Wenn hier tagelang nichts steht, dann heißt das nicht, dass ich nichts schreibe. Ich schreibe so nebenbei den Text von meinem kleinen Internetroman
Que reste-t-il de nos amours immer wieder ein wenig um. Das beginnt schon damit, dass ich den Text von ✺
Veinte años von
Omara Portuondo vor das Ganze gestellt habe. Weil in diesem Lied alles steht, von dem der kleinen Roman handelt:
¿Qué te importa que te ame
Si tú no me quieres ya?
El amor, que ya ha pasado
No se debe recordar
Fui la ilusión de tu vida -
Un día lejano ya
Hoy represento el pasado
No me puedo conformar
Si las cosas, que uno quiere
Se pudieran alcanzar
Tú me quisieras lo mismo
Que veinte años atrás
Con qué tristeza miramos
Un amor, que se nos va
Es un pedazo del alma
Que se arranca sin piedad
Si las cosas, que uno quiere
Se pudieran alcanzar
Tú me quisieras lo mismo
Que veinte años atrás
Con qué tristeza miramos
Un amor, que se nos va
Es un pedazo del alma
Que se arranca sin piedad

Das bringt uns natürlich nach Havanna, das heute etwas anders aussieht als im Jahre 1997, als Omara Portuondo durch Ry Cooders Album
Buena Vista Social Club weltberühmt wurde. Die Straßen von Havanna sind voller Müll, die Autos bleiben liegen, weil es kein Benzin mehr gibt. Der Traumort Havanna ist zum Alptraum geworden. Ab dem heutigen Tag können die Menschen in Kuba nicht mehr mit Visa- und Masterkarten zahlen. Die Zentralbank Kubas setzt die Transaktionen infolge von US-Sanktionen zum 6. Juni aus. Touristen müssen in den Hotels mit Bargeld bezahlen. Oder mit chinesischen Kreditkarten. Den Kubanern wird das egal sein, sie haben eh keine Kreditkarten, aber die Maßnahme vertreibt die Touristen, die Geld ins Land bringen könnten. Einige
Hotelketten haben sich schon zurückgezogen.

Ich schreibe dies heute mit einer Uhr von der Firma
→Cuervo y Sobrinos Habana am Arm, einer im 19. Jahrhundert gegründeten
→Firma, die man einmal das kubanische Tiffany genannt hat. Das hier sind die Neffen des Firmengründers Ramón Fernández Cuervo, die nach seinem Tod 1907 das Geschäft übernahmen. Die Uhr war ein Zufallsfund, von dem jeder Sammler träumt. Ein DDR Bürger hatte sie sich bei seinem einzigen Auslandsaufenthalt in Havanna gekauft und nach der Wende bei ebay vertickt.

Die Uhr stammt aus den dreißiger Jahren, der Zeit, als amerikanische Millionäre in Kuba Urlaub machten. Damals war Kuba mehr oder weniger ein Bordell, nicht erst seit den Tagen von Batista. Haben Castro und der Comandante
Ché Guevara daran etwas geändert? Die Leser von
Guillermo Cabrera Infante, der wegen Castro die Insel verließ, wissen, dass sich wenig geändert hat. Die
→Jineteras sind noch immer auf den Straßen. Lesen Sie mehr dazu in diesem interessanten →
Artikel aus der Zeitschrift
Lettre. Und schauen Sie einmal in diese ✺
Doku von arte über die Mafia in Kuba hinein. Von der Zdfinfo Serie
Geheimes Kuba kann ich hier ✺
Teil 1 und ✺
Teil 3 anbieten.

Kuba und Havanna waren immer in diesem Blog. Das hat etwas mit der
Musik zu tun, aber auch mit Zigarren. Manches taucht an versteckten Stellen unerwartet auf. Wie zum Beispiel in dem Post
Bielefelder Qualitätshemden: Ich muss mal eben einen Bremer in die Bielefelder Hemdengeschichte bringen. Er heißt Alexander Friedrich Kleinwort und arbeitet in Havana in dem deutschen Handelshaus von Adolf Höber. Die Firma importiert vor allem Bielefelder Leinen, das nach genauen Qualitätsvorgaben in Bielefeld bestellt wurde. Das Kontorhaus erlaubt Kleinwort, nebenbei auf eigene Rechnung zu arbeiten. So handelt er mit Bielefelder Leinen. Und Zigarren.

