Freitag, 31. Dezember 2021

Silvester


Das ist das zweite Corona Silvester, das wir erleben. Und das erste Jahr, in dem kein Feuerwerk verkauft werden darf, Tischfeuerwerk schon. In Dänemark und Polen decken sich zur Zeit tausende von Deutschen mit Feuerwerkskörpern ein, da ist der Verkauf nicht verboten. Vielleicht bringen sie auch ein paar Viren mit nach Hause. Genau so war das mit dem Verkaufsverbot ja gedacht. Die Festlichkeiten werden in diesem Jahr klein sein, sehr klein. Wenn Joachim Ringelnatz in seinem Gedicht In der Neujahrsnacht schreibt: Die Menschen können sich in den Gassen vor lauter Übermut gar nicht mehr fassen. Sie singen und springen umher wie die Flöhe und werfen die Mützen in die Höhe, dann wissen wir, dass es so etwas bei uns in diesem Jahr nicht geben wird, der Übermut ist dahin. Und was hier Silvester 2012 stand, das kann man heute auch nicht mehr einstellen, das geht nicht. Der Altjahrstag hat seinen Namen nach dem Papst Silvester I, der an einem 31. Dezember gestorben ist. Im Heiligenkalender der römisch-katholischen Kirche ist das heute sein Gedenktag. In der Legenda Aurea können wir lesen:

Silvester kommt von 'sile', Licht, und 'terra', Erde, und heißt ein Licht der Erde, das ist: der Kirche; die aber ist wie alle gute Erde fett, nämlich in guten Werken; schwarz, nämlich in Demut; süß, nämlich in Andächtigkeit. Denn an diesen dreien erkennt man gute Erde, sagt Palladius. Oder Silvester kommt von 'silva', Wald, und 'trahens', ziehend; weil er die Waldmenschen, das ist: die rohen und ungebildeten Heiden zum Glauben brachte. Oder wie im Glossario zu lesen ist: Silvester heißt der Grüne, der Landmann, der Schattige, der Waldige. Denn er grünte in himmlischer Betrachtung, er war ein Landmann, da er sich selbst bebaute; er war schattig, da er vor der Hitze aller Begierde Kühle hatte; waldig, weil er gepflanzt ist unter die Bäume des Himmels.

Ich stelle heute am Silvestertag etwas Nachdenkliches ein, das Gottfried Benn im Jahre 1956 geschrieben hat, und das hier schon einmal in dem Post Jahreswechsel stand:

Ich erinnere mich der Silvesternacht, in der das jetzige Jahrhundert sich erhob. Diese Nacht lag über einem Dorf jenseits der Oder-Neiße-Linie. Es war für die damalige so glückliche Welt eine Sensation, dass ein neues Jahrhundert begann. Alles wachte, alles feierte, die Kirchenglocken läuteten um Mitternacht, man erwartete irgend etwas ganz besonderes, eine Art Anbruch des Paradieses innen und außen. Mein Vater trat aus seinem Pfarrhaus und umarmte den Dorfschulzen, einen großen reichen Bauern, alles umarmte sich, es war eine schnee- und regenlose Nacht, es war ein großes Ereignis.

Ich erinnere mich an eine Silvesternacht im Ersten Kriege. Wir waren in einer glänzenden eleganten Stadt, einer Hauptstadt. In der berühmten wunderbaren weißen Kathedrale fand die Mitternachtsmesse statt. Das Land war katholisch, der Dom war überfüllt, die meisten mußten stehen, wir fremden Soldaten standen in Uniform zwischen ihnen, und alles gehörte in dieser Nacht zusammen.

Ich erinnere mich an eine Silvesternacht im Zweiten Krieg. In einer kleinen Stadt im Osten, im Warthegau. Es war in einer Kaserne. Ein schneereicher Dezember war gewesen, ungewöhnliche Kälte herrschte seit Wochen, Frost – und wir hatten nichts zu heizen. Wir hatten hundert Gramm Streichmettwurst als Sonderzulage erhalten und Bratlingspulver. Damals feierte man nicht Weihnachten, sondern Wintersonnenwende, und die Kommandeure hatten in der Neujahrsparole über Erneuerung des Lichts zu sprechen. Am Morgen war ein schwerer Angriff auf Berlin gewesen, und man fragte sich, ob die Wohnung noch stünde und was von den wenigen Bekannten, die dort lebten, übriggeblieben war.

1900, 1914, 1944, drei Silvesternächte! Drei Silvesternächte, alle in diesem Europa, in diesem Abendland, tief und gleisnerisch, universal und abstrakt, Olymp und Golgatha, Leda und Maria. Drei Silvesternächte, sie umschließen zwei Generationen, zwei verwundete Generationen, denen alles fraglich wurde, für die es zwar wieder Komfort, aber keinen Inhalt mehr gibt.

Wir haben keinen Krieg mehr. Komfort haben wir trotz der Pandemie genug, aber haben wir Inhalt?  Ich wünsche all meinen Lesern ein glückliches neues Jahr.

Donnerstag, 30. Dezember 2021

das Bloggerjahr

Dies war das elfte Jahr, in dem ich diesen Blog schreibe. In der Mitte des Jahres hatte ich die Zahl von fünf Millionen Lesern erreicht, zum Jahresende sind es eine Viertelmillion mehr. Es gab Wochen, da schien ich keine Leser mehr zu haben; etwas, was ich in den vergangenen Jahren schon häufiger beklagt hatte. Zum Beispiel vor drei Jahren in dem Post verschwindende Leser, wo ich schrieb: Ich habe mich schon in dem Post Statistiken darüber echauffiert, dass Googles Zahlen für die Blogstatistik nicht ganz stimmen können. Plötzlich hatte ich ganz viele englische Leser, eine Neuheit für diesen Blog. Und dann waren die Franzosen wieder in großer Zahl da.

Von den plötzlich schwindenden Lesern abgesehen, kamen noch diese Probeme dazu, die ich in ich kann da nix für beschrieben habe. Wenn mir das Google Search Console Team mitteilt, dass ein japanischer Leser den Post Nero singt auf seinem Handy schlecht lesen kann, weil bei ihm die Buchstaben zu klein sind, dann sind das echte Sorgen. Schlimmer ist natürlich, dass ich den Zugang zu meinen schönen Themenblogs bei Wordpress durch die WSoD Seuche verloren habe.

Manche Posts wurden häufiger als andere angeklickt, das ist immer so. Bei denen, die auf der Jahresstatistik ganz oben stehen, gab es für mich Überraschungen. Der Post Fremdenlegion ist sieben Jahre alt, plötzlich wurde er ein Bestseller. Ich fand nach einigem Suchen den Grund dafür heraus: er wird auf einer französischen Seite der Veteranen der Légion étrangère zur Lektüre empfohlen. Ganz oben dabei war auch der lange Post Holland, darauf wäre ich nicht gekommen. Bei diesem Post, der direkt aus meiner nie zuende geschriebenen Autobiographie Bremensien kommt, hatte ich vorher gezögert, ob ich das ins Netz stellen sollte. Ich war auch bereit, ihn nach einem Tag wieder zu löschen. Aber der Post wurde gelesen und gelesen. Mit dabei bei den Posts, die viele tausend Mal angeklickt wurden, ist auch der dunkelblaue Bentley. Die Leser wollten nach Sommerurlaub, Rendezvous und Autorenlesung offenbar wissen, wie es mit der schönen Buchhändlerin weitergeht. Ich glaube, im nächsten Jahr wird es eine neue Geschichte geben.

Das alles war ja erfreulich, aber es gab auch Unerfreuliches. Eine Frau aus Bayern behauptete, dass ich einen ganzen Post, der seit sechs Jahren im Netz stand, aus ihrem Buch abgeschrieben hätte. Ich kannte die Frau und ihr Buch nicht und sagte ihr das. Aber sie behauptete hartnäckig, dass ich alles, was da stand, von ihr habe, lieferte aber keine Beweise für ihre Behauptungen an. Ich druckte höflich ihre Kommentare ab, die immer länger und immer seltsamer wurden, aber jetzt am Ende des Jahres lösche ich das alles. Den Unsinn will ich nicht in das nächste Jahr mitnehmen.

