Sonntag, 27. März 2011

Sommerzeit


Summertime, and the living is easy. Nichts davon, vor dem Sommer steht die Sommerzeit. An diesem Unsinn halten wir ja seit 31 Jahren beharrlich fest, obgleich längst bewiesen ist, dass die Umstellung der Zeit für nichts, aber auch gar nichts gut ist. Mit einem gewissen Erstaunen habe ich gehört, dass Rußland von nächsten Jahr bei diesem Unsinn nicht mehr mitmachen will. Bravo! Oder machen die das nur, weil Putin eine solch komplizierte Patek hat, dass er nicht weiß, wie man die Zeit verstellt? Es wäre ja einfacher, wenn er eine Komandirskie tragen würde, da gab es ja auch ein Spezialmodell für den Geheimdienst. Hat er früher bestimmt gehabt, bevor er die Patek Philippe mit dem Ewigen Kalender trug, die soviel kostet, wie er als Ministerpräsident im Jahr verdient.

Obgleich ja gegen eine gute alte Komandirskie nichts zu sagen ist, möglichst noch eine vor dem Zusammenbruch, die noch voll kyrillisch beschriftet ist und noch nicht eins dieser bunten Zifferblätter hat. Manche sammeln die Russenuhren wegen der Zifferblätter. Diese Sammler sind Rolex-Sammlern sehr ähnlich, bei dieser Marke wird der Wert der Uhr ja auch durch die Variante des Zifferblatts bestimmt. Und die überalterte Konstruktion der Rolex Automatikwerke erinnert den Fachmann auch immer wieder an Russenuhren. Das darf man Rolex Fans aber nie sagen. Ich habe solch eine Wostok mit dem Amphibia Gehäuse (200 m wasserdicht) wie auf diesem Bild, allerdings ist bei meiner der Glas besser, und ich habe ihr auch ein sportliches braunes Band spendiert. Ich lasse auf diese Uhr nichts kommen, auch wenn die Verschraubung der Krone wie ein Lämmerschwanz wackelt. Ich habe nach dem Fall der Mauer, als hunderttausende von Russenuhren ins Land kamen, 20 Mark für meine bezahlt. Und das ist sie unbedingt wert.

Alte Russenuhren sind gar nicht so schlecht, weil sie die Nachbauten von Werken enthalten, die Frankreich oder die Schweiz nicht mehr haben wollten. Das schöne Rechteckwerk T-18 von Lip findet sich zum Beispiel als Swjesda in russischen Rechteckuhren wieder, natürlich nicht ganz so schön verarbeitet. Das millionenfach in russischen Taschenuhren verbaute Werk stammt von Cortebert. Rolex Liebhaber müssen jetzt ganz, ganz stark sein: das Rolex Werk in der alten Panerai Taucheruhr, für die Liebhaber viel Geld auf den Tisch legen, ist gar nicht von Rolex. Ist von Cortebert. Ich habe das mal einem jungen Schnösel erzählt, der mit seiner Panerai rumprahlte, dass er das Werk auch in jeder beliebigen Molnija Taschenuhr haben kann. Mannomann, war der sauer. Ich könnte jetzt eine Vielzahl von Schweizer Uhrwerken auflisten, wie den Nachbau des Adolf Schild Weckerwerks 1475 oder die Nachbauten der Chronographenwerke Venus 150 oder Valjoux 7734, aber ich lasse das mal. Die Fachleute wissen es eh, und die meisten Leser interessieren sich nicht für diese Feinheiten.

Aber ein Uhrwerk muss ich doch erwähnen, und das ist der Nachbau des legendären Chronometer Kalibers 135 von der Schweizer Firma Zenith. Das findet sich, leicht umgebaut (22 statt 19 Steine und Zentralsekunde) auch in alten Wolnas oder in der Wostok Precision Class. Hat natürlich nicht die Qualität von Zenith, wenn man sich diese Photos anschaut, kann man die schidderige Verarbeitung gut erkennen. Glücklicherweise hat mir ein Ebay-Händler vor vielen Jahren noch einen Dreierpack dieses Werkes beim Kauf einer Uhr beigelegt, die als hoch wilkommene Ersatzteilspender dienen. All diese mechanischen Werke, die man in Russenuhren findet, sind nicht etwa illegale Kopien. Die Unterlagen für die Werke (und in vielen Fällen die Werkzeuge und Maschinen für den Bau) sind von französischen Firmen wie Lip und Schweizer Firmen gekauft worden, die diese Werke nicht mehr bauten.

