Freitag, 11. Juni 2021

Landscape is my mistress


Der Besitzer von Malvern Hall, der Großgrundbesitzer Henry Greswolde Lewis, beklagt sich 1819 in einem Brief gegenüber John Constable über den Architekten Sir John Soane, der ihm sein Haus umgebaut hatte: I have brought the house to nearly what it was 60 years ago – before that Modern Goth, Mr Soane, spoilt a handsome house by shaving clean every ornament, architraves, coins, keystones, string courses, & ballustrade, the latter I could not replace, all the rest I have accomplished. Er hatte John Soane (der hier schon einen Post hat) bei seiner Grand Tour in Italien kennengelernt, damals war Soane noch nicht berühmt, eine Gesellschaft von englischen Landadligen hatte ihn nach Sizilien und Neapel mitgenommen, damit er für sie Zeichnungen anfertigte. Als sie alle wieder in England sind, gibt es für den jungen Architekten natürlich zahlreiche Aufträge.

Henry Greswolde Lewis hatte John Constable 1809 auf seinen Landsitz eingeladen, er sollte für ihn Haus und Park malen. Und ein Portrait des Hausherrn sollte es auch sein. Den Kontakt mit Lewis hatte dem Maler Lewis' Schwester Louisa vermittelt, die die Countess of Dysart war. Henry Greswolde Lewis und die Countess Louisa werden zu den Mäzenen des jungen Constable gehören. Dieses Bild von Malvern Hall malt er 1809, das Bild im ersten Absatz ist aus dem Jahr 1820 oder 1821. Da hatte sich die Countess of Dysart noch ein Bild des Hauses gewünscht, in dem sie ihre Jugend verbracht hatte. Constable wird von Lewis und seiner Schwester noch zahlreiche Aufträge bekommen, und er wird im Sommer 1820 wieder in Malvern Hall sein. Henry Greswolde Lewis ist stolz darauf, dass er die Änderungen von Soane wieder rückgängig gemacht hat: Malverne is going on, & is much improved inside & out. & would make a much better figure in Landscape than when you painted it last.

Henry Greswolde Lewis ist ein exzentrischer Auftraggeber, das kann man am Torhaus von Malvern Hall sehen, das der Architekt John Soane 1798 baute und als Barn à la Paestum bezeichnete: it was for Lewis in 1798 that Soane designed this unlikely structure as a kind of homage to the ruins he had seen at Paestum. The building is severe, and rather shocking. It’s not exactly like a Greek temple, which would have evenly spaced columns, a deeper entablature above the columns, and no round arch in the centre. But its carefully laid soft red bricks and imperfect white entablature do the job of suggesting ancient Greece and translating some of its architectural hallmarks into the very English medium of brick. For all its severity, it must have made Lewis think of his youthful travels, and smile, hat der Architekturhistoriker John Wilkinson in seinem Blog geschrieben.

Constable malt und zeichnet Malvern Hall und die Landschaft ringsherum. Und natürlich den Hausherrn, dessen Portrait kopiert er noch einige Male, damit Lewis es an die Verwandten verschenken kann; aber der eigentliche Grund, weshalb er für einen Monat nach Solihull eingeladen wurde, ist ein ganz anderer. Der Gutsherr hat ein dreizehnjähriges Mündel namens Mary Freer, das soll Copley für ihn malen. Unter den Nachbarn hält sich das Gerücht, dass die kleine Mary gar nicht sein Mündel, sondern in Wirklichkeit seine Tochter sei. Das kann gut sein. Er wird sein Leben lang für sie sorgen und ihr im Testament viel Geld hinterlassen. Lewis hatte die Tochter eines Earls geheiratet, aber die Ehe war nach einem Jahr zuende. Seine Frau ernährte sich von Opium (in der Form von Laudanum) und Alkohol. Lewis hatte aus der Ehe keine Kinder, jetzt lebt er für die kleine Mary, die auf diesem frisch gemalten Bild schon ein wenig erwachsen aussieht. Das mit Miss Mary Freer signierte Bild gehört heute dem Yale Center for British Art von Paul Mellon.

Die Schwester von Lewis hat an dem Bild etwas herumzumäkeln, aber Lewis sagt, das Bild bleibt, wie es ist. Er hat dann aber doch noch einen etwas exzentrischen Wunsch, den er an Constable heranträgt. Er habe in einer Kunsthandlung in London eine Elfenbeinminiatur gesehen, die the human eye & enough of the forehead to know the likeness zeigte. Könnte ihm Constable das Auge von Mary auf einen kleinen Elfenbeinknopf malen, den er am Hemd tragen könnte? Wir wissen nicht, was aus der Sache geworden ist.

Landscape is my mistress– 'tis to her I look for fame, and all that the warmth of imagination renders dear to man, hat Constable gesagt. Wir kennen ihn als Landschaftsmaler, aber er hätte ebensogut Portraitmaler werden können. Für seinen Mäzen Sir George Beaumont hatte er Claude Lorrain kopiert, für die Countess of Dysart  kopiert er ein Portrait von Reynolds, er hat viel dabei gelernt. 

Wir können das an dieser Kopie des Portraits sehen, das Reynolds von der Schwester der Countess gemalt hatte. Constables Biograph Charles Robert Leslie hat geschrieben: The Earl of Dysart wishing to have some family pictures copied, Constable was introduced to his lordship and the Countess as a young artist who would be glad to undertake them. The consequence was, his being employed in making a number of copies, chiefly from Sir Joshua Reynolds; and although it is to be regretted that much of his time would have been spent on any but original works, yet he no doubt derived improvement in his taste for colour and chiaroscuro by this intimate communion with so great a master of both. 

Constable kann Frauen malen, hier hat er seine sechzehnjähtige Cousine Jane Anne Mason gemalt, nicht so frisch und lebendig wie Mary Freer, eher im Stil des 18. Jahrhunderts. Das Bild ist im Besitz der englischen Regierung und hängt in der Downing Street No 10. Jeremy Corbyn hat vor vier Jahren gesagt, wenn er Premierminister würde, flöge der Constable raus und würde durch ein Bild von Roy Appleton, den man auch als Bosh the slosher kennt, ersetzt. Von dem hatte er mal ein Bild auf dem Flohmarkt gekauft. Wie wir alle wissen, ist Jeremy Corbyn nicht Premierminister geworden, sodass wir uns um den Constable keine Sorgen zu machen brauchen.

Constable hat seine Frau Maria gemalt (dies ist nur ein Ausschnitt aus dem Portrait), er hat seine Schwestern gemalt, aber wenn er 1829 als Vollmitglied in die Royal Academy aufgenommen wird, wird ihm der Präsident Sir Thomas Lawrence sagen, dass er von Glück sagen könne, dass er überhaupt aufgenommen worden sei. Schließlich sei er ja nur ein Landschaftsmaler. Dass Constable auch andere Dinge gemalt hat, interessiert Lawrence nicht. Landschaftsmalerei ist für Lawrence die niedrigste Form der Malerei. Sein Kollege Delacroix, der Constable bewunderte, war da ganz anderer Meinung.

Wie hätte dieses Bild ausgesehen, wenn Constable diese Skizze aus dem Jahre 1822 zuende gemalt hätte? Wollen wir das wirklich wissen? Das Bild ist ja so schon eine kleine malerische Revolution, ein Impressionismus avanti lettera. Wir können es in keinem Museum bewundern, niemand weiß, wo dieses Bild ist. Ich hätte gerne zum Schluss dieses Geburtstagspost (Constable wurde heute vor 245 Jahren geboren) noch ein Bild einer anderen Frau gebracht, aber das findet sich nicht im Internet. Es ist das Bild einer Meerjungfrau. 

