Samstag, 20. Oktober 2018

Tous les garçons et les filles de mon âge


Ach, da bin ich arte richtig dankbar, dass sie gestern das Portrait von Françoise Hardy sendeten (hier bis zum 25. Oktober noch zu sehen). Pure Sixties Nostagie. Ihr Ehemann Jacques Dutronc, die Mode Ikone der Zeit, war auch zu sehen. Françoise hat sich einwandfrei besser gehalten als Jacques Dutronc. Ich habe immer noch meine alten Françoise Hardy Platten, man sollte zu seiner Vergangenheit stehen. Und sie ist in diesem Blog schon mehrfach erwähnt worden. Klicken Sie doch einfach einmal die Posts Élysée Vertrag, Dahlia Lavy und Chanson an. So ein wenig Nostalgie an einem trüben Tag wie diesem richtig guttun. Fangen Sie doch mit Tous les garçons et les filles de mon âge an.


Freitag, 19. Oktober 2018

Erbsensuppe


Die kennen wir alle. Ob Mutti sie zu Hause gemacht hat, ob sie in der Kantine oder der Mensa serviert wird, oder ob man einem in einem Bundeswehrmanöver eine Kelle davon in den Henkelmann knallt. Oder die preiswerte Erbsensuppe bei Aschinger, wo man so viele Schrippen dazu essen konnte, wie man wollte. Die seltsamste Erbsensuppe, die ich je aß, wurde nach der Vernissage der Bilder eines jungen Künstlers serviert. Mein Professor, bei dem ich damals arbeitete, war, vom Johannistrieb übermannt, zu einer Society Dame gezogen. Hatte Frau und Kinder und das Haus verlassen und lebte jetzt in der Schickeria Welt. Da, wo man ein Schwimmbad im Keller hat und einen Porsche und einen Jaguar vor der Tür. Die Dame förderte auch junge Künstler, und heute war ein Maler mit seinen Bildern zu Gast, der einmal ein Schüler von Harald Duwe gewesen war. Dem gefiel die ganze Gesellschaft nicht. Ich kann dieses Pack nicht ausstehen, flüsterte er mir zu, ich verpiss mich.

Dazu kam es allerdings nicht, da gerade das Highlight des Abends serviert werden sollte: eine von einem Spitzenkoch zubereitete Erbensuppe. Die erwies sich als eine klare Brühe, in der vereinzelte Erbsen schwammen. Ich zählte siebzehn auf meinem Teller. Erstaunlich, was sogenannte Spitzenköche aus der guten alten Erbsensuppe machen können. Und da hat offensichtlich jeder sein eigenes Rezept. Tim Mälzer kippt da noch Weißwein und Pernod hinein. Da wäre man mit der Erbswurst, die sich seit dem Krieg 1870/71 als eiserne Ration der preußischen Armee hält, besser dran gewesen. Mit Erascos Erbenseintopf auch.

Ich bin auf das Thema Erbsensuppe gekommen, weil ich letztens in einem Roman auf das Thema stieß. Es war Nicolas Freelings Krimi Double-Barrel. Ich hatte den aus dem Regal genommen, als ich den Post Peepshow schrieb und aus irgendeinem Grund nicht zurückgestellt. Jetzt las ich ihn noch einmal. Freelings Romane kann man immer ein zweites und ein drittes Mal lesen. In dem Roman kocht van der Valks französische Gattin Arlette ihre berühmte Erbsensuppe. Zum Entsetzen des Gemüsehändlers tut sie Karotten hinein, Französinnen wissen eben nicht, wie man eine holländische Erbsensuppe kocht. Denn die holländische Erwtensoep muss lange kochen, bis dass der Löffel darin steht. Arlettes Erbsensuppe ist nach zwei Tagen fertig und schmeckt Piet van der Valk köstlich.

Wenn jemand wie Nicolas Freeling (der hier einen ausführlichen Post hat) Küche und Kochen in seinen Romanen erwähnt, dann kann das nicht verwundern, schließlich war er Koch, bevor er zu schreiben begann. Seine Autobiograpie hat den Titel The Kitchen and the cook, und ein Kochbuch hat er auch geschrieben. Ähnlich ist es bei Len Deighton, dessen Mutter Köchin war und der jahrelang der Restaurantkritiker des Observer war. Und Kochbücher schrieb und illustrierte. Während der Dreharbeiten zu Ipcress hat er Michael Caine beigebracht, wie man ein Omelett zubereitet.

