Dienstag, 27. September 2016

Ratten


Hupfdohlen bei der Tanzstunde, das ist natürlich Degas. Detailliert gemalte kleine Mädchen in Tüll, ich kann mir nicht helfen, es hat schon etwas Perverses an sich. Irgendwie fallen diese androgynen Wesen sicher schon unter kiddie porn. Degas nannte die kleinen Tänzerinnen filles-singes (das notiert Edmond de Goncourt in seinem Tagebuch), Äffinnen ist nun nicht unbedingt eine nette Bezeichnung. Da ist Hupfdohlen noch netter. Ludovic Halévy, mit dem Degas befreundet ist, nennt die Tänzerinnen der Oper Ratten.

Sie heißen heute noch so. Mein Sachs-Villatte aus dem Jahre 1909 hat da die Bedeutung Opern-Figurantin (aber auch: unterhaltenes Frauenzimmer). 1966 erschien die Fernsehserie ➱L'Âge heureux nach dem Roman Côté jardin, Mémoires d'un rat von Odette Joyeux. Das Wort rat für die minderjährigen Tänzerinnen taucht schon vor 1840 auf. Da schreibt der Dandy Nestor Roqueplan (der auch einmal Direktor der Oper war): Le vrai Rat, en bon langage, est une petite fille de sept à quatorze ans, élève de la danse, qui porte des souliers usés par d'autres, des châles déteints, des chapeaux couleur de suie, qui sent la fumée de quinquet, a du pain dans ses poches et demande six sous pour acheter des bonbons; le rat fait des trous aux décorations pour voir le spectacle, court au grand galop derrière les toiles de fond et joue aux quatre coins des corridors ; il est censé gagner vingt sous par soirée, mais au moyen des amendes énormes qu'il encourt par ses désordres, il ne touche par mois que huit à dix francs et trente coups de pieds de sa mère.

Roqueplan ist nicht der einzige, der über die petits rats schreibt, auch Balzac erwähnt sie. Und, wie erwähnt, Ludivic Halévy. Seine Bücher Madame et Monsieur Cardinal und Les petits Cardinal (eins davon ist ➱hier im Volltext) sind voll mit kleinen Ballerinas, und teilweise wirken Degas' Bilder wie Illustrationen von Halévys Werk. Was sie auch wohl sind. Was wir so hübsch finden, ist vielleicht nur zynisch. Ein  großer Zyniker ist Degas ja gewesen. Was in seiner Zeit manchen Kunstkritiker dazu bringt, ihn ebenso zynisch abzufertigen.

So zum Beispiel Félix Fénéon: M. Degas poursuit le corps féminin d'une vieille animosité qui ressemble à de la rancune ; il le déshonore d'analogies animales oder zur Rampe de danseuses (Bild): ce bloc irradié en un enchevêtrement de bras et de jambes jette comme l'image d'un dieu hindou épileptique. Zu Félix Fénéon und anderen in dieser Zeit gibt es eine sehr interessante ➱Dissertation von Annika Lamer ➱Die Ästhetik des unschuldigen Auges: Merkmale impressionistischer Wahrnehmung in den Kunstkritiken von Émile Zola, Joris-Karl Huysmans und Félix Fénéon.

Und was wird aus den kleinen rats? Wohl die wenigsten werden die Hauptrolle in Schwanensee bekommen oder berühmt werden wie Fanny Elssler oder Eugenie Fiocre (die Degas ➱malen wird) und sich ihre Kleider bei ➱Charles Frederick Worth kaufen. Die meisten werden in einem Bordell landen wie diese Frauen in Erwartung eines Freiers auf dem Bild von Degas. Bordelle gibt es in dieser Zeit genug in Paris, und ohne Bordelle und Prostitution kommt der Impressionismus nicht aus. Das bewies im letzten Jahr eine ➱Ausstellung im Pariser Musée d’Orsay. Und schon vor Jahren hatte Hollis Clayson ihr Buch Painted Love: Prostitution in French Art of the Impressionist Era (➱hier zu lesen) vorgelegt.

Dies ist nicht die Welt von ➱Proust, dies sind nicht les jeunes filles en fleurs. Dies sind Arbeiterkinder, die mit sechs und acht Jahren an der Oper anfangen und eine Sechstagewoche haben. Wenn sie in ihrer Pubertät sind, können sie sich durch sexuelle Gefälligkeiten noch etwas hinzuverdienen. Die amerikanische Professorin Lorraine Coons hat in ihrem Aufsatz ➱Artiste or coquette? Les petits rats of the Paris Opera ballet dazu eine Menge zu sagen.

Degas' Mädchen und Frauen bleiben blaß und verhuscht, eine Pastellversion der Wirklichkeit. Nichts Flamboyantes wie Henri Gervex' Bild ➱Rolla. Oder Manets ➱Nana, der Werner Hofmann in Hamburg 1973 eine große ➱Ausstellung widmete. Das daraus entstandene Buch ➱Nana: Mythos und Wirklichkeit kostet bei Amazon Marketplace zwischen 99 Cent und 386 Euro; ich würde das Exemplar für 99 Cent nehmen, aber ich habe das Buch natürlich schon.

Ich mag Degas, der heute vor 99 Jahren starb, überhaupt nicht. Das habe ich schon zum Ausdruck gebracht, als ich vor vier Jahren den Post ➱Edgar Degas schrieb. Es ist dieser widerliche Antisemitismus, der in den 1870er Jahren bei ihm virulent wird. Dies hier sind nicht zwei Herren, die hinter der Bühne der Oper darauf warten, kleine Tanzmädchen zu vernaschen. Die Szenerie stimmt, wir sind in der Oper, beide Herren (Ludovic Halévy und Albert Boulanger-Cave) haben mit der Oper zu tun. Linda Nochlin hat in The Politics of Vision: Essays of Nineteenth Century Art and Society geschrieben: The image is a poignant one. The inwardness of mood and the isolation of the figure of Halevy, silhoutted against the vital brilliance of the yellowish blue-green backdrop, suggest an empathy between the middle-aged artist and his equally middle-aged subject, who leans, with a kind of resigned nonchalance, against his furled umbrella. The gaiety and make-believe of the theater setting only serves as a foil to set off the essential solitude, the sense of worldly weariness, established by Halevy's figure....

The only touch of bright color on the figures is provided by the tiny dab of red at both men's lapels: the ribbon of Legion of Honor, glowing like an ember in the dark, signifying with Degas's customary laconicism the distinction appropraite to members of his intimate circle -- though Degas himself viewed such institutional accolades rather cooly.... No one looking at this sympathetic, indeed empathetic, portrait would surmise that Degas was (or would become) an anti-Semite or that he would become a virulent anti-Dreyfusard; indeed that within ten years, he would pay his last visit to Halevy's home, which had been like his own for many years, and never return, except briefly, on Ludovic's death in 1908, to pay his final respects. Aber stimmt das wirklich mit dem sympathetic, indeed empathetic? Es ist doch eher die Karikatur eines Juden (ebenso wie der Violinist in dem Bild im ersten Absatz), die Degas hier vor die Dekoration stellt.