Zwanzig Jahre nach dem Sommer in Malvern Hall bekommt Constable wieder einen Auftrag für ein Bild aus Malvern Hall. Constable ist auf einem Tiefpunkt seines Lebens: seine Frau Maria ist im Vorjahr an der Schwindsucht gestorben. Phasen von Depressionen hatte er immer wieder gehabt, jetzt hat er jeden Lebensmut verloren. Henry Greswolde Lewis weiß das, und er denkt sich, dass sein kleiner Auftrag den Maler ein wenig tröstet, Constable soll ein Wirtshausschild für die Old Mermaid & Greswolde Arms entwerfen: I have received a commission to paint a Mermaid for a sign for an Inn in Warwickshire. This is encouraging - and affords no small solace to my previous labours at landscape for the last twenty years – however I shall not quarrel with the lady – now – she may help to educate my children. Er fügt dem Satz in seinem Brief an seinen Freund Leslie noch hinzu: I would not write this nonsense at all, were it not to prove to you, my dear Leslie, that I am in some degree, at least, myself again. Die Zeichnung der Nixe gibt es, man kann sie zum Beispiel in dem schönen Buch John Constable: A Kingdom of His Own von Anthony Bailey sehen, aber das Wirtshausschild wurde nie ausgeführt.

Noch mehr Constable in diesem Blog: John Constables Wolken, lonely as a cloud, limited and abstract art, Reynolds

Dienstag, 8. Juni 2021

nouvelle vague suédoise


Das ist jetzt echte Nostalgie, früher sahen alle hübschen jungen Frauen so aus. Also damals, als das Kino noch Kino war. Und in Schweden noch Linksverkehr war. Dies hier ist die Schwedin Inger Taube, die Hauptdarstellerin in Bo Widerbergs erstem Spielfilm Kinderwagen (Barnvagnen) aus dem Jahre 1963. In Widerbergs drittem Film Roulette der Liebe (Kärlek 65) war sie auch wieder zu sehen. Da hätte auch Anita Ekberg mitspielen sollen, aber die stieg aus dem Film aus: Widerberg wanted me to wear pigtails and clogs, and that is not Anita Ekberg. Das sehen wir ein, pigtails and clogs sind natürlich nichts für eine Frau, die nachts in römischen Brunnen zu baden pflegt. Die Geschichte stand schon heute vor fünf Jahren (mit einem Photo von Anita Ekberg und Bo Widerberg) in dem Post Bo Widerberg. Der schwedische Filmregisseur war schon häufig in diesem Blog. Heute, an seinem Geburtstag, gibt es nichts wirklich Neues. Aber es gibt eine Liste meiner Liebligsfilme, die alle anklickbar sind, so dass Sie sie sehen können. Sie sind hier chronologisch geordnet.

Und da fangen wir doch gleich mit Barnvagnen an, einem sozialkritischen Film, der formalästhetisch aufregend modern ist. Und der mit Thommy Berggren einen Schauspieler hat, der fortan in vielen Widerberg Filmen zu sehen ist, er wird der Leutnant Sparre in Elvira Madigan sein und Joe Hill in Joe Hill. Wir können ihn auch in Kärlek 65 sehen (Inger Taube auch), aber das war ein Film, in dem man wenig von Widerberg spürte. Das war ein bisschen Fellini, ein bisschen Michelangelo Antonioni, aber kein bisschen Widerberg. Ich plaziere ihn trotzdem mal auf der Liste. Widerberg, der Ingmar Bergman sehr kritisch gesehen hat, ist jetzt der Vertreter der nouvelle vague von Schweden. Nur, dass ausserhalb von Schweden noch nie jemand von ihm gehört hat. Was nicht ganz stimmt. Immerhin war sein Film Das Rabenviertel (Kvarteret Korpen) 1963 für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert gewesen.

Die nächste Zusammenarbeit von Widerberg und Thommy Berggren wurde ein Welterfolg. Was auch etwas an der blonden siebzehnjährigen Pia Degermark und an dem kantablen zweiten Satz von Mozarts Klavierkonzert No 21 lag. John Updike schrieb den Film Elvira Madigan in ein Gedicht, und Schallplattenfirmen etikettierten ihre CDs um. Mozarts Klavierkonzert hieß jetzt Elvira Madigan. Der erste Farbfilm von Bo Widerberg hat hier schon zwei Posts, die Elvira Madigan und Liebestod heißen.

Der weltweite Erfolg zog Widerberg nach Amerika. Er war im Gespräch, die Regie bei der Neuverfilmung von The Great Gatsby zu übernehmen, er tat das nicht. Er drehte dort Joe Hill, die Geschichte des Arbeiterführers und Volkssängers, den wir auch aus dem Song von Joan Baez kennnen. Aber das war kein Thema für das amerikanische Publikum, der Film gewann zwar in Cannes einen Preis, wurde aber kaum gezeigt. Seit dem Jahr 2015 gibt es eine restaurierte Fassung der schwedischen Nationalbibliothek, die Sie hier sehen können.

Mein nächster Titel heißt Fimpen (deutsch: Fimpen, der Knirps), es ist eine Komödie, ein Kinderfilm. Die Geschichte eines kleinen Jungen, der sehr gut Fußball spielen kann. Wenn Werder Bremen einen Fimpen gehabt hätte, wären sie nicht abgestiegen. Es stehen viele unbekannte Namen auf der Darstellerliste, wie zum Beispiel: Claes Cronqvist, Ralf Edström, Ove Grahn, Georg 'Åby' Ericson, Ronnie Hellström, Kent Karlsson, Ove Kindvall, Krister Kristensson, Bosse Larsson, Benno Magnusson, Roger Magnusson, Björn Nordqvist, Kenta Ohlsson, Janne Olsson, Örjan Persson, Roland Sandberg, Tom Turesson und Mats Werner. Das sind aber keine Schauspieler, das ist die schwedische Nationalmannschaft, die auch mitspielt. An Ronnie Hellström können Sie sich vielleicht noch erinnern, weil der für Kaiserslautern gespielt hat. Und die schwedische Jazzsängerin Monica Zetterlund (die hier schon einen Post hat) spielte auch mit. Der Film wurde im Sommer 1974 während der Fußballweltmeisterschaft gezeigt, die Schweden allerdings nicht gewinnen konnte.

Mein letzten Film heute ist Schön ist die Jugendzeit (Originaltitel: Lust och fägring stor), auch unter den Verleihtiteln Verführung im Klassenzimmer oder Lehrstunden der Liebe bekannt, ist ein schwedisch-dänischer Spielfilm aus dem Jahr 1995. Mit Marika Lagercrantz in der Hauptrolle. Was soll ich mehr dazu sagen? Bo Widerberg hatte auch das Drehbuch geschrieben, es ist sein letzter Film gewesen. Der Film gewann auf der Berlinale 1996 den Silbernen Bären, Widerberg erhielt in Schweden seinen zweiten Guldbagge. Der Film war auch für den Oscar nominiert, hat ihn aber nicht bekommen. Ich hätte es Widerberg gegönnt. 

Samstag, 5. Juni 2021

die schöne Frau Lore Ley

Ein Blick auf das Gemälde von Carl Joseph Begas sagt uns alles. Eine schöne Frau, die ihren Gesang mit ihrer Gitarre begleitet. Ein Spiegel liegt auf dem Boden, offenbar ist sie eitel. Und daneben ein goldener Kamm. Und eine Perlenkette, wahrscheinlich sind es Flussperlen. Der goldene Kamm, das kostbare Salbgefäß aus gefasstem Bernstein, der Handspiegel und die Perlenkette lassen sowohl Verbindungen zur 'Luxuria', der Allegorie der Unkeuschheit und Wollust, als auch zuur biblischen Symbolgestalt der Maria Magdalena erkennen. Sagt Rita Müllejans-Dickmann, sie muss es wissen, sie leitet das Museum, in dem das Bild hängt.

