Sonntag, 30. April 2017

April Rain Song


Wenn man bei Google poetry und Trump eingibt, kommt man nicht nur auf Tommy Welty und sein ➱Poetry trumps Trump, man kommt auch zu einem Artikel, der ➱Why poetry is the perfect weapon to fight Donald Trump heißt. Dort stellt Nick Laird eine Lyrik Anthologie vor, wobei er sagt: A poetry anthology is by its nature various: it does not attend to theories or policies, since poetry is happy to concede that each of us is both sui generis and more than a bit alike. Populism claims to love the people but of course it hates the individual, and poetry is one mode of opposing that. It only deals in individuals, while its trust in complication is at the far end of the verbal scale from the demagogue’s three-word phrases framed as hoarse imperatives. Wir denken mal darüber nach. Ich fand diese Variation des originalen Keep Calm and Carry On Plakats sehr hübsch. In dem Post ➱Keep Calm and Carry On gibt es auch ein nettes Plakat, das ➱Keep Calm and Read Silvae heißt.

Ich habe zum Ende des launischen Aprils nicht nur diese Regentropfen auf dem Glas, ich habe auch ein Regengedicht. Nicht Rain-charm for the Duchy von ➱Ted Hughes. Wenn ich das bringe, dann habe ich ein paar Tage lang keine Leser mehr. Nein, es ist ein kleines Regengedicht von Langston Hughes, das ➱April Rain Song heißt

Let the rain kiss you
Let the rain beat upon your head with silver liquid drops
Let the rain sing you a lullaby
The rain makes still pools on the sidewalk
The rain makes running pools in the gutter
The rain plays a little sleep song on our roof at night
And I love the rain.


Das ist etwas, das Billie Holiday hätte singen können, die ➱singt ja auch über den Regen:

Comes a rain storm put rubbers on your feet
Comes a snow storm you can get a little heat
Comes love nothing can be done
Comes a fire then you know just what to do
Blow a tire you can buy another shoe
Comes love nothing can be done

Langston Hughes hat auch einen schönen ➱Song for Billie Holiday geschrieben:

What can purge my heart
Of the song
And the sadness?
What can purge my heart
But the song
Of the sadness?
What can purge my heart
Of the sadness
Of the song?

Do not speak of sorrow
With dust in her hair,
Or bits of dust in eyes
A chance wind blows there.
The sorrow that I speak of
Is dusted with despair.

Voice of muted trumpet,
Cold brass in warm air.
Bitter television blurred
By sound that shimmers–
Where?

Dreißig Tage hat der April, dreißig Gedichte gab es, an manchen Tagen habe ich noch das ein oder andere dazugegeben. Nicht alles kam bei den Lesern an. Statistisch gesehen sind die Posts ➱Fruchtbringende Gesellschaft, ➱halbvergessen unvergessen und ➱Vogelflug die Sieger des Monats. Am Anfang des Monats hatte ich noch die Idee (die man auch heute noch merken kann) ganz viel Gehässigkeiten gegen Donald Trump in die Posts einfließen zu lassen, habe das aber aufgegeben. Obgleich natürlich an dem Poetry trumps Trump eine Menge dran ist. Donald Trump, der vor den Kameras gezeigt hat, dass er ganz, ganz lange braucht, um seinen Namen zu schreiben, beherrscht unser Denken, ob wir es wollen oder nicht. Was wären wir ohne Begriffe wie alternative facts? Der große amerikanische Ethnologe Clifford Geertz hätte dazu gesagt: There is nothing so coherent as a paranoid’s delusion or a swindler’s story. Aber lassen Sie uns ein Resümmee seiner ersten hundert Tage ziehen, die sind natürlich alle great, tremendous, fantastic, incredible, special, wonderful, terrific und big gewesen. In der Rhetorik bezeichnen wir so etwas als Hyperbel. Hyperbole is the affliction of our age, where life is lived on the surface, entertainment is all and synthetic excitement is as good as the real thing. Why end a sentence with a period, when you can use an exclamation point, or even two? Or three? schrieb die Washington Post. Im Gegensatz zu Autoverkäufern, Marktschreiern, Werbefuzzis und Politikern gehen Dichter sehr sparsam mit der Hyperbel um.

Noch mehr Langston Hughes in den Posts: Chris Barber, Zickenjazz, Norman Rockwell, Ralph Ellison, Gordon Parks. Und dem einzigen Hollywoodstar, der mich liest, möchte ich heute gern zum Geburtstag gratulieren.

Samstag, 29. April 2017

Dichterfreund


Ich signiere das erstmal Scardanelli, diese elektronische Verführung ist zuviel für mich. Das war der letzte Satz in meinem ersten ➱Post im Januar 2010. Damals begann ich, das Internet vollzuschreiben. Mit Scardanelli signierte Hölderlin vieles in den langen Jahren seiner Krankheit. Oder waren das lange Jahre einer Gesundheit von einer kranken Welt? Da in dem Turm hat er gelebt, sagte Professor X mit weihevoller Stimme und hielt mir einen Bildband vor die Nase. Ich suchte nach einer Fluchtmöglichkeit aus seinem Wohnzimmer. Ich war wissenschaftliche Hilfskraft und unser Seminarassistent hatte mich mit der Unterschriftenmappe zu X geschickt. Der hätte eigentlich als geschäftsführender Direktor in seinem Zimmer im Seminar sitzen sollen, aber er war immer krank und leidend. Mein Besuch bei Professor X hatte seltsam begonnen, seine Frau hatte mich an der Tür im Bademantel empfangen. Halbgeöffnet. Nicht die Tür. Der Bademantel. Und dann auch noch Hölderlin. Weihevoll. Eine halbe Stunde später knallte ich unserem Seminarassistenten die Unterschriftenmappe auf den Schreibtisch und sagte: Paul, wie konntest Du mir das antun? Und erzählte ihm die Geschichte von der Professorengattin im Bademantel. Siehst Du Jay, sagte er, das ist genau die Sache, weshalb ich da nicht mehr mit der Unterschriftenmappe hinfahre.

Ich hatte damals nicht viel von Hölderlin gelesen, das ganze Gewese, das um ihn gemacht wurde, war mir suspekt. Wie dieses dahingeraunte Da in dem Turm hat er gelebt von Professor X. Heute ist das mit Hölderlin anders, man holt ja manches nach im Leben. Ich besitze schöne Hölderlin Ausgaben und einen Meter Sekunddärliteratur. In dem Post ➱Hölderlin habe ich vor Jahren gesagt: Ich habe Hölderlin für mich selbst entdeckt, und eigentlich kann ich nur jedem Leser empfehlen, das auch zu tun und sich nicht von Deutschlehrern, Germanistikprofessoren oder Helmut Kohl beeinflussen zu lassen. Vielleicht sollte man dazusagen: nicht alles von Hölderlin ist gut. Und manches, was er in seiner Krankheit schrieb, ist besser als vieles andere. Das folgende Gedicht hat er allerdings nicht geschrieben:

Viel vermag die Liebe.  
Ueber ferne Meere hin – 
Nicht den Tod zu scheuen 
Im ergebnen Sinn – 
Treibt sie ihre Treuen. 
Wer widersteht der Liebe? 
Doch strahlend unter allen, 
Die je den schönen Preis gebracht, 
Dem Herzen zu gefallen, 
Die Liebe Rüdells sich erhebet, 
Der mit Segel- und Ruder-Macht 
Dem süßen Tode nachgestrebet.
Aus gelobtem Land 
kehrte heim Graf Alduin
Alduin von Narbone,
viele noch mit ihm 
Heim in's Land der Rhone

Wenn Sie jetzt Aufhören! rufen, dann kann ich das verstehen. Ich höre auch sofort auf. Der Verfasser dieser Verse nennt sich Crisalin, das ist eine Art von Anagramm von Sinclair. Crisalin ist niemand anderer als Isaac von Sinclair, der Freund Hölderlins, dem Hölderlin die Hymne ➱Der Rhein widmete. Schon die zeitgenössischen Rezensionen seiner Gedichte sind nicht gerade überschwenglich. Heute wird wohl niemand freiwillig die Lyrik des Barons von Sinclair lesen.

