Mittwoch, 15. Juli 2026

Rembrandt Harmenszoon van Rijn

Bei uns im Treppenhaus hingen drei Rembrandts. Natürlich keine echten. Meine Mutter hatte die Radierungen vor dem Krieg in Dresden gekauft, und der Händler hatte ihr erzählt, sie solle gut darauf aufpassen, die seien sehr wertvoll. Das hat sie immer geglaubt. Sie sind natürlich genau so wertvoll wie jeder andere Kunstdruck. Unsere Drucke sind ein Selbstbildnis, sowie ein Stich, der gemeinhin als Faust bekannt ist, und die →Landschaft mit drei Bäumen. Die Landschaft ist für mich das einzig Interessante, wegen der wild bewegten Wolken. Sonst gibt es auf Rembrandts Zeichnungen und Radierungen kaum Wolken (er malt auch eh kaum →Landschaften). Der wilde Himmel passt eigentlich nicht zu den Bäumen, die ganz ruhig dastehen. Und auch nicht zu der kleinen Figurengruppe, die keinerlei Anstalten macht, vor Sturm und Regen Schutz zu suchen. Seltsam, geheimnisvoll. Aber ich tröste mich da immer mit Robert Walsers  Sätzen Man muß nicht hinter alle Geheimnisse kommen wollen. Das habe ich mein ganzes Leben so gehalten. Ist es nicht schön, dass in unserem Dasein so manches fremd und seltsam bleibt, wie hinter Efeumauern? Das gibt ihm einen unsäglichen Reiz, der immer mehr verloren geht

Mit Rembrandts Radierungen kenne ich mich aus. Ich habe sie alle in der Hand gehabt. Na ja, nicht alle, aber mehr als zweihundert. Weil ich ein Volontariat in der Kunsthalle Bremen gemacht habe und da die Aufgabe hatte, alle vorhandenen Radierungen mit den detaillierten Angaben des Katalogs zu vergleichen. Mit weißen Baumwollhandschuhen, ohne die ging im →Kupferstichkabinett nichts. Alles hier unten war echt, was man über die Rembrandts oben in der Kunsthalle nicht sagen konnte. Dazu steht mehr in dem Post die Bremer Rembrandts. Auch wenn die Landschaft mit den drei Bäumen, die meine Mutter gekauft hatte, nur eine billige Kopie ist, sie hängt jetzt schön gerahmt bei mir im Flur und ist immer eine Augenweide.

Der Maler →Rembrandt Harmensz. van Rijn wurde heute vor vierhundertzwanzig Jahren geboren, das soll uns einen kleinen Post wert sein. In dem ich darauf hinweisen kann, dass es gerade in Kassel eine ganz besondere Ausstellung mit dem Titel Rembrandt 1632 – Entstehung einer Marke gibt. Die haben da viele Rembrandts in Kassel. Im Inventarbuch von 1749 waren es noch 34 Rembrandts, zur Zeit von König Lustik sind welche abhanden gekommen. Heute hat man noch vierundzwanzig, von denen die Hälfte als echt gilt. Die Führung, an der ich vor über sechzig Jahren teilnahm, ließ die Rembrandts aus, präsentierte stattdessen einen Tischbein nach dem anderen. Bis ich zum Entsetzen meines Klassenlehrers den Museumsführer auf der Wilhelmshöhe unterbrach und laut fragte: Wann hört das hier endlich mal mit den Tischbeins auf? Hier gibt es doch Rembrandts! 

Als ich mich vor Jahrzehnten bei Professor Wolfgang J. Müller  für die mündliche Doktorprüfung anmeldete, bot ich ihm als eins der Themen den ganzen Rembrandt an. Ich hatte seine Rembrandt Vorlesung gehört und in den Semesterferien sorgfältig nachgearbeitet. Die Mitschrift habe ich immer noch. Hatte auch in Holland schon viele Rembrandts gesehen. Er sagte mir, dass ich mit der ganzen altniederländischen Malerei und dem ganzen Dürer schon zwei sehr große Themengebiete hätte, er würde mir gerne ein kleineres Thema gönnen, das nicht so arbeitsintensiv sei. Also einigten wir uns auf die englischen Präraffaeliten. Heute kommt mir das ein klein wenig größenwahnsinnig vor, den ganzen Rembrandt als Prüfungsthema anzubieten. Aber wenn man jung ist, glaubt man, dass man alles mit aweck machen kann. 

Das stand hier schon so ähnlich im Jahre 2011 in dem Post Rembrandt. Und der Maler, den wir immer nur unter seinem Vornamen kennen, tauchte hier immer wieder auf. So in den Posts Rembrandt, once again, Anatomie, Anatomiestunde, Peter Paul Rubens, Govaert Flinck, Hintergrund, Zeitlos und Nachtkasper. Rembrandt stieg nach seinem abgebrochenen Studium an der Universiteit Leiden in der Kunstwelt schnell auf. Er gibt sein Atelier in seiner Geburtsstadt Leiden auf und zieht nach Amsterdam. Hat jetzt eine eigene Werkstatt, wo andere ihm zuarbeiten. Hat Schüler, die genau so malen wie er. Unsere Ideen vom Originalgenie, das der Sturm und Drang aufbrachte, funktionieren bei Rembrandt nicht mehr so ganz. 

Als das Buch Rembrandt als Unternehmer: Sein Atelier und der Markt von Svetlana Alpers erschien, waren viele Kunstfreunde etwas verstört. Der amerikanische Kunstkritiker Hilton Kramer betitelte seine Rezension des Buches mit Rembrandt as Warhol. Die Wörter Unternehmer, Atelier und Markt waren nicht das erste, was einem zu Rembrandt einfiel. Vor hundert Jahren war das Werk von Rembrandt überwältigend groß, es ist heute überschaubarer geworden. Viele Rembrandts haben inzwischen einen anderen Namen bekommen, weil man sie als Arbeiten von Schülern und Kollegen identifiziert hat. Man kennt rund fünfzig seiner Schüler dank des Lebenswerks von Werner Sumowski. Leider kann man die sechs Bände der Gemälde der Rembrandt-Schüler antiquarisch nicht unter tausend Euro bekommen. Ich habe hier für Sie noch eine →Liste der echten Gemälde. Und wenn Sie noch mehr wissen wollen, dann sollten Sie die Adressen →Rembrandt Research Project und →The Rembrandt Database aufsuchen.

