Montag, 2. August 2021

die Malerin aus Lüdenscheid

Sie ist beinahe dreißig, als sie nach Paris geht. Allein, ohne Gouvernante. Sie will Malerin werden. Und nicht nur das, sie will als Malerin von ihrem Beruf leben. Auf allen Selbstportraits trägt sie eine Brille, die braucht sie um die Welt zu sehen. Sie könnte sich ohne Brille malen, aber die Brille gibt ihr etwas Überlegenes, Spöttisches. Das haben Männer nicht unbedingt gerne. Mäner mögern auch diese Malweiber nicht, die nach Paris gehen. Und deutsche Malerinnen haben wenig Chancen, in Paris ihre Bilder zu verkaufen. Aber Ida Gerhardi gibt nicht auf, sie bleibt in Paris. Westfalen hat eine große Frau, Annette Droste, hervorgebracht, nun will ich die zweite sein, schreibt sie 1909 an den Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus.

Diese Verbindung zu Osthaus ist für beide wichtig, er kann sie fördern und bekanntmachen, und sie macht ihn mit französischen Künstlern bekannt. Osthaus setzt auf ihre diplomatischen Fähigkeiten, dank ihrer Vermittlung lernt er 1903 Auguste Rodin kennen. Und gibt gleich mehrere Bronzen und eine Marmorstatue in Auftrag. Die Malerin (hier auf dem Selbstportrait Nummer drei) vermittelt ihm auch Kontakte zu Aristide Maillol, Matisse und Maurice Denis, sie ist, wenn man so will, seine französische Kunstagentin geworden. Und im Jahr 1903 kauft er viel, sehr viel. Hauptsächlich französische Kunst. Osthaus stellt manchmal Bilder von Gerhardi in seinem Museum Folkwang aus, eine Gerhardi Ausstellung gbt es allerdings in Hagen nicht. Als er ihr 1912 schreibt, dass sie ihm natürlich Bilder schicken kann, schickt sie zu seinem Entsetzen 183 Bilder, soviel Platz hat sein Museum noch nicht.

1903 ist auch das Jahr, in dem sie ihn malen wird, einen dynamischern neunundzwanziger Millionär, der dabei ist, die Moderne in sein Museum in Hagen zu bringen. Das Bild von Gerhardi hängt heute immer noch im Osthaus Museum Hagen. Aus Hagen kam Ida Gerhardi auch, die Arzttochter wurde da am 2. August 1862 geboren. Nach dem frühen Tod ihres Vaters war ihre Mutter mit der Familie nach Detmold gezogen. Als die Malerin 1912 schwer krank wird, zieht sie zu ihrem Bruder, dem Dr Karl-August Gerhardi, der in Lüdenscheid Sanitätsrat ist. Nebenbei schreibt der Mediziner auch noch Gedichte und Theaterstücke. In Lüdenscheid hat es 2012 auch die Ausstellung Ida Gerhardi: Deutsche Künstlerinnen in Paris um 1900 gegeben, die danach in das Prinzenpalais Oldenburg wanderte, wo ich sie gesehen habe. Das Osthaus Museum in Hagen ist seit dem 27. Juli 2021 wieder geöffnet. Ich habe schöne Erinnerungen an Hagen, die weniger mit der Kunst als mit Bonschen zu tun haben: meine Mutter hatte nämlich eine Freundin in Hagen, die Erbin einer Bonbonfabrik war. Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen.

Bevor sich Ida Gerhardi in Paris an der Privatschule Académie Colarossi immatrikuliert, zieht es sie erst einmal für einige Wochen nach Concarneau in die Bretagne. Wenn die Sonne lächelt, lächelt sie bleich, u. man hat nicht das Gefühl, dass sie wirklich wärmend ins Herz dringt. [...] Meer und Himmel sind nicht mehr zu unterscheiden, u. das was Farbe hat in der Natur, schimmert als unerklärlicher, fast formloser Effekt - die graue Masse unendlich anziehend machend - durch den melancholischen, sich leise bewegenden Schleier hindurch, hat sie geschrieben. Und da hat sie 1891 diesen Bauernhof gemalt. Warum will sie überhaupt noch studieren? Sie kann doch schon alles. Bevor sie nach Paris zog, hatte sie in München an der Damenakademie von Tina Blau-Lang einige Monate studiert. Was eine paysage intime ist, das wusste sie schon. Im selben Jahr malt sie eine Dame auf dem Brückenbogen vom Pont de l’Alma, was allerdings ziemlicher Kitsch ist.

Sie hätte gerne den Teutoburger Wald mit frz. Flottigkeit auf die Leinwand gezaubert, aber das Bild gibt es nicht. Was es gibt, ist diese Dorfstraße bei Soest, 1913 gemalt, als sie nach zwanzig Jahren Paris wieder in Deutschland ist. Leicht und luftig mit  frz. Flottigkeit gemalt. Sie wäre gerne Landschaftsmalerin gewesen, aber das bringt kein Geld. Nur Portraits bringen Geld. Das hatte schon Gainsborough festgestellt, als er schrieb: I'm sick of portraits, and wish very much to take my viol-da-gam and walk off to some sweet village, where I can paint landskips and enjoy the fag end of life in quietness and ease. Ida Gerhardi bezeichnet die Portraitmalerei einmal als erlaubte Prostitution.

Für dieses Portrait hat sie kein Geld genommen. Das ist der Ehemann ihrer besten Freundin Jelka Rosen, die auch aus Detmold kam. Aus einer berühmten und reichen Familie. Die Familie von Ida Gerhardi kommt auch aus einer berühmten Familie, die in Westfalen seit dem Jahre 1577 nachweisbar ist. Die sind aber nicht reich, außer der Lüdenscheider Fabrikantenlinie; die Firma Gerhardi gibt es immer noch in Lüdenscheid, die stellen den Kühlergrill für Mercedes und BMW her. Jelka Rosen ist auch Malerin, sie hat ihren Ehemann auch gemalt, aber etwas anders als hier. Der Herr auf diesem Bild ist niemand anderer als der englische Komponist Frederick Delius.

Ida Gerhardi wird in Deutschland, wo man das Werk von Delius kaum kennt, alles tun, um den Komponisten bekannt zu machen. Sie wird auch zahlreiche Musiker malen: Arthur Nikisch (1899), Ferrucio Busoni (1900 und 1902) und die Geigerin Elli Bößneck (1910), eines ihrer schönsten Bilder. Zu dem Bild habe ich hier eine Interpretation von der Kunsthistorikerin Hella Nocke-Schrepper. Auf der Seite gibt es auch einen Link zu der Dissertation von Petra Stevens-Nepilly aus dem Jahre 1983, die Verfasserin hat aus ihrem Buch für den Lüdenscheider Geschichtsverein eine lange Zusammenfassung erstellt.

Das 1894 gemalte Bild dieses Herrn gehört nicht unbedingt zu den Höhepunkten ihrer Portraitmalerei, es wirkt wie eine Karikatur. Und das ist sehr passend, nicht nur, weil preußische Offiziere in dieser Zeit wie eine Karikatur aussehen. Es ist allerdings ein Bild von großer politischer Aktualität. Dies ist der Oberstleutnant Maximilian von Schwartzkoppen, der preußische Militärattaché in Paris. Er wird noch General werden, aber seine historische Rolle ist eine ganz andere, mit ihm beginnt die Dreyfus Affäre. Jetzt ist das Bild in unserem Kopf, wir werden es nicht mehr los.

Die Violinistin Elli Bößneck hat sie 1910 in Leipzig gemalt. Um dieses Bild zu malen, reist sie noch im selben Jahr nach London. Sie hasst mittlerweise diese Reisen: Es ist furchtbar gehirnanstrengend, immer an fremden Plätzen zu malen, hat sie einmal gesagt. Aber die Reise zu der Ehefrau des englischen Kunstsammlers Frank Stoop macht sie gerne. Zu der hat sie ein besonderes Verhältnis, denn Bertha Stoop ist nicht nur ihre Mäzenin, sie ist auch eine Freundin. Als eine schwere Lungenkrankheit im Winter 1912 das Schaffen von Ida Gerhardi unterbricht, wird sie im zuerst von ihrer Schwester Lilli gepflegt werden, dann den ganzen Sommer 1913 an der italienischen Riviera verbringen und den Herbst zu einer Kur nach Wiesbaden reisen. Vielleicht wäre Davos der richtige Ort gewesen, wo die Malerin Hermine Overbeck-Rothe ihre Lungenkrankheit auszukurieren versuchte. Aber Bertha Stoop hat da eine andere Meinung, sie bricht mit der Malerin im Januar 1914 zu einer mehrmonatigen Reise nach Ägypten auf, sie hofft darauf, dass die trockene, warme Luft Lunge und Bronchien stärken könne. Idas Nichte Evelin erinnert sich 1988: Unfortunately it did her more harm than good when they were caught in a sandstorm. 

Neben Paris war Lüdenscheid ihr zweites Zuhause geworden, wohin ihre gemütskranke Mutter am Ende des 19. Jahrhunderts gezogen war. Sie liebt ihr Paris: Ich bereue keinen Tag, nach hier (…) gegangen zu sein, alles ist mit einer Bequemlichkeit eingerichtet, wie das in Deutschland in keiner Stadt für Damen zu finden ist. Sie kümmert sich auch um deutsche Kollegen, die neu in der Stadt sind. So schreibt Friedrich Ahlers-Hestermann, der mit Franz Nölken in die französische Metropole kommt, in seiner Autobiographie: Es blieb noch die schwache Hoffnung auf eine nicht mehr ganz junge Malerin, die aus der Heimatstadt von Nölkens Mutter - Lüdenscheid i. W. - stammte. An einem trüben Sonntagnachmittag gingen wir, ohne viel zu erwarten, zu ihr. - Mit ihren zierlichen Händen führte sie kleine wiederkehrende Gebärden aus, während sie sprach und uns aus dunklen Augen durch den Zwicker prüfend anschaute. - Sie kannte das Viertel Montparnasse seit 15 Jahren, und in hurtigen Sätzen erzählte sie uns von Malern, Modellen, Cafés und Sammlungen, nahm auch mit einem mütterlichen Einschlag teil an unseren Wünschen und Absichten. 

