Sonntag, 24. Oktober 2021

die Bremer Rembrandts


Der Maler Jan Lievens wurde am 24. Oktober 1607 in Leiden geboren. Er war, wie Rembrandt, ein Schüler von Pieter Lastman, und er teilte sich in den 1620er Jahren mit Rembrandt eine Werkstatt. Er war zu seinen Lebzeiten sehr berühmt, war ein Wunderkind, malte den englischen König Charles I. Heute steht er im Schatten von Rembrandt. Ein echtes Bild von ihm kann man schon für 912.000 Euro bekommen, einen Rembrandt bekommt man dafür nicht. Die meisten Bilder von Lievens, die auf dem Kunstmarkt auftauchen, werden von den Auktionshäusern mit dem Zusatz Schüler von Jan Lievens oder aus dem Umkreis von Lievens versehen.

Die Kunsthalle Bremen hat einen schönen Jan Lievens, aber das erfuhren die Besucher der Kunsthalle beinahe ein Jahrhundert lang nicht. Das Bild des Apostel Paulus hatte der Bankier John H. Harjes bei der Kunsthandlung Charles Sedelmeyer in Paris als Rembrandt gekauft und der Bremer Kunsthalle anläßlich seiner Goldenen Hochzeit im Jahre 1911 geschenkt. Er war 1829 in Bremen geboren und mit seinen Eltern 1849 nach Baltimore ausgewandert. Er begann als Lehrling in einer Bank, wo er für das Nachfüllen von Tinte in den Tintenfässern zuständig war. Wenig später hat er mit einigen Kompagnons eine eigene Bank.

Er verlagert seine Geschäfte nach Paris, auf diesem Portrait, das er sich 1903 von Fedor Encke malen ließ, trägt er die kleine rote Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch. Er beschenkt nicht nur seine Heimatstadt Bremen mit dem Rembrandt und anderen Kunstwerken, auch die Johns Hopkins Universität in Baltimore wird von ihm bedacht. Und der Stadt Paris schenkt er ein Benjamin Franklin Denkmal. Er hat mittlerweile einen neuen Teilhaber in der Bank, der noch reicher ist als er und noch mehr Kunst kauft als er. Es ist niemand anderer als John Pierpont Morgan.

Wir wissen inzwischen, dass der Apostel Paulus, unter dem lange ein goldenes Täfelchen mit dem Namen Rembrandt war, nicht von Rembrandt ist, es ist ein Lievens. Aber zu der Zeit, als Günter Busch Direktor der Kunsthalle war, blieb diese falsche Zuschreibung unter dem Bild. Irgendwie hat Busch kein glückliches Händchen mit seinen Rembrandts, zu dem zweiten Bremer Rembrandt komme ich gleich. 1948 ist bei Trüjen in Bremen (dem Verlag von Trude Wehe) ein kleines Pappbändchen mit dem Titel Museum-Heute erschienen, das war die erste Publikation der Kunsthalle nach dem Krieg. Darin ist eine Interpretation des angeblichen Rembrandtbildes von Manfred Hausmann. Und wenn man die gelesen hat, dann ist einem richtig schlecht. Egal, ob man Kunstgeschichte studiert hat oder nicht. Das Wort Gesülze trifft es nicht, es ist schlimmer.

Dies hier ist der zweite Bremer Rembrandt. Das 1959 dank einer Sonderzuwendung der Freien Hansestadt Bremen gekaufte Bild ist wohl auch nicht echt. Wird heute in dem Katalog der Gemälde der Kunsthalle, den Corinna Höper 1990 erstellte, als Umkreis des Rembrandt bezeichnet. Es ist ein Problem mit den Rembrandts. In Havanna gibt es übrigens eine Kopie von dem Bild, aber dort man man nie behauptet, dies sei ein echter Rembrandt. 1914 hielt >Cornelis Hofstede de Groot 988 Gemälde Rembrandt für echt, in den dreißiger Jahren waren es nur noch sechs- bis siebenhundert. Und heute lässt die holländische Rembrandt Research Gruppe nur noch 324 als eigenhändig gelten. Er hier gehört nicht dazu.

Ich fand ihn damals toll, der junge Herr sieht ja auch sehr elegant aus. Aber mein Freund Peter hatte schon Anfang der sechziger Jahre seine Zweifel. Wir mochten, als wir jung waren, Günter Busch überhaupt nicht. Das Gutachten, auf das man sich beim Kauf stützte, kam von Kurt Bauch, und dessen Ruf als die Rembrandt Kapazität war in den fünfziger Jahren im Schwinden begriffen. Seine NSDAP Zugehörigkeit kam ans Licht, und eine Vielzahl von Gefälligkeitsgutachten kratzte seinen Ruf an. Dennoch könnte es einen Rest von echtem Rembrandt geben. So glaubt Werner Sumowski, Autor des Standardwerks über die Rembrandtschüler, dass unter der Vielzahl der Übermalungen bei diesem Bild vielleicht doch die Ruine eines echten Rembrandts liegt. Es ist mir ehrlich gesagt egal, mir gefällt das Bild. Ich würde es auch nehmen, wenn die es in Bremen mal nicht mehr haben wollen.

Solange Günter Busch (hier links im Bild) Direktor der Bremer Kunsthalle war, waren die beiden Bilder echte Rembrandts. Danach nicht mehr. Wenn er mit seinen Rembrandts Pech hatte, er hat auch seine Verdienste. Er hat nach dem Krieg die zerstörte Kunsthalle (in der auch das Bild Washington Crossing the Delaware verbrannte) wieder aufgebaut. Günter Busch ist in vielen Schriften ein blendender Stilist gewesen. Ein Buch wie Das Gesicht: Aufsätze zur Kunst gibt davon Zeugnis. Er schreibt allgemeinverständlich, aber er biedert sich nicht an. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er wie sein Nachfolger Wulf Herzogenrath mit Yoko Ono aufgetreten wäre. Er pflegte seine Kontakte zum Kapital und den Mäzenen eher im Stillen. Wenn er sich photographieren ließ, dann nur mit Bundespräsidenten und Bundeskanzlern. Zum 65. Geburtstag schickte ihm der Kanzler Helmut Schmidt, dem er einstmals die Paula Becker-Modersohn Ausstellung gezeigt hatte, ein Telegramm mit Glückwünschen. Auch wenn seine Liebhabereien wie Zeichnungen oder Paula Becker-Modersohn (von der er dreizehn Bilder in seiner Amtszeit kaufte) keineswegs die meinen waren, für vieles bin ich Busch dankbar. Für die Ausstellung und den Katalog Zurück zur Natur im Jahre 1977 und die Eugène Boudin Ausstellung 1979 könnte ich ihn knutschen. Und ihm alles verzeihen, was ich jemals gegen ihn hatte.

Aber Bremen hat auch echte Rembrandts. Ganz viele. Nämlich die Kupferstiche. Die kenne ich alle, Blatt für Blatt. Als ich ein Praktikum im Bremer Kupferstichkabinett machte, habe ich sie alle in der Hand gehabt. Ich hatte natürlich weiße Handschuhe an. Vieles, was die Kunsthalle heute besitzt, habe ich damals nicht gesehen, denn viele der Kriegsverluste, wie zum Beispiel der Hl. Hieronymus, lesend in italienischer Landschaft, sind nach einem langen Weg erst 2013 zurückgekehrt.


Samstag, 23. Oktober 2021

Champion Jack Dupree

Anfang der sechziger Jahre habe ich Champion Jack Dupree nachts auf einem Segelboot im Hafen von Kopenhagen in einem schäbigen kleinen Transistorradio gehört: My name is Champion Jack Dupree, and they are broadcasting me... Jahre später habe ich ihn nach einem Konzert hinter der Bühne erwischt. Und da hat er mir mit einem dicken schwarzen Filzer, wie ihn Möbelpacker zum Beschriften der Umzugskisten verwenden, ein Autogramm auf die in einer Plastiktüte mitgeschleppte Platte geschrieben. Yours Champion Jack Dupree 1975. Als Dupree 1992 in Hannover starb, haben seine Freunde auf seinen Wunsch eine richtige New Orleans Beerdigung für ihn veranstaltet. Das fand ich sehr rührend. 

