Samstag, 30. Oktober 2021

als Weib wirklich ungeheures Talent


Das ist die englische Künstlerin Rebecca Salter. Sie kann RA hinter ihren Namen schreiben, weil sie ein Mitglied der Royal Academy ist. Und nicht nur das, seit zwei Jahren ist sie die Präsidentin der Royal Academy. Das hat es in den zweieinhalb Jahrhunderten der Geschichte der Institution noch nicht gegeben. Frauen, die Mitglieder der Royal Academy waren, die gab es vorher allerdings schon einmal.

Zum Beispiel sie hier. Mit siebenundzwanzig schon Mitglied der gerade gegründeten Royal Academy, fünf Jahre zuvor war sie schon Ehrenmitglied der Akademie von Bologna geworden. Sie ist die berühmteste Malerin ihrer Zeit. Sie ist nicht nur eine Malerin, die die Welt bewundert, sie hat auch eine schöne Singstimme. Eigentlich wollte sie Sängerin werden. Vielleicht. Auf dem ersten Selbstportrait, das sie mit zwölf Jahren malt, hält sie Notenblätter in der Hand. Sie wird von Männern bewundert, aber sie findet nicht den richtigen Mann. Sie schreibt an den jungen Goethe:

Mir träumte vor ein paar Nächten, ich hätte Briefe von Ihnen empfangen, und war getröstet und sagte, es ist gut, dass er schreibt, sonst wär ich halb aus Wehmut gestorben. Mich vergnügt, zu wissen, dass Sie wohl sind, der Himmel erhalte Sie immer so. Goethe, dem das Bild, das sie von ihm malt, überhaupt nicht gefiel, schreibt an Charlotte von Stein: Sie ist eine treffliche, zarte, kluge, gute Frau, meine beste Bekanntschaft hier in Rom. Und sagt an anderer Stelle: Sie hat ein unglaubliches und als Weib wirklich ungeheures Talent. Und 1789 schreibt er seiner Frau Christiane: Was mich in diesen letzten Wochen auf eine sonderbare Weise, wenn ich so sagen darf, gereinigt u. veredelt hat, ist der Angelika Freundschaft. O daß ich so viel Zeit in Rom verloren u. mich gequält habe, ohne diese zarte u. edle Seele, die so schüchtern u. zurückgezogen, wie eine himmlische Erscheinung ist, näher kennen zu lernen, […] vielleicht die kultivierteste Frau in Europa. Unter dem Titel Mir träumte vor ein paar Nächten, ich hätte Briefe von Ihnen empfangen hat der Libelle Verlag in Lengwil vor zwanzig Jahren ihre Briefe herausgebracht. In den Originalsprachen; englisch, deutsch und französisch.

Sie wissen schon, dass ich von Angelika Kauffmann rede, die heute vor zweihundertachtzig Jahren geboren wurde. Über die John Flaxman sagte: She was of her time and the time was made for her. Und der dänische Legationssecretär in London, Graf von Schönborn, schreibt in einem Brief an Klopstock: Ein Kupferstecher hier, der fast nichts als ihre Gemählde sticht, sagte mir einmahl, the whole world is angelicamad! Ihre Freunde verehrten sie als die zehnte Muse Roms, aber diese Muse ist auch geschäftstüchtig. Ihre Bilder werden nachgestochen, Szenen aus ihren Bildern wandern auf Porzellangeschirr, eine Kommerzialisierung ihrer Kunst durch Merchandise Artikel. Weil die Welt nun mal angelicamad ist. Angelika Kauffmann: Künstlerin, Powerfrau, Influencerin ist der Titel der neuesten Ausstellung.

Angelika Kauffmann war nicht die einzige Frau unter den vierunddreißig Gründungsmitgliedern der Royal Academy. Da war noch Mary Moser, die sich auf die Blumenmalerei spezialisiert hatte. Für länger als ein Jahrhundert werden diese beiden Frauen die einzigen weiblichen Mitglieder der Royal Academy sein. Vier Jahre nach der Gründung malt Johann Zoffany die Royal Academy bei der Arbeit, der König kauft ihm das Bild sofort ab. Nicht alle Gründungsmitglieder sind auf dem Bild, Thomas Gainsborough fehlt, ich weiß nicht weshalb. 

Und die beiden Frauen suchen wir auch vergeblich. Sie sind zwar da, aber nur als Portraits an der Wand. Denn schließlich sind zwei nackte Männer, die den Künstlern Modell stehen sollen, im Raum. Da können Frauen nicht dabei sein, das verstösst gegen das decorum. Das wird noch für über hundert Jahre Frauen vom Besuch von Kunstschulen ausschließen. Es sind wenig nackte Männer im Werk von Angelika Kauffmann zu sehen. Und wenn sie nackt sind, dann sehen sie so aus. Das decorum ist etwas, das dem Neoklassizismus eigen ist, wozu reisen die Gentlemen jetzt alle nach Rom? Das Bild Zoffanys beschreibt kein reales Ereignis, er hat sich das alles so ausgedacht. Aber witzig bleibt das doch mit den Damen an der Wand.

Angelika Kauffmann hat von 1772 bis in die 1790er Jahre immer wieder in der Royal Academy ihre Bilder ausgestellt. Es gab hier vor zehn Jahren schon einmal einen Post Angelika Kauffmann, den stelle ich heute in leichter Bearbeitung noch einmal ein. Dies Portrait von Johann Joachim Winckelmann hat sie mit zweiundzwanzig Jahren gemalt, es machte sie, immer wieder nachgestochen, in ganz Europa bekannt. Sie malt den homme des lettres im deshabillé, ohne Perücke, nur mit einem Morgenmantel bekleidet. Die Oberschicht gibt sich in der Mode des 18. Jahrhunderts gerne lässig, schließlich lebt man im Zeitalter der Empfindsamkeit, da stört ein steifer Kragen.

Das Bild hier ist mit Liebe gezeichnet. Die Malerin Angelika Kauffmann ist gerade Ehrenmitglied der Accademia Clementina di Bologna geworden und hat eine Woche später das Diplom der Accademia del Disegno erhalten. Sie ist zweiundzwanzig. Sie hat gerade in Rom diesen hübschen amerikanischen Quäker namens Benjamin West getroffen. Er sieht mit den Klamotten ein bisschen aus wie William Shakespeare. Kunsthistoriker nennen das einen Van Dyke suit, was er da trägt. Ähnliche Kleidung findet sich in dieser Zeit auch auf den Bildern der beiden führenden Portraisten in Italien, Pompeo Batoni und Anton Raphael Mengs (dem Lehrer von Benjamin West). Dieser Van Dyke suit findet sich natürlich auch bei Gainsboroughs The Blue Boy und in der Verfilmung von Little Lord Fauntleroy. Er wird später von Dandies immer mal wieder aus der Mottenkiste der Mode gezogen werden, Oscar Wilde hatte auch mal so etwas getragen.

Der junge Amerikaner Benjamin West hat gerade eine schwere Erkrankung überstanden, ein rheumatisches Fieber, das seine Beine lähmte. Aber der berühmteste italienische Chirurg Dr Angelo Nannoni konnte ihm helfen. An Nannoni war West durch die Empfehlung von dem Diplomaten und Kunstsammler Sir Horace Mann geraten. Noch hat die amerikanische Revolution nicht stattgefunden, noch ist West ein Engländer, und die Engländer in Italien helfen einander. Italien ist voller Engländer, Kunstsammlern und Gentlemen auf ihrer Grand Tour. Wenn Benjamin West Italien im nächsten Jahr verlässt, wird er nach London gehen und für den Rest seines Lebens in England bleiben und noch Präsident der Royal Academy werden. Zuvor hat er natürlich noch Angelika Kauffmann portraitiert.