Ida Gerhardi zeigt den beiden Hamburgern nicht die Welt der Bohème und der Apachenkneipen (die sie hier gemalt hat), sie nimmt sie mit zu den Domiers, wo auch Albert Weisgerber ein ständiger Gast ist. Der Maler Hans Purrmann beschrieb die Ankunft der Hamburger mit den Worten: Eine Gruppe von Hamburger Malern kam: Nölken, Rosam und Ahlers - Hestermann. Kunstbeflissen, fast zu seriös, aufnahmedurstig für diesen alles niederdrückenden Geist , der sich gewöhnlich breitmachte. Paris trug die Menschen meist in eine Höhe, die man ihnen nicht zugetraut hatte, weil sie vom Leben nicht abgestumpft, sondern zugespitzt wurden, weil fruchtbare Künstlerdiskussionen auszunutzen waren, die zukünftige, hohe Bewertungen voraussehen ließen.

Dies ist das letzte Selbstportrait von Ida Gerhardi, zwei Jahre vor ihrem Tod im Jahre 1927 gemalt. Da ging sie schon kaum noch aus dem Haus. Käthe Kollwitz schrieb ihrer Schwester Lilli nach dem Tod: Wir waren sehr gute Nachbarn, es ist wohl nicht zu viel gesagt, daß wir uns lieb hatten. Nun ist nur dies Bild von ihr geblieben, dies frohe kluge feine Bild. In ihrem kleinen Stübchen, das zugleich ihr Atelier war, war sie rings umgeben von ihren Studien und Skizzen, diesen bewegten, farbigen, hoch begabten Skizzen. Oft habe ich sie nach Bal Bullier begleitet, wo sie malte. Sie war ja in Paris so zuhause, dass ihr nichts verschlossen war, überall stand sie gut mit den Menschen und fand sie Eingang. Für mich war es ein großes Glück, Paris an ihrer Seite kennen zu lernen.

Dieser 1908 gemalte Siamesische Prinz, der wahrscheinlich ein Gesandter aus Thailand war, erregte großes Aufsehen. Im Jahre 1909 schreibt die Berliner
National-Zeitung: Als Gast der Vereinigung erscheint die ausgezeichnete Ida Gerhardi, die sich bei ihren jüngsten Pariser Studien wieder um ein respektables Stück vorwärts gebracht hat. Die meisten dieser Künstlerinnen haben Talent, Fräulein Gerhardi hat Genie. Ihre Porträts sind jetzt von einer Kühnheit der Malerei und Treffsicherheit im Erfassen der Persönlichkeit, daß sie in die allererste Reihe der Bildnisse rücken, die wir seit Jahr und Tag hier gesehen haben. Das bedeutet schon etwas. 1913 erhält sie für dieses Bild den nach dem Großherzog von Hessen-Darmstadt benannten Ernst Ludwig Preis


Auch, wenn sie immer wieder für einen Augenblick berühmt wird, auch wenn die westfälischen Unternehmer sich von ihr malen lassen, nach ihrem Tod ist sie schnell vergessen. Aber nicht in Lüdenscheid, dem Ort, den sie in ihren letzten Lebensjahren immer wieder aus dem Fenster heraus malt. 1962 gibt es die von Dr Carl Bänfer initiierte Ausstellung Ida Gerhardi 1862/1962. Und dann wird es immer wieder Ausstellungen, Kataloge und Bücher geben. Heute gibt es einen Ida Gerhardi Förderpreis für junge Künstler, den die Sparkasse Lüdenscheid seit 1989 alle zwei Jahre stiftet. Und ein Musical mit dem Titel Ida hat es vor Jahren auch schon gegeben. Wenn sie auch nicht so berühmt geworden ist wie die Droste, in Lüdenscheid ist sie jetzt berühmt.

Mittwoch, 28. Juli 2021

Wuthering Heights


Ich weiß nicht, warum Emily Brontë noch nicht in diesem Blog aufgetaucht ist, erwähnt wurde sie schon, of all places, in dem Post Ermenegildo Zegna. Und das nicht aus schier Schandudel, wie wir Bremer so sagen, das hat schon seine Berechtigung. Die Brontës werden auch noch in den Posts Arno Schmidt, Darling Jane und Jean Rhys erwähnt. Emily wurde heute vor 199 Jahren geboren, und obgleich sie mit ihren Schwestern in relativer Obskurität lebte und das Publikum ihre Werke nicht liebte (hier die ersten Rezensionen), ist sie doch nicht vergessen. Ihr Roman Wuthering Heights ist x-mal verfilmt worden, und das Pfarrhaus von Haworth in Yorkshire ist zu einem Museum und einem touristischen Wallfahrtsort geworden. 

Das stand hier vor vier Jahren am Geburtstag von Emily Brontë. Es ist ein realitiv kurzer Post, aber er enthält zahlreiche nützliche Links. Gibt es Neues, das erwähnt werden muss? Es gibt eine neue Norton Critical Edition, die Alexandra Lewis von der University of Aberdeen 2019 herausgebracht hat. Die ist mit 448 Seiten erheblich länger als die Ausgabe von 1973, die bei mir im Regal steht, die hat nur 382 Seiten. Nicht, dass der Roman plötzlich länger geworden wäre, es ist nur viel neues Material hinzugekommen: Gedichte von Emily Brontë (schon 1850 hatte ihre Schwester Charlotte der zweiten Ausgabe von Wuthering Heights Gedichte beigegeben), Tagebuchnotizen der Autorin und neue kritische Aufsätze. Die historisch-kritischen Ausgaben der Norton Critical Editions kann man immer nur loben. 

Das bringt mich zu etwas, das man auf keinen Fall loben kann, der Neuübersetzung des Romans durch Wolfgang Schlüter, die 2016 bei Hanser erschienen ist. Ich zitiere dazu einmal Oliver vom Hove, der im Standard schrieb: Leider ist die jüngste deutsche Sturmhöhe-Übersetzung von Wolfgang Schlüter (bei Hanser) ein Ärgernis: gespickt mit Kraftwörtern heutiger Fäkalsprache ("Scheiß auf den Arzt!" für "Damn the doctor"), sprachlichen Manierismen und einer sinnstörenden Übertragung des Dienerdialekts aus Yorkshire in ein vulgäres Pseudobairisch: "'s is weng der do: dem läufischen, hundsföttischen Sauluader, die was unsern Buam b'hext hot mit ihrm Äugln & Duttelnwackeln." Besser bedient ist man da mit älteren Übersetzungen, etwa von Ingrid Rein, Michaela Messner oder Gladys von Sondheimer. 

Ich habe fünfzig Seiten von dieser Übersetzung gelesen, und ich dachte mir: Gott, ist das prollig, die Romanfiguren reden wie Horst Lichter. Man muss accursed witch nicht unbedingt mit gottverdammte Fotze übersetzen. Schlüter hat von 1984 bis 1993 bei der Arno Schmidt Stiftung an der Bargfelder Ausgabe mitgearbeitet, und mitunter hat man das Gefühl, hier sei ein kleiner Arno Schmidt Nachfolger, ein Möchtegern-Schmidt, am Werk. Arno Schmidt mochte die taubengrauen Schwestern, wie er sie nannte. Er hat über sie mit einer gewissen Zuneigung geschrieben und auch einige Gedichte von Emily übersetzt. Über das Werk Angria & Gondal der Brontë Schwestern sagte er: Zwei gläsern-glühende Groß-Reiche, deren Umfang wir heute allmählich – ahnend, ehrerbietig, abzuschreiten beginnen: Angria & Gondal. Ich glaube, er würde kein gutes Wort für das Schlütersche Machwerk finden.

Klaus Nüchtern sagte in seiner Rezension: Nicht nur die arnoschmidtsche Afferei, das „und“ durch ein „&“ zu ersetzen, nervt gehörig, ganz generell erweist sich die selbstherrliche Maniriertheit dieser Übersetzung als echte Spaßbremse. Schlüter will ständig beweisen, dass er den 19.-Jahrhundert-Sound besser beherrscht als irgendwer (inklusive der Autorin). Ein schlichtes „I answered“ wird dann schon einmal zu „hielt ich darwider“ und „a bird of bad omen“ ist selbstverständlich „ein Vogel, der schlimme Auspizien birgt“. Bei Amazon schreibt ein Leser: Wie konnte nur das Lektorat von Hanser (der Verlag hat in den letzten Jahren großartige Übersetzungen von Klassikern veröffentlicht), so ein Machwerk durchwinken? Man muss es sich noch einmal ganz klar machen, dass bei Hanser in den letzten zehn Jahren die Übersetzungen von Barbara Conrad (Krieg und Frieden) und Rosemarie Tietze (Anna Karenina) erschienen sind, und nun dieses Machwerk. Das wirft Fragen auf, auf die wir wohl nie eine Antwort bekommen werden.

Es hat seit 1851 ein Dutzend deutscher Übersetzungen gegeben, eine Neuübersetzung war nicht unbedingt das, was der Buchmarkt und der Leser brauchte. Im Internet finden sich auf der Gutenberg Seite zwei Übersetzungen: Der Sturmheidhof von Gisela Etzel aus dem Jahre 1908 und Umwitterte Höhen von Alfred Wolfenstein aus dem Jahre 1941. Diese Übersetzung ist im französischen Exil entstanden, als die deutschen Truppen schon in Paris waren. Ich habe einen großen Teil von Wolfensteins Übersetzung gelesen und mit dem Original verglichen, man kann dem Verlag, der sie 2018 wieder neu herausbrachte nur zustimmen, wenn die Übersetzung feinfühlig und kongenial genannt wird.

In Yorkshire spricht man ein anderes Englisch als in Oxford. Emily Brontë hat die einfachen Menschen in ihrem Roman (wie den alten Diener Joseph) so sprechen lassen. Für ihre Schwester, die nach Emilys Tod die zweite Auflage des Romans herausgab, war das ein Grund, das Yorkshire English ein wenig zu modifizieren. Dialekte sind für einen Übersetzer eine Herausforderung. Der berühmte Fritz Güttinger, der Moby-Dick übersetzt hat, sagt in seinem Buch Zielsprache: Theorie und Technik des Übersetzens einiges dazu. Aber was Schlüter da mit seinem vulgären Pseudobairisch oder dem Wienerischen anrichtet, das geht nun überhaupt nicht. Wenn der Diener Joseph bei Schlüter von Heathcliffe redet, dann ist er bei ihm der Scheff.