Das steht in dem Post Mein Klavier, und alles ist wahr. Die signierte LP habe ich natürlich noch, und ein paar CDs von ihm besitze ich auch. Wenn Sie einen Eindruck davon bekommen wollen, was er 1960 in Kopenhagen so spielte, dann klicken Sie einmal When I Left Home oder Snaps drinking woman an. Das Internet ist gut zu ihm, auf YouTube gibt es viel von Champion Jack Dupree zu hören. Der Musiker wurde als William Thomas Dupree am 23. Oktober 1909 geboren, aber vielleicht stimmen Tag, Monat und Jahr auch nicht. Seine Leben ist voller Legenden. Wahrscheinlich ist es keine Legende, dass der KuKluxKlan das Haus in New Orleans angezündet hat, in dem seine Eltern verbrannten. Wenn einer prädestiniert ist, den Blues zu singen, dann ist das Jack Dupree:

I searched the graveyards over 
to find where my mother lay
all my faith was in vain
and I still don’t know until today
When I was one year old
my sisters and brothers give me away
ever since that day I’ve been hoping 
to find a real place to stay
Sometime I wake up cryin’
and I don’t know what I’m cryin’ for
people you know I’m a man
and a man ain’t supposed to cry.

Eine Jugend in Heimen und auf der Straße. Eine Schulbildung bekommt er im Waisenhaus für schwarze Kinder (in dem der junge Louis Armstrong auch einmal war) nicht. Aber er lernt Kochen. Und Boxen. Und Klavierspielen. Er trifft Joe Luois, der ihm rät, Boxer zu werden. Wenn er nicht boxt, arbeitet er als Koch. Im Krieg ist er in der US Navy. Als Koch. Landet in einem japanischen Kriegsgefangenenlager, aber über die zwei Jahre hat er sich nie beklagt: Black people lived good because they weren't put with the whites. We cooked for ourselves and played ball... I cooked for the Japanese officers, so I had to eat what they ate, so it wouldn't be poisoned. I had help and everything, a nice room, a bottle of cognac a month, cigars, cigarettes -- it was just like working in a hotel, but with no place to go

Er findet schnell wieder Anschluss an die Musikerszene, tritt im berühmten Cotton Club auf. 1951 war er schon auf dieser Platte von Folkways mit drauf, und Folkways, das bedeutete einiges. Lesen Sie an dieser Stelle doch einmal den Post Folksongs. Nebenbei arbeitet er immer wieder als Koch. Ist Chefkoch an der jüdischen Yeshiva University in New York, cookin’ for rabbis, because in my time, they didn’t like so much blues in New York. In den dreißiger Jahren war er schon überall aufgetreten, nicht in Louisiana, da haben Schwarze wenig Chancen außerhalb der billigen Kneipen und Bordelle. Als Storyville geschlossen wird, zieht es alle nach Chicago. Dupree auch, der sich nach einhundertsieben Boxkämpfen jetzt Champion nennt. Aber er vergisst nie, woher er kam: Now Ladies And Gentlemen This is old Champion Jack Dupree at the ivories again. Right direct from New Orleans Louisiana. Way down in the Bottom. And I ike to do You some of them old Saturday Night Specials. Steht auf meiner orangeroten LP drauf, die vom dänischen Label Storyville kam, dem vielleicht wichtigsten europäischen Label der fünfziger Jahre.

Einer Plattenfirma kann man Dupree kaum zuordnen, er ist das, was man einen label hopper nennt. Heute hier, morgen da. Ich habe hier eine sehr schöne Seite von Stefan Wirz mit einer wahrscheinlich kompletten Diskographie. 1959 ist er nach Europa gegangen. Viele schwarze Kollegen von ihm sind schon da, sitzen in Paris. Die sind berühmter als er, sie heißen Charlie Parker, Miles Davis, Don Byas undundund. Dupree meidet Paris. Er zieht in die Schweiz, dann nach Dänemark, England und schließlich nach Hannover. Man mag ihn in Europa. Nach dreißig Jahren ist er für zwei Konzerte in die USA zurückgekommen, dort bleiben wollte er nicht, er betrachtete Hannover als seine Heimat. Mit dem modernen Jazz hatte er nichts zu tun, er spielte den barrelhouse piano Stil wie in den dreißiger Jahren. Mit der Kraft der Hände eines Boxers: I’m a bluesman and I’m gonna die that way, hat er einmal gesagt. Es ist eine Musik, die man immer wieder hören kann.

Vor sechzig Jahren träumte ich davon, einmal so Klavier spielen zu können wie Champion Jack Dupree. Meine Klavierlehrerin hatte dafür kein Verständnis.

Montag, 18. Oktober 2021

The Whale


Der Roman The Whale, der heute vor einhundertsiebzig Jahren bei Richard Bentley in London erschien, bestand aus drei Bänden, die so genannten three-decker waren damals große Mode. Den viktorianischen three-decker hatte Bentley quasi erfunden. Das hatte auch praktische Gründe, Leihbibliotheken liebten es, wenn der Roman in drei Teilen erhältlich ist. Die Bände dieses Romans sind realitiv klein (115 x 188 mm), Verleger nennen das ein Duodez Format. Bentley druckte fünfhundert Exemplare des Romans, eins davon ist vor Jahren bei Sotheby's für 137.500 Dollar verkauft worden. Eine amerikanische Erstausgabe kostet heute ungefähr 60.000 Dollar, als der Roman erschien, konnte man ihn für einen Dollar und fünfzig Cent haben. Den Roman The Whale, kennen wir heute als >Moby-Dick. Wenn Sie diesen Link anklicken, landen Sie in der besten Ausgabe von Moby-Dick, die es im Internet gibt. Und sie ist als Text zuverlässiger als die englische Erstausgabe, die Setzer und Lektoren von Bentley haben an Melvilles Text herumgepfuscht. Und das letzte Kapitel, den Epilogue, haben sie zu drucken vergessen. In dem Epilog steht, dass der Erzähler Ishmael den Untergang der Pequod überlebt hat, das erfuhren die englischen Leser im Jahr 1851 nicht. Dass Moby-Dick in der Londoner Erstausgabe The Whale heißt, daran ist Richard Bentley aber nicht schuld. Das hat sich Melville erst in der letzten Minute überlegt, und der Titel findet sich zuerst in einem Brief von seinem Bruder Allan an Richard Bentley im September 1851. Wenn der Brief in London ankommt, ist The Whale schon gedruckt.

Erst einhundert Jahre nach dem Erscheinen des Romans gab es eine wissenschaftlich seriöse Ausgabe, die von Luther S. Mansfield und Howard P. Vincent herausgegeben worden war. Die nächsten relevanten Ausgaben waren 1967 die Norton Critical Edition von Harrison Hayford und Hershel Parker und 1988 der sechste Band der Northwestern-Newberry Edition, herausgegeben von Harrison Hayford, G. Thomas Tanselle und Hershel Parker. Parker, der 1967 seine Doktorarbeit über Melville geschrieben hat, hat 2012 eine zweibändige Melville Biographie veröffentlicht. Und er hat fünfzig Jahre nach der ersten Norton Critical Edition diese noch einmal überarbeitet, diese Ausgabe bleibt der wichtigste kritische Text von Moby-Dick. Hershel Parker ist im hohen Alter auch noch Blogger geworden, das finde ich sehr witzig. Ich bin natürlich einer seiner Leser. Mein persönlicher Lieblingstext von Moby-Dick ist die von Harold Beaver kommentierte Penguin Ausgabe: 600 Seiten Text, über 300 Seiten Kommentar, unglaublich. Ich habe gerade bei Amazon ein Exemplar zum Preis von 2,21€ gesehen. Lohnt sich unbedingt.

