Mittwoch, 5. August 2026

obskure Verlage

Dieses Buch ist im Copycat Verlag erschienen, ein Verlag, den Sie wahrscheinlich nicht kennen. Das Cover sieht ein wenig nach einem alten Agatha Christie Roman aus. Man fragt sich, wer der Mann ist, der da in der Dunkelheit eine Frau verfolgt. Aber dies ist kein Krimi, dies soll Prousts Roman Auf dem Weg zu Swann sein. Das Buch hat noch einen Untertitel, den wir bei Proust nicht finden: Erinnerung, Begehren und Zeitwahrnehmung zwischen Combray, Madeleine-Motiv und Pariser Salons. Ein Übersetzer wird nicht angegeben. Die Übersetzer gibt der Prager Copycat Verlag, dessen Bucheinbände immer ähnlich aussehen, sowieso nicht an. Der Verlag druckt alte Bücher nach, bei denen es keine Inhaber der Rechte mehr gibt. Das Buch Auf dem Weg zu Swann ist 2025 erschienen, hundert Jahre nach der ersten Übersetzung durch Rudolf Schottlaender. Die erschien in zwei Bänden bei dem Berliner Verlag Die Schmiede. Die Übersetzung ist hier häufig erwähnt worden, ausführlich in Eine Liebe von Swann und zuletzt in dem Post die Übersetzerin Eva Rechel-Mertens. Schottlaender hat heute Geburtstag, deshalb gibt es diesen kleinen Post. Die Erstausgabe von Der Weg zu Swann ist heute immer noch antiquarisch zu finden. Der Text wurde 2004 vom Parkland Verlag und 2010 vom Nikol Verlag nachgedruckt, beide Verlage sind ähnliche Resteverwerter wie der Prager Copycat Verlag.

Die Deutsche Nationalbibliothek kennt das Buch des Copycat Verlages nicht, die mehr oder weniger legalen Nachdrucke von Parkland und Nikol sind aber katalogmäßig verzeichnet. Beide Bücher haben 604 Seiten, das entspricht der Erstausgabe (263 und 346 Seiten). Das Buch des Copycat Verlages hat nur 244 Seiten. Könnte es sein, dass die Händler aus Prag nur den ersten Teil von Schottländers Übersetzung liefern? Kost' ja nix, ist alles aus dem Jahr 2025, die Rechte sind abgelaufen. Dies Buch hier heißt Gesammelte Werke und hat 736 Seiten. Sieht aus wie aus dem Copycat Verlag, ist aber aus einem Sharp Ink Verlag. Der ist allerdings identisch mit Copycat. Gibt es aber alles bei Thalia und Hugendubel. Sind das wirklich die Gesammelten Werke, die ganze Recherche? Die Frankfurter Ausgabe hat da über 5.000 Seiten.

Es gibt Prousts Werk im Originaltext bei  Wikisource. Oder man kann hier auf der schönen Seite von Une Page de Proust den ganzen Roman auf einer Seite lesen. Bei Gutenberg kann man Swann's Way in der Übersetzung von C. K. Scott Moncrieff lesen. In deutscher Sprache gibt es da leider nur Die Herzogin von Guermantes (zwei Bände) und Im Schatten der jungen Mädchen von Walter Benjamin und Franz Hessel übersetzt. Kein ganzer Proust, und erst recht nicht alles auf einer Seite. Und was hier einmal als Gesamtausgabe unter dem Titel Auf den Spuren der verlorenen Zeit angekündigt wurde, das hat es leider nie gegeben.

Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal, die Kerze war kaum gelöscht, fielen mir die Augen so rasch zu, daß keine Zeit blieb, mir zu sagen: Ich schlafe ein. Und eine halbe Stunde später weckte mich der Gedanke, daß es Zeit sei, den Schlaf zu suchen; ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in Händen zu halten wähnte, und das Licht ausblasen; im Schlaf hatte ich weiter über das eben Gelesene nachgedacht, dieses Nachdenken aber hatte eine eigentümliche Wendung genommen: mir war, als sei ich selbst es, wovon das Buch sprach – eine Kirche, ein Quartett, die Rivalität zwischen Franz i. und Karl v. Diese Vorstellung hielt noch einige Sekunden nach meinem Erwachen an; mein Verstand stieß sich nicht an ihr, doch lag sie mir wie Schuppen auf den Augen und hinderte diese zu erkennen, daß die Leuchte nicht mehr brannte. Dann wurde sie mir immer unbegreiflicher, wie nach der Seelenwanderung das in einer früheren Existenz Gedachte; das Thema des Buches löste sich von mir, ich war frei, mich damit zu befassen oder nicht; bald gewann ich mein Sehvermögen zurück und war höchst erstaunt, um mich her eine Dunkelheit vorzufinden, die für meine Augen, aber mehr noch vielleicht für meinen Geist angenehm und erholsam war, dem sie wie etwas Grundloses, Unbegreifliches, wie etwas wahrhaft Dunkles erschien. Ich fragte mich, wie spät es wohl sei, ich hörte das Pfeifen der Züge, das bald nah, bald fern wie der Gesang eines Vogels im Wald die Entfernungen deutlich machte und mir die Weite des öden Landes beschrieb, wo der Reisende der nächsten Station entgegeneilt; und der schmale Weg, dem er folgt, wird sich seinem Gedächtnis einprägen durch die Erregung, die er neuen Orten verdankt, ungewohnten Handlungen, dem eben stattgefundenen Gespräch und dem Abschied unter der fremden Lampe, der ihm in der Stille der Nacht noch nachgeht, dem bevorstehenden Glück der Heimkehr.

So klingt Proust in der Frankfurter Ausgabe heute, nachdem Luzius Keller und Sibylla Laemmel über die Übersetzung von Eva Rechel-Mertens gegangen sind. Bei Schottlaender beginnt der Text mit dem Satz Lange Zeit ging ich früh zu Bett. Das sagt witzigerweise auch Google Translate. Wir vergessen mal die Produkte des Copycat = Sharp Ink Verlags, diesen Müll sollte man nicht kaufen. Aber vielleicht wäre der Geburtstag von Rudolf Schottländer doch für Sie eine gute Gelegenheit, mit der Lektüre von Proust zu beginnen. Und deshalb bestellen Sie sich heute bei ebay oder Booklooker Schottlaenders Übersetzung, egal ob Parkland oder Nikol. Kostet zwischen 4,74 € und 10 €, oder 0,37 € bei Bookbot. Ist der preiswerteste Proust, den es gibt. Ist zwar hundert Jahre alt, aber immer noch gut.