Die Raumbehandlung mit dem abgeschnittenen Albert Boulanger-Cave hat Degas schon viel früher in diesem Bild der Baumwollhändler in New Orleans (wo er fünf Monate gewesen war) gemalt. Für Christopher Benfey (➱hier zu lesen) ist dies Bild die Keimzelle für die Raumgestaltung vieler Bilder der kleinen Tänzerinnen.

Ich persönlich habe überhaupt kein Verhältnis zum Ballett. Ich habe einmal Schwanensee in Begleitung einer jungen Dame gesehen, die in jungem Alter Ballett getanzt hatte. Da habe ich höflicherweise nicht von Hupfdohlen geredet. Ratten sind auch selten in diesem Blog. Sie kommen natürlich vor, wenn von ➱Wind in the Willows die Rede ist. Oder bei diesem wunderbaren französischen ➱Karikaturisten.

Samstag, 24. September 2016

Bally


Und wenn der Schuh mal ganz schmutzig ist, dann waschen Sie ihn mit Saddle Soap, sagte die Verkäuferin. Und dann ist er hin, sagte ich. Sie guckte mich etwas irritiert an. Ich nahm ihr den Karton mit den Schuhen aus der Hand. Schauen Sie mal, was hier steht! Und damit meinte ich nicht den Schriftzug The Lloyd Premium Collection, sondern das Wort Cordovan. Und um ganz sicherzugehen, hatte noch jemand mit einem dicken blauen Stempel HORSE draufgestempelt. Der braune Pferdelederschuh war nicht von Lloyd in Sulingen hergestellt, auf dem Karton und in der Innensohle stand auch noch Made by Bally. Es ist einer meiner ältesten Bally Schuhe. Ich habe ihn immer noch. Habe ihn aber nie mit Saddle Soap geputzt. Dass sich Firmen Schuhe von anderen Herstellern machen lassen, ist nicht ungewöhnlich. Das hier oben ist ein Lloyd aus den sechziger Jahren, der von der Schweizer Firma Leiser (nicht zu verwechseln mit dem Berliner Händler) hergestellt wurde, man kann ihn von einer Firma namens Stiefelkombinat Berlin bei ebay kaufen.

Lloyd ist mit dieser Praxis kein Einzelfall. Dieser Crockett & Jones (Modell Westminster), der ein wenig Schuhcreme verdient hätte, wird zur Zeit bei ebay zu einem überhöhten Preis angeboten. Ich habe den gleichen Schuh (nagelneu) vor Jahren bei ebay für fünfzig Mark gekauft. Es stand allerdings nicht Crockett & Jones auf der Sohle, dieser C&J hieß schlicht Unützer. Wenn ein Händler - heiße er nun Unützer, Herring oder Shipton & Heanage - genügend Schuhe abnimmt, verzichtet C&J auf seinen Namen auf dem Schuh (man kann den Schuh aber immer an dem Modellnamen und der Modellnummer identifizieren).

Nicht identifizieren kann man natürlich Schuhe, die stolz den Namen einer renommierten Firma tragen, aber keineswegs von ihr gefertigt wurden. John Lobb in London (hier der Firmenchef) gibt seine Maßschuhe außer Haus zu einzelnen Schuhmachern (sie haben ja in ihrer Geschichte genügend kleine Schuhmacher geschluckt), und Firmen wie Church's, Crockett & Jones und andere haben auch schon einmal Lohnarbeiten nach ➱Portugal vergeben. Laszlo Vass beschäftigt etwas unterbezahlte Rumänen (böse Gerüchte wollen wissen, dass er sowieso nur in Rumänien herstellen läßt) und so weiter, und so weiter.

Und das bringt mich zurück zu Bally (ich musste mich erst ein wenig warmschreiben), einer Firma, die einmal alles im schweizerischen Schönenwerd produzierte. Dort war sie 1851 von Carl Franz Bally gegründet worden, der mit seinem Bruder Fritz die Hosenträgerfabrik des Vaters geerbt hatte. Aber dann kam alles anders, wie Alex Capus in Patriarchen: Zehn Porträts erzählt: Eigentlich wollte Carl Franz Bally im Frühjahr 1850 nur seiner Gattin Cecilie ein Paar schicke Stiefelchen aus Paris mitbringen. Da er aber ihre Schuhgröße nicht kannte, kaufte er gleich ein ganzes Dutzend. Auf der Heimreise in die Schweiz kam er beim Anblick so vieler Schuhe auf die Idee, die größte Schuhfabrik der Welt zu gründen. Dass er einer der reichsten und einflussreichsten Industriellen seiner Zeit werden sollte, war ihm nicht an der Wiege gesungen worden.Er hatte in Paris nicht nur Schuhe für die Gattin gekauft, er hatte auch eine Schuhfabrik besucht, was ihn auf die Idee brachte, solch eine Fabrik auch in der Schweiz zu etablieren. Die industrielle Herstellung von Schuhen war eine Marktlücke, das hatte Bally erkannt.

Nicht allen gefiel der Aufstieg von Carl Franz Bally, der schon früh Maschinen aus Frankreich und den USA importiert hatte. So erhielt Bally 1864 einen anonymen Drohbrief: Aarau, im Wintermonat 1864. Geehrter Herr... Es geht beide an. Seit Sie die Schuhfabrik gegründet haben, hat mancher Schuster von Aarau und der Umgebung den Verdienst verloren. Es haben sich unser sechs verschworen Euch zu tödten, wenn Sie das Geschäft nicht aufgeben, oder Euch alles zu verbrennen. Ich hatte schon längst im Sinn Euch zu erstechen, denn ich habe fast kein Verdienst mehr. Im Namen der Verschworenen...

Hundert Jahre nach der Firmengründung lancierte Max Bally, der Enkel des Firmengründers eine neue Linie den Bally Scribe. Der war nach dem Pariser Hotel Scribe benannt, in dem Max Bally gerne abstieg. Im Zweiten Weltkrieg saß die deutsche Propagandaabteilung in dem Hotel, nach der Eroberung von Paris wurde es die Heimat der amerikanischen Kriegskorrespondenten. Auch Ernest Hemingway hat hier gewohnt. Er bekam eines Tages Besuch von einem englischen Nachrichtenoffizier, der sich als Eric Blair vorstellte. Der Name sagte Hemingway nichts, aber als der Offizier sagte: Ich bin George Orwell, sagte Hemingway: Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? und holte eine Flasche Whisky aus dem Koffer. Eine Luxuslinie wie Bally Scribe war 1951 eigentlich unnötig, denn die Qualität der Bally Schuhe war damals noch auf einem sehr hohen Niveau. Wahrscheinlich wollte man das schleppende Nachkriegsgeschäft etwas beleben.

