Donnerstag, 6. September 2012

Hanns Eisler


Als er 1948 Amerika verließ, nicht freiwillig, sondern hinausgeworfen, hat er vor dem Besteigen des Flugzeugs eine kurze Rede gehalten: Ich verlasse dieses Land nicht ohne Bitternis und Wut. Ich konnte gut verstehen, dass die Hitler-Banditen 1933 einen Preis auf meinen Kopf setzten und mich vertrieben. Sie waren das Übel der Epoche; ich war stolz darauf, vertrieben zu werden. Aber ich fühle mich zutiefst verletzt über die lächerliche Weise, in der ich aus diesem schönen Land vertrieben werde [...] Ich hörte [im HUAC-Ausschuss] die Fragen dieser Männer und ich sah ihre Gesichter. Als alter Anti-Faschist wurde mir klar, dass diese Männer den Faschismus in seiner direktesten Form repräsentieren [...] Aber ich nehme das Bild des wirklichen amerikanischen Volkes mit mir, das ich liebe. Es ist noch ein Entwurf der Rede enthalten, der etwas länger ist (Sie finden ihn ➱hier zusammen mit seinen statements vor dem HUAC).

Da hatte er gerade das entwürdigende Verhör (dessen abgetippte Fassung 209 Seiten lang ist) im HUAC Ausschuss hinter sich, das keine Befragung sondern eher ein Schauprozess gewesen ist. My purpose is to show that Mr. Eisler is the Karl Marx of communism in the musical field, and he is well aware of it, sagt einer der Belastungszeugen, was Eisler trocken mit I would be flattered kommentiert. Wenn Sie einen kleinen Eindruck von dem Ganzen haben wollen, klicken Sie dies ➱hier an. Es verlassen jetzt viele das Land, das in der Nationalhymne als land of the free and the home of the brave bezeichnet wird. Die amerikanische Nationalhymne ist noch gar nicht so lange ➱Nationalhymne. Mit Nationalhymnen kennt Eisler sich aus, ein Jahr nachdem er Amerika verlassen muss, wird er ➱eine schreiben.

Ähnlich wie Hanns Eisler (der heute vor fünfzig Jahren starb) äußert sich wenige Jahre später ein anderer Künstler, der Amerika verlässt. Nämlich sein Freund Charles Spencer Chaplin: Since the end of the last world war, I have been the object of lies and propaganda by powerful reactionary groups who, by their influence and by the aid of America's yellow press, have created an unhealthy atmosphere in which liberal-minded individuals can be singled out and persecuted. Under these conditions I find it virtually impossible to continue my motion-picture work, and I have therefore given up my residence in the United States. Den hatte das FBI ebenso wie Eisler jahrelang observiert, man wird jetzt schnell zum Staatsfeind. Lillian Hellman hat diese Zeit der nationalen Hysterie und Paranoia in einem Buch als Scoundrel Time bezeichnet. Hanns Eisler hat zu vielen Filmen die Filmmusik geschrieben, aber nicht zu I Married a Communist. RKO hatte ➱Joseph Losey die Regie für diesen Film angeboten, aber er hat es (wie noch ein Dutzend anderer Regisseure) abgelehnt.

Dem Abflug mit der TWA Maschine waren eine Vielzahl von Protesten vorangegangen. Die Komponisten Aaron Copland, Leonard Bernstein und Roger Sessions organisierten ein Verteidigungskomitee, Charlie Chaplin, Albert Einstein, Thomas Mann, Pablo Picasso und Henri Matisse unterschrieben Petitionen. In einer Pressekonferenz anlässlich seines Film Monsieur Verdoux antworte Chaplin auf die Fragen von James W. Fay, der sich als Reporter in die Pressekonferenz gemogelt hatte: Fay: Are you friends with Hanns Eisler? Chaplin: Yes, he is a personal friend, and I am very proud of the fact. Fay: Do you think Eisler is a Communist? Chaplin: I know he is a fine artist and a great musician and a very sympathetic friend. Fay: Would it make any difference if he were a Communist? Chaplin: No, it wouldn't. James Fay ist kein Reporter, er ist der Vorsitzende der ultrakonservativen Catholic War Veterans, er hat nur ein Ziel: Chaplin aus Amerika zu vertreiben.