Sonntag, 2. August 2026

7.500.000


Passiert es heute noch? Oder erst morgen? Muss ich den ganzen Tag vor dem Computer sitzer und auf die Zahl da unten starren? Irgendwann steht da 7.500.000, das ist eine stolze Zahl von Lesern, die ich seit dem Juli 2010 erreicht habe. Ich habe in den letzten Jahren die halben und ganzen Millionen damit gefeiert, dass ich mir eine Seiko Quarzuhr gekauft habe. Jetzt, wo ich all diese Grand Seikos und die Superior habe, ist mal die Firma Citizen dran. Weil ich bei meinen Händlern noch eine Exceed gefunden habe. Eine aus dieser selten gewordenen Luxuslinie, die Citizen sich in den 1990er Jahren gönnte. Still und zurückhaltend, mit Saphirglas und Cabochon in der Krone. Gehörte zum Markenzeichen. Wie das High Accuracy Werk Kaliber 7923 innen drin, immens flach. Noch mit sieben Steinen und Temperaturkompensation. Und geht wahrscheinlich unheimlich genau. Wahrscheinlich wieder 10 SPY wie die andere Exceed mit dem Kaliber 0310. Um solche Werte zu erreichen, muss man die Uhr aber mindestens den halben Tag tragen, sagt eine alte Betriebsanleitung. Die kalte Elektronik braucht die Wärme des Menschen.

Ich bin spät zu Quarzuhren gekommen, jetzt mag ich sie. Auch wenn ich mich immer noch frage: What is it the quartz is doing in there? Als ich noch keine Quarzuhren hatte, kamen hier schon mal Quarzuhren vor. Allerdings in einem Gedicht, das für mich eine besondere Rolle spielte. Das Gedicht The Watches von der amerikanischen Dichterin →Elizabeth Macklin wurde im März 1992 im →New Yorker abgedruckt. Den New Yorker las ich damals regelmäßig, weil mein Freund Peter Gutkind ihn mir immer aus Montreal zuschickte, wenn er ihn gelesen hatte. Ich fand das Uhrengedicht damals sehr schön (Before they became mysterious and quartz, we longed to learn the workings of watches: eternal spring!) und schrieb mir den Anfang ab. Jahre später fand ich in dem Schweizer Magazin Du ein Preisrätsel der IWC Schaffhausen.

In einem langen Text waren zehn Zitate (deutsch und fremdsprachig) versteckt, die sollte man herausbekommen. Mit Titel und Autor. Ich erkannte sofort das Gedicht von Elizabeth Macklin und dachte mir, dass niemand außer mir das kennen würde. Alles andere würde ein Klacks sein. War es nicht. Es war ein früher Sonntagmorgen, ich trank noch meinen Tee und begann gerade, mir eine Pfeife zu stopfen. Es wurde ein three pipe problem, wie Sherlock Holmes gesagt hätte. Ich hatte keinen Computer, und ich glaube, mein Seminar hatte vor dreißig Jahren auch noch keinen. Am Abend war meine Wohnung etwas verwüstet, weil ich unzählige Bücher aus dem Regal gerissen hatte. Aber ich hatte beinahe alles gelöst, am nächsten Tag war Einsendeschluss. Um die Geschichte kurz zu machen: ich war der einzige, der beinahe alles (9 von 10) lösen konnte und gewann den ersten Preis des Jubiläumspreisrätsels der IWC. Diese GST hier ist auch nach dreißig Jahren noch ein cooles Teil. Kostete damals beinahe so viel wie zwei Rolex Uhren.

Und deshalb gibt es heute zur Feier für die siebenkommafünf Millonen Leser das Gedicht The Watches, von dem ich in den letzten sechzehn Jahren immer nur die ersten Zeilen zitiert habe:

1
Before they became mysterious and quartz, we longed to learn
the workings of watches: eternal spring! We knew
to rush to make time for things. Any delay
would make it too late. We knew
what the hands could say.

There was the timeless sculptor who took his time
with his block of stone, and made it smooth
as a stone. All the strange things we do
in actual fact adore
have become hard.

2
As on a gray-blue screen a stranger patiently sees
a soundless movie of her murmuring heart,
its valves too open or too shut, so
did a patron of his time’s artisan
watch

the surface of a leaf-shaped dish—new, impatiently preened—
letting the loosened light through its gray-green jade
from the other side, and marvel at the useless care
of makers, but try to be careful: now the least
slippage meant downfall.

3
The minutes displayed and squared on a gray ground
slip from a 3 to an 8, a 9, without clicking.
They trip the alarm, however. It goes off
trilling its odd hour, telling its time
in church, or during a play.

The quiet halls of the city are famously full
of staggered peeping: half-hours, minutes—
seconds—from Standard Time. The place
sings with the fallibility in it.
That hasn’t changed.

4
In the watches of the current night, some sickened
body steps up to look from a window, to see
an angle of river—a straight wet line
if whole. Anyone might get lost in
such a place, at such a time.

Now the city whistles to the worsened water, and attracts it.
The rivery haze in the air is so still a body can hear—
sharp-eared for ticking—every other person.
Each a confined or becalmed boat. No
one’s loss makes another “free.”

5
Of course the works have become complex. Still, time
works with its oldest tools, a lighted watchman
behind plate glass, heir to the laid-off soul
who lived in the watch-repair shop on
Spring Street.

What is it the quartz is doing in there? Responding
in seconds to the current of precise science,
just to enlighten us. We try to be glad
of knowing the truth, precise license,
so as not to please our misfortune.


Samstag, 1. August 2026

ce qui reste


In some empty hall, my brother is still singing. His voice hasn't dampened yet. Not altogether. The rooms where he sang still hold an impression, their walls dimpled with his sound, awaiting some future phonograph capable of replaying them. So beginnt der Roman The Time of Our Singing (Der Klang der Zeit) des amerikanischen Schriftstellers Richard Powers. Ich fand das einen großartigen Romananfang; die New York Times offenbar auch, denn sie druckte damals das ganze erste Kapitel ab. Es ist ein Roman über die Musik, die die Hauptfiguren erfüllt. 640 Seiten Familiengeschichte und amerikanische Geschichte, Weiß und Schwarz, Judentum und Christentum. Geschichte eines Wunderkinds, dessen Stimme man nicht vergisst. Es ist über zwanzig Jahre her, dass ich den Roman gelesen habe, aber die erste Seite mit In some empty hall, my brother is still singing und John Dowlands Time stands still with gazing on her face, die habe ich noch im Kopf. Und das war das erste, das mir einfiel, als ich den letzten Eintrag in dem Timmdorfer Blog Die Nachtgazette las.