Zwei Jahre nach der Einführung des Scribe konnte Ballys Werbeabteilung noch einen weiteren schönen Erfolg erzielen. Der Herr zwischen zwei Bally Direktoren ist Tenzing Norgay, der mit Edmund Hillary den Mount Everest bestiegen hatte. Der Schuh aus Rentierleder ist von Bally übrigens vor drei Jahren neu auf den Markt gebracht worden. Ich weiß allerdings nicht, wo man diesen Schuh tragen sollte. Die Bezwingung des ➱Mount Everest hatte auch eine kommerzielle Seite. Die Firma ➱Rolex, nie um eine Werbelüge verlegen, behauptete später, dass Hillary keine englische ➱Smiths, sondern eine Rolex am Arm gehabt hätte und stattete den Sherpa Tenzing Norgay für Werbephotos mit einer goldenen Rolex aus.

Die Firma Bally ist seit ihrer Gründung ständig gewachsen. 1860 gab es schon mehr als 500 Arbeiter, um die Jahrhundertwende waren es 3.200. In der Mitte des Ersten Weltkriegs beschäftigte das Unternehmen mehr als 7.000 Schuhmacher und produzierte 3,9 Millionen Paar Schuhe. Auch Militärstiefel für die französische und die deutsche Armee. Da kennen die Schweizer keine Neutralität, wenn es etwas am Krieg zu verdienen gibt. Ich könnte da noch an diese perfide Geschichte erinnern, wo der Chef der Firma Rolex Uhren über das Rote Kreuz an englische ➱Offiziere in deutschen Gefangenenlagern vertickt.

Militärstiefel bleiben bei Bally im Programm, man wird sie wieder gebrauchen können. Skistiefel gibt es auch, aber Toni Sailer wird nicht Bally tragen, wenn er seine Goldmedaillen gewinnt. Dem Toni macht Herr ➱Haderer aus Salzburg die Schuhe. Generell setzt Bally in den dreißiger Jahren auf sportliche Schuhe, es ist ja die Zeit, in der die Sportmode erfunden wird. Die auch vom ➱Prince of Wales propagiert wird. Es ist die Zeit, in der die englische Firma Daks-Simpson zu ersten Mal ➱Hosen ohne Hosenträger anbietet. Den sportlichen Schuh findet man bei Bally noch heute, ihre Schuhe neigen, wenn ich an die in meinen Kleiderschränken denke, eher zum Rustikalen als zu englischer Eleganz.

Allerdings gibt es da auch einen sehr eleganten schwarzen Schuh, der Bally Prestige (cousu trepointe) hieß. Das war das Äquivalent zu dem Scribe, der damals nicht mehr hergestellt wurde. Meiner sieht beinahe genau so aus wie dieser hier, hat aber ein Medaillon auf der Kappe. Der Schuh war auf der Brandsohle (und den Flanellsäckchen) verziert mit dem Bild eines mittelalterlichen Schuhmachers und einer kleinen Plakette aus Messing auf der Sohle. Die habe ich im letzten Jahr mal abgeschraubt und den Grünspan weggewischt, aber sonst ist der Schuh noch hervorragend. Alt, aber immer noch schön.

Apropos alte Schuhe. Im amerikanischen GQ (das damals ein hervorragendes Magazin war) las ich vor Jahrzehnten einem Artikel eines Mitglieds der Redaktion über seinen Besuch der englischen Hauptstadt. Er war auch in der Fischabteilung von Harrods, stand in der Schlange hinter einem älteren Herren und mokierte sich in seinem Bericht darüber, dass der ganz alte Schuhe trug. Wunderte sich, wie der hier bei Harrods die Preise bezahlen konnte.

Und da habe ich mir gedacht, dass die Amerikaner das nie verstehen werden. In England trägt der Gentleman durchaus alte Schuhe (die er ja angeblich von seinem Diener eintragen lässt). Dazu passt die schöne Anekdote, wo ein englischer Adliger einen Ausländer in seinen Club mitnimmt und sagt: Das hier vorne sind Bankiers und Devisenhändler, die sind irgendwie in den Club hereingekommen, keiner weiß wie. Man erkennt sie immer an den neuen Anzügen und den nagelneuen Schuhen. Dahinten in der Ecke sitzen die Herzöge, deren Großväter waren schon Mitglieder im Club. Man erkennt sie immer an ihren alten Savile Row Anzügen und ihren alten Schuhen.

Eine schweizer Regierungsrätin hat in einer ➱Rede über den Firmengründer gesagt: Carl Franz Bally war ein typischer Gründerjahr-Industrieller, wie sie damals die Anfänge der Schweizer Wirtschaft prägten. Die Zeit war reif für wirtschaftliche Veränderungen. So ist es kein Zufall, dass im Kanton Solothurn fast gleichzeitig im äussersten Westen und im östlichsten Teil Grundlagen für Weltfirmen geschaffen wurden (1851 zieht Bally die Schuhproduktion auf, Grenchen beschloss an einer Gemeindeversammlung die Einführung der Uhrenindustrie). Der Blick nach Grenchen auf die ➱Eterna und die ➱ASSA ist interessant, denn bevor die Schilds in Grenchen oder Bally in Schönenwerd ihre Fabriken gründeten, war da nichts. Wir stellen uns die Schweiz immer als ein reiches Land vor. 1850 war da gar nix. Und ohne die Ballys und die Schilds - und wie sie alle heißen - wäre da nur der Almöhi.

Das Bild hier zeigt das Wohnhaus Zum Felsengarten von Carl Franz Bally in Schönenwerd, das 1942 in ein Schuhmuseum umgewandelt wurde. Der Grenchner Professor Werner Flury hat in seinem 1907 erschienen Buch Die industrielle Entwicklung des Kantons Solothurn: Ein Beitrag zur wirtschaftlichen Heimatkunde Carl Franz Bally beschrieben: Scharfer Blick, nie ermüdende Ausdauer und Organisationstalent vereinigten sich in C.F. Bally, um ihn zu einem Führer der solothurnischen, ja der schweizerischen Industrie zu machen. 

Der Firma Bally liegt das materielle und geistige Wohl ihrer Angestellten und ihrer Arbeiter am Herz; hat sie doch aus eigener Initiative den 10-stündigen Arbeitstag eingeführt und ohne Lohnabzug den Samstag Nachmittag frei gegeben. Sie besitzt Kosthäuser in Schönenwerd, Aarau und Schöftland, wo für sage und schreibe 30 Rp. ein Mittagessen verabfolgt wird, das aus Suppe, Fleisch, Gemüse und Brot besteht. Kleinkinderschulen, eine Volksbibliothek, ein prächtiger Saal für Konzerte, Theater und Vorträge, Schwimm- und Badebassins – alles Schöpfungen der Firma Bally – stehen der Bevölkerung von ganz Schönenwerd gegen sehr niedrige Taxen zur Verfügung.