So erfolgreich Rembrandt ist, er wird als Unternehmer scheitern, Andy Warhol nicht. Es soll auch sein verschwenderischer Lebensstil gewesen sein, der seinen Untergang beförderte. Und sein Malstil ist aus der Mode gekommen, sein Schüler Gerrit Dou verdient mit seinen kleinen Bildern viel mehr als er. Am 26. Juli 1656 muss Rembrandt in Amsterdam offiziell Konkurs anmelden. Seine umfangreiche Kunst- und Raritätensammlung wandert in die Zwangsversteigerung, bringt aber in zwei Jahren nicht das Geld, um die Schulden zu begleichen. Sein großes Haus in der besten Lage, das ihn 13.000 Gulden gekostet hat, muss er 1658 aufgeben, weil er die Hypotheken immer noch nicht abbezahlt hat, das Haus ist heute ein Museum

Wir wissen beinahe alles über seine Bilder, aber nicht annähernd so viel über sein Leben. Dennoch gibt es gute Biographien. Empfehlen würde ich von Gary Schwartz Das Rembrandt Buch: Leben und Werk eines Genies. Christian Tümpels Rembrandt: Mythos und Methode (Taschenbuch bei Rowohlt) habe ich schon in dem Post Rembrandt, once again gelobt. Nils Büttners bei Reclam erschienenes Buch Rembrandt. Licht und Schatten: Eine Biographie kann man auch lesen, aber auf meiner persönlichen Liste bleiben Gray Schwartz und Christian Tümpel vorn.

Und dann ist da noch Simon Schamas Rembrandt's Eyes. Aber so brillant Schama als Kulturhistoriker ist, er ist nun mal kein professioneller Kunsthistoriker wie Gary Schwartz oder Christian Tümpel. Und man merkt das leider bei seinen Büchern in kleinen Details, er schreibt zu viel und zu schnell. Früher hätte es für ein Gelehrtenleben ausgereicht, wenn man ein Buch wie Landscape and Memory (meiner Meinung nach sein bestes Buch) geschrieben hätte. Aber Simon Schama gibt sich damit nicht zufrieden. Je mehr ich von ihm lese, desto häufiger entdecke ich bei ihm kleinen Fehler und kleine Flusigkeiten, das ist sehr witzig. Das alles soll Rembrandt's Eyes nicht abwerten, aber in vielen Dingen ist der Leser bei einem Kunsthistoriker wie Gary Schwartz oder Christian Tümpel besser aufgehoben.

Nach seinem Tod war der Maler Caspar David Friedrich schnell vergessen, aber Rembrandt, der das Haus in der Jodenbreestraat verlassen musste und im Armenviertel weitermalte, der wurde nie vergessen. Von Zeit zu Zeit versammeln sich Holländer wie auf diesem Photo, um in einem tableau vivant ein Gemälde (hier die Nachtwache) nachzustellen. Natürlich darf der Hund nicht fehlen. Selbst in meiner Heimatstadt Bremen hat man vor zwanzig Jahren die Nachtwache nachgestellt. Auch mit Hund. Ein Rembrandt Musical hat es auch schon gegeben.

Im Museumsshop von Den Haag kann man eine Vielzahl von Rembrandt Paraphernalia kaufen. Aber muss man Manschettenknöpfe mit dem Selbstportrait des Malers wirklich haben? Man kann heute alle Gemälde Rembrandts als Kunstdruck kaufen, bei ebay gibt es 2.400 Stück davon. Dieser ganze Rummel hat schon früher eingesetzt. Dem berühmten holländischen Karikaturisten Albert Hahn war der Rummel zur Dreihundertjahrfeier von Rembrandts Geburtstag im Jahre 1906 zu viel. Und er dichtete zu diesem Cartoon:

Met de laatste Rembrandtspeech
klim ik op m’n Rembrandtfiets;
Ontsteek aan m’n Rembrandtlantaren
Eén van m’n Rembrandtsigaren;
Rembrandtpet op Rembrandtlokken,
aan m’n kuiten Rembrandtsokken.

Rembrandt Fahrräder gibt es immer noch, Rembrandt Zigarren auch. Eine echte Rembrandt Radierung kostet schon richtiges Geld. Da gebe ich mich mit meinem kleinen Kunstdruck der Landschaft mit drei Bäumen zufrieden.

Sonntag, 12. Juli 2026

Captain James Cook


Heute vor 250 Jahren hat der gerade zum Post Captain beförderte James Cook mit seinem Schiff Resolution den Hafen von Plymouth für seine dritte und letzte →Pazifikreise verlassen. Mit der Endeavour war er 1768-1771 einmal um die Welt gesegelt, die Resolution war schon auf der zweiten Reise sein Schiff gewesen. Cook mochte das Schiff, das ursprünglich als Kohlefrachter gebaut worden war (und deshalb im Englischen als collier bezeichnet wird). The ship of my choice und the fittest for service of any I have seen, hat Cook über das Schiff gesagt. Vor der Reise hat er auf der Resolution noch ein großes Festessen gegeben. Dank der erhaltenen →Unterlagen wissen wir, was damals auf den Tisch kam. Dies Bild zeigt die Resolution (in der Bildmitte links) in Tahiti, gemalt von William Hodges, der Cook auf seiner zweiten Reise begleitete. Über den Maler steht schon einiges in dem Post Eterna KonTiki.

Das loomings in der Adresse dieses Blogs ist der Titel des ersten Kapitels von Herman Melvilles Moby-Dick, und Herman Melville, der wie Cook in der Südsee war, war von Beginn an in diesem Blog. Als ich noch an der Uni war, habe ich natürlich Seminare über Herman Melville gemacht, über Moby-Dick und Benito Cereno. Und dann hatte ich die Idee, ausgehend von den Südseeerfahrungen von Herman Melville, ein Seminar über die Südsee in der amerikanischen Literatur zu machen. 

Ich las nicht nur Melvilles →Typee und →Omoo und alles, was er über die Südsee geschrieben hatte; ich las alles, was ich in die Hände bekam. Ich war die ganzen Semesterferien mit dem Lesen beschäftigt, aber für die Uni konnte ich das alles leider nicht gebrauchen. Ich musste die Veranstaltungen eines erkrankten Kollegen übernehmen, mein Seminar fiel aus. Ich betrachtete das nicht als Verlust, ich hatte viel gelernt. Und Lesen ist nie ein Verlust. Und meine Bibliothek hatte sich um einen knappen Meter vergrößert. Der hervorragende Schweizer Katalog James Cook und die Entdeckung der Südsee, den man heute für kleines Geld antiquarisch findet, gehörte auch zu meinem Lesestoff. Das stand hier alles schon in dem Post tüddelig im Kopf.

Der Steuermann der Resolution heißt William Bligh. Der wird als Kapitän der Bounty und als Gouverneur von New South Wales noch berühmt werden. Er ist hier schon in den Posts Bounty, Larcum Kendalls K2, Dichterin gesucht und Rum. Ein Matrose des Schiffes, der Deutsche Heinrich Zimmermann, wird auch noch berühmt. Weil er nach der Reise das Buch Heinrich Zimmermanns von Wißloch in der Pfalz, Reise um die Welt, mit Capitain Cook veröffentlichen wird. Auf der Seite der →Captain Cook Society erfahren Sie mehr über ihn als in dem Wikipedia Artikel. Zimmermann war natürlich auch schon hier in diesem Blog, Sie finden ihn in den Posts Marinechronometer und Georg Forster.