Ich bin nicht in einer leeren Halle, ich höre hier keinen Kontratenor John Dowland singen. Ich höre Jazz. Hauptsächlich die CDs aus Achim Körnigs Sendung Round Midnight, die habe ich schon ein halbes Dutzend mal in meinem Blog erwähnt. Auch in dem Nachruf, den ich für Joachim Körnig im letzten Jahr schreiben musste. Er wusste nicht nur alles über Jazz, er schrieb auch noch neben seinem Beruf, neben dem Angeln und dem Tennisspielen. So, wie er mal das Streiflicht für die Süddeutsche geschrieben hatte. Einen eigenen kleinen Blog namens Nachtgazette. Mit eigenen Karikaturen. Als er den Tod vor Augen hatte, war er dabei, ein Buch zu gestalten, in dem die besten Stücke aus seinem Blog erscheinen sollten. Ich habe in meinem Nachruf gesagt: Vielleicht führt seine Familie ja diese Arbeit fort.

Und das tut sie, sogar der Blog Nachtgazette wird weitergeführt. Und Anfang des Jahres erschien mit →Die Nachtgazette – Satire, Kultur und Gesellschaft eine Auswahl der besten Texte, Karikaturen und Photographien aus seinem Blog als Taschenbuch. Der Band versammelt Beiträge aus fast zwanzig Jahren Nachtgazette – Stücke, die ihm besonders Freude bereitet haben und die seinen Blick auf Politik, Gesellschaft und Alltag vielleicht am besten widerspiegeln. Die Arbeit an diesem Buch war sein letztes großes Herzensprojekt. 

Das fand ich sehr schön. In some empty hall, my brother is still singing. His voice hasn't dampened yet. Not altogether. The rooms where he sang still hold an impression, their walls dimpled with his sound. Irgendjemand wird immer zuhören, wenn eine außergewöhnliche Stimme erklingt. Und vielleicht wird auch immer irgendjemand lesen, was Blogger zu sagen haben, till heavens changed have their course and time hath lost his name.

Sonntag, 26. Juli 2026

mit Aweck

Leser haben mich gefragt, was die Formulierung mit Aweck bedeutete, die ich in dem Post Rembrandt Harmenszoon van Rijn verwendet habe. Habe ich nicht drüber nachgedacht, dass das schon zu den vielen verloren gegangenen Wörtern gehört. Kommt aus dem Bremer Plattdeutsch der Franzosenzeit, und ich gebrauche das ständig. So wie ich ausser lamäng sage. Das kommt übrigens in dem Post Regiolekt vor, der in der letzten Woche mit über tausend Lesern den Platz Eins der Top Ten der meistgelesenen Posts behauptete. Die Formulierung mit aweck kennt Googles KI nicht: Das Wort „aweck“ ist im Deutschen kein offizielles Wort, aber es kann sich um einen Tippfehler handeln. Meinten Sie das englische Wort „awake“ (wach), den traditionellen „WECK“-Einkochglas-Hersteller oder den Song „Weck mich auf“ von Samy Deluxe? Nein, das meinen wir nicht. Danke für den Versuch. 

Man muss Googles KI vorsichtig füttern, ganz vorsichtig. Wenn wir mit Aweck eingeben und dann das Wort plattdeutsch hinzugeben, bekommen wir ein ganz anderes Ergebnis:„Mit 'n Aweck“ (aus dem Französischen avec = mit, sowie avec aplomb mit Schwung/Sicherheit) ist eine norddeutsch-plattdeutsche beziehungsweise, vor allem im Niederdeutschen und regionalen Mischmasch verankerte Redewendung und bedeutet mit  Schwung, mit Leichtigkeit, ordentlich oder gekonnt.

In älteren Lexika findet man die Bedeutung leicht:

Aweck nur in : mit Aweck mit Pfiff oder Schwung : dat is ain Ding mit Aweck
Aweck « , besser noch mit'n jewissen Aweck < ( avec = mit ) , das heißt : mit Pfiff , Leichtigkeit und Eleganz
aweck mit Aplomb
Aweck, (von frz. avec = mit) mit Leichtigkeit, mit Esprit, mit Eleganz. 'Der macht seine Arbeit mit’n jewissen Aweck'

Steht so bei Google Books. Das Wissen der Welt findet man in Büchern, nicht in Googles KI. Es freut mich natürlich, dass der Post Regiolekt so viele Leser hat, aber der Post zu dem Maler Joseph Anton Koch, der hier vor acht Jahren stand, der hatte kaum Leser. Da stelle ich den doch noch einmal ein. Mit Aweck.

Joseph Anton Koch hatte gestern seinen 250. Geburtstag, bekam hier allerdings keine Erwähnung, da die Mondfinsternis den Vorrang hatte. Ich konnte ihn guten Gewissens auslassen, da es es am 27. Juli 2016 schon einen Post zu ihm gab. In dem allerdings eines nicht erwähnt wird: Kochs Haß auf William Turner. Der ist ja damals noch nicht so bekannt wie heute, so kann zum Beispiel Theodor Fontane sechs Jahre nach Turners Tod im Deutschen Kunstblatt schreiben: Turner ist auf dem Continente außer bei den Kunstverwandten kaum dem Namen nach gekannt, und seine Bilder kennen nur jene wenigen, die zu ihren Künstlerfahrten nach Rom und Paris einen flüchtigen Besuch an der Themse gestellt haben. Turner hat nur localen Ruhm, aber an Ort und Stelle ist es ein ganz unbestrittner Ruhm.