Die sozialen Maßnahmen, die hier gelobt werden, gehen nicht so sehr auf den Firmengründer (obgleich auch der ein progressiver Liberaler war), sondern auf seinen Sohn ➱Peter Eduard Bally zurück. Der auch in den 1870er Jahren in Amerika die ersten Goodyear Maschinen bestellt hatte. Gleichzeitig mit Flurys Darstellung erschien das Buch Schweizer eigener Kraft, das Carl Franz Bally zu einer Legende werden ließ. Die Memoiren von Bally sind unter dem Titel Pionier und Pfaffenschreck: Die Memoiren des Carl Franz Bally erschienen. Das mit dem Pfaffenschreck hat schon seine Berechtigung, seine Abneigung gegen die römische Klerisei und was daran hängt war sprichwörtlich. Mir gefallen Sätze wie Frech sind sie, diese Römlinge, und ungeniert! Der Industrielle und Politiker Bally wäre mir noch sympathischer, wenn er ein noch größeres soziales Bewußtsein gehabt hätte. Was diese patriachalisch soziale Komponente der Vorzeigeunternehmer des Kapitalismus betrifft, könnten Sie jetzt noch den Post ➱Ermenegildo Zegna lesen.

Heute sieht Bally so aus: Klamotten, Reisetaschen, Koffer, Accessoires. Und ja, auch noch Schuhe. Seit die Famile sich aus dem Konzern zurückgezogen hat, ist Bally hin- und herverkauft worden. Zwielichtige Finanzspekulanten und der Rüstungskonzern, den die Alliierten im Zweiten Weltkrieg bombardiert hatten, waren plötzlich die Besitzer einer Schuhfabrik, die jede Kontrolle über ihre weltweit tätigen Tochterfirmen verloren hatte. Der Name Bally bedeutete nur dann noch ein klein wenig, wenn Bally Suisse (oder Made in Switzerland) auf dem Schuh stand. Alles andere konnte man getrost vergessen.

Das ist schon ein Problem, wenn eine Firma immer größer werden will, Lizenzen vergibt, Tochterfirmen hat, die sie nicht mehr kontrolliert. Quantität geht zu Lasten der Qualität. Wenn man erst einmal wie Ermenegildo Zegna im Designerzentrum Neumünster angekommen ist, hat man auf dem Weg nach unten viel geschafft. Von Pierre Cardin wollen wir lieber nicht reden. Schon Carl Franz Bally wollte ein Global Player sein, deshalb erschloss er sich den südamerikanischen Markt (der im 19. Jahrhundert interessant ist, auch Schweizer Uhrenfirmen zieht es dahin). Ballys junge Firma wäre beinahe kurz nach der Gründung untergegangen: die Kunden bewunderten zwar die Qualität, fanden die Schuhe allerdings zu klobig. Das sind sie vielleicht heute noch. Aber Wegwerfschuhe waren sie nie.

Neuerdings, wo Bally einer der reichsten deutschen Familien gehört, schreibt man angeblich schwarze Zahlen. Und will sich auch wieder auf das Kerngeschäft, den Schuh, konzentrieren. Ob dieser Herr allerdings der richtige Sympathieträger ist, da bin ich mir nicht so sicher. Ein Teil der neuen Qualitätsoffensive war die Wiederbelebung der Scribe Linie, die vor kurzem noch durch eine Maßschuh Linie erweitert wurde. Braucht jemand die? Hier in Norddeutschland kann man sich für das gleich Geld von Harai in Neumünster, Klemann in Basthorst oder Hendrikje Ehlers in Berlin die Schuhe machen lassen.

Auch dieser Herr war einmal der Werbeträger von Bally. Wir können diesem Plakat von Otto Baumberger aus dem Jahre 1924 entnehmen, dass die vornehme Welt nicht unbedingt die Zielgruppe der Firme Bally ist. Zwar hat man zehn Jahre nach der Firmengründung schon Niederlassungen in Buenos Aires, Montevideo und Paris (und 1881 in der New Bond Street in London), aber man weiß, dass man Qualitätsschuhe (wenn auch von etwas klobiger Qualität) auch an andere Zielgruppen als die Haute Volaute verkaufen kann. Und das Wort klobig bringt mich direkt zu den neuen Scribe Modellen, die seit etwa zehn Jahren auf dem Markt sind.

Das da rechts ist ein Bally Scribe, Modell James. Es fällt bei diesem Photo  auf den ersten Blick nicht auf, wie groß der Schuh wirklich ist, ein richtiger Elbkahn. Mein alter Pferdelederschuh von Lloyd (= Bally) ist in der Größe 42 genau 29 Zentimeter lang, der James mißt 32 Zentimeter. Kann man nicht zu engen Hosen tragen, geht nur mit Cordhosen. Der Schuh passt aber wunderbar, das muss man ihm lassen. Die Scribe Linie, die vor zehn Jahren neu lanciert wurde, ist das Flaggschiff der Firma. Liegt preislich aber da, wo auch ➱Dinkelacker und Laszlo Vass sind. Mein Pferdelederschuh von Bally, der Lloyd hieß, sollte damals 349 Mark kosten (ich bekam ihn für die Hälfte), die Scribes kosten das Doppelte in Euro. Bally kann den Preis am Markt aber nicht wirklich durchsetzen, die Schuhe werden überall viel billiger verkauft.

Wer trägt so etwas? Der Grandseigneur des Chansons Maurice Chevalier trug blaue Wildlederschuhe von Bally, heute sind Bally Schuhe eher bei den Rappern beliebt:

The mirror said you are you conceited bastard 
Well that's true, thats why we never have no beef 
So then I washed off the soap and brushed the gold teeth 
Used Oil Of Olay 'cause my skin gets pale 
And then I got the files for my fingernails 
Chewed through the night and on my behalf 
I put the bubbles in the tub so I could have a bubble bath 
Clean, dry was my body and hair 
I threw on my brand new Gucci underwear 
For all the girls I might take home 
I got the Johnson's Baby Powder and the Polo cologne 
Fresh dressed like a million bucks 
Threw on the Bally shoes and the fly green socks 
Stepped out my house stopped short, oh no 
I went back in, I forgot my kangol

Wenn Sie also hip sein wollen, dann tragen Sie Bally Schuhe mit grünen Socken. Und vergessen Sie die Kangol Mütze nicht.


Noch mehr Schuhe in den Posts: ➱Cliff Roberts, Artisan, ➱Wiener Leisten, ➱Englische Herrenschuhe (Trickers), ➱Englische Herrenschuhe (London)Englische Herrenschuhe (Alfred Sargent), ➱Schuhe aus Portugal, ➱Italienische Herrenschuhe, ➱Französische HerrenschuheDinkelacker, ➱Kuckelkorn, ➱Kiton/Chiton, ➱wayward cows, ➱Lord Byrons Schuhe, ➱Militärisches Schuhwerk, ➱Wildlederschuhe, ➱Chelsea Boots, ➱Wirkungen, ➱Zeit der Unschuld, ➱Gamaschen, ➱Christian Rohlfs, ➱Laurence Harvey, ➱Blazer, ➱Morning Coat, ➱Fernandel, ➱Léo Malet, ➱Schuhcreme

Donnerstag, 22. September 2016

Hans Albers


Ein Wind weht von Süd und zieht mich hinaus auf See,
mein Kind, sei nicht traurig, tut auch der Abschied weh.
Mein Herz geht an Bord und fort muß die Reise gehn,
dein Schmerz wird vergehn und schön wird das Wiedersehn.
Mich trägt die Sehnsucht fort in die blaue Ferne,
unter mir Meer und über mir Nacht und Sterne.
Vor mir die Welt, so treibt mich der Wind des Lebens,
wein' nicht, mein Kind, die Tränen, die sind vergebens.