Er wird später sagen, dass er ihr den ersten Unterricht in the principles of composition, the importance of outline, and likewise the proper combinations and mixtures of colours gegeben habe. Aber das kann nicht so ganz stimmen, Angelika Kauffmann stand zwar erst am Anfang ihrer Karriere und war mit ihrem Vater nach Italien gekommen, um sich zu vervollkommnen, aber malen konnte sie schon. Obgleich sie sich damals eben noch nicht sicher war, ob sie wirklich eine Malerin werden sollte. Sie hatte diese schöne Stimme und liebäugelte noch mit einer Karriere als Opernsängerin.

Die beiden sollen damals schwer ineinander verliebt gewesen sein. Hat Charles Willson Peale gesagt (der eines Tages seine Tochter Angelica Kauffman Peale nennen wird), doch der hat West erst vier Jahre nach dem Zusammentreffen der beiden kennengelernt. Hat Benjamin West dem jüngeren Peale diese Geschichte erzählt? Wie immer es sei, aus der Romanze wird nichts, schließlich hat West noch seine Verlobte Betsy Shewell drüben in Amerika. Irgendwie scheinen es die Zeitgenossen, vor allem die zeitgenössischen Maler, darauf angelegt zu haben, die junge Schweizerin (hier ein Portrait von Nathaniel Dance) als ein Flittchen auf Männerjagd darzustellen.

She was ridiculously fond of displaying her person and being admired, for which purpose she one evening took her station in one of the most conspicuuous boxes of the theatre accompanied by Nathaniel Dance and another artist, both of whom as well as many others were desperately enamoured of her, while she was standing between her two beaux, and finding an arm of each most longingly embracing her waist, she contrived, whilst her arms were folded before her on the front of the box over which she was leaning, to squeeze the hand of both, so that each lover concluded himself beyond all doubt the man of her choice, schreibt John Thomas Smith, der zu der Zeit in Italien ist und später bei West studiert. Aber Smith (in den sie angeblich auch einmal verliebt gewesen sein soll) hat eine schnelle und böse Zunge, er ist zwar ein Kleinmeister der Verleumdung, aber nicht unbedingt der zuverlässigste Zeitzeuge.

Und dann ist da noch die Geschichte mit der angeblichen Verlobung mit Nathaniel Dance, die sie gelöst haben soll, als sie Joshua Reynolds kennenlernte (den sie hier auch in einem Van Dyke suit malt). Das sagt Joseph Farington, allerdings beginnt er sein berühmtes Diary erst im Jahre 1793, alles was die Klatschbase der Kunst da sagt, ist aus zweiter, meist dritter Hand. In einem Brief des schottischen Abbé Peter Grant, der mit vielen der englischen Romreisenden bekannt ist, heißt es 1765: Mr Dance if you remember him made strong love to her the whole of last winter, and was really so far gone in his tender passion that he was truly to be pitied, but all his address was not able to make the smallest impression upon her heart her whole raptures not having any other object than that of excelling in her profession. Das klingt nicht gerade nach bevorstehender Verlobung in London.

Vergessen wir bei all dem nicht: dies ist das Zeitalter der emphatischen Liebesschwüre, The Man of Feeling ist nicht nur ein Romantitel, es ist ein Programm für eine ganze Epoche, das age of sensibility. Natürlich kann man Selbstmord aus Liebe begehen, Goethes Werther wird dafür berühmt, die meisten behelfen sich aber mit sentimentalen Klagen. Und nachträglich bösem Klatsch. Gentlemen sind das nicht, das sind Künstler. Was Arnold Böcklin über seine Malerkollegen sagte, gilt sicher auch für die vielen liebeskranken Herren im London des 18. Jahrhunderts: Sie sind Streber, Affairisten, Jongleure: der eine will reich, der andere gesellschaftlich angesehen, der dritte berühmt oder berüchtigt, der vierte Akademiedirektor werden. Keiner denkt daran, ruhig ohne rechts und links zu blicken, das, was in ihm ist, auszubilden. Der Höhepunkt der Verleumdungsaktion ist vielleicht dieses Bild von Nathaniel Hone, das Joshua Reynolds als eine Art Jahrmarktsmagier zeigt. Es ist der Gegenstand eines großen Kunstskandals. Angelika Kauffmann soll eine der tanzenden Nackten auf dem Bild oben links in der Ecke sein. Sie beklagt sich bei der Royal Academy, Hone muss die nackten Damen übermalen.

Es ist schwer für eine selbständige Frau, in dieser Zeit einen geraden Weg zu gehen, ruhig ohne rechts und links zu blicken. So pointiert übertrieben das Buch The obstacle race: the fortunes of women painters and their work von Germaine Greer häufig ist, in vielem kann man ihr bei dem Kapitel über Angelika Kauffmann nur zustimmen. Der größte Fehler ihres Lebens ist ihre heimliche Hochzeit mit dem schwedischen Grafen Frederick de Horn gewesen, einem Heiratsschwindler, der es nur auf ihr Geld abgesehen hat.  Germaine Greer sagt darüber: it simply increased her notoriety and with it her vulnerability. Von nun an werden sich die Gerüchte und Verleumdungen jagen. Jean-Paul Marat wird behaupten, dass er sie verführt habe - es ist ja nur gerecht, dass er in einer Badewanne von einer Frau erstochen wird. Das wäre doch mal ein schönes Thema für die Malerin gewesen, das hätte sie nicht Jacques-Louis David überlassen sollen!

Wir stellen uns die englische Gesellschaft des 18. Jahrhunderts immer gerne so vor wie auf dem Bild von Mr und Mrs Andrews von Gainsborough. Wir sollten sie uns vielleicht besser so vorstellen, wie sie uns auf den Bildern von William Hogarth entgegentritt: ordinär, lüstern, hinterlistig und verschlagen. Der Lebensweg von Lady Emma Hamilton wäre ein Beispiel dafür. Es ist für Angelika Kauffmann nur von Vorteil, wenn sie nach ihrer Heirat mit dem Maler Antonio Zucchi London verlässt und nach Rom zieht. Der so schwer liebeskranke Nathaniel Dance, der für sein Portrait von James Cook bekannt wird, heiratet eine reiche Witwe, wird Baronet und kauft sich ein großes Landhaus. Und gibt das Malen auf. Er schenkt Gilbert Stuart seine ganzen Malutensilien.

Die Londoner Jahre, die unglückliche Heirat mit dem schwedischen Heiratsschwindler, die ständigen Verleumdungen (wie zum Beispiel die Karikatur The Paintress of Macaronis), haben ihre Spuren hinterlassen. Die Malerin wird sich nicht mehr wirklich weiterentwickeln. Sie wird nicht einsam und verlassen sein wie diese von Theseus verlassene Ariadne. Sie wird mit Goethe befreundet sein, der ihr schreibt Es ist wahr, ich bin mit meinem Geiste so nahe bei Ihnen wie mein eigener Schatten, aber in ihrer Kunst lebt sie von ihrem alten Ruhm. Ihre Begräbnis wird von Antonio Canova zu einem prunkvollen Staatsbegräbnis gestaltet, und man hat sie bis heute nicht vergessen.