Den ihm Joseph Anton Koch streitig macht, gesudelt, nicht gemalt (oder noch grober: cacatum non est pictum) seien Turners Bilder, verkündet Koch. Man wisse gar nicht, wie herum man sie aufhängen soll. Und über die Ausstellung von Turners Bildern bei seinem Romaufenthalt 1828 schreibt Koch: So großer und grob gesinnter Pöbel sich auch einfand, die Ausstellung dieses weltberühmten Engländers, namens Turner, in Augenschein zu nehmen, so war die Ware doch zu sehr unter aller Kritik und unter der von der modernen Welt bewunderten Mittelmäßigkeit. Das Bild des Montblanc oben hat Turner mit 28 Jahren gemalt, da gab es die meisten Alpenbilder von Koch noch gar nicht. Wir wüssten, wie wir es aufzuhängen hätten, und wir würden nicht von gesudelt reden. Vielleicht lesen wir mit dieser Einführung den Post aus dem Jahre 2016 mit anderen Augen:

Schreibe ich über Joseph Anton Koch oder lasse ich es? Die Frage stellte sich mir, als ich auf das Kalenderblatt vom 27. Juli bei Wikipedia schaute. Der Maler wurde am 27. Juli 1768 geboren, in seiner Jugend hatte er noch Ziegen gehütet. Durch die Empfehlungen eines Bischofs war er zur Karlsschule nach Stuttgart gekommen, einer Militärakademie, die einige Berühmtheit hatte, weil Friedrich Schiller da auch gewesen war. Der war noch mit fünfzehn Bettnässer, was die Biographen auf den harten militärischen Drill schieben. Joseph Anton Koch hat die Militärakademie nach sechs Jahren verlassen. Der mit der französischen Revolution sympathisierende Eleve kam damit einem Rausschmiss zuvor. Malte aber mal eben diese schöne Karikatur auf die Kunstpraxis an der Hohen Karlsschule.

Und floh erst einmal in die Schweiz, danach ging er nach Italien, wo er bis zu seinem Tode blieb. Die Alpen vergaß er nie, er malte viele Bilder, die man als heroische Landschaft bezeichnet. So etwas ist in der Geschichte der Malerei nicht ganz neu, schon Nicolas Poussin hatte solche Bilder gemalt. Aber die Romantik wird das Thema neu entdecken, sogar der Schriftsteller Gottfried Keller wird eine solche heroische Landschaft malen.

Auf diesem Bild von Detlev Blunck, das den Bildhauer Bertel Thorvaldsen (ganz rechts am Tisch) und seine Freunde in einer römischen Trattoria zeigt, ist Joseph Anton Koch leider nicht mit drauf. Hätte er aber sein können, denn er war mit ihm befreundet, und der Katalog Künstlerleben in Rom. Bertel Thorvaldsen (1770-1844): Der dänische Bildhauer und seine Freunde hat eine Vielzahl von Einträgen für seinen Namen. Die Ateliers von Thorvaldsen und Koch werden für Jahrzehnte die Anlaufstationen für alle durchreisenden Künstler sein (auch Carl Blechen wird bei Koch wohnen). Das Bild von Detlev Blunck war übrigens schon in dem Post Bertel Thorvaldsen zu sehen.

Die Landschaft mit dem Regenbogen hat Koch 1805 gemalt, es ist das Jahr, in dem er mit dem →Schmadribachfall beginnt. Den lässt er aber erst einmal auf der Staffelei (oder in einer Ecke des Studios) stehen, erst 1811 wird er ihn vollenden. Das Bild ist heute in Leipzig, die Neue Pinakothek München hat eine spätere Fassung. Die früheste Fassung des Bildes ist dieses Aquarell von 1794, das das Kunstmuseum Basel besitzt. Es ist in seinem Detailreichtum und der Luftigkeit der Farben vielleicht schöner als die anderen Bilder.

Koch hat sein Bild in einem Brief an seinen Freund Robert von Langer selbst beschrieben als: Eine sozusagen prachtvolle Wildnis mit Gletscherkaskaden, Wolken, welche zum Teil die Gebirge umschleiern, machen den Hintergrund aus; In der Mitte befindet sich ein undurchdringlicher Wald von Tannen und anderem wilden Gewächs und Felstrümmern und stürzenden Wassern vermischt. Der Vordergrund ist die Tiefe des Tales, von frischem Grün erfreut, mit dem brausenden Strom der Steinberg Lütschüne, in welch sich oben gedachte Wasser stürzen. Der ich aus einem solchen Bergland geboren bin und mich selbst als Kind solcher majestätischer Natur schon immer freute und deren Erinnerung mir noch jetzt tief eingeprägt ist. Auch besitze ich sehr fleißige Zeichnungen nach der Natur hiervon.

Der Maler Joseph Anton Koch wäre mir eigentlich schnurzpiepeegal. Wenn da nicht diese Reproduktion des Schmadribachfalls wäre, die ich jahrelang an die Wände verschiedener Studentenbuden gepappt hatte. Ich weiß nicht weshalb. Aber ich kenne natürlich jeden Quadratzentimeter des Bildes. Die Reproduktion ist heute nicht mehr an der Wand, die ruht in einer großen Mappe im Keller. Wenn Sie mehr über Kochs Gemälde wissen wollen, dann kann ich Hilmar Franks kleines Buch in der hervorragenden Reihe Kunststück des Fischer Verlags empfehlen. Und diese Seite, auf der ein Kunstpädagoge didaktisch das Bild analysiert, besser kann man es nicht machen.

Die kleine Winzerstadt Olevano hatte Joseph Anton Koch um 1803 entdeckt. Er entdeckte da nicht nur die Schönheit dieser Landschaft, er entdeckte auch eine schöne Italienerin namens Cassandra Ranaldi, die er drei Jahre später heiratete. Besonders angetan hat es Koch ein Eichenwäldchen oberhalb von Olevano, das Serpentara (Schlangenwäldchen) heißt. Das wird dann für den Rest des Jahrhunderts für alle deutschen Maler, die Rom besuchen (sogar für den Deutschamerikaner Albert Bierstadt), die Vorlage für das Zeichnen von Eichen sein.

Als der Maler Edmund Kanoldt (diese Zeichnung des Serpentara Wäldchens ist von ihm) 1873 erfährt, dass man den Wald abholzen und zu Eisenbahnschwellen verarbeiten will, alarmiert er den deutschen Botschafter in Rom. Und dann gibt es eine beispiellose Aktion, Künstler sammeln und spenden (der Maler Carl Schuch übernimmt ein Viertel der Kosten), um das Wäldchen zu kaufen. Und da Deutsche immer übertreiben müssen, ist das Schlangenwäldchen inzwischen zu einem heiligen Eichenhain geworden.

Was wären wir Deutschen ohne Wald? Ohne das Lindenblatt, das auf Siegfried fällt, ohne Hermann den Cherusker, ohne Wolfsschlucht, ohne Eichendorffs Wälder und die Märchen der Brüder Grimm? Könnte ich jetzt stundenlang drüber schreiben. Habe ich auch schon getan, ich liste unten einmal einige Posts zum Thema Wald auf. Und ich muss natürlich das Buch von Simon Schama Landscape and Memory (Der Traum von der Wildnis) erwähnen, das ein schönes Kapitel über den deutschen Wald hat.