Allerdings scheint Sinclair als Philosoph eine Renaissance zu haben, sein Werk Wahrheit und Gewissheit ist neu erschienen (es gibt ➱hier eine Leseprobe), seine Zeitgenossen haben seine Gedichte und sein philosophisches Werk kaum beachtet. Nach der Lektüre der Leseprobe würde ich für den ersten Band des Werkes allerdings keine 136 Euro ausgeben. Issac von Sinclair hat es zweimal ins Kino geschafft, hier ist er - von Ulrich Matthes gespielt - in Nina Grosses ➱Feuerreiter. In einem ➱DEFA Film vor zwanzig Jahren konnte man ihn auch schon sehen. Sinclair ist am  29. April 1815 an einem Schlaganfall in einem Wiener Bordell gestorben. Oder, um genauer zu sein, zitieren wir doch einmal Johann Georg Hamel, der herausfand: Sinclair sey nicht in einem Bordell gestorben; er habe eine Maitresse gehabt, die in einem der ersten Gasthöfe Wiens, ohnfern dem 'Stock am Eisen', ihre Wohnung hatte. An einem Abend, wo er ihr wieder seinen Besuch abstatten wollte, überfiel ihn in deren Zimmer [eingefügt: oder Bette?] ein tödtlicher Schlag. Ist ja auch ein schöner Tod. Hölderlin wird seinen Herzensfreund um Jahrzehnte überleben.

Mein Gedicht heute passt zur Jahreszeit. Es heißt Der Frühling und wurde von dem uns inzwischen bekannten Herrn Scardanelli geschrieben:

Wenn aus der Tiefe kommt der Frühling in das Leben,
Es wundert sich der Mensch, und neue Worte streben
Aus Geistigkeit, die Freude kehret wieder
Und festlich machen sich Gesang und Lieder.


Das Leben findet sich aus Harmonie der Zeiten,
Daß immerdar den Sinn Natur und Geist geleiten,
Und die Vollkommenheit ist Eines in dem Geiste,
So findet vieles sich, und aus Natur das meiste.

Mit Untertänigkeit

d. 24 Mai 1758. Scardanelli.

Freitag, 28. April 2017

Cinecittà


Heute vor achtzig Jahren hat Benito Mussolini in Rom die Filmstadt Cinecittà eingeweiht, auf diesem Photo ist er bei der Grundsteinlegung zu sehen. Mussolini wusste, was das Kino bedeutete: Il cinema è l'arma più forte, hat er gesagt. Dies ist Italiens Antwort auf Hollywood. Auf den Tag genau acht Jahre nach der Einweihung von Cinecittà haben italienische Partisanen Benito Mussolini und seine Geliebte erschossen. Aus der Filmstadt wurde ein Gefangenenlager.

Das alles hat man aber schnell vergessen, als Cinecittà in den fünfziger Jahren aufblühte und zum Hollywood on the Tiber wurde. Weil die Amerikaner Rom als Drehort entdeckt hatten. Wenn Sie alles dazu wissen wollen, dann müssten Sie jetzt den Post ➱Cinecittà und die Mode lesen. Mussolinis Cinecittà hatte auch etwas mit dem ➱Architekturprogramm des Duce zu tun. Manches von den Bauwerken des Razionalismo steht ja immer noch.

Manches kann man in den Filmen von Fellini und ➱Antonioni sehen, eine irritierende und verstörende Kulisse. Antonioni benutzt die Bauwerke der Esposizione 1942 als Background für seine Liebesgeschichte in ➱L'Eclisse. Manchmal gehen neoklassizistische Architektur und schwedische Sexbomben auch eine nicht zu übertreffende Symbiose ein. ➱Anita Ekberg im ➱Trevi Brunnen badend ist ja schön und gut, ist aber gar nichts gegen dieses Bild. Kalte Architektur und kalte Blondinen. Wow.

Ein Gedicht zum Kino zu finden, ist nicht schwer. In vielen Filmen gibt es Gedichte, ich erinnere da nur an ➱In Her Shoes oder an das Gedicht, das Michael Caine Barbara Hershey in ➱Hannah and Herr Sisters zu lesen empfiehlt (lesen Sie ➱hier mehr). Oder Whitmans ➱O Captain! My Captain! in dem Film Dead Poet's Society, ganze Generationen haben da freiwillig Whitman gelesen. Ich hätte da noch William Blakes ➱America, A Prophecy in dem Film ➱Blade Runner:

Fiery the Angels rose, & as they rose deep thunder roll’d
Around their shores: indignant burning with the fires of Orc
And Boston's Angel cried aloud as they flew thro’ the dark night.

He cried: Why trembles honesty and like a murderer,
Why seeks he refuge from the frowns of his immortal station!
Must the generous tremble & leave his joy, to the idle: to the pestilence!
That mock him? who commanded this? what God? what Angel!

Nicht zu vergessen Blakes Tyger Tyger, burning bright in der Krimiserie The Mentalist, aber das sind wir schon an einer Grenze. Bei manchem Zelluloidtrash hat man das Gefühl, dass Gedichte nur hineingeworfen werden, um dem Ganzen einen intellektuellen Anstrich zu geben. Man soll jedoch das Kino als Lehrmeister für Lyrik nicht unterschätzen. Wenn Cameron Diaz in In Her Shoes ein Gedicht von ee.cummings aufsagt, dann erreicht sie wahrscheinlich mehr als der durchschnittschliche Lehrer einer amerikanischen High School. Vielleicht haben auch Gwyneth Paltrow und Daniel Craig als Sylvia Plath and Ted Hughes in dem Film Sylvia etwas zur Lektüre der beiden Dichter beigetragen.

Einen Film, in dem auf ihn aufmerksam gemacht wird, könnte ➱Theodor Kramer auch gebrauchen. Der österreichische Dichter ist so gut wie vergessen. Thomas Mann hatte ihn einst als einen der größten Dichter der jüngeren Generation bezeichnet, aber kennt man ihn noch? Er soll 12.000 ➱Gedichte geschrieben haben, zehntausend davon sind nicht veröffentlicht. Aber immerhin gibt es seit 2005 beim Wiener Paul Zsolnay Verlag (bei dem der Leutnant der Reserve Theodor Kramer schon 1931 seine Antikriegsgedichte veröffentlicht hatte) eine dreibändige Werkausgabe. Mit der Emigration nach England ging Kramer für die deutschsprachige Literatur verloren:

Es mögen andre eine Heimat suchen,
ich bin von meiner für die Zeit verbannt;

ich bin nicht da zu preisen noch zu fluchen,
im Lärm der Stille bin ich zugewandt.

Die Sprache lern ich nicht, um zu gestalten;
es ist für mich genug, sie zu verstehn,
des fremden Landes Sitten einzuhalten.
Es drängt mich nicht, in ihnen aufzugehn.

Mein Auftrag, mir von Anbeginn gegeben,
im Mutterlaut, ist mir zur Zeit verhüllt;
ich kann ihn nicht enträtseln, nur erleben,
ihn, der sich einzig im Gedicht erfüllt.

Wenn wir einst kommen – und wir kommen wieder −
bin ich zu lernen, nicht zu lehren da,
fürs erste, mögen meine kleinen Lieder
auch heut schon singen, was mir einst geschah.

Es mögen andre suchen eine Bleibe,
und nützlich werden, der und jener reich;
doch wo ich steh und was ich immer treibe,
dort steht und lebt ein Stückchen Österreich.


Er ist in England nicht glücklich geworden, zuerst wie so viele andere Emigranten als feindlicher Ausländer interniert, hat er 1943 die Stelle eines Bibliothekars im County Technical College in Guildford erhalten. Seinen Zustand im fremden Land beschreibt vielleicht am besten dies Gedicht:

Oh, wer geht mit mir rasch noch ins Kino vor Nacht
Im Speiseraum muffelt’s, die Zunge verdorrt
beim Kaffee mir und hart ist der Platz;
der eine bezahlt und der andre geht fort
und ein jeder hier hat einen Schatz.
Oh, wer geht mit mir rasch noch ins Kino vor Nacht,
denn das Hocken allein hat mich traurig gemacht
und grün blinken im black-out die Lichter.

Die andern sind Flüchtlinge, ich aber bin
fremd in London dazu… es erstirbt
das Geräusch in den Gassen; es zuckt mir das Kinn,
da ganz nah es im Finstern aufzirpt.
Oh, wer geht mit mir in den Hyde Park zur Nacht,
denn es hat sich im Ziergrün ein Wind aufgemacht
und grün blinken im black-out die Lichter.

Bis aufs Bröckeln des Mörtels vom Sims ist es still
vor den Häusern; ich kann es verstehn,
daß kein Mädel mit mir was zu tun haben will,
doch allein muß noch heut ich vergehn.
Oh, wer geht mit mir in die Bar noch vor Nacht,
denn betrunken schon hat selbst das ale mich gemacht
und grün blinken im black-out die Lichter.

Ich hab kein Arbeit, kein Heim, es zerreibt
das Gedärm mir im Leib… was ich kann,
ist: Gedichte zu schreiben wie keiner sie schreibt;
in ganz London kein Hund prunzt mich an.
Oh, wer schlägt mir rasch ins Gesicht noch zur Nacht,
denn das Herz ist mir nur zum Zerspringen gemacht,
und grün blinken im black-out die Lichter.