Die erste große Angelika Kauffmann Retrospektive fand 1998 in Düsseldorf statt, und da mir mein Freund Götz damals den Katalog aus seiner Heimatstadt mitgebracht hat, bin ich natürlich bestens informiert. Der sehr gute Katalog, den man noch antiquarisch finden kann, wurde von Bettina Baumgärtel herausgegeben, die zuvor mit der Dissertation Angelika Kauffmann (1741-1807): Bedingungen weiblicher Kreativität in der Malerei des 18. Jahrhunderts hervorgetreten war. Ich lese bei Katalogen zuerst immer die Fußnoten, zugegeben eine déformation professionnelle, und so ist mir ein kurioser kleiner Fehler nicht entgangen: Benjamin West war mit keiner Miss Sewel verlobt. Die Frau, die West zwei Jahre nach der Begegnung mit den jungen Angelika heiratete, hieß Elizabeth Shewell.

Seit der Düsseldorfer Ausstellung 1998 hat es in den letzten Jahrzehnten immer wieder Ausstellungen für sie gegeben. Im Angelika Kauffmann Museum Schwarzenberg gibt es eine Dauerausstellung für sie. Dies Selbstbildnis zeigt sie im weißen Kleid der Unschuld hingerissen zwischen den Allegorien der Musik und der Malerei. Sie wird den Weg gehen, den ihr die energische Blonde zeigt. Mit einer Handbewegung nimmt sie Abschied von der Allegorie der Musik, die ihre Entscheidung zu verstehen scheint. Der irische Maler James Barry, der den Tod des General Wolfe so ganz anders gemalt hat als Benjamin West, hat über diese Szene gesagt: Some may say that this is great, since it was executed by a female; but I say that whoever produced such a picture, in whatever age or whatever country, it is great, it is noble, it is sublime! How I envy plaintive Music the squeezes she now receives, the impression seems deeply imprinted on her her - all is feeling, energy and grace! Er musste so etwas sagen, wir sind nun mal im age of sensibility. Das Bild mit der hin und hergerissenen Angelika zwischen den beiden Allegorien ist ihr berühmtestes Bild geworden. Wir wissen nicht, was aus ihr geworden wäre, wäre sie eine Opernsängerin geworden.

Freitag, 29. Oktober 2021

der bestrafte Wüstling


Ja, das ist der Originaltitel der Oper: Il dissoluto punito mit dem Zusatz: ossia il Don Giovanni. Zu Don Giovanni gab es ja hier letztens den Post Don Giovanni in Salzburg, der von vielen tausend Lesern goutiert wurde. Ich komme noch mal auf Mozarts Oper zurück, die am 29. Oktober 1787 in Prag aufgeführt wurde. Mozart dirigierte selbst, wir wissen dank eines tschechischen Films aus dem Jahre 1971, wie das ausgesehen hat. 

Die Pressereaktion sah so aus: Montags, den 29. wurde von der italienischen Operngesellschaft die mit Sehnsucht erwartete Oper des Meisters Mozart 'Don Giovanni oder Das Steinerne Gastmahl' gegeben. Kenner und Tonkünstler sagen, daß zu Prag ihres Gleichen noch nicht aufgeführt worden. Hr. Mozart dirigierte selbst, und als er in’s Orchester trat, wurde ihm ein dreymaliger Jubel gegeben, welches auch bei seinem Austritte aus demselben geschah. Die Oper ist übrigens äußerst schwer zu exequiren und jeder bewundert dem ungeachtet die gute Vorstellung derselben nach so kurzer Studierzeit. Alles, Theater und Orchester bot seine Kräfte auf, Mozart zum Danke mit guter Exequirung zu belohnen. Es werden auch sehr viele Kosten durch mehrere Chöre und die Dekorazion erfordert, was alles Herr Guardasoni hergestellt hat. Die außerordentliche Menge Zuschauer bürgen für allgemeinen Beifall. 

Mozart hatte die Oper bei seinen Freunden in der Prager Villa Bertram vollendet, er schrieb gegen die Zeit an, die Ouvertüre hatte er erst zur Generalprobe fertig. Und die Konzertarie, die er seiner Gastgeberin, der Sängerin Josepha Duschek, versprochen hatte, die hatte er immer noch nicht fertig. Am 3. November 1787 sperrte ihn die Sängerin in dem kleinen Pavillion im Park ein und sagte ihm, er käme da erst wieder heraus, wenn er die Arie fertig habe. So soll Bella mia fiamma – Resta, o cara entstanden sein. Aber so genau weiß man das nicht.

In meinem ersten Jahr als Blogger gab es am 29. Oktober den Post Don Giovanni. Ein Jahr später gab es am 29. Oktober den Post La ci darem la mano. Sie merken, die Sache mit dem Datum der Uraufführung habe ich drauf. Meine Lieblingsinszenierung der Oper ist dreißig Jahre alt, dirigiert von dem australischen Dirigenten Sir Charles Mackerras.

Mackerras war nach dem Zweiten Weltkrieg zum Studium nach Prag gegangen und hatte Janácek neu entdeckt. Die lieben ihn da heute noch. Mit dem Prager Kammerorchester hat er alle einundvierzig Mozart Symphonien eingespielt. Und als 1991 das Prager Ständetheater frisch renoviert eröffnet wurde, da durfte die Don Giovanni Aufführung am Ort der Uraufführung natürlich niemand anderer dirigieren als der frischgebackene Prager Ehrenbürger Mackerras. Mit dem Orchester, Chor und Ballet des Nationaltheaters Prag am 200. Todestag Mozarts. Vaclav Havel war auch da. Es gibt davon eine DVD, die zum Billigpreis bei Amazon verhökert wird, man kann sie für einen Cent bekommen. Und wenn man auch keinen der Sänger kennt, die Aufführung ist einfach nur schön, weil sie einen für zweieinhalb Stunden ins 18. Jahrhundert zurückversetzt. Das hat Mackerras an diesem historischen Ort mit einer schön altmodischen Inszenierung auch besser gefallen, als wenn er Opern dirigieren musste, bei denen das so genannte Regietheater eine schrill modernistische Inszenierung auf die Bühne brachte. Er war das irgendwann leid und hat sich ein Mitspracherecht bei Operninszenierungen ausbedungen. Die Ratten, Ziegen, Pudel und das Auto, die es in diesem Jahr in Salzburg auf der Bühne gab, hätten ihm bestimmt nicht gefallen.

Der Post La ci darem la mano beginnt mit einem Auto auf der Bühne, aber das fällt nicht als Gag krachend aus dem Schnürboden wie in Salzburg, das gehört da schon hin. Weil da nicht Mozarts Don Giovanni gespielt wird, sondern George Bernard Shaws Variation der Oper, das Theaterstück Man and Superman. Ein Stück, wo sich im dritten Akt Don Juan, Donna Ana und der Komtur in der Hölle wiederfinden und mit dem Teufel diskutieren. Shaw beherrschte das Klavier, und unter dem Pseudonym Corno di Bassetto schrieb er jahrelang Musikkritiken, bevor er als Dramatiker berühmt wurde. Er hat gesagt: All my musical self-respect is based on my keen appreciation of Mozart’s work. Und er hat auch gesagt: From Mozart I learnt to say important things in a conversational way.