Der Erzähler Lockwood beschreibt auf der ersten Seite des Romans seinen Pachtherrn Heathcliffe als capital fellow, bei Wolfenstein heißt es Ein Prachtmensch, bei Schlüter wird daraus Der impressive Hund! So redet ein englischer Gentleman im Jahre 1801, das ist uns allen klar. Die erste Übersetzung von 1851, die immer noch lesbar ist, hatte an dieser Stelle ein trefflicher Gesell. Ich habe mir die Arbeit gemacht, die Schlütersche Übersetzung mit der von Wolfenstein zu vergleichen. Nehmen wir zum Beispiel Kapitel drei mit dem berühmten Traum der Fensterszene:

This time, I remembered I was lying in the oak closet, and I heard distinctly the gusty wind, and the driving of the snow; I heard, also, the fir bough repeat its teasing sound, and ascribed it to the right cause: but it annoyed me so much, that I resolved to silence it, if possible; and, I thought, I rose and endeavoured to unhasp the casement. The hook was soldered into the staple: a circumstance observed by me when awake, but forgotten. ‘I must stop it, nevertheless!’ I muttered, knocking my knuckles through the glass, and stretching an arm out to seize the importunate branch; instead of which, my fingers closed on the fingers of a little, ice-cold hand! The intense horror of nightmare came over me: I tried to draw back my arm, but the hand clung to it, and a most melancholy voice sobbed, ‘Let me in—let me in!’ ‘Who are you?’ I asked, struggling, meanwhile, to disengage myself. ‘Catherine Linton,’ it replied, shiveringly (why did I think of Linton? I had read Earnshaw twenty times for Linton) ‘I’m come home: I’d lost my way on the moor!’ As it spoke, I discerned, obscurely, a child’s face looking through the window. Terror made me cruel; and, finding it useless to attempt shaking the creature off, I pulled its wrist on to the broken pane, and rubbed it to and fro till the blood ran down and soaked the bedclothes: still it wailed, ‘Let me in!’ and maintained its tenacious gripe, almost maddening me with fear. ‘How can I!’ I said at length. ‘Let me go, if you want me to let you in!’ The fingers relaxed, I snatched mine through the hole, hurriedly piled the books up in a pyramid against it, and stopped my ears to exclude the lamentable prayer. I seemed to keep them closed above a quarter of an hour; yet, the instant I listened again, there was the doleful cry moaning on! ‘Begone!’ I shouted. ‘I’ll never let you in, not if you beg for twenty years.’ ‘It is twenty years,’ mourned the voice: ‘twenty years. I’ve been a waif for twenty years!’ Thereat began a feeble scratching outside, and the pile of books moved as if thrust forward. I tried to jump up; but could not stir a limb; and so yelled aloud, in a frenzy of fright. To my confusion, I discovered the yell was not ideal:

Die Gothic Novel ist in dieser Szene noch nicht tot, auch Emilys Schwester wird in ihrem Roman Jane Eyre mit dem Motiv der madwoman in the attic Gebrauch von der Gothic Novel machen. Wolfensteins Übersetzung hält sich an den Text des Originals, neigt eher zu Verknappung als zu Ausschweifungen:

Dieses Mal war ich mir bewußt, daß ich in dem eichenen Verschlage lag. Deutlich unterschied ich den sausenden Wind, den Schneesturm draußen; ich hörte auch das peinigende Geräusch jenes Tannenzweiges. Obwohl ich wußte, es sei nur der Baum, drängte es mich, dies dauernde Kratzen abzustellen. Mir war, als stände ich auf und mühte mich, den Fensterflügel aufzuhaken. Aber der Haken war in der Krampe festgelötet. Ich hatte es im Wachen bemerkt, doch im Traum wieder vergessen. Dies Geräusch muß aufhören, sagte ich mir. Ich stieß meine Faust durch das Glas der Scheibe und streckte den Arm aus, um den Zweig zu erreichen. Statt dessen schlossen sich meine Finger um die Finger einer kleinen eiskalten Hand. Es war wie das Entsetzen eines Alpdrucks. Ich wollte meinen Arm zurückziehen, aber die Hand draußen klammerte sich daran fest. Eine todtraurige Stimme schluchzte: »Laß mich ein – laß mich ein!« »Wer bist du?« fragte ich und versuchte verzweifelt, mich freizumachen. »Catherine Linton«, antwortete es bebend. Warum dachte ich nur an Linton? Viel öfter als Linton hatte ich in der Bettlade Earnshaw gelesen. »Ich bin wieder da, bin wieder daheim, hatte mich im Moor verirrt.« Als es so sprach, nahm ich dunkel das Gesicht eines Kindes wahr, das durch das Fenster schaute. Das Entsetzen machte mich grausam. Da ich das Geschöpf nicht abschütteln konnte, drückte ich sein Handgelenk gegen das zerbrochene Glas. Ich rieb es hin und her, und das Blut floß herunter und befleckte die Bettücher. Immer noch klagte es: »Laß mich ein! Laß mich ein!« Mit zähem Griff hielt es mich fest und machte mich vor Schrecken fast wahnsinnig. »Wie kann ich das? Laß mich los, wenn ich dich einlassen soll!« Die Finger lockerten sich. Ich zog meinen Arm durch das Loch zurück und türmte die Bücher davor auf. Dann hielt ich mir die Ohren zu, um das jammervolle Flehen nicht zu hören. Eine Viertelstunde lang wartete ich so. Kaum aber horchte ich wieder hin, wimmerte und weinte es weiter. »Geh weg!« schrie ich, »ich lasse dich niemals herein und wenn du zwanzig Jahre bettelst!« »Zwanzig Jahre ist es her«, flüsterte die Stimme, »seit zwanzig Jahren bin ich heimatlos!« Ein schwaches Kratzen wurde hörbar. Der Bücherstapel bewegte sich, als wollte er hereinstürzen. Ich konnte nicht aufstehen, konnte kein Glied rühren. Gellend schrie ich auf. Da merkte ich, daß mein Schrei nicht geträumt war. 

Wolfenstein war ein Lyriker des Expressionismus, aber wir können in seiner Übersetzung nichts Expressionistisches finden. Bevor er Wuthering Heights übersetzte, hatte er Flauberts Madame Bovary übersetzt, das erzieht sicherlich zur sprachlichen Disziplin. Vielleicht wäre das für Schlüter auch gut gewesen, denn bei seiner Übersetzung habe ich sofort den Rotstift in der Hand:

Diesmal erinnerte ich mich, daß ich in dem eichenen Kabinett läge und deutlich den Sturmwind und das Schneetreiben hörte; außerdem hörte ich weiterhin das nervenzerrende Pochen des Föhrenastes und schrieb es der richtigen Ursache zu — es ärgerte mich aber so sehr, daß ich beschloß, es zum Schweigen zu bringen — und so, wie mir schien, stand ich auf und ging daran, den Fensterflügel aufzuhaken. Der Haken war jedoch mit der Krampe fest verlötet: ein Umstand, den ich im Wachsein bemerkt, nun aber vergessen hatte. »Gleichwohl – das muß aufhören!« murrte ich, stieß meine Knöchel durch die Scheibe und reckte einen Arm, um nach dem lästigen Ast zu greifen — statt dessen schlossen sich meine Finger um die Finger einer kleinen, eiskalten Hand! Das durchdringende Grauen eines Nachtmahrs überkam mich — ich suchte meinen Arm zurückzuziehen, aber die Hand klammerte sich an ihn und eine ungemein trostlose Stimme schluchzte: »Laß mich ein — laß mich ein!«  »Wer bist du?« fragte ich und mühte mich dabei, meine Hand aus ihrer Umklammerung zu lösen. »Catherine Linton«, tönte es schauerlich zurück (warum Linton? – zwanzigmal öfter hatte ich Earnshaw gelesen!), »ich bin wieder daheim — ich war nur vom Weg abgekommen im Moor.« Bei diesen Worten machte ich undeutlich das Gesicht eines Kindes aus, das durchs Fenster blickte — das Grauen machte mich grausam — : da ich den Versuch, das Wesen abzuschütteln, nutzlos fand, zog ich sein Handgelenk auf die zerbrochene Scheibe nieder und sägte es auf ihr hin & her, bis das Blut aus ihm floß und die Bettwäsche durchtränkte — und immer noch klagte das Wesen »Laß mich ein!« und lockerte nicht seinen festen Griff, bis ich vor Angst fast verrückt wurde. »Wie kann ich denn?« sagte ich endlich. »Laß mich los, wenn du willst, daß ich dich einlasse!« Die Finger lockerten ihren Griff; ich zog die meinen rasch durch die Öffnung zurück, dichtete diese sogleich mit einem Stapel Bücher ab und hielt mir die Ohren zu, um das klägliche Gewinsel auszusperren. Wie es schien, hielt ich sie etwa eine Viertelstunde lang geschlossen — doch in dem Moment, da ich sie öffnete, war auch das Jammergestöhn wieder zu vernehmen. »Hebe dich hinweg!« rief ich. »Nimmer laß ich dich ein, und wenn du noch zwanzig Jahre hier bettelst.« »Es sind zwanzig Jahre«, klagte die Stimme, »zwanzig Jahre! Seit zwanzig Jahren irre ich umher!« Hierbei ließ sich hinterm Fenster ein schwaches Kratzen hören, und der Bücherstapel bewegte sich, als drückte ihn etwas von außen ein. Ich wollte aufspringen — konnte jedoch kein Glied rühren — und so brüllte ich laut auf, vor Angst schier von Sinnen. Zu meiner Verwirrung merkte ich, daß das Gebrüll keine Ausgeburt meiner Phantasie gewesen war.

Das durchdringende Grauen eines Nachtmahrs überkam mich ist sicher schwächer als das Entsetzen eines Alpdrucks; ich war nur vom Weg abgekommen im Moor klingt ein wenig nach La Traviata, ich hatte mich im Moor verirrt, ist zweifellos besser. Das jammervolle Flehen ist besser als das JammergestöhnHebe dich hinweg! ist ebenso daneben wie Nimmer laß ich dich ein, und weshalb Lockwood am Ende brüllt, wo doch ein schreien genügen würde, das weiß ich nicht. Wenn Wolfenstein schreibt: Da merkte ich, daß mein Schrei nicht geträumt war, dann ist das viel besser als Schlüters Zu meiner Verwirrung merkte ich, daß das Gebrüll keine Ausgeburt meiner Phantasie gewesen war.

