Freitag, 19. Januar 2018

Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll


Ohhh Janis, Jimi, and me
will dance among the moonbeams and the clouds,
and no one there will ever hassle us,
it’ll just be Janis Jimi and me.

Das hat Lou Reed 1971 ➱geschrieben, da waren Janis Joplin und Jimi Hendrix schon tot. Zwei Wochen vor seinem Tod war Jimi Hendrix noch im Regen in Fehmarn aufgetreten. Jim Morrison starb auch 1971. Sie alle wurden nur siebenundzwanzig Jahre alt, eines Tages wird man vom Club 27 sprechen. Kein Club, dem man angehören möchte. Janis Joplin wäre heute fünfundsiebzig geworden. Ich weiß nicht, ob sie jetzt among the moonbeams and the clouds tanzt. Vor fünf Jahren hat Janis Joplin hier schon einen Post gehabt, der erstaunlicherweise kaum gelesen wurde. Der über ➱Lou Reed ist allerdings x-tausendmal gelesen worden, ich hätte mir gedacht, es wäre anders herum gekommen. Ich stelle den alten Janis Joplin Post heute noch einmal hier ein.

Heute [19.1.2013] wäre sie siebzig geworden, doch sie ist schon über vierzig Jahre tot. Aber ihre ➱Stimme hat noch nichts von ihrer Magie verloren, wenn sie Busted flat in Baton Rouge, headin' for the trains, Feelin' nearly faded as my jeans singt. Ich kann den Text von Kris Kristoffersons Me and Bobby McGee noch immer auswendig. Zur Feier des Tages werde ich heute ein oder zwei Janis Joplin CDs in den CD Player schieben. Und eine alte LP auflegen. Die schon ein bisschen zerkratzt ist, das gibt einem das feeling für diese Zeit, die schon so weit entfernt ist. Und irgendwo habe ich doch noch das alte Janis Joplin SongbookOù sont les neiges d'antan?

Die Songs von Janis Joplin stehen heute alle im ➱Internet, ihre CDs gibt es immer noch. Auf der Suche nach einem Gedicht für diesen Tag - ein Gedicht ist ja immer gut - fand ich eins bei Red Shuttleworth. Auf jeden Fall eins, in dem Janis Joplin vorkommt. Es steht in dem chapbook (wie Red Shuttleworth seine kleinen Gedichtbände nennt), das We Drove All Night heißt. Für all diejenigen, die den amerikanischen Dichter Red Shuttleworth nicht kennen sollten, möchte ich die Lektüre von dem Post ➱This Place of Memory empfehlen. Der Mann ist ein wirkliches Erlebnis. Wie Janis Joplin.

Notes Toward a Country Song

... Sometimes...
- Holly Williams

The town has a scatter bomb factory
at its fringe. Baby says, We all go delinquent
sooner or later. Her peasant blouse
is off cream-brown shoulders,
at her narrow waist, draped over a tartan
pleated skirt. Oh, shining hours of thunder,
horses, and orange candle flame.
There's a Janis Joplin poster,
hard-bound poetry books from the seventies,
and baby loves the steel guitar.
There's a slice of blueberry pie
on a Styrofoam plate... and a county
sheriff's siren screams from the honky tonk
edge of town. Baby's surgically perfect
breasts, firm and uplifted, are firmer
than any genetic luck could've built them.
Baby adds, No matter what we do,
we're always speeding toward
days we're unrehearsed for.

Die Holly Williams, die im Gedicht erwähnt wird, ist die Tochter von Hank Williams. Hank Williams, Junior natürlich, um genau zu sein. Sie können ihren Song ➱Sometimes hier hören. In einem ➱Janis Joplin Forum hat jemand namens suthernbuck82 einen Bogen von Janis Joplin zu Holly Williams geschlagen: Hey everyone. Its only fair to say that Janis Joplin was the original queen of folk/rock but I picked up a CD by a little known singer/songwriter called Holly Williams and I really enjoyed it. Und dann geht das noch endlos weiter. Das sind so die Beiträge, die man liebt. Nix wie versteckte Werbung.

Holly Williams ist nett, und wahrscheinlich ist Sometimes in dem Gedicht von Red Shuttleworth zitiert, weil da die Zeilen vorkommen:

Sometimes
I wish I were an angel in 52'
In a blue Cadillac on the eve of the new year
And there I would have saved him, the man who sang the blues
But maybe he is listening right now
Hopefully he's listening right now


An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich es verpasst habe, am ersten Tag des Jahres über Hollys Opa zu schreiben (ich weiß, dass ich mehrere Leser habe, die darauf warten, dass ich endlich einmal über Hank Williams schreibe. Lesen Sie doch als Ersatz dies ➱Gedicht von Red Shuttleworth). Denn am Morgen des 1. Januars 1953 hat die Polizei den Countrysänger Hank Williams tot in seinem blauen Cadillac am Straßenrand gefunden. No matter how I struggle and strive, I'll never get out of this world alive. Er war neunundzwanzig Jahre alt. Janis Joplin ist nur siebenundzwanzig geworden. So nett und softig die Enkelin von Hank Williams singt, sie ist keine Janis Joplin.

Um zu der wieder zurückzukommen, hören Sie doch mal eben in ihr ➱Summertime aus dem Jahre 1969 hinein. Damit kann man den Tag beginnen. C'mon baby, let the good times roll.

