Mittwoch, 22. November 2017

Bielefelder Qualitätshemden


Früher kamen die Hemden aus Bielefeld. Nicht aus Polen oder Fernost. Früher waren die Hemden ➱weiß und wurden von der Hausfrau mißhandelt, weil sie gekocht und gestärkt wurden. Aber die Hemden, die meistens keinen Namen, sondern nur einen Hinweis auf Bielefelder Qualitätswäsche hatten, hielten das alles aus. Die Firma E.F. Banck aus ➱Oerlinghausen warb im Jahre 1887 mit der größten Haltbarkeit ihrer Hemden. Die Firma gibt es nicht mehr, sie wurde nach dem Ersten Weltkrieg Banck und Co. wurde 1918 vom Firmenverbund des Bielefelder Unternehmers Carl Theodor Dornbusch übernommen, der auch Baumhöfener & Heise erwarb.

Dornbusch wurde 1963 von Walter Seidensticker gekauft, der einmal bei Dornbusch gelernt hat. Eigentlich hatte er Schiffskoch werden wollen, jetzt bastelt sich Seidensticker nach kleinen Anfängen im elterlichen Wohnhaus ein kleines Imperium. Und frisst peu à peu alle anderen auf, Dornbusch, Daniel Schagen und wie sie alle heißen. Nicht alles, was Seidensticker auf den Markt brachte, war gut und schön. 1968 kam die Schwarze Rose auf den Männerbauch, eine gewaltige Geschmacksverirrung. Damals forcierte Seidensticker die Plastikhemden, die unter Namen wie  Splendesto und Diolen Star liefen. Wer jemals ein Nyltest Hemd getragen hat, weiß, dass man so etwas nicht anziehen soll. Die Schwarze Rose ist übrigens heute wieder im Programm.

Seidensticker ist heute immer noch im Familienbesitz, das ist in dieser Branche selten. Und sie sitzen immer noch in Bielefeld. Sie sind nicht die einzigen, es gibt da noch eine Vielzahl kleinerer Firmen. Schaeffer &amp Vogel, die seit 1867 im Geschäft sind, wären ein Beispiel. Oder Bracksiek-Hemmelskamp, die eine Nische gefunden haben, weil sie Hemden für katholische Priester und Dirigenten im Programm haben. Also Hemden mit dem dog collar und solche, die beim Dirigieren nicht aus dem Frack rutschen. In Bielefeld steht ein Leineweberdenkmal, und vor Jahrzehnten konnte man auf dem Bahnhof noch lesen, dass man in der Leinenstadt angekommen war. Schon seit dem 17. Jahrhundert wurde in Bielefeld mit Leinen gehandelt, später wurde auch Leinen verarbeitet. Aber als die irische und englische Konkurrenz im 19. Jahrhundert auf industrielle Produktion umstellte, konnte man in Bielefeld nicht mehr konkurrieren.

Doch dann kam Hermann Delius mit der Ravensberger Spinnerei, die einmal kurzzeitig zur größten Maschinenspinnerei in Europa aufstieg. Wenig später wird die Mechanische Weberei Ravensberg gegründet, jetzt produziert man nicht nur Garne, jetzt werden die auch weiterverarbeitet. Bielefeld wird zur Wäschestadt, Bielefelder Wäsche wird zu einem Qualitätsbegriff wie Meißener Porzellan, Lübecker Marzipan oder Nürnberger Lebkuchen. Es sei am Rande angemerkt, dass die letzte Kaiserin Auguste Viktoria ihre gesamte Aussteuerwäsche aus Bielefeld kommen ließ.

Ich muss mal eben einen Bremer in die Bielefelder Hemdengeschichte bringen. Er heißt Alexander Friedrich Kleinwort und arbeitet in Havana in dem deutschen Handelshaus von Adolf Höber. Die Firma importiert vor allem Bielefelder Leinen, das nach genauen Qualitätsvorgaben in Bielefeld bestellt wurde. Das Kontorhaus erlaubt Kleinwort, nebenbei auf eigene Rechnung zu arbeiten. So handelt er mit Bielefelder Leinen. Und Zigarren. Der Handel mit Zigarren war ihm aus seiner Heimatstadt Bremen nicht unbekannt.

Kleinwort hatte in Havanna ➱Hermann Dietrich Upmann aus Bielefeld kennengelernt, zusammen mischen die beiden Freunde den kubanischen Tabaksmarkt auf. Und werden beide berühmt: Kleinwort mit seiner Bank (die später Kleinwort Benson heißt), H. Upmann mit seinen Zigarren. Das Photo zeigt John F. Kennedy beim Unterzeichnen des Handelembargos gegen Kuba. Bevor er seinen Namen unter das Dokument setzte, hatte er übrigens all seine kubanischen Lieblingszigarren in Washington aufkaufen lassen, sein Pressesprecher konnte ihm noch 1.200 Upmann Petit Coronas besorgen.

Zuerst kam in Bielefeld die Maschinenspinnerei, dann die Weberei, und dann kommt Nikolaus Dürkopp mit seiner Bielefelder Einsatzmaschine, einer Nähmaschine, die speziell für Hemden entwickelt wurde. Noch nicht wird überall mit den Eisernen Nähmamsells genäht, wir sind in einer Phase der Industrialisierung, wo innerhalb des Verlagssystems die Heimarbeit in die Fabrikarbeit übergeht. Heute kündet davon in Bielefeld noch ein Museum, das früher einmal eine Wäschefabrik war. Und die Reste der Bielefelder Qualitätshemden kann man bei ebay finden. Wo alle alten Klamotten landen, in Wirklichkeit ist ebay ein Textilmuseum.

Im Jahre 1874 saßen in Bielefeld 3.000 Frauen an zweitausend Nähmaschinen, da laufen 11% aller Spindeln und Webstühle Deutschlands in Bielefeld. Nach der Jahrhundertwende werden es hier 5.000 Näherinnen sein. Da gibt es schon 150 Betriebe, von denen die meisten dreißig bis vierzig Angestellte beschäftigen. Wenn wir heute die schlimmsten Sünden der Globalisierung beklagen, dann müssen wir bedenken, dass um 1900 die Globalisierung Bielefeld heißt. Frauen kann man ausbeuten, auch wenn es inzwischen Kranken- und Sozialversicherung gibt. In der Wäschereifirma Winkel (die heute ein Museum ist) hing noch nach dem Zweiten Weltkrieg ein Schild mit den Reimen: Nur geschäftlich bist Du hier, Zeit ist Geld, das merke Dir. Willst Du unterhalten sein, stell Dich des abends ein.

Als die Bielefelder Wäscheindustrie ins Rollen kommt, als noch mit der Hand und nicht mit der Eisernen Nähmamsell genäht wird, schreibt der Engländer Thomas Hood das Gedicht Song of the Shirt:

With fingers weary and worn,
With eyelids heavy and red,
A woman sat, in unwomanly rags,
Plying her needle and thread —
Stitch! stitch! stitch!
In poverty, hunger, and dirt,
And still with a voice of dolorous pitch
She sang the "Song of the Shirt."

Seidensticker sitzt noch in Bielefeld, produziert aber überall auf den Welt. Emanuel Berg sitzt in Köln, produziert aber in Polen. Die Firma van Laack sitzt in Mönchengladbach, produziert aber in Hanoi. Zu halbwegs akzeptablen Bedingungen: Knapp 200 Euro Lohn, 14 Tage Urlaub im Jahr, keine Nachtschichten und ein kostenloses Mittagessen in der Kantine. Das aber nichts mit dem Gourmettempel von van Laack La Cottoneria in Mönchengladbach zu tun hat. Wir tun das nicht aus reiner Nächstenliebe, sagt Firmenchef von Daniels, sondern weil es sich für uns rentiert. Christian von Daniels hat van Laack vor 15 Jahren Stefan Quandt abgekauft, der die Firma (inklusive Regent) gegen die Wand gefahren hatte.

Wir tun das nicht aus reiner Nächstenliebesondern weil es sich für uns rentiert. Dem Satz möchte ich etwas entgegenhalten, was ein englischer Fabrikbesitzer im Jahre 1853 vor seinen Arbeitern sagt: Ladies and gentlemen, it is with no ordinary feelings, I assure you, that I rise on this occasion to thank you for the very flattering manner in which you have received the last toast, and for the good wishes expressed therein. I cannot look around me, and see this vast assemblage of my friends and workpeople, without being moved. I feel gratified at this day's proceedings; I also feel greatly honoured by the presence of the nobleman at my side. I am more than all delighted at the presence of this vast assemblage of my workpeople. Perhaps it may be permitted me to remark that ten or twelve years ago I was looking forward to this day (on which I complete my his fiftieth year) as the period when I hoped to retire from business and enjoy myself in agricultural pursuits, which would be quite congenial to my mind and inclination. As the time drew near, looking at my large family (five of them being sons) I reversed that decision, and resolved to proceed a little longer and remain at the head of the firm. 

Having thus determined, I at once made up my mind to leave Bradford. I did not like to be a party to increasing that already overcrowded borough, but I looked around for a site suitable for a large manufacturing establishment, and I fixed upon this, as offering every capability for a first rate manufacturing and commercial establishment. It is also, from the beauty of its situation, and the salubrity of the air, a most desirable place for the erection of dwellings. Far be it from me to do anything to pollute the air or the water of the district. I shall do my utmost to avoid these evils, and I have no doubt of being successful. I hope to draw around me a population that will enjoy the beauties of this neighbourhood—a population of well paid, contented, happy operatives. I have given instructions to my architects (who are competent to carry them out) that nothing shall be spared to render the dwellings of the operatives a pattern to the country, and if my life is spared by Divine Providence, I hope to see satisfaction, contentment, and happiness around me. 

Der Sprecher heißt Sir Titus Salt, er ist Unternehmer und Philantrop. Die englische Briefmarke hier zeigt einen Ausschnitt von David Hockneys Gemälde von Titus Salts Fabrik in seiner Mustersiedlung Saltaire. In einer Zeit, in der Engels die Lage der arbeitenden Klasse in England beschreibt und Charles Dickens von der Auswüchsen der Ausbeutung im kapitalitischen England berichtet, da geht einer hin und macht etwas ganz anderes. Sir Titus ist hier schon in dem Post Ermenegildo Zegna erwähnt worden. Das hat einen ganz einfachen Grund: was Sir Titus Salt im 19. Jahrhundert macht, das macht der Graf Zegna im 20. Jahrhundert. Aber in Bielefeld hat das niemand gemacht. Zwar gibt es in Deutschland Arbeitersiedlungen, aber paternalistische Philantropen, davon haben wir nicht so viele.

Ach, was soll's. Wir haben so vieles nicht. Die Bielefelder Hemden können mit den italienischen Hemden nicht mithalten, nicht mit Fray, Pegaso, Borrelli, Finamore und wie sie alle heißen. Wir haben keine wirklich guten Hemden. Und gute Politiker schon gar nicht. Der fett gewordene Kubicki klagte vor der Kamera, dass ihm seine Frau wegen der langen Verhandlungen frische Hemden aus Kiel bringen müsste. Er ist offensichtlich unfähig, sich ein neues Hemd zu kaufen oder seine Hemden zur Reinigung zu bringen. Und so was will regieren.

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Sonntag, 19. November 2017

La Périchole


Das vorliegende Bühnenwerk ist nicht frivoler als die bereits bekannten von Offenbach in Musik gesetzten Pieçen und es dürfte daher nach Beseitigung der auf Seiten 40 und 118 bezeichneten Stellen zur Aufführung zulässig sein. Das steht 1868 in dem Wiener Libretto von Jacques Offenbachs opéra-bouffe La Périchole (hier gibt es das Libretto im französischen Original). Eine Zensur für Opern muss sein, Opern können gefährlich sein, das wissen wir von Mozarts Figaros Hochzeit. Aber auch wenn die Zensur den Rotstift ansetzt, revolutionäres Potential enthält Offenbachs La Périchole allemal. Zum Beispiel das Il grandira car il est espagnol, das das Premierenpublikum angeblich pfeifen konnte, als es die Oper verließ.

Die Wiener Morgen-Post sagte am 9. Jänner 1869 über das Werk: Beide sind einander in Liebe zugethan, nicht mit der gewöhnlichen Straßenliebe, sondern in der reinsten reinen Liebe; da sieht der Vizekönig von ungefähr die Straßensängerin, und entbrennt in der anderen Liebe zu ihr. Der Straßensänger und die Straßensängerin vertreten also das gute, der Vizekönig das böse Prinzip. Es kann in einer Operette auch gar nicht anders sein. Ein Vizekönig und eine Straßensängerin, was für ein schöner Stoff.

Es hat die Straßensängerin, die man La Perricholi nannte, wirklich gegeben. Sie war die berühmteste Frau im Peru des 18. Jahrhunderts. Prosper Mérimée hat sie in sein Theaterstück Le Carrosse du Saint-Sacrement hinein geschrieben, das Henri Meilhac und Ludovic Halévy als Vorlage für ihr Libretto diente. Und die Straßensängerin La Périchole spielt eine Rolle in Thornton Wilders Roman The Bridge of San Luis Rey. Und natürlich in Jean Renoirs Film Le Carrosse d'or. La Périchole zählt nicht zu den berühmtesten Werken von Jacques Offenbach. Und doch haben berühmte Sängerinnen immer wieder die Lieder der Périchole gesungen, die Offenbach einst für seine Lieblingssängerin Hortense Schneider (Bild) geschrieben hat.

