Montag, 24. September 2012

Herbstanfang


Es ist nicht zu leugnen, der Herbst ist da. Zeit, die schönen gelben Sommerhosen wegzuräumen und die Cordhosen nach vorne im Schrank zu legen. Vor einem Jahr gab es hier im Blog noch das wunderbare ➱Sommergedicht von ➱Wilhelm Lehmann, daran kann man sich nur wehmütig erinnern. Ich habe heute auch ein Herbstgedicht, das Einen Herbst lang heißt. Und ich muss gestehen, ich weiß so gut wie nichts über den Dichter. Er heißt Gerhard Neumann, sein schmaler Gedichtband Salziger Mond, aus dem das Gedicht ist, fiel mir letztens in einem Antiquariat in die Hand. Fünf Minuten drin gelesen, gleich mitgenommen. 1958 ist das Buch beim Insel Verlag erschienen; Neumanns erster Gedichtband (ebenso schmal) hieß 1956 Wind auf der Haut. Im Internet findet sich zu dem Autor ein einziger Satz, der beinahe gebetsmühlenartig in jeder Fundstelle immer wieder wiederholt wird: Gerhard Neumann (geb. 1928 in Rostock, gest. 25. Juni 2002 in Hamburg) galt in den fünfziger Jahren als einer der wichtigsten lyrischen Stimmen der jüngeren Generation. Das ist irgendwie ein klein wenig unbefriedigend für einen Dichter, wenn es zehn Jahre nach seinem Tod überhaupt nichts über ihn zu lesen gibt.

Es ist das Verdienst des vor dreißig Jahren gegründeten ➱Rimbaud Verlags, dass das Werk von Neumann nicht ganz untergegangen ist. Man kann ja nur dankbar sein, dass es solche Verlage noch gibt. Eines Tages werden wir wahrscheinlich nur noch Verlage wie den Riva Verlag haben. Ich zitiere dazu als Antidoton mal eben den Verlagsgründer Dr. Bernhard Albers in einem Interview mit dem Goethe Institut: Ist Ihr Verlag ein Verlag für Intellektuelle? Für ein gebildetes Publikum? - Ja, man muss schon ein Vorwissen von Literatur als Traditionsquelle haben. Sonst kann man gar nichts damit anfangen. Ich glaube ja auch, dass anspruchsvolle Lyrik nur von Lyrikern gelesen wird, eben von einer Minderheit. Und die großen Verlage verkaufen ja oft auch nicht mehr als 100 Stück. Aber wir müssen, wie auch die Goethe Institute, die Tradition aufrechterhalten. Das ist mein Anliegen. Es ist eben nur eine kleine Schicht, die sich dafür interessiert. Und das ist doch in Ordnung. Aber es gibt einen Bildungsauftrag auch für einen Literaturverlag – wenn der nicht mehr ist – wer soll dann noch ernsthaft schreiben?

Meine flapsige Antwort wäre an dieser Stelle: Blogger. Aber natürlich hat Bernhard Albers recht, die Schere zwischen oben und unten in der Bildung wird in dem Volk der Dichter und Denker immer größer. Ich hoffe, die sind mir beim Rimbaud Verlag nicht böse, wenn ich mal eben das Herbstgedicht von Gerhard Neumann abtippe - ich mache ja auch Reklame für den Verlag, der angeblich all seine Titel lieferbar hat. Für einen Verlag von Belletristik in unserer Zeit geradezu todesmutig. Demnächst werde ich noch etwas mehr über diesen Verlag und über Gerhard Neumann schreiben. Weil ich dann der einzige im Internet bin, bei dem man etwas zu diesem vergessenen und hoch interessanten Dichter finden kann.

Einen Herbst lang

Dörrende
Wetter jagen die Kreuzungen leer.
Der Schotter zerschneidet
uns Senkel und Sohle -

da kühl wir im Staub,
bald in Lichtschneisen stehen,
kreisen die Sichten:
weizenfarben, zart mahagonirot.

Da wir straffes Septembergras
schmecken, die Züge der Bienen teilen,
bleibt uns die Spanne Vertrauen,
gemuldet in jede der Hände,
die leicht in den Rauchhimmel greifen.

Nun rütteln
an Steinen und Zahlen wir weiter.
Ins Biwak, das uns dem Tau überläßt
und Decken aus fremdem Besitz.

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