Mittwoch, 2. März 2011

Stagecoach


Heute vor 72 Jahren hatte der Western Stagecoach Premiere. In Deutschland hatte der Film den etwas bescheuertern Verleihtitel Höllenfahrt nach Santa Fé. Der Film war der Beginn der Karriere von John Wayne, obwohl der eigentlich schon seit Jahren im Western Geschäft war. Aber meistens waren das schnell gedrehte B-Pictures. Seine Rolle in dem abendfüllenden Raoul Walsh Film The Big Trail von 1930 brachte erstaunlicherweise nicht den Durchbruch [mittlerweile hat der Film ➱hier einen Post]. Damals brauchte Amerika offensichtlich noch keine nationalen Helden, mit denen man sich identifizieren konnte. Aber 1939 braucht man die. Die bisher gering geschätzte Filmgattung Western wird jetzt zum Edelwestern und bekommt (auf jeden Fall in der Interpretation der Herren McBride und Wilmington in ihrem Buch über John Ford) eine neue symbolische Dimension: The coach is America, a nation of exiles, riven with warring and contradictory factions; the Indians are the wild forces of nature; the pregnant woman is Liberty; the banker is the corrupt Republican Establishment, the spokesman for selfish individualism; the benevolent sheriff riding shotgun is Roosevelt; the Plummer gang are the Axis powers; Buck, the driver, and his Mexican wife 'Hoolietta' are the ethnic minorities which give the country its democratic character.

Die ganze amerikanische Gesellschaft als Mikrokosmos in einem Grand Hotel on Wheels auf dem Wege nach Lordsburg, der Stadt des Herrn. Aber wo bleibt John Wayne in diesem Konzept? Er ist wahrscheinlich der American Adam, ein natural gentleman, eine primitivistische Idealfigur. Er hat keine Fahrkarte für die Wells Fargo Kutsche von Tonto nach Lordsburg gelöst, er ist plötzlich da, einsam im Monument Valley. Wo alle Western von John Ford spielen. He should be buried in Monument Valley, hatte Woody Strode gesagt, als er vom Tod John Fords erfuhr. Die Winchester, die John Wayne in dieser Szene in der Hand hält, während er Hold it! sagt, ist nicht in irgendeiner Requisite verschwunden. Sie ist heute im John Wayne Room der National Cowboy Hall of Fame and Western Heritage Center in Oklahoma City.

I play John Wayne in every picture regardless of the character, and I have been doing all right, haven't I? hat John Wayne einmal gesagt. Vielleicht weil er so wenig redet. John Ford hat den Regisseur Robert Parrish (der bei ihm als Cutter gelernt hatte) einmal aufgefordert: Take a piece of paper and count the number of times Duke talks in 'Stagecoach' and in 'The Long Voyage Home'! Die Zahl war in beiden Fällen vierzehn. That's how you make 'em good actors. Don't let any of 'em talk! sagte Ford. John Ford hat die Karriere, die er im Stummfilm gemacht hat, nie verleugnet. John Wayne braucht nicht viel zu sagen, sein nuanciertes Spiel und der meisterhafte Schnitt von Dorothy Spencer machen den Rest. Wayne ist nicht mehr so jung, wie er in dem Film aussieht. Er wird nie wieder so jung und schön sein, wie in diesem Film.

Viele werden diesen Film wegen John Wayne sehen, viele wegen der Szene, in der die Kutsche von den Indianer überfallen wird und wo John Wayne (der allerdings da vom Stuntman Yakima Canutt vertreten wird) die durchgehenden Pferde unter Kontrolle bringt. Aber Cinéasten sehen den Film mit anderen Augen. Weil hier nicht nur die Schauspieler perfekt sind, Schnitt und Montage perfekt ist, nein es ist die Kameraarbeit von John Ford. Manche der Innenraumszenen in der Dry Ford Station und Apache Wells scheinen den film noir und Orson Welles' Citizen Kane vorwegzunehmen. Orson Welles hat sich auch dazu bekannt: John Ford was my teacher. My own style has nothing to do with his. But 'Stagecoach' was my movie textbook. I ran it over forty times.

