Freitag, 28. September 2012

Herman Melville


Das war alles, was die New York Times am 29. September über den Verfasser von Moby-Dick zu sagen wusste. Man konnte nicht einmal Moby-Dick richtig schreiben. Sie haben dann allerdings am 2. Oktober einen ausführlicheren ➱Nachruf gedruckt. Aber täuschen wir uns nicht, vierzig Jahre nach Moby-Dick war Melville als Schriftsteller in Amerika vergessen. Aber in einem Blog, dessen Adresse mit Loomings das erste Kapitel von Moby-Dick zitiert, kann der Todestag von Melville natürlich nicht unbemerkt vorbeigehen.

Erst die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts brachten eine Art Melville Revival. Raymond Weaver, der mit Herman Melville: Man, Mariner and Mystic 1921 die erste Melville Biographie geschrieben hatte, gab beim englischen Constable Verlag die erste Melville Gesamtausgabe heraus. Die auch zum ersten Mal das unvollendet gebliebene Manuskript von ➱Billy Budd enthielt, das Melville kurz vor seinem Tode geschrieben hatte. Von da an nahm das akademische Interesse an Melville ständig zu. Hundert Jahre nach dem Erscheinen von Moby-Dick brachte Newton Arvin seine Melville Biographie auf den Markt, über die Alfred Kazin sagte: the wisest and most balanced single piece of writing on Melville I have seen. It is marked not only by a thoroughly convincing analysis of his creative power and its limitations, but, what is most sharply felt in the book, a wonderfully right feeling for the burning human values involved at every point in Melville's struggle with his own nature... . He is concerned with the man's evolution in a way that leaves an extraordinary impression of concentrated sympathetic awareness. Und beinahe gleichzeitig mit Arvins Buch erschienen Jay Leydas Melville Log und die kommentierte Moby-Dick Ausgabe von Luther S. Mansfield und Howard P. Vincent. Die mir die liebste Ausgabe ist, weil man sie dank ihres Layouts so schön lesen kann. Ich weiß, dass manche meiner Leser die Ausgabe mit den Illustrationen von Rockwell Kent bevorzugen, die ist natürlich auch sehr schön, hat aber leider keinen kritischen Apparat.

1945 war die ➱Melville Society gegründet worden, und seit 1960 bringt die Northwestern University Press zusammen mit der Newberry Library und der Modern Language Association die definitive ➱Melville Ausgabe heraus. Die Melville Forschung ist zu einer nationalen Industrie geworden. Die amerikanische Melville Forschung ist ein sehr exklusiver Klub, es sind immer wieder die gleichen Leute, die sich gegenseitig zitieren. Und außer absolut freakigen Thesen, die von Zeit zu Zeit auftauchen, kommt von der Melville Mafia selten etwas Neues. Gut, es ist im Augenblick modisch, nachzuweisen, dass Melville angeblich schwul war, aber das geht auch vorüber. Da fand ich vor Jahren den Satz von Leslie Fiedler, dass der weiße Wal die einzig überzeugende Frauenfigur der amerikanischen Literatur im 19. Jahrhundert ist, noch witziger.

Trotz der Vielzahl der Melville Biographien bleibt Herman Melville immer noch ein Rätsel. Die äußeren Lebensumstände sind hervorragend mit Jay Leydas Melville Log und Hershel Parkers Biographie dokumentiert, aber der Mann hinter der Maske, wer ist das? Was geht in ihm vor? You may be witched by his sunlight—transported by the bright gildings in the skies he builds over you; but there is the blackness of darkness beyond; and even his bright gildings but fringe and play upon the edges of thunder-clouds, hatte Melville in seiner Rezension zu Hawthornes Twice-Told Tales geschrieben, aber es ist, als ob er sei eigenes Werk und sich selbst beschreibt.

Im Jahre 2002 hatte Hershel Parker mit dem zweiten Band seiner Melville Biographie Melvilles Leben ein für alle Mal zubetoniert. Fakten bis zum Abwinken, beinahe zweitausend Seiten lang. Sicherlich Pflichtlektüre für Melville Forscher, aber nichts für den normalen Leser. Ich hatte natürlich die Biographien von Newton Arvin und Leon Howard gelesen, und ich besaß die beiden Bände von Jay Leydas ➱Melville Log. Und auch das Buch Melville in the South Seas von Charles R. Anderson, das zwar nur einen kleinen Teil des Lebens von Melville beschreibt, aber ganz hervorragend ist. Von einer Berühmtheit wie Hershel Parker erwartete ich mir damals Wunderdinge, aber wenn ich ehrlich bin: es war eigentlich nur langweilig. Und ich fand auch die Cover Illustration von Maurice Sendak etwas albern; aber an dem hat Parker ja offensichtlich einen Narren gefressen, seit er die Kraken Edition von Pierre, or The Ambiguities mit den scheußlichen Illustrationen von Sendak herausgebracht hatte.