Als ich die Zahl von fünf Millionen erreicht hatte, habe ich einen Augenblick lang überlegt, mit dem Ganzen hier aufzuhören. Und dann einfach nur noch Montaignes Satz hinzuschreiben: J’ay faict ce que j’ay voulu: tous le monde me recognoist en mon Livre et mon Livre en moy. Aber konnte ich das wirklich? Ich habe mich so an das Schreiben gewöhnt, und meine Leser würden mich wahrscheinlich vermissen. Manchmal habe ich keine Lust zum Schreiben, weil das mit Arbeit verbunden ist. Je älter man wird, desto schwerer wird es. Aber dann halte ich mich an Samuel Beckett: Where I am, I don’t know, I’ll never know, in the silence you don’t know, you must go on, I can’t go on, I’ll go on.


Sonntag, 26. Dezember 2021

Tante Aline


Die Bremer Kunsthalle zeigte in diesem Sommer eine erstaunliche Ausstellung, die den Titel Mit den Augen riechen: Geruchsbilder seit der Renaissance hatte. In der Ausstellung war auch dieses Bild einer Gemüseverkäuferin zu sehen, solche Bilder sieht man selten. Ich wusste sofort, von wem das Bild war, weil ich von der Malerin schon mal ein anderes Bild gesehen hatte, das auch eine Verkäuferin zeigte. Es zierte den Katalog einer Ausstellung in Lilienthal 2016, die Hanseatische Malerinnen um 1900: Wie sie die Welt sahen hieß. Auf dieses Bild einer Fischverkäuferin aus dem Jahre 1887 komme ich gleich.

Die Malerin heißt Aline von Kapff, sie kam aus einer sehr reichen Bremer Familie. Den Reichtum zeigt dieses Haus in Schwachhausen, das 1863 als Sommerhaus im englischen Tudorstil erbaut worden war; ein Stadthaus, das Heinrich Müller entworfen hatte, besaß man natürlich auch. Damals war Schwachhausen noch überwiegend ländlich, wovon Bürgerpark und Stadtwald vielleicht die Reste sind.

Nach dem Tode ihrer Eltern wird Aline von Kapff in die Villa in Schwachhausen ziehen, in der Villa daneben wird eines Tages der Senator Bierman wohnen. In das elterliche Haus in der Wachtstraße (das ist das große Haus links neben der Weserbrücke) wird die Familie von Paula Becker-Modersohn einziehen. Mit ihr wird die Malerin und Kunstmäzenin von Kapff befreundet sein. Das Haus in der Wachtstraße ist deshalb so gewaltig, weil darin auch noch die Weinhandlung der Familie untergebracht ist. Denn mit dem Weinimport ist die Familie seit 1692 reich geworden. Und mit dem Wein ist die Firma Ludwig von Kapff heute immer noch im Geschäft, auch wenn es jetzt eher ein Onlinegeschäft ist. Aber eine Filiale in Schwachhausen hat man natürlich. Obgleich der Bremer da nicht kauft, der kauft sich seinen Rotwein bei Reidemeister & Ulrichs oder im Ratskeller. Da darf man dann auch mal mit dem Auto von hinten ans Ratshaus heranfahren, um den Wein einzuladen. Das ist sonst streng verboten, aber der Ratskellerwein macht es möglich.

Alle Bremer Weinhändler hatten Dependancen in Bordeaux, ob das die von Kapff waren, Louis Eduard Ichon, Conrad Wilhelmi oder Albert Diedrich Finke, der der Schwiegervater des Dichters Klaus Groth war. Von ihren repräsentativen Bauten in Bremen ist nichts übriggeblieben. Das Haus der von Kapff neben der Weserbrücke wurde 1944 durch Bomben zerstört, die Villa in Schwachhausen wurde in den 1960er Jahren abgerissen. Wie der Finkenhof in der Weserstraße oder das Haus von Wilhelmi am Domshof. Ein Haus eines Weinhändlers aber steht immer noch, das ist das Palais des Hamburger Weinhändlers Daniel Christoph Meyer in Bordeaux. An dem eindrucksvollen klassizistischen Bau ist eine kleine Tafel angebracht: Ici vecut le poete allemand Hölderlin en 1802.

Aline von Kapff (hier auf einem Selbstportrait von 1890) hat ihren ersten Zeichenunterricht in Bremen von Amalie Murtfeldt erhalten, danach hat sie in München studiert, das hatte ihr Amalie Murtfeldt empfohlen. Von dieser Bremer Malerin, die eine Schülerin von Thomas Couture war, bietet Googles Bilderflut leider wenig an, aber sie war eine sehr gute Portraitistin. Zum Studium nach München war Aline von Kapff mit einer Anstandsdame gereist, das tat man damals so. Auch Ida Gerhardi kam mit einer Begleitung nach Paris, die gesellschaftliche Stellung verlangte das damals von jungen Damen. In Paris war der Belgier Alfred Stevens ihr Lehrer, ihre Bilder kann sie in Pariser Ausstellungen zeigen. Oder wie die Bremer Nachrichten nach ihrem Tod so schön schreiben, dass ihre Bilder wiederholt die strenge Schwelle des Salons der jährlichen großen Aussstellung überschritten.

Nach zahlreichen Bildungsreisen durch Europa und Nordafrika kehrt die Malerin nach Bremen zurück. Sie lässt die riesige Villa in Schwachhausen umbauen (und nebenan noch ein kleines Haus für ihre liebste und älteste Freundin bauen) und widmet sich ihrem neuen Leben. Das aus Mäzenatentum, sozialem Engagement und gesellschaftlichem Leben besteht. Unter anderem hat sie einen Gast, der 1902 seiner Mutter schreibt: dort bin ich Gast bei einer alten Dame und Kunstfreundin Frl. Aline von Kapff, die ein entzückendes kleines Palais mit schönem Park besitzt, – so daß es da gar nicht so übel zu wohnen ist. Der Gast heißt Rilke, aber das Fräulein von Kapff ist nicht unbedingt eine alte Dame (sie wird dreiundneunzig werden), sie ist damals noch keine sechzig. Diese Dame hier ist jetzt häufig Gast in Schwachhausen. Es ist Magdalena Pauli, die Gattin des Direktors der Bremer Kunsthalle, die mit Gleichgesinnten eine Vereinigung namens die Goldene Wolke ins Leben gerufen hatte. 

Ein halbes Jahrhundert später wird sie mit ihrem Buch Die goldene Wolke: Eine verklungene Bremer Melodie an die Vereinigung junger Bremer Kaufleute, Juristen und Schriftsteller erinnern, die um die Jahrhundertwende das geistige Niveau der Gesellschaft heben wollten. Rudolf Alexander Schröder (für sie damals noch Rudi), sein Cousin Alfred von Heymel und ihr Ehemann Gustav Pauli bilden die Kernzelle der Goldenen Wolke. Ständige Gäste werden Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Borchardt, Eberhard von Bodenhausen und Harry Graf Kessler sein. Dies ist das Bremer Äquivalent zu den Souls, der Gruppe um Duff Cooper und Lady Diana Manners oder der späteren Brideshead Generation. Und sicherlich ein höherer Beitrag zur Kultur als Bremens selbsternanntes Kunstgenie Arthur Fitger (der hier schon einmal auftauchte). Den erwähnt man in diesen Kreisen überhaupt nicht mehr, man hat sich eher den Worpswedern zugewandt.

Aline von Kapffs Nichte, Agnes von Kapff, in deren Elternhaus am Osterdeich die ersten Leseabende stattfanden, hatte ihrer Tante die intellektuelle Schickeria sozusagen ins Haus geschleppt. Die Abende bei ihrer Tante, unser aller Tante, Aline v. Kapff, der großen Gönnerin bremischen Zuschnitts, vereinten Kunst und Gesellschaft auf bezaubernde Art, schreibt Magda Pauli, die unter dem Pseudonym Marga Berck in ihrem Roman Sommer in Lesmona im Jahre 1951 die Welt der Bremer Geld- und Geistaristokratie noch einmal heraufbeschwören wird. Agnes von Kapff, hier im Alter von neunzehn Jahren von Gottfried Hofer (der auch Otto Gildemeister gemalt hatte) portraitiert, war eine Zierde dieser Gesellschaft. Sie war aber auch eine begeisterte Golfspielerin, die 1901 in Fanø als erste deutsche Frau die Internationale Golfmeisterschaft von Dänemark gewann.