Die Gegend von Olevano war nicht mehr unbedingt idyllisch, jetzt im Risorgimento häufen sich in der ruhigen Gegend die Überfälle durch banditti. Die kommen normalerweise auf den Bildern von Salvator Rosa vor (dies ist eins seiner Bilder), aber es scheint sie auch in der Wirklichkeit zu geben. Die Malerin Louise Seidler (die Sie schon aus dem Post Georg Friedrich Kersting kennen) hat in ihren Lebenserinnerungen davon berichtet, wie Briganten den Baron von Rumohr überfallen wollten und den Maler Friedrich Salathéè entführten. Die Geschichte geht aber gut aus.

Wenn Deutsche sich etwas vornehmen, dann führen sie das auch zu Ende (vom Flughafen Berlin-Brandenburg und Stuttgart 21 einmal abgesehen), das Serpentara Wäldchen (hier ein Bild von August Lucas) wird nicht abgeholzt, es bleibt in deutscher Künstlerhand. Bis heute. Denn da gibt es die Villa Serpentara, die so etwas Ähnliches wie die Villa Massimo ist.

Obgleich ich die Alpen nicht unbedingt mag, schreibe ich doch häufig über sie. Wenn Sie den Post Tanzseuche anklicken, finden Sie Links zu all den Alpen Posts. Ich war noch keinen Monat im Netz, da musste ich schon über die Alpen schreiben und in dem Post Ästhetik diese kleine Geschichte erzählen: Aus der Zeit von Sir Arthur Conan Doyle (dem seine Schneider besonders dicke Tweedhosen gemacht hatten, damit er die verschneiten Hänge herunter rutschen konnte) datiert auch eine kleine Geschichte, die man sich in Bremen erzählt. Wo man sich ja englischer als die Engländer gibt. Das tun die Hamburger ja auch, aber die sind für die Bremer ja nicht wirklich zurückhaltend englisch, eher schon neapolitanisch leichtlebig. Also, eine Bremer Senatorenfamilie fährt mit der Eisenbahn in die Alpen. Und angesichts des Panoramas der schneebedeckten Berge und des ewigen Eises springt der Sohn auf und ruft: Guck mal, Vadder. Was scheun. Die Alpens. Und der Vater sagt: Junge, exaltier Dir nicht so. Worauf die Mutter, das Verhalten des Juniors erklärend, einwirft: Das musst Du verstehen, er studiert ja nun schon ein Semester in Hamburg.

Es wird nicht verwundern, dass es in einem Blog namens SILVAE manchmal um Wälder geht. Lesen Sie auch: silvae: Wälder: Lesen, Eisenhammer, Deutsche Romantik, Wolfsschlucht, Lützow, Moritz von Schwind, Vollmond, Caspar David Friedrich, Adalbert Stifter, Zweite Heimat, Carl Blechen 

Donnerstag, 23. Juli 2026

die Übersetzerin Eva Rechel-Mertens

Was unseren Klassenlehrer damals dazu bewog, mit uns von Mainz aus einen Ausflug nach Germersheim zu machen, weiß ich bis heute nicht. Es waren Semesterferien, die Hörsäle der Hochschule in der ehemaligen Seyssel Kaserne waren leer. Es gab viel Grün um die Bauten, und es war landschaftlich schön. Aber warum waren wir hier? Heute weiß ich, dass in Germersheim die größte Ausbildungsstätte weltweit für Dolmetscher und Übersetzer ist. Begründet 1947 als Staatliche Dolmetscherhochschule für die französischen Besatzer, die kein Deutsch sprachen. Und die Beamten des Landes, die kein Französisch konnten. Wurde 1949 als Auslands- und Dolmetscherinstitut in die Johannes Gutenberg Universität Mainz eingegliedert und ist heute der Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK).

Auch wenn ich vor über sechzig Jahren davon nichts wusste, in meinem Berufsleben wusste ich wohl, was in Germersheim passierte. Studenten, die davon träumten, Übersetzer zu werden, empfahl ich den Wechsel des Studienorts. Sie waren in Germersheim besser aufgehoben als bei uns. Übersetzer und Übersetzungen haben in diesem Blog einen großen Platz. Wenn Sie den Post Übersetzer anklicken, der von dem Übersetzer Curt Meyer-Clason handelt, finden Sie da einen Vielzahl von Links (es sind beinahe hundert), die zu Posts führen, in denen von Übersetzungen die Rede ist. Und diese Posts werden auch gelesen, der Post Anna Karenina: Übersetzungen ist über fünftausendmal gelesen worden. 

Ich schreibe das hier heute mit dieser Uhr am Arm. Es ist eine Tissot T12 aus dem Jahre 1970 mit einem Armband der Firma Gay Frères. Die Firma ist der bedeutendste Hersteller von qualitativ hochwertigen Uhrarmbändern gewesen, Patek-Philippe, die IWC und Zenith kauften dort ihre Bänder. Und das originale Band der Eterna KonTiki kam auch von Gay Frères. Mit der Uhr auf diesem Photo wollte Tissot betonen, dass diese T12 etwas ganz Besonderes war, und deshalb spendierte man ihr ein Band von Gay Frères. Diese Armbänder sind für Sammler teuer geworden, das Armband dieser Uhr kostet bei ebay schon 300 Euro. Ohne Uhr. Alles, was ebay anbietet, muss neuerdings übersetzt werden. Überall arbeitet im Hintergrund die KI mit ihren hanebüchenen Computerübersetzungen. Ich habe schon in den  Posts wie Gartenkarre und pfanni denglish (und man könnte auch den Post Bräutigam dazu nehmen) auf die fürchterlichen Ergebnisse von Computerübersetzungen bei ebay hingewiesen. Und deshalb ist diese Tissot T12 (die mal 120 Meter wasserdicht war) heute hier. Weil die ebay Computerübersetzung das Gay Frères mit schwule Brüder übersetzt. Und deshalb brauchen wir Germersheim, weil dort richtige Übersetzer ausgebildet werden, die niemals solchen Quatsch produzieren würden.

Wenn Sie nicht wissen, was das UeLEX hier bedeutet, dann kann es dafür schnell eine Aufklärung geben. Das Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX ist ein frei zugängliches, kontinuierlich wachsendes interdisziplinäres Online-Referenzwerk, das seit 2015 existiert und seit 2022 in konzeptionell und technisch überarbeiteter Form zur Verfügung steht, sagt das Online Lexikon über sich selbst.