Für Franz Kugler war es ein großartiges Bild: Begas hat die Loreley gemalt, fast ebenso, wie sie das Lied schildert. Das blonde Haar wallt frei über den Rücken hinab und wird leicht vom Winde gehoben. Sie hat eben ihren Putz beendet, der goldene Kamm und Spiegel liegen zu ihren Füßen. Da kam den Rhein hinab ein Nachen mit zweien Männern gefahren. Eilig ergriff sie die Laute und sang dazu ihr verderbliches Lied, welches den Nachen in den Strudel herlockt, der ihn hastig verschlingen will. Sie neigt ihr Haupt über den Abhang, und blickt auf ihre Beute hinab, indem sie nur noch leise den Accord ihrer Laute nachklingen lässt.

Wir kennen die Blondine mit dem goldenen Kamm aus Heinrich Heines Lied, und diese Lorelay oder Loreley hatte hier auch schon den ein oder anderen Post. Aber wo kommt sie eigentlich her? Zum erstenmal taucht die betörende Schönheit in einem Roman mit dem Titel Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter von Clemens Brentano auf. Der Roman ist in den Jahren 1801 und 1802 in zwei Teilen bei Friedrich Wilmans in Bremen erschienen. Es war ein kleiner aufstrebender Verlag, den der Sohn des Bremer Stadtkommandanten Melchior Wilmans später nach Frankfurt verlegte. Goethe hat über den Verleger gesagt: Herr Wilmans, gleichfalls Kunstliebhaber, besitzt schätzenswerte Gemälde; seine Bemühungen um Literatur und Kunst sind allgemein bekannt

Wir müssen in dem Roman von Bretano, der seinen Untertitel Ein verwilderter Roman völlig zu Recht hat, lange lesen, nämlich bis zum 36. Kapitel des zweiten Buches, bis ein junges Mädchen bei einer Kahnfahrt auf einem Teich ein Lied singt:

Zu Bacharach am Rheine
Wohnt eine Zauberin,
Sie war so schön und feine
Und riß viel Herzen hin.

Es ist bei Brentano eine lange Geschichte mit der schönen unheilbringenden Zauberin, die wenig, sehr wenig, mit Heines Gedicht zu tun hat. Goldene Kämme und blondes Haar kommen auch nicht darin vor. Dass Frauen mit ihrem Gesang Männer verführen, ist eine Sache, dass sie für die Seefahrt eine Gefahr sind, ist eine andere. Normalerweise sind dafür sie Sirenen zuständig, wie hier auf dem Bild von Alexander Bruckmann Odysseus und die Sirenen aus dem Jahre 1829. Eine der Sirenen heißt Ligeia oder Ligea (die Helltönende), und die finden wir schon bei Milton in einer Stellung, die doch sehr an Heine erinnert:

And fair Ligea's golden comb, 
Wherewith she sits on diamond rocks,
Sleeking her soft alluring locks,
By all the nymphs that nightly dance 
Upon thy streams with wily glance

Aloys Wilhelm Schreiber hat 1818 in seinem Handbuch für Reisende am Rhein ein ganzes Kapitel für die Loreley: In alten Zeiten lies sich manchmal auf dem Lurley um die Abenddämmerung und beym Mondschein eine Jungfrau sehen, die mit so anmuthiger Stimme sang, dass alle, die es hörten, davon bezaubert wurden. Viele, die vorüberschifften, gingen am Felsenriff oder im Strudel zu Grunde, weil sie nicht mehr auf den Lauf des Fahrzeugs achteten, sondern von den himmlischen Tönen der wunderbaren himmlischen Jungfrau gleichsam vom Leben abgelöst wurden, wie das zarte Leben der Blume sich in süßen Duft verhaucht. Am Ende des Kapitels erfahren wir, dass die Loreley den Rittern, die sie fangen sollen, davonschwimmt: 

Die Jungfrau sass oben auf der Spitze, und hielt eine Schnur von Bernstein in der Hand. Sie sah die Männer von fern kommen, und rief ihnen zu, was sie hier suchten? Dich Zauberin antwortete der Hauptmann. Du sollst einen Sprung in den Rhein dahinunter machen. Ey, sagte die Jungfrau lachend, der Rhein mag mich holen. Bey diesen Worten warf sie die Bernsteinschnur in den Strom hinab und sang mit schauerlichem Ton: 'Vater, geschwind, geschwind, Die weissen Rosse schick’ deinem Kind, Es will reiten mit Wogen und Wind!' Urplötzlich rauschte ein Sturm daher, der Rhein erbrauste, dass weitum Ufer und Höhen vom weissen Gischt bedeckt wurden, zwey Wellen, welche fast die Gestalt von zwey weissen Rossen hatten, flogen mit Blitzeschnelle, aus der Tiefe auf die Kuppe des Felsens, und trugen die Jungfrau hinab in den Strom, wo sie verschwand. Jetzt erst erkannten der Hauptmann und seine Knechte , dass die Jungfrau eine Undine sey, und menschliche Gewalt ihr nichts anhaben koenne. Sie kehrten mit der Nachricht zu dem Pfalzgrafen zurück, und fanden dort, mit Erstaunen, den todtgeglaubten Sohn, den eine Welle ans Ufer getragen hatte. Die Lurleyjungfrau lies sich von der Zeit an nicht wieder hoeren, ob sie gleich noch ferner den Berg bewohnte, und die Vorüberschiffenden durch das laute Nachäffen ihren Reden neckte.

Das einzige, das an dem Ganzen stimmt, ist die Sache mit dem Nachäffen, der Lurleyfels wirft nämlich ein Echo. Das schon beschrieben wurde, bevor man die Loreley erfand. Die Romantik präsentiert uns einen wirren Kuddelmuddel um die blonde Felsenbewohnerin. Bei Aloys Schreiber ist sie gerade eine Wassernixe geworden, bei Eichendorff ist sie eine Hexe, der ein Ritter im Wald begegnet. Und bei Clemens Brentano ist sie eine Zauberin. Er lässt sie noch ein zweites Mal auftauchen, nämlich in seinem Rheinmärchen, da werden auch blonde Haare gekämmt: Nachdem Murmelthier herzlich für diese Geschenke gedankt hatte, sagte Frau Else: 'Nun, mein Kind, kämme mir und Frau Lurley die Haare, wir wollen die deinigen dann auch kämmen'- dann gab sie ihr einen goldnen Kamm, und Murmelthier kämmte Beiden die Haare und flocht sie so schön, dass die Wasserfrauen sehr zufrieden mit ihr waren. 

Es gibt keine Frau, von der die Deutschen mehr hingerissen als von der Loreley. Es gibt aber auch kein Motiv, das mehr zum Klischee verkommen ist als eben diese Loreley. Sie war einmal Galionsfigur der deutschen Romantik. Sie wurde zum Erotikon deutscher Philister. Sie war die Verkörperung libidinöser Zwangs-, Traum- und Wahnvorstellungen, schreibt Wolfgang Minaty im Vorwort zu dem Lesebuch Die Loreley des Insel Verlages, in dem Gedichte, Prosatexte, Opern und Bilder zum Thema der Sängerin auf dem Felsen versammelt sind. Diese wunderbare Karikatur von Manfred Schmidt aus dem Jahre 1962 findet sich auch in dem Band. Mein eigenes touristisches Loreley Erlebnis habe ich schon in den Post Drachenfels hineingeschrieben.

