Mittwoch, 20. September 2017

Theodor Storm


Theodor Storm hat in diesem Jahr ein Jubiläum. Ich bemerkte das in den Zeitungen, überall war von ihm die Rede. Nur nicht in diesem Blog. Ein Leser hat das beklagt. Fragte mich, ob mir das zu viel Spökenkiekerei bei Storm wäre. Dabei wäre ich vorbereitet gewesen, um am 14. September, dem 200. Geburtstag von Storm, etwas zu schreiben. Ich hatte letztens Bücher aufgeräumt und bei dieser schönen Tätigkeit zwei Bücher über Storm gefunden. Das erste war die Biographie von Karl Ernst Laage Theodor Storm: Leben und Werk. Grundsolide, substantiell, manchmal ein wenig langweilig. Obwohl nicht unwitzig. Das Ganze wirkt wie ein umgestürzter Zettelkasten der jahrzehntelangen Forschung. Und dennoch gibt es immer wieder Interessantes. Von der manchmal exzentrischen Kleidung Storms bis zu den hölzernen Eulen, die der junge Emil Nolde ihm für den Schreibtisch schnitzt. Der Autor, der auch das Storm Archiv und das Storm Museum aufgebaut hat, besitzt leider keinen Wikipedia Artikel, da sollten die Storm Fans vielleicht einmal tätig werden.

Karl Ernst Laage, der in diesem Jahr im Alter von siebenundneunzig Jahren starb, war sicherlich der führende Mann, was die Forschung zu Storm betrifft. Vielleicht hätte es die ohne ihn gar nicht gegeben. Er folgte seinem Vater Carl Laage als Sekretär der Storm Gesellschaft und wurde auch der Vorsitzende der Gesellschaft. Wenn Sie ein Buch über Storm lesen wollen, dann sollten Sie mit diesem Buch anfangen, dem der Autor ein Zitat von Thomas Mann voranstellt: Storm: ein vergeistigter Schifferkopf, etwas schräg gehalten, Wetterfältchen in den Winkeln der zugleich träumerischen und spähenden blauen Augen, die Bitternis hochbedürftiger und skrupulöser Anstrengung um den Mund ... Man erfährt natürlich auch viel über Storm, wenn man seinen Briefwechsel mit Theodor Fontane oder Ludwig Pietschs ➱Wie ich Schriftsteller geworden bin: Der wunderliche Roman meines Lebens liest. Den Pietsch, den mir ➱Friedrich Hübner geschenkt hat, kann ich unbedingt empfehlen. Und das gerade erschienene ➱Storm-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung sollte man wahrscheinlich auch empfehlen.

Die zweite Biographie kann man sicher auch empfehlen, weil man eigentlich alle Bücher von Heinrich Detering (der einmal Ordinarius in Kiel war) empfehlen kann. Das Buch heißt Kindheitsspuren: Theodor Storm und das Ende der Romantik, und es ist Karl Ernst Laage zum neunzigsten Geburtstag gewidmet. Und das ist ein schönes Geschenk, das der neue Vorsitzende der Storm Gesellschaft seinem Vorgänger da macht. Es gibt noch eine neuere Biographie (da hat sich seit der Biographie von Franz Stuckert, die 1955 bei Schünemann in Bremen erschien, viel getan) von Jochen Missfeldt, einem ehemaligen Bundeswehr Piloten, der jetzt Schriftsteller ist. Sie wurde etwas gemischt aufgenommen, kann man bestimmt lesen. Man sollte aber bedenken, dass der Autor nicht das philologische Rüstzeug mitbringen kann, das Laage und Detering zur Verfügung steht.

So betont er dann eher das Sensationelle, was vielleicht Leser bringt, und bringt wieder einmal die abgedroschene Sache mit der angeblichen Pädophilie Storms aufs Tapet. Detering geht bei der Präsentation der Bertha von Buchan Geschichte sehr viel feinfühliger vor. Aber auch bei ihm hat sich die Kleine auf das Umschlagsbild verirrt. Detering hatte schon vorher in dem Buch Zwischen Mignon und Lulu: Das Phantasma der Kindsbraut in Biedermeier und Realismus über das Thema geschrieben. Pädophilie? erste Liebe? Verbalerotik? - durch Bertha von Buchan wird Storm zum ➱Dichter:

Aus eigenem Herzen geboren,
Nie besessen, dennoch verloren. 


Ihr Aug' ist blau, nachtbraun ihr lockicht Haar,
Ein Schelmenmund, wie jemals einer war,
Ein launisch' Kind; doch all' ihr Widerstreben
Bezwingt ihr Herz, das mir so ganz ergeben.


Wir sollten ihn als Dichter nicht unterschätzen, nicht nur, weil er Knecht Ruprecht geschrieben hat. Er gibt mit seiner leisen Wehmut viel, vor allem in seinen ➱Liebesgedichten:

Heute, nur heute
Bin ich so schön;
Morgen, ach morgen
Muß alles vergehn!
Nur diese Stunde
Bist du noch mein;
Sterben, ach sterben
Soll ich allein.


Thomas Mann, der in ihm einen Geistesverwandten sah, bescheinigte ihm die absolute Weltwürde der Dichtung und schrieb: Korrekt gerade ist eigentlich nichts bei Storm — als so begehrenswert ihm selbst das Bild des gemütvoll Korrekten möge ... so versucht und bemüht er gewesen sein mag, sein Leben und Wesen nach diesem Wunschbilde zu stilisieren. Was von Storm kam, ist nicht Storm; er setzt sich durch Anspruch, Kraft, Feinheit, Präzision, Persönlichkeit, Kunstgetragenheit gegen alles schlaff Bürgerliche ab, das an ihn .anzuknüpfen' meinte, wie er sich eben dadurch, durch sein Künstlertum einfach, schon gegen den spätromantischen Dilettantismus absetzte, von dem seine eigene Zeit wimmelte. Das Fazit von Manns Aufsatz zu Theodor Storm war: Er ist ein Meister, er bleibt.

Mein Vater liebte Theodor Storm. Immer wenn wir nach Sylt oder ➱Dänemark fuhren, nahmen wir die Elbfähre und trödelten langsam die Westküste entlang. Mein Vater kam aus der Gegend, er hatte uns immer etwas zu zeigen. Reimer Bull (der ➱hier einen Post hat) kam auch daher. Er erzählte mir einmal eine Geschichte, die mit einem Ortsnamen begann, und er fügte hinzu: Sie werden nicht wissen, wo das ist. Woraufhin ich ihm ins Wort fiel und sagte: Und ob ich das weiß, mein Vater ist dort geboren.

Ich stieg ganz gewaltig in Reimer Bulls Achtung. Vielleicht waren es Sätze wie diese, die meinen Vater zu Storm brachten: In der Landschaft, wo ich geboren wurde, liegt, freilich nur für den, der die Wünschelrute zu handhaben weiß, die Poesie auf Heiden und Mooren, an der Meeresküste und an den feierlich schweigenden Weideflächen hinter den Deichen; die Menschen selber dort brauchen die Poesie nicht und graben nicht danach. Unsere Westküstenfahrt führte uns immer durch Husum, und jedes Mal - Sie ahnen schon, was kommt - fühlte sich mein Vater genötigt, das Gedicht von der grauen Stadt am Meer zu rezitieren. Ich kann es immer noch auswendig.

Ich habe am 14. September, dem 200. Geburtstag von Theodor Storm, nichts über Storm geschrieben. Nichts über die Husumerei und die Provinzsimpelei, die Fontane ihm vorwarf. Es hat einen simplen Grund: ich habe zu wenig von Storm gelesen. Dies Bild von ➱Friedel Anderson vom Husumer Hafen stammt aus einer Hommage an Theodor Storm und es lässt mich noch einmal zu der Husumerei zurückkehren. Es ist mit Fontanes Berliner Snobismus zu kurz gedacht, denn letztlich macht Fontane nichts anderes als Storm, er schreibt über seine Heimat.

