Dienstag, 22. März 2011

Fanny Ardant


Le cinéma c'est l'art de faire de jolies choses à de jolies femmes, hat ➱Truffaut gesagt. Und an diesen Satz hat er sich gehalten. Nicht nur in seinen Filmen, auch im wirklichen Leben. Das wahrscheinlich so ähnlich aussieht wie in den Filmen der Antoine Doinel Saga. Auf dem Bild hier steht Truffauts alter geo Jean-Pierre Léaud (der fett geworden ist) mit Truffauts erster Ehefrau Madeleine Morgenstern vor einem Kinoplakat des ersten Antoine Doinel Film Les quatre cents coups. Als Truffaut 1983 einen Gehirnschlag erlitten hatte und danach im American Hospital in Paris operiert worden war, war es Madeleine, die ihn aus dem Krankenhaus abholte. Seine damalige Geliebte Fanny Ardant lag da hochschwanger im Krankenhaus. Die Frauen kümmern sich immer um Truffaut. L'Homme qui aimait les femmes, ist wahrscheinlich nicht nur ein Filmtitel.

Alle Frauen in Truffauts Leben kamen aus der Welt des Filmes. Seine Ehefrau Madeleine war die Tochter eines der mächtigsten Männer in der französischen Filmwirtschaft, die nächsten Frauen waren Schauspielerinnen. Françoise Dorléac, Claude Jade und Fanny Ardant. Mit ihnen hat er jolies choses gemacht. La peau douce mit Dorléac (der Schwester von Catherine Deneuve), ein schöner stiller Schwarzweißfilm. Der wurde etwas unterschätzt, als er in die Kinos kam. Drei Jahre nach dem Film ist Françoise Dorléac tot, Autounfall. Den Filmen von Truffaut ist nichts davon anzumerken, er dreht Baisers volés mit Claude Jade.

Aber in einem Brief an die Schauspielerin Tanya Lopert schreibt er 1971: Viel zu viele Menschen aus meiner Umgebung, die ich geliebt habe, sind bereits tot, und ich bin nach dem Tod von Françoise Dorléac zu dem Entschluß gekommen, keiner Beerdigung mehr beizuwohnen, was aber, wie Sie sich denken können, nicht verhindern kann, daß ich von einer Traurigkeit erfaßt werde, die eine Zeitlang alles verfinstert und sich nie ganz verflüchtigt, auch mit den Jahren nicht, denn wir leben nicht nur mit den Lebenden, sondern auch mit all jenen, die uns jemals etwas bedeutet haben. Manche Kritiker haben gesagt, dass in diesen Brief die Keimzelle des Filmes La chambre verte steckt. Vielleicht ist das etwas weit hergeholt. Doch es gibt einen Subtext für Truffauts Leben und Filme, und das sind nicht nur die schönen Frauen. Das ist auch derjenige, der et in Arcadia ego sagt.

Die Filme mit Claude Jade sind alle in Farbe. Für Baisers volés hatte Truffaut die 19-jährige Claudine Jade im Theater entdeckt, die dann in allen vier Antoine Doinel Filmen an der Seite von Leaud war. Und natürlich auch an der Seite von Truffaut. Claudine Jade ist als Freundin, Geliebte und Ehefrau von Antoine Doinel stärker als der Träumer Léaud=Truffaut. Irgendwie sind die Frauen bei Truffaut sowieso immer stärker als die Männer. Die immer Träumer sind, nicht erwachsen werden wollen, die irgendwie mou sind. Oder molasse, oder was für ein Wort der Franzose gerade regional für Weichei verwendet.

Und mit starken Frauen meine ich jetzt nicht Jeanne Moreau in La mariée était en noir oder die Deneuve als femme fatale in La sirène du Mississipi (dazu gibt es ➱hier einen langen Post)Nein, auch die Deneuve in Le Dernier Métro ist tough. Aber die schönste dieser Rollen hat Truffaut für seine letzte Frau in seinem letzten Film aufbewahrt. Und da kehrt er in die Welt seiner Anfänge zurück, nämlich zum Schwarzweißfilm. In Farbe hatte er Fanny Ardant ja schon in La femme d'à côté präsentiert.

In Vivement Dimanche! trägt Fanny Ardant einen Trenchcoat, dieses Symbol aller Macho Detektive, das ist schon sehr ironisch. Fanny Ardant ist größer als ➱Jean-Louis Trintignant, der immer ein wenig klein für große Partnerinnen war. Fanny Ardant, die eine Frau  namens Barbara Becker spielt (nein, das konnte Truffaut nicht wissen, dass wir eine Barbara Becker in Deutschland haben würden), hat auch die größere Rolle. Und wenn sie auch nicht so tough ist wie Bernadette Lafont in Une belle fille comme moi, ist sie doch diejenige, die handelt. Und sie kriegt natürlich Jean-Louis am Ende, sogar bis zum Traualtar. Kein tragischer Liebestod wie in La femme d'à côté.

Dies ist eine leichte Komödie, auch wenn die ehebrecherische Gattin von Trintignant umgebracht wird. Dies ist keine Tragödie wie La peau douce, wo die betrogene Ehefrau den Liebhaber von Françoise Dorléac mit dem Schrotgewehr erschießt. Es ist der letzte Film von Truffaut. Dabei war er mit dem Leben noch nicht fertig, er wollte erst mit dreißig Filmen aufhören. Drei Viertel davon hat er geschafft. Er ist an einem Sonntag gestorben, was das Vivement Dimanche! als Titel ein wenig wie einen ironischen Kommentar aussehen lässt. Ist es ein Zufall, dass Fanny Ardants letzter Film vor Truffauts Tod Alain Resnais' Liebe bis in den Tod (L’amour à mort) war? Fanny Ardant hat heute Geburtstag. Joyeux anniversaire!

1 Kommentar:

  1. Bemerkenswert auch, dass es die zuvor verlassene Verlobte Claude Jade war, die Truffaut trösten musste, als ihn seine Beziehung zu Catherine Deneuve in eine tiefe Krise stürzte.

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