Auf, Matrosen, ohé, einmal muß es vorbei sein,
nur Erinnerung an Stunden der Liebe bleibt noch an Land zurück
Seemanns Braut ist die See, und nur ihr kann er treu sein,
wenn der Sturmwind sein Lied singt, dann winkt mir der großen Freiheit Glück.

Wie blau ist das Meer, wie groß kann der Himmel sein,
ich schau' hoch vom Mastkorb weit in die Welt hinein.
nach vorn geht mein Blick, zurück darf kein Seemann schau'n,
Kap Horn liegt auf Lee, jetzt heißt es auf Gott vertrau'n
Seemann, gib acht, denn strahlt auch als Gruß des Friedens,
hell durch die Nacht das leuchtende Kreuz des Südens.
Schroff ist das Riff und schnell geht ein Schiff zu Grunde,
früh oder spät schlägt jedem von uns die Stunde.

Auf, Matrosen, ohé, einmal muß es vorbei sein,
einmal holt uns die See und das Meer gibt keinen von uns zurück.
Seemanns Braut ist die See, und nur ihr kann ich treu sein,
wenn der Sturmwind sein Lied singt, dann winkt mir der großen Freiheit Glück.

La Paloma, ade
auf Matrosen, ohé!


Er schluchzt immer so schön bei ➱La Paloma. Er konnte die Quetschkommode, die er in den Händen hielt, gar nicht spielen. Das blonde Haar war nur eine Perücke. Aber die blauen Augen, die waren echt. Hans Albers, der einmal gesagt hat ➱So wahr ich der liebe Gott bin, wurde heute vor 125 Jahren in Hamburg geboren. Wenn er singt: In der Heimat an der Waterkant, Drei Meilen vor der See, stand im weiten, grünen Binnenland unser Haus an der Elbchaussee, dann stimmt das nicht ganz. Sein Elternhaus stand nicht in der Elbchaussee, er kam aus St Georg, das ist nicht unbedingt eine feine Gegend. Seit den dreißiger Jahren lebte er am Starnberger See. Aber er hat einmal gesagt: Heimat ist da, wo man stirbt und nicht da, wo man lebt. Bayern ist ein wunderschönes Land. Aber ich möchte nicht als kleiner Otto in Tutzing auf dem Friedhof liegen. Wenn ich mal dran bin, da soll es in Hamburg sein. Er ist am Starnberger See gestorben, aber begraben ist er in Hamburg. Das stand so in seinem Testament.

Er kommt in diesem Blog immer wieder vor. Als ich klein war, gab es bei uns im Haus noch ein altes Grammophon. So eins wie bei dem Firmensignet von His Master's Voice, wo der Hund die Nase in den Schalltrichter hält. Opa hatte es auf den Boden verbannt, weil es kaputt war. Aber es waren noch genügend Stahlnadeln da, die man in den Tonabnehmer schrauben konnte. Und wenn man mit dem Finger in der Plattenmitte ganz schnell drehte, kriegte man Hans Albers zum Singen. Mit genügend Übung kam man auf die idealen 78 Umdrehungen in der Minute. Ich weiß nicht, warum die Hans Albers Platten da oben auf dem Boden lagen (das da ➱Denn wir fahren gegen Engeland lag, das konnte ich einsehen), aber für mich war der blonde Hans ein Erlebnis, wenn er sang: Ich kam aus Alabama übern großen Teich daher und hatte kein Pyjama und auch keinen Strohhut mehr. Oder ➱Nimm mich mit Kapitän auf die Reise. Ich kann heute immer noch alle Hans Albers Songs singen.

Und es gibt in diesem Blog noch mehr Hans Albers: Charlie Parker spielt La Paloma, HiFi, Stephen Foster, Capri-Fischer, Gerhart Hauptmann, Es kann nur einen geben, 3. Oktober, Vollmond, Volkssänger, Kyritz an der Knatter, Jungfernstieg, Kuckelkorn, Fräcke, Walter Mehring, Aurora, Siegfried Schürenberg, Jean Gabin, Münchhausen

Sonntag, 18. September 2016

Kapitol


Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon,
Wer baute es soviele Male wieder auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war,
Die Maurer? 


Das sind Fragen, die sich mit Bauarbeitern beschäftigen. Wir beschäftigen uns auch immer wieder mit Bauarbeitern und Bauarbeiten. Also, wenn wir an ➱Stuttgart 21 oder den Flughafen Berlin Brandenburg denken. Das Gebäude, zu dem heute vor 223 Jahren der Grundstein gelegt wurde, war nach dreißig Jahren fertig. Es war ein gewisser ➱George Washington, der damals den Grundstein legte. Vielleicht trug er eine Maurerschürze, weil er ja ein ➱Freimaurer war. Wo der Grundstein ist, weiß man nicht mehr. Aber, um Bertolt Brechts Frage nach den Arbeitern zu beantworten: man weiß, wer das Kapitol gebaut hat. Es waren ➱Sklaven. Das ist so eine Sache, die Amerika beinahe vergessen hat. Und deshalb sind Bertolt Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters immer wieder aktuell.

Wenn Sie noch mehr zum Bau des Kapitols lesen wollen, das Bauwerk hat hier schon einen Post, der den seltsamen Namen ➱Conegocheague trägt.

awesome


Vor einem Jahr fragte mich ein Freund, was ich von dem übermäßigen Gebrauch des Wortes awesome hielte. Ich sagte: Nichts. Ich hasse es, wenn Wörter ihres Sinns und ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt werden. Also zum Beispiel dieses ubiquitäre vor Ort. Da, wo alle Reporter sind. Als ich das zum ersten Mal im Fernsehen hörte, dass der Reporter vor Ort sei, fragte ich mich: und wo ist das Bergwerk? Denn in die Welt der Bergleute (die neuerdings Bergmänner sind) gehört dieses vor Ort, und es ist auch das Ort, nicht der Ort. Und dann sind da noch die Feuerwehrmänner, die besser Feuerwehrleute sein sollten. Und, und, und. Das fängt morgens mit der Zeitung an und hört abends mit den Nachrichten auf. Vielleicht sollte man in alle Nachrichtenredaktionen einmal Schopenhauers Überlegungen über die ➱Verhunzung der deutschen Sprache geben. Und dann packen wir die ganzen witzigen Bücher von Wolf Schneider noch dazu. Liest niemand diese Bücher mehr? Und da ich gerade dabei bin, Bücher zu empfehlen: Langenscheidt hat ein Lexikon ➱Deutsch als Fremdsprache im Programm. Ist zwar nicht für Deutsche gedacht, kann denen heute aber sehr empfohlen werden.