Wenn der an seinem Namenstag nachts inkognito durch die Hauptstadt seiner Bananenrepublik streifende Vizekönig (den trotz der Verkleidung jedermann erkennt) die halbverhungerte Périchole auf der Straße aufliest, lockt er sie mit der Aussicht auf ein Diner in seinen Palast. Hier wird nicht mehr Reich mir die Hand mein Leben Komm auf mein Schloss mit mir gesungen, hier wird die Richtigkeit des Satzes Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral bewiesen. Über das Essen wird sie später leicht angesäuselt singen: Ah ! quel dîner, je viens de faire ! Et quel vin extraordinaire ! J’en ai tant bu... mais tant et tant, Que je crois bien que maintenant Je suis un peu grise, un peu grise... Mais chut ! Faut pas qu’on le dise ! Faut pas, faut pas Chut ! Wir lassen hier mal eben Elīna Garanča das Ah! quel diner singen. Aber Julie Tourreau ist auch ganz witzig. Elise Caron mit sehr artistischen Einlagen kann ich mit dem Ah quel diner je viens de faire natürlich auch anbieten. Und auch die Eheschließung am Ende des 1. Akts, wo Braut und Bräutigam sich nicht erkennen.

Bevor die Périchole in den Palast verschwindet, schreibt sie ihrem Geliebten noch schnell einen Brief:

O mon cher amant, je te jure
Que je t'aime de tout mon coeur;
Mais, vrai, la misère est trop dure,
Et nous avons trop de malheur!
Tu dois le comprendre toi-même,
Que cela ne saurait durer.
Et qu'il vaut mieux -
Dieu! que je t'aime! -
Et qu'il vaut mieux nous séparer!
Crois-tu qu'on puisse être bien tendre,
Alors que l'on manque de pain?
A quels transports peut-on s'attendre,
En s'aimant quand on meurt de faim?
Je suis faible, car je suis femme,
Et j'aurais rendu, quelque jour.
Le dernier soupir, ma chère âme.
Croyant en pousser un d'amour …
Ces paroles-là sont cruelles,
Je le sais bien… mais que veux-tu?
Pour les choses essentielles,
Tu peux compter sur ma vertu.
Je t'adore, si je suis folle.
C'est de toi, compte là-dessus!
Et je signe: La Périchole,
Qui t'aime, mais qui n'en peut plus!

Elise Caron singt das Mon cher amant in der Aufführung von Jérôme Savary sehr rührend und verhalten. Jessye Norman macht da natürlich mehr draus. Aber die wahrscheinlich schönste Aufnahme ist von Suzy Delair (Bild), einer Dame, die am Ende des Jahres hundert Jahre alt wird. Wir hören da mal eben hinein, und Sie stellen das hier auf volle Lautstärke. Elise Caron ist keine Opernsängerin, sie ist eine Chansonssängerin. Ich habe sie in der Silvesternacht 2000 auf arte in der Live Aufführung gesehen, das habe ich schon in dem Post Jacques Offenbach hervorgehoben. Damals war ich noch auf der Suche nach einer DVD, heute habe ich endlich eine. Das war nicht so leicht.

Elise Caron musste für die Rolle eine neue Stimme finden, Prends pas ta voix de bourgeoise! hatte Savary ihr gesagt, Caron orientierte sich nicht mehr an der Bourgeoisie, sondern an den Fischweibern vom Markt. Sie ist auf jeden Fall das langbeinigste Fischweib, das die Rolle der Périchole gesungen hat. Ob in diesem grünen Bikinikostüm oder im Glitzerkleid. Und sie ist ja auch wunderbar vulgär, professionelle Opernsängerinnen wie Régine Crespin hätten damit Schwierigkeiten.

Non, vulgaire, non ! Qu’est-ce que c’est, la vulgarité, si c’est s’amuser, alors soyons vulgaires! hat Hélène Delavault gesagt. Sie war 1984 im Théâtre des Champs Elysées Jérôme Savarys erste Périchole (hier erfahren Sie alles dazu), damals gab es auch eine carrosse d'or auf der Bühne, das hätte Jean Renoir sicher gefallen. Auch Hélène Delavault war wie Elise Caron keine Opernsängerin, war aber mit ihrem Mezzo-Sopran eine formidable Périchole. Ihre CD La Républicaine mit den Liedern der französischen Revolution ist auch sehr interessant.

Der ehemalige Jazztrompeter Savary erlaubt sich viel mit Offenbachs Operette, die er spectacle musical d’après Jacques Offenbach nennt (Karl Kraus nannte die Operetten Offenbachiaden). Da singt der Straßensänger Piquillo (im ersten Akt im Elvis Kostüm) schon mal Love me tender, die Barcarolle erklingt, die Habanera aus Carmen auch. Jacques Offenbach hat einen kleinen Auftritt und hundert anderer kleine Gags. Das muss gestattet sein, wahrscheinlich würde Offenbach diese Slapstick Version sogar gefallen. Das alles ist eher auf der Ebene der London Theatre Group (lesen Sie mehr dazu in The Marriage of Figaro) als auf der Ebene des sinnentstellenden deutschen Regietheaters. Als Dieter Hallervorden letztens gefragt wurde Was haben Sie eigentlich gegen das moderne Regietheater? sagte er: Ich sehe keinen Sinn darin, Schillers “Räuber“ in SS-Uniformen zu spielen. Hamlet muss Ophelia auch nicht in der Sauna kennenlernen. Dies ist kein deutsches Regietheater, dies spectacle musical d’après Jacques Offenbach hat Stil und ist amüsant.

Leider ist die DVD schwer zu bekommen. Bei YouTube schreibt jemand in schönstem Pidgin English: Dear sir, this version is very high prices. Why is a version of collectors. There was no reprint. However, whenever this happens, pirated DVDs appear on e-Bay for sale (illegal copies) at good prices. I have a friend who wants to launch clandestine copies of this DVD on e-Bay. When it happens, I'll let you know! Ich würde da lieber den Händlern von Amazon France vertrauen. Leichter erhältlich sind natürlich CDs von Offenbachs Operette, da hat man die Qual der Wahl. Leider erwähnen Karl Löbl und Robert Werba in ihrem vorzüglichen Lexikon Opern auf Schallplatten die Operette nicht. Das tut leider auch der Good CD & DVD Guide der Zeitschrift Gramophone nicht.

Der Penguin Guide to Compact Discs lobt die Gesamtaufnahme mit Régine Crespin, die habe ich schon lange, ist aber nicht meine Lieblings CD. Weil ich kein Régine Crespin Fan bin. Was ich immer wieder gut hören kann, ist die Gesamtaufnahme mit Teresa Berganza. Ich mag die Aufnahme besonders, weil ich bei Amazon Marketplace drei Cent dafür bezahlt habe. Ungelogen. Es gibt seit einigen Jahren eine deutsche Aufnahme, Sie können hier eine Besprechung lesen. Ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, wenn man den französischen Text im Ohr hat. Die Überarbeitung des Textes stammt von Peter Ensikat, die politischen Spitzen, die das französische Orginal enthält, werden hier noch deutlicher. Vor allem, wenn der Chor Wir sind nicht das Volk singt. Wenn aus dem Ah ! Que les hommes sont bêtes ein Ach Gott, was sind die Männer dämlich wird, dann klingt das allerdings ein wenig nach Claire Waldoff. Solche Petitessen beiseite: was die Staatsoperette Dresden hier abliefert, ist eine Studioproduktion mit einem hervorragend eingespielten Klangbild.

Leider enthält das kleine Heftchen, das der CD (JPC hat das preiswerteste Angebot) beiliegt, nicht den Text von Ensikats Übersetzung. Um genauer zu sein: es gibt überhaupt keinen Text. Die beiden anderen von mir genannten Gesamtaufnahmen haben den vollständigen Librettotext. Savarys Péricole war übrigens im letzten Jahr noch bei der Opéra Comique Paris im Programm. Da sang Marie- Stéphane Bernard die Périchole, auch im grünen Kostüm, aber nicht ganz so freizügig wie Elise Caron.

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Freitag, 17. November 2017

Anna Feldhusen


Anna Feldhusen wurde heute vor 150 Jahren in Bremen geboren, man weiß leider nicht so viel über ihre Jugend. Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie (ihr Vater J.P. Feldhusen war Börsenmakler). Ihre Familie war sehr dagegen, dass die Tochter Malerin wurde. Aber die Tochter war von diesem Wunsch nicht abzubringen. Das ist anders als bei Friedrich Ahlers-Hestermann, der kam aus einer feinen Hamburger Kaufmannsfamilie, aber seine Familie ließ ihn letztendlich Kunst studieren, auch wenn man ihn gerne als Hamburger Kaufmann gesehen sähe. Anna Feldhusen sieht auf diesem Photo sehr vornehm aus.

Das Photo oben, das im Besitz der Overbeck Stiftung ist, könnte eine Frau in einer Kirche zeigen, die eine Bibel oder ein Gesangbuch hält. Aber sie hält einen Skizzenblock. Das wird sie sich bei der Photographie ausbedungen haben, Maler werden gerne mit dem gemalt oder photographiert, was auf ihr Handwerk hindeutet. Es war eine kleine Frechheit von Gilbert Stuart, seinen berühmten Malerkollegen Sir Joshua Reynolds nicht mit Pinsel und Palette, sondern mit seiner goldenen Schnupftabakdose zu malen. Auch wenn Anna Feldhusens Familie ihren Berufswunsch nicht billigt, es führt zu keinem Bruch mit den Eltern. Sie wird lange in deren Haus in der Ellhornstraße 15a wohnen bleiben.

Ex Libris Anna Feldhusen steht hier unter einer Landschaft, die uns Worpswede sagt. Aber da steht auch noch Allein, ich will, und das ist ein Programm für das Leben. Alles, was man über sie sagen kann, ist symbolisch hier dargestellt. Das Ex Libris ist eine Radierung, und die Druckgraphik wird den größten Teil ihres Werkes ausmachen. Sie war nicht nur in Worpswede, sie wirkte auch in der Künstlerkolonie Dachau, zu der sie in den Wintermonaten gerne zurückkehrte. Ihre Münchener Wohnung hat sie, wie ihr Bremer Atelier, immer behalten. In den Sommermonaten war sie in der Künstlerkolonie Dötlingen zu finden. In München hatte sie drei Jahre bei Lina Kempter, Max Dasio und Oskar Graf an der gerade gegründeten Damenakademie des Künstlerinnenvereins studiert, bevor sie Schülerin von Hans am Ende in Worpswede wurde.

Obgleich dieses Selbstportrait aus dem Jahre 1899 eine gewisse Meisterschaft verrät, erkannte Anna Feldhusen, dass ihre Stärke in Radierung und Aquatinta liegen würde. Das Selbstportrait ist ein Bild, das eine starke Frau zeigt: Allein, ich will. Wir sind in der Zeit, wo in der Literatur starke Frauen auftauchen. Wie die New Woman bei George Bernard Shaw, oder schon viel früher die Sara Videbeck in Carl Jonas Love Almqvists Roman Die Woche mit Sara. In einem Bild Stärke und Überlegenheit zu demonstrieren, ist ein symbolischer Akt. Doch für das Selbstverständnis der Malweiber, wie die Künstlerinnen despektierlich genannt werden, braucht es etwas mehr. Zum Beispiel den Zusammenhalt der Künstlerinnen in Netzwerken, und es braucht eine eine ökonomische Basis.

Anna Feldhusen trat 1902 dem Bremer Malerinnenverein bei, 1922 dem Bremer Künstlerbund und 1929 der GEDOK. Und sie macht etwas ganz erstaunliches: sie beantragt einen Gewerbeschein als Kunstmalerin. Den sie auch erhält. Und sie signiert ihre Bilder mit Bremische Malerin und Graphikerin. Sie wird Kalender, Zeitschriften und Lesebücher illustrieren. Viele Schulbücher enthalten ihre Worpsweder Landschaften, Birken und Moor und ihre Bremer Stadtansichten. Und auch im Bremer Gesangbuch von 1917 (in dem auch Zeichnungen von Vogeler sind) sind ihre Zeichnungen zu finden.

Sie zählt nicht zu den großen Namen der Worpsweder Malerinnen, in vielen Büchern über Worpswede wird ihr Name nicht genannt. Da wird immer Paula Becker-Modersohn genannt, manchmal auch ➱Hermine Overbeck. Man hat sie sehr spät wiederentdeckt. 1992 taucht sie in einer Ausstellung auf, die Hermine Overbeck-Rohte und den Bremer Malerinnen um 1900 gewidmet ist. Das war eine Ausstellung in der ➱Kito in Vegesack. 2003 findet sie sich in einer kleinen Ausstellung, die Bremer "Malweiber" um 1900: zwischen Tradition und Moderne heißt. Vielleicht gibt es ja noch einmal, in Dötlingen oder Worpswede, eine richtige Ausstellung für sie.





Donnerstag, 16. November 2017

Räuber


Am 16. November 1802 hat Friedrich Schiller sein Adelsdiplom erhalten und war fortan Friedrich von Schiller. Als ich jung war, hatte ich mit Schiller nichts im Sinn. Gar nichts. Ich besaß zwar die vierbändige Ausgabe, die Enzensberger herausgegeben hatte - die damals ein Skandal war, weil er die Glocke weggelassen hatte. Aber mit dem Schiller im Regal hörte es bei mir auch auf. Das einzige, das ich bis zum Abitur von Schiller wirklich gelesen hatte, war sein Buch über den Grafen Egmont und den Abfall der Niederlande.