Diese beiden Autoren sind sicherlich Ausnahmen, allerdings finden wir die Erbsensuppe an den erstaunlichsten Stellen. Seit Aristophanes sie in Die Vögel hineinschrieb, gehört sie zur Literatur. Insbesonders zu einer neuen Romanform, die sich Gourmet Krimis nennt. Und da finden wir eine uns bekannte Autorin Maj Sjöwall, die wir aus den Zeiten kennen, als sie mit Per Wahlöö diese wunderbaren Romane schrieb. Mit denen die Verfilmungen so gar nicht zu tun haben. Sjöwall hat einen kleinen 70-seitigen Krimi geschrieben, der Erbsensuppe flambiert heißt. Guten Appetit.

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Put the Blame on Mame


Heute wäre sie hundert Jahre alt geworden, aber sie ist schon seit dreißig Jahren tot. Natürlich war die Hollywood Göttin schon in diesem Blog. Lesen Sie dazu doch Gilda, Rita Hayworth und Zweiter Klasse. Dieses Photo hält den Rekord, das meistverbreite Pin-Up Photo des Zweiten Weltkriegs zu sein. Ich suchte für den heutigen Tag ein schönes Rita Hayworth Gedicht, wurde aber nicht so recht fündig. Da nahm ich Put the Blame on Mame Rita Hayworth in Gilda (1946) von Myra Litton. Und zu diesem Gedicht habe ich natürlich auch die passende Filmszene parat.

There was never quite a dame as hot as Rita in Put the Blame on Mame
Gilda with luscious red locks
And strapless slit dress
We can imagine her while dancing in a state of undress -but I digress
Hair wanton and free expressing sexuality
In ample quantity
Gilda/Rita undulating to jazzy accompaniment in sultry climes
A time capsule of those forties’ times
Gilda grinds to the beat
In real life she liked the bottle and often drank neat
She adorned wartime fighter planes, married Orson Welles
Lived a life insane
Throwing her hair back, quite a gal
Gilda/Rita you were the ultimate femme fatale

Sonntag, 14. Oktober 2018

Pfauen


Heute ist die Frankfurter Buchmesse für jedermann geöffnet, dann ist wieder alles vorbei. Die Leute kaufen weniger Bücher, das kennen wir schon. Es können auch immer weniger lesen, wissen wir auch schon. Vielleicht ist es an der Zeit, einmal ein Buch zu empfehlen, dass jedermann lesen kann. Jede Frau auch. Ist keine Weltliteratur, ist aber sehr vergnüglich. Die Hauptrolle in dem Roman spielt ein Pfau, der auch den Titel für den Debütroman der Übersetzerin Isabel Bogdan liefert:

In einem Anfall von Übermut hatte Lord McIntosh eines Tages fünf Pfauen erworben, drei Weibchen und zwei Männchen; er stellte es sich hübsch vor, wenn die Männchen auf der riesigen Rasenfläche vor dem Wohnhaus umherstolzierten und Räder schlugen. Die weniger hübschen Weibchen sollten sich dezent im Hintergrund halten und den Männchen unauffällig überhaupt erst einen Grund liefern, miteinander zu wetteifern und Räder zu schlagen. 

Die Realität wird jetzt etwas anders aussehen, als sich Lord McKintosh das vorgestellt hat: Einer der Pfauen war verrückt geworden. Vielleicht sah er auch nur schlecht, jedenfalls hielt er mit einem Mal alles, was blau war und glänzte, für Konkurrenz auf dem Heiratsmarkt. Nun gab es oben in dem kleinen Tal am Fuße der Highlands glücklicherweise kaum Dinge, die blau waren und glänzten. Es gab Wiesen und Weiden und Bäume und überhaupt viel Grün, und es gab die Heide. Und jede Menge Schafe. Das einzige blau Glänzende, was sich gelegentlich hierher verirrte, waren die Autos von Feriengästen. Lord und Lady McIntosh hatten die ehemaligen Wirtschaftsgebäude, Scheunen und alles, was sonst zu ihrem Anwesen gehörte und sich dafür eignete, zu Feriencottages umbauen lassen, damit der alte Kasten das Geld, das er verschlang, wenigstens halbwegs wieder hereinholte.