Wolfgang Schlüters provokante Neuübersetzung von Emily Brontës berühmtem Roman 'Sturmhöhe' stößt den Leser oft vor den Kopf – aber das tat auch das englische Original im Jahr 1847, sagt Tobias Döring. Das ist ein sehr seltsames Argument eines Anglistikprofessors. Denn das Grelle und oft Anstößige solcher Wortwahl dienen Schlüters übersetzerischem Kalkül, den Romantext aufzurauen und dadurch den Schock seiner Erstlektüre abermals spürbar werden zu lassen. Das gelingt, so stellt man fest, besonders bei den Flüchen: "du Vollkoffer", "verfickte Schlampe", "geh mir nicht auf'n Sack" und was dergleichen pubertäre Kraftausdrücke mehr sind. Heathcliffs letzte Rede lautet: "O Scheiße! Das ist unsäglich - das ist zuviel für Fleisch & Blut - das kann nicht mal ich ertragen!" Kann man, will man das als Leser ertragen?

Wenn Sie drei ganze Kapitel von Schlüters provokantem Deutsch lesen wollen, dann klicken Sie hier. Dann können Sie sehen, dass Heathcliffes Beschimpfung seiner Schwiegertochter Catherine als damnable jade mit verfickte Schlampe wiedergegeben wird. Wolfenstein hat an der Stelle ein verdammtes Frauenzimmer, und das reicht auch völlig. Die ausdrucksstarken (so der Hanser Verlag) 640 Seiten kosten bei Hanser 39,90 Euro. Für zehn Euro bekommt man bei Reclam die erstklassige Übersetzung von Ingrid Rein (die zuvor Henry James und Kate Chopin übersetzt hatte); für zwanzig Euro gibt es beim Büchner Verlag Wolfensteins Umwitterte Höhen in einer Neuauflage. Die neueste Ausgabe der Norton Critical Edition kostet zwanzig Dollar. Von den tausend Exemplaren der ersten Auflage des Romans wurden nur neununddreißig Exemplare verkauft, Erstausgaben bringen heute bei Auktionen mindestens hunderttausend Pfund Sterling. Elsemarie Maletzkes Buch über die Brontë Sisters, das ich schon in dem Post Sturmeshöhe gelobt habe, ist immer noch für ganz kleines Geld lieferbar.

In dem Vorwort zu den Gedichten ihrer Schwester Emily schreibt Charlotte Brontë: The scenery of these hills is not grand – it is not romantic; it is scarcely striking. Long low moors, dark with heath, shut in little valleys, where a stream waters, here and there, a fringe of stunted copse. Mills and scattered cottages chase romance from these valleys; it is only higher up, deep in amongst the ridges of the moors, that Imagination can find rest for the sole of her foot: and even if she finds it there, she must be a solitude-loving raven – no gentle dove. If she demand beauty to inspire her, she must bring it inborn: these moors are too stern to yield any product so delicate. Moor und Heide, ein Pfarrhaus neben dem Friedhof, Armut und Einsamkeit - und dennoch: welch ein Roman. Ein Jahr nach dem Erscheinen des Romans war Emily Brontë tot. 

Montag, 26. Juli 2021

Kate Beckinsale


Die englische Schauspielerin Kate Beckinsale hat heute Geburtstag, da wollen wir doch Glückwünsche aussprechen. Als sie jung war, fand ich sie ausgesprochen schnuckelig. Im Jahre 2009 wählte sie die Zeitschrift Esquire zur Sexiest Woman Alive (das Video müssen Sie sich unbedingt ansehen). Sie sieht heute sicher immer noch gut aus, aber sie sieht so aus, wie viele Schauspielerinnen (das gucken Sie lieber nicht) heute aussehen. Sie hat angeblich einen IQ von 152, das haben nicht viele Schauspielerinnen. Sexiest Woman Alive wird sie wohl kein zweites Mal, aber in diesem Jahr hat die National Film Academy sie als beste britische Schauspielerin ausgezeichnet. 2009 machte sie, von Ellen von Unwerth photographiert, Werbung für Absolut Vodka, was etwas seltsam war, denn sie trinkt überhaupt keinen Alkohol.

Nicht alle ihrer Filme sind gute Filme. Über den Film Haunted schrieb TV Spielfilm: Dieser Film hätte nicht einmal eine Videopremiere verdient, wären da nicht die Schauspieler Aidan Quinn und Anthony Andrews. Und zugegeben, auch die niedliche Kate Beckinsale ist durchaus nett anzusehen. Ansonsten ist diese wirre Story von Schuld, Sühne und Inzest eher wenig geistreich. Man sollte noch hinzufügen, dass Kate Beckinsale mehrfach in diesem Film nackt ist, das reißt alles heraus. Der Schauspieler Anthony Andrews, der Haunted produziert hat, war hier schon mal im Blog, weil er einer der Hauptdarsteller von Brideshead Revisited ist. Und weil er mit Georgina Simpson, der Erbin von Daks/Simpson, verheiratet ist. 

Vor dreißig Jahren hatte Kate Beckinsale eine kleine Rolle in dem melodramatischen Fernsehfilm One Against the Wind, dadurch wurde sie in England ziemlich berühmt. Die nächsten Rollen spielte sie so nebenbei, da sie in Oxford Romanistik und Slavistik studierte. In Kenneth Branaghs Much Ado Nothing (1993) spielte sie nur mit, weil die Dreharbeiten in die Semesterferien fielen. Aber am Ende ihres Studiums, ein Jahr vor Haunted, drehte sie einen Film, der völlig aus der Rolle fällt. Kein Kinofilm, ein Fernsehfilm für die BBC, eine Literaturverfilmung vom feinsten.

Der Roman heißt Cold Comfort Farm, er steht auf der Liste der 100 Novels That Shaped Our World der BBC; und Julie Burchill, die mal die Kodderschnauze der Subkultur war, hat in der Sunday Times gesagt: very probably the funniest book ever written. Das könnte man natürlich auch über The Diary of a Nobody sagen, das mir Georg gerade geschenkt hat, damit ich nicht immer nur dieses highbrow Zeuch lese, aber wir lassen den Satz von Julie Burchill mal so stehen. Stella Gibbons, die den Roman 1932 schrieb, hat noch zwanzig andere Romane geschrieben, aber keiner hatte den Erfolg von Cold Comfort Farm. Bei dieser Ausgabe des Penguin Verlags hat sich der Designer sicher ein wenig an Kate Beckinsale orientiert, die im Film die Flora Poste spielt. Die gerne Schriftstellerin werden möchte: When I am 53, I hope to write a novel as good as 'Persuasion,' but in a modern setting.

The education bestowed on Flora Poste by her parents had been expensive, athletic and prolonged: and when they died within a few weeks of one another during the annual epidemic of the influenza or Spanish Plague which occurred in her twentieth year, she was discovered to possess every art and grace save that of earning her own living ... Flora inherited, however, from her father a strong will and from her mother a slender ankle. The one had not been impaired by always having her own way nor the other by the violent athletic sports in which she had been compelled to take part, but she realized that neither was adequate as an equipment for earning her keep. So fängt der Roman an, die neunzehnjähtige Debübantin, die alle Gesellschaftstänze beherrscht, landet bei ihren Verwandten auf dem Land. Irgendwo in Sussex. In einer anderen Welt.

Romane, die auf dem Land spielen, liebt der Engländer, wenn Sie an How Green was my Valley oder The Darling Buds of May denken. Aber schon zuvor spielte die englische Landschaft eine große Rolle im englischen Roman. Bei den Brontës, in den Wessex Novels von Thomas Hardy und selbst noch in Lady Chatterley. Doch dieser Roman ist die schönste Satire auf das Landleben, ein bisschen Brontë Sisters, ein bisschen Thomas Hardy, ein bisschen bösartig, aber hochkomisch. Die BBC verpflichtete John Schlesinger, der für das englische Fernsehen mit großem Erfolg schon Separate Tables (1983), An Englishman Abroad (1983) und A Question of Attribution gedreht hatte. Das Drehbuch schrieb Malcolm Bradbury, der hier schon in den Posts Universitätsromane und Ray Bradbury erwähnt wurde. Wenn ich damals, als ich ihn traf, gewußt hätte, dass er das Drehbuch geschrieben hätte, wäre er mir sympathischer gewesen.

Bei der Besetzung des Films hat man an nichts gespart. Kate Beckinsale ist sicherlich die ideale Flora, aber Schlesinger fand, dass sie zu jung für die Rolle sei. Doch sie wollte diese Rolle unbedingt haben: I went through the book, found all the points that supported I was the correct age, wrote what was essentially a research paper in the form of a, 'Dear John, you're making a terrible mistake and I'm gonna save you from it...' letter, and delivered it to his door. Schlesinger fand den Brief, den sie ihm mitten in der Nacht zugestellt hatte, very amusing, rief sie an und sagte ihr, dass sie die Rolle hätte. Niemand in England glaubte, dass der Film ein amerikanisches Publikum begeistern könnte, aber Schlesinger war da anderer Meinung. Und er hatte recht, der Film verkaufte sich erstaunlich gut, und die Kritiker waren von Beckinsale begeistert. 

Emanuel Levy schrieb in Variety: The ensemble playing of the large, inspired cast is so felicitous that it’s difficult–and perhaps unfair–to single any performer for special praise. Still, in the lead, Beckinsale has the strength of a young Glenda Jackson and the charm of a young Julie Christie. Die Los Angeles Times sprach von yet another of those effortlessly skilled British beauties who light up the screen, und Janet Maslin von der New York Times schrieb, Beckinsale spiele die Rolle with the perfect snippy aplomb. In Deutschland war die Rezeption des Filmes gemischt. Susanne Weingarten, damals Kulturredakteurin des Spiegel, hielt den Film für einen bräsigen britischen Bauernschwank, Volker Weidermann, der im Herbst das Feuilleton der Zeit übernimmt, war in seiner Kritik in der TAZ sehr viel intelligenter.

Und dann sind da noch die großartige Joanna Lumley, Ian McKellen und Stephen Fry, und und und. Es ist eine völlig verschrobene Komödie, schräg und skurril, typisch englisch. Es ist ein Kostümfilm, wenn man so will, in Kostümfilmen war Beckinsale groß geworden (auch Haunted ist ja ein Kostümfilm). 