Es gibt ➱hier eine Interpretation des Gedichts aus dem Jahre 1942 von Peter von Matt. Oh, wer geht mit mir rasch noch ins Kino vor Nacht, das Kino als Flucht vor der Einsamkeit. Was ist ihm geblieben? Was ich kann, ist: Gedichte zu schreiben wie keiner sie schreibt. Man sollte sie lesen.

Donnerstag, 27. April 2017

Country Roads


Am 27. April 1861 haben die nordwestlichen Counties von Virginia ihre Abspaltung vom Staat Virginia beschlossen. Seitdem sind sie ein eigener Staat. Der ärmste amerikanische Staat, halb so viel Einwohnern wie Berlin. 67,9 % haben hier Trump gewählt. Die fragen sich nach hundert Tagen Trump vielleicht auch, weshalb sie das getan haben.

Das erste, das mir bei West Virginia einfällt ist John Denvers Song Country Roads:

Almost heaven, West Virginia
Blue ridge mountains, Shenandoah river
Life is old there, older than the trees

Younger than the mountains, growin' like a breeze
Country roads, take me home
To the place I belong
West Virginia, mountain momma

Take me home, country roads
All my memories, gather 'round her
Miner's lady, stranger to blue water

Das ist inzwischen auch die Staatshymne von West Virginia. Kann ich aber leider nicht als Gedicht des Tages nehmen, weil das heute vor sechs Jahren schon in dem Post ➱West Virginia stand. Ich wusste das nicht mehr, habe aber sicherheitshalber das Suchfeld benutzt, und siehe da: West Virginia, das Irland von Amerika, war schon da. Und auch der Hinweis auf das Buch ➱English folk songs from the southern Appalachians (Volltext) fehlte da nicht. Was ich noch hätte erwähnen können, wäre der Film ➱Songcatcher gewesen, der auf dem Leben von Olive Dame Campbell beruht. Der Film hat den ersten Preis beim Sundance Festival gewonnen, die Filmmusik wanderte auf eine CD. Da singt dann ein Star wie ➱Emmylou Harris schon mal ➱Barbara Allen.

Es ist eine erstaunliche Sache: da bringen arme Auswanderer aus England und Irland ihre Lieder mit nach Virginia. Dort will man diese Sorte Emigranten nicht haben, dort sitzen die reichen Plantagenbesitzer wie George Washington. Man drängt die kleinen Leute in den Westen, in die Appalachen. Doch ihre Lieder kann man ihnen nicht nehmen, die bewahren sie über Jahrhunderte. Und dann kommt der englische Professor Cecil Sharp mit seiner Assistentin Maud Karpeles und die amerikanische Forscherin Olive Dame Campbell und hören sich das alles an. Und schreiben es auf. Und eines Tages wird Folk chic, und dann singen Joan Baez und Bob Dylan die Lieder aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die man in den Appalachen aufbewahrt hatte.

Mein Gedicht heute kommt auch aus den Appalachen, es heißt sogar Appalachia. Geschrieben von Muriel Miller Dressler, einer Frau, die die Highschool nicht abgeschlossen hat. Ihre Liebe zur Literatur kam, wie sie zu sagen pflegte, at the heels of my mother as we planted or hoed the garden. Sie ist im Alter berühmt geworden durch zwei Gedichtbände. Und unzählige Vorträge in Schulen und Universitäten, sogar Harvard lud sie ein. Viele, die ihre Vorträge gehört haben, haben sie nie vergessen. Ihr Gedicht Appalachia schwirrt überall im Internet herum, allerdings nur in einer verkürzten Fassung. Hier gibt es das heute ganz:

I am Appalachia. In my veins
Runs fierce mountain pride; the hill-fed streams
Of passion; and, stranger, you don't know me!
You've analyzed my every move-you still
Go away shaking your head.
I remain Enigmatic.
How can you find rapport with me -
You, who never stood in the bowels of hell,
Never felt a mountain shake and open its jaws
To partake of human sacrifice?
You, who never stood on a high mountain,
Watching the sun unwind its spiral rays;
Who never searched the glens for wild flowers,
Never picked mayapples or black walnuts; never ran
Wildly through the woods in pure delight,
Nor dangled you feet in a lazy creek?
You, who never danced to wild sweet notes,
Outpouring of nimble-fingered fiddlers;
Who never just "sat a spell," on a porch, 
Chewing and whittling; or hearing in pastime 
The deep-throated bay of chasing hounds 
And hunters shouting with joy, "he's treed!"
You, who never once carried a coffin
To a family plot high up on a ridge
Because mountain folk know it's best to lie
Where breezes from the hills whisper, "you're home";
You, who never saw from the valley that graves on a hill
Bring easement of pain to those below?
I tell you, stranger, hill folk know
What life is all about; they don't need pills
To tranquilize the sorrow and joy of living.
I am Appalachia; and, stranger,
Though you've studied me, you still don't know.

Eines der bekanntesten Gedichte von Muriel Miller Dressler ist die Elegy for Jody, die gibt es heute noch dazu, vor allem deshalb, weil der April darin vorkommt:

O, wear a crimson shawl, my child
Put on a scarlet hood,
And make a point of being brave
When you explore the wood.

But when harsh winds denude the trees,
Fall leaves on cryptic ground
Will write your childhood’s prophecy
In syllables of brown.

When dark clouds scud against the sky
And greening trees are gone,
I’ll weave for you an ebon rug
For you to walk upon.

Then child, don heavy armor
Against the heart’s wild pain,
Try as I may, I cannot bring
Fair April back again.

Mittwoch, 26. April 2017

John James Audubon


Der deutsche Dichter Ludwig Uhland wurde heute vor 230 geboren, wir lassen den mal aus, er hat schon mit ➱Tanzseuche im letzten Jahr einen Post gehabt. Da wenden wir uns doch lieber dem Amerikaner John James Audubon zu, der beinahe gleich alt mit Uhland ist. Der kommt zwar auch schon in den Posts ➱Adam Gopnik und ➱Amerikanische Dandies (und an vielen anderen Stellen) vor, aber irgendwie ist er interessanter als Uhland. Wegen seines großen Werks Die Vögel Amerikas. Teuerstes ➱Buch der Welt. Und wirklich groß, Audubon wählte diese Größe, damit er alle Vögel in Lebensgröße abbilden konnte. Hier betrachten Angestellte von Sothebys vor der Auktion das Werk, das mit seinen vier Bänden einen Preis von 7,3 Millionen Pfund erzielte. Im Gegensatz zu meinem Freund Gert hatte ich, wie man in dem Nachruf auf ➱Gert Börnsen lesen kann, mit Piepmätzen nicht etwas am Hut. Aber dennoch besitze ich Die Vögel Amerikas in einer schönen Reproduktion. Es ist ein wunderbares Buch. Und Amerikas Wappentier, der Bald Eagle, ist nicht das erste Bild im Buch, das erste ist der ➱Truthahn.

Das Buch hier hat natürlich auch seine Bedeutung, es ist die Lebensgeschichte der Lucy Bakewell, die den jungen Franzosen John James La Forest Audubon heiratete und ihm Englisch beibrachte. Der Dichter Steven Vincent Benét hat sie in sein Gedicht John James Audubon hineingeschrieben. Man braucht das Buch von Lucy Kennedy nicht unbedingt zu lesen, obgleich es ein nettes Buch ist. Ein Buch sollten Sie allerdings lesen, wenn Sie etwas über Audubon wissen wollen. Seine Lebensgeschichte ist schon oft erzählt worden, aber es kommt darauf an, wie man sie erzählt. Und da ist der Pulitzer Preisträger Richard Rhodes mit seinem Buch John James Audubon: The Making of an American brillant. Aber erst einmal gibt es hier Benéts witziges Gedicht (➱hier auch vorgelesen):

Some men live for warlike deeds,
Some for women’s words.
John James Audubon
Lived to look at birds.

Pretty birds and funny birds,
All our native fowl
From the little cedar waxwing
To the Great Horned Owl.

Let the wind blow hot or cold,
Let it rain or snow,
Everywhere the birds went
Audubon would go.

Scrambling through a wilderness,
Floating down a stream,
All around America
In a feathered dream.

Thirty years of traveling,
Pockets often bare,
(Lucy Bakewell Audubon
Patched them up with care).

Followed grebe and meadowlark,
Saw them sing and splash.
(Lucy Bakewell Audubon
Somehow raised the cash).

Drew them all the way they lived
In their habitats.
(Lucy Bakewell Audubon
Sometimes wondered “Cats?”)

Colored them and printed them
In a giant book,
“Birds of North America”—
All the world said, “Look!”

Gave him medals and degrees,
Called him noble names,
—Lucy Bakewell Audubon
Kissed her queer John James.