Eine Werkausgabe ohne die Glocke? Ja, und warum nicht? Karoline Schlegel notierte damals in ihrem Tagebuch: Über ein Gedicht von Schiller "Das Lied von der Glocke" sind wir gestern mittag fast von den Stühlen gefallen vor Lachen. Bei der Glocke habe ich nur eine simple Assoziation: es war ein Fehler, bei dem Auftritt des sächsischen Staatsschauspielers Horst Bogislaw von Smelding in der ersten Reihe in der Aula des Gymnasiums zu sitzen. Er spuckte. Besonders bei der Glocke.

Aber das hier, das war einfach geil. Nicht weil Zadek damals ➱Die Räuber inszeniert hatte, sondern weil Wilfried Minks das Bühnenbild gemacht hatte. Zadek wäre nichts ohne Minks gewesen, aber er hat ihn in seiner Autobiographie heruntergemacht. Er hat auch Judy Winters, mit der er zusammenlebte, als sie noch keine 18 war, heruntergemacht. Zadek war ein wenig wie Trump, für ihn gab es nur sich selbst.

Seine Räuber haben nicht nur das Bremer Publikum verstört und aus dem Theater vertrieben, sie haben Theatergeschichte gemacht: Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Thüre. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht! Das hätte eine Rezension zu Zadeks Räubern sein können, ist es aber nicht. Das schrieb ein Zeitgenosse über die Premiere im Mannheimer Nationaltheater am 13. Januar 1782. Da brauchte man keinen Zadek und keinen Minks, Schillers Stück besaß genügend revolutionäres Potential.

Meine Eltern, die ein Theaterabo hatten, mochten das, was Kurt Hübner seine jungen wilden Regisseure inszenieren ließ, nicht so sehr. Und so saß ich häufig in der ersten Reihe des Bremer Theaters. Was im Falle von Hamlet geradezu lebensgefährlich war (lesen Sie mehr in Richard Lester). Die revolutionäre Zeit des Bremer Theaters, die Bremer Stillosigkeit (Hübner) war nach zehn Jahren zuende. Da bekam Hübner seinen Vertrag nicht mehr verlängert und ➱Peter Stein, dessen ➱Torquato Tasso Furore gemacht hatte, nahm die halbe Truppe nach Berlin mit.

Noch mehr Zadek und Bremer Theater in den Posts Richard Lester, Rickie Lee Jones, Nicolas Freeling, Gisela von Stoltzenberg, Wolle, Flimm ist schlimm, Nico.

Dienstag, 14. November 2017

Sonia Delaunay


Sonia Delaunay wurde am 14. November 1885 geboren, sie war eine russisch-französische Malerin. Und Designerin. Das hier ist eins ihrer Kunstwerke. Ein anderes ihrer Kunstwerke und zwei Models in Kleidern von ihr tauchten schon in den Posts Georges Braques Rolls Royce und Blaise Cendrars auf. Autos sehen in dieser Zeit ja ziemlich potthässlich auf, da ist das Anmalen mit bunten Farben schon ein Akt der Ästhetisierung der Technik.

Wenige Jahre vor diesem Kunstwerk hatte der Italiener Filippo Tommaso Marinetti in seinem Manifest des Futurismus geschrieben: Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen . .. ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt. 

In dem Jahr, in dem Marinetti das schreibt, sieht ein Rennwagen so aus wie das Grüne Monster von Opel im oberen Absatz. Die Nike von Samothrake sah damals so aus. Sie sieht immer noch so aus. Egal, ob Marinetti glaubte, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat. Die Rennwagen haben sich verändert. Ihre großen Rohre, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen, stoßen Gift aus, davon war bei Marinetti nicht die Rede. Marinetti besaß zwar ein Auto, aber er konnte damit überhaupt nicht umgehen. Sein Satz Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt, ist letztlich nur lächerlich.

Marinetti hat über seinen Futurismus gesagt: Der Futurismus gründet sich auf die vollständige Erneuerung der menschlichen Sensibilität als Folge der großen Entdeckungen [...] Diejenigen, welche heutzutage Dinge benutzen wie Telephon, Grammophon, Eisenbahn, Fahrrad, Motorrad, Ozeandampfer, Luftschiff, Flugzeug, Kinematograph und große Tageszeitungen, denken nicht daran, daß diese verschiedenen Kommunikations-, Verkehrs- und Informationsformen auch entscheidenden Einfluß auf ihre Psyche ausüben. Er kannte Facebook und Twitter noch nicht, aber wo er mal recht hat, hat er recht.

Man kann heute Autos bunter anmalen als Sonia Delaunay das 1920 gemacht hat, das Gift bleibt. Und die Grünen sind heute automobiltechnisch auch umweltbewusst. Wie Sylvia Löhrmann, die einen Audi A8 fuhr, aber zu Wahlkampfveranstaltungen in ein Hybridroauto umstieg. Jahrzehnte zuvor hat das bei den Grünen niemanden gekümmert, da fuhren die die rostigsten R4s und Döschewos mit dem blauesten Qualm aus dem Auspuff. Und einem Sticker daneben: Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann. Damals hat aber niemand gesagt, dass die berühmte Rede von Chief Seattle eine Fälschung war. Wie die Abgaswerte der deutschen Autoindustrie.

Die Kunst von Sonia Delaunay hat niemandem geschadet. Die Verherrlichung des Automobils durch Marinetti ist eine gefährliche Sache. Weil die bei ihm einhergeht mit der Verherrlichung des Krieges: Wir wollen den Krieg verherrlichen — diese einzige Hygiene der Welt -, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.  Marinettis Weg in den Faschismus ist vorgezeichnet. Wir lassen die Sache mit der Verachtung des Weibes mal eben aus, dazu könnten Sie diesen Aufsatz lesen.

Manches von dem, das Sonia Delaunay und ihr Ehemann malen, ist auch dem Futurismus zugeordnet worden. Dies hier bestimmt nicht. Es ist ein Quilt, den Delaunay für ihr Baby als Schmusedecke genäht hat. Diese Schmusedecke hat Folgen. Sonia Delaunay, die Künstlerin der radikalen Avantgarde, wird hunderte von Entwürfen für Teppiche, Gardinen und Kleiderstoffe liefern. Und auch die Autos nicht vergessen, 1967 wird sie einen Matra 530 bunt bemalen. Bei all ihren Designs ist sie am Verkauf beteiligt gewesen, sie ist die erste Künstlerin, die das im großen Stil macht. An dem Matra wird sie nichts verdienen, der wird für einen guten Zweck versteigert.


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Sonntag, 12. November 2017

Die Weser: ein langer Fluss, ein langer Text


Ich kenne einen deutschen Strom,
Der ist mir lieb und wert vor allen,
Umwölbt von ernster Eichen Dom,
Umgrünt von kühlen Buchenhallen.
Ihn hat nicht, wie den großen Rhein,
Der Alpe dunkler Geist beschworen,
Ihn hat der friedliche Verein
Verwandter Ströme still geboren.


Der Held des psychologischen Romans Anton Reiser von Karl Philipp Moritz erlebt 1786 den Anblick des Vegesacker Hafens mit den Schiffen als unbeschreiblich ergötzlich. Viele Reisende werden ihm zustimmen, zum Beispiel Friedrich Engels, der von 1838 bis 1841 in Bremen lebt. Vegesack ist die Oase in der bremischen Wüste, schreibt er 1841 im Morgenblatt für gebildete Leser nach einer Reise mit dem Dampfer Roland von Bremen nach Bremerhaven. Wenn man das 1850 gemalte Bild von Vegesack von Carl Justus Fedeler betrachtet, muss der Ort in der Jahrhundertmitte einen eindrucksvollen Anblick geboten haben. Im 19. Jahrhundert werden die touristischen Schiffsreisenden, die Nachfolger der englischen Reisemanie des 18. Jahrhunderts, in dieser Gegend gerne verweilen. Die Geestkante an Weser und Lesum wird flugs in Vegesacker (oder Lesumer) Schweiz umgetauft.

Wenn schon kein Erlebnis des Erhabenen in den Alpen, dann doch das des Pittoresken in der Lesumer Schweiz. Wenn die Bremer sich den Anblick der Gebirgsländer im Kleinen verschaffen wollen, so wallfahrten sie nach St. Magnus, urteilt 1822 der Professor Adam Storck in Ansichten der Freien Hansestadt Bremen. Um wenige Seiten später, ganz im Sinne der Romantik, die Stimmung an der Lesum im Sonnenuntergang mit Sir Walter Scotts The Lady in the Lake zu vergleichen. Ausflugslokale sprießen aus dem Boden. Natürlich soll es auch Bremer geben, die einmal die Alpen gesehen haben, auf jeden Fall gibt es eine hundert Jahre alte kleine Geschichte, die nur mit Blick auf den Gegensatz zu Hamburg verständlich ist. Denn für zugeknöpfte Bremer kommt alles Überschwengliche und Leichtlebige aus Hamburg. In dieser Anekdote fahren Senators mit ihrem Sohn in die Winterfrische. Und angesichts des gewaltigen Alpenpanoramas springt der Sohn im Eisenbahncoupé auf uns ruft: Guck mal, Vadder, was scheun. Die Alpens. Und der Vater sagt, erschrocken über diesen gewaltigen Gefühlsausbruch Junge, exaltier dir nich so! - Das musst Du verstehen, mischt sich die Mutter ein, Er studiert nun schon ein Semester in Hamburg. In Bezug auf alpine Naturerlebnisse ist dies der Höhepunkt des Bremer Humors.

Was den Bremer nicht interessiert, ist die Weser südlich von Bremen. Für Bremer fängt die Weser beim Weserwehr an und geht bis Bremerhaven. Das ist die Strecke, die meine Mutter vor dem Krieg schwamm, weil sie unbedingt über den Ärmelkanal schwimmen wollte. Die Rolexreklame mit Mercedes Gleitze wirkte bis zu uns. Als meine Mutter fit für den Ärmelkanal war, kam der Krieg. Da schwimmt niemand mehr gen Engeland. Das Weserwehr gibt es erst seit Ludwig Franzius die Weserkorrektion durchgeführt hat, für Bremer ist die Leistung des Senatsbaudirektors Franzius nur mit der des Barons Haussmann in Paris zu vergleichen. Seitdem können seegehende Schiffe die Weser befahren. Dass es auch eine Schiffahrt von Hannoversch-Münden bis Bremen gibt, das interessiert Bremer nicht wirklich. Auch wenn der Bremer Georg Treviranus (das Mechanikergenie, der bei Herschel in England seine Künste im Linsenschleifen vervollkommnet hat) als Maschinist auf der Weser bis Münden mitgefahren ist. Man lernt in der Schule wo Werra sich und Fulda küssen, sie ihren Namen lassen müssen. Der Findling in Hannoversch-Münden hat noch zwei Zeilen mehr: Und so entsteht durch diesen Kuss Deutsch bis zum Meer der Weser Fluss.

Da fängt die Weser an, glaubt jeder, ist aber falsch. Die Werra (nach der meine erste gute Kamera hieß) ist nämlich eigentlich der Oberlauf der Weser (etymologisch sind Werra und Weser verwandt), die Fulda ist nur ein Nebenfluss. Der gute alte Matthäus Merian wusste das schon:

Die Werra nimmt ihren Usprung im Franckenland 
und nimbt seinen Lauff auff Münden
allda die Fulda darein kompt
unnd dem Fluß ein andern Namen macht
daß Er die Weser genendt wird
auff welchem man uff Höxter
Hameln, Minden, Nienburg, Bremen
und so fort nach der Hohen-See
oder dem Meer fahren kann

Aber es hat sich so eingebürgert, dass hier in Münden der Fluss beginnt, dessen Salzgehalt schon höher war als der der Nordsee. Jahrhunderte lang ist hier Salz abgebaut worden, und zu DDR-Zeiten hat man hier sinn- und verantwortungslos alle Kali- und Salzabfälle in Werra und Fulda gekippt. Gewässergüteklasse IV ist das Ergebnis. Das ist nach dem Zusammenbruch der DDR nicht viel besser geworden, sagen Umweltschutzorganisationen. Umweltverschmutzer vertrauen auf die Selbstreinigungskraft des Flusses. Darüber wissen wir alles, weil unser Biologielehrer Willy Klevenhusen, der uns mit den Gefahren des Botulismus ängstigte, über dieses Thema promoviert hat. Wir fahren mit ihm auf einem Schlepper und nehmen Wasserproben, lange bevor Greenpeace darauf gekommen ist. Das Bremer Trinkwasser kommt heute schon lange nicht mehr aus der Weser. Alle Weserkorrekturen und Sperrwerke seit Franzius, die den einzigen Zweck haben, aus der Weser einen für die Seeschiffahrt befahrbaren Kanal zu machen, sind auch Verbrechen an Natur und Umwelt.

Darüber können die Kitschpostkarten, die seit dem 19. Jahrhundert von Hannoversch-Münden bis Bremerhaven an Dampfergäste verkauft werden, nicht wirklich hinwegtäuschen. Auch nicht das schöne Lied An der Weser, das Franz von Dingelstedt 1835 in Rinteln gedichtet hat. Mein Vater liebte es, und so lernte ich die Noten der Vertonung von Gustav Pressel auswendig. Mit all den Trillern, die die Zeile und der Weser blitzende Welle untermalen. Und dann der schwermütige Schluss: Die süßen Bilder, wie weit, wie weit! Wie schwer der Himmel, wie trübe Fahr’ wohl, fahr’ wohl, du selige Zeit! Fahrt wohl, ihr Träume der Liebe. In Hannoversch-Münden gibt es sogar eine Weserlied Gedenkstätte, mit Bronzeplaketten für Dichter und Komponist. Wir sind dort einmal auf einer Klassenfahrt, aber von Hannoversch-Münden kenne ich nur die Badeanstalt. Und dass Charlie, der auf die Badesachen aufpassen sollte, meine blaue Lieblingsbadehose dort vergessen hat. Verzeihe ich ihm nie.