Und dann ist da noch dieser Mann (hier von Joshua Reynolds gemalt) an Bord. Kapitän Tobias Furneaux, der Cook auf seiner zweiten Reise begleitete, hatte den Polynesier Omai nach England gebracht, wo er als eine Art Vorzeige Polynesier in der englischen Society berühmt wurde. Er findet sich hier schon in den Posts Haiti und Diätetik. Kapitän Cook bringt ihn wieder in seine Heimat zurück und lässt seine Besatzung für Omai auf der Insel Huahine ein Haus im europäischen Stil bauen. Als Kapitän Bligh 1780 die Insel besucht, muss er erfahren, dass Omai schon tot ist. Wir wissen nicht, ob dieser edle Wilde, diese Verkörperung natürlicher Unschuld und aristokratischer Vornehmheit, in seiner Heimat glücklich geworden ist.

Mit der Endeavour (das hier auf dem Photo ist ein Nachbau von 1994), die wie die Resolution ein Kohlefrachter gewesen war, war Captain Cook weltberühmt geworden. Es gibt in diesem Blog schon einen Post namens Endeavour. Aber der Post handelt nicht von dem collier von Cook, das ist ein Post über den Chief Inspector Morse. Der  in diesem Blog immer wieder auftaucht. Zum Beispiel in den Posts  Inspector Lewis und Englische Krimiserien, die beide weit über fünftausend Leser haben. Leider hat der Post Inspector Morse und die Frauen sehr wenige Leser gefunden.

In Death Is Now My Neighbour, in dem diese schöne Frau ums Leben kommt, muss Morse zum ersten Mal in der Öffentlichkeit gestehen, dass sein Vorname Endeavour ist. Weil sein Vater Captain Cook verehrte. Morses Assistent, Sergeant Robbie Lewis, kommentiert das mit You poor sod. Dass sein Vater von James Cook besessen war, erfahren wir in mehreren Folgen der Morse Saga. So auch in dieser →Folge, wenn Morse den Anthropologen Dr Julian Storrs vernimmt. Der sofort gesteht, dass er mit dem Mordopfer (nicht die Holley Chant auf diesem Photo) ein Verhältnis hatte. Storrs bewirbt sich gerade als Master seines Colleges, er macht sich aber keine Gedanken, dass diese Affäre seinem Ruf schaden könnte: The only way you can get rid of a Master here is for moral turpitude, and if that meant fornication, we'd be lucky to keep one in five hundred years

Chief Inspector Morse hat natürlich längst gesehen, dass der Anthropologe ein Bild von William Hodges an der Wand hängen hat, das Captain Cooks →Landung in Tahiti zeigt. Auf die Pazifikaufenthalte des Anthropologen und das Wort fornication anspielend, sagt Morse: I understand they take rather that liberal view in the Pacific. Und der Anthropologe antwortet: What? Oh, yes. They did till the wretched missionaries got there.

Der Professor (gespielt von John Shrapnel) will dann noch etwas sagen, sieht aber, dass Morse gerade ein Portrait von Captain Cook vom Regal genommen hat und sagt: My father was obsessed with Captain Cook. 'Captain James Cook, 1728-1779,' he always called him. He said he was the greatest explorer that ever lived. Was Dr Storrs mit dem Satz You couldn't say that today. The modern view is that Western explorers brought guns, disease and Christianity, each equally destructive to an idyllic way of life kommentiert. Und er fügt noch ein Idyllic? mit einem Fragezeichen hinzu.

Da haben wir es in zwei Sätzen in einer Krimiserie: die Größe des Entdeckers und disease and Christianity, each equally destructive. Erst kommt die Entdeckung, dann die Kolonisation. Eine Dokumentation von The People Profiles hat den Titel The Tragic Cost of Mapping the World. Der neuseeländische Historiker  John Beaglehole, der die Logbücher Cookes edierte und die maßgebliche James Cook Biographie schrieb, hat über den Entdecker gesagt: Die größte Lobrede auf Cook ist die Seekarte des Pazifik. Während Cook (hier von John Webber gemalt, der ihn auf der letzten Reise begleitete) noch im Pazifik herumsegelt, wird er schon in Deutschland berühmt. Weil Christoph Martin Wieland als Herausgeber des →Teutschen Merkur 1778 beginnt, Teile von Georg Forsters Reisebericht zu veröffentlichen. Einen Schnipsel davon gab es hier schon in dem Post Antarktis. Weshalb ich hier noch nie über Captain Cook geschrieben habe, weiß ich nicht, aber das kommt vielleicht noch einmal, ist im Jahr 2013 der letzte Satz in dem Post Georg Forster. Na ja, manchmal bin ich eben 'n büschn langsam.

Donnerstag, 9. Juli 2026

Geburtstagsgruß für eine Jugendliebe


Als ich Wiederholungen geschrieben hatte, sagte mir ein Freund, dass ich mich sehr weit vorgewagt hätte mit der Offenlegung von Gefühlen. Aber tue ich das nicht immer, wenn ich über Frauen schreibe? Wir waren ja so verklemmt damals, wir konnten uns unsere wahren Gefühle nicht so einfach mitteilen, sagte mir meine Jugendfreundin Ute letztens am Telephon. Jetzt im Alter können wir alles sagen. Und dann fügte sie hinzu: Du warst immer in meine kleine Schwester verliebt. Ich war baff. Wie kam sie darauf? Nein, ich war nicht wirklich in ihre kleine Schwester verliebt, aber ich fand sie sehr sexy. Eine kleine Brigitte Bardot mit roten Haaren und Stupsnase, die die ganze Schule bewunderte. 

Wir redeten damals viel, aber wir fanden nicht die richtigen Worte. Es ist nicht leicht, das Zauberwort zu finden, so dass die Welt zu singen anhebt. Ich redete damals sehr viel, aber ich wusste nicht, was ich wollte. Da war ich wie Jean-Louis Trintignant in dem Film Ma Nuit chez Maud, zu dem Françoise Fabian sagt: J 'aime bien les gens qui savent ce qu'ils veulent. Liebe war etwas Neues, auf das wir nicht vorbereitet waren. Wenn wir uns auch nicht alles im Gespräch sagen konnten, hatten wir doch eine Form der Kommunikation der Gefühle. Wir schrieben uns Briefe. Heute schreibe ich das alles ins Netz, auch diesen Geburtstagsgruß für die Ute, die zwischen den Zeilen immer in diesem Blog war. Die manchmal auch in den Geschichten von der schönen Buchhändlerin auftaucht. Der Schluss von Chorprobe ist eine wahre Geschichte aus ihrem Leben.