Was ich Ihnen heute erspare, ist ➱Robert Penn Warrens ellenlanges Gedicht Audubon: A Vision. Seit Walt Whitman das Langgedicht perfektionierte, neigen die Amerikaner gerne zum narrative poem. Aber den Anfang (A I+II) stelle ich gerne hierher. Sie können bei ➱Google Books dann noch große Teile des Gedichts lesen. Das schöne Portrait Audubons von dem Schotten John Syme muss natürlich hier sein, da ist er, der American Adam. Ein amerikanischer Dandy, das legte der gebürtige Franzose, der gerne tanzte und mehrere Instrumente spielte, nie ab. Aber er der letzte Dauphin, das ist er wahrscheinlich nicht gewesen, obgleich die Gerüchte nie verstummten. In einem Brief an seine Frau aus dem Jahre 1828 finden sich die Sätze: patient, silent, bashful, and yet powerful of physique and of mind, dressed as a common man, I walk the streets! I bow! I ask permission to do this or that! I… who should command all! Und mit dieser Geschichte vom letzten Thronfolger beginnt Robert Penn Warren sein Gedicht:

Was not the last dauphin, though handsome was only
Base-born and not even able
To make a decent living, was only
Himself, Jean Jacques, and his passion--what
Is man but his passion?

Saw,
Eastward and over the cypress swamp, the dawn,
Redder than meat, break;
And the large bird,
Long neck outthrust, wings crooked to scull air, moved
In a slow calligraphy, crank, flat and black against
The color of God’s blood spilt, as though
Pulled by a string.

Saw
It proceed across the inflamed distance.

Moccasins set in hoar frost, eyes fixed on the bird,
Thought: “On that sky it is black.”
Thought: “In my mind it is white.”
Thinking: “Ardea occidentalis, heron, the great one.”

Dawn: his heart shook in the tension of the world.

Dawn: and what is your passion?

October: and the bear,
Daft in the honey-light, yawns.

The bear’s tongue, pink as a baby’s, out-crisps to the curled tip,
It bleeds the black blood of blueberry.

The teeth are more importantly white
Than has ever been imagined.

The bear feels his own fat
Sweeten, like a drowse, deep to the bone.

Bemused, above the fume of ruined blueberries,
The last bee hums.

The wings, like mica, glint
In the sunlight.

He leans on his gun. Thinks
How thin is the membrane between himself and the world.

Dienstag, 25. April 2017

Modekrankheit


Am 25. April des Jahres 1800 ist der englische Dichter William Cowper gestorben. Er ist in diesem Blog schon in den Posts ➱De Profundis und ➱William Cowper aufgetaucht. Hier ist er von ➱George Romney gemalt worden. Sein Freund William Hayley, der auch eine Biographie Cowpers schrieb, hatte Romney und Cooper eingeladen, weil er glaubte, dass die beiden zueinander passen würden. Und das war auch der Fall: Equally quick, and tender, in their feelings they were peculiarly formed to relish the different but congenial talents, that rendered each an object of affectionate admiration, schrieb Hayley später. Sie können alles zu diesem Thema in dem vozüglichen Aufsatz ➱William Cowper and George Romney: Public and Private Men von Joan Addison lesen.

Der Dichter bedankt sich bei dem Maler, indem er gleich ein Sonett schreibt (Sonnet To George Romney, Esq. On His Picture Of Me In Crayons):

Romney, expert infallibly to trace
On chart of canvas, not the form alone
And semblance, but, however faintly shown,
The mind's impression too on every face;
With strokes that time ought never to cease
Thou hast so pencilled mine, that though I own
The subject worthless, I have never known
The artist shining with superior grace.
But this I mark, -- that symptoms none of woe
In thy incomparable work appear.
Well -- I am satisfied it should be so,
Since, on maturer thought, the cause is clear
For in my looks what sorrow couldst thou see,
When I was Hayley's guest, and sat to thee?

Ja, die Sorgen. Die hat Cowper sein Leben lang, er hat auch jede Krankheit, die die Lehrbücher der Psychiatrie hergeben, Depressionen, Psychose, Paranoia. Im American Journal of Psychiatry haben Meyer und Meyer 1987 ihren Aufsatz Self-portrayal by a depressed poet: a contribution to the clinical biography of William Cowper veröffentlicht, einer der ersten Artikel erschien schon 1858 im selben Journal. Cowper wird zwei Jahre in einer geschlossenen Anstalt verbringen, für Psychiatriehistoriker ist er immer ein Beispiel, dass die Upper Class besser behandelt wird als die Armen. Cowper hat Glück, dass er an Nathaniel Cotton gerät, dem wird er immer dankbar sein. Es gibt außer dem französischen ➱Doktor Pinel doch noch den einen oder anderen fortschrittlichen Arzt in der Aufklärung. Cowper stürzt sich aus seinen Depressionen in die Religion. Wie ein Fanatiker. Schreibt beinahe nur noch Kirchenhymnen. Aber der Flirt mit der Religion bringt wieder nichts als Unglück. Cowper fühlt sich von Gott in die ewige Verdammnis verstossen. Er wäre nicht William Cowper, wenn er sich etwas anderes einbilden würde.

Können wir dies hier als ein autobiographisches Gedicht nehmen?

I was a stricken deer that left the herd
Long since; with many an arrow deep infixt
My panting side was charged when I withdrew
To seek a tranquil death in distant shades.
There was I found by one who had himself
Been hurt by th' archers. In his side he bore
And in his hands and feet the cruel scars.
With gentle force soliciting the darts
He drew them forth, and heal'd and bade me live.
Since then, with few associates, in remote
And silent woods I wander, far from those
My former partners of the peopled scene,
With few associates, and not wishing more.
Here much I ruminate, as much I may,
With other views of men and manners now
Than once, and others of a life to come.
I see that all are wand'rers, gone astray
Each in his own delusions; they are lost
In chase of fancied happiness, still wooed
And never won. Dream after dream ensues,
And still they dream that they shall still succeed,
And still are disappointed; rings the world
With the vain stir. I sum up half mankind,
And add two-thirds of the remainder half,
And find the total of their hopes and fears
Dreams, empty dreams. The million flit as gay
As if created only like the fly
That spreads his motley wings in th' eye of noon
To sport their season and be seen no more.


Es ist eine gefährliche Sache, ein psychiatrisches Gutachten nur auf der Basis von Cowpers Gedichten, Briefen und seiner Autobiographie Adelphi zu erstellen. Genau so, wenn Cowper aus dem Bild von Romney irgendwelche Sorgen herauslesen will: in my looks what sorrow couldst thou see? Sehen wir irgendwelche Sorgen in diesem Bild, das William Blake nach einem Gemälde von ➱Thomas Lawrence gezeichnet hat? Durch den Aufsatz William Cowper: A Religious Melancholic? von Diane Buie ist ein wenig frischer Wind in die Debatte gekommen: This article re-evaluates the account of the mental turmoil expressed by the poet William Cowper in his spiritual autobiography Adelphi. The article considers Adelphi in the context of eighteenth-century theological works written on the subject of religious melancholy prior to its being penned. It suggests that Cowper may have feigned the illness and provides evidence that Cowper borrowed heavily from such works in order to portray himself as a religious melancholic. The article argues that religious melancholy was a well-recognised illness in the eighteenth century and that it was exploited because of the tolerance shown towards sufferers. Diane Buie hat das länger in ihrer Dissertation Melancholy and the idle lifestyle in the eighteenth century (➱Volltext) ausgeführt. Alle Klagen des stricken deer sind vielleicht nichts als eine Modekrankheit der Upper Class im Zeitalter der Empfindsamkeit.

William Cowper hatte sich 1792 schon einmal malen lassen. Diesmal von Lemuel Abbott (der auch ➱Nelson portraitierte). Hier posiert ein kleiner Spießer in der Pose des Gentleman. Er hat gerade seine Homer Übersetzung abgeschlossen, er ist mit sich zufrieden. Er schreibt kein Sonett für Abbott, von Sorgen ist auch nicht die Rede. Was er in diesen Tagen in einem Brief an Hayley schreibt ist dies: Well! this picture is at last finished, and well finished, I can assure you. Every creature that has seen it has been astonished at the resemblance. Sam's boy bowed to it, and Beau walked up to it, wagging his tail as he went, and evidently showing that he acknowledged its likeness to his master.