Nein, die Lektüre der beiden Bände war eine ➱Enttäuschung. Da sehnte man sich doch wilde Denker wie ➱Charles Olson mit seinem Buch Call me Ishmael oder Leslie Fiedler (Love and Death in the American Novel) zurück. Selbst ➱Uwe Nettelbeck in seinem 170-seitigen Melville Essay ist anregender. Oder man könnte auch noch die 320 Seiten Kommentar von Harold Beaver in der alten Moby-Dick Ausgabe des Penguin Verlages lesen, die offensichtlich in einer Phase von wirklicher Genialität und unter dem Einfluss von viel schottischem Whisky geschrieben sind.

Und just in dem Augenblick, an dem man glaubte, es geht nichts mehr, da kommt ein Mann wie Andrew Delbanco und schreibt Melville: His World & Work (gibt es inzwischen auch schon auf deutsch). Chapeau! Für alle diejenigen, die keine berufsmäßigen Amerikanisten sind und sich nicht ein Leben lang nur mit Melville beschäftigt haben - also für den ganz normalen Leser -  ist dies das richtige Buch. Es ist sicherlich auch das beste Buch über Melville in den letzten Jahren (so nett das kleine Buch von ➱Elizabeth Hardwick ist). Delbanco bietet keine neuen Theorien an, keine neuen Funde (außer einem unbekannten Photo, das Melville zeigen könnte (oder auch nicht), aber er hat alles gelesen. Und er macht Melville für unsere Zeit verständlich. Allein schon das erste Kapitel, in dem Delbanco einen Bogen vom neunzehnten Jahrhundert zur Populärkultur des zwanzigsten zieht, ist großartig. Und er stellt (zugegeben ein alter, aber bewährter Trick), den Mann durch sein Werk vor. Und das Buch ist keinen Augenblick langweilig. Weil der Verfasser (wie Melville) über Witz und Ironie verfügt.

In seinem Film Zelig spielt Woody Allen Leonard Zelig, einen Mann von unglaublichem Wandlungsvermögen. Der Beginn seiner pathologischen Anpassung liegt in einer Unterhaltung über Moby-Dick: irgendwelche ganz schlauen Leute haben mich gefragt, ob ich 'Moby-Dick' gelesen habe. Mir war es peinlich, zu sagen, daß ich nie 'Moby-Dick' gelesen habe. Also tut er so, als hätte er den Roman gelesen. Am Ende des Drehbuches heißt es über Zelig: Auf seinem Totenbett erzählte er den Ärzten, daß er ein gutes Leben gehabt hatte und daß das einzig ärgerliche am Sterben sei, daß er gerade angefangen hatte, 'Moby-Dick' zu lesen und nun wissen wolle, wie es ausging. Auf der nächsten Seite hat der Diogenes Verlag unter dem Titel Wenn Sie wissen wollen wie 'Moby-Dick' ausgeht eine Werbung für seine Übersetzung plaziert.

Das ist die von Thesi Mutzenbecher und Ernst Schnabel. Aber die sollten Sie auf keinen Fall lesen. Sie sollten auch nicht die Übersetzung von Friedhelm Rathjen lesen, für die Dieter E. Zimmer, der langjährige Feuilletonchef der Zeit (der sich ja viel mit Literaturübersetzungen beschäftigt hat), die schönen Worte systematische und dogmatische Verholperung und Verhässlichung des Textes gefunden hat. Wenn Sie eine gute deutsche Übersetzung von Moby-Dick suchen, dann lesen Sie die von Fritz Güttinger! Vielleicht schreibe ich irgendwann noch einmal über die deutschen Melville Übersetzungen, bis dahin sollte genügen, was ich in dem Post ➱Fritz Güttinger gesagt habe.

Und falls Sie jetzt durch Zufall in diesen Blog gelangt sind, könnten Sie natürlich noch alles lesen, was in hier zu ➱Herman Melville und ➱Moby-Dick steht.

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