Als ich in dem Telephongespräch die Ingrid erwähnte, sagte Ute: Kam die vor mir oder nach mir? Das fand ich nun sehr witzig, Frauen zählen offenbar mit. Im Gegensatz zu der Kleinstadtprinzessin Ingrid hat Ute mir letztens ein neues Photo geschickt. Irgendwo am Strand, Nordsee oder Ostsee. Sie und ihre drei Schwestern. Kriegsjahrgänge 1939-1944 stand dabei. Ihre roten Haare waren dem Grau gewichen. Aber sie war schön wie immer. Die Stents am Herzen und die kaputte Wirbelsäule, die sieht man nicht. Sie wirkt zehn Jahre jünger als sie ist, forever young

Als es mit unserer Jugendliebe zu Ende ging, schickte sie mir aus Thiais bei Paris, wo sie als au pair arbeitete, einen kleinen Zettel auf dem stand: Die Liebe bricht in einem Herzen nur zerbrechliche Dinge; und bricht sie alles darin, so war alles darin zerbrechlich. Den Zettel habe ich immer noch. Den Lieblingsteddy ihrer Kindheit, den sie mir schenkte, habe ich auch noch. Wir sind Freunde geblieben, ein Leben lang. Konnten uns unsere wahren Gefühle mitteilen, weil wir nicht mehr so verklemmt waren wie damals. L'âge ne vous protège pas des dangers de l'amour. Mais l'amour, dans une certaine mesure, vous protège des dangers de l'âge, hat Jeanne Moreau gesagt. Utes Geburtstag im Juli vergesse ich nie, und deshalb habe ich heute neben diesem etwas unkonventionellen Happy Birthday Gruß auch noch ein schönes kleines Gedicht von Walter Helmut Fritz für sie:

Nein, ich vergesse es nicht,
man muß eine Geschichte erleben,
ehe man sie erfindet.
Was wirst du tragen?
Einen weißen Rock,
eine schwarze Bluse.
Der Tag ist neu,
als habe es noch keinen gegeben
Die Zeit beginnt jetzt.
Ich werde auf dich zurennen.
Der Morgenwind ist in Eile,
die Gewässer sind unterwegs.

Samstag, 4. Juli 2026

4. juli 1776/2026


Für die Feiern der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1976 hatten alle deutschen Bundesländer vereinbart, dass es in jedem Bundesland mindestens eine Ausstellung geben sollte, die die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland betonen sollte. So gab es im Kunstmuseum Düsseldorf zum Beispiel die wunderbare Ausstellung The Hudson and the Rhine: Die amerikanische Malerkolonie in Düsseldorf im 19. Jahrhundert. Und wir wissen ja, dass das ikonische Gemälde Washington Crossing the Delaware in Düsseldorf gemalt wurde. Ich hatte damals einen kleinen Anteil an den Feierlichkeiten, weil ich unter anderem für den Ministerpräsidenten Stoltenberg die Eröffnungsrede für die Schleswiger Moby-Dick Ausstellung schrieb.

Was man in Deutschland und England vor fünfzig Jahren auf die Beine stellen konnte, das konnte man in Amerika nicht. Da waren dies Colgate →Malbuch, das Sonderheft von →Superman salutes the Bicentennial und das Cover des Playboy, die ungefähr das →Niveau der amerikanischen Feiern zeigten, schon echte Höhepunkte. Und im Amerika des Donald Trump wird die Kultur und die amerikanische Kulturgeschichte wohl überhaupt keine Rolle spielen. Zumal Trump jetzt entscheidet, was Kultur ist und was nicht. Das Smithsonian kann nicht mehr zeigen, was es will. Und die National Portrait Gallery in Washington hat die Hinweise auf die beiden Amtsenthebungsverfahren aus der Infotafel des Porträts von Donald Trump entfernen lassen müssen.

Es gab 1976 in den USA keine Ausstellung, die mit der Düsseldorfer Ausstellung The Hudson and the Rhine hätte konkurrieren können. Amerikas Museen, die die Arbeit an den deutschen Ausstellungen wegen tausenderlei Anfragen zu spüren bekamen, hätten den Deutschen jetzt alles ausgeliehen. Unbürokratisch und unkonventionell. Weil sie gemerkt hatten, dass die eigene Nation, die sich eigentlich selbst feiern sollte, überhaupt kein Konzept für gute Ausstellungen hatte. Auch wenn es damals keinen Computer und keine Mobiltelephone gab, hatten wir bei der Vorbereitung unsrer Ausstellung einen vorzüglichen Draht in die USA. Wir gaben am Vormittag unsere getippten Wünsche in der Kieler Staatskanzlei ab, am Nachmittag waren die schon bei einem Stab in Washington, der sie an amerikanische Museen weitergab. Wir hätten aus Boston John Singleton Copleys Bild Watson and the Shark bekommen können, das ich für einen Aufsatz im Katalog gern gehabt hätte. Aber da hatte ich Angst, dass dieser Schatz auf dem Transport verloren gehen könnte und begnügte mich mit der hervorragenden klischierfähigen Photographie, die das Museum of Fine Art uns schickte.

Der Kriegsgegner von 1776 brachte damals mehr zustande, nämlich die großartige Londoner Ausstellung 1776: The British Story of the American Revolution. Es gab in Amerika viel Remmidemmi und Events, doch das war alles mehr patriotisches Disneyland als eine seriöse Aufarbeitung der Geschichte. George Washington wurde nachträglich zum Sechs Sterne General ernannt, das musste sein. Ein führender amerikanischer Museumsdirektor hat Jahrzehnte später gesagt, dass die deutschen Ausstellungen zur Zweihunderjahrfeier bei den amerikanischen Museen einen Prozess des Umdenken bewirkt haben. Eines der originellsten Produkte aus Amerika war da noch das Time Magazine vom 4. Juli 1976 mit seiner Special Bicentennial Ausgabe to reconstruct with the tools of both history and journalism, and in our [Time’s] distinctive newsmagazine format, at least part of the life and soul of the events that gave birth to our nation.