Von der falschen Aussprache ganz zu schweigen. Gibt man Sprechkultur bei Google ein, erhält man hunderte von Adressen, die das richtige Sprechen bei öffentlichen Auftritten vermitteln. Das wäre auch etwas für die Sprecher und Reporter von ARD und ZDF. Diese gräßliche Katrin Müller-Hohenstein kann noch nicht mal das Wort penalty richtig aussprechen, redet von peehnalltie, man glaubt es nicht. Für sie und alle anderen Mitarbeiter des öffentlich rechtlichen Fernsehens habe ich hier ein kleines ➱gadget, das einem hilft, englische Wörter richtig auszusprechen. Mit der Aussprache auch von Wörtern der Muttersprache liegt vieles im Argen. Ich habe vor vier Jahren in dem Post ➱Notting Hill Kritik an Herrn Poschmann geübt, und ich hätte vor Wochen bei den Olympischen Spielen ganze Listen von verbalen Entgleisungen anlegen können. Und da denke ich gar nicht mal an Carsten Sostmeiers Beleidigungen von Reiterinnen.

Aber bleiben wir noch bei der Aussprache: bei der Berichterstattung über die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern gab es keinen einzigen Reporter, der das Bundesland richtig aussprechen konnte. Ich zitiere da mal eben die Wikipedia (die erstaunlicherweise mal Recht hat): Das Wort Mecklenburg wird in der Umgangssprache der meisten Regionen wie [meːklənbʊɐç] oder Meeklenburch ausgesprochen. Das „e“ wird lang gesprochen (dies ist als deutschlandweite korrekte Aussprache des e zu verstehen; siehe: das CK im Norden) und das „g“ wie ein palatales „ch“. Die Veränderung des g im Auslaut ist ein Überrest niederdeutscher Phonologie. Da war mal ein Philologe am Werk, der sich auskennt. So jemanden hätte ➱Schiller auch gebraucht, bevor er Der lange Peter aus Itzehö aufs Papier schrieb.

Nein, die gesprochene Sprache im öffentlichen Diskurs verfällt, wir brauchen Sprachlehrer. Als ich vor Jahren im Autoradio hörte, dass der Ort Burglesum (der aus den Orten Burg und ➱Lesum besteht) von dem Sprecher im Radio als Burgel-sum ausgesprochen wurde, da dachte ich, was wohl Will Quadflieg dazu gesagt hätte. Denn der Schauspieler, der auch als Rezitator berühmt war, hatte ja in der Gegend von ➱Lesum gewohnt. Wahrscheinlich hat Botho Strauß den Ort Lesum deshalb in das Theaterstück Besucher hineingeschrieben. Wo Karl Joseph (der niemand anderer als Will Quadflieg ist) sagt: In Bremen vierundsechzig oder fünfundsechzig — ich gastierte im Danton— da hatten wir einen jungen Kollegen, der ist eines Abends, also es war schon Viertel eins. Dantons Tod, eine Viecherei, kein Bus fuhr mehr, da ist er plötzlich zur Rampe gelaufen, mitten im Text, und fragt ins Publikum hinunter, ob ihn jemand nach der Vorstellung mit nach Lesum nehmen kann. Dort hat er nämlich gewohnt, mitten im Text. Der war übergeschnappt. Auch ganz jung. Na ja...

Leider hat Will Quadflieg in meiner Schule keine Literatur rezitiert. Statt seiner kam immer der Rezitator Horst Bogislaw von Schmelding. Da musste man fünfzig Pfennig bezahlen, um sich in der Aula Schillers Glocke und ähnliche scheußliche Langgedichte anzuhören. Und da war nicht mal Fontanes Ich hab' es getragen sieben Jahr, Und ich kann es nicht tragen mehr, Wo immer die Welt am schönsten war, Da war sie öd' und leer dabei. Aber der sächsische Hofschauspieler Herr von Schmelding war natürlich nicht der Hofschauspieler, über den Thomas Mann schrieb: Er war der Einzige im ganzen Saal, der in der Glocke nicht ganz sicher war. Nein, er war sich seiner Texte schon sicher, er hatte sie ja oft genug aufgesagt. Als ich Herrn von Schmelding zum zweiten Mal hören musste, machte ich nicht den Fehler, mich wieder in die erste Reihe zu setzen. Der sächsische Staatsschauspieler mit dem rollenden Ärrr hatte nämlich eine sehr feuchte Aussprache.

Ich habe im Internet gelesen, dass Schmelding während des Krieges in Auschwitz Goethe rezitiert hat: 15. Februar 1943: Am Montag, den 15. Februar 1943, 20:00 Uhr fand im kleinen Saal des Kameradschaftsheimes der Waffen-SS ein Abend statt unter dem Motto "Goethe – ernst und heiter". Diese Veranstaltung bot Gelegenheit, gerade die Volksdeutschen mit den höheren Gütern deutscher Kultur vertraut zu machen. Angesagt haben sich Mitglieder des Sächsischen Staatstheaters Dresden: der Leiter der Bühnenmusik Rolf Schroeder, Staatsschauspieler Horst Bogislaw von Smelding sowie die Altistin Inger Karén, die 1938 bei den Bayreuther Festspielen die Rolle der Erda im Ring des Nibelungen gesungen hat – ihre Kollegin Ottilie Metzger-Lattermann, ebenfalls als Erda in Bayreuth, ist vier Monate zuvor in Auschwitz ermordet worden. Später ist er dann von Gymnasium zu Gymnasium getourt, auch auf Anglistentagen ist er aufgetreten. Und bei der Feier zum 90. Geburtstag der Shakespeare Gesellschaft 1954 soll er große Teile von Venus und Adonis vorgelesen haben. Das muss schön gewesen sein. Hoffentlich wusste der Vizepräsident Wolfgang Clemen, dass er sich besser nicht in die erste Reihe setzen sollte.

Obgleich mir die Vorstellung gefällt, dass Deutschlands berühmtester Anglist der fünfziger Jahre angespuckt wurde, aber das liegt an seinem Verehrer Rudolf Germer (zu dem es ➱hier einige bösartige Bemerkungen gibt). Als ich ins Hauptstudium kam, fragte mich Peter Nicolaisen, was ich nun tun wollte. Ich sagte ihm, dass ich eigentlich zu Germer ins Shakespeare Hauptseminar wollte. Tun Sie das bloß nicht, der liest doch nur aus dem Clemen vor, sagte Nicolaisen. Aber der Germer las sehr schön. Er wusste nur nie, was er lesen würde, den Text der Vorlesung, die ihm sein Assistent schrieb, erhielt er erst kurz vor der Vorlesung.