Im Frühjahr hatte es schon eine Don Giovanni Aufführung gegeben, die kein solches Presseecho hatte wie die Salzburger Inszenierung. Die Hamburger Hochschule für Musik und Theater gestaltete unter der Leitung von Professor Ulrich Windfuhr wegen Corona eine konzertante Aufführung, nur die Sänger waren ohne Maske. In Prag gab es 2021 auch einen Don Giovanni. Ohne Masken, aber auch ohne Publikum. Man hatte sich den Regisseur Alexander Mørk-Eidem, der bisher sehr wenige Opern inszeniert hatte, in das Nationaltheater geholt. Man wusste, dass er das Stück ganz anders inszenieren würde, als es 1991 zur Neueröffnung des Theaters in Szene gesetzt wurde. Sie können die Inszenierung hier sehen. Ist sehr interessant, interessanter als die Salzburger Version, ähnelt ein bisschen dem Don Giovanni aus Aix-en-Provence, den ich hier noch einmal anbiete. Dirigent war Karsten Januschke, es war für ihn und die Sänger ein wenig traurig, dass die Premiere wegen der Corona Epidemie ohne Zuschauer stattfand. Aber dafür wurde sie vom tschechischen Fernsehen live übertragen und aufgezeichnet. Sie ist jetzt in guter Qualität dank OperaVision bei YouTube zu sehen. Es lohnt sich unbedingt, das anzusehen.
 
Hoffentlich gefällt es auch Mozart dort oben, betitelte Radio Prag seinen Bericht über die Aufführung. Ich glaube es gefällt ihm bestimmt. Ich glaube auch, der Salzburger Don Giovanni hat ihm nicht gefallen.

Noch mehr Don Giovanni in den Posts: Don Giovanni, La ci darem la mano, Don Giovanni in Salzburg, Premiere, Champagnerarie, zwei Opern in Berlin, Dietrich Fischer-Dieskau, Charles Mackerras

Sonntag, 24. Oktober 2021

die Bremer Rembrandts


Der Maler Jan Lievens wurde am 24. Oktober 1607 in Leiden geboren. Er war, wie Rembrandt, ein Schüler von Pieter Lastman, und er teilte sich in den 1620er Jahren mit Rembrandt eine Werkstatt. Er war zu seinen Lebzeiten sehr berühmt, war ein Wunderkind, malte den englischen König Charles I. Heute steht er im Schatten von Rembrandt. Ein echtes Bild von ihm kann man schon für 912.000 Euro bekommen, einen Rembrandt bekommt man dafür nicht. Die meisten Bilder von Lievens, die auf dem Kunstmarkt auftauchen, werden von den Auktionshäusern mit dem Zusatz Schüler von Jan Lievens oder aus dem Umkreis von Lievens versehen.

Die Kunsthalle Bremen hat einen schönen Jan Lievens, aber das erfuhren die Besucher der Kunsthalle beinahe ein Jahrhundert lang nicht. Das Bild des Apostel Paulus hatte der Bankier John H. Harjes bei der Kunsthandlung Charles Sedelmeyer in Paris als Rembrandt gekauft und der Bremer Kunsthalle anläßlich seiner Goldenen Hochzeit im Jahre 1911 geschenkt. Er war 1829 in Bremen geboren und mit seinen Eltern 1849 nach Baltimore ausgewandert. Er begann als Lehrling in einer Bank, wo er für das Nachfüllen von Tinte in den Tintenfässern zuständig war. Wenig später hat er mit einigen Kompagnons eine eigene Bank.

Er verlagert seine Geschäfte nach Paris, auf diesem Portrait, das er sich 1903 von Fedor Encke malen ließ, trägt er die kleine rote Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch. Er beschenkt nicht nur seine Heimatstadt Bremen mit dem Rembrandt und anderen Kunstwerken, auch die Johns Hopkins Universität in Baltimore wird von ihm bedacht. Und der Stadt Paris schenkt er ein Benjamin Franklin Denkmal. Er hat mittlerweile einen neuen Teilhaber in der Bank, der noch reicher ist als er und noch mehr Kunst kauft als er. Es ist niemand anderer als John Pierpont Morgan.

Wir wissen inzwischen, dass der Apostel Paulus, unter dem lange ein goldenes Täfelchen mit dem Namen Rembrandt war, nicht von Rembrandt ist, es ist ein Lievens. Aber zu der Zeit, als Günter Busch Direktor der Kunsthalle war, blieb diese falsche Zuschreibung unter dem Bild. Irgendwie hat Busch kein glückliches Händchen mit seinen Rembrandts, zu dem zweiten Bremer Rembrandt komme ich gleich. 1948 ist bei Trüjen in Bremen (dem Verlag von Trude Wehe) ein kleines Pappbändchen mit dem Titel Museum-Heute erschienen, das war die erste Publikation der Kunsthalle nach dem Krieg. Darin ist eine Interpretation des angeblichen Rembrandtbildes von Manfred Hausmann. Und wenn man die gelesen hat, dann ist einem richtig schlecht. Egal, ob man Kunstgeschichte studiert hat oder nicht. Das Wort Gesülze trifft es nicht, es ist schlimmer.

Dies hier ist der zweite Bremer Rembrandt. Das 1959 dank einer Sonderzuwendung der Freien Hansestadt Bremen gekaufte Bild ist wohl auch nicht echt. Wird heute in dem Katalog der Gemälde der Kunsthalle, den Corinna Höper 1990 erstellte, als Umkreis des Rembrandt bezeichnet. Es ist ein Problem mit den Rembrandts. In Havanna gibt es übrigens eine Kopie von dem Bild, aber dort man man nie behauptet, dies sei ein echter Rembrandt. 1914 hielt >Cornelis Hofstede de Groot 988 Gemälde Rembrandt für echt, in den dreißiger Jahren waren es nur noch sechs- bis siebenhundert. Und heute lässt die holländische Rembrandt Research Gruppe nur noch 324 als eigenhändig gelten. Er hier gehört nicht dazu.

Ich fand ihn damals toll, der junge Herr sieht ja auch sehr elegant aus. Aber mein Freund Peter hatte schon Anfang der sechziger Jahre seine Zweifel. Wir mochten, als wir jung waren, Günter Busch überhaupt nicht. Das Gutachten, auf das man sich beim Kauf stützte, kam von Kurt Bauch, und dessen Ruf als die Rembrandt Kapazität war in den fünfziger Jahren im Schwinden begriffen. Seine NSDAP Zugehörigkeit kam ans Licht, und eine Vielzahl von Gefälligkeitsgutachten kratzte seinen Ruf an. Dennoch könnte es einen Rest von echtem Rembrandt geben. So glaubt Werner Sumowski, Autor des Standardwerks über die Rembrandtschüler, dass unter der Vielzahl der Übermalungen bei diesem Bild vielleicht doch die Ruine eines echten Rembrandts liegt. Es ist mir ehrlich gesagt egal, mir gefällt das Bild. Ich würde es auch nehmen, wenn die es in Bremen mal nicht mehr haben wollen.

Solange Günter Busch (hier links im Bild) Direktor der Bremer Kunsthalle war, waren die beiden Bilder echte Rembrandts. Danach nicht mehr. Wenn er mit seinen Rembrandts Pech hatte, er hat auch seine Verdienste. Er hat nach dem Krieg die zerstörte Kunsthalle (in der auch das Bild Washington Crossing the Delaware verbrannte) wieder aufgebaut. Günter Busch ist in vielen Schriften ein blendender Stilist gewesen. Ein Buch wie Das Gesicht: Aufsätze zur Kunst gibt davon Zeugnis. Er schreibt allgemeinverständlich, aber er biedert sich nicht an. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er wie sein Nachfolger Wulf Herzogenrath mit Yoko Ono aufgetreten wäre. Er pflegte seine Kontakte zum Kapital und den Mäzenen eher im Stillen. Wenn er sich photographieren ließ, dann nur mit Bundespräsidenten und Bundeskanzlern. Zum 65. Geburtstag schickte ihm der Kanzler Helmut Schmidt, dem er einstmals die Paula Becker-Modersohn Ausstellung gezeigt hatte, ein Telegramm mit Glückwünschen. Auch wenn seine Liebhabereien wie Zeichnungen oder Paula Becker-Modersohn (von der er dreizehn Bilder in seiner Amtszeit kaufte) keineswegs die meinen waren, für vieles bin ich Busch dankbar. Für die Ausstellung und den Katalog Zurück zur Natur im Jahre 1977 und die Eugène Boudin Ausstellung 1979 könnte ich ihn knutschen. Und ihm alles verzeihen, was ich jemals gegen ihn hatte.