Gesellschaftliches Leben und die Vielzahl der Tätigkeiten in karitativen Vereinen und Stiftungen halten Aline von Kapff vom Malen ab. Eigentlich malt sie überhaupt nicht mehr. So wird ihr Hauptwerk wahrscheinlich diese wunderbare junge Fischverkäuferin aus dem Jahr 1887 bleiben. Sie hatte es in ihrem Testament der Kunsthalle Bremen vermacht. Kunsthistoriker sehen in dem Bild eine Nähe zu der Bar in den Folies-Bergère von Manet, der übrigens auch gerne Stilleben mit toten Fischen malte. 

Das tat Aline von Kapff auch. Fische seien ihr Bestes, da sie aber langsam malte, hätten die Fische während der Arbeit angefangen zu faulen, und so habe sie ihrer feinen Nase wegen das Malen aufgeben müssen, kann man in der Autobiographie des Bremer Senators Nebelthau lesen. Das Bild mit der blonden Fischverkäuferin könnte man altmeisterlich nennen, sie bleibt in ihrer Malerei traditionell. Sie gab nicht nur die Fischmalerei auf, sie gab die Malerei überhaupt auf. Etwas, worauf Rudolf Alexander Schröder in seiner Würdigung zu ihrem neunzigsten Geburtstag anspielte, wenn er sagte, daß ihr das 'gelebte' Leben im Grunde eine wichtigere und nähere Herzensangelegenheit war als das 'gemalte'.

Aber die Malerin, die als junge Frau mit einem Hochrad durch Bremen geradelt war, konnte auch anders, wie dieses Bild zeigt, das sie auf einer ihren Italienreisen malt. Das schönste Portrait der erstaunlichen Frau verdanken wir dem Bremer Architekten Fritz Schumacher, in dessen Lebenserinnerungen wir lesen können: Aline von Kapff war eine Erscheinung von großer Anmut, die, je älter sie wurde, womöglich noch zunahm. Sie war auch viel auswärts, aber dann reiste sie nicht herum, sondern residierte in Paris oder München. Als sie nach Bremen in ihr schloßartiges Heim für dauernd zurückkehrte, brachte sie zur Belebung der Zungengymnastik ihrer lieben Landsleute einen jungen Tiroler Maler, den sie hatte studieren lassen, aus München mit. Das Erstaunen der Stadt überwand sie schnell, ließ ihren Maler halb Bremen porträtieren, das schönste Mädchen der Gesellschaft heiraten, und wurde selbst Mittelpunkt des rellen Lebens: kein 'Bazar' war ohne sie möglich, kein berühmter Mann hielt einen Vortrag, ohne bei ihr zu wohnen, und welchen Freundeskreis sie sich geschaffen hatte, konnte man an jedem Neujahrstag feststellen; der wurde nämlich mit einem Fest in ihrem Hause gefeiert, das wohl an hundert Personen, alte und junge, bei ihr vereinte. 

An diesem Fest hielt sie auch noch als Achtzigjährige fest, als sie längst in der Inflation ihr großes Vermögen verloren hatte und in ein kleines bescheidenes Haus gezogen war, das sie neben ihrem Schloß einstmals für eine alte Freundin hatte erbauen lassen. Die Schar der Gäste wurde durch diesen Wandel der Umgebung nicht berührt, man saß auf den Treppen und auf den Betten und amüsierte sich herrlich. Für alle diese Menschen war sie 'Tante Aline', aber für einige Auserwählte - und dazu gehörte unser Haus - war sie, obgleich keinerlei Verwandtschaft bestand, eine so gute mütterlich-warmherzige Tante, daß kein gemeinsames Blut es hätte steigern können. Im Lauf der Zeit wurde sie eine so bekannte Figur in Bremen, daß man am Bahnhof jeden beliebigen Kutscher fragen konnte: 'Ist Fräulein von Kapff hier schon vorbeigekommen?', und wenn es dann hieß: 'Nee, sei is noch to Huus', wußte man, wo man sie zu suchen hatte. 

Es gibt nicht so viel Literatur über die Bremer Malerin und Mäzenin, die zu einer kulturellen Institution ihrer Heimatstadt geworden war. Hannelore Cyrus hat in ihrem Buch 'Denn ich will aus mir machen das Feinste...': Malerinnen und Schriftstellerinnen im 19. Jahrhundert in Bremen ein Kapitel über Aline von Kapff. In dem Ausstellungskatalog des Focke Museums Kunst und Bürgerglanz in Bremen wird sie natürlich auch erwähnt. Ute Domdeys Artikel aus Frauen Geschichte(n), Biografien und FrauenOrte aus Bremen und Bremerhaven findet sich im Internet

Freitag, 24. Dezember 2021

Weihnachten


Das Jahr ward alt. Hat dünnes Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.


Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, dass man’s versteht.

Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
„Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.“


Mit diesem Gedicht von Erich Kästner möchte ich all meinen Lesern ein frohes Weihnachtsfest wünschen. Im nächsten Jahr ist vielleicht Corona vorbei. Hier im Norden liegt Schnee.


Mittwoch, 22. Dezember 2021

Toggenburg


Hamlets Geist

Gustav Renner war bestimmt die beste
Kraft im Toggenburger Stadttheater.
Alle kannten seine weiße Weste.
Alle kannten ihn als Heldenvater.

Alle lobten ihn, sogar die Kenner.
Und die Damen fanden ihn sogar noch schlank.
Schade war nur, daß sich Gustav Renner,
wenn er Geld besaß, enorm betrank.

Eines Abends, als man „Hamlet“ gab,
spielte er den Geist von Hamlets Vater.
Ach, er kam betrunken aus dem Grab!
Und was man nur Dummes tun kann, tat er.

Hamlet war aufs äußerste bestürzt.
Denn der Geist fiel gänzlich aus der Rolle.
Und die Szene wurde abgekürzt.
Renner fragte, was man von ihm wolle.

Man versuchte hinter den Kulissen
ihn von seinem Rausche zu befrein,
legte ihn langhin und gab ihm Kissen.
Und dabei schlief Gustav Renner ein.

Die Kollegen spielten nun exakt,
weil er schlief und sie nicht länger störte.
Doch er kam! Und zwar im nächsten Akt,
wo er absolut nicht hingehörte!

Seiner Gattin trat er auf den Fuß.
Seinem Sohn zerbrach er das Florett.
Und er tanzte mit Ophelia Blues.
Und den König schmiß er ins Parkett.

Alle zitterten und rissen aus.
Doch dem Publikum war das egal.
So etwas von donnerndem Applaus
gab’s in Toggenburg zum ersten Mal.

Und die meisten Toggenburger fanden:
Endlich hätten sie das Stück verstanden.

Das ist ein Gedicht von Erich Kästner, dem Meister des feinen, hintersinnigen Humors. Die Aufführung von Shakespeares Hamlet muss natürlich in Toggenburg stattfinden, das ist wichtig. Denn Toggenburg und Shakespeare gehören zusammen. Natürlich gibt es kein Stadttheater in Toggenburg, weil es keinen Ort names Toggenburg gibt. Das Toggenburg ist ein Tal. Aus diesem Tal kam Ulrich Bräker, der am 22. Dezember 1735 geboren wurde und sich Der arme Mann aus dem Toggenburg nannte. Auf jeden Fall tut er das in seiner Autobiographie. Der Sohn eines Tagelöhners besaß kaum Schulbildung, und dennoch wurde er zum Schriftsteller. Was ihm sein närrischer Schreibhang eingibt, wird am Ende seines Lebens fünf Bände füllen. 1777 entdeckt er William Shakespeare in der Übersetzung von Johann Joachim Eschenburg für sich, und drei Jahre später wird er über ihn schreiben: Etwas über William Shakespeares Schauspiele Von einem armen ungelehrten Weltbürger, der das Glück genoß, ihn zu lesen. Beginnend mit den Zeilen:

Wann man dich auch citiren kann,
Komm doch ein Weil zu mir,
Und gönne mir, du großer Mann,
Ein kurz Gespräch mit dir.
Hört uns das Gsind und spottet mein,
So bitt ich, hilf du mir.
Ich will dir dann den Rüpel sein,
Sonst kann ich nichts dafür.