You have to have somewhere to start from: then you begin to learn. It dont matter where it was, just so you remember it and aint ashamed of it. Because one place to start from is just as important as any other. You’re a country boy; all you know is that little patch up there in Mississippi where you started from, hat Sherwood Anderson zu William Faulkner gesagt. Und Faulkner schreibt that little patch up there in Mississippi auf die Landkarte der Weltliteratur. Er nennt es Yoknapatawpha, es ist sein Husum.

Natürlich habe ich den ➱Schimmelreiter gelesen, diese Geschichte des Hauke Haien, einer langen Friesengestalt mit klugen grauen Augen. Viele Leser haben das autobiographisch gelesen. Aber Storm war keine lange Friesengestalt, er war mittelgroß und ging leicht gebeugt. Natürlich habe ich auch den ➱Film gesehen, den habe ich in diesem Blog immer wieder mal erwähnt. Mein erstes Storm Erlebnis war aber nicht der reitende Deichgraf, sondern ein Buch, das den rätselhaften Titel ➱Aquis Submersus hatte. Es war eine alte Reclam Ausgabe aus den dreißiger Jahren, die ich bei meinem Opa fand und mir erst einmal mopste. Die Novelle beeindruckte mich damals sehr, und die Spökenkierei und das Geheimnisvolle von Storm war auch hier zu finden:

Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, eines schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen besetzten Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem Grauen des Todes, wie hülfeflehend, noch eine letzte holde Spur des Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor diesem Bilde stand.

Das bleibt im Gedächtnis, das werden wir nicht mehr los. Und dieses Bild, auf dem wir auch das aquis submersus finden, bleibt blass gegen das Stormsche Bild. Die deutschen Erzähler des 19. Jahrhunderts lieben es, eine Portion des Unheimlichen in ihre Erzählungen zu mischen. Ob das der Chinese in ➱Effie Briest ist oder dieser Reiter auf dem Deich, den Storm lange im Kopf hat und den er erst in einen Roman schreibt, wenn er schon am ➱Sterben ist. Aquis Submersus ist halb so lang wie der ➱Schimmelreiter, beides sind Novellen. Keine Romane. Storm hätte nicht ➱Krieg und Frieden oder ➱Vor dem Sturm schreiben können. Die Engländer schreiben im 19. Jahrhundert dreibändige Romane, die Deutschen perfektionieren die Novelle. Von ➱Michael Kohlhaas bis ➱Leutnant Gustl.

Manchmal sind Storms Novellen historische Erzählungen, Chroniken (Aquis SubmersusRenateEekenhofZur Chronik von Grieshuus und Ein Fest auf Haderslevhuus). Eine hat sogar das Wort Chronik im Titel (Zur Chronik von Grieshuus). In den Chroniken müssen wir mit dem Erzähler abwärts steigen in die Vergangenheit. Und irgendwann treffen wir auf den ersten Erzähler, dessen Name in dem noch erhaltenen Kirchenbuche verzeichnet steht, wie es in Eekholt heißt. Es bleibt häufig nicht bei dem einen Erzähler, Storm erzählt verschachtelt, manchmal erinnert das an ➱Emily Brontë. Wenn man das Ganze kürzer haben will, weil unsere Zeit keine Zeit mehr hat, dann muss man zu Twitter gehen. Dort schreibt der Schimmelreiter selbst unter ➱Schimmelreiter live @storms_hauke.

Fontane füllt in meinen Regalen einige Meter, Wilhelm Raabe hat auch einen guten Meter. Storm nur die zwei Bände der Tempel Klassiker. Und die habe ich auch nur zufällig in der zweiten Reihe gefunden, weil ich letztens das Regal der Autoren, deren Name mit S anfängt, geordnet habe. Hatte ➱Stifters ➱Nachsommer in der Hand (immer noch nicht zu Ende gelesen) und dann den ganzen ➱Arno Schmidt. Da herrscht jetzt schöne Ordnung, das würde Arno gefallen. Er hat ja auch mal gesagt: Ich bin seit einigen Jahren so weit, dass die deutsche Literatur für mich mit Stifter und Storm aufhört. Wo Arno Schmidts Regalwelt aufhört, fängt ➱Albert Vigoleis Thelen an. Und Storm in der zweiten Reihe, das hat Symbolwert. Ich glaube, ich stelle ihn mal nach vorn.

Montag, 18. September 2017

Ehrenworte


Man kann in Flensburg Punkte sammeln, aber man sollte das lieber lassen. Man könnte allerdings das Flensburger Modell auf die Politik übertragen, das las ich letztens bei Erich Maletzke. Erich Maletzke hat Englisch und Geschichte studiert, aber er ist kein Studienrat geworden. Er wurde Journalist und hat auch mindestens ein Dutzend Bücher geschrieben. Und man konnte ihn im Radio mit seinem Ironischen Wochenrückblick hören. Ironie ist etwas, was Maletzke meisterhaft beherrscht. In seinem Buch Zwischenrufe aus Schleswig-Holstein macht er im Kapitel Bürokratisches einen verblüffenden Vorschlag: ... jeder Verkehrsteilnehmer weiß ganz genau, was er sich leisten kann, ehe der Führerschein kassiert wird. Was liegt eigentlich näher, als dieses bewährte System auch in der Politik einzuführen. Für jede Lüge gäbe es einen Punkt, für jede von einem Amigo bezahlte Reise drei Punkte, und wenn das Konto auf sechs Punkte angewachsen ist, erfolgt automatisch ein Politik-Verbot für die Dauer eines Jahres...

Man sollte überlegen, ob man Maletzkes Vorschlag nicht noch verfeinert und für ganz schlimme Lügen gleich drei Punkte verteilt. Ich denke da an Sätze wie: Mit mir wird es keine Pkw-Maut geben oder Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir. Oder der Satz von Frau Schavan: Ich bin davon überzeugt, dass die Plagiatsvorwürfe unberechtigt sind und dass sie ausgeräumt werden. Hier könnte noch mehr stehen, zum Beispiel diese ➱Silvana Koch-Mehrin, aber wir lassen es mal dabei.

Wir hatten uns daran gewöhnt, mit der gelegentlichen politischen Lüge zu leben, bis uns die Regierung von Donald Trump völlig neue Dimensionen eröffnet hat. Das postfaktische Zeitalter, in dem die Nasen länger und die Beine kürzer werden, hat die politischen Visionen von George Orwell längst überholt. Das Punktesystem von Maletzke ist nett, aber es wird nichts helfen. Die Lüge ist wie ein Schneeball: je länger man ihn wälzt, desto größer wird er, wusste schon Martin Luther.  Und Bismarck soll gesagt haben: Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.

Die Lüge gehört zu den Grundlagen der Politik. Versichert uns Hannah Arendt in ihrem Essay Wahrheit und Lüge in der Politik: Wahrhaftigkeit ist nie zu den politischen Tugenden gerechnet worden, weil sie in der Tat wenig zu dem eigentlich politischen Geschäft, der Veränderung der Welt und der Umstände, unter denen wir leben, beizutragen hat. Dies wird erst anders, wenn ein Gemeinwesen im Prinzip sich der Lüge als einer politischen Waffe bedient, wie es etwa im Falle der totalen Herrschaft der Fall ist; dann allerdings kann Wahrhaftigkeit als solche (...) zu einem politischen Faktor ersten Ranges werden. Wo prinzipiell und nicht nur gelegentlich gelogen wird, hat derjenige, der einfach sagt, was ist, bereits zu handeln angefangen, auch wenn er dies gar nicht beabsichtigte. In einer Welt, in der man mit Tatsachen nach Belieben umspringt, ist die einfachste Tatsachenfeststellung bereits eine Gefährdung der Machthaber.

