Mittwoch, 22. April 2026

van Gogh


Der australische Maler John Peter Russell, der am 22. April 1930 in Sydney starb, wird häufig als lost impressionist bezeichnet. Seine Bilder waren kaum auf Ausstellungen zu sehen, weil er sie nie einreichte. Er brauchte nicht von der Malerei zu leben, weil er ein Vermögen geerbt hatte. Er war mit Claude Monet befreundet und hat Henri Matisse stark beeinflusst. Und er hat den jungen Vincent van Gogh gefördert, der ihm dafür sehr dankbar war und Russell immer wieder seine neuen Bilder zeigte. 

Das Guggenheim Museum in New York besitzt einen Brief von van Gogh an Russell, den mn hier sehen kann. Russell hat seinen Freund, den er im Atelier von Fernand Cormon in Paris kennengelernt hatte, 1886 gemalt. Das Bild hat van Gogh sehr geschätzt. Seit 1938 hängt ed im Van Gogh Museum in Amsterdam. Ich habe hier ein YouTube Video, nur Bilder und Musik. Bei WikiArt gibt es einige Bilder von Russell. Und in diesem Blog hat er schon die Posts John Peter Russell und wüstes Land.

Ein Gedicht über Russell habe ich nicht, aber dafür eins über van Gogh. Es heißt Van Gogh geht zur Arbeit, geschrieben von Anne Duden, von der es hier weitere Gedichte gibt. Hier im Blog war sie schon einmal in dem Post Drachen.

Van Gogh geht zur Arbeit

Van Gogh geht zur Arbeit
auf steiler abschüssiger Bahn.
Der Boden brennt ihm unter den Füßen
in kühler Dunkelheit.
Eine immer schneller sich bewegende Lavamasse
sein Wohnort.
Feuerball, flüssige Sonne.
Nicht anhalten, weiter.
Von einem Fuß auf den andern.
Nicht stehen- sitzen- liegenbleiben.
Alles versengt.
Ein Skifahrer bei der Abfahrt auf rotglühender Piste.
Zur Arbeit.
Und immer entlang dieser schwarzen Luft
in die er eingehen wird – als Rauch –
nach getaner Arbeit. Oder eher.
Weiter. Zur Arbeit.
Nichts anderes geht mehr.
Schon das leichteste Feldbett
würde in der kreisenden Hitze versinken
und sich spurlos verflüssigen.
Wirklich. Seine Glieder dürfen nie wieder weich
werden.
Nie mehr darf er sich hinlegen.
Nie eine einzige Ruhe finden.
Es ist kein Licht.
Neben dem Glutstrom nichts als uferlose Kaltluft.
Wer wirft denn den verkrüppelten Schatten
hinter und unter ihn.
Oder kommt er schon ins Rutschen.
Ist dies schon die Sengspur des sich ankündenden Sturzes.
Geh schneller, van Gogh, zur Arbeit.
Lauf. Es ist vielleicht gerade noch Zeit
zwischen Vereisen und Verglühen.
Kein Zweifel, er wird sich ums Leben laufen
bei diesen Arbeitsbedingungen.
Noch ein paar Bilder
kopfüber mit dem Flammenwerfer gemalt
immer noch einmal gegen die letzte Mauer,
die Leinwand.
Sein Gepäck will nicht leichter werden.
Er müßte sich selber durchbrennen
wie ein Blutvergießer sich hinfeuern mit Haut und
Haar.
Dann – es ist schon passiert –
geht ein dunkles, in alle Richtungen sich
dehnendes Blau
das sommerliche Bewölkung nur teilweise abdeckt
mit gelbgrünen Feldern und Wiesen
ihm auf bis zum Horizont.
Aus diesem Bild kommt keiner mehr lebend heraus.
Bis in die Mitte muß er gehen
sich einwühlen, an der Faltachse aufschlagen
oder sich zerquetschen in der plötzlichen Enge.
Die Erde reicht zu hoch, der Himmel zu tief.
Er sieht die Wolkenschweife noch hektisch das
Bild fliehen
das stärkste Blau immer hohler werden.
Er müßte hindurch.
Ganz vorn noch und winzig schon im Rücken
die Ansammlung roter Blumenköpfe.
Wie ein Fangeisen schlägt es über ihm zusammen.
Er ist zu weit gegangen.
Van Gogh ist tot.
Bei der Arbeit gestorben.
Sein Rauch steigt auf in die Kaltluft.
Sein Krüppelschatten kreist weiter auf unendlicher
Umlaufbahn.