Bevor Heinrich Heine sein berühmt gewordenes Gedicht schreibt, ist ein anderes Loreley Gedicht erschienen. Es stammt von dem Grafen Otto Heinrich von Loeben. Den kennen Sie schon, weil er hier im Poetry Month April einen Post hatte. Viele Literaturwissenschaftler nehmen an, dass es Loebens Gedicht Der Lureleyfels aus dem Jahre 1821 war, das Heine zu seinem Gedicht angeregt hat:

Da wo der Mondschein blitzet
Um's höchste Felsgestein,
Das Zauberfräulein sitzet,
Und schauet auf den Rhein.

Es schauet herüber, hinüber,
Es schauet hinab, hinauf,
Die Schifflein ziehn vorüber,
Lieb' Knabe, sieh nicht auf!

Sie singt dir hold zum Ohre,
Sie blickt dich thöricht an,
Sie ist die schöne Lore,
Sie hat dir's angethan.

Sie schaut wohl nach dem Rheine,
Als schaute sie nach dir,
Glaub´s nicht, daß sie dich meine,
Sieh nicht, horch nicht nach ihr!

So blickt sie wohl nach allen
Mit ihrer Äuglein Glanz,
Läßt her die Locken wallen
Unter dem Perlenkranz.

Doch wogt in ihrem Blicke
Nur blauer Wellen Spiel,
Drum scheu die Wasserthücke,
Denn Flut bleibt falsch und kühl.


Die beiden letzten Zeilen haben für den Grafen eine besondere Bedeutung. Denn der Sekondeleutnant von Loeben musste am 12. April 1814 auf dem Weg nach Paris mitansehen, wie die Hälfte seiner Kompanie bei Miltenberg im Main versank. Das erste große deutsche Fährunglück des 19. Jahrhunderts, da bekommen die Verse Drum scheu die Wasserthücke, Denn Flut bleibt falsch und kühl eine ganz andere Dimension.

Ich habe eine interessante Seite von Frau Dr Dagmar Aversano-Schreiber, der Vorsitzenden des Geschichtsvereins Bacharach, über die Rheinromantik anzubieten, und die Seite für Tolkien Fans ist zu dem Thema Loreleys, Nixen und Undinen auch nicht zu verachten. Ich habe da erfahren, dass der Mummelsee im Schwarzwald voller nackter Nymphen ist, in die man sich nicht verlieben soll. Das Goethezeitportal ist natürlich immer zu empfehlen. Ich habe auch noch Juliette Gréco in dem Film Die schwarze Lorelei hier im Programm und als Sänger des Liedes in der Version von Friedrich Silcher: Heinrich SchlusnusMireille Matthieu und Karaokefrau. Und ich höre jetzt mal mit einem Vierzeiler von Peter Rühmkorf auf:

Ich reise mit Gedichten umher, 
paarmal rundumerneuert
seit Achtzehnhundertichweißnichtmehr
Heinrich Heine die Lore beleiert.



Donnerstag, 3. Juni 2021

hot potatoes

Wo guckt er hin? Auf den ersten Blick scheint er etwas geistesabwesend zu sein. Wir müssen genauer hingucken. Es ist ein etwas seltsames Portrait. Wer würde sich so malen lassen? Wir kennen seinen Namen, es ist der Colonel George Lewis, er kommandierte die Royal Artillery bei der Belagerung von Gibraltar (damals war er noch Major). Und dieser Blick, den er auf das Meer wirft, ist der Blick eines Mannes, der gerade die Schlacht gewonnen hat, der mit seiner Artillerie die gefürchteten floating batteries der Spanier und Franzosen versenkt hat. Das Bild hat John Singleton Copley gemalt, den kennen Sie, weil Sie den Post But we will paint for money! gerade gelesen haben. Ich war zwei Monate in der Blogosphäre, da schrieb ich meinen ersten Post über Copley, viele sollten folgen. Ich mag ihn einfach. Als ich die Bücher wegpackte, die ich für But we will paint for money! benutzt hatte, sah ich zufällig dieses Bild; ich dachte, ich könnte mal darüber schreiben. Vor allem, weil das Museum, das das Bild heute besitzt, erstaunlicherweise überhaupt nichts über das Bild zu sagen weiß.

Das, worauf unser Artillerioffizier einen Blick wirft, was da unten links im Bild klein zu sehen ist, können wir auf diesem Bild des Marinemalers Thomas Whitcombe sehen: die Vernichtung der schwimmenden Artillerie Flöße, die sich der französische General Jean Claude Eléonore Le Michaud d’Arçon ausgedacht hatte. Die Verdienste von Major George Lewis werden vom König gewürdigt, er erhält einen auf den 13. Februar 1783 datierten Brief, in dem steht: His Majesty has seen with great satisfaction such effectual proofs of the bravery, zeal, and skill by which you and the Royal Regiment of Artillery under your command at Gibraltar have so eminently distinguished yourselves during the siege; and particularly in setting fire to, and destroying all the floating batteries of the combined forces of France and Spain on the 13th September last.

Das Bild von unserem Artillerieoffizier in der schwarzen Uniform mit den roten Aufschlägen, der für sein Land in Louisburgh, Quebec, Martinique und Havanna gekämpft hat, hat eine seltsame Geschichte. Es war bis 1969 im Besitz der Familie, dann wurde es bei Sotheby's versteigert, es hängt heute im Detroit Institute of Arts. Als Copley das Bild 1794 malt, ist der Colonel Lewis allerdings schon drei Jahre tot, die Familie wünschte sich offenbar ein Bild des verstorbenen Helden. Copley hatte ihn acht Jahre zuvor gezeichnet und ihn in ein ganz anderes Bild hinein gemalt, darauf kann er jetzt zurückgreifen. Auf dieser Zeichnung, die das Metropolitan Museum besitzt, können wir George Lewis als zweiten von rechts ganz klar erkennen. Copley hat ihn sitzend gezeichnet, und das hat seinen Grund.

Unser Artillerieoffizier sitzt auch hier auf diesem Gemälde, wir können ihn ganz rechts sehen. Er kann in dem Augenblick, als die Schlacht zuende geht, nicht mehr stehen, er ist am 10. September 1782 am Bein verwundet worden. In dem Brief aus Whitehall vom 13. Februar 1783 können wir auch noch lesen: as a reward for this service and the very dangerous wound which you received on that occasion, his majesty has been graciously pleased to grant you an allowance of 20 s. per day. I most sincerely hope for your speedy recovery, and have the honour to be, with the highest esteem and regard, your most obedient humble servant Richmond Master-General of the Ordinance. Der hier mit Richond unterzeichnete und George Lewis eine lebenslange Pension von zwanzig Shilling gewährende Brief ist von niemand Geringerem als dem Duke of Richmond.

Copleys Monsterbild (hier ein Ausschnitt) von der Belagerung Gibraltars ist 5,44 Meter mal 7,54 Meter groß. Es war so ein typisches Copley Unternehmen: ein Bild von einem sensationellem Gegenstand zu malen, ein Zelt zu mieten, um es auszustellen und dann Eintritt zu kassieren. Die City of London gibt ihm einen Vorschuss von tausend Guineas (er wird noch einen Nachschlag von 500 Guineas bekommen), und er beginnt zu malen. Er malt acht Jahre lang. Auf Leitern und Gerüsten. Er muss allen, die dabei waren, nachreisen, zum Beispiel 1787 nach Hannover, Copley nimmt seine Frau und seine Tochter mit; und er hat einen handgeschriebenen Brief von George III bei sich, der ihm alle Türen öffnet. In Hannover malt er Ölskizzen von den Herren De La Motte (den er eventuell auch portraitiert hat), Ernst August von Hugo und Bernhard Wilhelm von Schlepegrell, die inzwischen wieder bei ihrem hannöverschen Regiment sind, das vorher den Namen Gibraltar Brigade hatte. Die Bilder der drei Herren gehören mit zu dem Besten, das Copley gemalt hat.