Ein Jahr nach Cold Comfort Farm drehte sie Emma, es gab zwei Emmys für den Film. Und zu Jane Austen kehrte sie vor fünf Jahren mit dem Film ✺Love & Friendship zurück. Dazwischen war sie in Unmengen von Action- und Horrorfilmen zu sehen (den Film Pearl Harbor fand ich einen Tiefpunkt ihrer Karriere). Wenn Sie den Post Fantasy gelesen haben, wissen Sie, dass ich diesen Genres nichts abgewinnen kann. In den Filmen, die Underworld (1 bis 5) heißen, kann sie als Vampir in schwarzem Latex alles.

Im wirklichen Leben hat sie zwar in Oxford studiert und spricht Russisch, hat aber immer noch keinen Führerschein. Und sie ist mir in Jane Austen Verfilmungen und allen period costumes (oder auch nackt wie in Haunted) lieber als in den Latexklamotten. Als Honor Blackman und Diana Rigg so etwas in den Avengers trugen, war das ja noch irgendwie witzig. Die junge Flora Poste ordnete das chaotische Leben ihrer Verwandtschaft nach der Maxime: I try to bring people around to the higher common sense. Vielleicht hätte Kate Beckinsale ihr Leben auch nach dieser Maxime ausrichten sollen. Dann wären uns Vampir Hybride in schwarzen catsuits und viel anderer Zelluloidmüll erspart geblieben.

Den Film Cold Comfort Farm habe ich natürlich heute am Geburtstag von Kate Beckinsale auch im Programm. 

Freitag, 23. Juli 2021

This Effing Lady


Die Dame hier auf diesem Photo von Helmut Newton ist die australische Schauspielerin Coral Edith Browne, die am 23. Juli 1913 geboren wurde. Ihren Ehemann im Vordergrund können wir nicht so richtig erkennen. Er ist wahrscheinlich berühmter als seine Gattin, es ist niemand anderer als Vincent Price, den wir aus einer Vielzahl von Horrorfilmen kennen. Es war übrigens eine sehr glückliche Ehe, hatte nichts mit Horror zu tun. Coral Browne sieht hier aus wie eine Lady, warum hat ihre Biographin Rose Collis ihr Buch nur This Effing Lady genannt? Eine wirkliche Lady würde normalerweise nicht mit einem Adjektiv wie effing bedacht werden, aber Coral Browne ist nun einmal outspoken, wie der Engländer das nennt, und gebraucht viele f-words. Bei ihrer Beerdigung hat der australische Schauspieler Barry Humphries ein kleines Gedicht vorgelesen:

She left behind an emptiness
A gap, a void, a trough
The world is quite a good deal less
Since Coral Browne fucked off.

Coral Browne hat auf der Bühne und im Film eine Vielzahl von Rollen gespielt, in John Schlesingers Film An Englishman Abroad spielt sie sich selbst. So etwas kommt in der Karriere eines Schauspielers selten vor. Sie war 1958 mit der Royal Shakespeare Company in Moskau, man gab Shakespeares Hamlet, Coral Browne spielte die Königin Gertrude. Nach der Vorstellung lernt sie einen etwas heruntergekommenen englischen Gentleman kennen, der als erstes sagt: What pleasure, in this day and age, is to hear the language so beautifully spoken! Und der sie bittet, für ihn in London einige Einkäufe zu machen. Er möchte einen neuen Anzug haben, das muss natürlich ein englischer Anzug sein. Und einen neuen Eton Schlips brauchte er auch noch. Er selbst kann nicht zurück nach London. Er heißt Guy Burgess und ist ein Spion und Vaterlandsverräter. Aber der englische Maßanzug und der Eton Schlips, die müssen sein.

Was man in Moskau an Anzügen kaufen kann, das kann ein Gentleman, der in Eton und Cambridge gewesen ist, natürlich nicht tragen: Clothes have never been the comrades' strong point. Besides, I don't want to look like everybody else, do you? Früher haben ihn Anzüge nicht interessiert: I never cared tupppence for clothes before. I was kitted out in the traditional garb of my class. Aber jetzt, in der Einsamkeit von Moskau, da möchte er doch einen neuen englischen Anzug zur Identitätsgewinnung haben. Coral Browne nimmt seine Maße und geht damit in London zu seinem Schneider. Sie versucht, zuerst den Namen des Kunden geheim zuhalten, gibt ihn dann aber doch preis:

Tailor: We have two Mr Burgesses. I take this to be Mr Burgess G. How is Mr Burgess? Fatter I see. One of our more colourful customers. Too little colour in our drab lives these days. Knowing Mr Guy he'll want a pinstripe. But a durable fabric. His suits were meant to take a good deal of punishment. I hope they have stood him in good stead.

Als Coral Browne den Schneider um Diskretion bittet, sagt der: Oh, Madam. Mum is always the word here. Moscow or Maidenhead, mum is always the word. Schneider sind offensichtlich verschwiegener als Spione. Bei einem zweiten Einkauf in einem anderen Geschäft weigert sich der Angestellte, Coral Browne die gewünschten Pyjamas zu verkaufen: The Gentleman is a traitor, Madam. Schließlich beliefere man die königliche Familie. Anzüge kann man bestellen, aber Pyjamas werden nicht an jeden verkauft. An dieser Stelle hat Alan Bennett, der aus seinem Theaterstück das Drehbuch für den Film gemacht hat, für die Australierin Browne eine kleine Hassattacke auf die Verlogenheit der Engländer in das Stück geschrieben. Obgleich die Namen der beiden Firmen nicht genannt werden, hat sich Bennett diese Szenen nicht ausgedacht. Die ganze Geschichte ist wahr, der Anzug erreicht Guy Burgess an seinem Geburtstag 1958 in Moskau.

Als ein amerikanischer Drehbuchautor gegenüber Coral Browne etwas gehässig bemerkte, dass das Drehbuch von An Englishman Abroad nicht besonders gelungen sei, erwiderte sie in ihrer typischen Art: Listen, dear, you couldn't write 'fuck' on a dusty venetian blind. Coral Browne liebte den Film, über den Pauline Kael gesagt hatte: probably the finest hour of television I’ve ever seen. Es war auch ihr Film, es war ein Teil von ihrem Leben. Alan Bennett hätte das Drehuch nicht schreiben können, wenn sie ihm nicht das ganze Material überlassen hätte. Coral Browne hatte ihr Treffen mit Burgess im Jahre 1958 geheimgehalten, es wäre wohl nicht gut für ihre Karriere gewesen. Aber Alan Bennett hat sie die ganze Geschichte erzählt:

Some years ago a stage play of mine, 'The Old Country', was running in the West End. The central character, Hilary, played by Alec Guinness, was a Foreign Office defector living in Russia. Hilary was generally identified as Philby, though that had not been my intention, the character having much more in common with a different sort of exile, W. H. Auden. However during the run of 'The Old Country' friends and well-wishers would come round after the performance, often with reminiscences of Philby and his predecessors, Burgess and Maclean. One of these was Coral Browne who told me of her visit to Russia with the Shakespeare Memorial Theatre in 1958 and the particular incidents that make up 'An Englishman Abroad'.

The picture of the elegant actress and the seedy exile sitting in a dingy Moscow flat through a long afternoon listening again and again to Jack Buchanan singing 'Who stole my heart away?' seemed to me funny and sad but it was a few years before I got round to writing it up. It was only when I sent Coral Browne the first draft of the television film that I found she had kept not merely Burgess’s letters, thanking her for running his errands, but also her original notes of his measurements and even his cheque (uncashed and for £6) to treat her and one of her fellow actors to lunch at the Caprice. The original script of the television film was quite close to the version now presented on the stage. It had no exterior shots because I knew no BBC budget would run to filming in Moscow or some foreign substitute. I introduced the exteriors only when a suitable (and a suitably economic) substitute for Moscow was found in Dundee.

I have put some of my own sentiments into Burgess’s mouth. ‘I can say I love London. I can say I love England. I can’t say I love my country, because I don’t know what that means’, is a fair statement of my own, and I imagine many people’s position. The Falklands War helped me to understand how a fastidious stepping-aside from patriotism could be an element in characters as different as Blunt and Burgess. Certainly in the spy fever that followed the unmasking of Professor Blunt I felt more sympathy with the hunted than the hunters.

Ich habe natürlich den Film An Englishman Abroad hier für Sie (und auch die Hörspielfassung der BBC). Die beiden Hauptdarsteller des Films, Coral Browne und Alan Bates (der Guy Burgess spielt), erhielten beide einen BAFTA Award. Der Film rangiert auf der Liste der hundert besten Fernsehproduktion des BFI auf Platz 30. Leider ist der zweite Film, der von englischen Spionen handelt, A Question of Attribution, von der BBC aus dem Netz genommen. Beide Filme von John Schlesinger sind auf DVDs einzeln nicht zu finden, sie sind aber in der 4 DVD Cassette Alan Bennett at the BBC enthalten. Neben den beiden Schlesinger Filmen über englische Spione sind da auch noch drauf: 102 Boulevard Haussmann (1990), A Day Out (1972), A Visit from Miss Protheroe (1978), A Woman of No Importance (1982), The Insurance Man (1986), Our Winnie (1982), Sunset Across the Bay (1975), Dinner at Noon (1988) und Portrait or Bust (1994).

Proust Leser haben natürlich sofort bemerkt, dass 102 Boulevard Haussmann etwas mit Proust zu tun haben muss, denn das ist seine Pariser Adresse. Und es hat etas mit Proust zu tun, und mit Céleste Albaret. Beide in dem kleinen Film von Udayan Prasad brillant verkörpert durch Alan Bates und Janet McTeer.