Aber Bremen hat auch echte Rembrandts. Ganz viele. Nämlich die Kupferstiche. Die kenne ich alle, Blatt für Blatt. Als ich ein Praktikum im Bremer Kupferstichkabinett machte, habe ich sie alle in der Hand gehabt. Ich hatte natürlich weiße Handschuhe an. Vieles, was die Kunsthalle heute besitzt, habe ich damals nicht gesehen, denn viele der Kriegsverluste, wie zum Beispiel der Hl. Hieronymus, lesend in italienischer Landschaft, sind nach einem langen Weg erst 2013 zurückgekehrt.


Samstag, 23. Oktober 2021

Champion Jack Dupree

Anfang der sechziger Jahre habe ich Champion Jack Dupree nachts auf einem Segelboot im Hafen von Kopenhagen in einem schäbigen kleinen Transistorradio gehört: My name is Champion Jack Dupree, and they are broadcasting me... Jahre später habe ich ihn nach einem Konzert hinter der Bühne erwischt. Und da hat er mir mit einem dicken schwarzen Filzer, wie ihn Möbelpacker zum Beschriften der Umzugskisten verwenden, ein Autogramm auf die in einer Plastiktüte mitgeschleppte Platte geschrieben. Yours Champion Jack Dupree 1975. Als Dupree 1992 in Hannover starb, haben seine Freunde auf seinen Wunsch eine richtige New Orleans Beerdigung für ihn veranstaltet. Das fand ich sehr rührend. 

Das steht in dem Post Mein Klavier, und alles ist wahr. Die signierte LP habe ich natürlich noch, und ein paar CDs von ihm besitze ich auch. Wenn Sie einen Eindruck davon bekommen wollen, was er 1960 in Kopenhagen so spielte, dann klicken Sie einmal When I Left Home oder Snaps drinking woman an. Das Internet ist gut zu ihm, auf YouTube gibt es viel von Champion Jack Dupree zu hören. Der Musiker wurde als William Thomas Dupree am 23. Oktober 1909 geboren, aber vielleicht stimmen Tag, Monat und Jahr auch nicht. Seine Leben ist voller Legenden. Wahrscheinlich ist es keine Legende, dass der KuKluxKlan das Haus in New Orleans angezündet hat, in dem seine Eltern verbrannten. Wenn einer prädestiniert ist, den Blues zu singen, dann ist das Jack Dupree:

I searched the graveyards over 
to find where my mother lay
all my faith was in vain
and I still don’t know until today
When I was one year old
my sisters and brothers give me away
ever since that day I’ve been hoping 
to find a real place to stay
Sometime I wake up cryin’
and I don’t know what I’m cryin’ for
people you know I’m a man
and a man ain’t supposed to cry.

Eine Jugend in Heimen und auf der Straße. Eine Schulbildung bekommt er im Waisenhaus für schwarze Kinder (in dem der junge Louis Armstrong auch einmal war) nicht. Aber er lernt Kochen. Und Boxen. Und Klavierspielen. Er trifft Joe Luois, der ihm rät, Boxer zu werden. Wenn er nicht boxt, arbeitet er als Koch. Im Krieg ist er in der US Navy. Als Koch. Landet in einem japanischen Kriegsgefangenenlager, aber über die zwei Jahre hat er sich nie beklagt: Black people lived good because they weren't put with the whites. We cooked for ourselves and played ball... I cooked for the Japanese officers, so I had to eat what they ate, so it wouldn't be poisoned. I had help and everything, a nice room, a bottle of cognac a month, cigars, cigarettes -- it was just like working in a hotel, but with no place to go

Er findet schnell wieder Anschluss an die Musikerszene, tritt im berühmten Cotton Club auf. 1951 war er schon auf dieser Platte von Folkways mit drauf, und Folkways, das bedeutete einiges. Lesen Sie an dieser Stelle doch einmal den Post Folksongs. Nebenbei arbeitet er immer wieder als Koch. Ist Chefkoch an der jüdischen Yeshiva University in New York, cookin’ for rabbis, because in my time, they didn’t like so much blues in New York. In den dreißiger Jahren war er schon überall aufgetreten, nicht in Louisiana, da haben Schwarze wenig Chancen außerhalb der billigen Kneipen und Bordelle. Als Storyville geschlossen wird, zieht es alle nach Chicago. Dupree auch, der sich nach einhundertsieben Boxkämpfen jetzt Champion nennt. Aber er vergisst nie, woher er kam: Now Ladies And Gentlemen This is old Champion Jack Dupree at the ivories again. Right direct from New Orleans Louisiana. Way down in the Bottom. And I ike to do You some of them old Saturday Night Specials. Steht auf meiner orangeroten LP drauf, die vom dänischen Label Storyville kam, dem vielleicht wichtigsten europäischen Label der fünfziger Jahre.

Einer Plattenfirma kann man Dupree kaum zuordnen, er ist das, was man einen label hopper nennt. Heute hier, morgen da. Ich habe hier eine sehr schöne Seite von Stefan Wirz mit einer wahrscheinlich kompletten Diskographie. 1959 ist er nach Europa gegangen. Viele schwarze Kollegen von ihm sind schon da, sitzen in Paris. Die sind berühmter als er, sie heißen Charlie Parker, Miles Davis, Don Byas undundund. Dupree meidet Paris. Er zieht in die Schweiz, dann nach Dänemark, England und schließlich nach Hannover. Man mag ihn in Europa. Nach dreißig Jahren ist er für zwei Konzerte in die USA zurückgekommen, dort bleiben wollte er nicht, er betrachtete Hannover als seine Heimat. Mit dem modernen Jazz hatte er nichts zu tun, er spielte den barrelhouse piano Stil wie in den dreißiger Jahren. Mit der Kraft der Hände eines Boxers: I’m a bluesman and I’m gonna die that way, hat er einmal gesagt. Es ist eine Musik, die man immer wieder hören kann.

Vor sechzig Jahren träumte ich davon, einmal so Klavier spielen zu können wie Champion Jack Dupree. Meine Klavierlehrerin hatte dafür kein Verständnis.

Montag, 18. Oktober 2021

The Whale


Der Roman The Whale, der heute vor einhundertsiebzig Jahren bei Richard Bentley in London erschien, bestand aus drei Bänden, die so genannten three-decker waren damals große Mode. Den viktorianischen three-decker hatte Bentley quasi erfunden. Das hatte auch praktische Gründe, Leihbibliotheken liebten es, wenn der Roman in drei Teilen erhältlich ist. Die Bände dieses Romans sind realitiv klein (115 x 188 mm), Verleger nennen das ein Duodez Format. Bentley druckte fünfhundert Exemplare des Romans, eins davon ist vor Jahren bei Sotheby's für 137.500 Dollar verkauft worden. Eine amerikanische Erstausgabe kostet heute ungefähr 60.000 Dollar, als der Roman erschien, konnte man ihn für einen Dollar und fünfzig Cent haben. Den Roman The Whale, kennen wir heute als >Moby-Dick. Wenn Sie diesen Link anklicken, landen Sie in der besten Ausgabe von Moby-Dick, die es im Internet gibt. Und sie ist als Text zuverlässiger als die englische Erstausgabe, die Setzer und Lektoren von Bentley haben an Melvilles Text herumgepfuscht. Und das letzte Kapitel, den Epilogue, haben sie zu drucken vergessen. In dem Epilog steht, dass der Erzähler Ishmael den Untergang der Pequod überlebt hat, das erfuhren die englischen Leser im Jahr 1851 nicht. Dass Moby-Dick in der Londoner Erstausgabe The Whale heißt, daran ist Richard Bentley aber nicht schuld. Das hat sich Melville erst in der letzten Minute überlegt, und der Titel findet sich zuerst in einem Brief von seinem Bruder Allan an Richard Bentley im September 1851. Wenn der Brief in London ankommt, ist The Whale schon gedruckt.