Es gibt eine Vielzahl von deutschen Übersetzungen von Melvilles Moby-Dick, von denen die meisten so schlecht sind, dass man sie nicht zu erwähnen braucht. Die aber immer noch nachgedruckt werden. Lesen Sie doch einmal den Post Fritz Güttinger, dann wissen Sie mehr. Wenn Sie antiquarisch noch Güttingers Übersetzung (Manesse) finden können, dann kaufen Sie sie. Ansonsten bietet sich die dank der Initiative des Amerikanisten Daniel Göske bei Hanser entstandene Übersetzung von Matthias Jendis an. Wenn man nach einem Buch sucht, in dem beinahe alles zu Melvilles Leben und Werk steht, dann kann ich nur Andrew Delbanco empfehlen. Gibt es auch in deutscher Sprache bei Hanser. Es ist so geschrieben, dass es von jedermann gelesen werden kann. Das Buch hat eine Rezension bei Amazon, nach der Delbanco angeblich Journalist ist. War er nie, er hat einen Doktortitel von Harvard und war jahrzehntelang Professor an der Columbia University. One can hardly imagine a more artful or succinct biography of Herman Melville, one that makes his fiction seem not only relevant but urgent, presenting the familiar facts in a fashion that makes the life and work luminously comprehensible, schrieb Jay Parini (dem wir auch das schöne Buch The passages of Herman Melville verdanken) im Guardian. Glauben Sie lieber ihm und nicht dem Amazon Rezensenten. 

Der deutsche Wikipedia Artikel, der gegenüber dem englischen Artikel in Länge und Qualität stark abfällt, kennt Delbanco nicht. Er offeriert aber ein Buch von Eugen Drewermann, dazu möchte ich jetzt lieber nichts sagen. Im englischen Artikel finden sich unter der Sekundärliteratur die repräsentativen Namen der Melville Forschung. Aber kaum einer diesen Namen schafft es in den deutschen Artikel. Wo den Beiträgern eines Projekts (das keinen Amerikanisten in seinen Reihen hat), das in der Neuen Rundschau veröffentlicht wird, viel Platz eingeräumt wird, es aber keinen Platz für Newton Arvin (aus dessen Nachlaß ich zwei Bücher besitze), F.O. Matthiessen oder Charles Olson hat. Das kann man vom Aspekt dessen, was ein Lexikon bieten soll, nur als armselig bezeichnen. Bei mir können Sie übrigens hier Olsons >Call me Ishmael im Volltext lesen.

Last night dined with M ' Bentley, and had a very pleasant time indeed. I begin to like him much. He seems a very fine frank off-handed old gentleman, schreibt Melville im Dezember 1849. Normalerweise fand er keinen Verleger nett, alles nur tradesmen, haben keinen Verstand, keinen Sinn für wirkliche Literatur. Anfang 1851 hatte Melville Richard Bentley angekündigt: In the latter part of the coming autumn I shall have ready a new work ... a romance of adventure, founded upon certain wild legends in the Southern Sperm Whale Fisheries and illustrated by the authors own personal experience, of two years & more as a harpooneer ... I do not know that the subject treated of has ever been worked up by a romancer; or, indeed, by any writer in any adequate manner. Ich weiß nicht, was sich Bentley unter dieser Inhaltangabe vorgestellt hat. 

Aber romance of adventure und certain wild legends sind natürlich so Begriffe, die ein Verleger versteht. Wenn dieser Melville ihm doch wieder so etwas schreiben würde wie Typee (bei seinem Konkurrenten John Murray erschienen), einen Roman über Südsee, Menschenfresser und nackte Südseeschönheiten. Das kann man verkaufen. Aber dann hat er dieses scheußliche Mardi geschrieben, hat sich überhaupt nicht verkauft. Immerhin konnte man Redburn und White-Jacket verkaufen. Mit dem blöden Dickens hat Bentley sich schon vor Jahren verkracht, aber dass er 1834 die Rechte von Bulwer-Lyttons Last Days of Pompeii gekauft hat, das war schon ein Geistesblitz. Das Buch verkauft sich nach zwanzig Jahren immer noch. Und dass er 1832 von dem Bruder und der Schwester von Jane Austen die Rechte für alle ihre Romane gekauft hat, dass war auch ein schöner Coup. Da hatte es nach ihrem Tod 1817 keine Neuauflage mehr gegeben, aber seit er 1833 damit herauskommt, verkauft sich das Zeug. Und dann hat er ja noch diesen amerikanischen Gentleman James Fenimore Cooper als Autor. Was der schreibt, kann man immer gut verkaufen. Bentley hat auch gewisse Hoffnungen auf diese romance of adventure. Melville bekommt einen Vorschuss von 150 Pfund Sterling. Das ist 1851 viel Geld.

Melvilles amerikanischer Verleger Harper & Son bekommt im November 1851 eine werbemäßige Unterstützung, mit der er nicht rechnen konnte. Am 5. November meldet die New York Times, dass das Schiff Ann Alexander von einem Wal gerammt wurde und untergegangen ist. It is really & truly a surprising coincidence - to say the least. I make no doubt it is Moby Dick himself, for there is no account of his capture after the sad fate of the Pequod about fourteen years agon. - Ye Gods! what a Commentator is this Ann Alexander whale. What he has to say is short & pithy & very much to the point. I wonder if my evil art has raised this monster, schreibt Melville in einem Brief vom 7. November 1851. Harper & Son verkaufen in den nächsten Jahrzehnten 3.715 Exemplare von Moby-Dick, or the Whale, Melville verdient daran 556 Dollar. Als er 1891 stirbt, ist seit zwanzig Jahren kein Buch von ihm mehr lieferbar. Bei seinem Tod konnte die New York Times den Romantitel Moby-Dick nicht einmal richtig schreiben, entschuldigte sich aber Tage später in ihrem Nachruf dafür. Man hatte den Zollbeamten aus dem New Yorker Hafen, der früher einmal Romane schrieb, völlig vergessen.

Es dauert Jahrzehnte, bis man ihn wiederentdeckt, bis er von an absolutely forgotten man zu Amerikas wichtigstem Schriftsteller wird, bis Leslie A. Fiedler ihn our truest contemporary, who has revealed to us the traditional theme of the deepest American mind nennen kann. Es ist das Werk zweier Männer, des Amerikaners Raymond Weaver und des Engländers Michael Sadleir. Carl van Doren, der Herausgeber von The Nation hatte Raymond Weaver gefragt, ob der nicht etwas zum hundertsten Geburtstag Melvilles schreiben könne. Weaver hielt das für die einfachste Sache der Welt, musste aber in der Bibliothek feststellen, dass man zwar einiges an Werken Melvilles besaß, dass es aber keine Sekundärliteratur gab. Nichts, gar nichts. Weaver schrieb seinen Artikel für The Nation, in dem er über Moby-Dick sagte: Born in hell-fire, and baptized in an unspeakable name, Moby-Dick, or the Whale (1851), reads like a great opium dream. Die Zeitschrift The Nation ist immer noch stolz auf den Artikel, wie Katrina vanden Heuvel, die heutige Herausgeberin, schreibt.

Raymond Weaver bleibt bei dem Thema Herman Melville und veröffentlicht 1921 die erste Biographie Melvilles, Herman Melville, mariner and mystic (hier im Volltext). Bei der Oxford University Press erschien 1920 eine Ausgabe von Moby-Dick mit einem Vorwort von Viola Meynell (der Tochter von Alice Meynell). Aber das ist nicht genug für den Büchersammler und Verleger Michael Sadleir, der gerade Direktor des englischen Verlags Constable geworden ist. This long and careful book is based on the papers and information of the Melville family and represents the sum of present-day knowledge of Melville's life and ideas, schreibt er in >Excursions in Victorian Bibliography (hier im Volltext) über das Buch von Weaver. Melville ist der einzige Amerikaner, den Sadleir in seinem Buch behandelt: A very minor result of the same Melville boom is his inclusion in this book. Save in the matter of date, he has little in common with the other writers here treated. They are of Victorianism Victorian; he, if he belongs to any period or to any genealogy, is of the ageless, raceless family of the lonely giants. Da ist er nun unser Melville, in der raceless family of the lonely giants. 

Sadleir sorgt dafür, dass die englischsprachige Welt den lonely giant kennenlernt: zwischen 1922 und 1924 erscheinen bei Constable in London zwölf Bände der Standard Edition, Herausgeber sind  Raymond Weaver und Willard Thorp. Weaver arbeitet auch für die New Yorker Verleger Albert und Charles Boni, wo er 1925 einen Moby-Dick herausgibt. 1925 ist das Jahr, in dem William A. Kittredge, Designer der Lakeside Press, den Künstler Rockwell Kent beauftragt, für ihn eine illustrierte Ausgabe von Moby-Dick zu gestalten. Die kommt 1930 auf den Markt, drei Bände in einem Aluminiumschuber, limitiert auf tausend Exemplare. Kittredge findet es the greatest book done in this generation. Es gilt heute als eins der schönsten Bücher der 20. Jahrhunderts.