Lexika zur Literatur, zur Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft gibt es genug. Aber ein Lexikon der Übersetzer hat es noch nie gegeben. Das Photo zeigt die beiden Herausgeber des Germersheimer Übersetzerlexikons, Aleksey Tashinskiy (links) und   Andreas F. Kelletat, mit ihrer Mitarbeiterin Julija Boguna. Die hat den Artikel zu Casimir Ulrich Boehlendorff geschrieben, der hier im Blog schon in den Posts Boehlendorff und nur einmal im Netz vorkommt. Der Artikel zu dem Freund Hölderlins ist allerdings noch ein Rumpfartikel.

Aber es gibt auch sehr lange und ausführliche Artikel, in denen all das steht, was man bisher im Netz nicht finden konnte. Zum Beispiel der Artikel über die Proust Übersetzerin Eva Rechel-Mertens von Anja van de Pol-Tegge. Die Frau, die À la recherche du temps perdu für Suhrkamp in fünf Jahren für fünfhundert Mark im Monat übersetzte, ist in meinem Blog immer wieder erwähnt worden, am detailliertesten wohl in dem Post Eine Liebe von Swann. Seit ich einen Computer besitze, habe ich versucht, ein Bild der Übersetzerin im Internet zu finden, es gab keins. Erst das UeLEX präsentiert uns ein Photo.

Es gibt inzwischen noch ein zweites Photo im Netz. Das findet sich in dem ganz hervorragenden Artikel Die Hohe Schule der Eva Rechel-Mertens von  der Übersetzerin Petra Bös, die auch in Germersheim studiert hat. Erstaunlicherweise taucht in ihrem Artikel der Name Nora Bruegmann nicht auf, bei Anja van de Pol-Tegge im UeLEX schon. Denn diesen Namen kann man nicht auslassen, weil Nora Bruegmann 2015 ihre Dissertation mit dem Titel Auf der Suche nach Welt: Eva Rechel-Mertens’ Proust-Übersetzung im Suhrkamp Verlag (1953-2002) an der Vanderbilt University vorgelegt hat. Die Doktorarbeit ist im Internet als Volltext zugänglich.

Rudolf Schottlaender, der erste →Übersetzer Prousts, der 1926 Der Weg zu Swann in zwei Bänden veröffentlichte, hat im UeLEX bisher nur einen Rumpfartikel. Das wird sich sicherlich noch ändern. Seine Übersetzung ist damals von Ernst Robert Curtius, dem Doktorvater von Rechel-Mertens, in beleidigender Form verrissen worden. Jahre später hat Schottlaender, inzwischen Ordinarius für Klassische Philologie, über dessen Antigone Übersetzung kein Kritiker ein böses Wort sagte, über Curtius geschrieben: Es fällt mir nicht ein, an der Lebensleistung Ernst Robert Curtius', insbesondere an seinem Verdienst um Proust, zu mäkeln. Nur daß eben auch er gelegentlich zum bösartigen Fachidioten werden konnte, scheint mir durch sein Vorgehen gegen meine Proust-Übersetzung erwiesen.

Die beiden deutschen Philologen Curtius und Schottlaender konnten unterschiedlicher nicht sein. Curtius tritt 1938 in die NSDAP ein, schreibt aber schon 1932 in seinem Buch Deutscher Geist in Gefahr die schlimmen Sätze: Aber die Schuld trifft nicht nur Deutsche und Deutschstämmige allein, sie trifft ebenso sehr unsere Juden, von denen leider gesagt werden muß, daß sie zum überwiegenden Teile und in maßgebender Betätigung der Skepsis und der Destruktion zugeschworen sind. Diese Juden sind von der Idee des Judentums selbst abgefallene Juden... Sie sind aber auch nicht bereit, sich dem Christentum, dem Humanismus oder dem Deutschtum zu öffnen und es aufzunehmen. Es bleibt ihnen also nur die Negation in ihren zwei Formen: Destruktion und Zynismus. Dagegen müssen wir uns wehren, weil Destruktion in einer so zerklüfteten Nation wie der deutschen zehnfach gefährlich ist. Der Jude Schottlaender überlebt das Dritte Reich nur, weil er mit einer nicht-jüdischen Frau verheiratet ist und es ein Gesetz über privilegierte Mischehen gibt.

Der Mediävist Curtius schreibt 1948 das große Buch Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter und will damit vergessen lassen, was vorher war. Ähnlich reagiert sein NSDAP Parteigenosse Hugo Friedrich, der gleichzeitig sein magnum opus Montaigne veröffentlicht (dazu mehr in dem Post Montaigne en allemand). Aber Hugo Friedrich musste sich 1946 auch von dem zur Emigration gezwungenen Leo Spitzer sagen lassen: Sie können nicht ernsthaft glauben, daß die Zusammenarbeit mit Baal die Substanz des Menschen nicht anfresse. Das Leiden, das eine fortwährende Selbstreinigung mit sich hätte bringen müssen, wäre ja so stark gewesen, daß Sie hätten den Verstand verlieren müssen. Das ist es ja gerade, was uns Emigranten so unverständlich ist! Wie die Menschen in Deutschland nicht den Verstand verloren haben ... Besonders kann ich mir Übung der Geisteswissenschaften nicht vorstellen, wenn die Grundlagen des menschlichen Geistes nicht mehr bestehen. 

Die deutschen Proust Übersetzer haben sehr unterschiedliche Biographien. Schottlaender promovierte 1923 in Heidelberg mit einer Arbeit über die Nikomachische Ethik des Aristoteles. Er war noch nie in Frankreich gewesen, hatte aber einen guten Französischlehrer gehabt: Trotz Franzosenhaß wurde Französisch nach alter Tradition in unserer Schule früh und ausgiebig gelehrt. Eva Rechel-Mertens hatte Romanistik studiert, sie war fünfundfünfzig, als sie bei Suhrkamp eingestellt wurde. Da konnte sie auf eine Übersetzertätigkeit zurückblicken, die bis in die zwanziger Jahre zurückreichte. Und vielleicht hatte ihr Doktorvater sie damals schon in Gedanken als Übersetzerin der Recherche auserkoren und wandte sich deshalb voller Hass gegen den Konkurrenten Schottlaender.

Michael Kleeberg war vierzig, als er Prousts Combray übersetzte (nach Werbung des Verlags der einzig wahre Proust). Da hatte er schon viele Texte aus dem Französischen und Englischen übersetzt, ein halbes Dutzend Romane geschrieben und zwölf Jahre in Frankreich gelebt. Bernd-Jürgen Fischer war siebzig, als der erste Band seiner Übersetzung bei Reclam erschien. Er war dreizehn Jahre Dozent in der Germanistik, bevor er freier Autor wurde. Michael Kleeberg ist der einzige der Proust Übersetzer, der keinen Doktortitel hat. Vielleicht lieben ihn die Kritiker deshalb nicht.