Janis Joplin wird in vielen Posts erwähnt, Sie könnten noch lesen: Traumwagen, Traumpaare, Daliah Lavi, Two-Lane Blacktop, Porsche, Number One

Donnerstag, 18. Januar 2018

Somewhere East of Suez


Mark Twain hat über Rudyard Kipling gesagt, er sei the only living person not head of a nation, whose voice is heard around the world the moment it drops a remark, the only such voice in existence that does not go by slow ship and rail but always travels first-class by cable. Und George Orwell sagt in einem bemerkenswerten ➱Essay: Kipling is the only English writer of our time who has added phrases to the language. Here are half a dozen phrases coined by Kipling which one sees quoted in leaderettes in the gutter press or overhears in saloon bars from people who have barely heard his name. It will be seen that they all have a certain characteristic in common:

East is East, and West is West.
The white man's burden.
What do they know of England who only England know?
The female of the species is more deadly than the male.
Somewhere East of Suez.
Paying the Dane-geld.


Der wunderbare Cartoon von Max Beerbohm aus dem Jahre 1904 im ersten Absatz hat die Bildunterschrift: Mr. Rudyard Kipling takes a blooming' day aht, on the Blasted 'Eath, along with Britannia, 'is girl. Britannia und Kipling Arm in Arm (mit vertauschten Kopfbedeckungen), sie versucht den kleinen Mann mit der Tröte zu zügeln. Die Bildunterschrift ist nicht in der ➱Hochsprache verfasst, es ist die Sprache, die Kipling in seinen Soldatengedichten immer wieder verwendet hat. Es ist seine Sprache, das macht ihm niemand nach. Wenn er von den flannelled fools at the wicket or the muddied oafs at the goals spricht, dann wird das den ➱Cricket (und ➱Fußball) Fans weh tun, aber der Satz bleibt im Kopf. Es ist eine Sprache, die Bert Brecht stark beeinflusst hat, als er in den 20er Jahren in Kiplings Welt eintauchte, um die Dreigroschenoper zu schreiben. Und den ➱Mandalay Song.

Ich picke mir aus den Zitaten, die Orwell auflistet, mal eben das Somewhere East of Suez aus dem Gedicht Mandalay heraus. Ein Gedicht, das Kipling schrieb, als er vierundzwanzig war. Trotz des noch beinahe jugendlichen Alters des Autors ist es ein perfektes Gedicht. Ich hatte da letztens eine Anfrage von meinem Freund Georg, der durch Zufall auf eine ihm unbekannte deutsche Übersetzung von Mandalay gestossen war. Mandalay kann Georg auswendig, sein Vater Werner Seifert (Bild) hat es nach dem Krieg ins Plattdeutsche übersetzt. Wirklich genial, Sie können es ➱hier lesen. Neben dieser Übersetzung kenne ich nur zwei andere. Die erste ist von Marx Möller, die kennt Georg auch, weil ich von ihm mal eine Photokopie bekommen habe. Max Wolf von der BZ am Mittag sagte vor mehr als einem Jahrhundert in seiner Rezension der Balladen aus dem Biwak, sie sei von einem unserer formgewandtesten Poeten, Marx Möller verfasst worden.

Bert Brecht, der sich gerne bei Kipling bediente, hat die Übersetzungen des formgewandtesten Poeten benutzt. Er kann auch die Indischen Balladen von Otto Hauser, die in der Reihe Aus fremden Gärten erschien, benutzt haben, da ist man sich nicht so sicher. Marx Möllers Übersetzung der Barrack-Room Ballads war 1911 im Berliner Vita Verlag unter dem Titel Balladen aus dem Biwak erschienen, das Buch war Teil einer Gesamtausgabe, die angeblich von Kipling autorisiert war. Einzige autorisierte vollständige Ausgabe der Barrack Room Ballads. Deutsch v. Marx Möller steht drin. In den 1920er Jahren gab es beim List Verlag eine Werkausgabe, bei der große Teile von Kiplings Werk von Hans Reisiger übersetzt worden waren, der ein hervorragender Übersetzer war. Wahrscheinlich kennen wir alle Kim aus seiner Übersetzung.

Marx Möller ist ein interessanter Mann gewesen, aber noch interessanter ist ein anderer Übersetzer, der ein Jahr zuvor seine Übersetzung beim Leipziger Julius Zeitler Verlag unter dem Titel Soldaten-Lieder und andere Gedichte publizierte. Er heißt Hanns Sachs, war ein promovierter Jurist und hatte zwei Vorlesungen bei Sigmund Freud gehört. 1910 präsentierte er Freud das Buch Soldaten-Lieder und andere Gedichte, kaum, dass es gedruckt worden war. Sachs wurde noch im selben Jahr Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und hielt dort einen Vortrag Über die Anwendbarkeit der Psychoanalyse auf die Werke der Dichtkunst. Der hatte allerdings nicht Kipling, sondern Heines ➱Loreley zum Thema. Nach John Willett (➱Brecht in Context) soll Brecht die Übersetzung von Hanns Sachs (und nicht die von Marx Möller) benutzt haben, es gibt da einige Konfusionen.

Lassen Sie uns einmal einen Blick auf die Übersetzungen werfen, ich nehme mir dazu die letzte Strophe von Kiplings ➱Gedicht:

Ship me somewheres east of Suez, where the best is like the worst,
Where there aren't no Ten Commandments an' a man can raise a thirst;
For the temple-bells are callin', an' it's there that I would be
By the old Moulmein Pagoda, looking lazy at the sea;
On the road to Mandalay,
Where the old Flotilla lay,
With our sick beneath the awnings when we went to Mandalay!
O the road to Mandalay,
Where the flyin'-fishes play,
An' the dawn comes up like thunder outer China 'crost the Bay!