Es wird auch die bekannteste Ausgabe von Moby-Dick. Robert Frost schreibt sie mit den Zeilen Oh, you mean Moby Dick By Rockwell Kent that everybody's reading in A Masque Of Mercy hinein. Random House will das Buch mit den Illustrationn unbedingt haben, es erscheint im selben Jahr bei ihnen in einer einbändigen Ausgabe. Das weiß ich, weil die bei mir im Regal steht. So ein Buch kostet heute schon richtiges Geld, ein amerikanischer Händler will 1.276 Euro dafür haben - für die Lakeside Edition muss man mindestens 5.000 Euro auf den Tisch legen. Es ging Random House nicht um Melville, es ging ihnen nur darum, an die Illustrationen von Rockwell Kent zu kommen. In ihrer Eile auf den Markt zu kommen, vergaßen sie allerdings eins: den Namen des Autors. We were so excited about it, we forgot to put Herman Melville's name on the cover, so our edition of Moby Dick, to the vast amusement of everybody ('The New Yorker' spotted it), said only: 'Moby Dick, illustrated by Rockwell Kent', hat der Verlagschef Bennet Cerf gesagt. Wenn Sie preiswerter an die 269 Bilder von Rockwell Kent kommen wollen, müssen sie sich die Zweitausendeins Ausgabe kaufen, da kriegen Sie den Roman allerdings in der Übersetzung von Friedhelm Rathjen, und die würde ich nie empfehlen. Sie können sich aber auch >hier durchklicken. Die Lakeside Ausgabe und die Random House Ausgabe mit den Illustrationen von Rockwell Kent gehören mit zum Melville Revival der zwanziger Jahre, dank dieser Bücher wird der Roman Moby-Dick bekannter, als er je zuvor war.

Es wird beim Constable Verlag nicht bei den zwölf Bänden bleiben, es kommen noch vier dazu. Band dreizehn ist eine literarische Sensation, es ist die Novelle Billy Budd, die Melville in den letzten Jahren vor seinem Tod geschrieben hatte. Raymond Weaver hatte das Manuskript 1919 unter den Papieren Melvilles gefunden. Weavers Version des Textes gilt heute als überholt, er hatte Schwiergkeiten mit Melvilles Schrift und las vieles falsch. Auch Melvilles Ehefrau, die immer die Manuskripte ihres Mannes abschrieb, hatte Schwierigkeiten, seine Schrift zu lesen. 1962 veröffentlichten die Melville Forscher Harrison Hayford und Merton Sealts eine neue Version, die als Grundlage für die Textausgabe war, die G. Thomas Tanselle im Jahre 2017 als fünfzehnten Band der Melville Gesamtausgabe der Northwestern University Press veröffentlichte.

Die Literaturgeschichte hat für all das, was jetzt nach 1919 passiert, den Namen The Melville Revival gefunden. Den Titel hat auch der Aufsatz meines Freundes Sanford Marovitz (hier mit seiner Frau Nora) in A Companion to Herman Melville. Ich verdanke Sandy viel, er hat mir seine Bücher Melville as Poet und Melville 'Among the Nations' geschenkt. Und den gelben Kugelschreiber der Kent State University, der immer vor mir auf dem Schreibtisch liegt. Neben dem gläsernen Briefbeschwerer von Erasmus. Ich wollte Sandy mein letztes Exemplar von der Schleswiger Moby-Dick Ausstellung schenken, aber er sagte, er hätte das schon. Alle Melville Forscher in Amerika besaßen ein Exemplar dieser Ausstellung zur Zweihundertjahrfeier der USA, und Sandy war schließlich mal Direktor der Melville Society gewesen.

Mein Blog SILVAE ist voller Posts zum Thema Herman Melville. Meine Internetadresse hat ihren Namen nach dem ersten Kapitel von Moby-Dick. Alles, was mit dem Walfang zu tun hat, ist mir von klein auf vertraut. Mein Heimatort war im 19. Jahrhundert eine kleine Art von Nantucket. Hier hatten sich Kapitäne zur Ruhe gesetzt, die mit dem Walfang reich geworden waren. Den Utkiek am Hafen zierten die Kiefer eines Wals. Und unser Heimatmuseum war voll von dem, was die Kapitäne von Walfang und Robbenschlag mitgebracht hatten. Als mein Opa pensioniert war, übernahm er manchmal sonntags die Aufsicht im Heimatmuseum. Um neun schloss er die Tür auf. Um zehn kamen die ersten Besucher. Ich hatte eine Stunde Zeit im Museum zu spielen. Ich habe jede Harpune in der Hand gehabt, und ich kenne jede Lithographie von Ambroise Louis Garneray, auf der Pêche De La Baleine steht.

An Melville zweihundertstem Geburtstag gab es hier den Post kein Melville am 1. August, in dem sich Links zu den wichtigsten Melville Posts in diesem Blog finden. Ich war einen Tag Blogger, da gab es hier den ersten Post zu Herman Melville. Es war ein kurzer Post, ich wusste noch nicht, wieviel man als Blogger pro Tag schreiben durfte, ich stelle ihn mal heute noch einmal hier hin:

Der kleine Pip ist der einzige, für den das erkaltete Herz von Kapitän Ahab noch letzte menschliche Gefühle zeigt. Die Mannschaft der Pequod hält Pip für wahnsinnig. Es wäre besser, wenn sie Ahab für wahnsinnig halten würden. Der kleine Pip ist wahnsinnig, seit er über Bord gefallen ist und man ihn allein im Pazifik treiben ließ. Der kleine Pip hat in der Tiefe des Ozeans die Füße Gottes gesehen, wie sie den Webstuhl der Welt treten. Und er hat davon erzählt, deshalb hält man ihn für verrückt: So man's sanity is heaven's sense; and wandering from all mortal reason, man comes at last to that celestial thought, which, to reason, is absurd and frantic; and weal or woe, feels then uncompromised, indifferent as his God. Melville hat seltsame Dinge aus der Bibel herausgelesen. Das hat seine wenigen zeitgenössischen Leser wahrscheinlich mehr verstört als seine komplizierte Syntax.

Sonntag, 17. Oktober 2021

Capitaine Achab

Heute vor fünfundsechzig Jahren war in Deutschland der Kinostart des Filmes Moby-Dick. Der mit Gregory Peck, über den Leslie A. Fiedler gesagt hat, er hätte besser den Wal gespielt. Den Film kann ich Ihnen heute nicht bieten, aber ich habe hier die letzten acht Minuten, mit dem Tod von Captain Ahab und dem Untergang der Pequod. Aber einen Film, der von Melvilles Roman Moby-Dick inspiriert ist, kann ich Ihnen doch anbieten: Capitaine Achab von Philippe Ramos. Nicht die Kurzfilmversion von 2003, sondern den richtigen Film. Irritierend, aber interessant. Und diesen Post heute gibt es nur, weil ich darauf aufmerksam machen möchte, dass es morgen einen ganz langen Melville Post geben wird. Denn am 18. Oktober 1851 ist Melvilles Roman Moby-Dick in London erschienen, das muss gewürdigt werden. Wenn Sie bis dahin noch einmal in den Roman schauen wollen, bitte: hier ist er.

Freitag, 15. Oktober 2021

WSoD

Die junge Frau ist traurig, Tränen rinnen ihr über die Wangen. Weshalb ist sie traurig? Das sagt uns der Maler Roy Lichtenstein nicht. Aber ich weiß, dass sie weint, weil sie Bloggerin bei Wordpress ist und jetzt WSoD hat. Das ist keine venerische Krankheit, ist aber auch schlimm. Vor allem für Blogger. WSoD bedeutet bei Wordpress White Screen of Death. Dafür gibt es bei Wordpress eine ganze Seite, auf der erklärt wird: Both PHP errors and database errors can manifest as a white screen, a blank screen with no information, commonly known in the WordPress community as the WordPress White Screen of Death (WSOD).