Bremer werden von der Weser aus in die Welt fahren, werden an das buten und binnen, wagen und winnen glauben, das Otto Gildemeister für die Tafel am Schütting geschrieben hat. Die Schönheit von Karlshafen, Bodenwerder oder Kloster Corvey von der Weserseite aus wird sie nicht interessieren. Dabei ist es dort zugegeben wirklich schön, wie uns eine Klassenfahrt die Oberweser hinauf zeigen wird. Auch wenn der Ort Polle, wo wir eine Woche lang sind, überschätzt wird. Aber ich werde ihn nie vergessen, nicht wegen der Götz von Berlichingen Freiluftaufführung in der Burg Polle, sondern wegen der Wanderung zum Köterberg. Unser Klassenlehrer ist krank, und wir beschließen, ohne ihn zu diesem Berg zu wandern, von dem der Herbergsvater sagt, dass sich die Wanderung lohnen würde. Wir frühstücken ganz früh und marschieren los, energisch von unserem Klassensprecher Konny geleitet.

Wir haben die Himmelsrichtung und eine schlechte Karte in einer Ledertasche vom kranken Klassenlehrer. Wir wandern auf Wegen, die keiner außer uns benutzen würde. Im Frühtau zu Berge wir zieh’n, fallera. Es grünen die Wälder, die Höh’n, fallera. Wir wandern ohne Sorgen, singend in den Morgen. Dies Lied scheint für uns geschrieben, aber wir singen nicht. Der geheimnisvolle Wald an diesem nebligen Morgen hat etwas Unwirkliches, Märchenhaftes. Man muss es still genießen. Immer wenn ich Eichendorff lese, muss ich an diesen Morgen in den Wäldern mit dem Nebel in den Wiesen denken. Ein großer schwarzer Hund läuft uns zu, und läuft kilometerlang mit uns mit. Gegen Mittag erreichen wir den Köterberg, irgendwie passend, dass wir einen Hund dabei haben. Dem geben wir auch etwas von unseren Butterbroten ab.

Der Nebel hat sich gelichtet und man kann weit sehen, der Köterberg ist beinahe fünfhundert Meter hoch. Der Panoramablick geht bis zum Teutoburger Wald, bis zum Harz. Der Berg ist noch nicht mit Ausflugslokalen und Fernmeldemasten zugebaut. Ist noch nicht Monte Wau Wau, der Treffpunkt der Motorradbiker. Uns interessiert die schöne Fernsicht weniger als die dort startenden und landenden Segelflugzeuge. Auf dem Rückweg bergab nehmen wir richtige Wege und eine Landstraße. Die uns zum Kloster Falkenhagen führt, wo wir dank Konnys Organisationstalents sogar einen Kaffee kriegen. Als ich klein war, habe ich (aus der Bibliothek von Opa) Wilhelm Raabes Odfeld gelesen. Mit sechs Jahren versteht man nicht so viel davon, ich wusste nur noch, dass der gütige Herzog von Braunschweig-Lüneburg darin vorkam, der Magister Buchius, eine Schlacht und viele Raben.

Ich habe beinahe sechzig Jahre gebraucht, um den Roman wieder zu lesen und die Romankunst dieses unterschätzten deutschen Romanciers zu würdigen. Ich habe beim zweiten Mal den Roman mit der Landkarte neben mir gelesen, weil ich plötzlich merkte, dass ich von Holzminden bis zum Solling jeden Ort kannte, die geographischen Grenzen der Weserrenaissance reichen ja bis in die Heimat von Oma und Opa hinein. Meine Liebeserklärung für das Weserbergland, die Ober- und Mittelweser und Wilhelm Raabe Country, wird Bremern, für die Süddeutschland schon in Achim anfängt, seltsam erscheinen. Aber sei’s drum, vielleicht bin ich auch kein richtiger Bremer.

Ich werde diese Landschaft in zahllosen Bundeswehrmanövern wieder sehen, die immer davon ausgehen, dass der rote Feind durch das Fulda Gap nach Norddeutschland vorstößt und man ihn dann irgendwo zwischen Solling und Reinhardswald zum Stehen bringen kann. Die Manöverkarten habe ich immer noch. Nicht nur der gute Herzog Ferdinand von Braunschweig von Wilhelm Raabe führt hier Krieg, zweihundert Jahre später kämpft hier im Manöver Fallex wieder eine deutsch-englische Allianz. Diesmal allerdings nicht gegen Frankreich, sondern gegen den Warschauer Pakt.

Aber ich werde die Gegend in den sechziger Jahren auch von einer ganz anderen Seite und mit ganz anderen Augen durch eine Exkursion des Kunsthistorischen Instituts der Universität wieder sehen. Die Kunstgeschichte hat nämlich die Weserrenaissance entdeckt. Der Kunsthistoriker Richard Klapheck hatte den Begriff schon 1912 verwendet, Bernhard Niemeyer, Albert Neukirch und Max Sonnen haben Teilaspekte mit photographischen Dokumentationen vorgelegt. Der Schulaufsatz, den der dreizehnjährige Helmut Schmidt zum Thema Weserrenaissance geschrieben hat, ist leider nicht erhalten. Erst durch die große Bestandsaufnahme von Herbert Kreft und Jürgen Soenke Die Weserrenaissance (1964) ist die Weserrenaisance zu einem geläufigen Begriff geworden. Das Buch mit seinem sorgfältigem Text und den wunderbaren Schwarzweißphotos ist immer noch die beste Quelle zu diesem Thema, auch wenn es jetzt vielleicht Neueres und kunsthistorisch Genaueres gibt. Und wenn ich schon ein Buch empfehle, dann sollte ich Ernst-Wolfgang Micks Die Weser mit den schönen Photos von Lothar Klimek auch noch nennen. Es war Kreft und Soenke schon 1964 klar war, dass es strittig werden könne, ob die Weserrenaissance ein kunstgeographischer Begriff, eine Stilgruppe oder eine Sonderentwicklung sei. Die Bremer mögen das natürlich nicht so gerne, dass Bauwerke wie Rathaus, Schütting, Gewerbehaus und Stadtwaage Teil einer überregionalen Kunstrichtung sind und nicht etwas Einzigartiges, das es nur in Bremen gibt.

Die Weser ist ein stiller Fluss, sie bringt keine nationale Mythen hervor. Keine Rheintöchter Woglinde und Floßhilde, keinen Vater Rhein, keine nationalen Lieder von der Wacht am Rhein:

So taucht die Weser kindlich auf,
Von Bergen traulich eingeschlossen,
Und kommt in träumerischem Lauf
Durch grüne Aue herabgeflossen;
So windet sie mit leisem Fuß
Zum fernen Meere sich hiernieder
Und spiegelt mit geschwätzigem Gruß
Dem Ufer sanften Frieden wieder.


Zwar gibt es auch Schlösser links und rechts der Weser, aber die sind nicht so spektakulär wie die des Rheins, die schon im frühen 19. Jahrhundert hundertausende von englischen Touristen auf die Rheindampfer treiben. Wer jemals auf einem Rheindampfer zusammen mit einer Busladung älterer Amerikanerinnen in Blümchenkleidern und Strohhüten gewesen ist, weiß was ich meine. Wenn der Kapitän über den Lautsprecher sagt, dass man jetzt die Loreley sehen kann und eine abgenüdelte Platte von Ich weiß nicht, was soll es bedeuten auflegt, dann fegen hundert amerikanische Ommas nach Backbord und bringen beinahe das Schiff zum Kentern. Wären fast wieder ein Opfer der sich kämmenden Felsentochter geworden.

Edmund Burkes Philosophie von sublime & beautiful, die die Engländer auf ihrer Grand Tour bewegte, ist aufs Schäbigste kommerzialisiert. Auf den Dampfern der Ober- und Mittelweser wird bestenfalls mal das Weserlied gespielt. Der erste Dampfer wäre übrigens nicht die in Vegesack gebaute Weser gewesen, wenn man dem Hugenotten Denis Papin seinen Willen gelassen hätte. Denn der hatte schon hundert Jahre vorher ein Schaufelradboot mit Dampfzylinderantrieb gebaut, es wäre das erste auf der Welt gewesen. Aber es wurde von der Mündener Schiffahrtsgilde gleich in Hannoversch-Münden zerstört, solch neumodische Konkurrenz mochte man im Jahre 1707 nicht. Alles Erworbene bedroht die Maschine.

Es gibt Sagen und Märchen links und rechts der Weser. Viele der Märchen, die sich die Brüder Grimm haben erzählen und aufschreiben lassen, kommen aus diesem Raum. Den Rattenfänger von Hameln und die Bremer Stadtmusikanten kennt jeder. Mein Onkel Karl, der Bildhauer, der sich noch achtzig Jahre später daran erinnern kann, wie er mich kleinen Muschepunt auf dem Schoß gehabt hat, hat von denen auch einmal eine Brunnenplastik in Berlin geschaffen. Die Weser taugt nicht wie der Rhein für ein nationales Epos wie das Nibelungenlied, bestenfalls für kleine Geschichten wie die vom Riesen Hüklüt und der Bremer Düne. Zwar gibt es schon im frühen 14. Jahrhundert ein lateinisches Loblieb:

Dort sind Bäche, dort sind Bronnen,
Wasser kommt vom Berg geronnen
Zu der Herden reicher Zahl
In den waldumkränzten Auen.
Dort sind züchtig holde Frauen,
Und die Weser strömt ins Tal

Aber dieses Loblieb eines Mönches auf Minden ist doch eher ein locus amoenus als eine realistische topographische Beschreibung. Und auch in die große Literatur ist die Weser selten gewandert, mit Ausnahme von Anton Reiser. Wir haben in Bremen Georg Drostes Ottjen Alldag und manches von Manfred Hausmann. In Hoya hat man Heinrich Albert Oppermann mit seinem neunbändigen Roman Hundert Jahre, den Arno Schmidt für den Leser wiederentdeckt hat. Wir haben Hermann Allmers, der bei jeder Nennung das Epitheton der Marschendichter bekommt.

Wir haben keinen Mark Twain, nichts Vergleichbares mit Huckleberry Finn und Life on the Mississippi. Es gibt zwar einen Bremer Literaturpreis, der zum 75. Geburtstag des Bremer Geistesriesen Rudolf Alexander Schröder ins Leben gerufen wurde. Der brachte damals 5.000 Mark. Heute lobt das ärmste Land der Bundesrepublik mit 20.000 Euro die höchste Summe von allen deutschen Literaturpreisen aus. Bis auf den ersten Preisträger, Heinrich Schmidt-Barrien, haben die alle nichts mit Bremen zu tun. Bremen prämiert den jungen Thomas Bernhard, der am Anfang seiner Karriere vor dem existentiellen Aus steht.

Fünf Minuten vor Beginn seiner Dankesrede weiß er noch nicht, was er sagen soll. Dann wird er um den Satz Mit der Kälte nimmt die Klarheit zu herum die kürzeste aller Dankesreden halten, knapp ein Dutzend Zeilen lang. Und ewig schlecht über Bremen reden. Dankbarkeit? Nicht bei Thomas Bernhard, der hatte sich als erstes von dem Preisgeld einen neuen Anzug bei Don Gil in Wien gekauft. Da hätte man lieber rückwirkend Heinrich Albert Oppermann den Preis verleihen sollen, für die schöne und dramatische Schilderung des Eisgangs auf der Weser bei Hoya. Meine Empfehlung an die Bremer Kommission wäre, den Preis in Otto Gildemeister Preis umzubenennen. Und nur zu verleihen, wenn der Preisträger das intellektuelle Niveau von Gildemeister erreicht. Damit könnte Bremen viel Geld sparen.

Als ich noch klein bin, geht mein Vater einmal mit mir über das alte Weserwehr. Wenn man klein ist, ist das besonders eindrucksvoll. Man hat gerade neben dem alten Wehr eine Fischtreppe angelegt, damit die Lachse die Weser aufwärts wandern können, aber an diesem Nachmittag wandern leider keine Lachse. Wir stehen in der Mitte der Weser auf sicherem Boden, unter uns gurgelt das Wasser. Bis hierher hat die Weser Ebbe und Flut. Hier fängt für die Bremer die Weser an, seit dem Mittelalter. Seit in einer Urkunde von 1259 des könniges frigen Straten van Bremen wente in de sollten see steht, die freie Straße des Königs von Bremen bis in die salzige See. Wenn wir einmal die Taten des Riesen Hüklüt beiseite lassen und uns auf Belegbares konzentrieren, dann haben wir Erwähnungen in Chroniken und Urkunden (obgleich wir inzwischen wissen, dass ein Großteil der mittelalterlichen Urkunden gefälscht ist) seit dem 8. Jahrhundert. Seit Karl der Große dem angelsächsischen Priester Willehad diese Gegend als Missionsgebiet zugewiesen hat. Der Name Bremen taucht zum ersten Mal in einer Lebensbeschreibung Willehads um 860 auf. Karl der Große kommt selbst mit einem Heer in diese Gegend, um die aufrührerischen Sachsen zu schlagen:

Und als mit fester Eisenhand
Held Karl den deutschen Zepter führte,
Ha! wie sich da im Weserland
So manche Stimme kräftig rührte!
Da hörte man des Kreuzes Ruf
Mit hellem Klang an den Gestaden
Und sah der Frankenrosse Huf
Sich in den nord'schen Wellen baden.