Montag, 24. April 2017

Fahrkünste


Obgleich die Parklücke genügend groß gewesen wäre, stand der nagelneue BMW schräg in der Lücke. Die andere Hälfte ragte in die Fahrbahn der Hauptstraße. Ich schaute mir das fahrerische Meisterwerk von allen Seiten an, weil ich nicht mehr aus meiner Parklücke kam. Ich setzte mich in mein Auto und tippte auf die Hupe, in der Hoffnung, dass jemand mit ein klein wenig Unrechtsbewußtsein den BMW dort wegbewegen würden. Eine ältere, aber ewig jugendliche, blonde Society Schnepfe erschien, die zwar die Fahrerin des Wagens war, aber null Unrechtsbewußtsein hatte. Da half es auch nichts, dass ich sie auf den Paragraphen Eins der Straßenverkehrsordnung hinwies. Ich sei doch nur neidisch, weil ich keinen BMW besäße, bekam ich zu hören. Schließlich hätte sie seit zweiundfünfzig Jahren einen Führerschein. Und sie könne mir noch Fahrstunden geben. Das lehnte ich dankend ab und versicherte ihr, dass sie, mit Verlaub, total bescheuert sei. Während sie in ihren neuen BMW stieg, hatte sie noch viel zu sagen, aber ich hörte nicht mehr hin. Sie kam gerade aus der Apotheke, und ich überlege immer noch, was die ihr da verkauft haben.

Gregory Nunzio Corso, von dem das Gedicht heute ist (sie können es ➱hier auch hören), hat in seinem Leben auch einiges eingeworfen. Also solche Sachen, nach deren Genuss man sich nicht mehr ans Steuer setzen sollte:

Last night I drove a car
not knowing how to drive
not owning a car
I drove and knocked down
people I loved
... went 120 through one town.

I stopped at Hedgeville
and slept in the back seat
... excited about my new life.

Er hatte ein erstaunliches ➱Leben. Er war sogar in Deutschland berühmt, weil er zusammen mit Walter Höllerer das Buch ➱Junge amerikanische Lyrik herausgegeben hatte. Da war ➱Brinkmann mit seinem Band Silver Screen: Neue amerikanische Lyrik noch nicht auf dem Markt. Damals hatte Höllerer in Berlin mit seinem Literarischen Colloquium die Hand am Puls der Zeit. Wir in Kiel manchmal auch mal, das lag meistens an ➱Peter Freese. Ein Hauptseminar über ➱Marshall McLuhan war in den sechziger Jahren eine revolutionäre Sache, heute ist bei der Verarmung und Verflachung des Studiums an so etwas überhaupt nicht mehr zu denken.

Mit sechzehn kam Gregory Corso ins Gefängnis, es wurde für ihn ein Bildungserlebnis. Beschützt von Mafia Gangstern, die den Kleinen für ein Genie hielten. Das Gefängnis wurde seine Universität, er las und las. Er hatte die Zelle von Lucky Luciano bekommen, der dem Gefängnis seine Bibliothek schenkte, als er Clinton Prison verließ. Lucky Lucianos Zelle besaß eine Lampe, die nachts nicht abgeschaltet wurde, so konnte Corso auch in der Nacht lesen. Seinen zweiten Gedichtband widmete Corso den angels of Clinton Prison who, in my seventeenth year, handed me, from all the cells surrounding me, books of illumination. Ein Kleinkrimineller, ein Mafiaboss und ein Bildungserlebnis, es ist eine erstaunliche Sache.

Der Dichter, der ihn am meisten beeinflusst hat, ist ➱Percy Bysshe Shelley gewesen. Ich weiß, dass Shelley etwas anders aussah als diese Frau hier, aber das ist Elisabetta Pozzi als Percy Bysshe Shelley in dem Film ➱Bomb! Burning Fantasy: The Poetry and the Life of Gregory Corso. So etwas muss auch mal sein, dass man etwas schräge Filme über einen der letzten der Beat Poetry dreht. Gregory Corso hat in Oxford den Boden von Shelleys Zimmer geküsst - und er ist zu Füssen von Shelleys ➱Grab in Rom beerdigt worden. Mehr Shelley Verehrung geht nicht. In seinem Gedicht I Held A Shelley Manuscript, da klingt der Autor von ➱Bomb schon beinahe wie ein englischer Romantiker:

My hands did numb to beauty
as they reached into Death and tightened!

O sovereign was my touch
upon the tan-inks's fragile page!

Quickly, my eyes moved quickly,
sought for smell for dust for lace
for dry hair!

I would have taken the page
breathing in the crime!
For no evidence have I wrung from dreams--
yet what triumph is there in private credence?

Often, in some steep ancestral book,
when I find myself entangled with leopard-apples
and torched-skin mushrooms,
my cypressean skein outreaches the recorded age
and I, as though tipping a pitcher of milk,
pour secrecy upon the dying page.


Noch mehr Automobile hier: Verkehrsunfall, Roadkill, Porsche, Number One, automobilia, Mercédès. Und wenn Sie eine BMW Fahrerin beim Einparken sehen wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Sonntag, 23. April 2017

Fuchsjagd


Das hier ist etwas, was der Engländer als Shooting Jacket bezeichnet, eine Variante des ➱Norfolk Jacket. So etwas muss man unbedingt haben, wenn man Moorhühner schießen will. Die ihrem Untergang geweihte Gesellschaftsschicht in dem englischen Film ➱The Shooting Party hat so etwas selbstverständlich im Kleiderschrank. Normale Menschen brauchen das Teil eigentlich nicht. Vor allem, wenn sie nie zur Jagd gehen. Wie ich zum Beispiel, ich finde das völlig bescheuert. Ich muss mal eben etwas zitieren, was ich in dem Post ➱Hunde geschrieben habe: Mir sagte einmal eine Dame, die mit einem Hobbyjäger verheiratet war und ihm zuliebe das Spielen des Jagdhorns erlernt hatte: Es ist eine furchtbare Sache, mit einem Jäger verheiratet zu sein. Um zwei in der Nacht kommt er stinkend nach Hause, und um halb drei kotzt der Dackel den Teppich voll. Dank meines Englischlehrers James Tröbs kann ich zwar das englische Jagdlied ➱Do you ken John Peel with his coat so gay singen, aber da hört es auch auf.

Trotz all dieser Vorbehalte besitze ich jetzt eine Jagdjacke, rotgefüttert, Ostern bei ebay gekauft. Nicht, weil ich zur Jagd gehen will, sondern weil die Jacke von Hans-Alfred Terner in Hannover ist. Steht auf dem Etikett: H.A. Terner in Familienbesitz seit 1911. Dazu sollte ich einiges sagen. Ich habe eine gewisse Bindung an Hannover, weil ich in Rotenburg (Hannover) geboren wurde. Das war ein Zufall, weil wegen der ➱Bomben auf Bremen ein Teil der Bremer Frauenklinik ausgelagert war. Hannover war ja mal ein Königreich und danach eine preußische Provinz. Ich war immer stolz auf das Rotenburg (Hannover) in meinem Ausweis, aber heute steht da Rotenburg (Wümme). Ich habe versucht, dagegen vorzugehen, aber die ließen nicht mit sich handeln.

Rotenburg (Wümme) klingt schlimm, und ROW ist auch eins der gefürchtetsten Autokennzeichen in der Gegend. Mit Hannover verbindet mich auch noch, dass ich vor sechzig Jahren gesehen habe, wie ➱Hannover 96 im Volksparkstadion Deutscher Meister wurde. Und dann bin ich Jahre später auf der Heeresoffiziersschule I in Hannover gewesen, was eine sehr schöne Zeit war. Und der Post ➱Hannover aus meinem ersten Jahr als Blogger, zählt zu meinen Bestsellern. Ich weiß nicht weshalb. Ich als halber Hannoveraner kann die Posts ➱Ernst August, ➱Heinrich Hannover, ➱Maurice de Saxe und ➱Opernhaus Hannover auch noch empfehlen.

Meine Mutter liebte Hannover. Nicht wegen der Oper, nicht wegen des Maschsees, der Herrenhäuser Gärten oder des Leineschlosses. Nein, zum Einkaufen. Da gab es dieses Pelzgeschäft namens Stoll, das sie irgendwie magisch anzog, obgleich sie schon einen Schrank voller Pelzmäntel hatte. Und sie mochte auch Terner, einen Laden, der Herren- und Damenkleidung führte. Und der mit Texten wie diesem warb:

Seit 1911 steht TERNER für englische und italienische hochwertige Klassik, von Anlass, Business, Sportswear bis Party. In unserer hauseigenen Schneiderei werden Änderungen und Maßwünsche handwerksgerecht und zuverlässig erfüllt. Dem Text wurden sie auch gerecht, sie hatten neben Unmassen von ➱Burberry ➱Trenchcoats erstklassige italienische Firmen im Angebot: Isaia, Belvest, Barbera etc. Ich besitze ein Belvest Jackett von Terner, das echte Knopflöcher hat, ich dachte immer, das gäbe es bei dieser Marke gar nicht. Für ihre Oberhemden konnte ich mich nicht begeistern, sie hatten Cleeve of London, eine Firma, die vor Jahren von Rayner und Sturges gekauft wurde und jetzt der Firma Drake's gehört.