Dienstag, 20. Juli 2021

20. Juli

 
Wir gedenken in Deutschland an diesem Tag des Widerstandes gegen Adolf Hitler. Und es gibt jedes Jahr einen Staatsakt in Berlin und eine Kranzniederlegung im Bendlerblock. Und jedes Jahr wird der Oberst Graf von Stauffenberg gefeiert, den ja jetzt jeder kennt, weil er von Tom Cruise gespielt wurde. Um den stillen James Graf von Moltke, dessen Patenkind mein Freund Jimmy war, wird nicht ein solcher Rummel gemacht. Aber das Wissen um die Vergangenheit geht von Jahr zu Jahr verloren, und eines Tages werden nachfolgende Generationen die deutsche Geschichte nur noch in der Version von Tom Cruise oder Guido Knopp kennen. Geschichte für Trottel hat die Frankfurter Allgemeine die Geschichtsklitterung à la Knopp genannt. Ich bin jedes Jahr an diesem Tag ein wenig unglücklich, mir gefallen die Feiern nicht, die häufig nur verlogene Schauspiele mit schlechten Laiendarstellern sind. Und ich frage mich, wie viele Schüler jemals in Plötzensee gewesen sind? Oder wie viele den Namen Georg Elser kennen? Denn der ist irgendwie eher mein Held als Stauffenberg mit dem ganzen Gewese des unsäglich verquasten George Kreises und dem heiligen Deutschland. Vielleicht war auch das geheime Deutschland gemeint, über das Stauffenbergs Mentor Stefan George gedichtet hatte:

Wer denn o wer von euch brüdern
Zweifelt o schrickt nicht beim mahnwort
Dass was meist ihr emporhebt
Dass was meist heut euch wert dünkt
Faules laub ist im herbstwind
Endes- und todesbereich:
Nur was im schützenden schlaf
Wo noch kein taster es spürt
Lang in tiefinnerstem schacht
Weihlicher Erde noch ruht -
Wunder undeutbar für heut
Geschick wird des kommenden tages.

Niemand redet über all die kleinen Leute, die auf ihre Art und Weise Widerstand geleistet haben, und die Opfer des Terrors geworden sind. Mir ist Stauffenberg als Held ein wenig unheimlich. Das, was ich von meiner Mutter (die ihn gekannt hatte) über ihn erfahren habe, hat nicht gerade dazu beigetragen, dass ich ihn mag. In der TAZ vom 17.2. 2009 hat Michael Wildt geschrieben:

Aber warum Stauffenberg und nicht Elser? Auf die Kritik des britischen Historikers Richard Evans, dass sich Stauffenberg mit seiner elitär-reaktionären Weltanschauung wohl nicht zum Helden eigne, antwortete Karl Heinz Bohrer heftig, dass es darauf gar nicht ankomme, sondern Stauffenberg und seine Mitverschwörer 'eine Höhe des sittlichen, charakterlichen und kulturellen Formats' repräsentierten, von dem Mitglieder der heutigen Elite nur träumen könnten.

Darum also geht es! Im gegenwärtigen Diskurs um Eliten und ihre Ethik eignet sich der gebildete Generalstabsoffizier Stauffenberg, der zunächst den Verheißungen des Regimes vertraut, engagiert mitgemacht hat und erst spät umgekehrt ist, dann aber desto entschiedener zur Tat schritt, offenbar weit besser zum öffentlichen Helden als der spröde, eigensinnige Elser, der unter Beweis stellt, dass man auch in Zeiten, in denen die Stauffenbergs wie Millionen andere Deutsche noch den 'Führer' unterstützten, als Tischler mit Volksschulabschluss den destruktiven Charakter des NS-Regimes erkennen und den Entschluss zum Widerstand fassen konnte. 'Unglücklich das Land, das Helden nötig hat' (Bertolt Brecht).

Wir können das in Deutschland offensichtlich nicht: dass wir einen größeren Zusammenhang des Widerstandes herstellen. Wir brauchen die aristokratischen Offiziere des Generalstabs auf der einen Seite (die wir dann auch feiern) und die sozialistischen oder kommunistischen Arbeiter auf der anderen Seite (die wir lieber nicht erwähnen). Vielleicht noch ein wenig Bekennende Kirche in der Mitte. Das Bürgerlied von 1848 mit den Zeilen ob wir just Collegia lesen oder aber binden Besen, das tut, das tut nichts dazu. Drum ihr Menschen, drum ihr Brüder, alle eines Bundes Glieder, was auch jeder von euch tu, das ist immer noch nicht bei uns angekommen.

Wenn Churchill 1946 gesagt hat: In Deutschland lebte eine Opposition, die zum Edelsten und Größten gehört, was in der politischen Geschichte aller Völker hervorgebracht wurde. Diese Menschen kämpften ohne Hilfe von innen und außen, einzig getrieben von der Unruhe des Gewissens. Solange sie lebten, waren sie für uns unsichtbar, weil sie sich tarnen mussten. Aber an den Toten ist der Widerstand sichtbar geworden. Diese Toten vermögen nicht alles zu rechtfertigen, was in Deutschland geschah. Aber ihre Taten und Opfer sind das unzerstörbare Fundament eines neuen Aufbaus, dann ist er in seiner Bewertung der Meinung der jungen Bundesrepublik weit voraus. Denn in den fünfziger Jahren war das Bild der Widerständler in der Bevölkerung nicht unbedingt positiv. Die Nazipropaganda von einem Verrat und einer zweiten Dolchstoßlegende wirkte noch nach. Über die Bewertung des Attentats aus der Sicht der DDR wollen wir lieber den Mantel des Schweigens decken. Aber auch bei uns hat es bis 1963 gedauert, dass die öffentlichen Gebäude beflaggt wurden.

Wir haben nach dem Krieg auch unsere juristischen Schwierigkeiten mit den Opfern. Die Mutter der jungen Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek aus Fischerhude (mit der Helmut Schmidt einmal befreundet war), die in Plötzensee hingerichtet wurde, hat zwölf Jahre gegen das Land Niedersachsen prozessieren müssen, damit ihre Tochter juristisch rehabilitiert wurde. Erst 1999 (56 Jahre nach ihrem Tod) wurde das Todesurteil juristisch aufgehoben. Da hatte es die Witwe des berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofes Roland Freisler einfacher. Sie bezog eine Kriegsopferrente und ab 1974 bis zu ihrem Tode 1997 noch einmal zusätzlich monatlich 400 Mark Schadensausgleich mit der Begründung, dass wenn ihr Mann überlebt hätte, er höherer Beamter oder gutverdienender Rechtsanwalt geworden wäre. Was kann man gegen eine solche Logik sagen?

Die antike Philosophie hat das Problem des Tyrannenmords diskutiert, und seit dem 17. Jahrhundert findet sich dieser Gedanke auch bei den Staatsrechtsphilosophen. Schon Thomas Hobbes räumt dem Volk ein gewisses Widerstandsrecht ein, wenn der Souverän sein Volk nicht mehr ausreichend schützt. Samuel Pufendorf empfiehlt dagegen in De iure naturae et gentium, auf den Tyrannenmord zu verzichten und stattdessen zu fliehen oder auszuwandern. Unser deutscher Denker mit dem kategorischen Imperativ hat das Widerstandsrecht dann im 18. Jahrhundert allerdings kategorisch abgelehnt. Aber seit dem Jahre 1968 steht es im Artikel 20 Absatz 4 in unserem Grundgesetz: Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. Möge es nie dazu kommen.

Meine Heimatstadt Bremen, die gerne den Eindruck erweckt, dass man ja so hanseatisch gewesen sei und mit den Nazis nichts am Hut hatte, hat in den zwölf Jahren des Tausendjährigen Reiches Nazis und Kriegsverbrecher in ihren Reihen gehabt, aber auch gute und mutige Menschen und Widerständler aus allen politischen Gruppierungen. Aber die einen wie die anderen waren niemals in der Zeit nach dem Krieg Thema des Unterrichts an meiner Schule (an der Hermann Böse Schule vielleicht, da musste man als Schüler ja zumindest wissen, weshalb das Gymnasium so hieß). Dass wir in unserem Ort einen Kriegsverbrecher wie Walter Többens hatten, hat erst Jahrzehnte nach dem Krieg der Journalist Günther Schwarberg öffentlich gemacht. Schwarberg, der aus Vegesack kam, ist auch der Mann, der das Buch über den SS Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm geschrieben hat.

Und die Bremer Geschichtsschreibung hat lange gebraucht, um sich zu äußern. Erst im Jahre 1980 hatte die Kultusministerkonferenz empfohlen, den Widerstand auch in seinen alltäglichen Formen der Verweigerung und Nichtanpassung zu erforschen und in den Unterricht einzubringen. Dem hat sich der Bremer Senat 1981 angeschlossen und ein Projekt Widerstand und Verfolgung unter dem Nationalsozialismus in Bremen 1933-1945 finanziell gefördert. Daraus ist ein bemerkenswertes Buch entstanden: Inge Marßolek und René Ott Bremen im Dritten Reich: Anpassung - Widerstand - Verfolgung (Schünemann 1986). Das Buch steht im völligen Gegensatz zu dem vierten Band der Geschichte der Freien Hansestadt Bremen des selbsternannten Bremer Historikerpapstes Herbert Schwarzwälder, der letztlich nur eine Geschichte der Gauleiter schreibt. Marßolek und Ott schreiben eine Geschichte von unten, in der Tradition der französischen Historikerschule von Lucien Febvre und der Annales.

Und sie tun das mit erstaunlichen Ergebnissen, weil sie sich weniger für die Gauleiter als für die kleinen Leute interessieren. Wenn die russischen Fremdarbeiterinnen bei Borgward am Internationalen Frauentag 1944 mit rotgefärbten Kopftüchern zur Arbeit kommen, dann ist das auch ein Zeichen des Widerstandes. Und wenn der Chef der AG Weser Franz Stapelfeldt (des Teufels Generaldirektor) auf der einen Seite mit den Nazis paktiert, weil das der Werft Aufträge bringt, und auf der anderen Seite kommunistische Werksangehörige persönlich aus dem KZ freikauft, dann ist das eine andere Form des Widerstands. Ich wünschte mir, dass bei Schünemann in Bremen jemand auf die Idee käme, das vergriffene Buch wieder auf den Markt zu bringen. Und es wäre als Pflichtlektüre für Geschichtslehrer vielleicht auch nicht schlecht. Nicht nur in Bremen.

Martin Walser hat in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 gesagt: Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ja und nein, ich kann ihn in gewisser Weise verstehen, ich habe damals die ganze Rede gehört. Ich finde, angesichts dessen, was man mit den Mitteln des Fernsehens aufklärerisch machen könnte, das, was Guido Knopp machte, nur widerlich. Aber wir können nicht wegschauen, das tun schon genug andere.

Tho' much is taken, much abides; and tho'
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are;
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.


Das stand hier am 20. Juli 2010, ich war ein halbes Jahr lang Blogger. Google hatte gerade angefangen, mich zu zählen. Ich dachte, ich müsste das schreiben. Vor fünf Jahren erinnerte der Post Moabiter Sonette an den 20. Juli. Derjenige aus meiner Familie, der bei den Verschwörern des Kreisauer Kreises war, ist glücklicherweise ungeschoren davongekommen. Er war damals nur ein kleiner Oberleutnant. Er hat nie über das geredet, was er getan hatte, was er erreichen wollte. Als ich achtzehn wurde, bekam ich von ihm einen Bananenkarton voller Bücher. Alles, was der deutsche Buchmarkt zum Thema Widerstand damals hergab. Die Titel der Bücher sind inzwischen zahlreicher geworden. Und das Vergessen größer.