Wir lassen das mal eben weg, dass Kipling wahrscheinlich nie in Mandalay war und die old Moulmein Pagoda hunderte von Kilometern von Mandalay entfernt ist, wir konzentrieren uns auf den Text. Hanns Sachs übersetzt die Strophe so:

Schafft mich östlich nur von Suez, alles and’re ist mir wurst,
Wo die zehn Gebot’ nichts gelten und ein Mann sich holt ’nen Durst. 
Denn die Tempelglocken rufen und ich will in ihre Näh’,
Hin zur alt’ Moulmein Pagode, müßig blicken über See. 
Auf dem Weg nach Mandalay 
Zu den Schiffen, zu der See,
Mit den Kranken unter Zelten kamen wir nach Mandalay. 

Oh, der Weg nach Mandalay, 
Fliegefische in der Höh’
Und auf Donnersflügeln brausend kommt die Dämm’rung über See. 


Das ist eine Übersetzung, mit der man leben kann. Mit Marx Möller vielleicht auch, dessen Übersetzung nicht den Titel Mandalay, sondern den Titel Vor den alten Tempeltoren hat. Mandalay, das im Original zwölfmal (bei Sachs elfmal) erwähnt wird, kommt bei Möller erstaunlicherweise nur einmal im Gedicht vor. Und mit den Silberfischen wird man heute auch nicht so glücklich sein:

Lasst mich über Suez fahren, Wo noch jeder Kerl was gilt, 
Wo nicht jeden, der mal Durst hat, Frömmelnd man als Säufer schilt! 
Denn die Tempelglocken läuten Ewig mir und locken laut 
In das Land, wo übers Wasser Ruhig die Pagode schaut! 
Wo die alten Schiffe liegen, deren Räder so rumoren, 
wo die Silberfische fliegen Vor den alten Tempeltoren ...

Am nähesten am Original, am nähesten an der Sprache des einfachen Soldaten, und das würde Kipling gefallen haben, ist die plattdeutsche Übersetzung von Werner Seifert:

Loot mi weg, vörbi an Suez, wo de Mann is noch’n Mann,
Wo’t geit ohne Zehn Gebote, un’ man noch een heben kann –
Denn de Tempelglocken roopt mi, un’ dorhen treckt mi dat Weh,
No de ool’ Moulmein Pagoda, de so meud kikt op de See –
An de Stroot no Mandalay
As de Scheep käm för de See
Mit de Kranken ünner't Sünnsail, as wi gung'n no Mandalay!
Oh, de Stroot no Mandalay,
Wo de Fisch fleeg in de Höh'
Un' de Dag is door as't Weder wiet ut China öber See!


Und dann ist da noch diese Übersetzung im Internet, die mein Freund Georg in einem Blog namens ➱lux autumnalis entdeckte. Dort sieht die letzte Strophe so aus:

Laßt uns irgendwo östlich von Suez segeln, wo der Edelste den Niedersten grüßt,
wo sich keiner um die Zehn Gebote schert und ein Mann erregen kann süßes Gelüst.
Wo die Tempelglocken rufen, dorthin möchte ich gehen,
bei der alten Pagode von Moulmein, um träge aufs Meer hinauszusehen.
Auf dem Weg nach Mandalay,
wo die Flotte liegt am Kai,
unsere Kranken bargen die Segel, als es ging nach Mandalay!
Auf dem Weg nach Mandalay,
dort siehst fliegende Fische du tollen
und die Sonne von China her über die Bucht wie Donner rollen!

Ship me somewheres east of Suez bedeutet niemals Laßt uns irgendwo östlich von Suez segeln, das ist totaler Unsinn. Man ist Marx Möller für Wo noch jeder Kerl was gilt dankbar, denn dieses wo der Edelste den Niedersten grüßt des Anonymus ist nur schreiend komisch. Aus dem Säufer von Möller wird hier ein Mann erregen kann süßes Gelüst. Ich weiß nicht, was das heißen soll, aber es ist nicht von Kipling. Die Kranken bergen übrigens keine Segel, sie liegen zum Schutz gegen die Sonne (With our sick beneath the awnings) unter ihnen. In einem Vers des Gedichts heißt es bei dem unbekannten Übersetzer: man kann keinen Bus von der Bank nach Mandalay nehmen. Von der Bank? Der ➱Bank of England vielleicht? Bei Seifert heißt es: Un’ door geit keen Bus mool eben von de Thems’ no Mandalay (Sachs hat an dieser Stelle eine Tramwaylinie). Und das ist richtig. In London kennt sich unser Übersetzer nicht so aus. Es gibt da eine Straße namens Strand. Die kennen wir von Bert Brechts Zeilen: An' nem schönen blauen Sonntag Liegt ein toter Mann am Strand Und ein Mensch geht um die Ecke Den man Mackie Messer nennt. Der Strand kommt bei Kipling auch vor: Tho' I walks with fifty 'ousemaids outer Chelsea to the Strand. Unser Anonymus macht daraus: bin ich auch mit fünfzig Hausmädchen nach Chelsea um die Klippen gebogen. Klippen in London? Gah mi af.