Dienstag, 21. April 2026

I will not, cannot go


Charlotte Brontë ihat hier schon den Post Lebensmut bekommen, auch an einem 21. April, weil das ihr Geburtstag ist. Sie ist die erfolgreichste der drei Brontë Schwestern gewesen, die Arno Schmidt mal die taubengrauen Schwestern genannt hat. Vor allem, weil sie den Roman Jane Eyre: An Autobiography geschrieben hat. In dem wir lesen können: Reader, I married him. Ein berühmter Kapitelanfang. Es ist das Kapitel XXXVIII, zehn Kapitel vorher hätte die Heldin diesen Satz auch schon sagen können, aber da ist in der Kirche aus der Hochzeit nichts geworden. Jemand hatte Einwände in letzter Sekunde, man kennt das aus Hollywoodfilmen. So wie in Vier Hochzeiten und ein Todesfall

Aber in dem Kapitel sind die Einwände schwerer, Mr Rochester ist schon verheiratet. Zwar nur noch pro forma, da seine Frau, Tochter einer Kreolin aus der Karibik, wahnsinnig geworden ist. Er hat sie oben im Haus weggesperrt. The madwoman in the attic. Das ist jetzt im viktorianischen Roman noch so ein Rest von der Gothic Novel, dem Schauerroman. Findet sich auch bei Charlottes Schwester Emily in Wuthering Heights immer wieder. 

Charlotte Brontë hat die zweite Auflage des Romans dem führenden Romancier der Zeit, William Makepeace Thackeray, gewidmet. Wenig später ist ihr das ganz furchtbar peinlich gewesen. Sie hatte nicht gewusst, dass Thackeray auch eine geisteskranke Frau hatte. Thackeray hat das aber äußerlich ungerührt genommen, und hat das Werk der unbekannten jungen Autorin als the masterwork of a great genius bezeichnet. Aber dieses melodramatische Motiv der madwoman in the attic, die irgendwann das Haus anzündet, wirkt natürlich weiter. Daphne du Maurier klaut es sich für Rebecca (Hitchcock gefällt das auch sehr). Und Jean Rhys erweckt die geheimnisvolle Unbekannte auf dem Dachboden in ihrem Roman Wide Sargasso Sea zu neuem literarischen Leben. Das Bild von der halbnackten Rowena King oben ist aus der Verfilmung von dem Roman von Jean Rhys.

Ich mag Charlotte Brontë nicht so sehr, ich habe ihre Romane gelesen, weil es zu meinem Beruf gehörte. Jane Austen, über die sie sich abfällig äußerte, lese ich lieber. Immer wieder. Die Gedichte von Charlotte sagen mir wenig, da nehme ich lieber heute eins von ihrer Schwester Emily aus dem Jahre 1837, dem selben Jahr, in dem Wuthering Heights erschien: 

Spellbound

The night is darkening round me,
The wild winds coldly blow;
But a tyrant spell has bound me
And I cannot, cannot go.

The giant trees are bending
Their bare boughs weighed with snow.
And the storm is fast descending,
And yet I cannot go.

Clouds beyond clouds above me,
Wastes beyond wastes below;
But nothing drear can move me;
I will not, cannot go.


Auf der Seite des Signaturen Magazins habe ich eine anonyme Übersetzung gefunden. Der Titel Spellbound ist nicht übersetzt, weil er auch nicht zu dem Gedicht gehört. Ein späterer Herausgeber hatte den hinzugefügt.

Das Dunkel hält mich umwunden,
die kalten Winde wehn,
doch ein Bann hat mich gebunden,
und ich kann nicht, kann nicht gehn.

Die riesigen Bäume neigen
die Zweige, den Schnee zu bestehn,
der Sturm kommt rasch zum Schweigen,
und doch, ich kann nicht gehn.

Wolken da oben und Regen,
Wüsten, nicht abzusehn,
Dürre – nichts kann mich bewegen;
ich will nicht, kann nicht gehn. 