Freitag, 16. Juli 2021

russischer Adel


In Meyers Konversations-Lexikon von 1888 kann man lesen: Großfürst (russ. Weliki Knjas, franz. Grand-Duc), früher Titel der Beherrscher von Moskau sowie einiger andern russischen Fürsten, z. B. derjenigen von Kiew und Nowgorod, der Beherrscher von Litauen und daher später auch der Könige von Polen. Gegenwärtig nennt sich der Kaiser von Rußland „G. von Smolensk, Litauen, Wolhynien, Podolien und Finnland“, und auch alle Prinzen und Prinzessinnen seines Hauses führten seither G. und Großfürstin in Verbindung mit dem Prädikat ‚Kaiserliche Hoheit‘. Nach einer Modifikation der kaiserlichen Hausordnung vom Juli 1886 soll der Titel G., Großfürstin und Kaiserliche Hoheit fortan jedoch nur den Söhnen, Töchtern, Brüdern und Schwestern des Kaisers sowie dessen Enkeln männlicher Nachkommenschaft zustehen. Die übrigen Mitglieder des kaiserlichen Hauses sollen den Titel Fürst, Fürstin oder Prinzessin kaiserlichen Geblüts führen mit dem Prädikat ‚Hoheit‘ oder ‚Durchlaucht‘.

Anna Kareninas Bruder ist ein Fürst. Dann muss der Vater der beiden auch ein Fürst gewesen sein. Dann wäre Anna eine Prinzessin. Oder? Wronski ist ein Graf. Wie Leo Tolstoi, aber welchen gesellschaftlichen Status haben russische Grafen um 1870? Ich habe Schwierigkeiten, mich durch alle Titel und Anreden in Anna Karenina hindurchzufinden. There are many characters in 'Anna Karenin'—too many if we look in it for a work of art in which the action shall be vigorously one, and to that one action everything shall converge, sagt Matthew Arnold in seinem Essay zu Tolstoy. In der Welt von Prousts Faubourg Saint-Germain, Fontanes brandenburgischem Adel oder Powells englischer High Society habe ich diese Schwierigkeiten nicht. Da habe ich das Gefühl jedermann zu kennen. Tolstoi gehörte dem russischen Adel an, er kennt diese Welt. Oder auf jeden Fall Teile davon, den russischen Landadel. 

Ludwig Renn hat über einen seiner Romane gesagt: Man sollte mein Buch auch als historisches Dokument sehen, das einfach festhält, was bald niemand mehr von nahem erlebt haben wird. Ludwig Renn ist adelig, er heißt eigentlich Arnold Vieth von Golßenau, sein Roman heißt Adel im Untergang. So könnte Tolstois Roman Anna Karenina auch heißen. Auch für Matthew Arnold ist Tolstois Roman piece of life: But the truth is we are not to take 'Anna Karenin' as a work of art; we are to take it as a piece of life. A piece of life it isAlle große Literatur ist eigentlich Untergangsliteratur. Herman Melville schreibt über den Walfang, als der keine Rolle mehr spielt, Joseph Conrad beschreibt den Untergang der Welt der Segelschiffe. Thomas Hardys ländliches Wessex geht durch die Industrialisierung immer mehr verloren, in Faulkners Romanen geht die Welt der Großgrundbesitzer des Südens unter. Wie die Aristokratie bei Proust. Oder das k.u.k. Östereich bei Joseph Roth.

Proust war sicherlich in der Welt zuhause, die er beschrieb. Über die Armee wird der élève sous-officier de réserve Proust nicht so viel schreiben. Anthony Powell war in Eton und Oxford, seine Frau kam aus dem englischen Hochadel; die Welt, die er uns in seinem roman fleuve A Dance to the Music of Time vorstellt, ist seine eigene Welt. Die Welt der englischen Upper Class. Der Sohn eines Berufoffiziers wird im Zweiten Weltkrieg Offizier sein, und auch diese Welt spielt bei ihm eine Rolle. Als man ihm den Adelsstand anbietet, lehnt er ab. Der Herr hier auf dem Bild kommt nicht aus dem russischen Adel, obgleich er sehr aristokratisch aussieht. Es ist Anton Tschechow, der Enkel eines Leibeigenen. Tolstoi hat über ihn gesagt, er sei einer der wenigen Schriftsteller, die man, ähnlich wie Dickens oder Puschkin, immer wieder von neuem lesen kann. Allerdings mochte er Tschechow Theaterstücke überhaupt nicht, was er ihm auch schrieb: Anton Pawlowitsch, Shakespeare war ein schlechter Schriftsteller und Ihre Theaterstücke halte ich für noch schlechter.

Theodor Fontane ist nicht adelig, er geht nicht in der Welt des brandenburgischen Adels ein und aus. Auf seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg ist er Gast in vielen Gutshäusern, aber eben nur Gast. Macht das seine Gesellschaftsromane weniger zuverlässig in der Beschreibung der sozialen Zustände? Er war Journalist, bevor er Romanautor wurde, und er war als Journalist ein genauer Beobachter. Und das bleibt er sicher auch in seinen Romanen. Im Jahre 1896 schrieb Fontane an Robert Lessing: Im Winter habe ich einen politischen Roman geschrieben (Gegenüberstellung von Adel, wie er bei uns sein sollte und wie er ist). Dieser Roman heißt: 'Der Stechlin'. Es ist dies der ganz in Nähe von Meseberg gelegene See, den Ihr Herr Sohn gewiß kennt und Sie vielleicht auch. Dieses Gegenüberstellung von Adel, wie er bei uns sein sollte und wie er ist, ist immer wieder zitiert worden. Dubslav von Stechlin ist für Fontane der Typus eines Märkischen von Adel, aber von der milderen Observanz, eines jener erquicklichen Originale, bei denen sich selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln.

Der alte Fontane ist nicht mehr der Dichter, der den märkischen Adel verherrlicht, das können wir schon seinem Gedicht An meinem Fünfundsiebzigsten entnehmen. Im selben Jahr, in dem er das Gedicht schreibt, können wir in einem Brief von ihm an Georg Friedlaender lesen: Von meinem vielgeliebten Adel falle ich mehr und mehr ganz ab, traurige Figuren, beleidigend unangenehme Selbstsüchtler von einer mir ganz unverständlichen Borniertheit an Schlechtigkeit nur noch von den schweifwedelnden Pfaffen (die immer an der Spitze sind) übertroffen, von diesen Teufelskandidaten, die uns diese Mischung von Unverstand und brutalem Egoismus als „Ordnungen Gottes“ aufreden wollen. Sie müssen alle geschmort werden. Alles antiquiert. Die Bülows und Arnims sind zwei ausgezeichnete Familien, aber wenn sie morgen von der Bildfläche verschwinden, ist es nicht bloß für die Welt (da nun schon ganz gewiss), sondern auch für Preußen und die preußische Armee ganz gleichgültig und die Müllers und Schultzes rücken in die leergewordenen Stellen ein. Mensch ist Mensch.

Dieser Herr findet sich im Juli 1860 in der Liste der Kurgäste von Bad Kissingen als Graf Leo Tolstoi, Kaiserl. russ. Lieutenant a.D. Er ist nicht mehr in der Armee, aber offenbar ist er noch stolz auf seinen Dienstgrad. Er weiß, was der Krieg bedeutet. In die Armee ging er, um seinem bisherigen Leben zu entkommen, dem typischen Leben des russischen Adels: Alkohol, Frauen, Kartenspiel. Der junge Graf landet im Kaukasus, danach im Krimkrieg. In der Armee beginnt er zu schreiben, über seine Kindheit, über den Krieg. Seine Sewastopoler Erzählungen werden die Keimzelle eines der größten Bücher der Weltliteratur sein: Krieg und Frieden. Es ist ein Roman, in dem alle Offiziere adelig sind. Wenn man Offizier in der russischen Armee ist, ist man das automatisch. Bis 1762 gab es eine Dienstpflicht für den Adel, Andrej Bolotow hat von der Aufhebung profitiert. In Krieg und Frieden haben wir Prinzen, Fürsten und Grafen, es ist verwirrend. Aber neben ihnen haben wir auch Personen von einfachem Adel. Man hat häufig bei Tolstoi das Gefühl, dass ihm die einfachen Menschen näher stehen. 

Wie der Hauptmann Tuschin, der nichts Offizierhaftes an sich hat und eine Art Komplementärfigur zu Mütterchen Russland ist. Der seinen General, den Fürsten Bagration (der in Bondartschuks Film genau so aussieht wie auf den Portraits, die es von ihm gibt), auf eine seltsame Weise grüßt: wobei er mit einer verlegenen, ungeschickten Bewegung, ganz und gar nicht in der Weise, wie Militärpersonen zu salutieren pflegen, sondern eher ähnlich wie Geistliche den Segen erteilen, drei Finger an den Mützenschirm legte. Er wird zum stillen Helden der Schlacht: Wohin er feuern solle und mit welcher Art von Geschossen, darüber hatte Tuschin von niemandem Befehl erhalten; sondern er hatte sich mit seinem Feldwebel Sachartschenko, vor dessen Sachkenntnis er großen Respekt hatte, beraten und war zu der Ansicht gelangt, daß es zweckmäßig sei, das Dorf in Brand zu schießen. Der Hauptmann hat Respekt vor der Sachkenntnis des Feldwebels, in der Welt der Fürsten im Stabsoffiziersrang ist von Respekt für die Feldwebel nicht die Rede.

Thomas Mann hat über Tolstois Roman Anna Karenina gesagt: Was ich ungescheut den größten Gesellschaftsroman der Weltliteratur nannte, ist ein Roman gegen die Gesellschaft. Hätte Tolstoi eine bürgerliche Liebesgeschichte schreiben können? Offenbar braucht er das Militär, das im Zarenreich allgegenwärtig ist. Auch wenn die Soldaten und Offiziere in diesem Roman keine so große Rolle spielen wie in Krieg und Frieden. Man hat manchmal das Gefühl, dass dieser Graf Wronski als eine Art Byronischer Held konzipiert war, aber dazu fehlt ihm doch viel. 