So sieht das dann mit dem WSoD aus. Seit gestern ist meine Homepage nicht mehr zu erreichen, es erscheint lediglich eine weiße Seite, das gleiche, wenn ich mich auf meiner Wordpress-Login-Seite anmelden will, die Seite bleibt weiß, schreibt ein Wordpress Kunde im Internet. Das kenne ich, das habe ich jetzt auch. Ich wollte in den Blog nixwiekunst noch einen Post kopieren, aber da erschien eine Seite, die mir erzählte, dass mein Browser nicht kompatibel sei. Zehn Jahre lang war er kompatibel, jetzt plötzlich nicht mehr. Aber da stand auch noch Continue loading the page anyway. Das tat ich, und dann hatte ich eine weiße Seite.

Ich bin ja eh nur bei Wordpress, weil Googles Blogger-System vor zehn Jahren für eine Woche weltweit zusammenbrach. Tragödien spielten sich in der Bloggerszene ab. Da habe ich mir, für alles, was ich sichern wollte, bei Wordpress einen Blog aufgemacht. Aus dem dann Themenblogs für Kunst (nixwiekunst), Kino (Silverscreen | Cinemabilia), Klamotten (Kleiderschrank), Krimi (The Simple Art of Murder) und Uhren (Tickendes Teufelsherz) entstanden sind. Diese Blogs gibt es alle noch, aber ich kann nichts Neues in sie tun. Ich komme nicht in mein System hinein, weil mich Wordpress nicht reinlässt. Weil mein Browser bei Wordpress nicht funktioniert, meine E-Mail Adresse und mein Passwort falsch sind. Die Aufforderung Überprüfe deine E-Mail auf einen Bestätigungslink und rufe dann die Anmelde-Seite auf. Melde dich bei deinem WordPress.org-Konto an, um einen Beitrag zu WordPress zu leisten, Hilfe im Support-Forum zu erhalten oder Themes und Plugins zu bewerten und zu rezensieren brachte bei mir keine Ergebnisse, da ich mich gar nicht in meinem WordPress.org-Konto anmelden konnte

Ich rief einen Computerfachmann an, der mir sagte, es läge vielleicht an meinem Browser Safari, ich sollte mal den Browser wechseln. Hatte ich längst getan, aber welchen Browser ich auch verwendete, ich konnte mich nicht bei meinem WordPress.org-Konto anmelden, um einen Beitrag zu WordPress zu leisten. Das Internet ist voll mit aberhunderten von Seiten, die einem versprechen, das WSoD Problem von Wordpress zu lösen. Wordpress hat auch eine Seite dafür. Man kann machen, was man will, es funktioniert nicht. Sie haben aber keine E-Mail Adresse oder Telephonnummer unter der man einen richtigen Menschen erreichen und ihm sagen kann: Mach das mal wieder heil.

In seinem Kapitel The Whiteness of the Whale listet Herman Melville in Moby-Dick gefährliche Sachen auf, die wir mit der Farbe weiß verbinden: This elusive quality it is, which causes the thought of whiteness, when divorced from more kindly associations, and coupled with any object terrible in itself, to heighten that terror to the furthest bounds. Witness the white bear of the poles, and the white shark of the tropics; what but their smooth, flaky whiteness makes them the transcendent horrors they are? That ghastly whiteness it is which imparts such an abhorrent mildness, even more loathsome than terrific, to the dumb gloating of their aspect. So that not the fierce-fanged tiger in his heraldic coat can so stagger courage as the white-shrouded bear or shark. Er kannte  den White Screen of Death von Wordpress noch nicht, sonst hätte er den unter coupled with any object terrible in itself, to heighten that terror to the furthest bounds auch erwähnt.

Montag, 11. Oktober 2021

Eureka


Wenn das ganze Universum voller Sterne ist, warum ist es dann nachts dunkel? Wenn Ihnen jemand diese Frage stellt, dann sagen Sie einfach: Das ist das Olbersche Paradoxon. Stimmt immer. Der Bremer Arzt und Astronom Dr Heinrich Wilhelm Olbers, der am 11. Oktober 1758 geboren wurde, ist schon mehrfach in diesem Blog erwähnt worden. Und es gab hier vor einem Jahr den ziemlich ausführlichen Post Wilhelm Olbers, in dem auch der von Arno Schmidt geplante Lilienthal Roman erwähnt wird. Olbers hat sechs Kometen entdeckt (einer trägt seinen Namen) und achtzehn Kometenbahnen berechnet, davon redet niemand, immer wird nur das Olbersche Paradox erwähnt.

Der Bremer Physiker Peter H. Richter hat das in einem kleinen Artikel über das sogenannten Olbersche Paradoxon klar gesagt: Der Begriff 'Olberssches Paradoxon' ist übrigens erstaunlich jung. Erst 1952 wurde er von Herman Bondi eingeführt, in seinem Buch 'Cosmology', einem der Standardwerke der steady state-Theorie des Kosmos. Bondi, Thomas Gold und Fred Hoyle nahmen wie Kant einen unendlich ausgedehnten und ewig existierenden Kosmos an; sie gingen insofern von ähnlichen Prämissen aus wie Wilhelm Olbers und hatten deshalb dasselbe Problem. Sie nannten es – solange ungelöst – das Olberssche Paradoxon und machten damit den Bremer Arzt zu einem der Begründer der modernen Kosmologie. Jedenfalls ist er der Welt durch diese späte Würdigung einer einzigen Altersschrift heute bekannter als aufgrund seiner früheren Erforschungen von Kometen und Kleinplaneten.

Wenn der Mond nicht wäre, dann wäre es hier in New Mexico ganz dunkel (das ist natürlich das berühmte Photo von Ansel Adams aus dem Jahre 1941). Es gibt nur wenige Häuser, die Lichtverschmutzung ist klein. Lichtverschmutzung ist ein neues Wort, es gibt inzwischen sogar eine International Dark Sky Association, die sich darum kümmert. Dass es diese Organisation und Sternenparks gibt, weiß ich durch das Buch Durch die Nacht: Eine Naturgeschichte der Dunkelheit von Ernst Peter Fischer, das mir der Friedhard zu Weihnachten geschenkt hat. Es ist ein hochinteressantes Buch, auch wenn der Philosoph Ludger Lüdkehaus daran ein wenig herummäkelte.

Ich habe auch etwas zu mäkeln, weil kuriose Fehler in dem Buch sind. Dass Olbers im Index falsch geschrieben wird, das kann man hinnehmen. Aber da sind schlimme sachliche Fehler, die einem Autor von wissenschaftlichen Populärwerken niemals hätten passieren dürfen. Wenn da steht, das Olbers im Todesjahr Goethes, also 1832 sein Paradoxon formuliert, dann ist das Unsinn. Über die Durchsichtigkeit des Weltraums wurde 1823 veröffentlicht. Und auch der Satz 1820 gab er – vorgeblich aus Gesundheitsgründen – seine Praxis auf, um sich fortan intensiv und kontinuierlich mit dem Paradoxon zu beschäftigen ist ein klein wenig falsch. Im Oktober 1818 war seine Tochter Doris gestorben, ein Ereignis, das ihn etwas aus der Bahn geworfen hatte, er braucht Monate, bis er seinen Freunden Bessel und Gauß vom Tod seiner Tochter schreibt. 1820 stirbt seine Frau Anna Adelheid, mit der er seit 1789 glücklich verheiratet war, der kränkelnde Olbers hat das Gefühl, dass sein Leben ans Ende gekommen ist. Er gibt seine große Praxis 1821 auf, wird aber noch von Kollegen als Consilarius ans Krankenbett gerufen. Das Problem des Wissenschafthistorikers Ernst Peter Fischer ist, dass er zuviel schreibt, über fünfzig Bücher seit 1985, da gibt es Substanzverluste.

Ich habe aber aus dem Buch mitgenommen, dass sich der Philosoph Blumenberg auch mit dem Olberschen Paradoxon beschäftigt hat: Er hat in seinem Buch über 'Die Vollzähligkeit der Sterne' die hübsche und paradox klingende Formulierung gefunden, dass wir gerade dann keine Sterne sehen könnten, wenn es nur Sterne gäbe. Und tatsächlich: Wenn der Nachthimmel gleichmäßig erleuchtet wäre von den riesigen Sternenmengen des Kosmos, dann wäre eben nur ein durchgängiges Weiß, aber kein einzelner Stern zu sehen. Fischer verschweigt uns nicht, dass sich ein ganz anderer an die Lösung des Problems gemacht hat, jemand, den wir mit Nacht und Dunkelheit (Deep into that darkness peering, long I stood there, wondering, fearing, doubting, dreaming dreams no mortal ever dared to dream before) in Verbindung bringen, der aber kein Astronom ist. Es ist niemand anderer als Edgar Allan Poe in seinem Alexander von Humboldt gewidmeten Spätwerk Eureka, über das er sagte: I have no desire to live since I have done 'Eureka'. I could accomplish nothing more.