Lesen Sie doch einfach einmal, was der ungelehrte Weltbürger zu Shakespeares Hamlet zu sagen hat.

Sonntag, 19. Dezember 2021

Hemdenkauf bei ebay

Als ich die Posts Englische Oberhemden und Schweizer Oberhemden geschrieben hatte (und gleichzeitig meine Hemden in den Schränken aufgeräumt hatte), dachte ich mir, ich könnte mich mit einem neuen Hemd belohnen. Und guckte mir an, was ebay so zu bieten hat. Ich fand dieses blau-weiße Borrelli Hemd mit einem Startpreis von fünf Euro, Preisvorschläge waren erwünscht. Ich machte Vorschläge, der Verkäufer rührte sich nicht. Dann verschwand das Angebot plötzlich, ebay sieht so etwas nicht gerne, wenn Angebote aus einer Auktion unter der Hand verkauft werden. Eine Woche später tauchte das Hemd wieder auf, wieder mit einem Startpreis von fünf Euro. Ich bot 25,10 € und bekam sofort den Zuschlag, das ist für ein einmal getragenes Borrelli Hemd kein schlechter Preis.

Ich will keine Reklame für Borrelli Hemden machen, es sind sicher gute Hemden, aber in Italien gibt es viele Firmen, die Gleiches oder Besseres herstellen. Ein Borrelli Hemd ist auch nichts Exklusives, bei ebay gibt es mehr als 1.200 Angebote, aber kein Hemd von Bruli (es gibt auch mehr als viertausend van Laack Hemden). Mein erstes Borrelli Hemd hat mir Hans Carl Capelle, den jeder Kelly nannte, verkauft. Es war grasgrün. Vielleicht wusste Kelly das gar nicht, er war farbenblind. Das habe ich erst Jahre später erfahren. Kelly hatte 1970 - gleichzeitig mit Leuten wie Thomas Friese (Thomas-I-Punkt), Dolf Selbach oder Heinrich Zapke - eine Marktlücke entdeckt, er brachte italienische Mode nach Deutschland. Neben den Hemden von Borrelli gab es bei ihm auch Hemden von Truzzi, Orian und Lorenzini, die eines Tages die überteuerten Ralph Lauren Purple Label Hemden herstellten. Ich lasse das jetzt mal weg, weil ich mir überlegt habe, irgendwann einen Post über italienische Hemden zu schreiben. Das grasgrüne Borrelli Hemd habe ich nach vierzig Jahren immer noch, es passt auch noch. Die Knopflöcher (natürlich handgenäht, darauf ist man bei Borrelli stolz) sind mit weißer Nähseide genäht, das gibt dem Hemd einen gewissen Pep.

Der Ruf von Borrelli ist neuerdings ein klein wenig beschädigt, Borrelli ist auch nicht mehr Borrelli. Der Herr auf dem Photo mit dem zu kurzen Schlips ist Fabio Borrelli, der Sohn des Firmengründers Luigi Borrelli. Er ist gerade vor Gericht freigesprochen worden. Sieben Jahre zuvor hatte die Guardia di Finanza seine Fabriken besetzt und ihn festgenommen. Er kam erst einmal nicht ins Gefängnis sondern bekam Hausarrest. Damals gab es noch keine Corona, sonst hätte er das als Home Office deklarieren können. Es war eine Blitzaktion der Guardia di Finanza gewesen, die nicht nur Borrelli betraf, es ging um Wirtschaftskriminalität, falsche Abrechnungen und das Erschleichen von fünfzig Millionen EU Förderungsgeldern. Borrelli wurde zwar irgendwie freigesprochen, aber er musste für seine Firmen der Borrelli Gruppe Konkurs anmelden. Wer heute die Firma Borrelli besitzt und die Hemden herstellt, ist ein klein wenig unklar. Auf der Borrelli Homepage wird die Wirtschaftskriminalität nicht erwähnt, aber man kann lesen, dass man stolz sei, Viktor Emanuel von Savoyen zu beliefern. Bei dem Ruf dieses Herrn ist das eine sehr zweifelhafte Reklame.

Michael Rieckhof, der das Geschäft Kelly's mittlerweile übernommen hatte, legte seine Borrelli Hemden zur Ausverkaufsware, neue Hemden bekam er erstmal nicht mehr. Zwei Häuser neben Kelly's hatte Hans Carl Capelle noch einen zweiten Laden gehabt, als er den auflöste, zeigte er mir etwas, das ich noch nie gesehen hatte: unter dem Laden in der Dänischen Straße 12-16 war eine Disco. Das war einmal das berühmte Tanzcafé Florida, in dem Hazy Osterwald und Marika Rökk auftraten. Auf dem Parkett der unterirdischen Disco tanzt heute niemand mehr, der Laden darüber ist jetzt ein van Laack Store, der nichts mehr vom dem nostalgischen Charme des Florida oder dem Laden von Kelly hat.

Die Sache mit dem Borrelli Hemd war O.K., ich hatte es nicht wegen des Namens gekauft, sondern wegen diesem schönen blau-weißen Streifen, ich liebe solche Hemden. Aber ich suchte nun bei ebay nach etwas anderem, nach einer Marke, die ich noch nicht kannte. Und da stieß ich auf ein Hemd von Philippe Perzi Vienna, das acht Euro kostete. Kaufte ich, nachdem ich mich im Internet über die Marke informiert hatte. Heute geht das nicht mehr, denn alles, was noch vor Wochen unter https://philippeperzi.com/ im Internet stand, ist plötzlich verschwunden. Der Laden in der Spiegelgasse 25, in dem angeblich Maßhemden geschneidert wurden, ist dauerhaft geschlossen. Die Seite, auf der man Philippe Perzi Hemden, die zweihundert Dollar kosteten, bestellen konnte, ist auch weg.

Das alles wusste ich nicht, als mein Philippe Perzi Vienna Hemd ankam, kostenfreie Lieferung. Ich bestellte mir bei dem Händler noch ein zweites mit einem Haikragen, auch für acht Euro, ungetragen. Man kann gegen die Hemden nichts Böses sagen, sie haben unten in der Seitennaht auch ein kleines Dreieck wie die Borelli Hemden. Und die Hemden haben ein zusätzliches Etikett, das darauf hinweist, dass der Stoff von Thomas Mason ist. Das ist ein berühmter Name, denn diese englische Firma gibt es seit 1796. Genauer gesagt, trägt sie diesen Namen offiziell wohl erst seit den 1870er Jahren. 

Thomas Mason hatte 1796 als cotton spinner in Gargrave begonnen, aber im richtigen Baumwollgeschäft war er erst seit den 1820er Jahren mit seiner Primet Mill in Colne, wo es noch ein Dutzend anderer cotton mills gab. 1845 baut er eine sechsstöckige Fabrik in Ashton-under-Lyne. Der Satz Cotton is King, den James Hammond in seiner berühmten Rede gebrauchte, gilt nicht nur für die amerikanischen Südstaaten, er gilt auch für England. In Fontanes Roman Der Stechlin sagt der Pastor Lorenzen zu dem alten Dubslav von Stechlin über die Engländer: Sie sind drüben schrecklich runtergekommen, weil der Kult vor dem Goldenen Kalbe beständig wächst; lauter Jobber, und die vornehmen Leute obenan. Und dabei so heuchlerisch; sie sagen Christus und meinen Kattun. Es ist die viktorianische Doppelmoral, die hier angeklagt wird. Hugh Mason, der Sohn Thomas Masons, ist frei davon. Er übernimmt nach dem Tod seines Vaters die Fabriken, er wird Politiker (Liberal Party) und Sozialreformer. Er schafft für seine Arbeiter Arbeitsbedingungen, wie das schon Sir Titus Salt in Bradford gemacht hatte. Damit ist er einer der wenigen im viktorianischen England. In Ashton-under-Lyne, wo der paternalistische Fabrikherr auch Bürgermeister war, hat ihm die Gemeinde eine Bronzestatue spendiert.

So eindrucksvoll das Thomas Mason Etikett auf den Hemden von Philippe Perzi daherkommt, die Firma gibt es schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Als Limited Private Company existiert die Firma nach dem Tod des letzten Mitglieds der Familie noch von 1927 bis 1956. Danach wird die Firma verkauft, zuletzt hatte sie dem Industrieriesen Courtauld gehört, der die Fabrik 1991 schloss. Die italienische Albini Group, der größte italienische Weber, kaufte den Namen Thomas Mason und das Renommee, das dieser Name hatte. Und auf den kleinen Etiketten steht jetzt unter dem Namen Thomas Mason woven in Italy.