Und man hat auch immer wieder das Gefühl, dass der Tolstoi, der ein Offizier einfacher Linientruppen war, seine Phantasiefigur Wronski mit ein klein wenig Verachtung betrachtet. Tolstoi war im Krieg, Wronski nicht. Romane, in denen junge Frauen sich in schneidige junge Kavallerieoffiziere verlieben, gibt es schon genug, die schneidigen Kavallerieoffiziere sind längt im Dienstmädchenroman gelandet. Das hier ist Bathsheba Everdene in Thomas Hardys Roman Far from the Madding Crowd, die dem Sergeant Troy von den 11th Dragoon Guards verfallen ist. Hardys Roman ist kein Dienstmädchenroman, aber der Autor kann es nicht lassen, das Stereotyp des schneidigen Kavalleristen zu verwenden. Ohne den Kavallerieoffizier geht es offenbar nicht im Roman. Die Handlung von Anna Karenina würde nicht funktionieren, wenn Wronski ein Hauptmann der Pioniertruppen in der Provinz wäre.

Der Bruder von Anna Karenina beschreibt seinem Jugendfreund Lewin den Grafen Wronski: Wronski ist einer der Söhne des Grafen Kirill Iwanowitsch Wronski und einer der hervorragendsten Vertreter der Petersburger 'jeunesse dorée'. Ich habe ihn in Twer kennengelernt, als ich dort angestellt war und er zur Rekrutenaushebung hinkam. Er ist furchtbar reich, ein schöner Mann, hat viele gute Beziehungen, Flügeladjutant, und dabei zugleich ein sehr liebenswürdiger, guter Kerl. Aber er ist mehr als nur so ein guter Kerl. Nach dem, wie ich ihn hier kennengelernt habe, ist er ein gebildeter, sehr gescheiter Mensch; er wird es noch einmal weit bringen. Jetzt wissen wir mehr. Der russische Film von Karen Schachnasarow aus dem Jahre 2017 hat darauf geachtet, dass mit den Uniformen alles stimmt. Auf seinem Schulterstück hat er noch ein silbernes Abzeichen, das ihn als einen Flügeladjutanten ausweist. 

Er ist Rittmeister eines Garderegiments in St Petersburg, in den Garderegimentern dienten nur Offiziere von erblichem Adel. Nicht immer waren sie in der Geschichte Russlands zuverlässige Diener des Zaren. Katharina die Große kam mit Hilfe von Gardeoffizieren zur Macht. Und unter den Dekabristen finden sich viele adelige Offiziere der Garderegimenter. Mit all dem hat Wronski nichts zu tun, Politik ist nicht seine Sache. Das Regiment ist sein Leben, er ist im Pagenkorps erzogen worden. Sein militärischer Rang ist mit dem eines Majors der Linientruppen vergleichbar. Freunde von ihm sind schon Generäle, dafür hätte er aus St Petersburg weg in umkämpfte Provinzen gehen müssen, aber er bleibt lieber in St Petersburg. Er gefällt sich darin zur jeunesse dorée zu gehören, militärische Ambitionen fehlen ihm: Sobald er nach Petersburg gekommen war, begann man von ihm wie von einem neu aufsteigenden Sterne erster Größe zu sprechen. Ein Altersgenosse und Schulkamerad Wronskis, war er doch schon General und sah der Ernennung auf einen Posten entgegen, wo er Einfluß auf den Gang der Staatsangelegenheiten haben konnte; Wronski dagegen war zwar ein unabhängiger, vielbewunderter, von einem reizenden Weibe geliebter Mann, aber doch immer nur ein Rittmeister, dem man es überließ, unabhängig zu sein, soviel ihm nur irgend beliebte. ›Selbstverständlich beneide ich Serpuchowskoi nicht und habe keinen Anlaß, ihn zu beneiden; aber seine Beförderung ist mir ein Beweis, daß man nur den richtigen Zeitpunkt abzuwarten braucht, dann kann ein Mann wie ich schnell vorwärtskommen. Vor drei Jahren war er noch in derselben Stellung wie ich. Nehme ich den Abschied, so verbrenne ich meine Schiffe hinter mir. Bleibe ich im Dienst, so verliere ich nichts. Sie hat selbst gesagt, daß sie ihre Lage nicht zu verändern wünscht. Und im Besitze ihrer Liebe kann ich Serpuchowskoi nicht beneiden.‹ Und mit langsamen Bewegungen seinen Schnurrbart drehend, stand er vom Tische auf und ging im Zimmer auf und ab. Seine Augen glänzten besonders hell, und er fühlte sich in jener festen, ruhigen, frohen Gemütsstimmung, die sich bei ihm immer einstellte, wenn er über seine Lage zur Klarheit gelangt war. Alles war, ganz wie bei früheren Rechnungsabschlüssen, reinlich und klar. Er rasierte sich, nahm ein kaltes Wannenbad, zog sich an und verließ das Haus.

Der Order, nach Taschkent zu gehen, folgt unser Rittmeister nicht. Jetzt, wo er an der Seite Annas lebt, ist ihm das zu gefährlich. Er quittiert den Dienst. Er wird aber, das wird im Roman mehrfach erwähnt, immer noch seinen Offiziersmantel tragen. Er bekommt beim Abschied (und vielleicht hat sein Freund Serpuchowskoi das bewirkt) allerdings noch einen Titel: Stallmeister außer Diensten. Das klingt nach nichts, aber es bedeutet sehr viel, es ist der dritthöchste Rang in der Rangtabelle des Hofes. Er ist jetzt ein Oberst. Damit übertrifft er Annas Bruder, der gerade Kammerherr geworden ist, das ist der vierthöchste Zivilrang. Das weiß ich alles nur, weil ich die Fußnoten der Anna Karenina Übersetzung von Rosemarie Tietze gelesen habe. Wo auch steht, dass der neue Rang des Fürsten Stepan Arkadjewitsch Oblonski dem eines Generalmajors gleichkommt. Ich glaube, das ist etwas zuviel des Guten. Tolstois Leser wussten, was welcher Titel, was welche Uniform (hier ein Bild aus Troupes imperials de Russie 1857-1862 von C.A. Piratzky) bedeutet. Wir Leser heute sind Übersetzern und Kommentatoren dankbar, dass sie uns das in ihren Fußnoten erklären.

Dass ein Rittmeister eines Garderegiments, der noch dazu Flügeladjutant ist, einen höheren militärischen Rang als den eines Hauptmanns hat, habe ich in dem Buch Von Puschkin bis Gorki: Dichterische Wahrnehmungen einer Gesellschaft im Wandel von Gottfried Schramm (dem Sohn des berühmten Historikers Percy Ernst Schramm) entnommen. Das ist ein wirklich schönes Buch, in dem der Historiker zu einem Literaturkritiker wird und aufzeigt, wie russische Literatur, russische Gesellschaft und russische Geschichte zusammenhängen. Er erklärt die Literatur mit der Gesellschaft und die Gesellschaft mit der Literatur. Zum Rittmeister Wronski und dem hohen Beamten Karenin hat er auch einiges zu sagen.

Auf einem Bahnhof hat Anna den Grafen Wronski zum erstenmal gesehen: Mit dem erfahrenen Urteile des Weltmannes hatte Wronski beim ersten Blicke auf die äußere Erscheinung dieser Dame ihre Zugehörigkeit zur besten Gesellschaft festgestellt. Er entschuldigte sich und schickte sich nun an, in den Wagen einzusteigen, fühlte sich jedoch veranlaßt, sich noch einmal nach ihr umzusehen, nicht deshalb, weil sie sehr schön war, auch nicht wegen ihrer vornehmen Erscheinung und bescheidenen Anmut, die in ihrer ganzen Gestalt zur Erscheinung kam, sondern weil in dem Ausdrucke des lieblichen Gesichtes, als sie an ihm vorbeiging, etwas ganz besonders Angenehmes und Freundliches gelegen hatte. Als er sich umschaute, wandte sie gleichfalls den Kopf zurück. Die glänzenden grauen, durch die dichten Wimpern schwarz erscheinenden Augen richteten sich mit prüfender Aufmerksamkeit und freundlichem Ausdrucke auf sein Gesicht, als ob sie in ihm einen Bekannten erkenne, wandten sich dann aber sofort von ihm ab und der vorüberströmenden Menge zu, als wenn sie dort jemand suchten. Dieser kurze Blick hatte Wronski doch die verhaltene Lebhaftigkeit erkennen lassen, die wie ein Schimmer auf ihrem Gesichte spielte und zwischen den glänzenden Augen und den roten, leise lächelnden Lippen hin und her huschte. Es war, als schlösse ihr Wesen eine solche Überfülle von Lebenslust ein, daß diese sich unwillkürlich bald in dem Glanze der Augen, bald in dem Lächeln des Mundes bekunden müsse. Und wenn sie diesen Glanz in den Augen absichtlich dämpfte, so leuchtete er wider ihren Willen in dem kaum wahrnehmbaren Lächeln auf.

So beginnt die Geschichte von Anna und Wronski, Anna verliebt sich. Von Liebe war in ihrer Ehe mit dem zwanzig Jahre älteren seelenlosen Bürokraten nichts zu spüren (lesen Sie mehr dazu bei der Professorin Alena Petrova). Mit Karenin verurteilt Tolstoi die Menschenfeindlichkeit und Verlogenheit der zaristischen Aristokratie, sagt Wieland Herzfelde im Nachwort zu der Ausgabe des Aufbau Verlags. Die Ehen des russischen Adels sind Zweckehen. Meistens bringen die jungen Frauen viel Geld und Grundbesitz mit in die Ehe. Wie Dolly, die Ehefrau von Annas Bruder, der dann das Geld verprasst. Der Fürst Alexander Schtscherbazkij und seine Gattin hätten nichts dagegen, dass ihre Kitty den Rittmeister Wronski heiratet. Das wäre eine gute Partie. Und darum geht es dem Adel, es geht nicht um Liebe, es geht um die gute Partie. Aber die Schtscherbazkijs, die Lewin für die einzig ehrliche Familie in Moskau hält, forcieren das nicht. Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art, ist der erste Satz des Romans. Fünf miteinander verwandte und verschwägerte Familien. Alle adelig. Wenige glücklich. Vielen fehlt das, was Fontanes Major Dubslav von Stechlin besitzt, eine tiefe, so recht aus dem Herzen kommende Humanität.