Samstag, 29. April 2017

Dichterfreund


Ich signiere das erstmal Scardanelli, diese elektronische Verführung ist zuviel für mich. Das war der letzte Satz in meinem ersten ➱Post im Januar 2010. Damals begann ich, das Internet vollzuschreiben. Mit Scardanelli signierte Hölderlin vieles in den langen Jahren seiner Krankheit. Oder waren das lange Jahre einer Gesundheit von einer kranken Welt? Da in dem Turm hat er gelebt, sagte Professor X mit weihevoller Stimme und hielt mir einen Bildband vor die Nase. Ich suchte nach einer Fluchtmöglichkeit aus seinem Wohnzimmer. Ich war wissenschaftliche Hilfskraft und unser Seminarassistent hatte mich mit der Unterschriftenmappe zu X geschickt. Der hätte eigentlich als geschäftsführender Direktor in seinem Zimmer im Seminar sitzen sollen, aber er war immer krank und leidend. Mein Besuch bei Professor X hatte seltsam begonnen, seine Frau hatte mich an der Tür im Bademantel empfangen. Halbgeöffnet. Nicht die Tür. Der Bademantel. Und dann auch noch Hölderlin. Weihevoll. Eine halbe Stunde später knallte ich unserem Seminarassistenten die Unterschriftenmappe auf den Schreibtisch und sagte: Paul, wie konntest Du mir das antun? Und erzählte ihm die Geschichte von der Professorengattin im Bademantel. Siehst Du Jay, sagte er, das ist genau die Sache, weshalb ich da nicht mehr mit der Unterschriftenmappe hinfahre.

Ich hatte damals nicht viel von Hölderlin gelesen, das ganze Gewese, das um ihn gemacht wurde, war mir suspekt. Wie dieses dahingeraunte Da in dem Turm hat er gelebt von Professor X. Heute ist das mit Hölderlin anders, man holt ja manches nach im Leben. Ich besitze schöne Hölderlin Ausgaben und einen Meter Sekunddärliteratur. In dem Post ➱Hölderlin habe ich vor Jahren gesagt: Ich habe Hölderlin für mich selbst entdeckt, und eigentlich kann ich nur jedem Leser empfehlen, das auch zu tun und sich nicht von Deutschlehrern, Germanistikprofessoren oder Helmut Kohl beeinflussen zu lassen. Vielleicht sollte man dazusagen: nicht alles von Hölderlin ist gut. Und manches, was er in seiner Krankheit schrieb, ist besser als vieles andere. Das folgende Gedicht hat er allerdings nicht geschrieben:

Viel vermag die Liebe.  
Ueber ferne Meere hin – 
Nicht den Tod zu scheuen 
Im ergebnen Sinn – 
Treibt sie ihre Treuen. 
Wer widersteht der Liebe? 
Doch strahlend unter allen, 
Die je den schönen Preis gebracht, 
Dem Herzen zu gefallen, 
Die Liebe Rüdells sich erhebet, 
Der mit Segel- und Ruder-Macht 
Dem süßen Tode nachgestrebet.
Aus gelobtem Land 
kehrte heim Graf Alduin
Alduin von Narbone,
viele noch mit ihm 
Heim in's Land der Rhone

Wenn Sie jetzt Aufhören! rufen, dann kann ich das verstehen. Ich höre auch sofort auf. Der Verfasser dieser Verse nennt sich Crisalin, das ist eine Art von Anagramm von Sinclair. Crisalin ist niemand anderer als Isaac von Sinclair, der Freund Hölderlins, dem Hölderlin die Hymne ➱Der Rhein widmete. Schon die zeitgenössischen Rezensionen seiner Gedichte sind nicht gerade überschwenglich. Heute wird wohl niemand freiwillig die Lyrik des Barons von Sinclair lesen.

Allerdings scheint Sinclair als Philosoph eine Renaissance zu haben, sein Werk Wahrheit und Gewissheit ist neu erschienen (es gibt ➱hier eine Leseprobe), seine Zeitgenossen haben seine Gedichte und sein philosophisches Werk kaum beachtet. Nach der Lektüre der Leseprobe würde ich für den ersten Band des Werkes allerdings keine 136 Euro ausgeben. Issac von Sinclair hat es zweimal ins Kino geschafft, hier ist er - von Ulrich Matthes gespielt - in Nina Grosses ➱Feuerreiter. In einem ➱DEFA Film vor zwanzig Jahren konnte man ihn auch schon sehen. Sinclair ist am  29. April 1815 an einem Schlaganfall in einem Wiener Bordell gestorben. Oder, um genauer zu sein, zitieren wir doch einmal Johann Georg Hamel, der herausfand: Sinclair sey nicht in einem Bordell gestorben; er habe eine Maitresse gehabt, die in einem der ersten Gasthöfe Wiens, ohnfern dem 'Stock am Eisen', ihre Wohnung hatte. An einem Abend, wo er ihr wieder seinen Besuch abstatten wollte, überfiel ihn in deren Zimmer [eingefügt: oder Bette?] ein tödtlicher Schlag. Ist ja auch ein schöner Tod. Hölderlin wird seinen Herzensfreund um Jahrzehnte überleben.

Mein Gedicht heute passt zur Jahreszeit. Es heißt Der Frühling und wurde von dem uns inzwischen bekannten Herrn Scardanelli geschrieben:

Wenn aus der Tiefe kommt der Frühling in das Leben,
Es wundert sich der Mensch, und neue Worte streben
Aus Geistigkeit, die Freude kehret wieder
Und festlich machen sich Gesang und Lieder.


Das Leben findet sich aus Harmonie der Zeiten,
Daß immerdar den Sinn Natur und Geist geleiten,
Und die Vollkommenheit ist Eines in dem Geiste,
So findet vieles sich, und aus Natur das meiste.

Mit Untertänigkeit

d. 24 Mai 1758. Scardanelli.

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