In der Werbung der italienischen Firma Albini liest sich die Firmengeschichte von Thomas Mason etwas anders als hier beschrieben: At the height of the Industrial Revolution, Sir Thomas Mason founded in Lancashire one of the first factories to manufacture cotton shirt fabric. These fabrics were used by London's West End tailors serving the aristocracy and the upper class, before being exported throughout the British Empire and all over the world. Nichts davon stimmt, er war nicht der erste, er war kein Sir Thomas etc etc. Man fälscht sich die Geschichte, das ist das erste, wenn man einen kleinen Mythos aufbauen will. 

Und den hat sich unser Philippe Perzi auch schreiben lassen: The Philippe Perzi philosophy is an unequivocal commitment to quality and individuality. Philippe Perzi Vienna exquisitely tailored shirts are made from only the highest quality Italian fabrics, with signature marks of expert design and detail giving our shirts that beautifully bespoke finish. The finest Egyptian cotton yarns in the highest counts are selected, including yarns with real West Indian Sea Island cotton – the rarest and most precious variety in the world. Each fabric is selected because it represents the perfect combination of vibrancy and function; individual flair and traditional style. All fabrics are eco-friendly and satisfy the Oeko-Tex Standard 100. Rather than pursuing mass production, each Philippe Perzi Vienna shirt requires at least 25 separate pieces and 50 individual steps, with attention to detail that can only be achieved with hand cutting and hand pressing. Key to our commitment to individuality, Philippe Perzi Vienna shirts are made in a limited edition of 17 or less, ensuring your shirt is one of a kind and truly only yours. Philippe Perzi Vienna continually strives to create new and beautiful collections throughout the seasons, always offering something fresh and exciting. Philippe Perzi Vienna offers a superior level of quality rarely accessible in today’s market. The challenge is for you to choose your favourites from our extensive and unique range. Philippe Perzi Vienna – What makes us different, makes you different. It’s all in the detail. Das ist nichts als Werbelyrik, ich glaube, die ganze Sache mit den Philippe Perzi Hemden ist ein riesiger Schwindel. Alle Internetadressen führen ins Nichts oder auf Werbeseiten. 

In der wunderbaren Geschichte Hemden nach Mass des unterschätzten Reiseschriftstellers Thomas Münster heißt es über den Hemdenkauf (wir sind irgendwo am Mittelmeer): In diesen quirlenden Küstenstädten des Nordwestens kann man niemals genau sagen, wo der afrikanische Wunderglaube aufhört und wo das europäische Ganoventum anfängt. Da stand zum Beispiel ein Mann im Bazar, der sich — keß amerikanisiert — Billy Mack nannte und Hemden verkaufte; Ausschuß von irgendeinem französischen Warenhaus natürlich, ein Hemd genau wie das andere! Aber Billy Mack legte jedem Käufer ein ausgeleiertes Meßband um den Hals und rief dann eine beliebige Zahl. Worauf sein Söhnchen – wie der Vater teils Neger, teils Araber und teils Weißer — das nächste Hemd vom Stapel griff und es dem glücklichen Käufer zuwarf. Und am Ende der Geschichte sagt der Käufer: Dieses Hemd hier paßt mir ganz genau — es ist Maßarbeit, denn ich habe es gestern bei Billy Mack gekauft!

So hat das Geschäft von Philippe Perzi in Wien, einem modernen Billy Mack, angeblich ausgesehen. Wir können es nicht nachprüfen. Wenn man bei ebay Oberhemden Herren eingibt, bekommt man 1.384.263 Ergebnisse. Es sind schlimme Dinge dabei, 65% Polyester (Pierre Balmain), und dann all die slim fit, custom tailored und contemporary fit Hemden. Die bestenfalls dem ehemaligen Außenminister passen, der immer zu kleine Klamotten trug. Im Allgemeinen sind ebay Händler nicht in der Lage ein Hemd korrekt zu beschreiben. Über neunzig Prozent können nicht die relevanten Maße eines Hemdes angeben. Eine Kragengröße sagt gar nichts, vor allem bei italienischen Hemden nicht. Der schlimmste ist ein Händler namens Momox, er bietet keinerlei Größenangaben für das Hemd an, offeriert aber einen kostenlosen Versand und einen kostenlosen Rückversand. Ich nehme an, dass Momox (die unter dem Namen Medimops den Markt antiquarischer Bücher unter Kontrolle haben) die Retourenkönige des Internets sind. Einen Umsatz von 150 Millionen Euro haben sie auch im Jahr, Borrelli schafft mal gerade 25 Millionen.

Mittwoch, 15. Dezember 2021

Hexenjagd

Deutsche Politiker sprechen normalerweise keine Fremdsprachen, wir kennen das von Oettinger, Westerwelle oder Gerd Müller. Theodor Heuss, der England schon 1911 als junger Mann besuchte, hat bei seinem Besuch in England 1958 gesagt, dass er sich ein bisschen genierte, dass er nur wenige Sätze Englisch sprach. Auf die Frage, wie er sich mit der Königin verständigt habe, sagte er: Mein Dolmetscher hat sich gut mit ihr unterhalten. Das erinnert ein wenig an den Außenminister Genscher, der auch keine Fremdsprachen sprach, aber doch so viel Humor hatte, um Mein Verhältnis zur französischen Sprache ähnelt dem zu meiner Frau. Ich liebe sie, aber ich beherrsche sie nicht zu sagen. Das stand schon in dem Post Albatros, die Fremdsprachenkenntnisse deutscher Politiker sind in diesem Blog häufiger behandelt worden. Ich komme darauf zurück, weil ich im Internet gelesen habe, dass die neue Außenministerin der Bundesrepublik kein Englisch kann. Wenn es um englische Aussprache geht, sind die Deutschen die gnadenlosesten Sprachpolizisten überhaupt, konnte man gestern in der Süddeutschen lesen

Und die Besserwisser bei Twitter, die bestimmt alle den TOEFL Test bestanden haben, schreiben: 

- Schon erstaunlich, wenn jemand, der angeblich an einer britischen Eliteuni studiert hat, ein solch radebrechendes Englisch spricht.
- Ihr wollt mir erzählen, die Dame hätte zwei Semester an der London School of Economics studiert und einen Abschluss gemacht? In England? Auf Englisch?
- Kann ich bitte den Oettinger noch mal hören?
- Die Baerbock spricht aber auch das deutscheste Englisch, das ich seit langem gehört habe.“
- Wie spricht die eigentlich Englisch? Das ist bestenfalls Hauptschulniveau.

- Lothar Matthäus hat sich gerade bereit erklärt, Baerbock Nachhilfe in Englisch zu geben.
- Das ist zum Fremdschämen.


Und das sind nur die netten Dinge, die man über Annalena Baerbock liest. Man mag sie nicht im Internet. Das schreibt jemand unter dem Namen Germanischer JungeBaerbock wird gerade zur Außenministerin hoch geschrieben. Die Pest Maas soll mit der Cholera Baerbock ausgetrieben werden. Es ist nett, dass der germanische Junge dem Namen Baerbock nicht noch Schlampe oder Schlimmeres hinzugefügt hat. Das macht man gemeinhin, wenn man über Baerbock in diesen Netzwerken schreibt, die aus irgendeinem Grund sozial heißen, aber in Wirklichkeit wohl Netzwerke für Asoziale sind. Da können wir lesen: Gegenüber Sahra Wagenknecht wirkt Annalena Baerbock wie eine intellektuell retardierte Sprechpuppe, ein Satz von einem sächsischen CDU Mitglied. Immerhin beherrscht das Mitglied der Werte-Union zwei Fremdwörter in einem Satz, das können die meisten Hetzer im Netz definitiv nicht.