I design to speak of the Physical, Metaphysical and Mathematical — of the Material and Spiritual Universe — of its Essence, its Origin, its Creation, its Present Condition and its Destiny, sagt er in Eureka, das er als prose poem bezeichnet. Größer geht es ja nicht. Poe hält sich für einen großen Denker, der wie sein Detektiv Auguste Dupin alle Fragen der Menschheit lösen kann. Die egentliche Geschichte in The Murders in the Rue Morgue dient Poe als Illustration einer längeren theoretischen Abhandlung: The narrative which follows will appear to the reader somewhat in the light of a commentary upon the propositions just advanced. Aber ist derselbe Poe, der The Murders of the Rue Morgue schreibt, in der Lage, das ganze Universum zu erfassen und ganz nebenbei noch das Olbersche Paradoxon aufzulösen?

Ja, sagt Professor David N. Stamos in seinem Buch Edgar Allan Poe, Eureka, and Scientific Imagination. Ein Buch, von dem Sie das Vorwort hier lesen können. Stamos will für alle Poe Liebhaber schreiben: The book is written for all those who love Poe, for Poe scholars and related literary critics, for all those who love science, including philosophy and history of science, and for all those interested in the largely overlooked topic of scientific imagination. Das hat er bei Facebook gesagt. Und in seinem Vorwort schreibt er: 

One would naturally think that whatever the mystery it should surely have been solved by now, given the enormity of Poe scholarship and the fact that Poe died in 1849. Part of the problem, however, a large part in fact, is not only that Eureka is very unlike anything else in Poe’s corpus and is a difficult read, but that the vast majority of Poe scholars are professors of English and of American literature, with many having accomplished much as writers of fiction and of poetry in their own right. In other words, the problem is that almost invariably they lack the necessary understanding of science and of philosophy of science, from Poe’s time to the present, to see what is really going on in Eureka. The flipside of that problem, of course, is that pathetically few professional philosophers and historians of science have ever bothered to read Eureka, given its reputation among the literati themselves as an obscure work (and possibly a hoax) and that it was written, after all, by a mid-nineteenth-century poet and writer of horror, not a bona fide scientist or philosopher or historian of science. Having no motive to read Eureka in the first place, they would certainly have no motive to investigate into how Eureka connects with the rest of Poe’s corpus—let alone into how it connects with, say, the latest research in neuroscience. Enter yours truly and the book before you. 

Der yours truly ist natürlich unser Professor Stamos, er ist manchmal sehr witzig. Er will uns zeigen, was bei Poe die Welt im Innersten zusammenhält. Dass Poe eine bessere Erklärung als Olbers (der ja nur den Schweizer Jean-Philippe Loys de Cheseaux wiederholte) für die Dunkelheit der Nacht hat. Dass er die Big Bang Theorie schon formuliert hat und ich weiß nicht was alles. Die New York Times hatte 2002 die schöne Schlagzeile: What Did Poe Know About Cosmology? Nothing. But He Was Right. Am 3. Februar 1848 hielt Poe in der New York Society Library einen zweistündigen Vortrag zum Thema The Cosmogony of the Universe. Es war die Basis seines Buches Eureka. Ich weiß nicht, was die Zuhörer sich dabei gedacht haben. Haben Sie gewusst, dass sie da kosmologisch revolutionäre Sätze hörten? Wie zum Beispiel: Were the succession of stars endless, then the background of the sky would present us a uniform luminosity, like that displayed by the Galaxy – since there could be absolutely no point, in all that background, at which would not exist a star. The only mode, therefore, in which, under such a state of affairs, we could comprehend the voids which our telescopes find in innumerable directions, would be by supposing the distance of the invisible background so immense that no ray from it has yet been able to reach us at all. 

Die Dunkelheit bleibt. Sie könnten jetzt diese Seite von Professor Werner Schmutz von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ansehen, vielleicht ist Ihnen dann alles klar. Aber die Dunkelheit draußen, die bleibt in der Nacht. Damit wir die Sterne sehen lönnen. Und mit Kant denken können: Zwei Dinge erfüllen das Gemüth mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Ich sehe sie beide vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz. Nicht jeder hat diese Empfindungen. Als Ernst Kantorowicz nach einem Abend voller hitziger Diskussion über des Menschen eingeborenen Sinn für das Erhabene das Haus von Erwin Panofsky in Princeton verließ, sagte er: Wenn ich zu den Sternen aufblicke, empfinde ich meine eigene Sinnlosigkeit. Worauf Panofsky antwortete: Alles was ich empfinde, ist die Sinnlosigkeit der Sterne.




Sonntag, 10. Oktober 2021

Kontratenor

Wenn Sie in Essen wohnen, können Sie heute Abend Philippe Jaroussky singen hören. Das nur ganz nebenbei, Kontratenöre haben bei mir immer Platz. Sie könnten jetzt mal die Posts nackte LiederChe farò senza EuridiceGreensleeves, Flora Tristan und La clemenza di Tito lesen. Ich komme auf das Thema, weil ich gerade gelesen habe, dass Oprah Winfrey in ihrem Buchclub den amerikanischen Schriftsteller Richard Powers als one of our country's greatest living writers bezeichnet hat. Und dem noch hinzugefügt hat: who writes some of the most beautiful sentences I’ve ever read. Wir wollen mal hoffen, dass sie ihn wirklich gelesen hat. In dem Post Anna Karenina: Translations hatte ich geschrieben, dass Winfrey die Anna Karenina Übersetzung von Richard Pevear und Larissa Volokhonsky gelobt hat, den Roman aber nie gelesen hat. Richard Powers zu loben, fällt nicht schwer, das tut heute jeder. Und den Pulitzer Preis hat er vor zwei Jahren sicherlich zu Recht bekommen.

Mir fiel bei dem Namen Richard Powers als erstes sein Roman The Time of our Singing (deutsch Der Klang der Zeit) ein, über den Thomas Steinfeld damals in der SZ sagt: Fast achthundert Seiten hat dieses Buch, und keine Seite ist zu viel. Sie können den Roman übrigens hier auf deutsch online lesen, wenn Sie wollen. Und beautiful sentences stehen da auch drin. Wie gleich am Anfang, wenn John Dowlands Time stands still  gesungen wird:

Irgendwo in einem leeren Saal singt mein Bruder noch immer. Seine Stimme ist noch nicht verhallt. Nicht ganz. Wo immer er sang ist etwas zurückgeblieben, etwas wie Vertiefungen, wie Rillen in den Wänden, die nur darauf warten, daß ein künftiger Phonograph sie wieder zum Leben erweckt.
Mein Bruder Jonah steht reglos an den Flügel gelehnt. Er ist gerade einmal zwanzig. Die sechziger Jahre haben eben erst begonnen. Noch liegt das Land im letzten Schlaf seiner trügerischen Unschuld. Niemand hat von Jonah Strom gehört, niemand außer unserer Familie. Dem was von ihr übrig ist. Wir sind nach Durham in North Carolina gekommen, in den alten Konzertsaal der Duke-Universität. Er hat die Endrunde eines landesweiten Gesangswettbewerbs erreicht, von dem er später behaupten wird, er habe nie daran teilgenommen. Jonah ist allein auf der Bühne, ein wenig rechts von der Mitte. Zur Seite geneigt, als suche er Rückhalt in der geschwungenen Flanke des Konzertflügels, seiner einzigen Zuflucht. Er beugt sich nach vorn, schweigend, gekrümmt wie die Schnecke eines Cellos. Die linke Hand stützt sich auf die Kante des Flügels, in der rechten hält er einen Brief, den es längst nicht mehr gibt. Er grinst, kann selbst kaum glauben, daß er hier ist, dann holt er Luft – und singt.
Eben noch hockt der Erlkönig auf meines Bruders Schulter und flüstert verführerisch vom Tod. Im nächsten Augenblick tut sich eine Falltür auf, und mein Bruder ist anderswo; ausgerechnet Dowland zaubert er hervor, eine hinreißende kleine Frechheit für die Ohren dieses verblüfften Liederpublikums, das gar nicht merkt, wie es ihm ins Netz geht:

Time stands still with gazing on her face,
Stand still and gaze for minutes, hours, and years to give her place.
All other things shall change, but she remains the same,
Till heavens changéd have their course and time hath lost his name.