Auf der Seite sind auch Drei Gedichte von Emily mit Übersetzung. Und all ihre Gedichte sind hier.. Und dann habe ich noch ein Gedicht, das mit Emily Brontë und Wuthering Heights zu tun hat.

Out on the wily, windy moors
We'd roll and fall in green
You had a temper like my jealousy
Too hot, too greedy
How could you leave me
When I needed to possess you?
I hated you, I loved you, too
Bad dreams in the night
They told me I was going to lose the fight
Leave behind my Wuthering, Wuthering
Wuthering Heights
Heathcliff, it's me, I'm Cathy
I've come home, I'm so cold
Let me in your window
Heathcliff, it's me, I'm Cathy
I've come home, I'm so cold
Let me in your window
Ooh, it gets dark, it gets lonely
On the other side from you
I pine a lot, I find the lot
Falls through without you
I'm coming back love, cruel Heathcliff
My one dream, my only master
Too long I roam in the night
I'm coming back to his side to put it right
I'm coming home to wuthering, wuthering
Wuthering Heights
Heathcliff, it's me, I'm Cathy
I've come home, I'm so cold
Let me in your window
Heathcliff, it's me, I'm Cathy
I've come home, I'm so cold
Let me in your window
Ooh, let me have it
Let me grab your soul away
Ooh, let me have it
Let me grab your soul away
You know it's me, Cathy
Heathcliff, it's me, I'm Cathy
I've come home, I'm so cold
Let me in your window
Heathcliff, it's me, I'm Cathy
I've come home, I'm so cold
Let me in your window
Heathcliff, it's me, I'm Cathy
I've come home, I'm so cold

Die Dichterin singt es hier selbst.

Noch mehr Brontë in diesem Blog in den Posts: Sturmeshöhe, Wuthering Heights, muss nicht sein, Darling Jane, die vergessene Oper, Ermenegildo Zegna

Montag, 20. April 2026

Weed Day


Ich habe nicht gewusst, dass heute der internationale Kiffertag ist, aber als ich das las, suchte ich erstmal einen kleinen Zettel. Den hatte mir vor Jahrzehnten unser amerikanischer Lektor Jack Daugherty, ein Mann mit viel Humor, am 20. April zugesteckt. Es standen nur zwei Zeilen drauf. Inzwischen weiß ich, dass diese Zeilen ein Gedichttitel und ein Gedicht sind. Und einen Dichter haben. Und das war nicht Jack, wie ich damals dachte. 

Das Gedicht hat den Titel Poem for National LSD Week, und es besteht aus einer einzigen Zeile:

Mind, how you go!

Der kleine Witz des Gedichtes liegt in dem Komma hinter dem Mind. Ohne Komma wäre es ein banaler Satz auf einem Hinweisschild, das zur Vorsicht mahnt. Der Autor des Gedichts ist Roger McGough, ein Mann, der für Wortspiele viel übrig hat. Ich habe ihn einmal bei einer Dichterlesung erlebt, er trug einen cremefarbenen Leinenanzug und las die Klassiker, mit denen er berühmt geworden war. Wie Let me die a youngman's death. Nach der Lesung habe ich ihn gefragt, ob er mir meinen alten Penguin Band von The Mersey Sound signieren könnte, ich sei ein Fan der ersten Stunde. Was er denn auch mit einem Lächeln getan hat.

Noch mehr Roger Mc Gough in den Posts: Kathedralen, Liverpool, Pilzköpfe
Noch mehr Rauschmittel in: Go ask Alice

Sonntag, 19. April 2026

Mad, bad, and dangerous to know


Es ist Sonntagmorgen, und ich habe keine Lust zu schreiben. Aber ich kann den Todestag von Lord Byron nicht ohne einen kleinen Post vorbeigehen lassen. Und deshalb gibt es heute zu unserem Baron, den Lady Caroline Lamb Mad, bad, and dangerous to know nannte, nur sein berühmtestes Gedicht She Walks in Beauty und drei Übersetzungen. Und Links zu allen Byron Posts im Blog. Mehr nicht. Kann auch mal sein.

She Walks in Beauty 


She walks in beauty, like the night 

Of cloudless climes and starry skies, 

And all that's best of dark and bright 

Meets in her aspect and her eyes; 

Thus mellow'd to that tender light 

Which Heaven to gaudy day denies.