Zu Baerbocks Englischkenntnissen wäre zu sagen: Annalena Baerbock war als Schülerin ein Jahr in den USA, hat später an der London School of Economics studiert und dort ihren Master (LL.M.) gemacht, da musste sie wohl die ganze Zeit Englisch sprechen. Das ist aber alles gelogen, steht im Internet. Weil ihre ganze Biographie erlogen ist, so wie die Doktorarbeit des Herrn von und zu Guttenberg. Und ihre Londoner Magisterarbeit ist wahrscheinlich genauso gefälscht wie Guttenbergs Dissertation. Steht auch im Internet.

Der Spiegel hat während des Wahlkampfes knapp eine Million Facebook Kommentare ausgewertet, die beinahe alle aus rechtsradikalen Gruppen oder Verschwörungstheoretikern stammten. Von denen gibt es ja jetzt viele. Dann hat man untersucht, welche dieser Kommentare potentiell strafbare Hassbotschaften enthielten, von den tausenden solcher Kommentare bekamen die Grünen am meisten ab. Annalena Baerbock, von der plötzlich gefälschte Nacktphotos im Internet auftauchten und die in der Anzeige der Lobbyorganisation INSM als Moses dargestellt wurde, wurde zum Lieblingshassobjekt der anonymen Hetzer. Baerbock bashing war das Motto der Stunde. Ich habe mir mal die Mühe gemacht und einiges von diesem ganzen Dreck gelesen. Was ist das für ein Land geworden, in dem wir leben? 

Nach einigem Überlegen fiel mir der Satz ein, den Flaubert in einem Brief an seinen Freund Turgenjew schreibt: Ich habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben; doch eine Flut von Scheiße schlägt an seine Mauern, so dass sie einzustürzen drohen. Das englische Wort shitstorm hatte Flaubert 1872 noch nicht zur Verfügung, Wörter wie slutshaming und cancel culture auch nicht. Flauberts Romanfiguren Bouvard und Pécuchet entwickeln die bedauernswerte Fähigkeit, die Dummheit zu erkennen und sie nicht mehr ertragen zu wollen (Alors une faculté pitoyable se développa dans leur esprit, celle de voir la bêtise et de ne plus la tolérer). Wie lange müssen wir den ganzen Hass noch erdulden? Wir haben seit dem Frühjahr eine erhebliche Verschärfung des Strafgesetzbuches, vielleicht hilft das ja was. Aber wir wissen auch seit Schillers Jungfrau von Orleans: mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.

Und ja, Annalena Baerbocks Englisch ist verbesserungswürdig. Und verbesserungsfähig. Sie hat kleine Schwierigkeiten mit der Aussprache, aber vielleicht findet sich in ihrem Ministerium ja ein Professor Henry Higgins, der das behebt. Annalena Baerbock hat heute Geburtstag, da kann man nur Happy Birthday sagen. Und einen Satz aus einem Gebet von Reinhold Niebuhr hinzufügen: Father, give us courage to change what must be altered, serenity to accept what cannot be helped, and the insight to know the one from the other.

Samstag, 11. Dezember 2021

Bon anniversaire, Jean-Louis

Bon anniversaire, Jean-Louis! Er wird heute einundneunzig, da darf ein kleiner Geburtstagsgruß nicht fehlen. Ich war 2010 eine Woche im Netz, da war er hier zum erstenmal in diesem Blog. Mit dem Post Ma Nuit Chez Maud. Zu seinem achtzigsten Geburtstag gab es hier den Post Jean-Louis Trintignant. Er wird immer wieder erwähnt, wenn vom französischen Kino die Rede ist. Vor Wochen gab es bei arte die Doku Trintignant über Trintignant, falls Sie die verpasst haben sollten, können sie die heute hier sehen.

Ich gratuliere mit dem Gedicht Les Feuilles Mortes von Jacques Prévert. Das natürlich alle französischen Chansonniers gesungen haben, inzwischen ist die Melodie ja auch schon zu einem Jazz Standard geworden:

Oh! je voudrais tant que tu te souviennes
des jours heureux où nous étions amis.
En ce temps-là la vie était plus belle
et le soleil plus brulant qu'aujourd'hui.

Les feuilles mortes se ramassent à la pelle.

Tu vois, je n'ai pas oublié...
Les feuilles mortes se ramassent à la pelle
les souvenirs et les regrets aussi.

Et le vent du Nord les emporte 
dans la nuit froide de l'oubli.
Tu vois, je n'ai pas oublié 
la chanson que tu me chantais.

C'est une chanson qui nous ressemble.
Toi tu m'aimais et je t'aimais.
Nous vivions tous les deux ensemble
toi qui m'aimais moi qui t'aimais.

Mais la vie sépare
 ceux qui s'aiment
tout doucement sans faire de bruit.
Et la mer efface sur le sable
les pas des amants désunis.

Sie könnten jetzt dazu Juliette Gréco auflegen oder Yves Montand. Ich hatte in den fünfziger Jahren diese schwere Existentialisten Phase. Da habe ich Jacques Prévert entdeckt. Zuerst in der Rowohlt Ausgabe aus dem Jahre 1950, übersetzt von Kurt Kusenberg. Später kamen noch alle möglichen französischen Ausgaben dazu. Ich erzähle das nur, weil Jean-Louis Trintignant auch in seiner Jugend Prévert für sich entdeckt hat. Den las er auf seiner Tournee vor zehn Jahren immer wieder vor, begleitet von Daniel Mille. Seit Mille und er sich getroffen haben, arbeiten sie bei diesen Dichterlesungen zusammen, die eher kleine Gesamtkunstwerke sind - zusammen. Warum spielt Daniel Mille nicht mal Les Feuilles Mortes auf der Quetschkommode und zwingt Jean-Louis zu singen? Wäre bestimmt nicht schlecht. 

Die Liebe zur Lyrik hat ihn nie losgelassen, und er hat in den letzten Jahren, wo ihn das Kino nicht mehr so interessiert, viel Lyrik vorgelesen. Seine Apollinaire Nacht in Avignon 2003 soll ein großes Ereignis gewesen sein. Die Gabi hatte mir eine Raubkopie geschickt, bei der handschriftlich nur Trintignant auf der Papierhülle steht. Mehr nicht. Aber es ist seine flüsternd raunende Stimme, begleitet von geheimnisvoller Musik von Daniel Mille (und Erik Satie), 79 Minuten lang. Wenn Sie keine Freundin in Luxembourg haben, die Ihnen so etwas raubkopiert, dann sollten Sie sich die CD von dieser Veranstaltung kaufen. Ist auch wahnsinnig beruhigend, selbst wenn Sie kein Französisch können. Ungefähr so wie die Platte mit dem Gesang der Buckelwale.

Er war mit achtzig immer wieder auf der Bühne: Je devrais m'arrêter, mais je ne veux pas. Les moments les plus heureux de ma vie, c'est quand je travaille, quand je fais du théâtre. Theater oder Lesungen von Gedichten, das musste sein. Es gibt zahlreiche Videoclips im Netz, wenn Sie diesen aus dem Jahre 2010 anschauen, werden Sie sehen, dass er trotz seines Alters noch erstaunlich lebendig war. Aber wenn man auf den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, angefangen hat, dann lässt einen diese Welt wohl nicht mehr los. Obgleich er gesagt hat: Comédien, c'est un métier de flemmard. Nach dem schrecklichen Tod seiner Tochter Marie (Ich vermisse sie jede Minute meines Lebens) ist er einige Zeit nicht aufgetreten, aber dann war er doch wieder da. 

Und wenn man sich anschaut, was er in den letzten Jahren so gemacht hat, dann scheint ihm das alles wieder Spaß gemacht zu haben. Er wollte keine Filme mehr machen, spielte dann aber die Hauptrolle in dem Film Liebe von Michael Haneke. Über das Alter und die Liebe. Und der Film Liebe war noch nicht der letzte Film, dann kam 2017 noch Happy End mit Isabelle Huppert. Da wusste er noch nicht, dass Claude Lelouch, dem er seinen Starstatus verdankte, wieder bei ihm anklopfen würde, weil er mit ihm und Anouk Aimée Die schönsten Jahre eines Lebens drehen wollte.

Man kann auf dem Photo hier sehen, dass Trintignant nicht sehr groß ist, bestenfalls (wie es zu lesen ist) ein Meter siebzig, eher etwas weniger. Und er hat diese Art, seine Schultern hochzuziehen, wodurch er noch kleiner wirkt. Unsichere Menschen machen das, als ob sie sich in sich selbst verstecken wollen. Um seine Schüchternheit und Unsicherheit zu überwinden, ist er zum Theater gegangen. 