Amerika hat sich verändert, es ist vor allem in diesen letzten Jahren unter Donald Trump ein ganz anderes Amerika geworden. Ein Photo von John F. Kennedy in Philadelphia, das ein Freund am 4. Juli 1962 in Philadelphia mit seiner Voigtländer Vitomatic machte, ist heute schon Nostalgie. Heute sind Käfigkämpfe vor dem Weißen Haus das, was ein amerikanischer Präsident braucht. Nicht eine langsame Fahrt im Cabrio durch die Stadt, in der die Declaration of Independence unterschrieben wurde. Die Kloppereien in Trumps eigenem Kolosseum liefen wie das Regierungsprogramm unter dem Namen Freedom 250

Gestern war Trump am Mount Rushmore. Es gab ein Feuerwerk und Kampfjets am Himmel, während er davon träumte, dass sein Abbild neben den anderen Präsidenten in Granit gemeißelt wäre. Heute ist Trump in Washington, und er wird eine ganz lange Grundsatzrede halten, die jeder hören sollte: On July 4th, it’s going to be approximately 107 degrees out, and I’m gonna make a really long speech just to show that I can do anything. In Gettysburg hielt Edward Everett (mit Pinkelpausen) eine zweistündige Rede. Niemand erinnert sich an die. Lincoln hielt eine zweiminütige Rede, die ist immer noch Teil der amerikanischen Geschichte. 

Ist es schon Teil seiner Krankheit, wenn Trump glaubt I can do anything? Psychologen versichern uns, dass der narzißtische Trump inzwischen seine eigenen Lügen glaubt. Auf ihn gilt schon der Satz, den der berühmte Clifford Geertz einmal über kulturelle Systeme sagte: Cultural systems must have a minimal degree of coherence, else we would not call them systems; and, by observation, they normally have a great deal more. Und dann fügte er noch hinzu: But there is nothing so coherent as a paranoid’s delusion or a swindler’s story.

Heute werden in Washington nicht 250 Jahre amerikanischer Geschichte gefeiert, heute feiert sich Trump selbst. Weil er ja weitaus größere Menschenmengen als Elvis anzieht. Hat er gesagt. Auf dem Veranstaltungsplan der US Botschaft in Berlin ist heute der wichtigste Punkt eine Feier im Elvis Museum in Kircheib. Und da wir damit wieder in der Popular Culture angekommen sind, lassen wir wir mal Trumps Freedom 250 beiseite. Lassen Janis Joplin Freedom's just another word for nothing left to lose singen und Jimi Hendrix die Nationalhymne (die Trump immer noch nicht beherrscht) spielen. Und Allen Ginsberg sein Gedicht ✺America vortragen:

America I've given you all and now I'm nothing.
America two dollars and twenty-seven cents January 17, 1956.
I can't stand my own mind.
America when will we end the human war?
Go fuck yourself with your atom bomb
I don't feel good don't bother me.
I won't write my poem till I'm in my right mind.
America when will you be angelic?
When will you take off your clothes?
When will you look at yourself through the grave?
When will you be worthy of your million Trotskyites?
America why are your libraries full of tears?
America when will you send your eggs to India?
I'm sick of your insane demands.
When can I go into the supermarket and buy what I need with my good looks?
America after all it is you and I who are perfect not the next world.
Your machinery is too much for me.
You made me want to be a saint.
There must be some other way to settle this argument.
Burroughs is in Tangiers I don't think he'll come back it's sinister.
Are you being sinister or is this some form of practical joke?
I'm trying to come to the point.
I refuse to give up my obsession.
America stop pushing I know what I'm doing.
America the plum blossoms are falling.
I haven't read the newspapers for months, everyday somebody goes on trial for
murder.
America I feel sentimental about the Wobblies.
America I used to be a communist when I was a kid and I'm not sorry.
I smoke marijuana every chance I get.
I sit in my house for days on end and stare at the roses in the closet.
When I go to Chinatown I get drunk and never get laid.
My mind is made up there's going to be trouble.
You should have seen me reading Marx.
My psychoanalyst thinks I'm perfectly right.
I won't say the Lord's Prayer.
I have mystical visions and cosmic vibrations.
America I still haven't told you what you did to Uncle Max after he came over
from Russia.

I'm addressing you.
Are you going to let our emotional life be run by Time Magazine?
I'm obsessed by Time Magazine.
I read it every week.
Its cover stares at me every time I slink past the corner candystore.
I read it in the basement of the Berkeley Public Library.
It's always telling me about responsibility. Businessmen are serious. Movie
producers are serious. Everybody's serious but me.
It occurs to me that I am America.
I am talking to myself again.

Asia is rising against me.
I haven't got a chinaman's chance.
I'd better consider my national resources.
My national resources consist of two joints of marijuana millions of genitals
an unpublishable private literature that goes 1400 miles and hour and
twentyfivethousand mental institutions.
I say nothing about my prisons nor the millions of underpriviliged who live in
my flowerpots under the light of five hundred suns.
I have abolished the whorehouses of France, Tangiers is the next to go.
My ambition is to be President despite the fact that I'm a Catholic.

America how can I write a holy litany in your silly mood?
I will continue like Henry Ford my strophes are as individual as his
automobiles more so they're all different sexes
America I will sell you strophes $2500 apiece $500 down on your old strophe
America free Tom Mooney
America save the Spanish Loyalists
America Sacco & Vanzetti must not die
America I am the Scottsboro boys.
America when I was seven momma took me to Communist Cell meetings they
sold us garbanzos a handful per ticket a ticket costs a nickel and the
speeches were free everybody was angelic and sentimental about the
workers it was all so sincere you have no idea what a good thing the party
was in 1835 Scott Nearing was a grand old man a real mensch Mother
Bloor made me cry I once saw Israel Amter plain. Everybody must have
been a spy.
America you don're really want to go to war.
America it's them bad Russians.
Them Russians them Russians and them Chinamen. And them Russians.
The Russia wants to eat us alive. The Russia's power mad. She wants to take
our cars from out our garages.
Her wants to grab Chicago. Her needs a Red Reader's Digest. her wants our
auto plants in Siberia. Him big bureaucracy running our fillingstations.
That no good. Ugh. Him makes Indians learn read. Him need big black niggers.
Hah. Her make us all work sixteen hours a day. Help.
America this is quite serious.
America this is the impression I get from looking in the television set.
America is this correct?
I'd better get right down to the job.
It's true I don't want to join the Army or turn lathes in precision parts
factories, I'm nearsighted and psychopathic anyway.
America I'm putting my queer shoulder to the wheel.