Erst einhundert Jahre nach dem Erscheinen des Romans gab es eine wissenschaftlich seriöse Ausgabe, die von Luther S. Mansfield und Howard P. Vincent herausgegeben worden war. Die nächsten relevanten Ausgaben waren 1967 die Norton Critical Edition von Harrison Hayford und Hershel Parker und 1988 der sechste Band der Northwestern-Newberry Edition, herausgegeben von Harrison Hayford, G. Thomas Tanselle und Hershel Parker. Parker, der 1967 seine Doktorarbeit über Melville geschrieben hat, hat 2012 eine zweibändige Melville Biographie veröffentlicht. Und er hat fünfzig Jahre nach der ersten Norton Critical Edition diese noch einmal überarbeitet, diese Ausgabe bleibt der wichtigste kritische Text von Moby-Dick. Hershel Parker ist im hohen Alter auch noch Blogger geworden, das finde ich sehr witzig. Ich bin natürlich einer seiner Leser. Mein persönlicher Lieblingstext von Moby-Dick ist die von Harold Beaver kommentierte Penguin Ausgabe: 600 Seiten Text, über 300 Seiten Kommentar, unglaublich. Ich habe gerade bei Amazon ein Exemplar zum Preis von 2,21€ gesehen. Lohnt sich unbedingt.

Es gibt eine Vielzahl von deutschen Übersetzungen von Melvilles Moby-Dick, von denen die meisten so schlecht sind, dass man sie nicht zu erwähnen braucht. Die aber immer noch nachgedruckt werden. Lesen Sie doch einmal den Post Fritz Güttinger, dann wissen Sie mehr. Wenn Sie antiquarisch noch Güttingers Übersetzung (Manesse) finden können, dann kaufen Sie sie. Ansonsten bietet sich die dank der Initiative des Amerikanisten Daniel Göske bei Hanser entstandene Übersetzung von Matthias Jendis an. Wenn man nach einem Buch sucht, in dem beinahe alles zu Melvilles Leben und Werk steht, dann kann ich nur Andrew Delbanco empfehlen. Gibt es auch in deutscher Sprache bei Hanser. Es ist so geschrieben, dass es von jedermann gelesen werden kann. Das Buch hat eine Rezension bei Amazon, nach der Delbanco angeblich Journalist ist. War er nie, er hat einen Doktortitel von Harvard und war jahrzehntelang Professor an der Columbia University. One can hardly imagine a more artful or succinct biography of Herman Melville, one that makes his fiction seem not only relevant but urgent, presenting the familiar facts in a fashion that makes the life and work luminously comprehensible, schrieb Jay Parini (dem wir auch das schöne Buch The passages of Herman Melville verdanken) im Guardian. Glauben Sie lieber ihm und nicht dem Amazon Rezensenten. 

Der deutsche Wikipedia Artikel, der gegenüber dem englischen Artikel in Länge und Qualität stark abfällt, kennt Delbanco nicht. Er offeriert aber ein Buch von Eugen Drewermann, dazu möchte ich jetzt lieber nichts sagen. Im englischen Artikel finden sich unter der Sekundärliteratur die repräsentativen Namen der Melville Forschung. Aber kaum einer diesen Namen schafft es in den deutschen Artikel. Wo den Beiträgern eines Projekts (das keinen Amerikanisten in seinen Reihen hat), das in der Neuen Rundschau veröffentlicht wird, viel Platz eingeräumt wird, es aber keinen Platz für Newton Arvin (aus dessen Nachlaß ich zwei Bücher besitze), F.O. Matthiessen oder Charles Olson hat. Das kann man vom Aspekt dessen, was ein Lexikon bieten soll, nur als armselig bezeichnen. Bei mir können Sie übrigens hier Olsons >Call me Ishmael im Volltext lesen.

Last night dined with M ' Bentley, and had a very pleasant time indeed. I begin to like him much. He seems a very fine frank off-handed old gentleman, schreibt Melville im Dezember 1849. Normalerweise fand er keinen Verleger nett, alles nur tradesmen, haben keinen Verstand, keinen Sinn für wirkliche Literatur. Anfang 1851 hatte Melville Richard Bentley angekündigt: In the latter part of the coming autumn I shall have ready a new work ... a romance of adventure, founded upon certain wild legends in the Southern Sperm Whale Fisheries and illustrated by the authors own personal experience, of two years & more as a harpooneer ... I do not know that the subject treated of has ever been worked up by a romancer; or, indeed, by any writer in any adequate manner. Ich weiß nicht, was sich Bentley unter dieser Inhaltangabe vorgestellt hat. 

Aber romance of adventure und certain wild legends sind natürlich so Begriffe, die ein Verleger versteht. Wenn dieser Melville ihm doch wieder so etwas schreiben würde wie Typee (bei seinem Konkurrenten John Murray erschienen), einen Roman über Südsee, Menschenfresser und nackte Südseeschönheiten. Das kann man verkaufen. Aber dann hat er dieses scheußliche Mardi geschrieben, hat sich überhaupt nicht verkauft. Immerhin konnte man Redburn und White-Jacket verkaufen. Mit dem blöden Dickens hat Bentley sich schon vor Jahren verkracht, aber dass er 1834 die Rechte von Bulwer-Lyttons Last Days of Pompeii gekauft hat, das war schon ein Geistesblitz. Das Buch verkauft sich nach zwanzig Jahren immer noch. Und dass er 1832 von dem Bruder und der Schwester von Jane Austen die Rechte für alle ihre Romane gekauft hat, dass war auch ein schöner Coup. Da hatte es nach ihrem Tod 1817 keine Neuauflage mehr gegeben, aber seit er 1833 damit herauskommt, verkauft sich das Zeug. Und dann hat er ja noch diesen amerikanischen Gentleman James Fenimore Cooper als Autor. Was der schreibt, kann man immer gut verkaufen. Bentley hat auch gewisse Hoffnungen auf diese romance of adventure. Melville bekommt einen Vorschuss von 150 Pfund Sterling. Das ist 1851 viel Geld.

Melvilles amerikanischer Verleger Harper & Son bekommt im November 1851 eine werbemäßige Unterstützung, mit der er nicht rechnen konnte. Am 5. November meldet die New York Times, dass das Schiff Ann Alexander von einem Wal gerammt wurde und untergegangen ist. It is really & truly a surprising coincidence - to say the least. I make no doubt it is Moby Dick himself, for there is no account of his capture after the sad fate of the Pequod about fourteen years agon. - Ye Gods! what a Commentator is this Ann Alexander whale. What he has to say is short & pithy & very much to the point. I wonder if my evil art has raised this monster, schreibt Melville in einem Brief vom 7. November 1851. Harper & Son verkaufen in den nächsten Jahrzehnten 3.715 Exemplare von Moby-Dick, or the Whale, Melville verdient daran 556 Dollar. Als er 1891 stirbt, ist seit zwanzig Jahren kein Buch von ihm mehr lieferbar. Bei seinem Tod konnte die New York Times den Romantitel Moby-Dick nicht einmal richtig schreiben, entschuldigte sich aber Tage später in ihrem Nachruf dafür. Man hatte den Zollbeamten aus dem New Yorker Hafen, der früher einmal Romane schrieb, völlig vergessen.