Die Geschichte von Copleys The Siege and Relief of Gibraltar steht in diesem Blog schon in einem Post, der irritierender Weise nicht Gibraltar, sondern Hoya heißt. Und das hat seinen Grund. Denn der wirkliche Held von Gibraltar ist ein Nagelschmied aus Hoya, der Ludwig Schweckendiek heißt. Er ist nie auf den Bildern vom Sieg von Gibraltar (zu dem selbst Mozart einen Bardengesang schrieb). Er bekommt auch keine Pension wie der Major George Lewis. Den wir hier auf diesem Bild von George Carter wieder sitzend sehen können. Mit diesem Carter war der junge Copley 1774 in Italien. Zuerst fand er den ganz nett (a very polite and sensible man, who has seen much of the world), aber dann verschlechtert sich das Verhältnis. Und Copley schreibt über seinen Reisegenossen, er sei a sort of snail which crawled over a man in his sleep and left its slime, and no more.

Die englische Artillerie kann die floating batteries vernichten, weil sie glühende Kanonenkugeln verschiessen, hot potatoes nennen das die Kanoniere. Aber es dauert zwei bis drei Stunden, um eine Kanonenkugel so heiß werden zu lassen: Die Verteidiger beabsichtigten, diese gefährlichen Schiffe mit glühenden Kugeln in Brand zu schießen. Doch zeigte es sich, dass nach dem bisher bekannten Verfahren jeweils nur wenige Kugeln in 2-3 Stunden glühend gemacht werden konnten und der Erfolg daher zweifelhaft war. Da erfand in höchster Not der hannoversche Soldat und Nagelschmied Ludwig Schweckendieck aus Hoya Rostöfen, auf denen beliebig viele Kugeln in kurzer Zeit zum Glühen gebracht werden konnten. Diese Erfindung rettete am 13.9.1782 Gibraltar vor der Übergabe an die vereinigte spanisch-französische Flotte. Nach einer Erzählung soll Ludwig Schweckendieck eine schöne Pension vom englischen König bekommen und bis 1820 gelebt haben. Nach einem anderen, seriöseren Bericht ist er 1797 verarmt gestorben. So viele Berichte. So viele Fragen, heißt es am Ende von Brechts Gedicht über die Fragen eines lesenden Arbeiters. Eins ist sicher, die Schweckendiecks dieser Welt kommen nie auf die Gemälde.



Dienstag, 1. Juni 2021

But we will paint for money!


Vor 180 Jahren starb der schottische Maler David Wilkie. Dieses Selbstportrait hat er gemalt, als er zwanzig war. Wir können sehen, dass der junge Mann Talent hat. Ich würde ja über ihn schreiben, aber es gibt hier schon einen Post, der David Wilkie heißt. Es gibt auch schon einen Post über den Sohn des Landschaftsmalers William Collins, dem sein Vater aus Freundschaft zu dem schottischen Maler den Vornamen Wilkie gab. Sie kennen ihn als den Freund von Charles Dickens und den Erfinder des Kriminalromans, er heißt Wilkie Collins. Nichts Neues also.

Außer einer Zeile, die mir bei dem Namen Wilkie nie aus dem Kopf geht. Sie findet sich im Jahre 1810 in einer Satire über die Royal Academy, und sie ist besonders gegen zwei Amerikaner gerichtet, die Mitglieder der Royal Academy sind. Der eine heißt Benjamin West, er ist Präsident der Royal Academy, er war schon vor der amerikanischen Revolution in England. Der andere ist John Singleton Copley, der ist (ebenso wie Ralph Earl) während der Revolution nach England geflohen. Beide Maler haben etwas gemacht, was Maler zuvor nicht gemacht haben. Der Satiriker läßt die beiden Maler in einer Art Oper auftreten, die Mitglieder der Royal Academy stellen den Chor dar. Als erster tritt Benjamin West auf:

From Philadelphia's broad-brimm'd race, 
Whom vanity have undone, 
I took my easel on my back, 
And cross'd the seas to London! 
Lord! how I marvelld as I pass'd 
The streets with uncle Goodin!
For here we saw the men and girls
As thick as hasty pudding!

Und dann singt der Chor der Royal Academy:

Yankee doodle, doodle, doo, 
Yankee doodle, dandy; 
A perpendicular is straight, 
But beauty's line is bandy!

Dann kommt Copley zu Wort:

From Massachusetts' rebel state , 
When loyalty was crying, 
I ran on shipboard here, 
to paint Lord Chatham, who was dying. 
Then I hung up the House of Peers! 
(Though some were quite unwilling) 
And gave the group to public view, 
And show'd them for - a shilling! 

Und nun haben wir wieder den Chor der Royal Academy, die wieder Yankee doodle singen und nun auf dem Tisch tanzen:

Let David paint for hungry fame
And Wilkie subjects funny,
Let Turner sit and study storms
But we will paint for money!
If Pallas' head were up for sale
Let Gallia make the scull hers ; 
Let's keep the larder full, and we'll 
Come off with flying colours.

Benjamin West hat den Tod von General Wolfe gemalt, ein Ereignis, das erst elf Jahre zurücklag. So etwas hatte es in der Historienmalerei zuvor noch nicht gegeben, wenn man Historienbilder malt, dann sollten die Helden lange tot sein, sollten möglichst griechische oder römische Helden sein, aber aktuelle Zeitgeschichte war für Historienmaler ein no-no. Benjamin West bricht mit diesem Tabu und wird dafür belohnt, er wird der Historienmaler des Königs und erhält 1.000 Guineas im Jahr. Das ist damals sehr viel Geld.

John Singleton Copley geht noch einen Schritt weiter. Drei Jahre nach dem Tod von William Pitt präsentiert er das Bild The Death of the Earl of Chatham, an dem er die letzten Jahre gemalt hatte. Das dauerte so lange, weil da fünfundfünfzig Mitglieder des House of Lords portraitiert sein wollten, die alle dabei gewesen waren, als William Pitt im Parlament einen Schlaganfall erlitt. Als das Ganze fertig ist, mietet Copley ein kleines Gebäude und stellt das Bild gegen Eintrittsgeld aus. 20.000 Londoner haben es gesehen, kaum jemand geht noch in die gleichzeitig stattfindende Ausstellung der Royal Academy. Man hat ausgerechnet, dass er fünftausend Pfund an dem Ganzen verdient hat (man multipliziere es mit 100, um an den heutigen Wert zu kommen), aber wiegt das hunderte von Feinden auf, die sich Copley in der Londoner Kunstszene macht? 

Das Bild ist zwar the talk of the town, hat aber doch ein Gschmäckle von billiger Sensationshascherei. Man macht so etwas nicht als Maler, jegliches decorum fehlt, das dem 18. Jahrhundert so wichtig ist. Copley geht noch einen Schritt weiter. Er erfindet die Ein-Bild-Ausstellung und malt Ereignisse, die noch in aller Erinnerung sind., wie hier mit The Death of Major Peirson. Und so malen die beiden Amerikaner in London Bilder, die wie Aufnahmen für Filme von Cecil B. De Mille wirken: Hollywood avanti lettera, Popularisierung um jeden Preis, wie es Fritz Baumgart in Vom Klassizismus zur Romantik so schön formuliert hat.

Und in dem Punkt hat der Satiriker des Morning Herald im Jahre 1810 völlig recht, wenn er in seiner Pictorial Vision eines Diners der Royal Society die Herren West und Copley But we will paint for money! singen lässt. Copley hat als Maler gut verdient, aber er hat es, wie viele Maler, geschafft, am Ende des Lebens bettelarm dazustehen. Sein Sohn wird den Adelstitel Lord Lyndhurst bekommen und Lord Chancellor werden, der regelt dann den Nachlass.