Heute vor dreißig trat ein deutscher Ministerpräsident vor die Öffentlichkeit und sagte: Meine Damen und Herren, über diese Ihnen gleich vorzulegenden eidesstattlichen Versicherungen hinaus gebe ich Ihnen, gebe ich den Bürgerinnen und Bürgern des Landes Schleswig-Holsteins und der gesamten deutschen Öffentlichkeit mein Ehrenwort – ich wiederhole: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! – dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind. Es war seine Reaktion auf einen Artikel des Spiegel, der schlimme Dinge aufdeckte. Gegenüber Journalisten hatte Uwe Barschel wenige Tage zuvor noch gesagt: Das Einzige, was an dem Artikel stimmt, ist die Schreibweise meines Namens. Aber von dem Artikel des Spiegel stimmte noch mehr, viel mehr. Ich konnte das Ereignis vor fünf Jahren nicht auslassen und schrieb den Post ➱Ehrenwort. Wurde nicht gelesen. Politische Lügen interessieren niemanden mehr, mit oder ohne Ehrenwort.

Da ich oben zwei Doktoranden erwähnte habe, möchte ich noch einmal auf das Thema Doktorarbeit zurückkommen. Herr Barschel besaß zwei Doktortitel, was ihm auch den Spottnamen Dr Uwe Uwe einbrachte. Dem Gerücht nach soll es sich um dieselbe Arbeit (Die Stellung des Ministerpräsidenten von Schleswig- Holstein unter besonderer Berücksichtigung der Gewaltenteilung) gehandelt haben, die mit leicht verändertem Titel einmal den Politologen und zum anderen den Juristen vorgelegt wurde. Das stimmt nicht ganz, aber wir lassen das mal so stehen (ich kenne übrigens Barschels Ghostwriter, dem der Dr Uwe Uwe zum Dank eine schöne Karriere sicherte). Die Arbeit ist nicht gerade auf hohem Niveau. So heißt es in dem Suhrkamp Band Paradoxien, Dissonanzen, Zusammenbrüche von Hans U. Gumbrecht und K. Ludwig Pfeiffer:  Neben seiner politologischen Dissertation hat Barschel noch eine juristische Doktorarbeit über die Rechtspolitik der CDU geschrieben, wobei ihm der doppelte Doktor den Spitznamen »Baby Docdoc» einbrachte. Beide Dissertationen sind von geradezu bestürzender Dürftigkeit - nichts als Kompilationen von CDU-Papieren und verfassungsgeschichtlichen Gemeinplätzen.

Bei dem Untersuchungsausschuss zur Barschel Affäre tat sich der junge Abgeordnete Dr Trutz Graf Kerssenbrock hervor, was seiner Partei der CDU überhaupt nicht gefiel. Und wie rächt man sich an dem Nestbeschmutzer? Barschel mochte tot in der Badewanne liegen, aber die Methoden, mit denen er regiert hatte, die waren ja noch vorhanden. Da zweifelt man doch als erstes mal den Doktortitel des Grafen an, und die Juristische Fakultät der Christian Albrechts Universität tut das, was sie in der Ära Barschel gewohnt war: sie kriecht und kuscht. Und drängt Kerssenbrock zur Rückgabe des Titels. Völlig zu Unrecht, wie sich herausstellte, er hat seinen Titel längst zurück.

The aim of the liar is simply to charm, to delight, to give pleasure. He is the very basis of civilized society, hat Oscar Wilde gesagt. Er kann Barschel nicht gemeint haben. Als der bei seiner Pressekonferenz durchgeschwitzt und vollgekokst seine Erklärung abgab und danach den Kopf in den Händen verbarg, war da nichts von Charme und Vergnügen.

Freitag, 15. September 2017

Kühe


Vor neun Jahren gab es in der Hamburger Kunsthalle eine große Ausstellung für Jakob Philipp Hackert. Mein Freund Götz klagte darüber, als er aus Hamburg zurückkam, wie da versucht wurde, einen zweitklassigen Maler zu einem bedeutenden Künstler zu stilisieren. Der Ausstellungstitel Europas Landschaftsmaler der Goethezeit war schon ein wenig zu hoch gegriffen. Mein Freund Götz besitzt einen  Atkinson Grimshaw und einen Gainsborough, der nicht ganz echt ist. Und er ist in den letzten Jahrzehnten bestimmt in allen wichtigen Ausstellungen gewesen. Sein Urteil wird sicher stimmen. Ich habe mir Hamburg geschenkt, ich mag Hackert nicht. Der Maler wurde heute vor 280 Jahren geboren, deshalb soll er einen kleinen Post bekommen. Aber wirklich nur einen kleinen.

Goethe mochte ihn: In Tivoli war ich mit Herrn Hackert draußen, der eine unglaubliche Meisterschaft hat, die Natur abzuschreiben und der Zeichnung gleich eine Gestalt zu geben. Ich habe in diesen wenigen Tagen viel von ihm gelernt [...]. Herr Hackert hat mich gelobt und getadelt und mir weitergeholfen. Er tat mir halb im Scherz, halb im Ernst den Vorschlag, achtzehn Monate in Italien zu bleiben und mich nach guten Grundsätzen zu üben; nach dieser Zeit, versprach er mir, sollte ich Freude an meinem Arbeiten haben.
Diese Darstellung der Wasserfälle von Tivoli ist von Hackert, nicht von Goethe.

Goethe hat auch den Nachruf für seinen Zeichenlehrer geschrieben, Teile davon habe ich in dem Post ➱Johann Adam Ackermann zitiert (es ist ein Post, den die Leser lieben). Der Mainzer Maler Ackermann war genau wie Hackert in Paris, aber er hatte mit ➱Jacques-Louis David einen berühmten Lehrer. Wirklich berühmte Lehrer hat Hackert nie gehabt. Dafür konnte er ganz gut Kühe malen. Nicht so gut wie ➱Thomas Herbst, aber immerhin. Hackert kaum aus einer Künstlerfamilie, Vater und Onkel waren Maler, vier seiner Brüder auch. In Berlin war Hackert Schüler bei Blaise Nicolas Le Sueur, der ein Akademiedirektor, aber kein bedeutender Maler war.

Goethe ist mit seinen Aussagen über die Bildende Kunst immer mit Vorsicht zu genießen. Über Caspar David Friedrich hat er gesagt: Die Bilder von Maler Friedrich können ebensogut auf den Kopf gesehen werden. Wir lassen das mal so stehen. Es ist Goethe (oder dem Hofrath Heinrich Meyer, die Autorenschaft ist nie wirklich geklärt) wohl klar, dass er sich bei seinem Nachruf auf Hackert auf gefährlichem Terrain bewegt, wenn er schreibt:

Hackerts Verdienst als Landschaftsmaler und das Eigentümliche seiner Werke klar auseinanderzusetzen, ist keine leichte Aufgabe, teils weil er die Prospektmalerei hauptsächlich emporgebracht und noch bis jetzt von niemand darin übertroffen worden, teils weil zwar wohl das Publikum, aber nicht immer die Kunstrichter seinen Talenten und seiner großen, höchst achtbaren Kunstfertigkeit Ehre und Recht haben widerfahren lassen. Damit aber der vorgesetzte Zweck möge erreicht werden, so wird sich der Leser einige Rückblicke auf den Zustand oder vielmehr auf den Gang der Landschaftsmalerei seit dem 17. Jahrhundert gefallen lassen.

Und dann erwähnt er den Namen Claude Lorrain, an dieser Stelle könnte er eigentlich aufhören. Denn was gibt es bei Hackert, was es bei Lorrain (der ➱hier natürlich einen Post hat) nicht gibt? ➱Poussin könnte man auch noch erwähnen. Gut, die Kühe, wir lassen sie mal beiseite. Dies ist eine gefällige konventionelle Malerei, aber man mag nicht an die englische Landschaftsmalerei des ➱18. Jahrhunderts denken, an Namen wie ➱Richard Wilson oder ➱Thomas Gainsborough.

Sollten Ihnen etwas von J. Ph. Hackerts Umrissen oder ausgeführten Zeichnungen in die Hände kommen, so legen Sie mir solche bey Seite; um leidlichen Preis werde ich sie immer gern behalten, da sie mich an die Zeiten erinnern, wo ich mit diesem trefflichen Manne glückliche Tage verlebte und ihn nicht ohne Belehrung nach der Natur arbeiten sah, hat Goethe an einen Leipziger Kunsthändler geschrieben. Er schätzte Hackert immer noch.