Die grottenolmschlechte Übersetzung war lange Zeit der meistgelesene Post in dem Blog lux autumnalis, ist gerade etwas abgesackt. Ich habe auf der Seite von Mandalay einen zurückhaltenden Kommentar geschrieben, der aber gleich gelöscht wurde. Man kann ja viel gegen Kipling sagen, aber solch eine stümperhafte Übersetzung hat er nicht verdient. Dass ich Kipling (der am 18. Januar 1936 starb) mag, steht schon in den Posts ➱The White Man's Burden, ➱Rudyard Kipling und ➱Mandalay. Ich habe in meinem Blog immer wieder über Übersetzer und Übersetzungen geschrieben. In dem Post ➱Übersetzer (der dem Übersetzer Curt Meyer-Clason gewidmet ist) finden sich eine Vielzahl von Links, die mit Übersetzungen zu tun haben. Klicken Sie's mal an.

Dass der englische Außenminister Boris Johnson im letzten Jahr in Myanmar in einer Pagode Come you back, you British soldier; come you back to Mandalay! zitierte, bis ihn der englische Botschafter (hier links neben Johnson) mit einem No. Not appropriate stoppte, zeigt, wie gefährlich Kipling immer noch ist. Oder wie blöd Johnson ist.

Mittwoch, 17. Januar 2018

Antarktis


At about a 1/4 past 11 o'Clock we cross'd the Antarctic Circle for at Noon we were by observation four Miles and a half South of it and are undoubtedly the first and only Ship that ever cross'd that line, schreibt Captain Cook. Wir haben den 17. Januar 1773. James Cook kommt in diesem Blog schon in dem Post Marinechronometer vor. Und wir wissen natürlich, dass Chief Inspector Morse den Vornamen Endeavour hat. Den Namen hatte auch das Schiff von Captain Cook, allerdings nicht auf dieser zweiten Reise, da ist es die Resolution. Bei Christoph Martin Wieland liest sich die Geschichte so: Schwere Hagel und Schneeschauer verdunkelten die Luft beständig, und sie sahen sich überall von so großen Eisinseln umgeben, daß dieser Anblick ihnen nun schon eben so gemein war als Wolken und See. Indessen verloren sie doch ihre Bestimmung nie aus den Augen, und lenkten ihren Lauf, sobald die See nur irgendwo etwas freyer und offner war, wieder mehr nach Süden, aber immer mit keinerley Erfolg. Den 17. Januar 1773 passierten sie endlich den antarktischen Zirkel, und traten also in den eigentlichen kalten Erdgürtel der südlichen Halbkugel, der bis dahin noch allen Seefahrern verschlossen geblieben war.

Zwei Jahre später - wieder an einem 17. Januar - betritt Georg Forster als Begleiter James Cooks als erster Deutscher auf Südgeorgien antarktischen Boden. Über das Ereignis hat Georg Forster geschrieben: Hier entfaltete Captain Cook die britische Flagge und führte die Zeremonie der Inbesitznahme dieser unfruchtbaren Felsen durch, im Namen Seiner Britischen Majestät und seinen Erben bis in alle Ewigkeit. Eine Salve von zwei oder drei Musketen wurde abgefeuert. 

Wenn Cook im Namen des englischen Königs George lll Besitz von der lnsel  ergreift, ist es das erste Mal, dass im Bereich der Antarktis Gebietsansprüche geltend gemacht werden. Nach dem Antarktis Vertrag von 1959 sind die Gebietsansprüche allerdings hinfällig. Captain Cook gefällt die ganze Gegend nicht so sehr, das nächste Stückchen von Südgeorgien wird er Cape Disappointment nennen. Den Georg Forster mag ich, ich habe wohl alles gelesen, was er geschrieben hat. Und das meiste, was über ihn geschrieben worden ist. Er hat hier schon einen Post, und er kommt auch in dem Post Johann Adam Ackermann vor, der aus Gründen, die ich nicht kenne, ein richtiger Bestseller ist.

Antarktis, siebzehnter Januar. Zwei Ereignisse, die Geschichte schreiben. Aber es gibt noch mehr: am 17. Januar 1912 erreicht Robert Falcon Scott mit seinen Leuten den Südpol. Nur um festzustellen, dass der Norweger Roald Amundsen bereits einen Monat früher als erster hier gewesen ist. Eintragungen wie The worst has happened, All the day dreams must go und Great God! This is an awful place finden sich in Scotts Tagebuch. Auf dem Rückweg zu ihrem Basislager werden sie alle sterben.

Und dann habe ich da noch etwas Obskures, was auch mit der Antarktis und dem 17. Januar zusammenhängt. Es ist eine Anweisung an die deutsche Presse vom 17. Januar 1939: Ueber die Antarktis-Probleme soll in Zusammenhang mit der deutschen Antarktis-Expedition vorläufig nichts geschrieben werden. Warum nicht? Was ist da los? Warum machen die das alles am 17. Januar? Man könnte da ja einen Roman schreiben. Titel: Schicksalstage der Antarktis. Es wäre schön, wenn ich Frankensteins Monster noch hineinschreiben könnte, aber das verschwindet in der Arktis, nicht in der Antarktis. Irgendwie schade. Ein Monster in einem Roman ist immer gut. Gute Monster sind rar, hat schon Tolkien gesagt. Beim Sender Phoenix hat man gemerkt, dass der 17. Januar und die Antarktis eine Bedeutung haben. Die haben heute morgen um 05:15 den Film Höllentrip Antarktis gesendet.

