Dienstag, 11. April 2017

Brighton


Heute vor 105 Jahren hat das Linienschiff Titanic der White Star Line den Hafen von Queenstown in Irland verlassen, wo noch einige Passagiere an Bord gingen. Den Hafen von New York wird das Schiff nicht erreichen. Im April 2012 gab es hier schon einem Post, der A Night to Remember hieß. Damals stellte ich ein Gedicht von Samantha Wynne-Rhydderch vor. Das Gedicht, das eins von mehreren ihrer Titanic Gedichte ist, ist sehr kurz, ich stelle es noch einmal hier hin:

Titanic

Cadences
before water filled the open lung
of the baby grand.

Ich möchte heute noch einmal ein Gedicht von Samantha Wynne-Rhydderch bringen. Es passt zu diesem Photo, denn es heißt Brighton West Pier. Einst ein Vergnügungszentrum, dann 1975 aufgegeben, vergammelte die Konstruktion vor sich hin. Dem Meer und den Stürmen preisgegeben. Dann kam noch das Feuer, und dann brachen Teile der Konstruktion zusammen. Tand, Tand ist das Gebild von Menschenhand, wie Theodor Fontane schrieb.

Last week I saw it again, staggering
like a shot beast in the high tide,
the pavilion a skull half sunk, gnawing

at its stilts. A telephone receiver swung
from the tangled guts of the bar.
Of course I have witnessed dereliction before:

mantelpieces three floors up,
the remnants of passion fluttering
in the torn wallpaper of virtual rooms,

the cross-section of intimacy.
But this reclaiming by sea of our
tentative steps leaves me

precarious: those Saturday nights
when I would catch my breath outside
its stuccoed façade, stilettoed,

tiptoeing between strips of sea foaming
below, a note from a saxophone
thrown to the wind, hearing his voice

on the line half a century ago,

still swaying there.

Ganz anders geht es diesem Gebäude in Brighton, das ist fünfzig Jahre älter als der West Pier, aber immer noch spick and span. Als John Nash den Royal Pavillion im Seebad Brighton für den Prinzregenten gerade fertig gebaut hatte, kam in einem unbedeutenden Teil des Königreiches ein Schiffszimmermann und Amateurschriftsteller auf die Idee, in seiner Heimat auch ein Seebad zu begründen.

Seine Heimat hat den Status einer englischen Kolonie, sie hat auch einen Gouverneur, einen pensionierten Colonel, der noch bei ➱Waterloo dabei war. Die pensionierten Colonels, die die Waterloo Medaille besitzen, werden jetzt überall auf der Welt Gouverneure. Überall gibt es jetzt englische Kolonien. Britannia rule the waves. Die englische Kolonie, in der der Schiffszimmermann Jakob Andresen Siemens lebt, heißt ➱Helgoland, die Königin Victoria ist auf der Briefmarke von Helgoland zu sehen. Erstaunlicherweise schlägt die Idee ein, wenig später hat man die Insel im Sommer voll mit Kurgästen aus der Haute Volée von Hamburg und Berlin. Voll bedeutet jetzt, dass man im Sommer zweihundert Gäste hat.

Helgoland ist nicht das erste ➱deutsche Seebad. Da gibt es schon Norderney, Wangerooge und Föhr. Und auch Kiel hat schon vor Helgoland eine Badeanstalt für die feine Gesellschaft. Es soll ja gesund sein. Auf jeden Fall sagt Lichtenberg, der in den 1770er Jahren ständig in England ist und die Idee des Seebads propagiert, dass er seinem Aufenthalt in Margate die gesündesten Tage seines Lebens verdanke. 

Brighthelmstone, wie Brighton früher hieß (so sah es da um 1830 aus), war schon ein halbes Jahrhundert vor unseren deutschen Seebädern en vogue. Zur Zeit von Queen Victoria kamen die Piers. Und ein halbes Jahrhundert später kamen die ➱Mods und Rocker, um hier ihre beach battles auszufechten. Da hatte Brighton schon jene Exklusivität verloren, die es zur Zeit des ➱Prinzregenten einmal gehabt hatte.

Und ja, es gibt noch einen Pier in Brighton, den Palace Pier. Hat aber wenig mit dem Royal Pavillion zu tun. Ramschbuden und Spielhallen. Aber, wie Touristen berichten, relativ saubere Klos. Natürlich kann man da auch Brighton Rock kaufen. Nicht den Roman von ➱Graham Greene, nicht die DVD vom Re-Make des alten Filmes, nein, dieses süße Zeug, für das die englischen Zahnärzte dankbar sind.

So sollte Brighton eines Tages aussehen. Auf jeden Fall, wenn es nach dem Architekten Frank Gehry gegangen wäre. Doch der ist inzwischen raus aus dem Geschäft. In dem Gedicht Brighton von Helen Oswald ist er allerdings noch drin. Die Verfasserin dieses leicht elegischen Gedichts kennt sich in Brighton aus, sie lebt dort:

In the end, we never made it to the Pavilion
but preferred instead to imagine
the gauche chinoiserie of Regency folly,
a camp flourish of minarets standing out
against the bitter English rain.

We closed our eyes and conjured faux Indian
domes knocked out from a nation’s first
concrete casts – brown and smooth
and looking, for all they’re worth,
like cardboard.

We paused to recall the mudslinging
of hoi polloi, their descendants now
baying for Gehry’s blood, his daring
to aspire on the seafront. This crowd
would throw up Tescos for a Kubla Khan.

We meant to come in praise of whatever it is
that insists against the odds upon gilding
a dolphin on a lamp stand, that craves
primrose rooms and chandeliers shaped
like fuchsia blooms hung upside down.

But most of all, we liked to picture
a garden inspired by a glutton whose devotion
transported peonies, erected hollyhocks.
We see ourselves drowsing among his poppies,
inhaling the cheap scent of those blousy stocks.

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