Und das tun in Europa damals viele: Hackert ist als Landschaftsmaler beachtenswerth, da er in der Zeit thätig ist, in welcher die Kunst sich aus dem Manierismus zu erheben anfing; er hat das Verdienst, sich der Natur zugewendet zu haben. Wenn ihn die Zeitgenossen den größten Landschaftsmaler nannten, so ist das Urtheil der Nachwelt nüchterner geworden, heißt es in 1872 in der Deutschen Biographie.

Hackert hat zu Lebzeiten gut verdient, er hat für die russische Zarin und viele europäische Herrscher gearbeitet. Der König von Neapel machte ihn zum Hofmaler. Die Hunde der Lady Hamilton hat er auch gemalt, für ihren Gatten war er ebenso tätig. Und da ich die Geliebte von ➱Lord Nelson erwähne, sollte ich auch sagen, dass viele englische Touristen auf ihrer ➱Grand Tour bei ihm ein Bild kaufen. Sie mögen ihn, diesen Mann, der auch noch im katholischen Neapel ein protestantischer Preuße bleibt. Und der stilvoll residiert. In einer Wohnung in einem Palazzo, die er mit Künstlergeschmack möblieren ließ und mit Zufriedenheit bewohnt.

Das schreibt wieder Goethe: Heute besuchten wir Philipp Hackert, den berühmten Landschaftsmaler, der eines besondern Vertrauens, einer vorzüglichen Gnade des Königs und der Königin genießt. Man hat ihm einen Flügel des Palasts Francavilla eingeräumt, den er mit Künstlergeschmack möblieren ließ und mit Zufriedenheit bewohnt. Es ist ein sehr bestimmter, kluger Mann, der, bei unausgesetztem Fleiß, das Leben zu genießen versteht. Dann gingen wir ans Meer und sahen allerlei Fische und wunderliche Gestalten aus den Wellen ziehen. Der Tag war herrlich, die Tramontane leidlich. Das Bild hier ist von Tischbein gemalt, Hackert hat Goethe nicht gemalt.

Er konnte keine Menschen malen. Nur Kühe. Und so malt sich unser Hackert durch die Campagna und stellt beinahe fabrikmäßig italienische Landschaften her. Aber eine Landschaft hat er nie gemalt. Nämlich die Uckermark, die Landschaft aus der er kommt. Stimmt nicht ganz. Er hat die ➱Stubbenkammer (im Bild links) gemalt, wandfüllend für seinen Mäzen Adolf Friedrich von Olthoff im ➱Gut Boldevitz auf Rügen. Die Rettung der von der Zerstörung bedrohten Bilder hat beinahe eine halbe Million Euro gekostet, dafür kann man jetzt in dem restaurierten Festsaal stilvoll heiraten.

Dies sollte ein kleiner Post werden. War wieder nix.

Mittwoch, 13. September 2017

Heuschreckenhügel


From the Halls of Montezuma
To the shores of Tripoli;
We fight our country's battles
In the air, on land, and sea;
First to fight for right and freedom
And to keep our honor clean;
We are proud to claim the title
Of United States Marines.

Ich weiß nicht, ob das Lied der ➱US Marines das Lieblingslied von Donald Trump ist, aber auf die ersten beiden Zeilen müssen wir mal eben eingehen. Halls of Montezuma? Tripoli? Also, Tripolis hat hier schon einen Post, der ➱Stephen Decatur heißt. Das ist der Marineheld, der Our Country! In her intercourse with foreign nations may she always be in the right; but right or wrong, our country! gesagt hat. Was immer verkürzt wird zu: Right or wrong, my country! Das wäre auch ein Satz für Donald Trump. Bleiben wir noch einen Augenblick bei ihm.

Denn heute vor 170 Jahren gewannen die Amerikaner in Mexiko die Schlacht von Chapultepec, und damit sind wir bei den Halls of Montezuma. Kann das nicht ein Vorbild sein? Warum einen Zaun bauen? Warum nicht einen Krieg führen? Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg war nicht das einzige Mal, dass die Mexikaner amerikanische Truppen im Land hatten. Die kamen bei der sogenannten Mexikanischen Expedition, die man auch die Pancho Villa Expedition nennt, wieder. General Pershing hatte hinterher mehr Sterne auf der Schulter als jeder andere amerikanische General. General Winfield Scott nach dem mexikanischen Abenteuer im 19. Jahrhundert übrigens auch, er bekam den gleichen Dienstgrad wie George Washington. Das Bild zeigt uns die US Marines beim Sturm auf Chapultepec. Was nichts anderes als Heuschreckenhügel heißt.

Winfield Scott ist einundsechzig Jahre alt, er war schon General, da hatte Wellington noch nicht Napoleon (dessen Bücher Scott übersetzen wird) besiegt. Nun schickt ihn die Regierung von Präsident James K. Polk nach Mexiko. Präsident Polk (ein Sklavenhalter) glaubt an die Manifest Destiny, die wir hier als ➱Allegorie sehen. Gott hat es gewollt, dass Amerika immer größer wird. Kein Präsident hat Amerika größer gemacht als James K. Polk. Nach Quadratmetern berechnet. Kulturell ist da nicht so viel los. ➱James Quincy Adams hat über Polk gesagt: [Polk] has no wit, no literature, no point of argument, no gracefulness of delivery, no elegance of language, no philosophy, no pathos, no felicitous impromptus; nothing that constitutes an orator but confidence, fluency, and labor. Ich lasse jetzt mal den Vergleich mit Trump aus, der wird in Amerika schon häufig genug bemüht.

Als ➱Winfield Scott fünfundsiebzig ist, bricht der ➱Bürgerkrieg aus. Er ist immer noch Oberkommandierender der US Army. Er glaubt nicht an einen schnellen Sieg des Nordens, er präsentiert seinen Anaconda Plan, man lacht ihn aus. Nach ersten Jahren voller verlustreicher Schlachten, die häufig taktisch und strategisch außer vielen Toten nichts bringen, wird man einsehen, dass der Anaconda Plan doch die bessere Strategie für den Bürgerkrieg war.

Ein junger Leutnant, der in West Point eine Malklasse belegt hatte (hier eins seiner Bilder), möchte am liebsten nicht in den Mexikanischen Krieg ziehen. Er wird den Krieg in seinen Memoiren als of the most unjust ever waged by a stronger against a weaker nation bezeichnen und (in leichter Variation) sagen: I do not think there was ever a more wicked war than that waged by the United States on Mexico. Er heißt ➱Ulysses S. Grant, und er wird eines Tages genau so viel Sterne auf der Schulter haben wie Winfield Scott und George Washington.

Es sind junge Offiziere, die sich in diesem wicked war auszeichnen, manche kommen direkt von der Militätakademie West Point. Beinahe alle von ihnen werden Generäle im Bürgerkrieg sein: ➱Robert E. Lee, Grant, ➱Stonewall Jackson, McClellan, Beauregard, Longstreet, Albert Sidney Johnston, Joseph E. Johnston, Winfield Scott Hancock, George Gordon Meade, Edmund Kirby Smith, George H. Thomas, Braxton Bragg, ➱Joseph Hooker. ➱Pickett nicht zu vergessen, der nach ➱Gettysburg nie wieder ein Wort mit Lee wechseln wird. Winfield Scott (Bild) schätzt ➱Lee ganz besonders, wenn er 1861 zurücktritt, wird er ihm den Oberbefehl der US Army anbieten.