Der Handel mit Zigarren war ihm aus seiner Heimatstadt →
Bremen nicht unbekannt. Kleinwort hatte in Havanna →
Hermann Dietrich Upmann aus Bielefeld kennengelernt, zusammen mischen die beiden Freunde den kubanischen Tabakmarkt auf. Und werden beide berühmt: Kleinwort mit seiner Bank (die später Kleinwort Benson heißt),
→H. Upmann mit seinen
Zigarren. Das Photo zeigt John F. Kennedy beim Unterzeichnen des Handelsembargos gegen Kuba. Bevor er seinen Namen unter das Dokument setzte, hatte er übrigens all seine kubanischen Lieblingszigarren in Washington aufkaufen lassen, sein Pressesprecher konnte ihm noch 1.200 Upmann Petit Coronas besorgen.
Das
Handelsembargo, mit dem man die kommunistischen Machthaber zu Fall bringen wollte, wurde zwei Jahre später noch verschärft. Da hatten wir die
Kubakrise und waren kurz vor einem Weltkrieg. Da sind wir heute nicht mehr, auch wenn Trump gesagt hat, dass Kuba als Nächstes dran wäre. Und der Flugzeugträger
Nimitz mit Begleitschiffen schon mal in kubanische Gewässer gelaufen ist. Mehr als sechzig Jahre Handelskrieg haben Kuba ruiniert. Das
Öl-Embargo vom Januar war die letzte tödliche Waffe in diesem Krieg, der mal mit dem Boykott von Zigarren angefangen hatte. Gegen Raúl Modesto Castro Ruz, der vor wenigen Tagen fünfundneunzig wurde, läuft in den USA eine Mordanklage. Die Regierung ist am Ende, aber sie gibt nicht auf. Ich weiß nicht, was werden wird. Obama hatte sich um ein friedliches Verhältnis mit Kuba bemüht. Wäre man seinen Weg weiter gegangen, hätte man jetzt nicht diese Katastrophe.

Es ist viel Kuba in diesem Blog. Meine Heimatstadt Bremen hat viel mit der Insel zu tun. Bremer Kaufleute machten da schon seit dem frühen 18. Jahrhundert im Zucker-, Kaffee- und Tabakgeschäft ihr Geld. 1836 hatte Bremen mit
→Diedrich Hermann Wätjen einen Konsul in Havanna. Ein eher abschreckendes Beispiel des hanseatischen Geschäftssinns ist der Kaufmann Richard Fritze, der eine Tochter von
Arnold Duckwitz geheiratet hatte. Er war auf Kuba ein
→Profiteur der Sklavenwirtschaft, sein Onkel hatte sich bei uns im Ort
die Villa Fritze bauen lassen.

Dass Fidel Castro mal eine Affaire mit einer Bremer Kapitänstochter hatte, steht hier schon in dem Post
das Blaue Band. Meine Uhr aus Havanna mit dem Juvenia Werk ist schon in dem Post
saudade. In dem Post wird auch
→Walker Evans erwähnt, von dem heute das zweite Photo stammt. Er hatte sich in den dreißiger Jahren durch Havanna photographiert. Ich nehme an, dass der
Nimitz nichts geschehen wird, aber die Amerikaner haben in Havanna schon mal einen Panzerkreuzer verloren, was Sie in den Posts
Havanna und
Yellow Press nachlesen können. Und die Posts
Zigarrren,
Frauen und Zigarren und
Blauer Dunst haben natürlich etwas mit kubanischen Zigarren zu tun.