Was über die deutschen Proust Übersetzer hier in Kurzform steht, kann man bei Nathalie Mälzer in ihrem Buch Proust oder ähnlich: Proust Übersetzen in Deutschland genauer lesen. Oder in dem zweiteiligen Forschungsbericht Proust übersetzen (I) und Proust übersetzen (Teil II) von Dietrich Leder im Netz. Der Nachlass von Eva Rechel-Mertens, den Petra Bös in ihrem Artikel bespricht, befindet sich heute im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Ich war achtzehn, als ich Proust zu lesen begann. Ein Jahr später war ich schon beim vierten Band. Das können Sie meiner Leseliste entnehmen, die in dem Post perlegi abgedruckt ist. Mein Proust war damals natürlich der Proust von Eva Rechel-Mertens. Das reichte mir fürs Leben; ich fand es überflüssig, dass der Suhrkamp Verlag andere (wie zum Beispiel Luzius Keller) zur Überarbeitung des Textes heranzog, um das dann als die großes Ereignis zu feiern. Manche Kritiker fanden das eher eine Verschlimmbesserung. Rudolf Schottlaenders Der Weg zu Swann habe ich mit Gewinn gelesen. Man kann die Erstausgabe antiquarisch noch preiswert bekommen, aber es gibt inzwischen auch einen noch preiswerteren Nachdruck. Eine Lesefreude ist das nach hundert Jahren noch immer.


Samstag, 18. Juli 2026

statt eines Nachrufs


Heimatvertrieben, nach Ostfriesland verschlagen, nicht wirklich dort zu Hause. Liebte den Chiemsee. Offizier beim Bund, dann studiert, promoviert, habilitiert. Privatwirtschaft. Dann Uni. Professor, Dekan, Rektor. Und alles, was man werden kann, Titel en masse. Gastprofessuren in drei Ländern. Glücklich im Beruf und glücklich im Leben, trotz der schweren Krankheit in den letzten Jahren. Hatte allerdings sein halbes Leben lang davon geträumt, nach Dänemark auszuwandern. Sechzig Jahre ein Freund, keinen Geburtstag vergessen. Schrieb mir zuletzt: Dir weiterhin alles Gute. Deine Schaffenskraft habe ich nicht mehr; mach weiter so, noch lange Zeit. Ich höre immer wieder gern von Dir. Meine letzte Geburtstagskarte konnte er nicht mehr lesen, da war er gerade gestorben. Sollte ich einen Nachruf für ihn schreiben? Mir fielen als erstes Philip Larkins Verse ein:

The first day after a death, the new absence, 
Is always the same; we should be careful 
Of each other, we should be kind 
While there is still time.

Mit jedem toten Freund, jeder toten Freundin, stirbt ein kleiner Teil von uns selbst. 

Freitag, 17. Juli 2026

Die oberen Zehntausend

Heute vor siebzig Jahren kam der Film High Society in die Kinos, hieß bei uns Die oberen Zehntausend. Den gab es am 17. Juli vor fünfzehn Jahren schon einmal hier im Blog. Ich stelle den Post leicht überarbeitet (mit neuen Links) noch einmal hier ein, da meine Leser im Augenblick sowieso nur noch ganz alte Posts lesen. Das ist eine erstaunliche Sache, das habe ich schon in dem Post aus heiterem Himmel gesagt. Im Augenblick ist der Post über den Bildhauer Karl Lemke aus dem Jahr 2014 die Nummer Eins der Top Ten. Hat 872 neue Leser an einem Tag. Vielleicht bekommt das dieser Post auch. Weil Grace Kelly darin vorkommt.

Hier bewegt sich Grace Kelly noch in der High Society Amerikas, wenig später ist die Fürstin eines Zwergstaates. Dessen High Society bestimmt so zweifelhaft ist wie die von Hollywood. Wenn man an all das Pack denkt, das da im Zuge der Fürstenhochzeit als beste Freunde der Grimaldis im Fernsehen gezeigt wurden, man glaubt es ja nicht. Aber dies hier muss High Society sein, denn der Film heißt so. Und wir merken uns mal: nur wo High Society drauf steht, ist auch High Society drin. Dabei ist der Film eigentlich eine Mogelpackung. Steht zwar High Society drauf, ist aber The Philadelphia Story drin.

Hollywood ist in den fünfziger Jahren in dire straits, wie der Engländer sagt. Der Siegeszug des Fernsehens bedroht die Traumfabrik in ihrer Existenz. Die neuen Waffen im Kampf gegen den Bildschirm heißen jetzt: Breitwandfilme, Blockbuster, Bibelverfilmungen, Ben Hur und so'n Zeuch. Alles letztlich der Triumph der Cecil B. DeMille Formel. Darf ich die schönen vier Verse noch einmal bringen?

Cecil B. DeMille
Rather against his will
Was persuaded to leave Moses
Out of the War of the Roses


Und dann haben wir da noch die filmische Bedrohung aus dem All oder die Monster aus der blauen Lagune. Wenn diese Filme im Kino floppen, kann man sie ans Fernsehen verkaufen, haben eh in der Produktion nichts gekostet. Die Imitatoren von Jack Arnold drehen da schon billige B-Pictures. Und wenn das alles nicht funktioniert, dann greift Hollywood in seiner Verzweiflung zu seiner letzten Waffe: Dem Re-Make. Re-Makes sind ja eigentlich ein Krankheitsymptom, das uns zeigt, dass es dem Patienten sehr, sehr schlecht geht. Finden Sie nicht auch, dass es viel zu viele Re-Makes in den letzten zehn Jahren in Hollywood gegeben hat? Und da wir schon einmal dabei sind: auch ein großer Teil dessen, was in den fünfziger Jahren in die deutschen Kinos kommt, ist nichts als ein Re-Make von Komödien aus den dreißiger und vierziger Jahren. Kohlhiesels Töchter waren nicht wirklich neu. War auch nur wegen Lilo Pulver zu ertragen.