Dienstag, 16. Januar 2018

Chirurgie


Am 16. Januar 1632 wohnt der 26-jährige Rembrandt Harmenszoon  van Rijn der Vorlesung des Mediziners Nicolaes Tulp bei, als dieser die Leiche des Straßenräubers Adriaan Adriaanszoon obduziert. Das Ergebnis kennen wir. Es heißt Die Anatomie des Dr. Tulp, das Bild hat in diesem Blog mit Anatomie schon einen langen Post. Die Tochter von Nicolaes Tulp hat übrigens auch schon einen Post. Bei dem Bild fällt mir immer Gottfried Benns Gedicht mit dem ersoffenen Bierfahrer aus der Sammlung Morgue ein, aber das habe ich in Anatomie schon gesagt. Heute habe ich aber noch etwas Neues, ein sehr schönes Gedicht aus dem Spätwerk von Heiner Müller:

Der Maler hält den Moment vor dem Verschwinden
fest, die kalte Sekunde, wenn der Körper zum
Farbton schrumpft, den letzten Atem, von
Malschichten wie vom Vergessen erstickt.
Der Maler malt das Vergessen. Das Bild vergißt
seinen Gegenstand. Der Maler ist Charon. Mit
jedem Pinselstrich
Ruderschlag verliert sein
Passagier an Substanz. Die Fahrt ist das Ziel, 
das Sterben der Tod. Am anderen Ufer wird
Niemand aussteigen.

Sonntag, 14. Januar 2018

Pidgin English


Es war zappenduster. Mein Kommandeur hatte mich losgeschickt, damit ich den Colonel eines Panzerbataillons überreden sollte, mit seinen Panzern noch ein paar Kilometer vorzurücken. Mein Fahrer hatte Schwierigkeiten, in der Dunkelheit den Jeep auf dem Weg zu halten. Nach einigen Kilometern sahen wir einen englischen Soldaten, ich erkundigte mich nach seiner Einheit. Der Soldat nahm Haltung an und bellte: Sir! Er konnte meinen Dienstgrad in der Dunkelheit nicht sehen, aber das Englisch, das ich sprach, sagte ihm, dass ich ein Offizier sein musste. Hätte ich nicht mein schönes Schulenglisch gesprochen, hätte er vielleicht gesagt: Piss off, fella. Diese kleine Geschichte mag illustrieren, dass Englisch nicht gleich Englisch ist. Es ist eine Klassensprache.

Gemeinhin gilt das Pidgin English als die unterste Form des Englischen. Die Königin spricht das nicht. Die Königin spricht etwas, was die Deutschen Oxford Englisch nennen, was für die Linguisten aber RP ist (ich habe ➱hier ein Beispiel). RP heißt Received Pronunciation, nur ein ganz kleiner Prozentsatz der Engländer spricht das. Daniel Jones definierte 1916 für sein Aussprachewörterbuch RP als den Akzent most usually heard in everyday speech in the families of Southern English persons whose menfolk have been educated at the great public boarding schools.

Wenn man das spricht, dann ist man ganz oben. Dieser Verwandlungsvorgang, der jetzt nicht Kleider machen Leute, sondern Aussprache definiert die Klasse heißt, ist manchmal schon seltsam. Mrs. Thatcher, von ihrer Herkunft definitiv lower middle class, bemühte sich ihre Leben lang, königlicher als die Königin zu sprechen. Das ist ebenso komisch wie die Mrs Malaprop in Sheridans Theaterstück The Rivals. Man nimmt heute übrigens an, dass ➱George Bernard Shaw Daniel Jones als Vorlage für seinen Professor Henry Higgins in Pygmalion genommen hat.

Julie Burchill, die damalige Königin der englischen Subkultur, hat 1985 (damals war das ➱Sloane Ranger Handbook ein Bestseller in England) mit leichter Verzweiflung geschrieben: Dies ist immer noch das einzige Land in der englischsprechenden Welt oder Europa, in dem der Akzent eher von der sozialen Klasse als vom Landstrich abhängig ist - die Leute beurteilen Macht eher nach Akzent als nach Reichtum oder guter Bildung. Bildung zählt immer noch nichts in diesem Land, wenn man nicht so spricht wie die Bessergestellten; und wenn man so redet, kann man so doof sein, wie man will, und trotzdem aufsteigen ... Doch solche Sätze von einer Frau, die in der Punk Szene angefangen hat und von der journalistischen Konkurrenz als Trendnutte bezeichnet wurde, lassen die Upper Class kalt. Neuerdings behaupten Linguisten, dass die Königin schon gar nicht mehr RP spräche, sondern zum ➱estuary neige. Das lassen wir mal beiseite. Theresa May ist strohdoof, aber sie hat den richtigen Akzent, das reicht für die englische Oberklasse aus. Von John Majors Idee der ➱classless society ist nichts übriggeblieben.

Die BBC hatte jahrzehntelang nur Sprecher beschäftigt, die RP sprachen, aber seit Ende der 60er Jahre konnte man auch ➱regionale Akzente hören. Nicht gerade das Cockney, mit dem ➱Michael Caine aufwuchs, aber eben auch nicht das Englisch, das Professor Higgins auf der Bühne spricht. Gegen regionale Akzente ist nichts zu sagen, das haben wir im Deutschen auch. Das hat bei uns nichts mit einer sozialen Klasse zu tun. Wenn eine Bank mit dem Spruch Wir können alles. Außer Hochdeutsch wirbt, dann kann sie damit Erfolg haben. Für ➱Sir Philip Sidney sprach man in Sachsen das beste Deutsch, Sprachwissenschaftler sagen, dass in ➱Hannover das beste Deutsch gesprochen wird. Wenn Sie einen regionalen Akzent hören wollen (außer Jürgen von Mangers ➱Schwiegermuttermörder), dann kann ich ➱Lernt Rheinisch mit Konrad Adenauer empfehlen.