Er ist da nicht der einzige. Die Bühne und die Scheinwerfer scheinen eine therapeutische Funktion zu haben. Ich bringe diese Plattitüden mit Aplomb, weil ich mich da ein wenig auskenne. Ich habe einmal ein Jahr lang die Theater AG eines Gymnasiums geleitet, da sind lauter kleine Neurotiker auf der Bühne. Und kleine Zicken, die sich einbilden, Marilyn Monroe zu sein. Und deren Müttern niemand den Noel Coward Titel Don't put your daughter on the stage, Mrs. Worthington empfohlen hat. Ich hatte in dem Ensemble einen Schüler, der im normalen Leben stotterte. Immer. Aber wenn er auf der Bühne im Lichtkreis des Scheinwerfers stand, dann konnte der lange Monologe sprechen, ohne ein einziges Verhaspeln. Faszinierend. Man wird das, wovor man sich fürchtet, hat Michael Caine einmal gesagt, als man ihn fragte, warum er Schauspieler geworden sei.

Ich wollte nie auf die Bühne, ich war zwar in der Theater AG meines Gymnasiums, die damals noch Laienspielschar hieß, aber ich hatte da als Bühnenbildner angeheuert, weil ich ein zweiter Wilfried Minks werden wollte. Stieg dann auf zum Regieassistenten und wurde Mädchen für alles, Kostüme, Souffleur und understudy für kleine Rollen. Mich faszinierte Theater, aber ich wollte nie wirklich auf die Bühne. Aber ich wollte wie Jean-Louis Trintignant sein, ich habe sogar ein Autogramm von ihm. Als ich noch jung war, hatte ich eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm. Sagten mir die Frauen, die mich mochten. Ich wußte damals nicht, dass er kleiner war als ich. Das kaschiert der Film ja immer sehr schön. Was haben sie nicht alles angestellt in Hollywood, um Zwerge wie Alan Ladd und Humphrey Bogart groß aussehen zu lassen. Ich hatte mir damals auch angewöhnt, die Schultern hochzuziehen wie Trintignant, das scheue Lächeln hatte ich auch schon drauf. Das wurde aber in meiner Familie überhaupt nicht gewürdigt. Halt Dich gerade, sonst kriegst Du einen Buckel, war die einzige Reaktion.

In einem seiner ersten Filme, der ... und immer lockt das Weib (Et dieu créa la femme) hieß, konnte man das mit der Körpergröße manchmal sehen, weil da Curd Jürgens mitspielte, den Brigitte Bardot angeblich einen normannischen Kleiderschrank genannt hat. Ich durfte da rein, weil die FSK den Film ab 12 Jahren freigegeben hatte. Obgleich er, wie sein dramatischer Titel (offensichtlich und ewig singen die Wälder nachempfunden) schon andeutete, für die damalige Zeit ganz verworfen war.

Nach diesem Film verschwand Trintignant erst einmal von der Bildfläche. Er hat den Medienrummel um seine Affäre mit BB nicht so recht verkraftet, und ist erst einmal zur Armee gegangen, er hat keine Wahl, es gibt eine Wehrpflicht in Frankreich. Die Militärzeit von neunundzwanzig Monaten ist für ihn ein Alptraum: A ce moment-là je vivais avec une femme, Brigitte Bardot. J'étais très amoureux, je voulais la revoir tout le temps. Cela se savait. Les militaires, les sous-officiers me brimaient à cause de cela

Wenn er gehänselt und schikaniert wird, wenn ihn sein Sergeant dreimal zum Friseur schickt, weil er die Haare des Schauspielers zu lang findet, er kann sich nicht wirklich beklagen. Er muss nicht nach Algerien, wo Frankreich Krieg führt. Er ist zuerst in Trier stationiert, wo ihn BB für eine Liebesnacht besucht. Die Franzosen haben in dieser Ecke Deutschlands noch viele Truppen. François Truffaut war in Wittlich, wurde aber nach seiner Desertion unehrenhaft entlassen. Das Photo hier zeigt den jungen Truffaut 1951 im Militärgefängnis, ein bisschen von dieser Zeit schreibt er in seinen Film Baisers volés hineinTrintignant dachte auch einmal an Desertion, aber dann wurde er Sanitätssoldat in der Kaserne Dupleix in Paris. Es gibt Schlimmeres. Und ja, er bekommt manchmal Urlaub, um Brischid zu sehen. Aber die Sache geht zuende, er lernt Nadine Marquand kennen, die er 1960 heiratet.

Er war kein Rennfahrer, wie man manchmal lesen kann. Zwar wollte er gern Rennfahrer werden wie sein Onkel Maurice, den er sehr bewunderte, aber seine Familie (wohlhabende französische Bourgeoisie) war dagegen. Dennoch, er ist einige Autorennen gefahren, 1980 das 24-Stunden-Rennen von Le Mans (mit einem Porsche 935) oder das 24-Stunden-Rennen von Spa-Francorchamps, wo er mit einem BMW 530i den 7. Platz in der Gesamtwertung belegte

Als Rennfahrer mit dem Namen Jean-Louis Duroc kam er dann wieder auf die Leinwand. Zusammen mit Anouk Aimée und einem Ford Mustang in Un homme et une femme. Der autoverrückte Regisseur Claude Lelouch hat den Film gedreht. Es gibt noch einen viel schöneren Autofilm von dem. In dem zwar keine Scheibenwischer, plüschige Filmusik und Trintignant vorkommen, aber Paris am frühen Morgen. Klicken Sie ruhig mal auf den Namen der Stadt und steigen Sie zu Lelouch ins Auto. Dann können Sie mit dem Regisseur einmal frühmorgens durch Paris fahren. Den Führerschein musste Lelouch hinterher allerdings abgeben. Er hat ihn inzwischen wieder, wie Sie in diesem making of sehen können, wo er die Strecke noch einmal fährt. Diesmal hält er sich (beinahe) an alle Verkehrsregeln.

Un Homme et Une Femme war in sich perfekt. Kitsch, aber perfekter Kitsch, das macht den Franzosen keiner nach. Die Kamera war aufregend, die Musik eingängig. Und hinterher wollte jeder mit dem Auto am Strand fahren. War einfach schön. Ich war wegen des Films so häufig im Kino, dass ich nicht weiß, ob ich ihn heute noch ertragen könnte. Den gleichzeitig entstandenen Film von La Peau Douce von Truffaut kann ich immer wieder sehen, der ist stiller, nicht so spektakulär. Trintignants nächster Film war auch spektakulär. Da spielte er den einsamen stummen Rächer in Il Grande Silenzio, einem Spaghettiwestern, der im Deutschen Leichen pflastern seinen Weg hieß. Lag hinterher tot im Schnee. Und wir alle saßen noch fünf Minuten stumm im Kino, weil wir dachten, der Filmvorführer hätte vergessen, die letzte Rolle einzulegen. Seit wann darf das Böse im Western siegen? Angeblich gibt es von dem Film auch eine Version mit happy ending, aber nicht an diesem Tag, nicht in diesem Kino.

Mit seinem nächsten Film versöhnte Trintignant all die kleinen Intellektuellen, die jetzt von der Nouvelle Vague berauscht waren. Es war wieder Winter, aber diesmal nicht in den Abruzzen (wo Il Grande Silenzio gedreht worden war) sondern im massif central. Und Trintignant spielte diesen schüchternen katholischen Ingenieur, der sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden kann. Französisches Sabbelkino, würde mein Freund Georg dazu sagen. Der Film hieß Ma Nuit Chez Maud, und Trintignant war genau so, wie wir ihn haben wollten. 

In drei Jahren so unterschiedliche Filme wie Un Homme et Une FemmeLes BichesIl Grande SilenzioZ und Ma Nuit Chez Maud, dieser Mann ließ sich in seinen Rollen nicht festlegen. Weshalb er in Robbe-Grillets Softporno Trans-Europ-Express mitspielte, weiß ich bis heute nicht. Trintignant nahm jede Herausforderung an. Na ja, nicht jede. Die Hauptrolle von Der letzte Tango von Paris, die Bertolucci ihm angeboten hatte, überließ er Marlon Brando. Ich habe das nicht getan, weil ich ein zu großes Schamgefühl habe. Das ist eine Frage der Erziehung, hat er später gesagt. Je suis comme je suis, hatte Prévert gedichtet, das passt auch zu ihm. Er ist einer der ganz Großen des französischen Kino. Und dabei immer still und vornehm, und immer noch schüchtern. Es ist inzwischen eine Art Markenzeichen geworden. Aber es wirkt immer noch.