One shade the more, one ray the less, 

Had half impair'd the nameless grace 

Which waves in every raven tress

Or softly lightens o'er her face, 

Where thoughts serenely sweet express 

How pure, how dear their dwelling-place. 



And on that cheek and o'er that brow 

So soft, so calm, yet eloquent,

The smiles that win, the tints that glow,

But tell of days in goodness spent,
A mind at peace with all below,
A heart whose love is innocent.


Die erste Übersetzung ist von Adolf Böttger, den man einmal den vergessenen Poeten der Romantik genannt hat. Er hat den ganzen Byron ins Deutsche übersetzte, und Byron hat auch seine eigenen Gedichte beeinflusst:

Sie geht in Schönheit, gleich der Nacht
In wolkenlosem Sternenlicht;
Des Schattens und des Lichtes Pracht
Eint sich in ihrem Angesicht;
Aus dem ein milder Schimmer lacht,
Der stets dem grellen Tag gebricht.

Ein Strahl hinweg, ein Schatten mehr,
Und fort würd’ auch die Anmut sein,
Die aus dem Rabenlockenmeer
Die Stirn umglänzt mit sanftem Schein,
Wo die Gedanken süß und hehr
Verkünden, dass ihr Wohnsitz rein.

Und auf der Stirn, dem Wangenpaar,
Spricht von dem reinsten Jugendmut
So sanft beredt, so ruhig klar
Des Lächelns Reiz, der Farben Glut,
Von einem Herzen wunderbar,
Wo Liebe voller Unschuld ruht
.

Das Rabenlockenmeer gefällt mir ganz besonders. Das ist besser als der Flechten Rabenton in der →Übersetzung von dem württembergischen Oberst Adolf Seubert. Den ich aber unbedingt nennen muss, weil er der erste Übersetzer von Carl Jonas Love Almqvist war, der hier schon in den Posts Giuseppe Verdi und Sexuelle Revolution vorkommt. 

Die zweite Übersetzung ist von dem Bremer Otto Gildemeister. Der mehrfache Bürgermeister seiner Heimatstadt ist wohl der gebildetste Bremer im 19. Jahrhundert gewesen. Er ist in diesem Blog schon häufig erwähnt worden, irgendwann komme ich noch mal dazu, einen längeren Post über ihn zu schreiben. Schon als Schüler hatte er damit begonnen, sich an Übersetzungen zu versuchen. Am Ende seines Lebens hatte er Shakespeares Sonette, Ariosts Der rasende Roland und Dantes Göttliche Komödie übersetzt. Und dazu noch Lord Byrons Werke in sechs Bänden. Und dann gibt es auch noch diese wunderbaren Essays von ihm, von denen der Rütten und Loening Verlag 1991 eine Auswahl unter dem Titel Allerhand Nörgeleien herausgebracht hatte. Die Essays sind aber auch im Projekt Gutenberg zu lesen.

In ihrer Schönheit wandelt sie
Wie wolkenlose Sternenacht;
Vermählt auf ihrem Antlitz sieh'
Des Dunkels Reiz, des Lichtes Pracht:
Der Dämmerung zarte Harmonie,
Die hinstirbt, wann der Tag erwacht.

Ein Schatten mehr, Licht minder klar,
So wär' die tiefe Anmuth nicht,
Die niederwallt im Rabenhaar
Und sanft verklärt ihr Angesicht,
Aus welchem hold und wunderbar
Die reine liebe Seele spricht.

O diese Wang', o diese Brau'n,
Wie sanft und still und doch beredt,
Was wir in ihrem Lächeln schau'n!
Ein frommes Wirken früh und spät;
Ein Herz voll Frieden und Vertraun,
Und Lieb', unschuldig, wie Gebet

Meine letzte Übersetzung ist neueren Datums. Der Übersetzer Bertram Kottmann, der in diesem Blog schon einige Male genannt wurde, vor allem, weil ihm die beste Übersetzung von Wordsworths →Daffodils gelungen ist, hat mir freundlicherweise erlaubt, seine Übersetzung hier abzudrucken:

In Schönheit geht sie wie die Nacht,
die wolkenlos und sternbesät;
des Dunkels Glanz, der Helle Pracht
in ihrem Blick und Antlitz steht
und so ein mildes Licht entfacht,
das Himmel grellem Tag verwehrt.