Robert E. Lee lehnt mit einem ➱Brief höflich ab: During the whole of that time, more than a quarter of a century, I have experienced nothing but kindness from my superiors & the most Cordial friendships from any Comrades. To no one Genl have I been as much indebted as to yourself for kindness & Consideration & it has always been my ardent desire to merit your approbation. I shall carry with me, to the grave the most grateful recollections of your kind Consideration, & your name & fame will always be dear to me. Er übernimmt den Oberbefehl der Armee der Südstaaten. Eine Generalsuniform wird er nie tragen, die eines Colonels der Armee von Virginia ist ihm genug. Die Schlacht von Chapultepec ist eine Katastrophe für die mexikanische Armee, die Verteidiger des Schlosses von Chapultepec sind am Ende alle tot. Kein Wunder, da die Amerikaner zehnfach überlegen sind. Die größten amerikanischen Verluste werden, dank der mexikanischen Scharfschützen, die Marines haben. Seitdem tragen sie rote Biesen (blood stripes) an ihren Hosen.

Im Schloss von Chapultepec, in dem eines Tages ➱Maximilian residieren wird, ist eine Militärakademie untergebracht. Die jungen Kadetten und ihre Ausbilder nehmen den Kampf gegen die amerikanische Übermacht auf. Wofür? Für einen korrupten Generalissimus und Präsidenten namens ➱Santa Anna? Von den Kadetten sind sechs als die Heldenkinder von Chapultepec (Niños Héroes) berühmt geworden. Man verehrt sie heute noch. Dieses Wandgemälde von Gabriel Flores zeigt den jungen Juan Escutia, der sich in eine Fahne gehüllt in den Tod stürzt.

Wer ist schuld an Amerikas Großmachtdenken? Immer wieder wird der Bischof George Berkeley zitiert, weil er in einem Gedicht die Zeile Westward the course of empire takes its way geschrieben hat. Was von den Anhängern der Manifest Destiny begierig aufgegriffen wurde. Berkeley hat das allerdings nicht so gemeint, für ihn war Amerika ein neues Paradies, die alte Welt hatte abgewirtschaftet. Sein Experiment, in Amerika die neue Welt zu gründen, war nach zwei Jahren zuende. Aber diese wunderbare ➱palladianische Tür in seinem  Landsitz Whitehall, die hat er da gelassen. Ein wenig Kultur kann nie schaden.

1947, wenige Monate vor dem hundertsten Jahrestag der Schlacht von Chapultepec, hat der amerikanische Präsident Harry S. Truman Mexiko besucht. Er brachte einige mexikanische Fahnen mit, die Winfield Scotts Armee erbeutet hatte. Und er hat, was damals als Sensation empfunden wurde, am Denkmal der jungen ➱Helden einen Kranz niedergelegt. Er wollte damit würdigen, dass Mexiko den USA im Zweiten Weltkrieg beistand. Von solchen symbolischen Handlungen sind wir heute weit entfernt. Sehr weit.

Montag, 11. September 2017

Last night of the proms


Das schönste musikalische Erlebnis an meiner Schule war keine Chordarbietung des berühmten Chors von ➱Ernst Meißner, sondern der Mann, der nur mit einem Stapel Noten auf die Bühne kommt und fünfzig Pfennig kostet. Fünfzig Pfennig kostete auch der grauenhafte, spuckende, adelige Rezitator ➱Horst Bogislaw von Schmelding, der Schillers Glocke und ähnliche ungeliebte Gedichte aufsagte. Oder der Mann, der seine Schlangen in der Turnhalle zeigte. Aber dieser kleine Mann mit den wirren Haaren lässt von einigen Schülern den Flügel über die Bühnenkante der Aula nach vorne kippen, setzt sich an das Instrument, wo ihn jetzt jeder im Saal dank des gekippten Flügels gut sehen kann, und spielt und singt die ganze Dreigroschenoper.

Zusätzlich gewürzt durch Songs aus The Beggar’s Opera von ➱Gay und Pepusch. Er verwandelt sich mit jedem Part, er ist Captain Macheath und Tiger Brown. Er ist Polly Peachum und die Seeräuber Jenny: Meine Herren, heute sehen Sie mich Gläser abwaschen und ich mache das Bett für jeden. Und Sie geben mir einen Penny und ich bedanke mich schnell. Und Sie sehen nur die Lumpen und dies lumpige Hotel, und Sie wissen nicht, mit wem Sie reden... 

Ich weiß seinen Namen nicht mehr, in meinem alten Tagebuch steht nur 20. Januar 1960 Dreigroschenoper. Ist ein bisschen doof von mir gewesen, den Namen des Mannes nicht dazuzuschreiben. Er war mit seinen Auftritten damals schon ziemlich berühmt geworden. Ich bin ihm für diesen Abend ewig dankbar, ich habe das nie vergessen.

Es ist ein ähnliches Erlebnis wie Helmut Qualtinger wenige Jahre später. Für dessen Lesung von Die letzten Tage der Menschheit im Beethovensaal in Hannover hatte ich eine Karte gekauft, kostete etwas mehr als die 50 Pfennig für die Dreigroschenoper 1960. Es sind dreizehn Leute im Saal, ein Saal, in den tausend Leute gehen. Wenn ich Qualtinger wäre, würde ich jetzt wieder gehen. Qualtinger tritt auf, blickt einmal durch den leeren Saal und bittet uns dann im schönsten Wienerisch, dass wir uns doch um ihn herum in die erste Reihe zu setzen, san’s kommod. Setzt sich auf die Bühnenkante, zum Greifen nahe und rezitiert das ganze Stück von Karl Kraus, ganz privat und ohne den Text zu konsultieren.

Der Pianist mit den wirren Haaren in unserer Aula konnte etwas, was nicht jeder kann: er konnte Kurt Weill singen. Und das ist nichts für jeden, ich kann das nur wiederholen. Das wurde uns am Sonnabendabend demonstriert, als Nina Stemme in der Royal Albert Hall in der Last Night of the Proms auftrat. Das musikalische Ereignis, das ➱Sir Henry Wood ehrt, überträgt N3 nun schon seit 35 Jahren, ich habe es selten verpasst. Ist Kult. Muss sein.

Der Dirigent am Sonnabend war der Finne Sakari Oramo. Er trug einen Frack mit einer weißen Weste. Das war allerdings keine Frackweste, sondern eine hochgeschlossene Weste. Dazu hatte er eine schwarze Schleife umgebunden, exzentrisch. Allerdings nur im zweiten Teil des Konzerts, im ersten trug er einen weißen Plastron. Er trug auch stolz seinen OBE Orden, der ihm ehrenhalber verliehen wurde. Den dürfte er als Ausländer gar nicht tragen, aber wen interessiert es? Die Last Night of the Proms ist längst zum Karneval geworden.

Nachdem Jerusalem, God Save the Queen und Auld Lang Syne gesungen waren, sendete der NDR noch die Hannover Proms. Dort dirigierte der Engländer Andrew Manze (Bild). Er trug ein Frackhemd, aber keine weiße Weste, dafür aber schwarze Hosenträger. Die Herren Dirigenten wären gut beraten, wenn sie mal den Post ➱Fräcke in diesem Blog lesen würden. In Hannover begann man mit der ➱1812 Ouvertüre, allerdings ohne Kanonen.

Lassen Sie mich zu Nina Stemme zurückkehren. Die war schon im ersten Teil mit ihrem Paradestück, dem Liebestod aus ➱Tristan und Isolde, aufgetreten: As always at the Last Night a star singer was on hand, to bring some glitz to the occasion. Wagnerian soprano Nina Stemme hasn’t been having a good summer – she cancelled a string of dates at the Salzburg Festival – and her entry at the beginning of the Liebestod from Wagner’s Tristan and Isolde was tentative and oddly husky. But eventually her voice recovered its bloom, and the ending was as radiant as it should be. Klingt nicht gerade großartig. War's auch nicht.

