench. Was trägt ↝James Bond am Arm, wenn er sie kennenlernt? Nicht die fette Rolex, die ihm der Produzent Cubby Broccoli für die Dreharbeiten geliehen hatte, nein, eine goldene ↝Gruen mit dem Kaliber 510. Bei manchen Sammlern heißt das Modell heute Sylvia Trench watch. Sean Connery hat die goldene Gruen übrigens in mehreren Filmen getragen, wir können sie auch in Goldfinger sehen, wenn er mit Oddjob kämpft und die Welt rettet. Kann man alles mit einer Gruen machen, dafür braucht man keine Rolex.


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