Sonntag, 30. Mai 2021

zwei Opern in Berlin

Einmal standen wir drei Stunden in Magdeburg auf dem Bahnhof. Wir durften aus dem Zug aussteigen, aber den Bahnsteig nicht verlassen. Die Russen hatten den Zug der Reichsbahn angehalten, es war ein kleinerer diplomatischer Zwischenfall, weil auch amerikanische Soldaten im Zug saßen. Dass in Marienborn unser ganzer Bus auseinandergenommen wird, das war Alltagsroutine. Es war vor sechzig Jahren nicht so leicht, nach Berlin zu kommen. Man hat das heute alles hinter sich gelassen, was es da an Nickeligkeiten und Schikanen an der Grenze gab, aber ganz vergessen kann man es nicht. Ich nutzte damals jede Möglichkeit, um in die Stadt zu kommen, die einmal eine Weltstadt gewesen war. Diese einwöchigen Berlinreisen in den fünfziger und sechziger Jahren waren staatlich gefördert, man zahlte für eine Woche Berlin fünfzig Mark. Man wollte die Jugend an die geteilte Stadt binden, die nur noch durch Subventionen am Leben erhalten wurde. 

Es gab Klassenfahrten für Schulen, und Jugendgruppen jeder Couleur machten Fahrten nach Berlin. Man bekam für eine Berlinfahrt immer eine Woche schulfrei. Als ich begriffen hatte, wie das System funktionierte, meldete ich mich bei den unterschiedlichsten Gruppen an. Einmal sogar bei den Roten Falken. Auch mit unserer Malgruppe aus dem Jugendheim waren wir in Berlin. Die Lehrer haben mich damals schon etwas scheel angeguckt. Durften aber nichts sagen, war ja alles zu einem staatsbürgerlichen Zweck. Die Unterbringung erfolgte in Jugendherbergen, in der Gardeschützenkaserne in Lichterfelde (wo heute der BND sitzt) oder in den Umkleidekabinen des Schwimmstadions im Olympiastadion. Da musste man rechtzeitig zurück sein, sonst war das Olympiastadion zu. Wie die blonde Traute mit ihrem engen Rock um Mitternacht elegant über das Tor des Stadions geklettert ist, das vergesse ich nie.

Ein staatsbürgerlicher Vortrag im Schöneberger Rathaus gehört zum Pflichtprogramm. Der wird immer von dem demselben gelangweilten Referenten gehalten. Er rauchte, während er redete, aber die Asche fällt nie von seiner Zigarette. Niemand hört auf seinen Vortrag (nach dem ersten Berlin Besuch kennt den jeder), alle beobachten das Anwachsen der Asche. Die Stadt Berlin hat aber auch an die Zuhörer gedacht, auf den kleinen Tischen liegen Zigarettenschachteln zur Selbstbedienung aus. Kristallaschenbecher gibt es auch. Dann war da noch die obligatorische Stadtrundfahrt und der Besuch der Gedenkstätte Plötzensee, den russischen Panzer im Tiergarten und das sowjetische Ehrenmal in Treptow musste man natürlich sehen. Die gerade gebaute Kongresshalle, die schwangere Auster genannt wurde, auch. Das Programm wechselte mit dem Veranstalter, der Mann mit der Zigarette und Plötzensee waren aber immer im Programm.

Seit 1959 trommelte Axel Springer Macht das Tor auf!, aber das Tor war ja noch offen. Man konnte damals unter dem Brandenburger Tor hinduchgehen, so wie hier Chris Barbers Bus das Tor passiert. Oder wie Horst Buchholtz mit seinem Motorrad in dem Billy Wilder Film Eins, Zwei, Drei. Es gab zwei Berlins, aber es gab noch keine Mauer. Die wurde allerdings gebaut, während Billy Wilder seinen Film drehte, das Brandenburger Tor mussten sie jetzt in Geiselgasteig nachbauen. Es wurde immer schwieriger in den Osten Berlins zu gelangen. Und die dreitausend DDR Bürger, die Chris Barber 1959 im Westen in der Deutschlandhalle gehört hatten, konnten 1961 den Osten nicht mehr verlassen.

Der Bahnhof Friedrichsstraße wurde zu einer Art Festung umgebaut, eine Ausreise mit der S-Bahn wurde für die Bürger Ost-Berlins unmöglich. Die S-Bahn fährt zwar immer noch rund um Berlin, hält aber im Osten nur noch in der Friedrichstraße. Alle anderen Bahnhöfe sind zu Geister-Bahnhöfen geworden. Und auch die Einreise der Bürger der BRD (ein Kürzel, das damals nur von der DDR verwendet wurde) wurde schwieriger, endlose Passkontrollen. Wenig später standen an dem Checkpoint C, der im Nato Alphabet Charlie heißt, Panzer. Auf beiden Seiten.

Aber Ost-Berlin musste immer wieder sein. Wegen der Museumsinsel. Wegen dem Löwentor und dem Pergamonaltar. Und der Nationalgalerie, da war ich beinahe zuhause. Vor sechzig Jahren war ich mit meiner Freundin Traute, die leider viel zu früh verstorben ist, eine Woche in Berlin. Wir bewegten uns von Museum zu Museum. Wir hatten noch kein Abitur, aber ihr war klar, dass sie Kunst studieren würde. Mir war klar, dass ich Kunstgeschichte studieren würde. Und an diesem schönen Spätsommertag, als wir auf der Museumsinsel landeten, konnte ich es wieder einmal nicht lassen, den Mini-Kunsthistoriker herauszulassen und gab vor jedem Bild meine Kommentare ab.

Als wir bei Franz Krüger und seinem Bild von der Parade auf dem Opernplatz angekommen waren, gesellte sich eine vierköpfige Familie aus Sachsen zu uns, die irgendwie den Eindruck hatten, dies sei eine offizielle Museumsführung. Bei der Nennung von Pferde-Krüger nickten sie schon alle fachmännisch mit den Köpfen, und als ich dann noch hinzufügte, dass Krüger bei einem Landschaftsmaler namens Kolbe gelernt hatte, den man den Eichen-Kolbe nannte (weil er immer so schöne Eichen in seine Bilder malte), waren sie von mir begeistert. Pferde-Krüger und Eichen-Kolbe, das kann man sich leicht merken. Und dann zur Krönung noch die Geschichte, dass Krüger am Anfang seiner Karriere Kohlezeichnungen von Pferden und Stallburschen gemacht hat, für fünf Groschen das Bild. Die Geschichte stimmt wahrscheinlich nicht, kommt aber immer gut an. Am Ende des Nachmittags war die Gruppe, die wir von Saal zu Saal mitschleppten auf etwas über zwanzig Leute angewachsen. Traute hatte die ganze Zeit über Schwierigkeiten, nicht vor Lachen loszuprusten. Ein schwedisches Diplomatenehepaar mit einem verzogenen Gör gab mir zum Schluss sein ganzes DDR Blechgeld. Sie glaubten wohl, einem jungen DDR Bürger damit einen großen Gefallen zu tun.

Mein Berlin 1961 das waren die Museumsinsel und die Gemäldegalerie in Dahlem in der Lansstraße, alles, was Wilhelm von Bode damals zusammengekauft hatte. Manche Bilder muss ich immer wieder sehen, manche Bilder habe ich schon so häufig gesehen, dass ich das Gefühl habe, sie gehörten mir. Also zum Beispiel das Charlottenburger Schloß, da bin ich immer nur rein, um mir das Portrait von Harry Graf Kessler anzusehen. Und den Mönch am Meer von Caspar David Friedrich im Vorbeigehen. Ich weiß, dass das schon Snobismus ist. Und neben der Kunst war mein Berlin das Kino. Oder genauer die vielen Kinos, wie hier der Zoo Palast, wo man Filme sehen konnte, die es bei uns in der Provinz nicht gab. Obgleich sich unser Schülerfilmclub schon bemühte, wichtige Filme zu zeigen.