Im zweiten Teil verließ Frau Stemme die ➱Wagnerschen Gefilde, in denen sie Hause ist, und wandte sich den zwanziger Jahren zu. Sie begann mit der ➱Loreley: Back in the days of knights and armour, There once lived a lovely charmer; Swimming in the Rhine, Her figure was divine! She had a yen for all the sailors, Fishermen and gobs and whalers; She had a most immoral eye, They called her Lorelei. She created quite a stir, And I want to be like her! Die Sopranistin bewies wieder einmal, dass Opernsängerinnen so etwas nicht singen können. Ihre Lorelei ersoff jämmerlich in der Albert Hall. Ella Fitzgerald kann das singen, Nina Stemme nicht. Vergleichen Sie einmal ➱Ella mit Nina Stemme (bei 2.10 in dieser Radiofassung). Und dann musste die Schwedin ja noch unbedingt Kurt Weill singen (Surabaya Johnny aus Happy End und The Saga of Jenny aus Lady in the dark). Hätte sie lassen sollen. Lotte Lenya hatte auch nie vor, den Liebestod zu singen.

Tja, und dann kam Surabaya Johnny aus ➱Happy End. Einer Operette mit Songs von Brecht und Weill, die bei ihrer Uraufführung floppte, aber viele ihrer Songs bekamen ein Eigenleben. Zum Beispiel der Bilbao Song, wir lassen mal eben ➱Ute Lemper singen. Der ➱Song from Mandalay war ein etwas krampfhafter Versuch, an Kiplings Mandalay anzuknüpfen (dazu gibt es ➱hier einen schönen Post, der auch eine plattdeutsche Übersetzung von Kiplings Mandalay enthält, einmalig im Internet). Aber Surabaya Johnny hat sich ewig gehalten:

Ich war jung, Gott, erst sechzehn Jahre
Du kamest von Birma herauf
Und sagtest, ich solle mit dir gehen
Du kämest für alles auf
Ich fragte nach deiner Stellung
Du sagtest, so wahr ich hier steh
Du hättest zu tun mit der Eisenbahn
Und nichts zu tun mit der See
Du sagtest viel, Johnny
Kein Wort war wahr, Johnny
Du hast mich betrogen, Johnny, in der ersten Stund
Ich hasse dich so, Johnny
Wie du da stehst und grinst, Johnny
Surabaya-Johnny, warum bist du so roh?
Surabaya-Johnny, mein Gott, ich liebe dich so.
Surabaya-Johnny, warum bin ich nicht froh?
Du hast kein Herz, Johnny, und ich liebe dich so.

Ich habe seit Jahrzehnten die CD Lost In The Stars: Songs Of Kurt Weill, da singt Dagmar Krause den ➱Surabaya Johnny. Ist nicht ganz ➱Lotte Lenya - an die kommt niemand heran - ist aber auch gut. Vielleicht hätte sich ➱Nina Stemme mal die Platte mit Lotte Lenya anhören sollen. Es gibt zu dem Thema von Mandalay und Surabaya Johnny ein interessantes Buch: Burma, Kipling and Western Music: The Riff from Mandalay von Andrew Selth. Ist sauteuer, wie alle Bücher von Routledge, aber man kann Teile davon bei Google Books lesen.

Ganz zum Schluss trat Nina Stemme noch einmal auf. Als wagnerianische Walküre verkleidet sang sie Rule Britannia. Ähnliche Gags gibt es ja in jedem Jahr, da kann man nichts falsch machen. Die Engländer singen das Lied von ➱Dr Arne gerne, vor allem seit es nach der Brexit Ankündigung mit Britannien bergab geht. Da ist nichts mehr mit Britannia rule the waves. Andererseits: Finnische Dirigenten (plus ➱Finlandia), eine finnische Komponistin (➱Lotta Wennäkoski), schwedische Soprane, deutsche Komponisten - wollen die Engländer den Brexit wirklich?

Samstag, 9. September 2017

Egmond aan Zee


Ich stehe hoch und kann und muß noch höher steigen; ich fühle mir Hoffnung, Mut und Kraft. Noch hab ich meines Wachstums Gipfel nicht erreicht; und steh ich droben einst, so will ich fest, nicht ängstlich stehn. Das sagt jetzt nicht der Blogger Jay, der gerade eine halbe Million Leser mehr hat als am Tag von Donald Trumps ➱Amtseinführung. Das lässt Goethe den Grafen Egmont sagen. Der heute vor 450 Jahren vom Herzog von Alba wegen Hochverrats gefangen genommen wurde. Egmont war Ritter des Goldenen Vlieses, er unterlag keiner weltlichen Gerichtsbarkeit. Nur die Ordensritter konnten über ihn richten. Und so sagt er auch bei Goethe: Wir werden uns verteidigen können. Er rufe die Ritter des Vlieses zusammen, wir wollen uns richten lassen.

Und zum Fürsten von Oranien, der mit einer seiner Verwandten verheiratet ist, sagt er: Nein, Oranien, es ist nicht möglich. Wer sollte wagen, Hand an uns zu legen? – Uns gefangenzunehmen, wär' ein verlornes und fruchtloses Unternehmen. Nein, sie wagen nicht, das Panier der Tyrannei so hoch aufzustecken. Der Windhauch, der diese Nachricht übers Land brächte, würde ein ungeheures Feuer zusammentreiben. Und wohinaus wollten sie? Richten und verdammen kann nicht der König allein; und wollten sie meuchelmörderisch an unser Leben? – Sie können nicht wollen. Ein schrecklicher Bund würde in einem Augenblick das Volk vereinigen. Haß und ewige Trennung vom spanischen Namen würde sich gewaltsam erklären. Es wäre Zeit zur Flucht gewesen, ein Freund sagt ihm: Seigneur comte, les oiseaux qui ont la liberté du champ chantent bien mieux que ceux qui sont caigés.

Nicht bei Goethe steht, dass Egmond zum Abschied zu Wilhelm von Oranien gesagt hat: Adieu, Graf ohne Land! Worauf Oranien ihm antwortete: Adieu, Graf ohne Kopf! Das findet sich in einer in einer volkstümlichen holländischen Erzählung. So wird es kommen, der Herzog Alba (Bild) schert sich einen Dreck um das Goldene Vlies. Oranien entkommt dem Spanier, Graf Egmont wird hingerichtet. Friedrich Schiller hat uns das sehr genau ➱beschrieben. Man weiß aber nicht, ob alles stimmt, was der Historiker Schiller sagt. Was uns Goethe in seinem ➱Egmont schildert, das stimmt so auf keinen Fall.

Man hat Alba den Henker der Niederlande genannt, und man hat ein Schmähgebet für ihn erfunden:

Teufel unser, der zu Brüssel du haust, verflucht sei dein Name, vor dem uns graust; von uns dein Reich sich wende zu lang ersehntem Ende; dein Wille mag nie erfüllet werden, wie nicht im Himmel, so nicht auf Erden. Du nimmst uns heute unser täglich’ Brot, Weiber und Kinder leiden viel Not; keinem erläßt Du seine Schuld, drum bewahr’ uns alle vor deiner Huld. Stets wirst du uns in Versuchung führen, so lang diese Lande dein Wüten spüren. Himmlischer Vater, der über uns thront, mach, daß dieser Teufel uns verschont, samt seinem falschen, blutigen Rat, der stets nur Böses im Sinne hat, und schick’ seine spanische Kriegermeute zurück in die Hölle, dem Satan zur Beute. Amen

In den Niederlanden gibt es heute immer noch einen Ort Egmond, der aus mehreren Ortsteilen besteht, hier hat ihn Jacob van Ruisdael gemalt. Der größte Ort ist Egmond aan Zee, ein Badeort, heute mit Hotels und Appartementwohnungen zugepflastert bis an den Strand. Furchtbar. Vor fünfzig Jahren war das anders, damals war ich mit meiner Familie da im Sommerurlaub. Wir wohnten in einem Hotel, das um 1900 bestimmt einmal vornehm gewesen war, aßen abends aber immer in einem Lokal, das in den Strand hineingebaut war. Ich bestellte jedes Mal das Paprikaschnitzel und ein Tuborg. Auf keinen Fall Heineken, oder wie die holländische Grachtenpisse so heißt. Ich habe nie wieder so gutes Paprikaschnitzel gegessen.