Zeit steht still, schau ich in ihr Gesicht,
Steh still und schau, Minute, Stund und Jahr, sie schwindet nicht.
Wenn alles auch vergeht, bleibt sie doch ewiglich,
Bis der Planenten Lauf sich kehrt und Zeit heißt nicht mehr Zeit.

Zwei Strophen, und das Lied ist zu Ende. Stille liegt über dem Saal. Sie schwebt über den Reihen wie ein Ballon am Horizont. Zwei Taktschläge, in denen selbst Atmen ein Verbrechen wäre. Dann gibt es nur eins, was diesen Bann bricht: Applaus. Dankbare Hände setzen die Zeit wieder in Gang, der Pfeil nimmt seinen Flug wieder auf und bringt meinen Bruder auf den Weg zu seiner Bestimmung.
So sehe ich ihn, auch wenn er danach noch ein Dritteljahrhundert zu leben hat. Das ist der Augenblick, in dem die Welt ihn entdeckt, der Abend, an dem ich höre, wohin seine Stimme unterwegs ist. Ich selbst bin auch auf der Bühne, sitze an dem zerkratzten Steinway mit den abgegriffenen Tasten. Ich begleite ihn, versuche mit ihm Schritt zu halten und nicht der Sirenenstimme zu lauschen, die mir zuflüstert Laß die Finger ruhen, dein Boot zerschellen an der Tasten Riff, und stirb in Frieden.
Zwar mache ich keine schlimmen Patzer, aber der Abend zählt nicht zu den Höhepunkten meiner musikalischen Laufbahn. Nach dem Konzert bitte ich meinen Bruder noch einmal, er soll mich gehen lassen und sich einen ebenbürtigen Begleiter suchen. Wieder lehnt er ab. "Ich habe schon einen Begleiter, Joey".

John Dowland, der Melancholiker der englischen Renaissance, wird heute gerne von Kontratenören gesungen. Er kann natürlich auch von anderen Stimmlagen gesungen werden, Sting hat das gezeigt. Aber seit der Kontratenor Alfred Deller die elisabethanische Lautenmusik populär gemacht hat, hat er viele Nachfolger. Auch Philippe Jaroussky hat Dowland gesungen (Sie können jetzt das Flow my Tears von Sting und Jaroussky vergleichen), aber eine Aufnahme von Time stands still habe ich im Netz von ihm nicht gefunden. Ich nehme stattdessen Andreas Scholl (ich habe hier auch eine Version für die begleitende Laute), den ich sehr schätze. Das habe ich schon in dem Post Cantate erwähnt. Sie könnten auch Daniel Taylor hören, aber lesen Sie doch einmal des Text von Richard Powers, während im Hintergrund Time stands still läuft.

Freitag, 8. Oktober 2021

déjà vu


Der flämische Maler Jan Massys (manchmal auch Matsys oder Metsys geschrieben) ist am 8. Oktober 1575 in Antwerpen gestorben. Ich kenne seine Bilder schon ganz lange. Und da muss ich mal eben etwas zitieren, was schon in dem Post Aktmalerei (ein Post, der mehr als zehntausend Mal angeklickt wurde) steht: Wenn man als Teenager in den frühen fünfziger Jahren wissen wollte, wie nackte Frauen aussahen, gab es nur wenige Gelegenheiten zur persönlichen Weiterbildung. Heute geben die Kiddies bei Google Bilder das Wort nackt ein und bekommen pralle Seiten voll nackter Frauen. Damals gab es nur zwei Möglichkeiten: die Nacktbadestrände auf Sylt und das Studium von Kunstbänden. Von daher ist mir Agnolo di Cosimo (den seine Zeitgenossen Bronzino nannten), der heute vor fünfhundertzehn Jahren geboren wurde, seit Kindestagen ein Begriff.

Anstelle von Bronzino hätte ich auch Jan Massys nehmen können, die Maler des Manierismus sind sich in vielem ähnlich. Dieses schöne Bild hängt in der Kunsthalle Hamburg, es kommt aus der Kunstsammlung von Siegfried Wedells, einem der bedeutendsten Hamburger Sammler des 19. Jahrhunderts. Vielleicht ist es eine Flora, vielleicht aber auch eine Venus, das weiß man nicht so genau.
 
Als ich das Bild auf der Seite von Wikipedia sah, musste ich an dieses Bild denken, das kürzlich in dem Post der grüne Sonnenschirm zu sehen war. Zwei Frauen, die eine Diagonale des Bildes bilden, in der Natur. Man könnte ein kleines Forschungsprojekt daraus machen: kaum bekleidete Frauen im Garten. Unser flämischer Maler hat sich sein Bild wahrscheinlich bei den Italienern abgeguckt. 

Wenn Sie wissen wollen, was sich alles an Symbolik auf dem Hamburger Bild findet, dann klicken Sie doch einmal die Seite, aus der ZDF Kultur Serie Das Geheimnis der Bilder an, und schon sind Sie interaktiv mittendrin. Die Hamburger Kunsthalle hat auch ein kleines Video bei YouTube eingestellt, und in ihrer Buchreihe Im Blickpunkt gibt es ein kleines Büchlein über die Flora, das 2003 unter dem Titel Verführungskunst erschienen ist. Wenn Sie auf die Seite der Restauratorin Regine Kränz gehen, können Sie alles über die Restaurierung des Gemäldes lesen.



Dienstag, 5. Oktober 2021

Kunstretter


In seiner Komödie Besucher läßt Botho Strauß seine Hauptfigur Karl Joseph sagen: In Bremen vierundsechzig oder fünfundsechzig — ich gastierte im Danton— da hatten wir einen jungen Kollegen, der ist eines Abends, also es war schon Viertel eins. Dantons Tod, eine Viecherei, kein Bus fuhr mehr, da ist er plötzlich zur Rampe gelaufen, mitten im Text, und fragt ins Publikum hinunter, ob ihn jemand nach der Vorstellung mit nach Lesum nehmen kann. Dort hat er nämlich gewohnt. Ich nehme an, dass Botho Strauß diese Stelle extra für seinen Hauptdarsteller Will Quadflieg geschrieben hat, denn der hatte sein Landhaus im Kirchspiel Lesum. Der kleine Ort ist jetzt also in der deutschen Literatur, aber da ist er schon länger. Das wissen Sie, wenn Sie den Post Sommer in Lesmona gelesen haben. Nach Lesum will ich heute noch einmal hin, denn da wurde der Mann geboren, über den ich heute schreibe, ein Maler und Schriftsteller, ein Organist und ein Kunstretter. Und so gut wie unbekannt. Ich lasse ihn noch einen Augenblick ohne Namen.

Wenn wir nach der Lektüre von Marga Bercks Roman Sommer in Lesmona den Ort Lesum mit Parks und Villen verbinden, dann müssen wir auch bedenken, dass es hier seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch Industrie gibt, eine Wollwäscherei, Zigarrenfabriken und eine Porzellanfabrik. Die von Bremer Kaufleuten gegründeten Fabriken siedeln sich hier an, weil der Ort nicht zu Bremen gehört. Das hat etwas damit zu tun, dass Bremen nicht Mitglied des Deutschen Zollvereins ist. Ich bleibe mal eben bei der 1872 gegründeten Wollwäscherei, die gegenüber des Burger Bahnhofs lag. Der Vater des bis jetzt anonymen Mannes (welcher 1923 dieses Bild malt) ist da nämlich der Direktor. Nicht der Besitzer. Der Vorstand der Firma ist George Alexander Albrecht, ein berühmter Mann. Er ist schon mehrfach in diesem Blog erwähnt. Zum Beispiel in dem Post Knoops Park, weil er eine Tochter des Barons Knoop geheiratet hatte. Er kauft sich in Leuchtenburg den Nachbau des irischen Lowther Castle, und wird dort mit seiner Familie wohnen. Sein Urenkel Ernst Albrecht wuchs hier auf. War mal Ministerpräsident von Niedersachsen. Und der Vater von Ursula von der Leyen.