Die Qualität des Angebots war schon etwas anderes als ➱Ladage & Oelke in Hamburg, die ihren Kunden suggerierten, dass alles in ihrem Laden aus England käme. Und den armen anglophilen Modeopfern ungerührt deutsche Dressler Jacketts verkauften. Dies Photo ist aus den fünfziger Jahren, da war das Geschäft von Hans-Alfred Terner noch in der Bahnhofstraße. Damals trugen auch noch Pferderennen den Namen von Hans-Alfred Terner. Vielleicht war das schon ein wenig zu viel. Und dann musste man ja unbedingt in die Luisenstraße umziehen, weil da jeder sein wollte.

Mein ältestes Jacket von Terner ist ein fünfundzwanzig Jahre altes Isaia Jackett, ist immer noch gut. Richtige Made in Italy Qualität ist auch nach einem Vierteljahrhundert noch gut. Slim Fit Anzüge aus Asien sind schon im nächsten Jahr nicht mehr gut. Doch Terner, diesen schönen Laden im Familienbesitz gibt es seit einigen Monaten leider nicht mehr: Sehr verehrte Kunden und Freunde, mit großem Bedauern haben wir den stationären Einzelhandel zum 14.01.2017 eingestellt. In den vielen ereignisreichen und spannenden Jahren haben wir tolle Menschen kennen und schätzen gelernt und mit Ihnen eine schöne Zeit verbracht. Hierfür bedanken wir uns sehr bei unseren treuen Kunden und Freunden! Herzliche Grüsse Rebecca Terner-Hawellek. Die ➱Seite, auf der sich dieses Zitat findet, zeigt diesen Oldtimer, der irgendwie wie ein Leichenwagen aussieht, eine seltsame Symbolik.

Terner in Hannover ist nicht das einzige Geschäft, das in den letzten Jahren aufgeben musste. Sie können mehr zu diesem Thema in dem Post ➱Herrenausstatter lesen. Und dann können Sie auch noch die Artikel von ➱Bernhard Roetzel und ➱Jens Jessen über den deutschen Mann und die Mode lesen, dann wissen Sie, warum das mit dem schleichenden Tod der Herrenausstatter so ist. Dieses Teil musste ich natürlich unbedingt haben, sie hat alles, was eine Joppe haben muss: Blasebalgtaschen, echte Knopflöcher, Golffalte im Rücken, einen anknöpfbaren Drehteufel, Lederflicken auf dem Ärmel und einen aufgesteppten Gürtel auf dem Rücken.

Und dann noch dieses leuchtend rote Steppfutter mit dem blauen Etikett, auf dem Im Familienbesitz seit 1911 steht. Es ist eine echte Nostalgiejacke. Man kann sie bei diesem Schietwedder ganz hervorragend tragen. Und man braucht definitiv keine Purdey Seitenschlossflinte als Accessoire für dieses Jackett. Ich brauche jetzt allerdings noch ein Jagdgedicht, aber da brauche ich nicht lange zu suchen. Ich nehme mir Rudyard Kiplings Fox-Hunting, ein Gedicht über tausend Jahre Fuchsjagd in England aus der Perspektive des Fuchses. Ich mag ➱Rudyard Kipling, er ist schon häufig hier zitiert worden. Eins der Highlights dieses Blogs ist die Übersetzung seines Gedichts Mandalay ins ➱Plattdeutsche, das gibt es sonst nirgends, nur hier.

Obgleich Kipling der upper middle class angehört, mag er die nicht so sehr. Seine ➱Zeile von den flannelled fools at the wicket or the muddied oafs at the goals tut den ➱Cricket Liebhabern immer noch weh. Und auch der Sprecher in ➱McAndrew's Hymn hat eine gewisse Verachtung für die Oberklasse: Romance! Those first-class passengers they like it very well, Printed an' bound in little books; but why don't poets tell? I'm sick of all their quirks an' turns - the loves an' doves they dream - Lord, send a man like Robbie Burns to sing the Song o' Steam! Dieser kleine Fuchs muss bei dem Kipling Gedicht unbedingt erwähnt werden, er ist der Hauptdarsteller (neben Berühmtheiten wie Eric Porter, Jeremy Kemp oder Dennis Waterman) in dem wunderbaren Film The Belstone Fox (Sie können ➱hier einen kleinen Schnipsel des Films sehen). Aber nun das Gedicht Fox-Hunting:

The Fox Meditates

When Samson set my brush afire
To spoil the Timnites barley,
I made my point for Leicestershire
And left Philistia early.
Through Gath and Rankesborough Gorse I fled,
And took the Coplow Road, sir!
And was a Gentleman in Red
When all the Quorn wore woad, sir!

When Rome lay massed on Hadrian's Wall,
And nothing much was doing,
Her bored Centurions heard my call
O' nights when I went wooing.
They raised a pack they ran it well
(For I was there to run 'em)
From Aesica to Carter Fell,
And down North Tyne to Hunnum.

When William, landed hot for blood,
And Harold's hosts were smitten,
I lay at earth in Battle Wood
While Domesday Book was written.
Whatever harm he did to man,
I owe him pure affection;
For in his righteous reign began
The first of Game Protection.

When Charles, my namesake, lost his mask,
And Oliver dropped his'n,
I found those Northern Squires a task,
To keep 'em out of prison.
In boots as big as milking-pails,
With holsters on the pommel,
They chevied me across the Dales
Instead of fighting Cromwell.

When thrifty Walpole took the helm,
And hedging came in fashion,
The March of Progress gave my realm
Enclosure and Plantation.
'Twas then, to soothe their discontent,
I showed each pounded Master,
However fast the Commons went,
I went a little faster!

When Pigg and Jorrocks held the stage,
And Steam had linked the Shires,
I broke the staid Victorian age
To posts, and rails, and wires.
Then fifty mile was none too far
To go by train to cover,
Till some dam' sutler pupped a car,
And decent sport was over!

When men grew shy of hunting stag,
For fear the Law might try 'em,
The Car put up an average bag
Of twenty dead per diem.
Then every road was made a rink
For Coroners to sit on;
And so began, in skid and stink,
The real blood-sport of Britain!


Ich trage meine braune Jagdjacke mit den großen roten ➱Karos schon eine Woche lang, niemand hat bisher irgendeine Bemerkung dazu gemacht. Eine Reaktion gab es allerdings schon: das Eichhörnchen vorgestern, das hat die Straßenseite gewechselt, als es mich kommen sah. Do you ken John Peel with his coat so gay ...

Samstag, 22. April 2017

wüstes Land


In einer ➱Interpretation dieses Gemäldes des australischen Malers John Peter Russell zitieren die Autoren beiläufig T.S. Eliot: Between the conception And the creation Life is very long. Der Artikel zu Russells Portrait von Dr Will Malone auf der Seite der National Gallery of Victoria ist ein hervorragendes Beispiel dafür, was ein Museum machen kann, um Kunst verständlich und begreifbar zu machen. Viele Museen haben heute hervorragende Seiten, der Satz von Frau Merkel Das Internet ist für uns alle Neuland, hat wohl nur für die ➱Kunsthalle Bremen Bedeutung.

Der australische Maler John Peter Russell ist eine erstaunliche Randerscheinung des Impressionismus. Er stellte seine Bilder nicht aus, er hatte es nicht nötig, er war reich genug (in dem Punkt ähnelte er ➱Caillebotte). Insofern hat eine größere Öffentlichkeit damals nichts von dem Maler John Peter Russell erfahren. Aber seine Malerkollegen schätzten ihn schon. Vincent van Gogh, den er hier portraitiert hat, war lebenslang sein Freund. Matisse war ihm zu Dank verpflichtet: Russell was my teacher, and Russell explained colour theory to me. Als seine Frau Marianna, die mehrfach Rodin Modell gesessen hatte, 1907 starb, vernichtete Russell den größten Teil seiner Werke. ➱Auguste Rodin schrieb ihm damals: Your works will live, I am certain. One day you will be placed on the same level with our friends Monet, Renoir, and Van Gogh.

Wenn man Russells Namen bei Googles Bildersuche eingibt, findet man auch dieses Bild. Es ist nicht von Russell, es ist da nur auf der Seite, weil ich das Bild von dem schwedischen Maler Gustav Berlin vor fünf Jahren in den Post von ➱John Peter Russell hinein getan habe. Damals hatte ich gerade das Bild von Gustav Berlin gekauft. Es zeigt das alte Rathaus von ➱Skanörs, ein kleines architektonisches Juwel aus dem 18. Jahrhundert.