Wenn man Englisch als Fremdsprache vermittelt, ist es natürlich nützlich, einen ➱Standard anzunehmen. Da bietet sich RP an. Ich hatte einmal einen Examenskandidaten, der vorher Kapitän gewesen war. Es machte ihm keinen Spaß mehr, auf ➱ausgeflaggten Schiffen mit der Pistole in der Hand eine Mannschaft zu befehligen, mit der er sich nur im grauenhaftesten Pidgin English verständigen konnte. Die Prüfung verlief sehr gut. Bis wir zu dem Teil kamen, der auf Englisch abgehalten wird. Und da staunte ich. Und die Herren vom Prüfungsamt erst recht. Der Akzent der malaischen Mannschaft hatte offensichtlich auf unseren Kapitän abgefärbt. Grammatisch war alles korrekt, es war nicht das Englisch von ➱Oettinger, aber da war dieses grauenhafte Pidgin English in der Aussprache. Wir berieten uns nach der Prüfung und empfahlen dem Kandidaten einen längeren Aufenthalt in England. Den hatte er sowieso geplant. Er ist ein guter Lehrer geworden, irgendwo an der Westküste, wo er das Meer sehen konnte.

Ich habe Pidgin English eben so behandelt, wie man es gemeinhin umgangssprachlich versteht. Das ist nicht ganz richtig. Pidgin und Kreol sind Sprachen, reduzierte Sprachen, aber Sprachen. Und Fremdsprachen für viele Sprecher. Die Pidgin- und Kreolsprachen quer durch die Welt haben nur etwas miteinander gemein, wenn sie von der gleichen Ausgangsprache abstammen. Das Louisiana Creole kommt vom Französischen, Hawaiianisches Pidgin vom Englischen etc. Millionen auf der Welt sprechen Pidgin English, es ist eine Lingua Franca, wie es das Latein einst war. Auf das Latein wollte sich der Papst Johannes Paul nicht verlassen, als er 1984 Papua-Neuguinea besuchte, da hat er in Pidgin English gepredigt.

Millionen Menschen auf der Welt kennen die Bibel nur im Pidgin English. Ich zitiere einmal die Schöpfungsgeschichte im hawaiianischen Pidgin English:

God Make Da World

1 Da time wen eryting had start, God wen make da sky an da world.
2 Da world come so no mo notting inside, no mo shape notting. On top da wild ocean dat cova eryting, neva had light notting. Ony had God Spirit dea, moving aroun ova da watta.
Day Numba One
3 Den God say, “I like light fo shine!” an da light start fo shine.
4 God see how good da light. Den he put da light on one side, an da dark on da odda side.
5 Da light time, he give um da name “Day time.” Da dark time, he give um da name “Nite time.” So, had da nite time an da day time, az day numba one.
Day Numba Two
6 Den God say, “I like get someting inside da middo, fo no let da watta up dea an da watta undaneat come togedda!”
7 An dass wat God wen do. God make someting fo no let da watta up dea an da watta undaneat come togedda.
8 Da ting inside da middo, God give um da name “Da Sky.” Had da nite time an da day time, az day numba two.
Day Numba Three
9 Den God say, “I like da watta unda da sky come togedda one place, so dat get dry land!” An dass wat God wen do.
10 Da dry groun, God give um da name “Land,” an da watta dat wen come togedda one side, he give um da name “Sea.” God look da dry groun an da sea, an he tell, “Real, real good, all dat!”
11 Den God say, “I like da land, get all diffren kine plant grow! Da kine plants dat make dea own kine seed, an da kine trees dat make da fruits wit da seed inside, eryting!” An dass wat God wen do.
12 So da land wen make all diffren kine plant grow, da kine plants dat make dea own kine seed, an da kine trees dat make da fruits wit dea own kine seed inside, eryting. An God look da plants, an he tell, “Real, real good, all dat!”
13 Had da nite time an da day time, az day numba three.

Bei Monsignore ➱Ronald Knox klingt das in seiner ➱Bibelübersetzung natürlich etwas anders. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen, dass die Pidgin Version sehr eindrucksvoll und eingängig ist. Einfach und schlicht, für jeden zu begreifen. All this God saw, and found it good heißt es in der Hochsprache, Real, real good, all dat! im Pidgin. Klingt ein wenig nach Donald Trump, aber über dessen Sprachverarmung wollen wir jetzt nicht reden. Das ist kein Pidgin, das ist nur schlechtes Englisch. Ich habe Sie in ein Labyrinth der Sprachen geführt. Und dabei sind wir auf Dialekte und Soziolekte noch gar nicht eingegangen. Ich hätte ➱hier ein Zipfelchen vom Ariadnefaden, damit Sie einen kleinen Überblick bekommen.

Und dann habe ich, weil heute Sonntag ist, noch das ➱Vaterunser im Hawaiian Pidgin English. Gott versteht das, er versteht jeden, der zu ihm spricht, ob er RP oder Pidgin spricht. Da bin ich sicher.