Also, dieser schöne bunte Film High Society, heute vor 70 Jahren im Kino, ist für Hollywood eine Wunderwaffe: VistaVision und Technicolor! Und dann auch noch ein Musical! Und eine Komödie! Und ein Re-Make! Das muss ja gut gehen. Oder, um Hilaire Belloc zu zitieren: I shoot the Hippopotamus with bullets made of platinum/ 'cause if I use the leaden one his hide is sure to flatten 'em. Wenn es der Nation schlecht geht, geht sie ins Kino und guckt Komödien, in denen beliebte Filmschauspieler Frack und Abendkleider tragen und so tun, als ob sie zur High Society gehören. Und natürlich wahnsinnig witzig sind. Diese platte Formel funktioniert im Amerika der Great Depression genau so wie im Nazi-Deutschland.

Throughout most of the Depression, Americans went assiduously, devotedly, almost compulsively, to the movies. The movies offered a chance to escape the cold, the heat, and loneliness; they brought strangers together, rubbing elbows in the dark of movie palaces and fleapits, sharing in the one social event available to everyone, sagt Carlos Stevens in From the Crash to the Fair: The Public Theatre. Hollywood wird seinem Ruf als Traumfabrik gerecht. Gerade in der Great Depression läuft die Traumfabrik zur Höchstform auf und erfindet die romantische Filmkomödie (die eigentlich Ernst Lubitsch erfunden hatte) mit einem Schuss screwball comedy. Mit der screwball comedy, dem Geschlechterkampf in der High Society, hat Hollywood etwas Neues, auch wenn es vielleicht doch nur die durch den tough talk der dreißiger Jahre leicht variierte Lubitsch Formel ist. 

Aber seit It Happened one Night (1934) ist diese Form der Filmkomödie nicht mehr wegzudenken. Taucht auch gleichzeitig im Krimigenre auf: The Thin Man ist letztlich auch nur eine screwball comedy. Und zehn Jahre später ist mit ✺Arsen und Spitzenhäubchen schon alles wieder vorbei. Die Höhepunkte sind sicher ✺Bringing Up Baby und The Philadelphia Story. Und damit sind wir wieder bei den filthy rich, bei Katharine Hepburn, die jemanden namens Tracy Lord spielt. Tracy Lord, achten Sie auf diese Schreibweise! Bitte denken Sie jetzt nicht an Traci Lords, das ist eine Pornodarstellerin.

Das reale Vorbild für diese Tracy Lord hat es wirklich gegeben, es war eine Dame der feinen Gesellschaft namens Helen Hope Montgomery Scott (links), die von Philip Barry in ein Theaterstück hineingeschrieben wurde. Barry, der mit den Scotts befreundet war, schrieb die Rolle (zusammen mit Hepburn) von Tracy Lord als Paradestück für Katharine Hepburn. Es wurde einer ihrer größten Erfolge. Katharine Hepburn kam nicht aus Philadelphia, kam aber aus einer feinen Familie. Allerdings hatte sie nichts mit der etwas irrealen Welt von Helen Hope Montgomery Scott gemein. Grace Kelly, die später die Rolle von Katharine Hepburn spielen durfte (in der deutschen Version wurde sie von Tracy Lord auf Daisy Cord umgetauft), kam allerdings aus Philadelphia. Jedoch gehörte ihre Familie nicht unbedingt zur High Society.

Aber dann singt ihr Bing Crosby ✺True Love vor, und sie kehrt vor dem Traualtar zu ihrer alten Liebe zurück und heiratet doch nicht Frank Sinatra, Jimmy Stewart oder Louis Armstrong sondern Bing Crosby. Oder Louis Henri Maxence Bertrand Rainier Grimaldi. Oder verwechsle ich da was? Es kommt ja darauf an, dass am Schluss geheiratet wird. Es heiraten noch andere, nämlich das Reporterpärchen Mike Connor und Liz Imbrie vom Spy Magazin

Die Repräsentanten der kleinen ehrlichen Leute, die mit den filthy rich nix zu tun haben. Die, wie James Stewart davon träumen, eines Tages nicht mehr diese journalistische Drecksarbeit machen zu müssen, sondern ihren großen Roman zu schreiben: I'm not gonna do it, Liz. I'm gonna tell Sidney Kidd very plainly and simply I'm a writer. I'm not a society snoop. I'm gonna tell him just that... Let Kidd fire me! Start writin' short stories again - that's what I should be doin' anyway. I'm gonna tell him just that. Alle Reporter träumen in Hollywoods Produktionen den Traum des écrivain manqué. Und Mike Connor (der nicht aus Zufall einen irischen Namen trägt) darf sogar für einen Augenblick die Braut im Arm halten. Das Publikum darf nur gucken, nicht anfassen.

Wenn die ganze Story der Philadelphia Story während einer Zeit der großen gesellschaftlichen Gegensätze als amüsanter Einblick in die Irrungen und Wirrungen der High Society durchgehen mag, funktioniert der Film von 1956 überhaupt nicht, flimsy as a gossip-columnist's word schrieb die The New York Times. Und Halliwell's Film Guide (der dem Film keinen Stern gibt, seinem Vorgänger aber die Höchstnote von vier Sternen) bemerkte: Cold, flat, dull musical reworking, with ill-cast performers and just a few bright moments. Dass der Film überhaupt funktioniert, liegt nur an der ✺Musik von Cole Porter. It suffers from stilted Vista Vision staging and a lack of gloss -- but has some sparkling Cole Porter musical numbers, sagte die Chicago Tribune über den Film.

Am Ende von The Philadelphia Story ist aus der oberflächlichen Society Tussi ein richtiger Mensch geworden:

Tracy: (To her father) How do I look?
Mr. Lord: Like a queen - like a goddess.
Tracy: And do you know how I feel?
Mr. Lord: How?
Tracy: Like a human. Like a human being.
Mr. Lord: Do you know how I feel?
Tracy: How?
Mr. Lord: Proud.

Ja, so sollen Märchen enden, the prettiest sights in this pretty world is the privileged classes enjoying their privileges. Der Engländer Cary Grant, der zu dieser Zeit der erste Schauspieler ist, der sich an kein Studio mehr bindet, und der für The Philadelphia Story die Höchstgage herausgehandelt hatte, wird seine ganze Gage dem englischen war effort spenden. James Stewart wird zur Luftwaffe gehen, alle anderen haben noch nicht gemerkt, dass Krieg ist. In der screwball comedy gibt es so etwas nicht. Im Jahre 1940 gibt es noch einen zweiten Film, der in Philadelphia spielt. In dem die High Society von Philadelphia nicht so gut wegkommt. Er heißt ✺Kitty Foyle, und die Hauptdarstellerin Ginger Rogers wird den Oscar bekommen, den Katharine Hepburn alias Tracy Lord so gerne bekommen hätte.