Mehr Schatten, ein gering´res Licht -
getrübet würd' der Liebreiz sein,
der aus den schwarzen Locken spricht,
die Stirn umglänzt in mildem Schein;
und ihr beseelter Blick verspricht,
dass er dort wohne, schön und rein.

Auf ihrer Stirn, der Wangen Paar
spricht mild und still und doch beredt
ein strahlend Lächeln, das fürwahr
für ihre reine Seele steht,
ein Herz aus dem unwandelbar
der Liebe holde Unschuld weht
.

Wenn Sie den Übersetzer Bertram Kottmann kennenlernen wollen, dann kann ich seine →Seite sehr empfehlen, eine Schatztruhe der Übersetzung. Die Oxford University Press hatte zum zweihundertsten Todestag von Byron The Oxford Handbook of Lord Byron herausgebracht. Das habe ich mir nicht gekauft. Ich vertraue immer auf die →Letters and Journals of Lord Byron: With Notices of His Life, die Thomas Moore 1830 herausbrachte. Ich habe noch eine Erstausgabe des Buches. Von den vielen Romanen, die es über Byron gibt, kann ich Derek Marlowes A single summer with L. B. und Sigrid Combüchens Byron umbedingt empfehlen. 

Und noch mehr Byron findet sich in den Posts: Lord Byrons Schuhe, Shelley, Byron, Lord Byron, Lord Byrons Schuhe, Lord Byron, Drachenfels, Elba, Luxuskutschen, Hellas, hélas, Griechen, Wilhelm Müller, Griechen-Müller, Volkslieder, Thomas Moore, Dante Gabriel Rossetti, Dracula, Touristen, Vulkane, Cricket, William Hazlitt, Lord John Russell, Frederic Raphael, Henry Kirk White, Rahel, Horace Walpole, Thomas Chatterton, Schmutzige Lyrik, Papierkragen, Landleben, Sigrid Combüchen, Waterloo, Lord Byron, Nachdichtung, das Jahr ohne Sommer, The Vampyre

Samstag, 18. April 2026

Es ist was es ist


Esther Schweins hat heute Geburtstag, da möchte ich gratulieren. Ich sah sie zum ersten Mal in den neunziger Jahren in der RTL Comedy Samstag Nacht, und da war sie wirklich komisch. Sie ist beim Fernsehen geblieben und berühmt geworden, →Schauspielerin, Moderatorin und Regisseurin. Gedichte hat sie keine geschrieben, aber sie hat doch etwas mit Lyrik zu tun. Sie mag die Gedichte von Erich Fried und trägt sie öffentlich vor, auf der →Buchmesse und bei Kulturveranstaltungen. Auf dem Hörbuch →wieder/und immer wieder/wieder du kann man sie auch hören. Ich habe hier auf YouTube Erich Frieds Gedicht Das Schwere von ihr gelesen. Und ich habe natürlich auch den Text:

Die Landschaft sehen
und die Landschaft hören
und nicht nur hören und sehen
die eigenen Gedanken
die kommen und gehen
beim Denken an die Landschaft
an die Landschaft ohne dich
oder an dich in der Landschaft

Vögel die steigen
hinauf in den Morgenhimmel
sind keine Raumschiffe
keine singenden Skalpelle
Nicht einmal Kinderdrachen sind sie
denn die gehören
nur dann zur Landschaft
wenn wirkliche Kinder
wirkliche Drachen steigen lassen im Wind

Und das Grau
unter den Bäumen
an einem verregneten Mittag
ist keine Höhle
für lauernde Meerungeheuer
sondern es ist nur das Grau unter den Bäumen
die vielleicht Unterschlupf sein können
vor dem Regen

Und auch die Sonne hat
keine rotblonden Haare
und der Mond hat auch ohne dich
keinen wehenden weißen Bart
Und der Abend ist der Abend
und die Nacht ist die Nacht
und Spätherbst ist immer die Zeit
zwischen Ernte und Sterben