Alles was John Ford uns in diesem Film präsentiert, ist irgendwie recycelt. Wahrscheinlich ist alle große Kunst recycelt. Den stunt mit den Pferden hatte Yakima Canutt schon einmal in Riders of the Dawn gemacht. Der Überfall der Indianer kommt wahrscheinlich aus Buffalo Bills Shownummer Attack of the Deadwood Stage. Die Szene, in der der Südstaaten Gentleman Hatfield (der jetzt ein Spieler ist, aber noch exzellente Manieren besitzt) die letzte Kugel in seinem Revolver für Mrs Mallory aufbewahrt, um sie vor einem fate worse than death zu bewahren, kommt schon in einem Lillian Gish Stummfilm vor. Und auch das ganze Personeninventar ist nicht gerade neu: der unschuldig Verdächtigte Ringo Kid (John Wayne), der ehrliche Sheriff, der elegante Südstaaten Gentleman, die Mexikanerin, die traurige Lieder von der Heimat singt, die blutrünstigen Indianer, der betrunkene Doktor (der in Gone with the Wind den Vater von Scarlett O'Hara gespielt hatte), die Rettung durch die Kavallerie in letzter Minute und die Nutte mit dem goldenen Herzen.

Aber es ist die Kunst von John Ford, dass er all die Stereotypen des B-Pictures in diesem Film neu arrangiert und mit dem Zitieren spielt. Natürlich braucht er dazu unsere willing suspension of disbelief, damit wir nicht so sehr auf die Logik achten. Why didn't the Indians just shoot the horses? wurde Ford auf einer Pressekonferenz gefragt. Worauf er ungerührt antwortete: If the Indians had done that, they would have stopped the picture.

Am Ende des Films steht das showdown in Lordsburg, eine Stadt, die den Namen des Herrn zu Unrecht trägt. Dies ist nicht die city upon the hill, dies ist eher eine dunkle Vorhölle, expressionistisch als film noir inszeniert. Aber die Plummer Gang (die Achsenmächte) wird ausgelöscht und der korrupte Bankier wird verhaftet (das wünschte man sich damals wie heute). Und Lucy Mallory, die ihren Hochmut gegenüber der Prostituierten Dallas aufgegeben hat, erfährt, dass ihr Gatte den Indianerangriff auf Dry Fork überstanden hat. Und natürlich gibt es ein happy ending. Ringo Kid und Dallas fahren mit der Kutsche in den Sonnenaufgang. Sie fahren - zu den Klängen des leitmotivisch eingesetzten Stephen Foster Songs Jeannie with the Light Brown Hair -  nach Mexico, was Doc Boone mit den Worten Well, they're safe from the blessing of civilization kommentiert. Wie Huck Finn mit seinem lighting out for the territory (und wie die jugendlichen Helden in Cormac McCarthys All the Pretty Horses) fliehen Dallas und Ringo in einen neuen Westen, der amerikanische Westen taugt nicht mehr für die Utopie eines Paradieses. Our only hope is to project a further frontier, a mythic space outside American space and American history, for the original possibilities of our Frontier have used up, sagt Richard Slotkin in Gunfighter Nation.

Ich habe im letzten Jahr ➱hier und ➱da schon einmal über John Wayne und John Ford geschrieben und werde das wahrscheinlich wieder tun. In Bezug auf Ford und Wayne bin ich Wiederholungstäter. Der Film Stagecoach ist als DVD leicht erreichbar. Richard J. Anobiles Drehbuch (mit Photos aller Einstellungen des Films) ist antiquarisch noch zu finden. Das beste Buch zum Film, in dem ALLES über Stagecoach steht ist Edward Buscombes Stagecoach (British Film Institute 1992).


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