Und das letzte Wort soll heute Ben Jennings mit diesem wunderbaren Cartoon aus dem Guardian haben, in dem Leutzes Washington Crossing the Delaware ein klein wenig anders aussieht:












Donnerstag, 2. Juli 2026

aus heiterem Himmel

Ich hatte gestern 9.124 Leser, die aus heiterem Himmel innerhalb von zwölf Stunden ganz alte Posts zu kleinen Bestsellern machten. Am Morgen waren diese sechs Posts noch nicht in der Statistik zu sehen:


Tränenregen

Ode an Berlin

Macbeth


Maureen O'Hara


Barbara Bel Geddes


Haute Couture

Am späten Abend belegten sie die ersten sechs Plätze der Top Ten. Jeder dieser Posts hatte plötzlich in wenigen Stunden mehr als neunhundert Leser. Dass der Schubert Post Tränenregen viel gelesen wird, das weiß ich, der hat sowieso schon mehr als 5.000 Leser. Warum bekommt der Post am 1. Juli plötzlich beinahe tausend Leser? Ich weiß es nicht, ich kann mich nur wundern. Natürlich finde ich meine Leser wunderbar. Wenn Sie die Bestseller von gestern lesen wollen, hier sind sie: TränenregenOde an Berlin, Macbeth, Maureen O'Hara, Barbara Bel Geddes, Haute Couture.

Montag, 29. Juni 2026

Gotthard Erler ✝

Die beiden Bände von Vor dem Sturm des Aufbau Verlages, die Gotthard Erler ediert hat, sind natürlich das, was sich jeder Philologe wünscht. Die Gelehrsamkeit der Annotationen von Gotthard Erler kann man gar nicht genug loben. Ich bin auch heute froh, dass ich bei Eschenburg die acht Bände der Romane des Aufbau Verlags zum Spottpreis von 32 Euro gekauft habe. Wenn man alle Anmerkungen sorgfältig gelesen hat, wird man vielleicht den Roman ein zweites Mal lesen. Aber meine erste Lektüre war ganz unphilologisch, die Lektüre eines Lesers. Dafür brauchte ich die philologische Gelehrsamkeit von Gotthard Erler nicht, dafür brauchte ich nur einen zuverlässigen Text. Aber ich dachte mir beim Lesen die ganze Zeit: Leute, wie habt ihr übersehen können, dass dies ein großer Roman ist? Das fand auch Gustav Seibt in der Süddeutschen als er im Januar dieses Jahres den gerade in der →Großen Brandenburger Ausgabe erschienenen Roman →rezensierte.
 
Das stand hier vor fünfzehn Jahren in dem Post Vor dem Sturm. Und in dem Post 3. Oktober schrieb ich: Und die Fontane Ausgabe, die Gotthard Erler einst begonnen hatte, schreitet voran. Erler ist in diesem Jahr neunzig geworden, aber er arbeitet immer noch an der großen Sache. Ich wollte den Fontane-Forscher Gotthard Erler unbedingt wissen lassen, welche Achtung ich vor seinem Werk hatte (ein Blick in den Katalog der Deutschen Nationalbliothek zeigt uns, dass Erler da mit 388 Katalogeinträgen steht) und besorgte mir von meinem Freund Peter, der seit Jahren mit Erler in Verbindung stand, seine e-Mail Adresse. Und schrieb Gotthard Erler, welchen Respekt ich vor seiner Leistung als Deutschlands wichtigster Fontane-Kenner hatte. Auch wenn damals in der Ausgabe von Vor dem Sturm nur die klitzeklein gedruckte Zeile Bearbeiter des Buches Gotthard Erler auf den Gelehrten hinwies.

In seiner Antwort stand: Sehr geehrter Jay. Vielen Dank für Ihre aufklärenden Zeilen und den Text zu Fontane. Ich reagiere so spät, weil mich meine Ärzte ziemlich abrupt aus dem Verkehr gezogen und in die Klinik gesperrt hatten. Nun versuche ich in ungewohnter Wackeligkeit wieder in den Alltag zurückzufinden. Beste Grüße, Ihr Gotthard Erler, der sich auf die Lektüre freut. Das war 2018, da war sein Buch Emilie & Theodor Fontane. Die Zuneigung ist etwas Rätselvolles: Eine Ehe in Briefen gerade erschienen. Mit der Wackeligkeit war es schnell vorbei, er hatte noch viel zu schreiben. Der Tagesspiegel hatte ihn anlässlich seines neunzigsten Geburtstags als einen alterslos sprühenden Geist beschrieben. Ein sprühender Geist war er, das merkte ich schnell in unserer Korrespondenz. Und er hatte auch einen wunderbaren Humor. Ich gebe mal als Stilprobe des sprühenden Geistes den Nachruf, den Erler 2024 im Börsenblatt für seinen Freund und Kollegen Konrad Paul schrieb, der gerade im Alter von dreiundachtzig Jahren gestorben war: 

Mit anhaltender Betroffenheit mußte ich dieser Tage die Nachricht vom Tode meines Kollegen und Freundes Konrad Paul zur Kenntnis nehmen. Mit ihm hat unsere unwirtlich gewordene Welt eine weitere prägende Gestalt des alten Aufbau-Verlags verlassen, die aber als originäre Persönlichkeit der Weimarer Dependance in Erinnerung bleiben wird. Denn er war ein Literatur-Beförderer der besonderen Art, der sozusagen stets mit wehenden Rockschößen für Autoren und Bücher unterwegs war (wie es eine Kollegin, sich erinnernd, vorzüglich formuliert hat).

Konrad Paul kam 1965 als gerade diplomierter Germanist und Historiker ins Lektorat und bewährte sich rasch als umsichtiger und umtriebiger Lektor sowie als Bücher- und Kalendermacher, als stets hilfsbereiter und zuverlässiger Kollege, als belebender Partner in allen Programm-Konferenzen, in denen er dank seiner stupenden Belesenheit immer wieder Ausgrabungen aus der älteren Literatur anzubieten hatte, und nicht zuletzt als geschätzter Manuskriptbetreuer bei Autoren und Wissenschaftlern. Bei alledem war er von Anfang an ein leidenschaftlicher Öffentlichkeitsarbeiter, der auf eine spezifische Weise das (Lese-)Publikum für seine Autoren und deren Bücher zu gewinnen wusste. Dabei avancierte er auch als Nachwortautor (zum Beispiel für Pückler-Muskau, mit dem die betonköpfigen DDR-Behörden nicht recht etwas anzufangen wußten) und als Herausgeber, wobei er sich, in enger Zusammenarbeit mit Wulf Kirsten, insbesondere der deutschsprachigen Erzählung widmete („Der Metzger von Straßburg. Vierzehn Kriminalgeschichten“, 1980; „Deutsche Erzählungen 1900 bis 1945“, drei Bände 1981; „Das Rendezvous im Zoo. Liebesgeschichten“, 1984). Konrad Paul war ein leidenschaftlicher kulturpolitischer Stratege und Literaturvermittler. Er beherrschte die Kunst, Bücher und Autoren einleuchtend vorzustellen. Er hielt Vorträge, gestaltete Lesungen quer durchs Land – in den großen Städten, aber besonders gern in der Provinz und auf dem flachen Land. Seine jeweils von profunder Kenntnis ausgehende Stoffdarstellung war verständlich, anschaulich, wissenschaftlich fundiert, aber stets unakademisch, und die anschließenden Debatten dirigierte er witzig, humorvoll und schlagfertig. Er konnte herrlich maliziös im raschen Urteil sein und reimte aus dem Stegreif perfekte Parodien zusammen. Konrad Paul war – im positivsten Sinne dieses sprichwörtlichen Begriffs – der „bunte Hund“ im literarischen Leben der Klassikerstadt und oft darüber hinaus. In Interviews, Gesprächen und Unterhaltungen erwies er sich immer auskunftsfähig und auskunftsfreudig. Charakterisierende Anekdoten und pikante Geschichten standen ihm in offenbar unerschöpflicher Fülle zu Gebote – Meriten, die auch seine monatlichen Literatursendungen im Lokalradio prägten.