Freitag, 12. Januar 2018

Genie


Webster's Dictionary definiert das Wort genius in seiner fünften und letzten Bedeutung als b: extraordinary intellectual power especially as manifested in creative activity c: a person endowed with extraordinary mental superiority; especially: a person with a very high IQ. Für Goethe wäre das ein bisschen wenig gewesen: Aber im höhern Sinne kommt doch alles darauf an, welchen Kreis das Genie sich bezeichnet, in welchem es wirken, was es für Elemente zusammenfaßt, aus denen es bilden will. Wir sind mit dieser Definition in der Zeit des Geniekults, aber diese Zeit ist vorbei. Oder auch nicht. Denn aus der neuen Welt kommen Nachrichten, die die Diskussion um das, was ein Genie ausmacht, neu beleben. Der Twitterkönig hat sich in der Geniefrage zu Wort gemeldet und versichert uns, dass er, Donald John Trump, ein Genie sei. Und nicht nur das, er ist ein stable genius, Sie können sich ➱hier eine Erklärung anschauen, was mit einem stable genius gemeint ist. Der Stern titelte diese Woche Das Tollhaus; schön und gut, wir haben das ja alles geahnt, was das Buch Fire and Fury jetzt ans Licht bringt.

Wie viele Amerikaner, hat Donald Trump das, was man eine short attention span nennt. Komplexe Dinge sind zu schwierig für den stable genius. Er ist ständig am Klagen: The time is out of joint: O cursed spite, That ever I was born to set it right! Seine Mitarbeiter sind jetzt dazu übergegangen, ihm die Lage der Welt auf eine einfache Weise beizubringen. Das behauptet auf jeden Fall mein ➱Lieblingskarikaturist, der mir gerade diesen Cartoon zuschickte.

Das Buch Fire and Fury wirft natürlich wieder einmal die Frage nach dem Geisteszustand Trumps auf. Ich möchte da keine Diagnose abgeben, aber ich habe hier ein hübsches Zitat von dem berühmten Clifford Geertz. Griffbereit. Habe ich mir mal vor Jahrzehnten auf eine DIN A6 Karteikarte geschrieben. Geertz sagt dort über die Definition der Kultur: Cultural systems must have a minimal degree of coherence, else we would not call them systems; and, by observation, they normally have a great deal more. Und dann fügt er hinzu: But there is nothing so coherent as a paranoid’s delusion or a swindler’s story.

Ich habe das schon in dem Post ➱Jonathan Swift zitiert (wo es damals auch um den Herrn von und zu ➱Guttenberg ging), aber es ist ein Zitat, dessen letzten Satz man immer wieder gebrauchen kann.

Mittwoch, 10. Januar 2018

Ronald Knox


Heute vor einundsechzig Jahren wurde Harold Macmillan englischer Premierminister. Er taucht in diesem Blog in den Posts ➱Christine Keeler und ➱I took on the sins of everybody, of a generation, really auf. Zwei Posts (die eigenlich dasselbe sind), die bei Keelers Tod erstaunliche Leserzahlen bekamen. Der Cartoon hier, der Macmillan in der Pose von Christine Keeler zeigt, ist natürlich auch in den beiden Posts zu sehen. Christine Keeler wird in dem Wikipedia Artikel zu Harold Macmillan nicht namentlich erwähnt, da muss man schon das Keyword Profumo Affaire anklicken. Dort wird sie als Mannequin bezeichnet, ich weiß nicht, ob das das richtige Wort ist für ein Schnuckelchen, dem es gelang Macmillans Regierung zu stürzen.

Harold Macmillans Leben und Werk ist genügend beschrieben worden, das können wir uns heute schenken. Wir wenden uns einmal diesem Herren zu, einem der engsten Freunde von Harold Macmillan. Der Mann mit dem dog collar ist in Deutschland nicht so bekannt. Er heißt Ronald Arbuthnott Knox. Er war ein einflussreicher Theologe, der von der Aglican Church zum Katholizismus wechselte, Apostolischer Protonotar bei Papst Pius XII wurde und dann in den Ruhestand ging, um die ➱Vulgata neu zu übersetzen. Er brauchte dafür keine Assistenten, er brauchte nur seine Schreibmaschine, seine Pfeifen und genügend Tabak. ➱Lady Daphne Acton sorgte für eine Unterkunft im Park von Aldenham. Der Vater von Ronald Knox war Bischof, er enterbte seinen Sohn, als der Katholik wurde. Das hat der Großvater mütterlicherseits, der auch anglikanischer Bischof war, nicht mehr erlebt. Ronald Knox ist nicht nur Theologe, er macht auch ganz andere Dinge, für die ihn viele liebten.

Er schreibt nämlich ➱Krimis. Einen seiner ersten - und vielleicht seinen besten - kann man sogar auf deutsch lesen. Ebenso ➱Die drei Gashähne, ➱Fußspuren an der Schleuse und ➱Der Tote im Silo. Richard K. Flesch vom Rowohlt Verlag hatte sich Anfang der sechziger Jahre die beiden besten für seine Krimireihe gesichert, die anderen erschienen bei Herder. Flesch, der in dem Post ➱Sjöwall Wahlöö vorkommt, hatte ein feines Näschen für Qualität, das auch nicht von seinem legendären Whiskykonsum beeinträchtigt wurde. Man kann die Romane von Ronald Knox glücklicherweise immer noch finden, mit etwas Glück sogar eine schöne alte Ausgabe (ich besitze zwei Erstausgaben).

Wir sind mit den Romanen von Ronald Knox in einer Zeit, die man The Golden Age of Detective Fiction genannt hat, als Kriminalromane von Absolventen von Oxford und Cambridge geschrieben werden. Knox hat nicht nur Krimis geschrieben, er hat sich auch Gedanken über das Genre gemacht. Studies in the Literature of Sherlock Holmes hieß der leicht satirische Vortrag, den er 1911 gehalten hat. Er hat ihn später in seinem Buch Essays in Satire veröffentlicht, Sie können ihn ➱hier lesen. If anyone objects, that the study of Holmes literature is unworthy of scholarly attention, I might content myself with replying that to the scholarly mind anything is worthy of study, if that study be thorough and systematic. Das ist ein wichtiger Satz. Wenn man sich als Wissenschaftler mit dem Krimi beschäftigt, dann muss man ihn auch ernstnehmen.