Man weiß nicht, wo er über die Weser gekommen ist. Die Stelle, die Hermann Allmers aus Lokalpatriotismus annimmt (Alse bei Rodenkirchen), ist nachweislich falsch. Aber Allmers wird bis zu seinem Lebensende an dieser Geschichte festhalten, lässt sogar hinterm Deich ein kleines Denkmal für den Frankenkaiser errichten. Seit Karl dem Großen ist dieser Fluss umkämpft. Da ist nichts mit Dingelstedts Zeilen Und spiegelt mit geschwätzigem Gruß Dem Ufer sanften Frieden wieder. Es geht um Gebietsrechte, Fischereirechte und Zollerhebungen. Erst 1824 einigen sich die Weser-Uferstaaten Hessen-Kassel, Schaumburg-Lippe, Preußen, Braunschweig, Hannover, Bremen und Oldenburg auf ein Zollrecht. Die Bremer interessiert nicht so sehr, was südlich von ihnen bei den waldumkränzten Auen und den züchtig holden Frauen geschieht, aber auch da gibt es über die Jahrhunderte Streitigkeiten. Immer wieder gibt es durchziehende Heere, Feldzüge, sogar Kreuzzüge. Von Karl dem Großen bis zu den Engländern 1945 gehören Weserüberquerungen zum Pflichtprogramm einer Armee.

Die junge Bundeswehr wird an diese Tradition anknüpfen, kein Herbstmanöver ohne Weserübergang. Für mich persönlich ist dieser Teil des Manövers immer etwas lächerlich, weil ich all diese Orte an der Weser kenne, an denen nun Bataillone und Brigaden übersetzen. Hier in Eystrup war ich noch im Sommer mit meinen Eltern und Lindners, Kampens, Köpps und Biets zum Spargelessen, wir sind hier vor dem Essen über die Weser geschwommen. Ich habe unseren Dackel Franz-Heinrich retten müssen. Der war mir nachgesprungen und merkte dann, dass er gar nicht richtig schwimmen konnte.

Jetzt machen wir mit unseren Panzern den Deich kaputt. Zwei Jahre nach dem letzten Spargelessen werde ich einige Kilometer weiter südlich in der schönen Septembersonne auf dem Deich sitzen. Hinter mir, auf dem einzigen Weg zur Weser, reiht sich Panzer an Panzer, soweit man sehen kann. Und hinten in den Wäldern, jenseits der Bundesstraße sind noch mehr Panzer und Lastwagen. Ein mechanisierter Tatzelwurm, fünfzehn Kilometer lang. Im noch nicht abgeernteten Kornfeld vor dem Deich stehen Flakpanzer und lassen ihre Zwillingsgeschütze kreisen. Ich habe meine Pistole in der Hand, ziele auf die beiden angreifenden Sabres und mache päng, päng. Ich werde von dem plötzlich auftauchenden Divisionkommandeur angebrüllt, was ich da mache. Fliegerabwehr aller Truppen, Herr General, sage ich, verstaue meine P 38 im Schulterhalfter meiner Panzerkombi, stehe auf und grüße vorschriftsmäßig. Der tobende General Ü. will mich persönlich für diesen ganzen Schlamassel verantwortlich machen. Dabei hätten die Pioniere heute um sechs mit der Brücke fertig sein sollen. Um zehn kam ein Hauptmann mit einer Kompanie Rekruten an, die noch nie eine Pontonbrücke gebaut haben. Jetzt ist es halb zwei, es gibt noch immer keine Brücke. Noch keiner ist über die Weser, die ganze Division hat sich aufgestaut.

Ich erkläre Ü. mit wohlgesetzten Worten das Chaos und füge den tödlichen Satz hinzu, dass ihm diese Lage spätestens seit heute morgen um sieben hätte bekannt sein müssen. Er verlässt wutschnaubend den Weserdeich, um den Pionierhauptmann anzubrüllen. Die F 86 Sabres werfen kleine Kreidesäckchen, um Bomben anzudeuten. Eins verfehlt Ü. nur knapp. Die Treffen mit General Ü. sind immer die highlights bei meinen Wehrübungen. Die Piloten der Sabres wissen wahrscheinlich nicht, dass ihre Jagdflugzeuge auch einmal die Weser hochgekommen sind. Auf Schuten, zerlegt und handbreit mit Fett eingeschmiert. Genau so wie später die F 104 (G). Das G steht für German und bezeichnet die Sorte Starfighter, die immer vom Himmel fällt. Bei Focke-Wulff hinter Abeking sind sie dann wieder zusammengebaut worden, wurden eingeflogen und an die Luftwaffe geliefert. Den Krach hörte man jahrelang in Vegesack. Michael Rieckhof, der aus Nienburg kommt, wird mir erzählen, dass seine ganze Jugend geprägt war von englischen und deutschen Truppen, die Weserübergänge übten. War ja auch der einzige Fluss von nicht zu großer Breite und nicht zu hoher Stromgeschwindigkeit, der nicht ans Ausland oder die DDR grenzte. Wofür die Weser nicht alles gut ist.

Seit Bremen sich im Mittelalter als Handelsplatz etabliert hat, seit deutsche Kaiser dieser Stadt Rechte verliehen haben, versucht Bremen die Rechte auf den freien Weg zur Nordsee zu verteidigen. Andere haben auch Ansprüche, und so wird es hier tausend Jahre lang Kämpfe geben. Beteiligte sind der Erzbischof von Bremen, der Graf von Delmenhorst, der Graf von Oldenburg, der Graf von Hoya, der Herzog von Lüneburg, die Ritter von Aumund und Blumenthal, die ostfriesischen Häuptlinge, die Seeräuber, die Schweden, die Dänen, die Engländer, die Franzosen. Wenn man sich die Chronik der Ereignisse links und rechts der Weser in Friedrich Glabes Die Unterweser: Chronik eines Stromes und seiner Landschaft anschaut, dann gewinnt man den Eindruck, dass es von Karl dem Großen bis zu Napoleon kein Jahrzehnt gegeben hat, an dem hier kein Krieg herrschte. In der Landschaft sieht man nichts davon. Lediglich am Ortausgang von Altenesch gibt es in einem kleinen Wäldchen ein Denkmal für die Stedinger Bauern, die hier 1234 (auch für einen Erstklässler ist diese Jahreszahl leicht zu merken) die Schlacht gegen den Adel des Niederrheins, Westfalens und Hollands verloren haben.

Opa zwingt meinen Vater da immer zum Anhalten, damit er einen kleinen Vortrag über die heldenhaften Stedinger Bauern halten kann. Als die Heerhaufen nach der Schlacht wieder nach Westfalen und Brabant abziehen, gibt es zwei Sieger, die gar nicht an der Schlacht teilgenommen haben, sich aber territorial bereichern. Und das sind die Bremer und der Graf von Oldenburg. Die Bremer haben in allen Jahrhunderten nur ein politisches Ziel, die Freiheit ihrer Stadt und ihr Recht auf freien Zugang zum Meer zu verteidigen. Das ist noch 1849 so, wenn Otto von Bismarck über den Bremer Bürgermeister Smidt sagt, dass der für Deutschland nur einen Sinn habe, weil Bremen darin liege. Etwas Ähnliches hatte Eduard Beurmann schon 1836 gesagt: Ja, es ist ein Unglück des bremischen Patriotismus, dass er nur bremisch ist, nicht deutsch.

Er hat ja im Prinzip mit seiner süffisanten Beschreibung Bremens Recht, aber im Bremen zieht man es vor, einem Spitzel Metternichs, der wegen einer Liebesaffaire Bremen verlassen musste, nicht zu glauben. Bremer sind gut im politischen Taktieren, wenn es um Bremen geht. Eine Stunde lang wird der spätere Bremer Bürgermeister Dr Georg Gröning versuchen, es Napoleon schmackhaft zu machen, dass Bremen ein neutraler Handelsplatz bleiben müsse. Gut, wir wissen, es wird nichts draus, aber irgendwie scheint Napoleon diesen Diplomaten aus Bremen zu mögen, auch wenn jener seinen Sitz in der Gesetzgebenden Versammlung in Paris ruhen lässt. Napoleon und er werden sich über die Jahre ein halbes Dutzend Mal treffen. Wenn Napoleon auf Elba ist, wird Gröning dem englischen König den Flecken Vegesack abschnacken. Und mehr als ein Jahrhundert später wird der Bürgermeister Wilhelm Kaisen sich durch geschicktes Taktieren dem Einfluss der englischen Besatzer entziehen und die Allianz mit den Amerikanern suchen. Denn die Briten wollen Bremen zu einem Teil von Britisch Niedersachsen machen, aber den Verlust ihrer Eigenständigkeit, die ihnen karl und mennich vorst vorwar gegeben hat, das mögen Bremer nun gar nicht.

Nördlich vom Weserwehr ist die Stelle, wo jedes Jahr die Eiswette stattfindet. Die gibt es seit 1829, Kaufleute wetten darauf, ob die Weser zugefroren ist oder nicht. Die zugefrorene Weser gab es an dieser Stelle 1947 zum letzten Mal. Photos von der Weser in Jörg Grützmanns Die Winter in Bremen von 1900 bis 2003 zeigen Spaziergänger auf der Weser, im Hintergrund das Wasserwerk. Ich weiß noch, dass es von Vegesack bis Lemwerder eine riesige weiße Eiswüste gab, auf der Menschen über die Weser gehen konnten. Da bin ich mit meinen Eltern noch in der Nacht am Utkiek gewesen, als der Mond auf die weiße Weser schien und kleine dunkle Gestalten mit Laternen von Vegesack nach Lemwerder marschierten. Als ich in holländischen Museen die ersten Bilder von Aert van der Neer sehe, muß ich an diese Nacht denken.

Heute ist die Eiswette ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem Kohl und Pinkel gegessen wird und große Summen für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gesammelt werden. Eisschollen und Hochwasser zerstören 1947 beinahe alle Weserbrücken, vergeblich hat man das Eis zu sprengen versucht. Munition hatte man ja noch. Packeisschollen, wie auf dem Caspar David Friedrich Gemälde wird es noch häufiger am Vegesacker Strand geben. Aber die Weser wird nicht mehr ganz zufrieren, keine Gefahr, dass wir wie Ottjen Alldag auf einer Eisscholle die Weser hinuntertreiben. Mein schönstes Eis Erlebnis an der Weser wird in jener Nacht sein, als der ganze Sand des Strandes plötzlich zentimeterdick vom Blitzeis überzogen ist. Ich glitsche nach Hause, hole meine Holländer und laufe dann Schlittschuh, den ganzen Strand entlang, vom Schreiber Anleger bis zum Bremer Vulkan und zurück, einsam in der Nacht.

Die Weser in Bremen ist nicht meine Weser. Wenn ich sonntags zum Weserstadion den Osterdeich entlang marschiere, ist der Fluss da, aber er interessiert mich nicht. Ich pliere lieber nach links zum Radweg, ob da noch ein Spieler von Werder Bremen an mir vorbeiradelt, dem man ermunternde Worte zurufen kann. Viele Fußballspieler von den Bremer Vereinen BSV und Werder kommen noch mit dem Fahrrad zum Spiel, ihr Trikot auf dem Gepäckträger. Sie kommen noch nicht mit dem Porsche oder dem Ferrari. Am interessantesten ist hundert Meter links vorm Weserstadion der weiße Facel Vega Sportwagen, der da vor einer Osterdeichsvilla steht. Ich habe herausgefunden, dass immer wenn er da ist, Werder gewinnen wird. Das darf man nicht laut sagen, dann ist es mit der Magie zuende.

Aber die Weser am Osterdeich ist mir irgendwie fremd; man registriert, was an Schiffen an der Schlachte und am Martini Anlieger liegt, aber das sind nur Schuten und Binnenschiffe, da sind wir in Vegesack andere Heinduckdichs gewöhnt. Die Martini Kirche am Fluss ist es natürlich wert, dass man hineinschaut, allein wegen der Orgel von Bockelmann. Sie ist die schönste Bremer Kirche (wenn man von unserer Vegesacker Kirche einmal absieht), es ist immer still hier, sie liegt abseits vom Touristenstrom. Die Touris schaffen es doch gerade noch bis zum Ende der Böttcherstraße. Hier ist Joachim Neander Pastor gewesen, der Neander, der Lobet den Herren geschrieben hat. Nach dem man in Düsseldorf, wo er vorher war, ein kleines Tal benannt hat, wo man eines Tages den Neandertaler findet. Das weiß in Bremen jedes Kind.

In der Abteilung Curiosa meiner Bremensien steht ein Buch von Emil Felden Das Haus am Weserstrand. Felden ist an St. Martini Pastor gewesen, war sogar sehr bedeutend, er ist in der Bremischen Biographie. Das Buch enthält einige schmalzig-schöne Weserbeschreibungen, gibt aber als Bremensie wenig her, von der Bedeutung seines Lebenswerks lässt sich hier noch nichts spüren. Felden hat zusammen mit Albert Schweitzer Theologie studiert, wird SPD Abgeordneter, nicht nur in der Bürgerschaft, sogar im Reichstag, er wird eine Kirche für die Arbeiter schaffen und ein ganz eigenes Christentum verkünden. Das darf er tun (allerdings nur, bis die Nazis kommen), die Bremische Kirche räumt ihren Einzelgemeinden Freiheiten ein, die es sonst nirgendwo gibt. Darauf ist man in Bremen stolz.