Es dauert Jahrzehnte, bis man ihn wiederentdeckt, bis er von an absolutely forgotten man zu Amerikas wichtigstem Schriftsteller wird, bis Leslie A. Fiedler ihn our truest contemporary, who has revealed to us the traditional theme of the deepest American mind nennen kann. Es ist das Werk zweier Männer, des Amerikaners Raymond Weaver und des Engländers Michael Sadleir. Carl van Doren, der Herausgeber von The Nation hatte Raymond Weaver gefragt, ob der nicht etwas zum hundertsten Geburtstag Melvilles schreiben könne. Weaver hielt das für die einfachste Sache der Welt, musste aber in der Bibliothek feststellen, dass man zwar einiges an Werken Melvilles besaß, dass es aber keine Sekundärliteratur gab. Nichts, gar nichts. Weaver schrieb seinen Artikel für The Nation, in dem er über Moby-Dick sagte: Born in hell-fire, and baptized in an unspeakable name, Moby-Dick, or the Whale (1851), reads like a great opium dream. Die Zeitschrift The Nation ist immer noch stolz auf den Artikel, wie Katrina vanden Heuvel, die heutige Herausgeberin, schreibt.

Raymond Weaver bleibt bei dem Thema Herman Melville und veröffentlicht 1921 die erste Biographie Melvilles, Herman Melville, mariner and mystic (hier im Volltext). Bei der Oxford University Press erschien 1920 eine Ausgabe von Moby-Dick mit einem Vorwort von Viola Meynell (der Tochter von Alice Meynell). Aber das ist nicht genug für den Büchersammler und Verleger Michael Sadleir, der gerade Direktor des englischen Verlags Constable geworden ist. This long and careful book is based on the papers and information of the Melville family and represents the sum of present-day knowledge of Melville's life and ideas, schreibt er in >Excursions in Victorian Bibliography (hier im Volltext) über das Buch von Weaver. Melville ist der einzige Amerikaner, den Sadleir in seinem Buch behandelt: A very minor result of the same Melville boom is his inclusion in this book. Save in the matter of date, he has little in common with the other writers here treated. They are of Victorianism Victorian; he, if he belongs to any period or to any genealogy, is of the ageless, raceless family of the lonely giants. Da ist er nun unser Melville, in der raceless family of the lonely giants. 

Sadleir sorgt dafür, dass die englischsprachige Welt den lonely giant kennenlernt: zwischen 1922 und 1924 erscheinen bei Constable in London zwölf Bände der Standard Edition, Herausgeber sind  Raymond Weaver und Willard Thorp. Weaver arbeitet auch für die New Yorker Verleger Albert und Charles Boni, wo er 1925 einen Moby-Dick herausgibt. 1925 ist das Jahr, in dem William A. Kittredge, Designer der Lakeside Press, den Künstler Rockwell Kent beauftragt, für ihn eine illustrierte Ausgabe von Moby-Dick zu gestalten. Die kommt 1930 auf den Markt, drei Bände in einem Aluminiumschuber, limitiert auf tausend Exemplare. Kittredge findet es the greatest book done in this generation. Es gilt heute als eins der schönsten Bücher der 20. Jahrhunderts.

Es wird auch die bekannteste Ausgabe von Moby-Dick. Robert Frost schreibt sie mit den Zeilen Oh, you mean Moby Dick By Rockwell Kent that everybody's reading in A Masque Of Mercy hinein. Random House will das Buch mit den Illustrationn unbedingt haben, es erscheint im selben Jahr bei ihnen in einer einbändigen Ausgabe. Das weiß ich, weil die bei mir im Regal steht. So ein Buch kostet heute schon richtiges Geld, ein amerikanischer Händler will 1.276 Euro dafür haben - für die Lakeside Edition muss man mindestens 5.000 Euro auf den Tisch legen. Es ging Random House nicht um Melville, es ging ihnen nur darum, an die Illustrationen von Rockwell Kent zu kommen. In ihrer Eile auf den Markt zu kommen, vergaßen sie allerdings eins: den Namen des Autors. We were so excited about it, we forgot to put Herman Melville's name on the cover, so our edition of Moby Dick, to the vast amusement of everybody ('The New Yorker' spotted it), said only: 'Moby Dick, illustrated by Rockwell Kent', hat der Verlagschef Bennet Cerf gesagt. Wenn Sie preiswerter an die 269 Bilder von Rockwell Kent kommen wollen, müssen sie sich die Zweitausendeins Ausgabe kaufen, da kriegen Sie den Roman allerdings in der Übersetzung von Friedhelm Rathjen, und die würde ich nie empfehlen. Sie können sich aber auch >hier durchklicken. Die Lakeside Ausgabe und die Random House Ausgabe mit den Illustrationen von Rockwell Kent gehören mit zum Melville Revival der zwanziger Jahre, dank dieser Bücher wird der Roman Moby-Dick bekannter, als er je zuvor war.

Es wird beim Constable Verlag nicht bei den zwölf Bänden bleiben, es kommen noch vier dazu. Band dreizehn ist eine literarische Sensation, es ist die Novelle Billy Budd, die Melville in den letzten Jahren vor seinem Tod geschrieben hatte. Raymond Weaver hatte das Manuskript 1919 unter den Papieren Melvilles gefunden. Weavers Version des Textes gilt heute als überholt, er hatte Schwiergkeiten mit Melvilles Schrift und las vieles falsch. Auch Melvilles Ehefrau, die immer die Manuskripte ihres Mannes abschrieb, hatte Schwierigkeiten, seine Schrift zu lesen. 1962 veröffentlichten die Melville Forscher Harrison Hayford und Merton Sealts eine neue Version, die als Grundlage für die Textausgabe war, die G. Thomas Tanselle im Jahre 2017 als fünfzehnten Band der Melville Gesamtausgabe der Northwestern University Press veröffentlichte.

Die Literaturgeschichte hat für all das, was jetzt nach 1919 passiert, den Namen The Melville Revival gefunden. Den Titel hat auch der Aufsatz meines Freundes Sanford Marovitz (hier mit seiner Frau Nora) in A Companion to Herman Melville. Ich verdanke Sandy viel, er hat mir seine Bücher Melville as Poet und Melville 'Among the Nations' geschenkt. Und den gelben Kugelschreiber der Kent State University, der immer vor mir auf dem Schreibtisch liegt. Neben dem gläsernen Briefbeschwerer von Erasmus. Ich wollte Sandy mein letztes Exemplar von der Schleswiger Moby-Dick Ausstellung schenken, aber er sagte, er hätte das schon. Alle Melville Forscher in Amerika besaßen ein Exemplar dieser Ausstellung zur Zweihundertjahrfeier der USA, und Sandy war schließlich mal Direktor der Melville Society gewesen.