Ich neige zwar wie ➱Laurence Sterne zu Abschweifungen, aber ich habe die Sache mit awesome nicht vergessen. In Richard Fords Kurzgeschichtensammlung Let me be Frank with You fand ich diese Stelle, die wie geschaffen war für meinen Freund, der sich über das Übermaß des Gebrauchs von awesome enragierte: In recent weeks, I've begun compiling a personal inventory of words that, in my view, should no longer be usable — in speech or any form. This, in the belief that life's a matter of gradual subtraction, aimed at a solider, more-nearly-perfect essence, after which all mentation goes and we head off to our own virtual Chillicothes. A reserve of fewer, better words could help, I think, by setting an example for clearer thinking. It's not so different from moving to Prague and not learning the language, so that the English you end up speaking to make yourself understood bears a special responsibility to be clear, simple, and value-bearing. When you grow old, as I am, you pretty much live in the accumulations of life anyway. Not that much is happening, except on the medical front. Better to strip things down. And where better to start stripping than the words we choose to express our increasingly rare, increasingly vagrant thoughts. It would be challenging, for instance, for a native Czech speaker to fully appreciate the words poop or friggin', or the phrase "We're pregnant," or "What's the takeaway?" Or, for that matter, awesome when it only means "tolerable." Or preemie or mentee or legacy. Or no problem when you really mean "You're welcome." Likewise, soft landing, sibs, bond, hydrate (when it just means "drink"), make art, share, reach out, noise used as a verb, and . . . apropos of Magic One-Oh-Seven: F-Bomb. Fuck, to me, is still pretty serviceable as a noun, verb, or adjective, with clear and distinct colorations to its already rich history. Language imitates the public riot, the poet said. And what's today's life like, if not a riot?

Gibt man bei Google das Word awesome ein, erscheint ganz oben groß eine Tafel, auf der der awesome - genial steht. Die kulturelle Mickymausisierung, die uns Google präsentiert, nimmt überhand. Denn das ist eben kompletter Unsinn, awesome bedeutet eben nicht ganz doll. Es bedeutet etwas ganz anderes. Und da muss ich mal eben den Linguisten Neal Whitman zitieren, der eine sehr schöne ➱Seite hat, für deren Lektüre man kein Linguist sein muss. Der Mann schreibt witzig und verständlich. Was Linguisten in den meisten Fällen nicht können. Außer sie heißen Steven Pinker und schreiben The Language Instinct. Neal Whitman ist beinahe so witzig wie Steven Pinker, und er hat zu dem Wort awesome in seinem ➱Blog einiges zu sagen: Awesome, and its sibling awful, are suffixed versions of the word awe, which goes all the way back to the Old English period, when it was spelled ege, æge, and a few other ways. Back then, according to the Oxford English Dictionary, awe meant fear. By a thousand years ago, it meant fear with an undercurrent of respect. By two hundred fifty years ago, it meant respect with an undercurrent of fear, a meaning it still has today. In 1851, in a definition so on the mark that the OED included it in its entry for the word, John Ruskin defined awe as the recognition of something as highly dangerous, even though it does not pose an immediate threat to oneself. He compared it to watching "a stormy sea from the shore." 

Ich weiß, dass Jammerlieder über den Verfall der Sprache alt sind ➱Johann Rist hat vor 360 Jahren den Elbschwanenorden gegründet; eine gelehrte Gesellschaft, die das Ziel der Bereinigung der deutschen Sprache hatte. Und? Gehen wir seitdem achtsam mit der Sprache um?

Freitag, 16. September 2016

Dinu Lipatti


Am 16. September 1950 hat der Pianist Dinu Lipatti sein letztes Konzert in Besançon gegeben. Er war todkrank und musste das Konzert vorzeitig abbrechen. Da hat er zum Schluß noch die Klavierbearbeitung von Johann Sebastian Bachs Kantate Jesus bleibet meine Freude gespielt. Die ➱Klavierbearbeitung hatte die Engländerin ➱Myra Hess 1926 geschrieben, sie hatte damit ihr erstes Konzert beendet. Und der junge Dinu Lipatti hat es bei seinem ersten öffentlichen Auftritt gespielt. Er war achtzehn, sein Lehrer, der Komponist Paul Dukas, war wenige Tage zuvor gestorben. So eint Johann Sebastian Bach Anfang und Ende seiner Karriere:

Jesus bleibet meine Freude,
Meines Herzens Trost und Saft,
Jesus wehret allem Leide,
Er ist meines Lebens Kraft,
Meiner Augen Lust und Sonne,
Meiner Seele Schatz und Wonne;
Darum lass ich Jesum nicht
Aus dem Herzen und Gesicht.


Dinu Lipatti hat in Besançon auf einem Flügel der Firma Bechstein gespielt, es war die Marke, die er bevorzugte. Viele Musiker schworen auf Bechstein, schon Claude Debussy hatte gesagt: Man sollte Klaviermusik nur für Bechstein schreiben. Das Zitat habe ich aus dem Buch Klavierwelten: Faszination eines Instruments, das ich letztens für einen Euro im Grabbelkasten fand. War auch noch eine CD dabei, wo Jorge Bolet ➱Liszt spielt. Das ist sicher passend, da Liszt auch für Bechstein schwärmte und sich 1860 seinen ersten Bechstein ➱Flügel kaufte. Jorge Bolet hat häufig einen Bechstein Flügel benutzt, er mochte ➱Steinway nicht. Man kann Bolet auch in dem Film Song Without End: The Story of Franz Liszt (wo ➱Dirk Bogarde Franz Liszt spielt) hören. Dirk Bogarde hatte extra für den Film Franz Liszt einstudiert, aber das Studio ging auf sicher und ersetzte die von ihm gespielten Passagen durch Jorge Bolet. Eigentlich schade, wann gibt es schon mal einen Schauspieler, der Franz Liszt spielen kann?

Sie können Lipattis letztes Konzert hier hören, und das letzte Wort zu seiner Kunst gebe ich einmal Mark AinleyLipatti's pianism is remarkable in how it expresses profound truth with utter simplicity, and is characterized by the crystalline clarity with which both structure and character are revealed. His interpretations go beyond the limited framework of the piano with his flawless command of pianistic technique - not simply digital accuracy but purity of tone regardless of the dynamics (his range was enormous), crisp precision of articulation, accenting without distortion of the melodic line, steadiness of rhythmic pulse, clarity of texture in voicing, and subtlety and timing of pedaling. That melodic lines are so deftly sculpted and presented in such stark relief is due to his ability to vary the attack used by different fingers, even within the same hand. The voicing of all lines is thus thoroughly consistent, and inner voices do not distract from the main subject; each line becomes an individual voice with its own unique timbre, together forming a choir of interdependent entities, each weaving its pattern in a tapestry of exquisite complexity.
       His playing is immaculate - the balance, timing, and significance of every phrase, nuance, and harmonic progression has been considered and mastered, yet his performances exhibit warmth and passion and are free of the air of academic over-analysis. He presents each work under his fingers with such disarming simplicity that the music seems to be speaking freely through him, as though he were a receiver through which the composer’s intended message (of which the text is but a shadow) were being transmitted from the source of its inspiration – hence one French critic's comment that he "heard Chopin himself interpreting his Sonata in B minor". This does not mean that he was a literalist, however, and examples abound of changes he made to the text. He spoke, however, of the greater importance of the "Ur-spirit" as opposed to the Urtext, often telling his students that "if you are well brought-up, you can put your feet on the table and not offend anyone."