Wenn wir mit Jean-Louis Trintignant in einem aufgemotzten Ford Mustang in Regen und Schnee fahren und die Scheibenwischer zur Filmmusik von Francis Lai tanzen, dann sind wir in diesem Film von Claude Lelouch. Und wir wissen, alles wird gut. Wenn wir ohne Trintignant in einem Film von Lelouch in einem Auto sitzen und morgens um halb sechs durch Paris brettern und keine rote Ampel beachten, dann gibt es auch keine plüschige Filmmusik. Dann gibt es als Soundtrack entweder einen Ferrarimotor oder Snow Patrols Open your eyes. Wenn wir aber mit Trintignant in einem völlig unspektakulären Renault R16 im Schnee durch die Auvergne fahren, da wo Hölderlin auf dem Weg nach Bordeaux im Winter 1802 zu Fuß gewandert war (und ich im Winter 1964 auch einmal war), und wenn wir uns garantiert nicht mehr an die Filmmusik erinnern können, dann sind wir in der Welt von Eric Rohmer.

Ma nuit chez Maud war 1969 bei Kritik und Publikum ein großer Erfolg. Das ist einigermaßen erstaunlich, denn es gibt wenige Filme, die so wenig Handlung haben und in denen so viel über Pascal diskutiert wird. Trintignant erhält in Cannes einen Preis, aber nicht für seine Rolle in dem Rohmer Film, sondern für seine Rolle in Costa-Gavras' Film Z. Trintignant spielt in Ma nuit chez Maud einen Ingenieur, der für die Firma Michelin in Clermont-Ferrand arbeitet. Er ist erst seit wenigen Monaten in Frankreich, vorher war er lange in Kanada und Südamerika, er kennt kaum jemanden in Clermont-Ferrand. Er trifft Weihnachten seinen alten Freund Vidal, einen überzeugten Marxisten, der jetzt Philosophieprofessor ist.

Und er sieht in der Christmette, wohin es ihn als überzeugten Katholiken zieht, die schöne blonde Françoise, gespielt von Marie-Christine Barrault. Vidal nimmt ihn zu einer alten Freundin namens Maud, gespielt von Françoise Fabian, mit. Dort verbringt unser schüchterner Junggeselle die Nacht, der R16 ist eingeschneit. Es gibt keinen Sex, man redet die ganze Nacht. Das wäre bei Lelouch definitiv anders gewesen. Am nächsten Morgen versucht sich Trintignant Françoise Fabian zu nähern, wenn sie aus der Dusche kommt, aber sie weist ihn ab: J'aime bien les gens qui savent ce qu'ils veulent. Trintignant begehrt sie, und wer hätte das im Publikum damals nicht getan? Aber er wird die Blondine heiraten. Am Ende des Filmes treffen sich alle zufällig fünf Jahre später einmal kurz am Strand eines Seebades. Das ist Deine Frau, ich hätte es wissen sollen, sagt sie. Ich habe nie über sie geredet, sagt Trintignant: Mais je ne vous ai jamais parlé d'elle. Und sie entgegnet Et comment! De votre fiancée blonde, catholique. J'ai bonne mémoire, vous savez. Frauen haben in solchen Fragen nicht nur ein gutes Gedächtnis, Frauen können auch jeden Subtext lesen, wenn eine Nacht im Schnee nur über Pascal und Moral geredet wird. Françoise Fabian spielt eine emanzipierte Frau, Trintignant ist letztlich ein nerd, auch wenn er einen wahnsinnig eleganten Flanellzweireiher mit engen Hosen trägt.

Der Film öffnet die Türen für noch längere filmische Diskussionen, wie in My dinner with Andre. Ein begehrenswerte dunkelhaarige Frau, eine kleine Blonde, bei der sich Trintignant sicher fühlt: Avec vous, je me sens très bien. Das ist die Kombination für Kolportageromane, Leslie A. Fiedler hatte wenig zuvor sein epochales Werk Love and Death in the American Novel geschrieben, in dem dieser Gegensatz immer wieder vorkommt. Aber Rohmer entgeht solchen trivialen Fallen, dieser Film ist eine seiner Moralischen Erzählungen. Obgleich man keine Moral mitnehmen kann, wenn das Licht im Kino wieder angeht. Die Kritiker in Cannes fühlten sich an Jean Renoirs La Règle du Jeu erinnert, sahen hier das Gegenteil zu den Filmen von Bresson oder verglichen Rohmer gar mit Flaubert

Alle lobten die Schauspielkunst von Trintignant und Fabian. Und alle mussten expressis verbis oder knurrend zwischen den Zeilen zugeben, dass hier ein Regisseur herangereift war, der ein ganz anderes Kino machte. Eigensinnig, immer seinen eigenen Weg gegangen ist. Den Flanellanzug von Trintignant fand ich damals toll. Françoise Fabian auch. Vom Film habe ich wenig verstanden. Bis mir mein Freund Peter das Drehbuch (L'Avant-Scène n°. 98) aus Paris mitbrachte, das habe ich gelesen und wieder gelesen. Dann habe ich Pascal gelesen. Ich weiß immer noch nicht, ob ich den Film verstehe. Ich habe viele Filme von Rohmer gesehen, und wenn ich auch vieles nicht verstehe und mich vieles auch nervt, dann muss man natürlich auch sagen, dass sich ein Rohmer Film meistens schon wegen der schönen Frauen lohnt. Denn das ist die Kunst des Kinos, hat sein Kollege Truffaut gesagt, Filme zu drehen, in denen schöne Frauen schöne Dinge tun.

Zum Beispiel in Truffauts Vivement Dimanche, diesem wunderbaren kleinen film noir Ableger, der der letzte Film von Truffaut war. Allerdings stiehlt ihm da Fanny Ardant ein wenig die Show, weil Trintignant sich wieder so zurücknimmt. Und sie sitzt auch noch am Steuer. Aber wir wollten ihn nie anders haben. Wenn er anders wäre, dann wäre er Rennfahrer geworden und müsste sich nicht von Fanny kutschieren lassen. Das ist aber noch besser, als wenn er neben Vittorio Gassman (in dem Film Verliebt in scharfe Kurven) mit einem Lancia Aurelia B24 tödlich verunglückt.

Meine Lieblingsfilme? Natürlich Un homme et une femme. Er war auch gut in Nebenrollen, als er noch nicht berühmt war, wie in Les Liaisons dangereuses und Mord im Fahrpreis inbegriffen. Natürlich muss ich Ma nuit chez Maud erwähnen, den ich inwischen auswendig kann, mit Pascal und dem ganzen Sabbelkino. Auf jeden Fall aber Das wilde Schaf (Le mouton enragé) eine bösartige kleine Komödie mit Jane Birkin, Romy Schneider (mit der er auch einmal eine kurze Affäre hatte) und der wunderbaren Florinda Bolkan. Mit der war er auch in dem Film Metti, una sera a cena zusammen. Und in Le voleur de crime, bei dem seine Frau Nadine Regie führte. Mit ihr war er achtzehn Jahre verheiratet. Seine erste Ehe mit Stéphane Audran ging während der Brigitte Bardot Affäre in die Brüche.

Dreiundfünfzig Jahre nach Un homme et une femme hat Claude Lelouch mit seinen Hauptdarstellern den Film Die schönsten Jahre eines Lebens gedreht (der Film Un homme et une femme: Vingt ans déjà hatte ihm nicht gereicht), da ist der ehemalige Rennfahrer Jean-Louis Duroc im Altersheim und ist schon ein klein wenig dement. Wir wollen mal hoffen, dass es dem wirklichen Jean-Louis gut geht. Seine Ex-Frau Nadine hat vor wenigen Wochen in einem Interciew gesagt: Il perd la vue, il ne peut plus marcher bien. Il ne va pas bien, non, il va mal. Wir wollen mal hoffen, dass sie übertreibt.