Bei einer solch liberalen Kirchenverfassung ist die Gefahr, dass die Gemeinde in die Hand eines religiösen Spinners gerät, natürlich gegeben. Aber wir haben in Bremen keinen Bernhard Knipperdollinck, den wir in einem Käfig am Dom aufhängen können. Obgleich, es gäbe da schon jemanden, auch an St. Martini. Der heißt Georg Huntemann und ist der ständige theologische Skandal dieser Stadt, er ist auch ständig im Fernsehen. Billy Graham ist sein erklärtes Vorbild. Es wird gemunkelt, dass er sich von seiner Gemeinde wie ein Kardinal seinen Ring an der Hand küssen lässt. Man hängt ihn nicht in einem Käfig an den Dom, aber man trägt ihn im Bett aus dem Gemeindehaus. St. Remberti hat ihn rausgeschmissen. Später ist er Pastor in der Martinikirche, aber da hat er allem abgeschworen, was er früher gesagt hat.

Ich kenne auch alle Bremer Weserbrücken, einmal photographiere ich tagelang alle Brücken in Bremen, natürlich in Schwarzweiß. Gibt aber nicht so viel her wie die Seinebrücken in Paris. Obgleich die Beck’s Brauerei mit dem englischen Apostroph an der Weserbrücke eindrucksvoll ist. Becks geht in die ganze Welt, das von der Hemelinger Brauerei nicht. Im Beck's Bier soll Chinin drin sein, damit es sich in den Tropen besser hält und die Beck's Trinker vor Malaria schützt. Wahrscheinlich schmeckt das Bier deshalb so bitter, ich mochte das Zeuch nie.

Die Weser in Bremen bleibt mir fremd, ich kann es nur wiederholen. Ich stehe nachts an unseren riesigen Opel Admiral gelehnt und gucke auf den Fluss. Ich fische mir eine Gauloise aus der zerknüllten Packung und zünde sie an. Gudrun ist nicht zuhause, ist noch beim Elternabend. Soll ich noch warten oder nach Hause fahren? Also fahre ich erst mal an die Weser. Wenn man im Leben nicht weiter weiß, geht man immer erstmal an die Weser. Meine Pose, mit der Gauloise in der Hand an das Auto gelehnt, ist natürlich sorgfältig einstudiert. Auch wenn hier in der Nacht niemand zuguckt. Ich trage einen dunkelblauen, enggeschnittenen italienischen Anzug, ein weißes Hemd mit rundem Tab-Kragen und einen schwarzen Seidenstrickschlips. Ich könnte für eine Imitation von Marcello Mastroianni durchgehen.

Ich habe alle Michelangelo Antonioni Filme in Filmkunsttheatern (so heißt das damals) gesehen. Diese einsamen Steppenwölfe, Steve Cochran in Il Grido, Mastroianni in La Notte, sind meine Vorbilder. Nicht nur meine. Wenn man sich Photos aus dieser Zeit anschaut oder in Farid Chenounes History of Men’s Fashion blickt, wird es jedem Betrachter sofort auffallen, dass Europa von geklonten Marcello Mastroiannis nur so wimmelt. Ich schnippe die angerauchte zweite Gauloise im hohen Bogen mit dem Zeigefinger weg, ich werde noch mal bei Gu vorbeifahren, wenn da kein Licht ist, fahre ich nachhause. Um Mitternacht stelle ich den Admiral in die Garage. Und gehe noch einmal die Strandstraße entlang. Das hier ist meine Weser, ich wohne in der Weserstraße. Die gibt es nur in Vegesack. Bremen hat zwar einen Teil der Weser, aber sie haben keine Weserstraße.

Wir haben nicht nur die Weserstraße, wir haben auch eine Strandpromenade. Die verdanken wir dem Bürgermeister Dr Werner Wittgenstein, der den Villenbesitzern der Weserstraße zu Anfang des Jahrhunderts den unteren Teil ihrer bis zur Weser reichenden Grundstücke abgeschnackt hatte. Und dann auch noch 1929 einen Stadtgartenverein gegründet hatte. Das Gelände, das Dr Albrecht Roth vom englischen König geschenkt bekam, wird jetzt ein öffentlicher Park. Mit fremdländischen Bäumen wie Libanonzeder, Perückenbaum (Catalpa bignonioides), Trompetenbaum, Mammutbaum und Sumpfzypresse, die Roth vor zweihundert Jahren angepflanzt hat. Vegesacker Seefahrer haben ihm Setzlinge aus aller Welt mitgebracht. Der Gärtner Herbert Hill vom Stadtgarten, der auch manchmal meiner Mutter den Garten macht, soll mal gesagt haben, dass wenn man hier Ausländer raus! ruft, alle Bäume des Stadtgartens verschwunden sind. Das ist ja ganz witzig, aber ich glaube nicht, dass Hill das gesagt hat. Das ist ihm bestimmt von den Machern des schnell zusammengeschusterten Bandes Der Stadtgarten in Vegesack in den Mund gelegt worden. Je mehr der Ort vor die Hunde geht, desto mehr Bildbände erscheinen, die die gute alte Zeit feiern. Meistens sind sie von denen gemacht oder herausgegeben, die die Totengräber des alten Vegesack gewesen sind.

Ein Strand ist schon bei der Weserkorrektur von Franzius aufgespült worden, eine kleine Mauer trennt jetzt den Strand von der Strandstraße. Um die Jahrhundertwende hat man hier gebadet. Neben der kleinen Mauer der Strandstraße ist eine Allee von Bäumen. Jetzt kann man von der Strandlust zum Stadtgarten und zurück flanieren. Macht jeder im Ort, sonntags nach der Kirche, im besten Sonntagsstaat. Sehen und Gesehenwerden. Hundebesitzer sind jeden Tag mindestens zweimal auf der Strandstraße. Man muß als Vegesacker schon bettlägerig sein, um nicht täglich einmal auf der Strandstraße zu promenieren. Die Strandstraße gibt es noch, den Strand nicht mehr. Stattdessen hat man das Weserufer durch eine 800 Meter lange Spundwand verschandelt.

Stehen die water gazers noch bei dem Schreiber Anleger? Sie tragen alle Elbsegler oder Prinz Heinrich Mützen und eine Art von Colani. Man könnte sie für Arbeitslose halten, die nichts mit sich anzufangen wissen, aber die meisten von ihnen sind wirklich zur See gefahren. Viele als Kapitän oder Steuermann. Sie haben alle diesen leeren Blick in die Ferne. Sie brauchen das Wasser. Die Schreiber Dampfer gibt es immer noch, wenn es auch mit dem Linienverkehr zwischen Bremen und Bremerhaven nicht mehr so weit her ist, heute mietet man ein Schiff für ein candlelight dinner. Unser Direx hat mal ein richtiges Schiff für die ganze Schule gemietet, Abfahrt morgens um sieben vom Schreiber Anleger. Eltern durften auch mit. Dann die ganze Unterweser in der Frühe entlang und dann ab nach Helgoland. War schön, ich habe die halbe Schule auf Schwarzweißfilm.

Wenn man nach dem Krieg in einem kleinen Kaff an der Weser aufwächst, dann kennt man keine Spielkonsolen, kein Lego- und kein Disneyland. Wir sind im Jahre 1950 Mark Twains Huck Finn näher als der heutigen Jugend. Wir haben die Weser und unseren Abenteuerspielplatz, der Strand heißt. Hier lerne ich lesen, indem ich Schiffsnamen zu entziffern versuche. Plötzlich kann ich lesen, es ist wie eine Erleuchtung. Ich renne nach Hause, renne Oma in der Küche beinahe um: Oma, ich kann lesen! Ich habe einwandfrei einen Schiffsnamen gelesen: ANNA. Mehrfach. Und rückwärts. Gut, das war einfach, aber ich bin erst fünf. Später werde ich auch schwierige Schiffsnamen lesen. Und einwandfrei englische Schiffsnamen aussprechen können. Wie die Flying Enterprise, die ich zweimal in der Wochenschau gesehen habe, wie sie in der Nordsee am Sinken ist und ihr Kapitän noch eine Woche an Bord bleibt. Heldenhaft. Macht aber nur versicherungstechnisch einen Sinn. Oder man hat eine geheimnisvolle Ladung an Bord.

Geheimnisse um Schiffe sind immer gut, wenn man jung ist und es noch kein Fernsehen und kein Leben aus zweiter Hand gibt. Bei uns gibt es auch kleinere Schiffsunglücke. Manchmal kriegt ein Kümo die Kurve vom Schönebecker Sand nicht und läuft auf unseren Strand auf. Dann muß man sofort nach Hause rennen, um einen Photoapparat zu holen. Sonst passiert da nicht viel, die werden beim nächsten Hochwasser von einem Schlepper in die Weser zurückgezogen. Wir radeln nach Burg, um Burmesters Ashanti zu sehen, eine riesige Segelyacht ganz in Schwarz. Und dann dieser Name, Ashanti, geheimnisvoll. Wir schätzen Bruttoregistertonnen, in dem Spiel werden wir richtig gut, so dass wir jedes vorbeiziehende Schiff größenmäßig klassifizieren können. Wer zu genaue Angaben macht, hat morgens die Schiffsnachrichten in den Bremer Nachrichten oder dem Weser Kurier gelesen und wird sofort disqualifiziert.

Wir erkennen die Reederei am Schornstein oder der Reedereiflagge, wir kennen die Flaggen von beinahe allen Ländern. Die Schiffe haben noch seriöse Reedereien und seriöse Heimathäfen, das Ausflaggen hat noch nicht begonnen. Die Handelsmarine trägt noch Uniform. Wie die aussieht wissen wir, es gibt in der Hafenstraße mehrere Schiffsausrüster. Da kann man auch die doppelt gezwirnten cremefarbenene Baumwollhosen kaufen, die ich mein ganzes Leben lang tragen werde. Modegeschichtlich gesehen tauchen die cremefarbenen Hosen schon im England des 18. Jahrhunderts auf, der junge Werther wird sie zum blauen Frack tragen. Später heißen sie Nankinghosen. In der chinesischen Provinz wächst eine gelbe Baumwolle, die man nicht zu färben braucht. Büchners Leonce wird von der Kälte um sich herum sprechen, als sollte er in Nankinghosen Schlittschuh laufen. Früher waren die Hosen vom Schiffsausrüster, heute sind sie von Valentini aus Italien und sauteuer. Aber mit gelben oder roten englischen Schuhen und einem blau-weißen Hemd ist man damit immer gut angezogen. Wenn man sie so richtig schön weich getragen hat, sind sie meistens leider schon hin und werden von Müttern oder liebenden Frauen entsorgt.

Die einfachste Art, Schiffsplanken unter die Füße zu bekommen und auf der Weser zu fahren, ist es, die Fähre nach Lemwerder zu nehmen. Wenn man nicht Schlepperkapitäne so lange anbettelt, dass sie einen auf einer Leerfahrt bis nach Farge mitnehmen, da muß man aber Geld für den Bus mit dabeihaben, um wieder nach Hause zu kommen. Das erzählt man auch nie den Eltern. Die Fähre gibt es schon seit dem 13. Jahrhundert, das ist urkundlich belegt. Fähre bedeutete durch die Jahrhunderte ein Ruderboot. Für den Personenverkehr wurden noch bis ins 20. Jahrhundert Ruderboote eingesetzt. In den fünfziger Jahren gab es die noch auf der Lesum: man schlug eine Glocke am Ufer an, und schon kam der Fährmann mit dem Ruderboot. In den zwanziger Jahren übernahm Wilhelm Niekamp aus Lemwerder die Fähre, seitdem hat diese Familie die Weserfähren unter sich. Niekamp ließ bei Lürssen die Hol Ober bauen, die dann später die Badegäste zum Schönebecker Sand brachte. Da habe ich Schwimmen gelernt. 1935 wurde die Stedingen bei Abeking gebaut, die bis 1958 fuhr. Da passten schon 260 Personen drauf. Die Fährleute waren gewieft darin, die Fähren so voll wie möglich zu kriegen. Erst wenn die Fähre voll wie eine Sardinendose war, fuhr sie ab. Manchmal, wenn man das letzte Auto war, gab es Unterlegkeile für das Auto, und das Heck des Wagens schwebte über der Weser. Da habe ich auf dem Rücksitz immer gebibbert. Und gebetet, dass wir nicht rückwärts in die Weser kippen. So etwas passiert heute nicht mehr, die Fähren sind nicht mehr hellgrün wie die alte Stedingen. Es sind bunte, stromlinienförmige Monster, die im Zehnmitutentakt verkehren. Die Fährromantik ist dahin.

Wir haben einen Ruderverein, direkt am Strand in dem seltsamen Haus, das Ernst Becker-Sassenhoff dem Verein in den zwanziger Jahren gebaut hat. War nach dem Krieg erstmal ein Kindergarten drin, nicht eine KITA wie heute. Der war nur für Kriegswaisen und Kinder sozial schwacher Eltern. Kostete 1947 eine Mark pro Kind und Woche. Aber dann eroberte sich der Ruderverein sein Vereinshaus zurück, und der Kindergarten zog um. War zuletzt in der Villa der Familie Leffers, die die Evangelische Kirche 1957 von der Familie gekauft hat, die ihr Klamottenimperium ja peu à peu verloren hat. Das Beste am Ruderverein ist der Anleger, zu dem ein kleines Gleis von Vereinhaus führt. So können die Ruderer ihre Boote auf einem kleinen Wagen bis zum Wasser befördern.