Das mit dem Paprikaschnitzel vergesse ich nie. Ansonsten war der Urlaub durchwachsen wie das Wetter. Und es gab, erstaunlich für das verschlafene Holland, die ersten randalierenden Jugendlichen, die in einer Nacht das Auto neben uns auf dem Hotelparkplatz zertrümmerten. ➱Nicolas Freeling hat dieses Phänomen in Because of the Cats beschrieben. Mein Vater liebäugelte damals mit dem neuen Modell Ford Zodiac, und wir machten viele Probefahrten durch Holland. Der Zodiac sollte in Deutschland zum Kampfpreis von zehntausend Mark auf den Markt kommen, kam aber nicht. Mein Vater kaufte dann den blauen Opel Admiral, als er sah, dass die Sache mit dem ➱Borgward P 100 keinen großen Sinn machte, weil ➱Borgward vor der Pleite stand.

Ich hatte damals schon meinen Führerschein und bekam manchmal den Wagenschlüssel. Fuhr immer nach Amsterdam, was neben dem Paprikaschnitzel das Beste an dem Urlaub war. In Amsterdam gab es damals einen Austin Reed Laden, wo es auch Chester Barrie gab. Damals bedeutete Austin Reed noch etwas. Natürlich haben wir alle auch Kirchen, Klöster und Museen in Egmond und Umgebung besucht. Die Ruine des Grafenschlosses, das seit dem 16. Jahrhundert zerstört ist, auch (es war übrigens Wilhelm von Oranien, der das Schloss zerstören ließ). Die Egmonts hatten seit dem 11. Jahrhundert die Schirmherrschaft über die älteste holländische Abtei, daher haben sie auch ihren Namen. Aber ich wusste damals nichts über die Grafen von Egmont. Gar nichts. Na ja, Beethovens ➱Egmont Ouvertüre kannte ich schon. Ich beschloss, dass ich alles über den Grafen herausfinden würde, wenn ich wieder zu Hause war. Ich war früher zu Hause als meine Eltern.

Als Kapitän Janssen an einem Sonntag zu Besuch war und noch in der gleichen Nacht zurückfahren wollte, sah ich meine Chance. Ich fragte meine Eltern, ob ich mit Hein Janssen zurückfahren dürfte, dann könnte ich am Montagmorgen noch mit der Evangelischen Jugend nach Langeoog fahren. Meine Eltern hatten nichts dagegen. Hein Janssen hatte auch nichts dagegen, denn er hatte schon so viel oude Genever und Heineken getrunken, dass er gar nicht mehr hätte fahren dürfen.

Das einzige Problem war sein ➱Opel, dessen Getriebe kaputt war. Wenn man einmal einen halbwegs geeigneten Gang drin hatte, musste man damit fahren, schalten ging nicht, nicht einmal mit Zwischengas. Ich bin in der Nacht von Holland bis Grohn im dritten Gang gefahren und durfte keinen Augenblick anhalten. Die Straßen waren damals noch nicht so gut wie heute. Wir haben uns einen kleinen Grenzübergang ausgesucht, wo alle Grenzer schon schliefen und die Schranken oben waren. Und als wir frühmorgens in Bremen waren, waren die Ampeln glücklicherweise noch nicht wieder angeschaltet, wir brauchten nie zu bremsen. Wenn Sie wissen wollen, wie dieser Sommer weitergeht, müssen Sie diesen ➱Post anklicken. Dieser Blog erzählt eine unendliche Geschichte.


Wir lassen jetzt mal für einen Augenblick junge Frauen in Langeoog, Strand und Sonnenöl weg und kommen zum Grafen Egmont zurück. Er ist nie am Strand von Egmond an Zee spazierengegangen. Er hat da auch nie gewohnt. Das erste, was ich las, war Schillers ➱Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung. Gilt heute als überholt, ist aber spannend und gut zu lesen. Es war Schillers erstes ➱historisches Werk, seine Geschichte des 30-jährigen Krieges kam später. Danach las ich Goethes Egmont, lernte einige Stellen auswendig. Wie die mit Noch hab ich meines Wachstums Gipfel nicht erreicht. 

Die erste ernstzunehmende Geschichte des Grafen Egmont ist die Geschichte des Grafen Egmont von August Bercht aus dem Jahre 1810. Seit einigen Jahren gibt es das Buch ➱Egmont da capo: Eine mythogenetische Studie von Rengenier C. Rittersma, in dem die Rezeption der Figur des Grafen Egmont durch die Jahrhunderte aufgearbeitet wird. Dieses Bild konnte der Autor noch nicht kennen, sonst hätte er es bestimmt für das Titelbild genommen: ein Photo der beiden Grafen Egmont und Hoorn. Knallescharf in High Definition. Nun gibt es im Jahre 1568 noch keine Kamera, die die Brüsseler Schützengilde bei der Huldigung der beiden toten Grafen im Bild festhalten kann. Dieses Bild von dem Holländer Erwin Olaf heißt ➱Homage to Louis Gallait, der Photograph hat nichts anderes gemacht, als das Gemälde von Louis Gallait nachzustellen und abzulichten.

Sturm und Drang und Romantik kannten Egmont nur in der Version von Goethe (hier das Klärchen, von Kaulbach gezeichnet, das  ➱Goethezeitportal hat da eine tolle Seite). Am Ende des Jahrhunderts
Deutschlands schreibt bester Theaterkritiker - das ist natürlich Theodor Fontane - über eine Egmont ➱Aufführung: 'Egmont' folgte. Mag da Handlung fehlen; auch das Wort hat gelegentlich sein Recht und es riß wieder mit fort und zündete, wie es schon tausendfach gezündet hat. Die Volksszenen, die Szenen Egmonts mit seinem Schreiber und Klärchen, diese wunderbaren Dialoge hatten noch ihren alten Zauber, und nur eines berührte mich wie etwas Verbrauchtes – die Freiheitstiraden des letzten Akts. Ob es ein Fluch der Phrasenhaftigkeit unserer Zeit ist, uns auch die Freude an dem verleidet zu haben, was über dem tönenden Erz und der klingenden Schelle steht, oder ob jenes Pathos von Tod fürs Vaterland, von Schergen- und Tyrannentum wirklich einer Stufe angehört, die von einer politisch reiferen Zeit überwunden werden mußte, lasse ich dahingestellt sein; kurzum ich blieb kalt. Und gerade diese Stellen sind es gewesen, die, dem Urteil der Londoner Presse nach, das englische Publikum mit fortgerissen haben. Was ist das anders, als ein neuer Beweis, daß England in Geschmacksachen zurück ist. Der Engländer verlangt alles gecayennepfeffert; Curry-powder und Mixed-pickles in Kunst, wie im Leben.

Wunderbar, dieser letzte Satz. Weil ich vor fünfzig Jahren meine Schularbeiten (die ich mir selbst auferlegt hatte) gemacht hatte, war es mir ein Leichtes, am 9. September 2010 den Post ➱Egmond zu schreiben. Da war allerdings noch kein Paprikaschnitzel und kein Cayennepfeffer drin.

Mittwoch, 6. September 2017

Prequel


ZDF_neo setzt auf englische Krimiserien. Die man auch unendlich wiederholen kann. Wie zum Beispiel ➱Inspector Barnaby. Oder ➱Inspector Lewis, Father BrownVera, Inspector Banks etc. Oder, auf einem niedrigerem Niveau, aber ganz vergnüglich, Agatha Raisin. Jetzt hat man etwas neues, nämlich ein sogenanntes Prequel. Eine Serie die ➱Der junge Inspektor Morse heißt. Heißt im Original Endeavour und hat hier schon einen Post. Und wir haben zu der Serie ein Sequel, das Lewis heißt. Aber der Mittelteil fehlt uns, eine Serie, die es hier nie zu sehen gab (außer mal in der DDR), doch das macht offenbar nichts.