Seit 1988 war er Leiter des Weimarer Lektoratsteils, und er hatte die schmerzlich-schwierige Abwicklung dieses Verlagsteils zu bewerkstelligen und 1993 auch die Räumung des Hauses in der Puschkinstraße mit höchst persönlichem körperlichem Einsatz zu erledigen.

Seine Passion für die klassische Literatur und sein Engagement für die aktuelle Bücherwelt sowie seine enormen Erfahrungen im literarischen Betrieb prädestinierten ihn nach dem Fall der Mauer, die Direktion des Goethe-Instituts in Weimar zu übernehmen (1996). Er war für Programm und Organisation des Instituts (im traditionsreichen „Haus der Frau von Stein“ untergebracht) verantwortlich und war dort in seinem Element. Seine profunden Kenntnisse in der Stadt- und Kulturgeschichte waren ideale Voraussetzungen, dass er diese Residenz zu einer Attraktion für Besucher und Referenten machen konnte. Wobei seine Kunst der Moderation und sein immer heiterer und fröhlicher Umgang mit den Gästen allen im Gedächtnis bleiben wird, die je mit ihm zu tun hatten.


Dem Aufbau-Verlag war Erler (hier mit der Schriftstellerin Eva Strittmatter) seit 1956 verbunden. Da hatte er gerade an der Uni Leipzig bei Hermann August Korff seine Examensarbeit über Theodor Fontane geschrieben und eine feste Stelle als Freier Mitarbeiter bekommen. 1964 bekam er eine feste Stelle als Angestellter, 1975 wurde er der Leiter des Klassik Lektorats, 1990 Cheflektor. Und zwei Jahre später war er einer der beiden Geschäftsführer des Verlages. Den er nach der Wende durch schwierige Zeiten bugsierte. Ein Mitglied der SED ist er nie gewesen, er hatte eher mit den betonköpfigen DDR-Behörden zu kämpfen. Er blieb bis zur Altergrenze von fünfundsechzig Jahren, blieb aber dem Verlag als Berater und Gutachter treu. Und ließ seine Bücher meistens dort erscheinen. Vor zwei Jahren erschien im Aufbau Verlag sein zusammen mit Christine Hehle verfasstes letztes Buch Emilie Fontane. Dichterfrauen sind immer so. Eine Autobiographie in Briefen. Jetzt ist Dr Gotthard Erler im Alter von dreiundneunzig Jahren gestorben.

In den 1960er Jahren gab es in Deutschland den Kampf zweier Verlage um Theodor Fontane. Man wollte unbedingt eine historisch-kritische Gesamtausgabe auf den Markt bringen. Der Münchener Hanser Verlag war neben der Nymphenburger Verlagsanstalt (1959-1975) der einzige westdeutsche Verlag, der dann 1962-1997 den ganzen Fontane präsentieren konnte. Kostete im Fontane Jahr 1998 stolze 2.304 Mark. Weithin unbeachtet von dem Presserummel, den diese beiden Unternehmungen entfachten, blieb, dass auf der anderen Seite der Mauer beim Aufbau Verlag auch eine Gesamtausgabe entstand. An der Gotthard Erler einen wesentlichen Anteil hatte. Die acht Bände des erzählerischen Werks vom Aufbau Verlag haben mich bei Eschenburg 32 Euro gekostet, das habe ich schon erwähnt, aber mittlerweile habe ich noch sechs Bände mehr. Wenn ich von den zwei Bänden der Nymphenburger Verlagsanstalt und einem 1.055-seitigen Hanser Band absehe, ist mein ganzer Fontane, der in diesem Blog in mehr als fünfzig Posts vorkommt, der Fontane des Aufbau Verlags. 

Brauchte man eine neue Gesamtausgabe? Ja, hat Gotthard Erler gesagt: Ich habe mich, als wir die Große Brandenburger Ausgabe konzipierten und konstituierten, von folgenden Einsichten leiten lassen: erstens davon, daß alle drei ambitionierten Ausgaben - die es während der Teilung Deutschlands gegeben hat: die von Hanser, die von Nymphenburger und die des Aufbau-Verlages - Torsi geblieben sind. Zweitens, daß zwar jede Ausgabe ihre Meriten hat, von keiner jedoch die mögliche Vollständigkeit erreicht wurde. Hanser hat eine Auswahl-Ausgabe veranstaltet, Nymphenburger hat sich auf bestimmte Werkteile beschränkt - so fehlen hier die Briefe, die Tagebücher sind nur partiell enthalten. Aufbau-DDR hatte sich um eine textkritische Edition bemüht, blieb aber ebenfalls unvollständig. Somit ergab sich drittens, daß eine das vielfältige Werk ordnende und umfassende Fontane-Gesamtausgabe noch aussteht. Aus diesem Anspruch ergibt sich natürlich der 'erschreckende' Umfang von 75 Bänden. Hinzu kommt viertens, daß noch einmal gründlich auf die Quellen zurückzugehen ist. Damit verbunden ist eine umfassende Kommentierung. Beides baut einerseits auf unserem eigenen Forschungsstand, andererseits auf den der Kollegen auf. Der ist sehr umfangreich, denn in den letzten 20 Jahren ist in Sachen Fontane unendlich viel passiert. So ist die Zahl der Dissertationen kaum noch überschaubar, neue Texte von Fontane sind aufgetaucht bzw. tauchen zum Glück (und Leid) des Herausgebers immer noch auf.