Da die Ruderer meistens nicht da sind, können wir im Sommer auf dem schwimmenden Anleger liegen und die Hände ins Weserwasser halten. In der Saison kann man sogar mit der Hand kleine Aale fangen. Das Weserwasser ist damals noch so sauber, dass man die Fische im Wasser sehen kann. Wir werfen die kleinen Aale sofort wieder ins Wasser, es kommt uns nur auf die Geschicklichkeit an, nicht aufs Mittagessen am Freitag (es gibt in Bremen immer Fisch am Freitag, schrecklich). Man kann auf dem hölzernen Anlieger auch einfach nur in der Sonne liegen und nach den Schiffen gucken. Wenn ein großer Pott die Weser herauf kommt, lösen sich am Schreiber Anleger jetzt zwei Schlepper, wenn er auf unserer Höhe ist. Sie gleiten durch das Wasser, legen sich neben ihn und begleiten ihn bis Bremen. Neben dem Anleger ist die Signalstation, die mit Körben den Wasserstand der Weser anzeigt. Den Pfeil für Ebbe und Flut brauchten wir gar nicht, wir können an den Bojen im Fluss ablesen, ob die Weser steigt oder fällt.

Dass Vegesack seit dem Jahre 1900 einen Ruderverein hat, erfährt ganz Deutschland im Jahre 1952, als der Zweier mit Steuermann bei den Olympischen Spielen in Helsinki (die ersten, an denen Deutschland wieder teilnehmen durfte) eine Silbermedaille erringt. Jubelfeiern im Ort. Schulfrei bei der Begrüßung der Helden. Es gibt auch einen großen Ball, auf dem meine Mutter mit einem der Helden, Heinz-Joachim Manchen, tanzt. Es gibt ein Photo davon. Heinz-Joachim Manchen hat wahrscheinlich einen Deal mit dem Photographen, denn jede Frau des Ortes tanzt heute mit ihm in der Strandlust. Und wird dabei photographiert. Mit dem Steuermann Helmut Noll tanzt niemand. Der ist noch Schüler, nur wenig älter als ich, sein Bruder war mit mir in der Volksschule. Für einen Zweier-Mit nehmen sie ja immer so leichtgewichtige Zwerge, olympische Kinderarbeit. Die Bälle des Rudervereins werden ab 1957 Tradition in der Strandlust. Man muss ja geradezu im Ruderverein sein, gilt im Ort als fein.

Mein Vater ist auch Mitglied, obgleich er nie gerudert hat. Mein Bruder ist Mitglied, aber seine Karriere als Ruderer endet nach 12 Flusskilometern durch eine Kollision mit einem Schlepper. Und ich muß ihn dann mit seinen ganzen nassen Sachen irgendwo nördlich von Farge abholen. Ich war sowieso sauer, weil ich am Vormittag fünf Mark für das Befahren der Strandstrasse ohne Genehmigung geblecht hatte, als ich ihn mit seinem Gepäck zum Ruderverein gebracht habe. War der einzige Polizist des Ortes, der nicht bei meinem Vater Patient war, alle anderen hätten mich nicht aufgeschrieben. Mein Bruder wird mit diesem Ereignis auch seine Karriere im VRV beenden und Mitglied im Weser Yacht Club werden. Mein Vater wird irgendwann für langjährige Vereinszugehörigkeit die silberne Ehrennadel bekommen.

Auf dieser Feier bekommt unser Nachbar P. die goldene Ehrennadel, er soll auch eine kleine Rede halten. Allerdings ist der prollige P. so besoffen, dass er vor dem Mikrophon nur dieses eine schmutzige Tätigkeitswort herausbekommt, das mit dem Buchstaben F beginnt. Es dauert ungefähr 32 Wiederholungen des F-Worts, bis man P. das Mikrophon abgestellt und ihn vom Podium weggezerrt hat. Auch eine Sternstunde des VRV. Ist meinem Vater schrecklich peinlich, dass er just an diesem Abend die silberne Ehrennadel bekommen hat. Als man durch die Kanalisierung der Weser dem Ort den schönen Strand genommen hat und durch eine Spundwand ersetzt hat, muß auch der VRV weichen. Er ist heute in Grohn an der Lesum in der ehemaligen Wasserschutzpolizeistation zu Hause.

Alle diese Weservertiefungen sind natürlich völliger Unsinn gewesen, heute laden Containerschiffe in den Nordseehäfen ein und aus, die Weser befährt niemand mehr. Da hätten wir auch unseren schönen Strand behalten können. Mit dem hölzernen Anleger des Rudervereins, durch dessen Planken man die Weser sehen konnte. Dass das Haus des Rudervereins einmal ein Klassiker der Baukunst der zwanziger Jahre war, weiß heute kaum noch jemand. Es heißt dann Papageienhaus, weil irgendjemand in den achtziger Jahren darin Papageien gehalten hat. War wohl auch eine Art Künstler WG, alle Fenster in knallbunten Farben. Furchtbar.

Morgens werde ich wach vom Tuten der Nebelhörner von der Weser her. Es ist ein ungeheuer beruhigendes Geräusch in meiner Kindheit, im warmen Bett zu liegen und die Nebelhörner tuten zu hören. Wirklich wach werde ich von den Vulkanesen, wie die Arbeiter des Vulkans heißen. Die tragen schwere, genagelte Arbeitsstiefel und marschieren zu hunderten die Weserstraße entlang zur Arbeit, jetzt weiß ich, dass es gleich sieben Uhr sein wird. Das Radio sagt, dass im Hamburger Arbeitsamt in der Admiralitätsstraße noch Schauerleute gesucht werden, jeden Tag. Admiralitätsstraße. Klingt toll, die Wirklichkeit ist nicht so toll. Viele, die in Hamburg hinter den eisernen Gittern aufgereiht in der Schlange stehen, werden keine Arbeit finden.

Aber in den fünfziger Jahren gibt es in Vegesack Arbeit, hier boomt der Schiffbau. Der Bremer Vulkan ist die zweitgrößte Werft Bremens, und im Gegensatz zur AG Weser ist sie kaum das Ziel von Bombenangriffen gewesen. Der Direktor des Vulkans, der ehemalige Wehrwirtschaftsführer Robert Kabelac, kann 1949 schon feststellen, dass seine Werft voll wettbewerbsfähig sei, zu dem Zeitpunkt liegt die AG Weser noch in Schutt und Asche oder ist demontiert. Der Vulkan gehört Heini Thyssen, das ist ausländisches Kapital, das bombardiert man nicht. Das Petersberger Abkommen von 1949 erlaubt wieder den Schiffbau, allerdings nur bis zu einer gewissen Schiffsgröße. Diese Einschränkungen werden 1950 im Zweiten Petersberger Abkommen aufgehoben.

Wo der Petersberg ist, weiß sogar ein kleiner Norddeutscher wie ich, obgleich die Welt der Bremer ja eigentlich südlich des Weserwehrs zu Ende ist. Mammi hat da Tante Erna in Neuwied am Rhein besucht. Vati und ich fahren mit unserem nagelneuen blauen Opel Olympia nach Neuwied, um sie abzuholen. Wir geraten in die halbe englische und amerikanische Armee, die den Petersberg absichert. Auf dem einzigen Stück Autobahn, auf dem wir fahren, stecken wir stundenlang in einer Panzerkolonne fest. In Neuwied sehe ich zum ersten Mal den Rhein vom Ende des parkartigen Gartens von Tante Erna. Doch das ist für mich kein beeindruckendes Erlebnis, die haben hier ja keine richtigen Schiffe wie auf der Weser.

Nicht die großen Pötte jener amerikanischen Reederei, die jede Woche die Weser herauf kommen. Die tragen den Namen der Reederei LYKES LINE in riesigen weißen Buchstaben an der schwarzen Schiffswand. Sie bringen alle Güter des Marshallplans aus Amerika die Weser herauf. Der Wiederaufbau Deutschlands gleitet unter unseren Augen am Strand vorbei. Was der Marshallplan ist, weiß jedes Kind. An allen möglichen Dingen wie zum Beispiel in Eisenbahnwaggons steht auf einem kleinen Schild finanziert aus Mitteln des Marshallplans. Wir erfahren nicht, dass dieser unbekannte Wohltäter im eigenen Land von einem Senator aus Wisconsin namens Joseph McCarthy einer Konspiration mit den Kommunisten verdächtigt wird. Dass Marshall 1953 den Friedensnobelpreis bekommt, das können wir in der Wochenschau sehen.

Hatte sich der Vulkan in den ersten Jahren mit Reparaturaufträgen und dem Bau von Fischkuttern über Wasser gehalten, so sind sie jetzt wieder groß im Geschäft. Sie suchen dringend Arbeiter. Im zweiten Weltkrieg haben sie in großer Zahl Zwangsarbeiter beschäftigt. 1945 wird sich Robert Kabelac, wenn man seinen Worten glaubt, geradezu rührend um sie sorgen:

Dann bestellte ich die Vertrauensleute der fremden Nationen, die ich davon in Kenntnis setzte, dass ich am Montag den Betrieb wieder anlaufen lassen wolle und es ihnen freistelle, mitzuarbeiten oder nicht: Die Vertrauensleute sagten mir, dass der überwiegende Teil der Ausländer unverzüglich in die Heimat zurückkehren wolle. Ich empfahl den Leuten, nicht in wilder Flucht davonzulaufen, sondern mit ordnungsgemäßen Papieren und nach Empfang des fälligen Lohns die Heimreise anzutreten. Am Mittag teilte mir meine Frau mit, dass sie beim Einkaufen einen Amerikaner gesehen hatte.

Man muss diesen Stil bewundern, die Heimreise antreten, als ob am Bahnhof Vegesack ein Zug mit Erster Klasse Waggons nach Polen stände. Und die dreizehntausend Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Insassen in Farge, wo unter Kabelacs Federführung unter dem Nazi-Tarnnamen Valentin der U-Bootbunker für den Vulkan gebaut wurde, erwähnt er hier irgendwie nicht. Dr Kabelac geht unbeschadet, wie große Teile der Nazi Elite, seinen Weg vom Dritten Reich in die Adenauer-Republik. 1959 ist er Präses der Bremer Handelskammer, das KZ in Farge wird nie erwähnt. Ich sehe Kabelac in meiner Jugend jeden Tag in der Weserstraße, wenn er mit seinem Hund spazieren geht. Obgleich sich sonst hier in der Straße beinahe jeder grüßt, Robert Kabelac grüßen meine Eltern und ich nie. Kabelac wohnt zwei Häuser neben dem eindrucksvollen Gründerzeithaus der Leos, der jüngste aus der Familie hat mit Flut und Boden einen Roman über die Familie geschrieben. In der es auch Nazis gab. Man weiß im Ort, wo die wohnen. Aber man schweigt lieber darüber, bis ein Journalist aus Vegesack wie Günther Schwarberg das Buch Das Getto schreibt, bis der Pastor Ingbert Lindemann das Buch Die H. ist Jüdin! schreibt, bis Per Leo über seine Familie schreibt.

Stapelläufe und Schiffstaufen beim Vulkan sind natürlich Ereignisse, bei denen jeder aus dem Ort dabei sein muß. Wenn es bedeutende Schiffe sind, gibt es dafür auch schon mal schulfrei. Und bevor man von den Vulkanesen da weggejagt wird, guckt man sich noch einmal fachmännisch die dicke Seifenschicht an, auf der der Neubau gleich in die Weser gleiten wird. Natürlich werden die Holzklötze nicht mehr von zum Tode verurteilten Gefangenen weggekloppt, das machen jetzt Vulkanarbeiter. Aber Unfälle gibt es dabei auch immer wieder. Oben auf dem Holzgerüst wirft die Taufpatin die Sektflasche an das Schiff. Gelingt nicht immer beim ersten Mal, soll dann Unglück bringen. Seeleute sind, ebenso wie meine Mutter, abergläubisch.

Ich bin über die genauen Daten aller Stapelläufe immer bestens informiert. Mein Vater hat viele Werftarbeiter als Patienten, und die erzählen ihm alles, was auf der Werft so läuft. Und unser netter Nachbar Bruno Trube mit den hübschen blonden Töchtern (beide Stewardessen, ein neuer Beruf in den fünfziger Jahren, aber leider beide zu alt für mich) ist Oberingenieur beim Vulkan. Der weiß auch alles über die Werft. Nach seinem Tod wird ein richtiger Vulkandirektor neben uns einziehen, durch den ich eines Tages auch den Besitzer des Bremer Vulkans, den Baron Hans Heinrich Thyssen, kennenlernen werde. Natürlich auf der Strandstraße. In einem kleinen Ort wie diesem braucht man eigentlich keine Zeitungen und kein Radio, alles wird weitererzählt. Den Skandal um den planlosen Umbau des Tenders Neckar für die Bundesmarine erzählen die Lürssen Arbeiter meinem Vater Jahre bevor der Bundesrechnungshof merkt, was das den Steuerzahler gekostet hat.

Mein Vater hat natürlich auch Schiffsbauer von Abeking und Rasmussen auf der anderen Weserseite als Patienten. Schiffstaufen sind hier eine Spur intimer und privater. Noch privater ist es natürlich, wenn Freunde meiner Eltern wie Hermann Bögel ihr erstes Schiff zu Wasser bringen und ich alle Beteiligten kenne. Leider dürfen wir Kinder nach Schiffstaufe und Stapellauf in Rekum nicht mit auf die kurze Jungfernfahrt nach Bremerhaven. Ist auch für manche ganz gut, denn einige der Eltern sollen fürchterlich betrunken gewesen sein. Die brauchen wir in diesem Zustand dann nicht zu sehen. A+R hat in den USA einen guten Namen, die Häfen der ganzen Ostküste der USA sind voll mit Booten von Abeking und Rasmussen. Viele amerikanische Millionäre lassen es sich nicht nehmen, zur Taufe nach Lemwerder zu kommen, bevor ihnen die Yacht in die USA geliefert wird. Die Herren meistens in hellen Regenmänteln, die Damen in Pelzmänteln.