Mein Blog SILVAE ist voller Posts zum Thema Herman Melville. Meine Internetadresse hat ihren Namen nach dem ersten Kapitel von Moby-Dick. Alles, was mit dem Walfang zu tun hat, ist mir von klein auf vertraut. Mein Heimatort war im 19. Jahrhundert eine kleine Art von Nantucket. Hier hatten sich Kapitäne zur Ruhe gesetzt, die mit dem Walfang reich geworden waren. Den Utkiek am Hafen zierten die Kiefer eines Wals. Und unser Heimatmuseum war voll von dem, was die Kapitäne von Walfang und Robbenschlag mitgebracht hatten. Als mein Opa pensioniert war, übernahm er manchmal sonntags die Aufsicht im Heimatmuseum. Um neun schloss er die Tür auf. Um zehn kamen die ersten Besucher. Ich hatte eine Stunde Zeit im Museum zu spielen. Ich habe jede Harpune in der Hand gehabt, und ich kenne jede Lithographie von Ambroise Louis Garneray, auf der Pêche De La Baleine steht.

An Melville zweihundertstem Geburtstag gab es hier den Post kein Melville am 1. August, in dem sich Links zu den wichtigsten Melville Posts in diesem Blog finden. Ich war einen Tag Blogger, da gab es hier den ersten Post zu Herman Melville. Es war ein kurzer Post, ich wusste noch nicht, wieviel man als Blogger pro Tag schreiben durfte, ich stelle ihn mal heute noch einmal hier hin:

Der kleine Pip ist der einzige, für den das erkaltete Herz von Kapitän Ahab noch letzte menschliche Gefühle zeigt. Die Mannschaft der Pequod hält Pip für wahnsinnig. Es wäre besser, wenn sie Ahab für wahnsinnig halten würden. Der kleine Pip ist wahnsinnig, seit er über Bord gefallen ist und man ihn allein im Pazifik treiben ließ. Der kleine Pip hat in der Tiefe des Ozeans die Füße Gottes gesehen, wie sie den Webstuhl der Welt treten. Und er hat davon erzählt, deshalb hält man ihn für verrückt: So man's sanity is heaven's sense; and wandering from all mortal reason, man comes at last to that celestial thought, which, to reason, is absurd and frantic; and weal or woe, feels then uncompromised, indifferent as his God. Melville hat seltsame Dinge aus der Bibel herausgelesen. Das hat seine wenigen zeitgenössischen Leser wahrscheinlich mehr verstört als seine komplizierte Syntax.

Sonntag, 17. Oktober 2021

Capitaine Achab

Heute vor fünfundsechzig Jahren war in Deutschland der Kinostart des Filmes Moby-Dick. Der mit Gregory Peck, über den Leslie A. Fiedler gesagt hat, er hätte besser den Wal gespielt. Den Film kann ich Ihnen heute nicht bieten, aber ich habe hier die letzten acht Minuten, mit dem Tod von Captain Ahab und dem Untergang der Pequod. Aber einen Film, der von Melvilles Roman Moby-Dick inspiriert ist, kann ich Ihnen doch anbieten: Capitaine Achab von Philippe Ramos. Nicht die Kurzfilmversion von 2003, sondern den richtigen Film. Irritierend, aber interessant. Und diesen Post heute gibt es nur, weil ich darauf aufmerksam machen möchte, dass es morgen einen ganz langen Melville Post geben wird. Denn am 18. Oktober 1851 ist Melvilles Roman Moby-Dick in London erschienen, das muss gewürdigt werden. Wenn Sie bis dahin noch einmal in den Roman schauen wollen, bitte: hier ist er.

Freitag, 15. Oktober 2021

WSoD

Die junge Frau ist traurig, Tränen rinnen ihr über die Wangen. Weshalb ist sie traurig? Das sagt uns der Maler Roy Lichtenstein nicht. Aber ich weiß, dass sie weint, weil sie Bloggerin bei Wordpress ist und jetzt WSoD hat. Das ist keine venerische Krankheit, ist aber auch schlimm. Vor allem für Blogger. WSoD bedeutet bei Wordpress White Screen of Death. Dafür gibt es bei Wordpress eine ganze Seite, auf der erklärt wird: Both PHP errors and database errors can manifest as a white screen, a blank screen with no information, commonly known in the WordPress community as the WordPress White Screen of Death (WSOD).

So sieht das dann mit dem WSoD aus. Seit gestern ist meine Homepage nicht mehr zu erreichen, es erscheint lediglich eine weiße Seite, das gleiche, wenn ich mich auf meiner Wordpress-Login-Seite anmelden will, die Seite bleibt weiß, schreibt ein Wordpress Kunde im Internet. Das kenne ich, das habe ich jetzt auch. Ich wollte in den Blog nixwiekunst noch einen Post kopieren, aber da erschien eine Seite, die mir erzählte, dass mein Browser nicht kompatibel sei. Zehn Jahre lang war er kompatibel, jetzt plötzlich nicht mehr. Aber da stand auch noch Continue loading the page anyway. Das tat ich, und dann hatte ich eine weiße Seite.

Ich bin ja eh nur bei Wordpress, weil Googles Blogger-System vor zehn Jahren für eine Woche weltweit zusammenbrach. Tragödien spielten sich in der Bloggerszene ab. Da habe ich mir, für alles, was ich sichern wollte, bei Wordpress einen Blog aufgemacht. Aus dem dann Themenblogs für Kunst (nixwiekunst), Kino (Silverscreen | Cinemabilia), Klamotten (Kleiderschrank), Krimi (The Simple Art of Murder) und Uhren (Tickendes Teufelsherz) entstanden sind. Diese Blogs gibt es alle noch, aber ich kann nichts Neues in sie tun. Ich komme nicht in mein System hinein, weil mich Wordpress nicht reinlässt. Weil mein Browser bei Wordpress nicht funktioniert, meine E-Mail Adresse und mein Passwort falsch sind. Die Aufforderung Überprüfe deine E-Mail auf einen Bestätigungslink und rufe dann die Anmelde-Seite auf. Melde dich bei deinem WordPress.org-Konto an, um einen Beitrag zu WordPress zu leisten, Hilfe im Support-Forum zu erhalten oder Themes und Plugins zu bewerten und zu rezensieren brachte bei mir keine Ergebnisse, da ich mich gar nicht in meinem WordPress.org-Konto anmelden konnte

Ich rief einen Computerfachmann an, der mir sagte, es läge vielleicht an meinem Browser Safari, ich sollte mal den Browser wechseln. Hatte ich längst getan, aber welchen Browser ich auch verwendete, ich konnte mich nicht bei meinem WordPress.org-Konto anmelden, um einen Beitrag zu WordPress zu leisten. Das Internet ist voll mit aberhunderten von Seiten, die einem versprechen, das WSoD Problem von Wordpress zu lösen. Wordpress hat auch eine Seite dafür. Man kann machen, was man will, es funktioniert nicht. Sie haben aber keine E-Mail Adresse oder Telephonnummer unter der man einen richtigen Menschen erreichen und ihm sagen kann: Mach das mal wieder heil.

In seinem Kapitel The Whiteness of the Whale listet Herman Melville in Moby-Dick gefährliche Sachen auf, die wir mit der Farbe weiß verbinden: This elusive quality it is, which causes the thought of whiteness, when divorced from more kindly associations, and coupled with any object terrible in itself, to heighten that terror to the furthest bounds. Witness the white bear of the poles, and the white shark of the tropics; what but their smooth, flaky whiteness makes them the transcendent horrors they are? That ghastly whiteness it is which imparts such an abhorrent mildness, even more loathsome than terrific, to the dumb gloating of their aspect. So that not the fierce-fanged tiger in his heraldic coat can so stagger courage as the white-shrouded bear or shark. Er kannte  den White Screen of Death von Wordpress noch nicht, sonst hätte er den unter coupled with any object terrible in itself, to heighten that terror to the furthest bounds auch erwähnt.