Mit Russell und seinen Malerkollegen der sogenannten Heidelberg School kommt die Moderne nach Australien, das ist etwas anderes als ➱Waltzing Matilda und Kängurus. Dass sie auch moderne Dichter haben, habe ich schon in dem Post ➱Marinechronometer geschrieben. Ich könnte ein Gedicht von Kenneth Slessor oder einem anderen australischen Dichter nehmen, aber ich nehme lieber T.S. Eliot, den ich am Anfang erwähnt habe. The Waste Land ist ein Gedicht, in dem der Monat April vorkommt. Schon in der ersten Zeile, wie bei Chaucers Prolog zu den ➱Canterbury TalesWhan that Aprille with his shoures soote, The droghte of March hath perced to the roote ...

Das Gedicht hat 433 Zeilen, es wäre noch länger, wenn Ezra Pound es nicht zusammengestrichen hätte: Know diligent Reader That on each Occasion Ezra performed the Caesarean Operation hat er in einem kleinen bösartigen ➱Gedicht geschrieben. Der Beginn der modernen Lyrik des 20. Jahrhunderts liegt also in der Kooperation zweier Amerikaner, von denen der eine lieber Engländer sein wollte. Immer sehr englisch im Anzug, Ezra Pound, dem Eliot il miglior fabbro in das Widmungsexemplar von The Waste Land schrieb, trug ungern Anzüge. Eliot konnte auch anders, er schrieb lustige ➱Katzengedichte (aus denen man sogar ein Musical machte), schrieb kluge Sachen über Kultur und entdecke die Metaphysical Poets wie ➱John Donne wieder.

Das ganze The Waste Land zu präsentieren, wäre sicher etwas viel. Wir begnügen uns heute einmal mit dem ersten Teil. Eliot selbst hat sein Gedicht mit ➱Erklärungen versehen, und hier hätte ich noch einen Hypertext, wo es zu Eliots notes noch zusätzliche ➱Annotationen gibt.

I. The burial of the dead

April is the cruellest month, breeding
Lilacs out of the dead land, mixing
Memory and desire, stirring
Dull roots with spring rain.
Winter kept us warm, covering 
Earth in forgetful snow, feeding
A little life with dried tubers.
Summer surprised us, coming over the Starnbergersee
With a shower of rain; we stopped in the colonnade,
And went on in sunlight, into the Hofgarten, 
And drank coffee, and talked for an hour.
Bin gar keine Russin, stamm’ aus Litauen, echt deutsch.
And when we were children, staying at the archduke’s,
My cousin’s, he took me out on a sled,
And I was frightened. He said, Marie, 
Marie, hold on tight. And down we went.
In the mountains, there you feel free.
I read, much of the night, and go south in the winter.

What are the roots that clutch, what branches grow
Out of this stony rubbish? Son of man, 
You cannot say, or guess, for you know only
A heap of broken images, where the sun beats,
And the dead tree gives no shelter, the cricket no relief,
And the dry stone no sound of water. Only
There is shadow under this red rock, 
(Come in under the shadow of this red rock),
And I will show you something different from either
Your shadow at morning striding behind you
Or your shadow at evening rising to meet you;
I will show you fear in a handful of dust. 
Frisch weht der Wind
Der Heimat zu,
Mein Irisch Kind,
Wo weilest du?
“You gave me hyacinths first a year ago; 
They called me the hyacinth girl.”
—Yet when we came back, late, from the Hyacinth garden,
Your arms full, and your hair wet, I could not
Speak, and my eyes failed, I was neither
Living nor dead, and I knew nothing, 
Looking into the heart of light, the silence.
Öd’ und leer das Meer.

Madame Sosostris, famous clairvoyante,
Had a bad cold, nevertheless
Is known to be the wisest woman in Europe, 
With a wicked pack of cards. Here, said she,
Is your card, the drowned Phoenician Sailor,
(Those are pearls that were his eyes. Look!)
Here is Belladonna, the Lady of the Rocks,
The lady of situations. 
Here is the man with three staves, and here the Wheel,
And here is the one-eyed merchant, and this card,
Which is blank, is something he carries on his back,
Which I am forbidden to see. I do not find
The Hanged Man. Fear death by water. 
I see crowds of people, walking round in a ring.
Thank you. If you see dear Mrs. Equitone,
Tell her I bring the horoscope myself:
One must be so careful these days.

Unreal City,
Under the brown fog of a winter dawn,
A crowd flowed over London Bridge, so many,
I had not thought death had undone so many.
Sighs, short and infrequent, were exhaled,
And each man fixed his eyes before his feet. 
Flowed up the hill and down King William Street,
To where Saint Mary Woolnoth kept the hours
With a dead sound on the final stroke of nine.
There I saw one I knew, and stopped him, crying “Stetson!
You who were with me in the ships at Mylae! 
That corpse you planted last year in your garden,
Has it begun to sprout? Will it bloom this year?
Or has the sudden frost disturbed its bed?
Oh keep the Dog far hence, that’s friend to men,
Or with his nails he’ll dig it up again! 
You! hypocrite lecteur!—mon semblable,—mon frère!”

Ich habe eine Übersetzung. Sie stammt von Norbert Hummelt und ist unter dem Titel Das öde Land bei Suhrkamp erschienen:

April ist der übelste Monat von allen, treibt
Flieder aus der toten Erde, mischt
Erinnerung mit Lust, schreckt
Spröde Wurzeln auf mit Frühlingsregen.
Der Winter hat uns warm gehalten, hüllte
Das Land in vergeßlichen Schnee, fütterte
Ein wenig Leben durch mit eingeschrumpelten Knollen.
Der Sommer kam als Überraschung, über den Starnberger See 
Mit Regenschauer; wir flüchteten unter die Kolonnaden,
Die Sonne kam wieder, wir gingen weiter zum Hofgarten
Und tranken Kaffee und redeten eine Stunde.
Bin gar keine Russin, stamm’ aus Litauen, echt deutsch.
Und als wir Kinder waren, wohnten wir beim Erzherzog,
Der war mein Vetter, und der ist dann mit mir Schlitten gefahren, 
Und ich hatte solche Angst. Marie, sagte er,
Marie, halt dich fest. Und runter gings.
Im Hochgebirge, da fühlt man sich frei.
Ich lese die halbe Nacht, im Winter muß ich nach Süden.

Was sind das für Wurzeln, die krallen, was für Äste wachsen 
Aus diesem steinernen Schutt? Menschensohn,
Du ahnst es nicht und kannst nicht wissen, du siehst doch nur 
Einen Haufen zerbrochener Bilder, wo die Sonne sticht
Und der tote Baum kein Obdach bietet, die Grille keine Hilfe 
Und der trockene Stein kein Wassergeräusch. Nur
Dort ist Schatten unterm roten Fels,
(Komm in den Schatten unterm roten Fels),
Und ich werde dir etwas zeigen, das anders ist als 
Der Schatten, der dir morgens nachläuft,
Und als der Schatten, der dich abends einholt; 
Ich zeig dir die Angst in einer Handvoll Staub.
Frisch weht der Wind Der Heimat zu: 
Mein irisch Kind, Wo weilest du?
›Vor einem Jahr, da brachtest du mir erstmals Hyazinthen;
Sie nannten mich das Hyazinthenmädchen.‹
– Doch als wir wiederkamen aus dem Hyazinthengarten, es war schon spät, 
Du hattest die Hände voll, dein Haar war naß, da konnte ich nicht mehr 
Sprechen, ich sah auch nichts mehr, ich fühlte mich weder
Tot noch lebendig, und alles war weg,
Als ich ins Herz des Lichts sah, die Stille.
Öd’ und leer das Meer.

Madame Sosostris, Top-Wahrsagerin,
War schwer erkältet, nichtsdestotrotz
Gilt sie als weiseste Frau Europas,
Dank eines verruchten Kartenspiels. 
Hier, sprach sie, Ist Ihre Karte, der ertrunkene phönizische Seemann, 
(Perlen sind, was seine Augen waren. Schau!)
Hier haben wir Belladonna, die Herrin der Felsen,
Die Herrin der Gelegenheiten.
Hier kommt der Mann mit den drei Stäben, und hier das Rad, 
Und hier der Kaufmann mit dem einen Auge, und hier die Karte, 
Wo nichts drauf ist, ist etwas, das er auf dem Rücken trägt,
Aber das läßt man mich nicht erkennen. Ich sehe nirgendwo 
Den Gehenkten. Fürchten Sie den Tod durch Wasser.
Ich sehe Menschenmengen, die im Kreis einhergehn.
Danke schön. Falls Sie die gute Mrs. Equitone sehen, 
Sagen Sie ihr, daß ich das Horoskop selbst vorbeibringe, 
Man kann nicht vorsichtig genug sein heutzutage.