Die Wolle zu waschen ist das eine, die Wolle zu kämmen das andere. Und so wird George Alexander Albrecht zusammen mit anderen Bremer Kaufleuten 1883 in Blumenthal (das damals noch nicht zu Bremen gehört) die Bremer Wollkämmerei (BWK) gründen. Einer der Gründer ist übrigens der Wollhändler Johannes Fritze, den kennen Sie aus dem Post die Villa Fritze. Die BWK, die einmal die größte Wollkämmerei der Welt war, ist inzwischen auch schon Geschichte. Die Nordwolle der Brüder Lahusen, die beinahe den Bremischen Staat ruinierten, auch.

Im damals nicht bremischen Lesum beginnt 1892 das Leben des Anton Hugo Körtzinger. Auf dem kleinen Fluß Lesum wird er als fünfjähriger Junge segeln, zur Freude seiner Mutter, deren Vater Kapitän eines Segelschiffs war. Den in Vegesack geborenen Kapitän Bernhard Gärdes, der mit der Bark Ocean Auswanderer nach New York und Baltimore schippert, hat der junge Hugo Körtzinger allerdings nicht mehr kennengelernt. Das Meer und die Seefahrt werden für ihn aber noch eine große Bedeutung haben. Nicht nur wegen des Bildes Seemannsfrau mit Kind am Meer aus dem Jahre 1942. Denn 1931, als es dem jungen Maler wirtschaftlich schlecht geht, bekommt er eine Anstellung als Bordmaler beim Norddeutschen Lloyd.

In sechzehn Seereisen wird er um die ganze Welt kommen, hier hat er seine Staffelei in Spitzbergen aufgestellt. Er wird jetzt Bilder verkaufen, Aufträge bekommen, aber was noch wichtiger ist, er wird viele Freundschaften schließen. In den dreißiger Jahren ist viel Prominenz an Bord der Schiffe. Körtzinger hatte das Realgymnasium in Vegesack besucht, dieselbe Schule, die ich besuchte. Er ging wie ich in die Vegesacker Kirche, und er hat da mit zwölf Jahren begonnen, Orgel zu spielen. 1937 wird er sich eine Orgel kaufen, die er in seiner neugebauten Werkstatt in Schnega aufstellt.

In das kleine Kaff am Rande der Lüneburger Heide hatte es ihn verschlagen, denn Helene Peltret, die er 1914 geheiratet hat, kommt aus dem Ort. Er wird sie bei den meisten seiner Seereisen mitnehmen. Im Jahr seiner Hochzeit meldet er sich als Freiwilliger zum Militärdienst und landet bei der Reserve Ersatz-Eskadron des Kürassierregiments von Seydlitz in Halberstadt. Hat einen Reitunfall, der ihn davor bewahrt, den wirklichen Krieg kennenzulernen und wird aus gesundheitlichen Gründen vor dem Kriegsende entlassen. Er bleibt in Schnega, behält aber sein Bremer Atelier, bis das im Zweiten Weltkrieg zerstört wird.

Zwei Ehepaare auf dem Markusplatz in Venedig, sie sind auf einer Kreuzfahrt eines Lloyd Dampfers hier angekommen. Die Herren haben Tauben auf dem Hut. Links sehen wir den Bordmaler Hugo Körtzinger, der Herr rechts wird für den Künstler immens wichtig. Er heißt Hermann Fürchtegott Reemtsma und ist Millionär. Unser Künstler hat ihn auf einer Schiffsreise kennengelernt, jetzt sind die beiden befreundet. Sie werden zeitlebens befreundet bleiben. Reemtsma wird zum wichtigsten Mäzen des Malers. Dank seiner finanziellen Zuwendungen kann Körtzinger sich in Schnega ein Studio neben seinem Haus bauen und sich eine Orgel kaufen.

Aber er tut auch viel für Reemstma, er wird der wichtigste Kunstberater des Hamburger Millionärs. Seine Leistung beim Aufbau der Kunstsammlung Reemtsmas wird heute noch auf der Seite der Reemtsma Stiftung gewürdigt. Auf diesem Bild vom August 1934 umrahmen Körtzinger und Reemtsma den Bildhauer Ernst Barlach. Im Hintergrund ist der noch unvollendete Fries der Lauschenden zu sehen. Körtzinger, der dank der Hinweise des Bremer Bildhauers Dietrich Kropp schon früh Barlachs Werk kannte, hatte den Künstler und den Sammler zusammengebracht. Reemtsma wird zu einem Mäzen Barlachs: Ich bin Ernst Barlach nie anders begegnet als mit großer Ehrfurcht vor seiner Kunst. Ich bin 1934 zu ihm gefahren, weil mich seine Kunst, der ich erst zwei Jahre zuvor bewusst begegnet war, anging. Alles Weitere, was daraus erfolgte, war innere Verpflichtung und hat nichts mit Mäzenatentum zu tun, hat Reemtsma 1948 geschrieben.

Mit den Nationalsozialisten hatte Körtzinger nichts am Hut, er notiert 1933 in seinem Tagebuch: Dieser Quacksalberpolitiker ...  fürchterlich, daß ein solcher Mann in Deutschland Reichskanzler werden kann. Er betrachtet mit Sorge, wie Barlach angefeindet wird, seine Kunst plötzlich zu entarteter Kunst oder Verfallskunst wird. Nach Barlachs Tod wird Körtzinger eine kleine Schrift mit dem Titel Freundesworte: Ernst Barlach zum Gedächtnis herausgeben. Er wird bei der Beerdigung Barlachs ein plattdeutsches Gedicht vortragen, das mit den Versen Ligg Du man sachten, swig still, / lat spöken dar buten, wat will! beginnt. Körtzinger hat Joseph Goebbels mit einem Telegramm vom Tod Barlachs informiert, ich weiß nicht, ob das eine rührende oder eine ironische Geste ist. Er wird nach dem Tode Barlachs dafür sorgen (und das wird er Goebbels niemals mitteilen), dass zwei von Barlachs Werken der Vernichtung durch die Nazis entgehen. Der Güstrower Schwebende Engel wurde zwar eingeschmolzen, aber den Nachguss vom Originalmodell hütete Körtzinger auf seinem Hof in Schnega. Das hier ist der Kieler Geistkämpfer, wie er seit 1954 vor der Kieler Nikolaikirche steht.

Im Jahre 1948 sieht der Geistkämpfer so aus. Zersägt, zerlegt, in Holzkisten verpackt, hat er den Krieg auf Körtzingers Hof überstanden. Ernst Barlach ist 1938 gestorben, er hat das nicht mehr erfahren, dass Körtzinger zwei seiner Hauptwerke gerettet hat. Die Bronzegießerei Hermann Noack aus Berlin, die 1928 den Geistkämpfer gegossen hatte, restaurierte in den fünfziger Jahren die Teile im Innenhof des Kieler Rathauses. Wenn sich der Oberbürgermeister Andreas Gayk, der Kiel nach dem Krieg wiederaufbaut, nicht für den Ankauf der Statue eingesetzt hätte, stände sie wahrscheinlich immer noch in der Lüneburger Heide. Wahrscheinlich hat der Schäferhund von Körtzinger da auch mal dran gepinkelt.

Das Wikipedia Lexikon hat für mein Gymnasium eine Internetseite auf der es auch eine Kategorie für berühmte ehemalige Schüler gibt. Jürgen Trittin ist dabei und manche meiner Mitschüler, die hier schon im Blog vorkommen (wie Charlie KottkampClaus Jäger oder Bernd Neumann). Aber der Name Hugo Körtzinger fehlt in dem Artikel. Wer immer diese Liste aufgestellt hat, wusste wahrscheinlich nicht, dass es diesen wirklich bedeutenden Mann gibt. Doch der Maler und Kunstretter ist nicht ganz vergessen, es gibt einen Förderverein Hugo Körtzinger, und die Werkstatt in Schnega ist mit Mitteln der Reemtsma Stiftung renoviert worden und kann besichtigt werden.

Postscriptum: Professor Arne Körtzinger, der der Großneffe von Hugo Körtzinger ist, hat mir eine nette Mail geschrieben und mir gesagt, dass er dafür gesorgt hat, dass Hugo Körtzinger jetzt auch auf der Seite des Gerhard Rohlfs Gymnasiums unter den berühmten Schülern steht.