Als ein amerikanischer Offizier, der Segler war, 1945 entdeckte hatte, was da auf der anderen Weserseite war, hat er die ganze Werft erstmal mit Off Limits und Out of Bounds Schildern zugepflastert. Und alle Yachten für recreation purposes beschlagnahmt. Die Engländer, die das gleiche vorhatten, kamen einen Tag zu spät. Die hatten natürlich auch jemanden, der ein Exemplar von Uffa Fox’ Buch über Segelboote besaß. Die Amerikaner werden übrigens eines Tages alle beschlagnahmten Boote zurückgeben. Bis auf eins. Angeblich von Engländern geklaut. Obgleich die Engländer genügend Segelboote besaßen, General Horrocks hatte bemerkt, dass alle Segelyachtbesitzer ihre Boote in kleinen Nebenflüssen der Weser versteckt hatten und hatte alle requiriert (die Hälfte davon musste er später an die Royal Navy abgeben).

Der größte Exportrenner von Abeking wird in den fünfziger Jahren die sogenannte Concordia Yawl sein, die A+R neunundneunzig Mal in die USA liefern. Es ist ein zwölf Meter langes Boot (eine amerikanische Vorkriegskonstruktion), die schnell das Lieblingsspielzeug der feinen Gesellschaft Neuenglands und der Ostküste werden soll. In dem Buch zur 90 Jahr Feier der Werft hat Elizabeth Ernst Meyer eine literarische Liebeserklärung an dieses Boot verfasst. Elizabeth Ernst Meyer ist die Enkelin von Agnes Elizabeth Ernst, die den Multimillionär Eugene Meyer geheiratet hatte. Das ist die Frau, die Tommy Mann im Exil durchgefüttert hat. Und in seinen Tagebüchern äußert er sich häufig sehr despektierlich über sie. Dabei ist sie eine hochgebildete Frau. Wahrscheinlich mag unser Nobelpreisträger (der in seiner Jugend auch in einem A+R Ruderboot gerudert ist, das die Familie Pringsheim bestellt hatte) das nicht.

Die Enkelin hat übrigens nicht nur eine schöne Abeking und Rasmussen Yacht, sie besitzt auch die Endeavour, die schönste Yacht der J-Klasse der dreißiger Jahre. In den fünfziger Jahren baut man in Lemwerder noch Holzboote für alle Segelklubs an Weser und Elbe, Nord- und Ostsee und für das finanzkräftige Bürgertum. Heute baut man Yachten für Scheichs und Multimillonäre, die nicht genannt sein wollen. Die kommen auch nicht mehr zu den Stapelläufen. Und man käme da auch nicht mehr so einfach rein wie in den fünfziger Jahren, das ist schon eher ein Hochsicherheitstrakt. 1945 hatte man noch aus den geretteten Holzvorräten, die der spätere Werftdirektor Horst Lehnert im Hafen von Lemwerder und in der Weser versenkt hatte, noch Schubkarren und Handwagen gebaut. Brauchte man damals eher als ein Segelboot. Henry Rasmussen wird sich mit einer Sondergenehmigung ein fünf Meter langes Segelboot bauen, das ist wirklich bescheiden. Die Germania VI, die er eines Tages für Krupp baut, ist zwanzig Meter länger.

Mein Vater überlegt sich irgendwann in den fünfziger Jahren, ob wir uns nicht ein Motorboot mit Kajüte kaufen sollten, dafür würde er sogar einen Motorbootführerschein machen. Wir sind im Sommer zuvor immer mit der Familie von Harten mitgefahren. Aber deren Motorboot hat keine Kajüte, und der Motor hat immer Aussetzer. Ich werde ein Meister im Rausdrehen und Reinigen von Zündkerzen. Aber dennoch, es ist ein tolles Erlebnis, langsam in Ufernähe die Weser entlangzutuckern, in die Ochtum hinein oder die Lesum herauf bis Ritterhude. Gutes Wetter vorausgesetzt. Auch wenn ich immer ein Ölkännchen in der Hand habe.

Es ist auch viel einfacher, als mit Käpten Janßens schwerem Ruderboot mit Ekke auf der Lesum zu rudern. Aber je langsamer man auf dem Fluss ist, desto mehr sieht man vom Fluss und der Landschaft. Wir besichtigen zwei Sommer lang Motorboote, die bei kleinen Werften links und rechts der Weser liegen. Es ist erstaunlich, wie viele kleine Werften es noch gibt. Der Vater meines Klassenkameraden Dirk Havighorst hat auch eine. Er hat auch eine bedeutende Sammlung von alten Photographien von allen Schiffen und Werften an der Weser zusammengetragen. Die Havighorsts sind in Blumenthal seit 1809 im Geschäft, Schiffsbauer in der x-ten Generation. Die Werft ist zwar nur eine kleine Klitsche, aber wunderbar zum Spielen. Als die Pasteur beim Vulkan zur Bremen (dem Nachfolger der berühmten Bremen) umgebaut wird, hat Dirks Vater die alten französischen Rettungsboote gekauft. Die haben für jeden Passagier eine kleine Kurbel für den Antrieb, man braucht mindesten sechs Mann zum Kurbeln, bevor man mit einem solchen Boot auf der Weser Fahrt aufnehmen kann.

Motorbootbesichtigungen sind immer interessant, weil natürlich immer eine Probefahrt damit verbunden ist. So bekommen wir mit der Zeit eine ganze Menge Flusskilometer zusammen. Beim zweiten Termin bringt mein Vater immer einen seiner Kapitänsfreunde mit, das sehen die Werftbesitzer nicht so gerne. Wenn Hugo Gottsmann seinen Marlspieker aus der Tasche holt, ihn aufklappt und mal kurz in das Holz bohrt und dann ein sorgenvolles Gesicht macht, dann wissen die Werftbesitzer, dass aus diesem Motorbootverkauf nichts wird. Alle Motorboote haben einen Mercedes 170er Dieselmotor, auch die Vorkriegsboote sind inzwischen darauf umgebaut worden, ist offensichtlich das Beste, was Mercedes nach dem Krieg gebaut hat. Aber irgendwie können wir uns mit dem Motorbootkauf nicht entscheiden, zu alt, zu teuer (was bei A+R liegt, können wir uns eh nicht leisten), zu klein, zu groß. Irgendwann gibt mein Vater den Plan mit dem Motorboot auf und kauft für die Familie ein kleines Wochenendhaus am Zwischenahner Meer. Mit A+R Jolle am Bootssteg. Ich werde noch von Freunden auf allen möglichen Booten mitgenommen werden.

Uwe kauft sich irgendwann einen schönen Jollenkreuzer aus Holz. Es sollte unbedingt ein Jollenkreuzer sein, damit er mit diesem Boot auch in der Zuidersee segeln kann. Unsere erste gemeinsame größere Segeltour findet allerdings nicht statt. Ich stehe mit meinem Seesack an Uwes Boot, das im Binnenhafen von Oldenburg liegt, Uwe ist nicht da. Nach einer halben Stunde kommt der Hafenmeister. Sagt mir, dass wenn ich den Besitzer von dem Jollenkreuzer suche, ich zum Krankenhaus nach Kreyenbrück fahren müsse, der Skipper hätte einen Unfall gehabt. Der Skipper liegt betrunken in einem Erster Klasse Zweibettzimmer. Im Nachbarbett ein Springreiter, auch betrunken. Uwe hat sich beim Anbordgehen einen Fuß gebrochen, der Springreiter, auf den sein Pferd gefallen ist, hat sich das Bein gebrochen. Sonst sind sie kerngesund, deshalb sprechen sie dem Alkohol zu. Unsere Zuiderzeetour muß ausfallen. Das Pferd des Springreiters ist unverletzt geblieben.

Februar 1962, es ist kalt und windig. Na ja, eigentlich ist es schon ein Sturm, aber Bremer, die das so das ganze Jahr über gewöhnt sind, neigen bei Windstärke 9 oder 10 noch nicht zu Übertreibungen. Ich sitze mit Charlie bei Konnie Krämer im Fährhaus. Das hat Konnie schon dichtgemacht, aber uns schenkt er noch ein Bier ein, geht aufs Haus. Konnie braucht uns noch. Die Weser ist beunruhigend hoch, das vom Sturm herein gedrückte Wasser fließt nicht ab, eigentlich sollte jetzt Ebbe sein, aber die Weser ist auf der normalen Fluthöhe, Meter über dem Ebbepegel. Die Nacht ist blauschwarz, die Wolken fegen nur so dahin. Wir schrauben mit Konnie zusammen die eisernen Platten vor die Kellerluken, dichten alles mit Säcken und gefettetem Tauwerk ab. Auch die Eingangstür, die einen Meter höher liegt. Wir trinken noch ein Bier. Das kommt nicht bis hier, sagen wir, und klettern hinten durch ein Hoffenster aus dem Haus.

Nachts will ich noch meinen üblichen Weserspaziergang mit dem Hund machen, da steht die Strandstraße schon unter Wasser. Das geschieht häufiger, das ist noch keine Gefahr. Wir alle wissen noch nicht, was in der Nacht noch kommt. Hamburg wird es schlimmer treffen als Bremen, dies sind die Stunden des Mythos von Helmut Schmidt, der seinen Bürgermeister Paul Nevermann entmachtet und mit dem Herbeiordern von NATO-Kräften gegen alles verstößt, was in der Verfassung steht. Aber vielleicht muss es dieser Mann in diesem Augenblick sein, das Fernsehen wird ihn lieben. Überall an der deutschen Bucht wird es kleine Helden geben, die im richtigen Moment das Richtige tun, größeren Schaden verhindern. Sie alle kommen nicht ins Fernsehen, nur Helmut Schmidt. Die Hochwasser von 1976, 1981 und 2007 werden höher sein als das von 1962. Und man wird diese Sturmfluten auch ohne Helmut Schmidt überstehen. Für die beteiligten Bundeswehrkräfte wird es 1962 einen Orden geben, der sogenannte Sandsackorden wird der erste Orden sein, den die junge Bundeswehr verleiht. In Huchting wird es große Schäden geben, wir kommen in Vegesack mit Schrammen davon.

Am nächsten Morgen ist schulfrei, Peter und ich fahren mit dem Bus nach St. Magnus, um uns das Ausmaß der Überschwemmung anzusehen. Der Admiral Brommy Weg an der Lesum steht unter Wasser und die Lesumwiesen auch. Das ist bei jedem Hochwasser so, die Wiesen hinter den Deichen sind eigentlich Sollbruchstellen. Gefährlich wird das erst in der Zukunft, wenn man sinnlos an allen Nebenflüssen Sperrwerke einrichtet und den Fluss durch Vertiefungen noch weiter kanalisiert. In Grohn schippt Kapitän Janßen Wasser aus seinem Keller und die umstehenden Gaffer beschweren sich, dass sie dabei nass werden. Ich verdrücke mich mit Peter schnell, bevor Hein Janßen mich erkennt, sonst sind wir auch noch mit Schippen dran. Wenn dies schon komisch ist, dann kann man das noch steigern.

Als wir zur Strandstraße kommen, steht da schon unsere halbe Schule vor dem Haus des Direx neben dem Ruderverein. Den hatte die Polizei nachts noch aufgefordert, das Haus zu verlassen. Hat er nicht getan, glaubte nicht daran, dass das Wasser noch steigen würde. Immerhin hat er nachts vorsichtshalber die Abiturarbeiten mit nach oben genommen. Jetzt ist das ganze Lehrerkollegium damit beschäftigt, klitschnasse Teppiche und feuchte Sessel aus dem Erdgeschoß zu räumen und auf das Gelände des Rudervereins zu tragen. Schüler geben gute Ratschläge, vor allem den Lehrern, die zwei linke Hände haben. Kein Schüler fasst mit an. Irgendwie sind alle der Meinung, dass dieser Schaden auch eine Strafe für Dummheit ist. Konnie Krämer wird kein Weserwasser in Keller und Kneipe haben, jeder, der hier wohnt ist Hochwasserprofi, mit Ausnahme des Direktors des Gymnasiums.

Sonne, Mond und Sterne. Als ich noch klein bin, gehen meine Eltern mit mir Laternelaufen. Eigentlich begleite ich sie nur auf ihrem normalen Abendspaziergang, jeder hier im Ort macht einen Abendspaziergang die Weser entlang. Wenn nicht das Laternelaufen wäre, wäre ich längst im Bett, so lange darf ich nur ganz selten aufbleiben. Als wir an die Weser kommen und den Stadtgartenberg hinuntergehen, kann ich mich nicht sattsehen. Der ganze Himmel auf der anderen Seite der Weser ist goldgelb, und unter diesem verschwenderisch dahingemalten Gold türmt sich ein blauschwarzes Gebirge auf, so wie der Kamm des Wiehengebirges hinter Tante Margrets Haus. Ich bin ganz still und gucke mir das Notturno in Blau und Gelb an. Whistler hätte es gefallen. Ein Gebirge auf der Oldenburger Seite der Weser habe ich noch nie gesehen. Am nächsten Morgen gehe ich zum Stadtgarten, aber das Gebirge ist weg. Man kann über die Weser bis Bookholzberg gucken. Ich wage meine Eltern nicht zu fragen, wo das Gebirge geblieben ist. Ich werde im Laufe der Jahre noch tausende von Sonnenuntergängen an der Weser sehen, aber keiner wird diesem magischen Moment gleichkommen. Der Himmelsmaler, der das Panoramabild auf der anderen Seite des Flusses malte, wiederholt sich nicht.


Zählt man Werra, Fulda und Weser zusammen, dann kommt man auf 751 Kilometer. Es ist der längste deutsche Fluss, da ist ein langer Post schon mal erlaubt.