Unwirkliche Stadt,
Unter dem braunen Nebel eines Wintermorgens
Glitt eine Menschenmenge über London Bridge, so viele,
Das dacht’ ich nicht, daß derart viele schon verblichen wären. 
Gelegentliche kleine Seufzer wurden ausgehaucht,
Und jedermann sah starr vor seine Füße.
Glitt hügelan und abwärts zur King William Street
Bis dahin, wo Saint Mary Woolnoth Stunden zählte
Mit einem dumpfen Nachhall auf dem neunten Schlag.
Da traf ich einen, den ich kannte, und ich rief ihm zu: ›Stetson! 
Der du mit mir zu Schiff vor Mylae lagst!
Der Tote, den du letztes Jahr im Garten pflanztest,
Sprießt er schon? Blüht er noch in diesem Frühjahr?
Oder ist der Nachtfrost ihm nicht gut bekommen?
O halt den Köter fern, der um die Beete streunt,
Sonst buddelt er ihn aus, der Menschenfreund!
You! Hypocrite lecteur! – mein Ebenbild, – mon frère!‹

Wenn Sie T.S. Eliots Gedicht ganz in deutscher Sprache lesen wollen, dann gibt es das hier heute auch. Klicken Sie doch einmal die Version von ➱Karl Heinz Göller an.

Freitag, 21. April 2017

Mäusebutter


Man wuchs in Bremen mit ihr auf wie mit dem Roland und dem Märchen von der Gräfin Emma und dem Krüppel. Der Spuckstein auf dem Marktplatz, wo sie ihren Kopf verlor, wurde schon uns Kindern gezeigt. Ich rede von der Giftmischerin Gesche Gottfried, die am 21. April 1831 auf dem Bremer Marktplatz enthauptet wurde. Danach wurde nie wieder jemand auf dem Marktplatz hingerichtet. Was die Opferzahl der Serienmörderin angeht, ist Jack the Ripper ein Waisenknabe gegen sie. Das hier ist natürlich nicht Gesche Gottfried, das ist Sabine Sinjen, die die Mörderin in einem Film von Karl Fruchtmann spielt. Sechs Jahre nach Fassbinders Film Bremer Freiheit, das zugrundeliegende Bühnenstück wird heute noch auf vielen Theaterbühnen gespielt.

Sie ist berühmt geworden, unsere Gift-Gesche mit ihrer Mäusebutter aus Butterschmalz und Arsen. Da redet man heute schon mal schnell von einem ➱Mythos. Heute geht Mythos schnell. In Gröpelingen gibt es sogar einen Gesche Gottfried Weg, allerdings nur bei den Kleingärtnern. Gesche Gottfried kommt aus Gröpelingen, für sie werden heute Spaziergänge durch Bremen auf den Spuren der Frau mit der Mäusebutter organisiert. Allerdings gibt es da eine Einschränkung: Der Rundgang ist nicht für Kinder geeignet! Das Ganze läuft unter Kultur vor Ort, ist aber nur ein Zeichen kultureller Verzweiflung.

In Gröpelingen war noch nie was los. Das bedeutendste Gebäude hier war das Zuchthaus im angrenzenden Oslebshausen, heißt heute Justizvollzugsanstalt. Aber das hat Gesche Gottfried nicht kennengelernt, sie war in der Ostertorwache inhaftiert, die heißt heute  ➱Wagenfeld Museum. Die Yuppies, die sich da heute Wilhelm Wagenfeld Leuchten angucken, werden wahrscheinlich nicht wissen, dass die Gesche hier drei Jahre gesessen hat. Und hundert Jahre später die Gestapo hier ihre Häftlinge gequält hat. Das Morden hört niemals auf.

Die Bremer Mörderin hat in diesem Blog natürlich mit  ➱Giftmord schon einen ausführlichen kulturgeschichtlichen Post, in dem eigentlich alles steht, was Sie wissen müssen. Auch der Song  ➱Wir haben Blut geleckt, wir haben Blut geleckt von Jennifer Rostock wird dort erwähnt. Gesche Gottfried ist in der Subkultur angekommen, einen Comic - sorry, das heißt jetzt graphic novel - gibt es auch schon. In dem Post Giftmord werden aus dem Gedicht Die Giftmischerin von Adelbert von Chamisso einige Zeilen zitiert, heute gibt es das mal ganz:

Dies hier der Block und dorten klafft die Gruft.
Laßt einmal noch mich atmen diese Luft
und meine Leichenrede selber halten.
Was schauet ihr mich an so grausenvoll?
Ich führte Krieg, wie jeder tut und soll,
gen feindliche Gewalten.
Ich tat nur eben, was ihr alle tut,
nur besser; drum, begehret ihr mein Blut, so tut ihr gut.

Es sinnt Gewalt und List nur dies Geschlecht;
was will, was soll, was heißet denn das Recht?
Hast du die Macht, du hast das Recht auf Erden.
Selbstsüchtig schuf der Stärkre das Gesetz,
ein Schlächterbeil zugleich und Fangenetz
für Schwächere zu werden.
Der Herrschaft Zauber aber ist das Geld:
Ich weiß mir Beßres nichts auf dieser Welt
als Gift und Geld.

Ich habe mich aus tiefer Schmach entrafft,
vor Kindermärchen Ruhe mir geschafft,
die Schrecken vor Gespenstern überwunden.
Das Gift erschleicht im Dunkeln Geld und Macht,
ich hab es zum Genossen mir erdacht
und hab es gut befunden.
Hinunter stieß ich in das Schattenreich
Mann, Brüder, Vater, und ich ward zugleich
geehrt und reich.

Drei Kinder waren dennoch mir zur Last,
drei Kinder meines Leibes; mir verhaßt,
erschwerten sie mein Ziel mir zu erreichen.
Ich habe sie vergiftet, sie gesehn,
zu mir um Hilfe rufend, untergehn,
bald stumme, kalte Leichen.
Ich hielt die Leichen lang auf meinem Schoß
und schien mir, sie betrachtend tränenlos,
erst stark und groß.

Nun frönt ich sicher heimlichem Genuß,
mein Gift verwahrte mich vor Überdruß
und ließ die Zeugen nach der Tat verschwinden.
Daß Lust am Gift, am Morden ich gewann,
wer, was ich tat, erwägt und fassen kann,
der wird's begreiflich finden.
Ich teilte Gift wie milde Spenden aus
und weilte lüstern Auges, wo im Haus
der Tod hielt Schmaus.

Ich habe mich zu sicher nur geglaubt
und büß es billig mit dem eignen Haupt,
daß ich der Vorsicht einmal mich begeben.
Den Fehl, den einen Fehl bereu ich nur
und gäbe, zu vertilgen dessen Spur,
wie viele eurer Leben!
Du, schlachte mich nun ab, es muß ja sein.
Ich blicke starr und fest vom Rabenstein
ins Nichts hinein.

Und dann hätte ich hier noch etwas Interessantes von Carl Ceiss:  ➱Engel von Bremen: Moritat. War ein Hörspiel für Radio Bremen, kann aber auch als Monolog auf der Bühne gesprochen werden. Unsere Gesche hat schwer Konjunktur: Filme, Theaterstücke, Opern, Krimis, Videoinstallationen und wasweißich. Aber man fragt sich: Warum das alles? Wo ist die Grenze? Die beiden alten Damen in Frank Capras  ➱Arsen und Spitzenhäubchen finden wir ja ganz nett, aber das ist ein Film. Eine Komödie. Gesche Gottfrieds Taten sind keine Komödie. Aber vermarkten kann man heute alles, Wir haben Blut geleckt, wir haben Blut geleckt.

Falls Ihnen das alles zu morbide ist und Sie etwas Positives für den Freitag brauchen, dann hätte ich noch etwas anderes. Gestern sendete der Disney Channel den Film  ➱In den Schuhen meiner Schwester. Kennen Sie. Das ist der Film, wo Cameron Diaz am Schluss bei der Hochzeit ihrer Schwester ein ➱Gedicht aufsagt. Ein kleines Gedicht von e.e. cummings, aber ein schönes Gedicht, das man immer wieder lesen kann:

i carry your heart with me (i carry it in
my heart) i am never without it (anywhere
i go you go, my dear; and whatever is done
by only me is your doing, my darling)
i fear
no fate (for you are my fate, my sweet) i want
no world (for beautiful you are my world, my true)
and it’s you are whatever a moon has always meant
and whatever a sun will always sing is you

here is the deepest secret nobody knows
(here is the root of the root and the bud of the bud
and the sky of the sky of a tree called life; which grows
higher than soul can hope or mind can hide)
and this is the wonder that's keeping the stars apart

i carry your heart (i carry it in my heart)