Seit 1994 erscheint in Zusammenarbeit mit dem Fontane Archiv Potsdam im Aufbau Verlag die von Gotthard Erler angeregte und herausgegebene Große Brandenburger Ausgabe (GBA) der Werke Fontanes, die auf etwa 75 Bände veranschlagt ist: Die Große Brandenburger Ausgabe wurde 1994 von Dr Gotthard Erler begründet. Sie ist die erste kritische und kommentierte Fontane-Studienausgabe in historischer Textgestalt. Alle Texte, die Fontane als Buch separat veröffentlicht hat, werden innerhalb der GBA – im Unterschied zu den anderen Fontane-Ausgaben – als kommentierte Einzelbände herausgegeben. Die Edition wird Fontanes poetisches, journalistisches und kritisches Werk, die autobiographischen, reiseliterarischen und biographischen Schriften, die Tagebücher und Briefe sowie die Übersetzungen und Anthologien ungekürzt veröffentlichen. Mit Abschluss der GBA wird die bisher umfassendste Fontane-Edition vorliegen, die zum ersten Mal innerhalb einer Gesamtausgabe Fontanes Œuvre nach Gattungen und Textsorten methodisch unterteilt und somit einen Bezug herstellt zu seinen vielfältigen Tätigkeiten als Schriftsteller und Journalist, als Kriegsberichterstatter und Korrespondent, als Theater-, Literatur- und Kunstkritiker, als Biograph, als Übersetzer und Herausgeber sowie als Brief- und Tagebuchschreiber.

Von der Arbeit an dieser Ausgabe erfahre ich von Zeit zu Zeit etwas. Ich habe schon in Die Kartause von Parma geschrieben, dass Maren Ermisch, die zwei Bände der GBA ediert hat, mal meine Studentin gewesen ist. Von der GBA besitze ich nur den dreibändigen Ehebriefwechsel, den Erler zusammen mit seiner Ehefrau Therese Erler herausgegeben hat. Diese Dr Therese Erler (1932-2025) erwähnt die Wikipedia in ihrem Artikel zu Gotthard Erler überhaupt nicht. Der Artikel ist etwas mickrig, aber wenn man sich den noch mickrigeren Artikel für Helmuth Nürnberger anschaut, dann muss man sagen, dass es bei der Wikipedia Redaktion wohl keine Fontane Freunde gibt. In dem Artikel könnte auch stehen, dass Erler dafür gesorgt hat, dass die Doktorarbeit von Charlotte Jolles (die Günter Grass in Ein weites Feld als die Miss Marple der Fontane Forschung bezeichnete) nach Jahrzehnten endlich vollständig veröffentlicht wurde. Dr Rudolf Muhs, emeritierter Professor für deutsche Geschichte am Royal Holloway College der Universität London, hat das in seinem Nachruf Im Dienst Fontanes in der FAZ nicht ausgelassen. Hier schreibt ein Fontane Kenner mit Würde und Stil, warum können das die anderen deutschen Zeitungen nicht? 

Rudolf Muhs hat es auch nicht ausgelassen darauf hinzuweisen, dass Gotthard Erler schon als Romanfigur in die deutsche Literatur gewandert ist. Denn der Theo Wuttke in dem Roman Ein weites Feld von Günter Grass, den alle Fonty nennen, ist kein anderer als Gotthard Erler, der mit Grass immer in Verbindung war. Und über Ein weites Feld wusste er 1995 zu sagen, dass der Roman (und die gehässige Besprechung von Reich-Ranicki) den Verkauf der Fontane Bücher des Aufbau Verlages wesentlich gesteigert hätte. Sie können hier in dem Interview Fontane und kein Ende noch mehr dazu lesen.

Der große Historiker Jürgen Kuczynski hat in seinem schönen kleinen Buch Alte Gelehrte am Ende des Buches gesagt: Jeder alte Gelehrte, der ein kreatives Leben verbrachte, der diese und jene kleinere oder größere Wahrheit gefunden hat und auf diese Funde zurückblickt, kann sicher sein, daß diese Wahrheiten, ob später mit seinem Namen verbunden oder nicht, niemals eingesargt werden. Mögen sie auch einige Jahre den Scheintod erleiden, sie werden immer wieder lebendig werden und wenn nicht seinen Namen, so doch seinen Geist durch die Geschichte tragen. Und wer solches von sich, rückblickend auf seine Arbeiten, sagen kann, wird, trotz aller Stürme der Zeiten, in die er vielleicht sogar noch im Alter das Glück hat verwickelt zu sein, eine allen, die ihn kennen, wohltuende Souveränität, auch seinem Leben und Werk gegenüber, ausstrahlen. Das könnte ein schöner Schluss für meinen kleinen Nachruf auf den großen Gelehrten Gotthard Erler sein. Aber ich habe noch etwas Schöneres.

Gotthard Erlers Ehefrau Therese, mit der zusammen er so viel erforscht und veröffentlicht hatte, ist im letzten Jahr im Alter von zweiundneunzig Jahren gestorben. Erler schickte meinem Freund Peter einige Zeilen über die Beerdigung, die mir mein Freund zugänglich machte. Ich war ergriffen von diesem Text, in dem der Fontane-Forscher stilistisch schon beinahe zu Theodor Fontane geworden war und sicherte den Text in meinem Computer. Als ich vom Tod Gotthard Erlers hörte, dachte ich mir: Wenn ich einen Nachruf schreibe, dann muss das da rein. Aber ging das? Diese Zeilen waren privat, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Mein Freund Peter sagte: Frag' seine Tochter Katharina, und gab mir ihre e-Mail Adresse. Ich fragte. Sie hatte diesen Text noch nie gesehen, aber sie gab mir, ohne zu zögern, die Erlaubnis, diesen Text voller Altersweisheit und Liebe zu zitieren:

Meine Familie und ich, wir haben, glaube ich, am Freitag unserer Therese einen stilvollen und würdigen Abschied bereitet. Unsere Ziehtochter Cornelia hat meine Rede ganz wunderbar vorgetragen - als Hommage an meine Frau, ohne die, wie ich es in Anspielung auf ein Fontane-Zitat, auf die Grabschleife hatte drucken lassen, ohne die 'allet nüscht jewesen wäre'. Von Enkelin Franziska und Tochter Katharina an den Händen gehalten, lauschte ich tränenden Auges und freute mich, daß auch gut fünfzig Freunde, Verwandte und Bekannte dem Hoch auf Therese zuhörten. Wir alle begleiteten dann die Urne zu einer mit Baum und Busch umrandeten Wiese mit einer Konifere in der Mitte, einem etwa fünzehn Meter hohen prächtigen Lebensbaum, der aus e i n e r Pflanze erwachsen, sich zweigeteilt hat und bei dem sich diese Teile wiederum verdoppelt haben. Und als die Urne an einem Netz in die Erde gelassen wurde und Cornelia die Fontane-Verse in die Stille sprach: 'Das Leben, war dir’s wenig, war dir‘s viel, Ich weiß das eine nur, du bist am Ziel ...', da brach tatsächlich aus dem vorher wolkenverhangenen Himmel die Sonne hervor - ein sehr beglückendes Zeichen über dem Blumenflor an Therese Ruhestätte. In etwas kleinerem Kreis haben wir danach bei unserem Italiener den Nachmittag verplaudert.