Es hat mehr als vierzig Jahre gedauert, bis ein deutscher Wissenschaftler auf diese Idee gekommen ist. Er heißt Fritz Wölcken, seine Habilitationsschrift aus den fünfziger Jahren ist vor drei Jahren neu aufgelegt worden. Ich habe hier im ➱Culturmag eine schöne Würdigung von Wölckens Buch gefunden. Es war eine Pionierarbeit, in den sechziger und siebziger Jahren schrieb dann jeder über den Detektivroman. Leider waren das häufig ideologisch gefärbte Arbeiten, die aus mehr Theorie als einer substantiellen Kenntnis der Kriminalliteratur bestanden. Da war Ronald Knox' Satz If anyone objects, that the study of Holmes literature is unworthy of scholarly attention, I might content myself with replying that to the scholarly mind anything is worthy of study, if that study be thorough and systematic leider in Vergessenheit geraten.

Ronald Knox hat auch ein Regelwerk für den Krimi aufgestellt, zehn goldene Regeln, an die sich Autoren halten sollten. Sie können sie ➱hier lesen. Das Ganze ist wahrscheinlich nicht so ernst gemeint, Knox hatte immer einen Hang zur Satire. Wie seine Freunde G.K. Chesterton (für den er die Totenmesse halten wird) und Hilaire Belloc. Die zehn Regeln für Krimiautoren sind Knox nicht wirklich wichtig, wichtig ist ihm, den Katholiken Richtlinien zu geben, was sie glauben sollen Let him trust orthodox tradition to determine what he is to believe, and common sense to determine what is orthodox tradition. 

Und dann ist da noch etwas über Ronald Knox zu sagen, etwas, das nichts mit Theologie und Krimis zu tun hat. Sondern mit der BBC. Die zwanziger Jahre sind die große Zeit des Radios, Ronald Knox wird viel für die BBC arbeiten. Und in einer Sendung lässt er seinem Hang zur Satire vollen Lauf. Am 16 Januar 1926 sendete die BBC einen Bericht, der ➱Broadcasting the Barricades hieß. Angeblich war England in Aufruhr: Unemployed demonstration in London. The crowd has now passed along Whitehall and, at the suggestion of Mr Popplebury, Secretary of the National Movement for Abolishing Theatre Queues, is preparing to demolish the Houses of Parliament with trench mortars. Der Glockenturm von ➱Big Ben bricht zusammen, und noch Schlimmeres kommt: One moment, please. Fresh reports, which have just come to hand, announce that the crowd have secured the person of Mr Wotherspoon, the Minister of Traffic, who was attempting to make his escape in disguise. He has now been hanged from a lamp-post in the Vauxhall Bridge Road. Zwischen den Katastrophennachrichten wird immer wieder Tanzmusik aus dem Savoy Hotel eingespielt.

Die BBC sendet am Abend eine Erklärung: Some listeners, who heard only part of Rev. Father Knox's talk at 7:40 this evening, did not realize the humorous innuendoes underlying his imaginary news items, and have unease as to the fate of London, Big Ben and other places and objects mentioned in the talk. As a matter of fact, the preliminary announcement stated that the talk was a skit on broadcasting, and the whole talk was, of course, a burlesque, and we hope that any listeners who did not realize it will accept our sincere apologies for any uneasiness caused. London is safe. Big Ben is still chiming, and all is well. Der Direktor der BBC John Reith, der auf allen Photos aussieht, als ob er nicht lachen könne, ist begeistert. Die Hörer übrigens auch, 2.307 Hörer fanden die Sendung gut, nur 249 kritisieren diesen ersten Fall von fake news. Orson Welles ist mit seinem ➱War of the Worlds noch weit weg. ➱Kellyanne und dieser Mann, der die Intelligenz einer Zimmerpflanze hat, sich aber für ein Genie hält, sind noch weit in der Zukunft.

Ronald Knox verstand die ganze Aufregung nicht: I had no idea that listeners would take what I said seriously. Even now, I cannot quite see how anyone could have misinterpreted my remarks. I am sure that my 'news reports' were so far-fetched that no-one who thought them out could have been alarmed. Wenn es für Knox nur ein Spaß war, so war Broadcasting the Barricades doch noch mehr, es zeigte, wie man das Radio mißbrauchen kann. Joseph Goebbels (der erstaunlicherweise englische ➱Romane liest) wird der Welt schon zeigen, wie das geht.

Ein Jahr nach der Radiosendung veröffentlicht Monsignore Knox The Belief of Catholics (hier ein ➱Exzerpt), ein Buch, das den Katholiken ihren Glauben erklärt. Knox ist der wortgewandteste und intelligenteste Apologet der katholischen Kirche in England in den Jahren zwischen den Weltkriegen. Man zitiert ihn noch heute gerne. Als Ronald Knox 1957 stirbt, lässt es sich der frischgebackene Premierminister Harold Macmillan nicht nehmen, die Totenmesse für seinen Freund zu besuchen. Die Londoner Times schrieb über Knox: the wittiest churchman in England since Sydney Smith; he was as earnest as he was witty and devout as he was diverting. Und für Time war er Britain’s outstanding Roman Catholic scholar, most versatile writer, and gentlest man.