Der fehlende Mittelteil ist selbstverständlich die Serie Morse (die ➱hier natürlich schon einen Post hat), eine der besten englischen Krimiserien. 33 Folgen, je zwei Stunden lang (ohne die Werbung 100 Minuten). Die Serie lief von 1987 bis zum Jahre 2000. Überall in der Welt, nur nicht - wie gesagt - bei uns. Die Serie basiert auf den Romanen von Colin Dexter, der es sich nicht nehmen ließ, in dreißig Folgen einen kleinen Cameo Auftritt zu haben.

Auch bei den ➱Lewis Filmen war er gelegentlich zu sehen (im Prequel ➱Endeavour auch). Und die Drehbuchautoren von Prequel und Sequel, die sich aus den Romanen von Colin Dexter bedienten, konnten ständig mit ihm zusammenarbeiten. Jetzt sind sie auf sich alleingestellt, denn im März ist Colin Dexter (hier auf dem Bild neben seinen beiden Detektiven) im Alter von 86 Jahren gestorben. Alle Folgen von Inspector Morse (18 DVDs) bekommt man für 43,90. Nur in englischer Sprache, aber es gibt englische Untertitel.

Und das ist immer besser als eine schlechte Synchronisation. Wie die von dem Pilotfilm von Endeavour, der am Sonntag gesendet wurde. Das hier ist Roger Allam als Detective Inspector Fred Thursday, der dem jungen Detective Constable Morse eine Art väterlicher Freund ist. Roger Allam ist ein berühmter englischer Schauspieler, der seinen Ruhm dem Theater verdankt. In diesem Punkt unterscheiden sich englische Krimiserien von deutschen. Viele berühmte englische Schauspieler finden es nicht unter ihrer Würde, in einer Krimiserie mitzuspielen.

Roger Allam war letztens hier im Fernsehen in dem Dreiteiler The Politician's Husband (Der Mann an ihrer Seite) zu sehen. Da spielte er Marcus Brock, den Chief Whip des House of Commons. Und er sagte in einer Szene, wörtlich bekomme ich das nicht mehr zusammen: Wenn wir fünfzig Prozent der Zeit, die wir auf unsere Whitehall Intrigen verwenden, auf die Lösung von Problemen verwenden würden, könnten wir etwas erreichen. Darüber könnte man einmal nachdenken. Roger Allam hat eine klar erkennbare sonore Stimme, die seinem Inspector Fred Thursday Autorität verleiht. Leider nicht in der deutschen Fassung, da ist die Stimme des  deutschen Synchronsprechers eine Fehlbesetzung.

In dem Pilotfilm von Endeavour findet sich auch der Schauspieler Danny Webb. Hier können wir ihn in dem Film Churchill als General Alan Brooke sehen, die Rolle hat er wahrscheinlich bekommen, weil er dem General sehr ähnlich sieht. Man konnte ihn am Montag in der Barnaby Folge Dance with the Dead sehen. Er ist ein sehr versatiler Schauspieler, der auch in dem Pilotfilm zu ➱Lewis eine Rolle hatte.

In Der junge Inspektor Morse spielt er den Detective Sergeant Arthur Lott, einen Mann, der keine Zierde für die Polizei ist. Inspector Thursday hat ihn gerade gefeuert, er ist versetzt worden. Und hat da noch auf dem Flur eine kleine Hassrede für den jungen Morse übrig: Flunked out again, have you … college? I read your file, boy. Three years Lonsdale. Threw the towel in before your finals. That’s the trouble with you poshos, no gumption. First sign of bother, it’s off back home to mummy, tail between. Mm, no hard feelings. You’ve done me a favour. Pastures new. Vice in the smoke. And you on the slow boat to China. 

Was redet der Sergeant da? Er hat die Personalakte von Morse gelesen, weiß, dass der ohne Examen die Uni verlassen hat. Aber vice in the smoke? Er ist zur Sittenpolizei (vice) nach London versetzt worden. Ein Slang Dictionary belehrt uns, dass London the smoke ist. Die Gründe liegen auf der Hand. Mir begegnete dieses smoke vor Jahrzehnten zum ersten Mal, als ich Marjorie Allinghams The Tiger in the Smoke las. London war schon im 19. Jahrhundert die Stadt von Qualm und Rauch.

Wenn Wordsworth in seinem Gedicht ➱Composed upon Westminster Bridge von der smokeless air spricht, dann hat er wohl den einzigen Tag des Jahres erwischt, wo es keinen Smog gab (lesen Sie mehr in ➱Touristen). Slowboat to China ist ein Song, das ist nicht so schwer. Sogar Miss Piggy hat ihn gesungen. Und was ist mit den pastures new? Das ist John Milton, die letzte Zeile von Lycidas. Gut, das ist inzwischen sprichwörtlich geworden, aber es bleibt Milton. Der Drehbuchautor Russell Lewis, der auch mehrere Folgen von Lewis geschrieben hat, hat da eine Menge Bildung in sein Drehbuch gepackt. Was natürlich alles in der deutschen Übersetzung verlorengeht.

Was schlimm ist Wenn man kein Englisch kann, von einem guten Kriminalroman zu hören, der nicht ins Deutsche übersetzt ist, dichtete einst ➱Gottfried Benn. Man müsste mehr Geld in die Hand nehmen und bessere Übersetzer bezahlen, wenn man gute englische Serien adäquat ins Deutsche bringen will. Und man brauchte auch etwas mehr Intelligenz in den Rundfunkanstalten. Lutz Marmor verdient beim NDR beinahe 300.000 Euro, ich weiß nicht wofür. Beim ZDF werden die Intendanten nicht viel weniger bekommen. Der Herr, der sich hier mit Inspector Thursday unterhält, heißt John Light. Er spielt einen englischen Geheimagenten namens Dempsey, der auf einen Minister aufpassen soll. Er sieht ein wenig so aus wie Michael Caine in ➱Ipcress, das ist wohl so beabsichtigt.

Der Minister Sir Richard Lovell (süffisant arrogant gespielt von Patrick Malahide) nimmt an Sexparties mit Minderjährigen teil, die Analogie zu dem Christine Keeler Skandal (der ➱hier einen langen Post hat) liegt auf der Hand. Zumal Patrick Malahide eine gewisse Ähnlichkeit mit John Profumo hat. Und es wird auch direkt auf den Christine Keeler Skandal angespielt, wenn der Geheimagent im Gespräch mit DI Thursday sagt: We're still going round with a dustpan and brush after Cliveden. Am Ende bringt der MI5 Agent Dempsey dem Minister ein Rücktrittsgesuch zur Unterschrift.

Als der Minister sich weigert und den Premierminister Wilson anrufen will (We'll see what Harold has to say about this), unterbricht Dempsey die Verbindung mit seiner Pistole. Und sagt dem Minister, für den das alles nur ein harmless bit of fun ist: This is what he has to say about it. There's two ways out. This one or do I have to get blood on my shoes?

Was schlimm ist Wenn man kein Englisch kann, von einem guten Kriminalroman zu hören, der nicht ins Deutsche übersetzt ist. Was noch schlimmer ist, wenn aus einem guten Film wichtige Szenen herausgeschnitten werden. Ich habe diese Szene mit dem Minister und dem Geheimagenten mit ihren kulturellen und historischen Konnotationen etwas ausführlicher besprochen, weil sie in der am Sonntag gesendeten Fassung fehlte. Der Film war zu lang, und um 20.15 mussten Frau Merkel und Herr Schulz sprechen. Da hätte man lieber noch eine Folge von Der junge Inspektor Morse senden sollen. Oder einen alten ➱Wallace. Oder vier Agatha Raisin. Oder die Neujahrsansprache von Helmuth Kohl 1986. Schlimmer als das sogenannte Duell konnte nichts sein.


Das Skript zum Pilotfilm von Endeavour finden Sie ➱hier. Noch mehr zu englischen Krimiserien in den Posts: Englische Krimiserien, Endeavour, Kreuzworträtsel, Inspector Lewis, Inspector Barnaby und die Mode, Inspector Gently und Janker.