Ein schottisches Landhaus liefert die Theaterbühne, jetzt brauchen wir nur noch die Akteure: Lord und Lady McIntosh und die Gäste. Und natürlich die Pfauen. Was nun kommt ist ein wenig Fawlty Towers, ein wenig Evelyn Waugh und ein wenig P.G. Wodehouse. Wie gesagt, keine Weltliteratur. Aber immer amüsant. Und stilistisch gut geschrieben, mit feiner Ironie gewürzt. Ist etwas für Rekonvaleszenten, die im Bett liegen, für Leute, die am Strand liegen und einfach für zwischendurch. Auch diese Literatur gibt es. Glücklicherweise. Wenn Sie gerade Krieg und Frieden lesen und ein schlechtes Gewissen haben, trösten Sie sich mit Shaw, der gesagt hat: All normal people need both classics and trash.

Samstag, 13. Oktober 2018

Alice Neel


Es hat länger gedauert, die amerikanische Malerin, die am 13 Oktober 1984 starb, richtig zu entdecken. Aber im letzten Jahr war sie schon in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen. Alice Neel hat lange gebraucht, bis sie wirklich berühmt wurde und ihre Bilder auf dem Kunstmarkt honoriert wurden. Portraits von ihr bringen heute auf dem Markt zwischen dreistelligen und sechsstelligen Ergebnissen. Den Film der BBC kann ich Ihnen leider nicht anbieten.

Dafür habe ich aber einen lange interessanten Vortrag von Phoebe Hoban, der Autorin der Biographie Alice Neel: The Art of Not Sitting Pretty. Neel, die immer für die Rechte der Malerinnen eingetreten ist, hat lange gebraucht, bis sie künstlerisch ernstgenommen wurde. Dann hagelt es Einladungen, Interviews, Dokumentarfilme. Ihren in Kuba geformten Stil, der ein wenig nach José Clemente Orozco, Diego Rivera und Frida Kahlo schmeckt, hat sie nie aufgegeben.

In ihren letzten Jahren, die ihre größte Schaffensperiode sind, wird sie auch die Malerkollegen malen, die mit der modernen Kunst in den sechziger Jahren reich und berühmt geworden sind. Andy Warhol inklusive. Barry Walker hat sie one of the greatest portrait artists of the 20th century genannt. Bei Google Bilder finden Sie einen reichen Querschnitt aus ihrem Werk. Sie hat auch Gedichte (hier eine Auswahl) geschrieben. Dies hier handelt von Harlem, einem Stadtteil, dessen puertorikanische Einwohner sie immer wieder gemalt hat:

I love you Harlem
Your life your frequent
Women, your relief lines
Outside the bank, full
Of women who no dress
In Saks 5th Ave would
Fit, teeth missing, weary,
Out of shape, little black
Arms around their necks
Cling to their skirts
All the wear and worry
Of struggles on their faces
What a treasure of goodness
And life shambles
Thru the streets
Abandoned, despised,
Charged the most, given
The worst
I love you for electing
Marcaronio, and him for being what he is
And for the rich deep vein
Of human feeling buried
Under your fire engines
Your poverty and your loves