Mein Lieblingsgedicht von Fried hat etwas mit meinem Heimatort zu tun, es heißt Rückfahrt nach Bremen. Es stand 1983 in dem bei Wagenbach erschienenen Band Es ist was es ist, der den Untertitel Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte hatte. Das titelgebende →Gedicht ist sehr berühmt geworden. Frieds Ehefrau Catherine schrieb in ihren →ErinnerungenSeine Gedichte standen auf Transparenten, auf Plakaten, an Brücken. Einmal sahen wir sein ungeheuer populäres Gedicht 'Es ist was es ist', Vers um Vers sorgfältig abgeschrieben, auf der Mauer einer Unterführung. 'Manchmal wünschte ich, ich hätte das Ding nie geschrieben', seufzte Erich. Das kleine Liebesgedicht Rückfahrt nach Bremen ist nicht so bekannt geworden, für mich allerdings schon. Als ich meine Autobiographie Bremensien schrieb, stand es in meinem Manuskript auf der ersten Seite: 

Spätherbst
der erste Schnee
die Nachtstraßen
eisglatt
aber zu dir hin

Dann im Morgengrauen
die Bahn
monoton
ermüdend
aber zu dir hin

Quer durch dein Land
und quer
durch mein Leben
aber zu dir hin

Zu deiner Stimme
zu deinem Dasein
zu deinem Dusein
zu dir hin


Ich habe das Gedicht damals in einen Brief hinein geschrieben, den ich einer geliebten Frau nach Bremen schickte. Sie hatte zuerst geglaubt, ich hätte das für sie gedichtet, aber ich habe ihr dann doch gesagt, dass es von Erich Fried sei. Es hat unserer Beziehung nicht geschadet. Ein schönes Liebesgedicht von Erich Fried an der richtigen Stelle hat schon vielen Liebenden geholfen.

Erich Fried und Bremen haben bei mir aber noch eine ganz andere Konnotation, die ich seit 1977 nicht loswerde. Weil sich damals mein Mitschüler Bernd Neumann in seinem Hass auf den jüdischen Emigranten, der die Shoah überlebte, zu der Forderung nach einer neuen Bücherverbrennung hat hinreißen lassen. Ja, so etwas würde ich lieber verbrannt sehen, das will ich Ihnen ganz eindeutig sagen! hat der damalige Bremer CDU-Vorsitzende über Frieds Gedicht →Die Anfrage in der Bremischen Bürgerschaft gesagt. Ein schwedischer Literaturkritiker hat beim Bergedorfer Gesprächskreis der Körber Stiftung 1978 bemerkt: In einem Land mit einer starken demokratischen Tradition müsste ein Mann wie Herr Neumann nach einer solchen Aussage moralisch tot sein. Er sollte als ein viel gefährlicherer Förderer des Terrorismus angesehen werden, als alle seine intellektuellen Gegner. Ich würde das ja sofort unterschreiben, aber wie wir alle wissen, wurde Neumann 2005 →Staatsminister für Kultur. Als ihn Journalisten mit dieser Geschichte konfrontieren, war der Satz von damals für ihn aus dem Zusammenhang gerissen. Wir tun uns in Deutschland schwer mit unserer Geschichte.

Als er Staatsminister für Kultur wurde, schickte ihm →Dietrich Kittner eine Schachtel Streichhölzer, damit er jetzt mit dem Verbrennen beginnen könne. Und Konkret schrieb: Neumann sei sein Leben lang durch keinen einzigen eigenen Gedanken aufgefallen. Ich glaube, das ist wahr. Ich bin mal nach dem Schlittschuhlaufen eine Dreiviertelstunde mit ihm zusammen nach Hause marschiert, weil wir nicht genug Geld für den Bus dabei hatten. Wenn man achtzehn ist und lange mit einem Bekannten die Straßen entlang geht, dann redet man miteinander. Über Bücher, Filme und Frauen. Hier war eine Dreiviertelstunde nichts, gar nichts. Manchmal möchte ich diese Erinnerung in meinem Gedächtnis auslöschen. Oder, und das wäre schön, gegen eine Dreiviertelstunde Spaziergang mit Erich Fried tauschen.