Vor der russischen Revolution gab es keine Uhrenproduktion in Rußland. Das war die große Zeit von Schweizer Firmen, die sich auf den russischen Markt spezialisiert hatten wie Tissot, Borel, Matthey-Tissot, Henry Moser und Paul (später: Pawel) Buhré. Nach der Oktoberrevolution ist für diese Firmen erstmal Schluss, und in Moskau versucht man verzweifelt, eine eigene Uhrenproduktion aufzubauen. Dazu wirbt man auch kommunistische Uhrmacher aus Glashütte an. Am 20. Dezember 1927 wird per Dekret die Gründung einer Uhrenfabrik bekanntgegeben, aber mehr als diese Absichtserklärung hat man zuerst nicht. Die Verhandlungen mit kleinen Schweizer Uhrenfirmen zerschlagen sich. Dann kauft man in Amerika zwei Uhrenfirmen, die Dueber Hampton Watch & Co. und die Ansonia Clock Company. sodass man 1930 die ersten fünfzig Taschenuhren herstellen kann. Den weiteren Weg der russischen Uhrenindustrie kann man dieser übersichtlichen Aufstellung entnehmen.

Während ich dies schreibe, trage ich eine Schweizer Uhr, die den russischen Doppeladler auf dem Zifferblatt trägt. Es ist eine Paul Buhré aus dem Jahre 1950. Die Firma von Paul Buhré ist seit 1815 in St. Petersburg. Anton Tschechow wird Uhren von Pawel Buhré in seinen Werken erwähnen. Als das Rußlandgeschäft wegbricht, verlegt die Firma ihre Tätigkeit auf den Schweizer Markt. Sie wird mit ihren Taschenuhren 500 Preise bei den Chronometerprüfungen der Observatorien erhalten (damit kann Rolex nicht konkurrieren, da Rolex keine Taschenuhren gebaut hat) und Uhren sehr hoher Qualität bauen. Meine Paul Buhré hat zwar kein Manufakturwerk mehr, aber ein veredeltes Werk der Fabrique d'Ebauches de Fleurier. Was meinem Uhrmacher ein Wow entlockte, denn er hat die anglierten Schraubenköpfe sofort gesehen. So etwas macht man bei Patek Philippe, muss nicht sein, ist aber ein Qualitätsmerkmal. Und dann steht auf dem Werk noch ganz frech unadjusted. Das schreiben Schweizer Firmen auf die Uhren, die für den Export in die USA bestimmt sind, damit sie sich die teuren Zölle sparen können. Obgleich die Uhren natürlich adjusted, also in mehreren Lagen feingestellt sind. Die Sache fliegt in den fünfziger Jahren auf. Und vor einem Untersuchungsausschuss muss die ganze amerikanische Industrie, die (wie Benrus, Bulova, Gruen, Hamilton und Wittnauer) Werke aus der Schweiz importiert, kleinlaut gestehen, dass sie den Staat seit Jahren belogen und betrogen hat.

Wenn Putin eine teure Patek trägt und Medwedew eine ebenso teure Breguet, dann folgen sie nur einer schönen Tradition der russischen Zaren. 1809 hatte Alexander I. von Abraham Breguet seine erste Uhr gekauft. Und inzwischen sind beinahe alle Firmen, die mit dem Zarenreich gute Geschäfte gemacht haben, wieder in St. Petersburg und Moskau mit eigenen Filialen vertreten. Das ist doch mal eine schöne Konstante in dieser unruhigen Welt. Und jetzt stelle ich meine Buhré mit dem Russischen Doppeladler mal auf die Sommerzeit um. Putin und Medwedew haben das inzwischen wahrscheinlich auch schon hinbekommen.

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