Die auch in dem Post
Nikolaus auftauchen: Das repräsentative Gebäude neben dem Bremer Dom, auf dem mit goldenen Lettern
Verein Vorwärts steht, gehörte seit 1853 dem Bildungsverein der Zigarrenmacher. Heute ist da die
Wittheit zu Hause. Der Zusammenschluss der
→Zigarrenmacher verfolgte neben der Wahrung sozialer Interessen auch Ziele in der Allgemeinbildung. Und sie hatten Vorleser in der Fabrik. Vielleicht kann man das mit den Zigarrenmachern in Kuba vergleichen, die in ihren Fabriken einen Vorleser hatten (wie auf diesem Photo den Herrn mit dem Hut), der ihnen während der Arbeit Romane vorlas. So hörten die Arbeiter Victor Hugo, Alexandre Dumas, Jules Verne, Shakespeare und Emile Zola. Angeblich sollen so die Zigarrenmarken
Montechristo und
Romeo y Julieta nach dem
Grafen von Montechristo und Shakespeares Theaterstück benannt worden sein. Manchmal lasen die Vorleser auch Politisches aus Zeitungen vor, was bei den Fabrikbesitzern nicht so gut ankam (und manchmal verboten wurde). Ob der leidenschaftliche Zigarrenraucher
Karl Marx das gewusst hat? Auch in den Bremer Tabakfabriken hat es solche Vorleser gegeben, die von den Arbeitern bezahlt wurden. Manchmal waren das auch Kinder und Handlanger, die kosteten nicht so viel. Der Beginn der Arbeiterbildung liegt, auf jeden Fall in Bremen, im Tabakrauch.
Als ich an der Uni aufhörte, schrieb ich auf dem Computer, der ein Geschenk des Englischen Seminars war, eine Autobiographie mit dem Titel
→Bremensien. Aus der nehme ich zum Abschluss mal ein kleines Stück, weil Havanna da drin vorkommt.
Der Kapitän, zu dem ich über die Jahre das freundschaftlichste Verhältnis von allen Kapitänen habe, die bei uns ein- und ausgingen, ist Ernst Biet. Die Biets sind seit dem 18. Jahrhundert Kapitäne, eine Dynastie. In Peter-Michael Pawliks Buch
Von der Weser in die Welt werden im zweiten Band zwanzig Biets aufgelistet, und Kapitän Rolf Reinemuth schreibt 1979 in
Master Next to God: Das Buch der Kapitäne:
Die Nachkommen des Hinrich Biet hielten sich noch eine Generation weiter auf der See. Da waren Ernst Biet, der bis in die Gegenwart beim Norddeutschen Lloyd schöne und große Dampfer befehligte...

In den 1960er Jahren wird Ernst Biet Ehrengast der Kapitänsschaffer bei der Bremer Schaffermahlzeit sein, eine größere Ehre gibt es für Kapitäne nicht. Ich überlege mir immer, ob er eine schwarze oder eine weiße Schleife zum Frack getragen hat, das sind Feinheiten, auf die man nur in Bremen kommt. Einer seiner Vorfahren hat sich in einer Seegerichtsverhandlung um die Jahrhundertwende, zu der er zum ersten Mal in seiner Karriere erscheinen muss, geweigert, dem Gerichtsdiener sein Kapitänspatent vorher auszuhändigen. Eine Formsache.
Nee, Dschunge, dat giff ik di nich. -
Aber Kapitän Biet, wenn Sie mir Ihr Patent nicht geben, dann kann die Verhandlung nicht stattfinden. Dann können Sie auch nicht freigesprochen werden und können nie wieder zur See fahren. Worauf jener Biet sich umdrehte und sagte:
Denn fohr ik nich’ mehr to See. Bin all oll genug. Aver miin Patent, dat giff ik di nich. Da kann man nur mit dem Lateiner sagen
Ubique naufragium est. Ernst Biet hat ein von Wind und Wetter zerklüftetes Gesicht, er könnte in Hollywoodwestern Indianerhäuptlinge spielen. Seine rechte Hand ist von der Arthritis geplagt, aber sein Händedruck ist immer noch fest. Und seine Pfeife kann er auch immer noch halten,
immer ‘ne Charatan kaufen, keine Dunhill, die sind besser. Ich werde es beherzigen. Den Prince Albert Pfeifentabak, den er raucht, mag ich nicht, aber wenn er mir die rote Dose herüberreicht, werde ich meine Pfeife damit stopfen. Ich kann ihm stundenlang zuhören, er erzählt wunderbare Geschichten. Manche auch gerne, zum Entsetzen seiner sehr konservativen Ehefrau in großer Gesellschaft; auch nicht gebremst von einem spitzen, lang gezogenen
Eerrrnst! aus dem Munde seiner Gattin:
Und da vor Havanna, da wollt’ ich den Passagieren eine kleine Freude machen und bin noch weiter unter Land gegangen, damit sie die Lichter von Havanna so scheun in der Nacht funkeln sehen konnten. Tja, und da sind wir dann‘nen büschen aufgelaufen innen Hafen von Havanna. Besser als die
Maine, die dort unterging, aber in den Augen von Anita Biet eine ewige Schande, einen Lloyddampfer vor Havanna auf Grund zu setzen.