Als ich in dem Wikipedia Datenblatt für den 30. Mai las, dass Walter Felsenstein, Gründer, Intendant und Chefregissuer der Komischen Oper Berlin (Bild), am 30. Mai 1901 geboren wurde, fiel mir ein, dass ich in den Sixties eine Operninszenierung von ihm in Ost-Berlin gesehen hatte. Und es wurde mir plötzlich klar, dass Opernbesuche bei all meinen vielen Berlinfahrten nie auf meinem Programm standen. Kinos und Museen immer wieder, Jazzkonzerte und die erste Disco Berlins am Hohenzollerndamm (wo man Boogie-Woogie, Twist oder Schmuse-Blues tanzte, im Osten tanzt man etwas, das Lipsi heißt). Und dann war da noch Juliette Gréco in der Komödie am Kurfüstendamm, sogar einmal die Wühlmäuse, als sie noch in einem kleinen Saal auftraten. Und die blonde Beate Hasenau in dem politischen Kabarett die bedienten, aber keine Oper. Nur zweimal in all den Jahren.

Das hier nannten die Berliner die dicke Wand, es ist die Straßenfront zur Bismarckstraße (mit der Skulptur von Hans Uhlmann) der am 24. September 1961 neu eröffneten Deutschen Oper Berlin, deren Schöpfer der Architekt Fritz Bornemann war. Im Osten baut man die Mauer, hier hatte man auch eine Mauer; aber diese Mauer aus Waschkieselputzplatten (70x12 Meter) trennte nicht die Stadt, sie trennte nur den Autolärm der vierspurigen Bismarckstraße vom Gesang auf der Bühne.

Es war ein potthäßliches Bauwerk. Die Sängern Christa Ludwig hat gesagt, es sei eine Schachtel von innen und außen, kühl, funktional, sachlich und ohne jeden Charme. Die Sängerin war zur Premiere eingeladen worden und hatte sich ein neues Kleid gekauft: Mit sehr viel großem Tüll. Als ich mich aber auf meinen Platz setzte, erstreckte sich mein Rock über die Plätze rechts und links neben mir. Da konnte niemand mehr sitzen. Sie ging in die Damentoilette und fragte nach einer Schere. Kurzerhand schnitt ich sämtliche Volants unter dem Rock ab! Dass Damen in großem Abendkleid in der Oper auch sitzen wollen, hatte der Architekt wohl nicht bedacht. Anfang Oktober war ich in der Betonschachtel. Es gab Don GiovanniFischer-Dieskau hatte zur Premiere gesungen, als der Bundespräsident Lübke im Publikum saß. Doch in der Woche, als ich die Oper hörte, hatte er das schon nicht mehr nötig, in Berlin zu sein. Er hatte andere Verpflichtungen. Wenn ich in Bremen geblieben wäre, hätte ich ihn in der Glocke die Winterreise singen hören können. Immerhin war Christa Ludwigs Ehemann Walter Berry, der den Leporello sang, noch da. 

Was bei dem Presserummel um die Deutsche Oper Berlin nicht erwähnt wurde, war die Tatsache, dass man drüben in der Staatsoper Unter den Linden auch einen Don Giovanni hätte sehen können. Die Oper war 1955 neu eröffnet worden, aber man hatte damals den goldenen Schriftzug Fridericus Rex Apollini et Musis durch Deutsche Staatsoper ersetzt, was für den Dirigenten Erich Kleiber ein Grund war, seine Stelle als Generaldirektor zu kündigen: Für mich ist dieser Vorfall ein trauriges, aber sicheres Symptom, dass, wie im Jahr 1934, Politik und Propaganda vor der Tür dieses ‚Tempels‘ nicht haltmachen werden. 

Politik und Propaganda machen damals nirgendwo halt. Auch die Namensgebung Deutche Oper Berlin war ein politischer Akt gewesen. Die erste Spielzeit nach dem Mauerbau hatte für die Staatsoper unter den Linden einschneidende Auswirkungen. Die meisten Künstler gingen in den Westen. Mitarbeiter, die im Westteil der Stadt wohnten, konnten ihren Arbeitsplatz noch erreichen, aber konnten ihr Gehalt in Ostmark nicht mehr 1:1 tauschen. Sie blieben, das betraf vor allem die Chormitglieder, in der Folgezeit weg. Um das Ensemble zu retten, holte man sich von den Musikhochschulen der DDR alle angehenden Musiker, die Solisten kamen aus anderen Häusern der DDR oder wurden von Opernhäusern des Ostblocks ausgeliehen. Den Don Giovanni sang 1961 der tschechische Bariton Rudolf Jedlicka.

Die Sänger der Deutschen Oper Berlin trugen 1961 Kostüme, die an das 18. Jahrhundert erinnern sollten, und das Bühnenbild war ein klein wenig scheußlich, eine moderne Inszenierung war das nicht. Die dicke Wand war moderner. Und der Don Giovanni in Bremen im Januar 1966 in der Inszenierung von Götz Friedrich und dem Bühnenbild von Josef Svoboda war etwas ganz anderes. Ich hatte für die Deutsche Oper Berlin (wie die Städtische Oper jetzt auf den Vorschlag von Ferenc Fricsay hieß) eine billige Karte ganz weit oben bekommen; es war schwierig gewesen, überhaupt eine Karte zu bekommen. Was mich faszinierte, war die große weißbeleuchtete Glasplatte vor dem Dirigenten, auf der die Noten lagen. Dagegen hob sich Ferenc Fricsay in seinem schwarzen Frack wie ein Gespenst ab. Man merkte Fricsay an, dass er schon schwerkrank war, und wenige Monate später hat er sein letztes Konzert gegeben.

Götz Friedrich, der in den sechziger Jahren ein halbes Dutzend Opern in Bremen in der Ära von Kurt Hübner inszenierte, war Mitarbeiter von Walter Felsenstein an der Komischen Oper in Berlin (Ost) gewesen. Nach einem Gastspiel in Stockholm 1972 kehrte er nicht mehr in die DDR zurück. Zwanzig Jahre nach dem Don Giovanni an der Deutschen Oper Berlin wurde er da Generalintendant und Chefregisseur. Da war Felsenstein schon tot. Felsenstein war ein berühmter Mann, und beinahe all seine Inszenierungen wurden mit Adjektiven wie epochal oder legendär versehen. So auch die Janácek Oper Das schlaue Füchslein, ein Werk, in das er sich auf eine seltsame Art verliebt hatte, wie er sagte. Die Inszenierung, die 1965 für das Fernsehen aufgenommen wurde, gilt heute als sein Hauptwerk. Man bekommt sie bei arthouse als DVD, Sie können sie aber auch hier sehen.

Man redete in Berlin von nichts anderem, Felsensteins Opern zogen die Leute an. Das hier ist keine Corona Impfschlange, das sind Jugendliche in Karl Marx Stadt, die unbedingt in die Oper wollen. Da ist Karl Riha Chef, ein Österreicher wie Felsenstein, und Karl Riha, bei dem Harry Kupfer gelernt hat, war Kult. Es ist eine seltsame Sache, dass zwei Österreicher, die jederzeit aus der DDR ausreisen können, das Musikleben der DDR bestimmen. Obgleich ich mit Leoš Janáček und singenden Füchsen nicht so viel anfangen kann, bin ich in den Osten, um mir Das schlaue Füchslein anzusehen. Meine Verwandten rieten mir, das Geld 1:1 einzutauschen, aber ich dachte nicht daran. Ich nahm den Kurs, den mir die Wechselstube in West-Berlin anbot, und der war ganz bestimmt nicht 1:1. So konnte ich mir eine sehr teure Karte kaufen, die natürlich sehr billig war. Und dann saß ich ganz weit vorn, da wo die Leute mit den teuren Karten saßen. Das waren übergewichtige SED Parteibonzen mit Orden am schwarzen Anzug. Es waren noch andere mit Orden in den vorderen Reihen. Das waren englische Leutnants in blauen Paradeuniformen, die ihren Mädels mal ein bisschen DDR Kultur gönnen wollten. Ich fand die Tiere auf der Bühne in ihren billigen DDR Trikotagen total bescheuert, da gefielen mir die Bonzen und die Leutnants besser.