Und eine Aufnahme von Jesus bleibet meine Freude gibt es ➱hier natürlich auch. Dino Lipatti wird in diesem Blog nicht zum ersten Mal erwähnt, Sie könnten auch noch diese Posts anklicken: Myra HessBach: PartitasMozarts KlaviersonatenClaudio Arrau

Donnerstag, 15. September 2016

Computer


Dazu tanzen wir immer Swing, sagt Herr Kraus (Bild), als er mir meinen neuen Computer brachte. Bei mir lag gerade Dianne Reeves' A Little Moonlight auf, wunderbare Musik bei diesem Sommerwetter. Habe ich von ➱Achim Körnig, der früher mal bei einem Münchener Sender die Jazzsendung 'round Midnight machte und jetzt wieder mit ➱Nachtgazette unter die Blogger gegangen ist. Kann er nicht lassen, früher hat er manchmal für die SZ das Streiflicht geschrieben. Dass man zu Dianne Reeves Swing tanzen kann, wäre mir nicht eingefallen, aber wenn Herr Kraus das sagt, dann wird das schon gehen. Schön, dass es noch Leute gibt, die tanzen, ich sollte unbedingt mal über den Gesellschaftstanz schreiben. Bis dahin müssen Sie sich mit den Posts ➱Abtanzball, ➱Tango und ➱civility begnügen. Wenn Sie ein wenig Dianne Reeves von der CD A Little Moonlight hören wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Aber zurück zum Computer, dem neuesten Mac Mini, den Herr Kraus anstelle einer Tanzpartnerin im Arm hatte und ratzfatz auf dem Schreibtisch installierte. Das Ergebnis auf dem Bildschirm sah dann so aus. Das nehmen wir gleich mal wieder weg, sagte ich ihm. Aber Apple ist so stolz auf Yosemite, sagte Arne Kraus. Apple ist wahrscheinlich auch stolz auf das ganze Produkt. Ich nicht. Nichts ist wie früher, es musste ja unbedingt eine neue Oberfläche sein. Die zurückhaltende Erscheinung des alten Mac genügte nicht mehr. Die Firma Apple wäre gut beraten gewesen, wenn sie mich gefragt hätte, bevor sie das ganze Design verpfuscht hätte. Für ein kleines Handgeld von 5,5 Millionen wäre ich auch ehrenamtlich als Berater für sie tätig gewesen.

Dann hätte ich ihnen auch empfohlen, statt ihres grauenhaften Photoshop Bildes vom Yosemite Valley lieber so ein Bild von dem Deutschamerikaner ➱Albert Bierstadt auf den Bildschirm zu zaubern. So etwas hat doch Stil und Größe, O beautiful for spacious skies, For amber waves of grain, For purple mountain majesties Above the fruited plain! America! America! God shed his grace on thee And crown thy good with brotherhood From sea to shining sea!

Es musste bei Apple ja alles neu und anders sein. Das bringt mich auf diese gräßlichen Zweiknopfanzüge, die ich letztens bei einem ➱Herrenausstatter im Schaufester sah. Der Knopf, auf den das Jackett geschlossen wird, sollte in der Taille sitzen, tut er aber nicht, er sitzt viel höher. Und das sieht dann genau so bescheuert aus, wie die Oberfläche von meinem Mac Mini. Solche Zweiknopfanzüge hat es übrigens Anfang der sechziger Jahre schon einmal gegeben. Ich hatte einen und bin mir damit immer doof vorgekommen. War aber modisch.

Und da ich bei der ➱Mode in diesen Sommertagen bin, muss ich noch eben die kleine Geschichte erzählen, die mir vorgestern passierte - und die eigentlich viel interessanter war als der neue Mac. Ich hatte in meinem Supermarkt, der seit einigen Jahren ein Schlemmermarkt ist (der Junior, der jetzt das Geschäft führt, hat bei Harrods gelernt), beinahe eine Karambolage mit dem Einkaufswagen. Die elegante Dame, die mir plötzlich im Weg war, entschuldigte sich bei mir. Sie war sehr witzig. An der Kasse trafen wir uns wieder. Und da sagte sie plötzlich: Sie sind sehr elegant und stilvoll gekleidet. Das sieht man bei Männern nicht so häufig. Ich trug Chinos, ein Leinenjackett und mein blauweiß gewürfeltes italienisches Lieblingshemd (dreißig Jahre alt, die Firma gibt es immer noch). Und dann trug ich diese scharfen Loafer von Crockett & Jones. Was soll man sagen, wenn man so etwas gesagt bekommt? Wir tauschten noch einige Komplimente aus, und ich gab ihr mein Kärtchen mit meiner Blogadresse. Habe ich immer dabei. Vielleicht liest sie das ja jetzt und amüsiert sich

Aber zurück zum Computer. Das hier ist El Capitan im Yosemite National Park. Und so heißt auch das System, das auf meinem Computer läuft. Hat keine Sonderzeichen wie diesen schönen Pfeil (➱) mehr, dafür aber hunderte von ➱Emoji im Angebot. Läuft auch noch nicht ganz rund, vieles zickt noch, da wird es noch manches Telefongespräch mit Herrn Kraus und seinem Techniker Herrn Hagge von der Firma ➱Hard & Soft geben (kaum ist das geschrieben, ist Herr Hagge auch schon da und hat alle Macken beseitigt, so etwas nenne ich Service). Die können über Team Viewer Quick Support in meinen Computer gucken, sozusagen eine Operation am offenen Herzen. Das Herz von meinem alten Mac, die Festplatte, liegt in meiner Schreibtischschublade, vielleicht braucht man die ja noch einmal. Als ich gegenüber einem Bekannten den Verlust meines Computers beklagte, mit dem ich zum Blogger geworden war, sagte der: Was sechs Jahre alt? Haben Sie ihn dem Deutschen Museum in München gespendet? Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Es ist eine schnelllebige Zeit geworden. Ganz schnelllebig war sie für das Bildschirmphoto von El Capitan. Ist jetzt weg. Jetzt ist alles wieder schön hellblau wie auf den beiden Macs zuvor.

Ich will Sie jetzt nicht mit Gigabytes, Gigahertz und solch einem Zeug langweilen, aber ich habe für die Entwickler und Designer bei Apple - die es im Augenblick schwer haben (gucken Sie mal bei ➱Jan Böhmermann hinein) - noch ein wunderbares Zitat von ➱Bill BrysonFor a long time it puzzled me how something so expensive, so leading edge, could be so useless. And then it occurred to me that a computer is a stupid machine with the ability to do incredibly smart things, while computer programmers are smart people with the ability to do incredibly stupid things. They are, in short, a perfect match.