Freitag, 12. Oktober 2018

Erinnerung


Die Buchmesse steht vor der Tür. Überall tauchen neue Autoren und neue Romane auf, von denen wir noch nie gehört haben. Alles ist wichtig, alles will verkauft werden. Ich las im Feuilleton, dass eine Autorin namens Inger-Maria Mahlke, die in diesem Jahr den Buchpreis erhielt, gesagt hat: Ich misstraue der Erinnerung. Ich dachte immer, Auoren wären stolz auf die Erinnerung? Hier offenbar nicht: Weil ich Erinnerung und Gedenken, der nachträglichen Konstruktion von Vergangenheit auf Makro- wie auf Mikroebene misstraue. Wir neigen dazu, sowohl in der Geschichte als auch in unseren Biografien, Ereignisse, unsere Einstellung zu ihnen so umzudeuten, dass sie mit unserem jetzigen Selbst- oder Geschichtsbild stimmig sind. Das schrittweise Rückwärtserzählen soll es ermöglichen, die unterschiedlichen Entwürfe eingebettet in ihren Zeitkontext offen zu legen. Ich habe etwas länger gebraucht, um das Interview zwischen Inger-Maria Mahlke und Mathilda May zu verstehen. Ich erspare Ihnen das und sage, worum es in dem Roman Archipel geht: es ist eine Familiengeschichte, die sich über hundert Jahre hinzieht. Der Roman spielt auf Fuerteventura, wo die Autorin ihre Jugend verbrachte. Und ja, es wird von vorne nach hinten erzählt.

Es muss noch eine Autorin genannt werden, die sich mit der Erinnerung beschäftigt und die gerade einen Preis bekommt. Sie heißt Aleida Assmann und ist die diesjährige Preisträgerin vom Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (den im letzten Jahr Margaret Atwood erhielt). In ihrem Buch Der lange Schatten der Vergangenheit: Erinnerungskultur und Geschichtspolitik fand ich eine Seite, auf der die Autorin Zitate von Autoren versammelt, die etwas zum Thema Erinnerung gesagt haben. Schön fand ich Italo Svevos: Die Vergangenheit ist immer neu: Sie verändert sich dauernd, wie das Leben fortschreitet. Teile von ihr, die in Vergessenheit gesunken schienen, tauchen wieder auf, andere wiederum versinken, weil sie weniger wichtig sind. Die Gegenwart dirigiert die Vergangenheit wie die Mitglieder eines Orchesters. Sie benötigt gerade diese Töne und keine anderen. So erscheint die Vergangenheit bald lang, bald kurz. Bald klingt sie auf, bald verstummt sie. In die Gegenwart wirkt nur jener Teil des Vergangenen hinein, der dazu bestimmt ist, sie zu erhellen oder zu verdunkeln.  

Und dann fand ich da noch ein schönes Proust Zitat: Das Buch mit den in uns eingegrabenen, nicht von uns selbst eingezeichneten Charakteren, ist unser einziges Buch. Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur. Dabei belassen wir es mal für heute.

Dienstag, 9. Oktober 2018

fehlende Bilder


Jetzt habe ich es geschafft: die Villa von Arnold Duckwitz in Vegesack, von der es im ganzen Internet kein einziges Bild gab, ist bei Googles Bildern im Internet. Das Bild hat mir freundlicherweise der Pastor Ingbert Lindemann zur Verfügung gestellt. Das Haus sah schon mal schöner aus, aber das hier ist besser als garnix. Ich kenne den Landsitz des Bremer Bürgermeisters und Reichshandelministers, weil er gegenüber von unserem Haus stand. Durch den Park links vom Haus konnten wir auf die Weser schauen. Den Text auf der Tafel über der Tür kann ich immer noch auswendig: Auf diesem Landsitz wohnte Arnold Duckwitz 1802 bis 1881 Bürgermeister von Bremen 1848 Reichshandelsminister in Frankfurt a.M. Gründer der ersten deutschen Reichskriegsflotte. 

Man kann jetzt nicht mehr am Haus vorbei auf die Weser schauen, das Haus ist abgerissen, durch zwei seelenlose Apartmenthäuser ersetzt. Das Landesamt für Denkmalschutz hat damals gepennnt. Die Denkmalpfleger haben zwar das Grabmal von Duckwitz in ihrem Bilderarchiv, aber nicht seinen Sommerwohnsitz in der Weserstraße. Heute gibt es in der Weserstraße 76 und 77 keinen Hinweis darauf, dass hier einmal der Mann wohnte, der die erste deutsche Flotte aufgebaut hat. Man ehrt in Bremen die Geschichte nicht.

Noch mehr Duckwitz in den Posts: Arnold Duckwitz, Reichsflotte und Admiral Brommy