Freitag, 17. April 2026

Heckenkirsche


Besuch beim Anti-Trump titelte die Süddeutsche im Januar dieses Jahres. Und schrieb: Nach einer finsteren Woche hilft ein Blick zurück in die US-Geschichte: Benjamin Franklin liebte die Pressefreiheit, Wissenschaft und Literatur. Was ist heute noch übrig vom Geist des Gründervaters? Ja, das ist die Frage, größere Gegensätze als den Diplomaten Franklin und den Barbaren im Weißen Haus gibt es wohl kaum. Auf dem Hundertdollarschein, auf dem Franklin noch prangt, möchte Donald Trump gerne sein Gesicht sehen. Ich wollte an Franklins Todestag das Gedicht, das Philip Freneau nach Franklins Tod schrieb, hier einstellen. Schaute aber sicherheitshalber noch einmal in die Suchfunktion des Blogs. Und da war es schon, am 17. April 2011 stand hier schon der Post Benjamin Franklin.

Der Princeton Absolvent Philip Freneau war der Dichter der amerikanischen Revolution. Seine wilde Attacke auf den englischen König stand hier schon in meinem ersten Bloggerjahr in dem Post Philip Freneau. Und Freneau wird noch in den Posts Verlierer und Conegocheague erwähnt. Neben seiner politischen Lyrik gibt es auch andere Gedichte, zwei von ihnen sind in jede Anthologie amerikanischer Lyrik gewandert. Das eine ist →The Indian Burying Ground, das schon in dem Post Edle Wilde etwähnt wird. Das andere ist The Wild Honey Suckle:

Fair flower, that dost so comely grow,
Hid in this silent, dull retreat,
Untouched thy honied blossoms blow,
Unseen thy little branches greet;
…No roving foot shall crush thee here,
…No busy hand provoke a tear.

By Nature's self in white arrayed,
She bade thee shun the vulgar eye,
And planted here the gaurdian shade,
And sent soft waters murmuring by;
…Thus quietly thy summer goes,
…Thy days declinging to repose.

Smit with those charms, that must decay,
I grieve to see your future doom;
They died—nor were those flowers more gay,
The flowers that did in Eden bloom;
…Unpitying frosts, and Autumn's power
…Shall leave no vestige of this flower.

From morning suns and evenign dews
At first thy little being came:
If nothing once, you nothing lose,
For when you die you are the same;
…The space between, is but an hour,
…The frail duration of a flower.


Es ist keine Rose, Tulpe oder Narzisse, deren Schönheit und Vergänglichkeit die Aufmerksamkeit des Dichters auf sich zieht. Keine Blume, die Dichter sonst in ihre Gedichte schreiben. Es ist eine Heckenkirsche, die bei uns manchmal auch Jelängerjelieber heißt. Die hervorragende Seite RDL Labor, die Online Plattform zur kunsthistorischen Objektforschung (entstanden aus dem Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte), hat uns zum Vorkommen der Pflanze in Kunst und Literatur vieles zu sagen. Unter anderem den Satz: Philip Freneau schrieb 1786 mit 'The Wild Honeysuckle das bedeutendste amerikanische Naturgedicht des 18. Jh.'. Zwischen Barock, Vorromantik und Romantik liegt die Zeit des Klassizismus und der Aufklärung. Eine Zeit, die in der →Architektur interessant ist, in der Lyrik weniger. Das Standardwerk zu dieser Zeit, die Geschichte der deutschen Literatur 1740-1789: Aufklärung, Sturm und Drang, frühe Klassik, habe ich schon in dem Post Literaturgeschichte erwähnt. Aber es gibt immer Dichter, die etwas aus der Zeit fallen. Das ist bei uns in Deutschland Ewald Christian von Kleist, und das ist in Amerika Philip Freneau mit diesem Blumengedicht, das die Literaturwissenschaft heute als eins der ersten Beispiele amerikanischer Naturlyrik und als Vorläufer der Romantik betrachtet.