Ich weiß, ich bin ein Banause, ich kann's nicht ändern. Für Walter Felsenstein Fans habe ich hier noch ein Portrait und eine Dokumentation des berühmten Regisseurs. Man bekommt nicht nur Felsensteins Inszenierung von Das schlaue Füchslein bei arthaus, man bekommt da auch die Don Giovanni Aufführung von 1961, Kulturdenkmäler aus einer inzwischen ganz fremden Zeit. Ich bin der Bundesregierung immer noch dankbar, dass sie die Sache mit den 50 Mark Berlinreisen erfunden hat. Wenn ich Walter Felsensteins Geburtstag als Anlass genommen habe, um über die Sixties in Berlin zu schreiben, dann ist das nicht das erste Mal, dass ich über das Berlin meiner Jugend schreibe. Sie könnten jetzt auch noch die schwer autobiographischen Posts Liaisons Dangereuses, Karl Lemke, Kunsterziehung und Bauarbeiten lesen.

Mittwoch, 26. Mai 2021

Malbrough s'en va-t-en guerre


Nachts geht nun das Singen und Lärmen recht an. Das Liedchen von Marlborough hört man auf allen Straßen, dann ein Hackebrett, eine Violine, schreibt Goethe in seiner Italienischen Reise. Das Liedchen, das man auf allen Straßen hört, ist ein Ohrwurm, es verfolgt Goethe auf seinen Reisen. Er schreibt es in seine zweite Römische Elegie hinein:

Ehret, wen ihr auch wollt! Nun bin ich endlich geborgen!
Schöne Damen und ihr, Herren der feineren Welt;
Fraget nach Oheim und Vettern und alten Muhmen und Tanten;
Und dem gebundnen Gespräch folge das traurige Spiel.
Auch ihr übrigen fahret mir wohl, in großen und kleinen
Zirkeln, die ihr mich oft nah der Verzweiflung gebracht,
Wiederholet, politisch und zwecklos, jegliche Meinung,
Die den Wandrer mit Wut über Europa verfolgt.
So verfolgte das Liedchen Malbrough den reisenden Briten
Einst von Paris nach Livorn, dann von Livorno nach Rom,
Weiter nach Napel hinunter; und wär’ er nach Smyrna gesegelt,
Malbrough! empfing ihn auch dort, Malbrough! im Hafen das Lied.
Und so mußt’ ich bis jetzt auf allen Tritten und Schritten
Schelten hören das Volk, schelten der Könige Rat.
Nun entdeckt ihr mich nicht sobald in meinem Asyle,
Das mir Amor der Fürst, königlich schützend, verlieh.
Hier bedecket er mich mit seinem Fittich; die Liebste
Fürchtet, römisch gesinnt, wütende Gallier nicht;
Sie erkundigt sich nie nach neuer Märe, sie spähet
Sorglich den Wünschen des Manns, dem sie sich eignete, nach.
Sie ergötzt sich an ihm, dem freien, rüstigen Fremden,
Der von Bergen und Schnee, hölzernen Häusern erzählt;
Teilt die Flammen, die sie in seinem Busen entzündet,
Freut sich, daß er das Gold nicht wie der Römer bedenkt.
Besser ist ihr Tisch nun bestellt; es fehlet an Kleidern,
Fehlet am Wagen ihr nicht, der nach der Oper sie bringt.
Mutter und Tochter erfreun sich ihres nordischen Gastes,
Und der Barbare beherrscht römischen Busen und Leib.


Was ist das für ein Lied, das ganz Europa seit 1781 zu singen scheint? Ich mache mir die Antwort leicht und zitiere einmal etwas, das schon in dem Post Stately Homes steht: Marlbrough s'en va-t-en guerre, ne sait quand reviendra trällern französische Kinder seit dreihundert Jahren. Damals ist das Lied entstanden, als man ihn nach der Schlacht von Malplaquet fälschlicherweise totgesagt hatte. Das Lied ist leicht zu lernen, For he is a jolly good fellow hat die gleiche Melodie. Aber der Herzog von Marlborough gewinnt zusammen mit Prinz Eugen (dessen Taten wir den zweiten musikalischen Dauerbrenner, Prinz Eugen, der edle Ritter, verdanken) die Schlacht von Malplaquet und wird noch viele Schlachten gewinnen. Unter anderem die entscheidende Schlacht von Blindheim. Das kann ja nun kein Engländer aussprechen, also macht man Blenheim daraus. Und Blenheim heißt das neue Schloss, das sich John Churchill baut. Das dankbare englische Volk gibt ihm das Geld dazu. Genau genommen ist das Volk nie gefragt worden, ob es dankbar ist oder Geld geben will, das Parlament beschließt das mal so.

John Churchill, der spätere Herzog von Marborough, wurde am 26. Mai 1650 geboren. Da war der Dreißigjährige Krieg mal gerade zwei Jahre zuende, und viele dachten, dass das jetzt genug an Krieg war. Da dichtet Paul Gerhardt Gott Lob! Nun ist erschollen das edle Fried- und Freudenwort, dass nunmehr ruhen sollen die Spieß’ und Schwerter und ihr Mord. Aber der Krieg ist nie zuende. Vier Jahre nach Churchills Geburt beginnt der Bremisch-Schwedische Krieg (der hier schon einmal erwähnt wurde), und wenn der junge John Churchill alt genug für die Soldaten ist, darf er am Krieg der Franzosen gegen die Holländer teilnehmen. Den habe ich in dem Post Holland nicht erwähnt, weil der Post eh zu lang war. Hat aber keinen Leser abgeschreckt. Als John Churchill 1678 zum Colonel ernannt wird, heiratet er die achtzehnjährige Sarah Jennings, er wird ihr jahrzehntelang treu sein. Auf diesem Portrait des irischen Malers Charles Jervas ist sie vierundfünfzig, aber man sieht es ihr nicht an.

Der Herzog von Marlborough ist dankbar für den Spanischen Erbfolgekrieg, der ihn berühmt machen wird. Er ist als Feldherr Englands ein mächtiger Mann, aber der Einfluss seiner Gattin ist noch größer. Sie ist die Freundin der Königin Anne, und eigentlich regiert sie England. Das wissen Sie natürlich, weil Sie den vielfach preisgekrönten Film The Favourite gesehen haben. Falls Sie den nicht gesehen haben, können Sie ihn hier anklicken. Und Malbrough s'en va-t-en guerre können Sie natürlich auch hören, einmal in einer schönen Barockversion und einmal ganz frech von Colette Renard, die eine ganz schmutzige Version des Liedes singt. Das fängt schon damit an, dass sie statt ne sait quand reviendra den Text in ne sait quand baisera ändert.

Malbrough s'en va-t-en guerre taucht über die Jahrhunderte immer wieder auf, sei es in Beaumarchais' Le Mariage de Figaro (dort allerdings mit anderem Text) oder Beethovens Wellingtons Sieg. Wir finden das Lied in Tolstois Krieg und Frieden und in Jean Renoirs zweitem Tonfilm La Chienne. Aber beim European Song Contest hätte es wahrscheinlich keine Chance.