Das ist derselbe Chaplin, der sieben Jahre zuvor diesen prophetischen Film The Great Dictator gedreht hatte, jetzt machen ihn die amerikanischen Hexenjäger zum Kommunisten. Ein halbes Jahr vor The great Dictator hatten  Hollywoods Zensoren der Production Code Administration die Dreharbeiten von Confessions of a Nazi Spy mit der Begründung zu verhindern versucht: to represent Hitler only as a screaming madman and a bloodthirsty persecutor, and nothing else, is manifestly unfair, considering his phenomenal public career, his unchallenged political and social achievements, and his position as head of the most important continental European power.

Die Pressekonferenz im Ballsaal des Gotham Hotels nimmt seltsame Formen an, wird zu einer Art von HUAC Verhör, bis sich ein Besucher von einem Balkon einmischt. Es ist der Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmkritiker James Agee. Und für einen Augenblick hört man die Stimme der Vernunft: What are people who give a damn about freedom -- who really care for it -- think of a country and the people in it, who congratulate themselves upon this country as the finest on earth and as a "free country", when so many of the people in this country pry into what a man's citizenship is, try to tell him his business from hour to hour and from day to day and exert a public moral blackmail against him for not becoming an American citizen -- for his political views and for not entertaining troops in the manner -- in the way that they think he should. What is to be thought of a general country where those people are thought well of?

Noch vor Chaplin hatte Joseph Losey Amerika verlassen, ein Amerikaner, dem Hanns Eisler viel verdankte. Wir kennen ihn heute als den Regisseur, mit dem ➱Dirk Bogarde seine besten Filme gedreht hat, als den Regisseur von ➱The Go-Between und den Mann, der zusammen mit Harold Pinter ➱Prousts Suche nach der verlorenen Zeit verfilmen wollte. Aber es gibt noch einen anderen Losey, den Losey, der Bertolt Brecht bewunderte und der zusammen mit Bert Brecht die amerikanische Uraufführung des Galileo realisierte. Der Mann, der mit seinem Freund John Hammond (mit dem auch ➱Eric Hobsbawm befreundet war) 1939 das erste Jazzkonzert in der Carnegie Hall inszenierte.

Losey hatte Eisler vor dem Krieg kennengelernt. 1938 hatte Eisler die Filmmusik (zwölftonig) für den Film von Joris Ivens The 400 Million geschrieben, ein Jahr später hatte ihm Losey den Auftrag zugeschanzt, die Musik für einen Puppentrickfilm der amerikanischen Ölindustrie zu schreiben. Der hatte den schönen Titel ➱Pete Roleum and his Cousins und war 1939 bei der Weltausstellung ein großer Erfolg. Es ist schon ein wenig absurd, dass der Weggefährte von Bert Brecht in Amerika durch eine Auftragsarbeit für das Großkapital berühmt wird. Losey hat mit Eisler auch bei dem Film ➱A Child went Forth zusammengearbeitet und hatte ihn auch beauftragt, für die Aufführung von Brechts Galileo (auf dem Photo Brecht, der zusammen mit Losey Regie führte, und Charles Laughton bei den Proben) eine Bühnenmusik zu schreiben. Die wurde damals nicht so recht gewürdigt, weil man Musik im Theater als etwas seltsam empfand. Aber Igor Strawinski hat nach der Uraufführung den Komponisten beglückwünscht. Professional compliments are always pleasing wie Doc Boone in Stagecoach so schön sagt.

Ich komme aus zwei verschiedenen Klassen: Mein Vater war Philosoph, meine Mutter Arbeiterin, seine Familie war jüdisch, die meiner Mutter christlich. Er hat einen österreichischen Pass, ist aber in Leipzig geboren, weil sein Vater da Professor war. Im Ersten Weltkrieg war er wie sein Bruder Gerhart in der österreichischen Armee, dreißig Jahre später landet er vor dem Untersuchungsausschuss des HUAC. Denunziert von der eigenen Schwester, die einmal die Kommunistische Partei Österreichs gegründet hatte und jetzt gegen die Brüder als Hauptzeugin auftritt. Das ist schon ein erstaunliches Leben. Ein Komponist, der zwischen alle geistigen und politischen Fronten des Jahrhunderts gerät. Der die Filmmusik zu Kuhle Wampe schreibt, aber auch für Pete Oleum und seichte Hollywoodkomödien. Der das ➱Lied von der Einheitsfront geschrieben hat (mit dem der Film ➱Mein Freund Ivan Lapschin endet) und der die Musik für ➱Nuit et Brouillard von ➱Alain Resnais geschrieben hat. Denken wir heute einen Augenblick an ihn. Und hören wir ihn Brechts ➱Kinderhymne singen, klingt ein wenig schräg, ist aber sehr rührend.

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