Donnerstag, 16. April 2026

My pleasant days, they fleet away and pass

Sie haben das schon gemerkt, ich picke mir die Dichter aus dem Tagesblatt der Wikipedia heraus. Heute könnte ich Sir Kingsley Amis nehmen, weil der heute Geburtstag hatte. Aber er hat schon den Post Kingsley Amis, und in den Posts Women are really much nicer than menHiggledy-piggledy und Frauen nachschauen gibt es Gedichte von ihm. Er wird auch in Universitätsromane erwähnt, weil er Lucky Jim geschrieben hat, der nach dem Time Magazine zu den besten englischsprachigen Romanen gehört. In dem Post Goldfinger ist er auch, weil er ein Buch über James Bond geschrieben hat. Das sollte genügen, aber ich blätterte mich doch noch einmal durch seine Gedichte. Fand ein Gedicht, das A Note On Wyatt hieß, mit dem ich überhaupt nichts anfangen konnte:

See her come bearing down, a tidy craft!
Gaily her topsails bulge, her sidelights burn!
There's jigging in her rigging fore and aft,
And beauty's self, not name, limned on her stern.

See at her head the Jolly Roger flutters!
"God, is she fully manned? If she's one short…"
Cadet, bargee, longshoreman, shellback mutters;
Drowned is reason that should me comfort.

But habit, like a cork, rides the dark flood,
And, like a cork, keeps her in walls of glass;
Faint legacies of brine tingle my blood,
The tide-wind's fading echoes, as I pass.

Now, jolly ship, sign on a jolly crew:
God bless you, dear, and all who sail in you. 

Ich fragte mich, was hat Sir Thomas Wyatt mit dem Schiff zu tun, das hier beschrieben wird. Soll das Schiff für das Werk von Wyatt stehen? Im Internet finden sich zwei Interpretationen und hier noch eine dritte. Ich war genau so schlau wie zuvor, ich verstehe es nicht wirklich. Ich halte mich lieber an Sir Thomas Wyatt. Der war hier schon mit einem berühmten Gedicht in dem Post Anne Boleyn, ein Post, der über siebentausend Leser gefunden hat. Das Gedicht wird noch einmal in dem Post Zähmung erwähnt, weil es in einer Folge von Inspector Lewis vorkommt.

Bei Wyatt bewege ich mich auf gesichertem Terrain, bei dem Gedicht von Amis nicht. Und deshalb offeriere ich heute lieber ein Gedicht von Wyatt:

Love and Fortune and my mind, rememb’rer
Of that that is now with that that hath been,
Do torment me so that I very often
Envy them beyond all measure.

Love slayeth mine heart. Fortune is depriver
Of all my comfort. The foolish mind then
Burneth and plaineth as one that seldom
Liveth in rest, still in displeasure.

My pleasant days, they fleet away and pass,
But daily yet the ill doth change into the worse,
And more than the half is run of my course.

Alas, not of steel but of brickle glass
I see that from mine hand falleth my trust,
And all my thoughts are dashed into dust.


Ich habe zu dem Gedicht auf einer interessanten Seite zu englischen Sonetten eine deutsche Übersetzung von Wolfgang Riedman. Und da wir bei Übersetzungen sind, muss ich noch eben einen anderen Text zitieren:

Amor, Fortuna et la mia mente, schiva
di quel che vede e nel passato volta,
m’affligon sí, ch’io porto alcuna volta
invidia a quei che son su l’altra riva.

Amor mi strugge ’l cor, Fortuna il priva
d’ogni conforto, onde la mente stolta
s’adira et piange: et cosí in pena molta
sempre conven che combattendo viva.

Né spero i dolci dí tornino indietro,
ma pur di male in peggio quel ch’avanza;
et di mio corso ò già passato ’l mezzo.

Lasso, non di diamante, ma d’un vetro
veggio di man cadermi ogni speranza,
et tutti miei pensier’ romper nel mezzo.

Das ist ein Gedicht von dem italienischen Dichter Francesco Petrarca, und wenn Sie Google Translate oder DeepL bemühen, werden sie sehen, dass Wyatts Gedicht wenig anderes als eine Übersetzung von Petrarca ist. Wyatt und Edmund Spenser haben die Zauberformel der Liebeslyrik der Renaissance nach England importiert. Der Romanist Ernst Robert Curtius, der in seinem Buch Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter die Formelhaftigkeit der Lyrik untersucht hat, spricht hier ganz lapidar, von der Pest des Petrarkimus. Die breitet sich jetzt über ganz Europa aus. Dichter machen es sich leicht, griffige Formeln ersparen es, über Frauen und Schönheit nachzudenken. Außer William Shakespeare, der macht im Sonett 130 den ganzen Petrarkismus lächerlich.