Montag, 1. Juni 2020

Mozart?


Es war kurz vor Mitternacht, ich war auf dem Weg zum Bad, als ich aus meinem Digitalradio etwas hörte, was mich irritierte. Ich kannte die Melodie, und dann kannte ich sie wieder nicht. Der Pianist wechselte das Tempo, etwas schien zu haken. Hörte für eine Sekunde auf, fing wieder an. Dann ein mißlungener Triller. Übte der noch? War das Mozart? Ich ging zum Radio zurück und las auf dem Display: Mozart: Piano Sonata in F, KV332 (Adagio) Chick Corea. Es war eine seltsame Sache. Am nächsten Tag hörte ich das Ganze noch einmal auf dem Computer an und erfuhr, dass dies etwas war, das im August auf der CD Chick Corea Plays erscheinen wird. Da wird es neben Mozart auch noch Domenico Scarlatti, Alexander Scriabin und Frédéric Chopin geben, aber nur in Häppchen. Von Mozart gibt es auch nicht die ganze Sonate, nur die vier Minuten und achtzehn Sekunden von dem Adagio.

Das klang nun am nächsten Morgen nicht mehr so gut wie in der Nacht, und wenn man es ein paar Mal hintereinander hört, kommt man dem Interpreten auch auf seine Schliche. Bei YouTube steht in einem Kommentar: It's ridiculous. Except that you shouldn't change Mozart's works (Because they are perfect), Combining the music of civilized people (Classical) with non-civilized ones (Jazz), is a disaster. Es ist nicht das erstemal, dass Chick Corea sich an Mozart versucht, ich habe eine CD von ihm und Bobby McFerrin, da spielt er ein Klavierkonzert von Mozart. Hat mich mal 'nen Euro gekostet, braucht man aber nicht zu haben.

Es ist eine interessante Sache, sich nach dem Anhören von Chick Coreas Adagio richtige Pianisten anzuhören. YouTube bot mir als erstes Elisabeth Leonskaja an, die spielt das sehr schön. Ohne die Mätzchen von Chick Corea. Friedrich Gulda, der ja auch immer mit dem Jazz geflirtet hat, würde ich unbedingt empfehlen (der hat mit Friedrich Gulda und Gulda hier auch schon zwei Posts). Ich mag Mikhail Pletnev auch sehr gerne. Und dann müssen wir mal eben zu Glenn Gould kommen. Der mochte Mozart überhaupt nicht, hielt ihn für einen mittelmäßigen Komponisten, Mozart was a bad composer who died too late rather than too early, hat er gesagt. Aber dennoch hat er alle Klaviersonaten von Mozart gespielt.

Als ich mir Glenn Gould anhörte, fiel mir etwas auf, er spielte das Adagio auch etwas anders als die anderen. Gut, das erwartet man von ihm, dafür ist er Glenn Gould. Jeder Klavierschüler weiß, dass bei Mozart die Begleitung in der linken Hand ziemlich einfach ist, das sind diese nach Domenico Alberti genannten Alberti Bässe. Langweilig. Nicht bei Glenn Gould, der spielt mit der linken Hand so etwas wie Johann Sebastian Bach. Ich dachte, ich hätte eine ganz großartige Entdeckung gemacht, die haben allerdings auch schon andere gemacht. Jean-Yves Clément sagt in seinem schönen Buch Glenn Gould oder das innere Klavier: Allerdings will Gould Mozarts Sonaten oft in eine Welt ziehen, in die sie nicht gehören – die des Kontrapunkts nämlich.

Glenn Goulds Aufnahme der F-DurSonate KV 332 unterscheidet sich noch in einem anderen Punkt von allen anderen Pianisten: Horowitz war mit vier Minuten und zweiunddreißig Sekunden im Allegro assai schon schnell, aber Gould hält mit vier Minuten den Geschwindigkeitsrekord. Elisabeth Leonskaja und Mikhail Pletnev brauchen beide über sechs Minuten. Ich glaube, ich höre jetzt für den Rest der Woche Mozart. Daran ist jetzt Chick Corea schuld.

Lesen Sie auch: Mozarts Klaviersonaten


Sonntag, 31. Mai 2020

Pfingsten


Ein Gedicht sollte zu diesem Festtag schon sein. Philip Larkins The Whitsun Weddings würde sich anbieten, aber das ist zu lang. Ich nehme mir einen Dichter, über den ich nichts weiß. Er heißt David Wood, er ist mit 480 Gedichten im Internet vertreten. Ich weiß jetzt nicht so recht, ob man sich einen published poet nennen darf, wenn man nur im Internet mit seiner Lyrik veröffentlicht ist. Andererseits ist das Internet auch eine große Chance für junge Dichter, die bei T.S. Eliots ehemaligem Verlag Faber & Faber noch nicht angenommen wurden. Selbst der anonyme Dichter in dem Post sphärendunst hat seine Leser und schafft es locker in die Statistik der Top Ten der letzten vier Wochen in diesem Blog. Wenn Thomas Chatterton in seinem Leben so viele Leser gehabt hätte wie ich an einem Tag, hätte er keinen Selbstmord begangen.

Das Internet wird als Ort der Hassreden allenthalben diskutiert, aber kaum je als Ort der schönen Literatur. Der Schein trügt jedoch, und obendrein wären hier Überraschungen zu erleben – denn ausgerechnet Lyrik, die kaum ein ganzes Prozent am Buchmarkt ausmacht, ist im Internet kein Randphänomen. Hier wird gereimt, als gäbe es nicht genug Gedichte. Zwar haben Lyriker von Gottfried Benn bis Jan Wagner warnend darauf hingewiesen, dass mit Versen nicht eben Geld zu verdienen sei; doch das hält die zumeist jungen Autoren nicht von ihrem Traum ab, Dichter zu werden, schreibt die NZZ. Und weist auf die Kanadierin Rupi Kaur hin, deren erster Gedichtband mehr als zwei Millionen mal verkauft wurde. Die hat auf Tumblr angefangen und hat auf Twitter und Instagram Millionen von Freunden.

Das Internet ist voller Müll, aber es ist auch voller Lyrik. Man findet Gedichte, und manchmal werden die vom Dichter selbst vorgelesen. Vorher muss man meistens die Werbung ertragen. Manchmal lesen auch Schauspieler die Lyrik eines Dichters. Mein Liebling ist da Richard Burton, der die Gedichte von Thomas Hardy wunderbar liest, hören Sie doch einmal in Weathers hinein.

Das Gedicht Whitsun von David Wood gibt es nicht vorgelesen, da gibt es nur den Text und etwas Musik. Den Text gibt es hier natürlich auch:

Whitsuntide fast approaches,
Another Bank holiday beckons.
Time for a long week-end in the pub
Or sitting in the garden whose grass
Needs cutting with dandelions like
Saucers. This is the new Pentecost,
People mooching around the shops
Looking for that something that they
Didn’t realise they wanted only to find
They had one when they got home.
People enjoying the Bank holiday
Not realizing what the holiday means.
Of family day trips to the seaside with
Children eating ice cream that spread
Around their face and noses.
A day to escape the daily grind.

Ich wünsche allen Lesern ein frohes Pfingstfest.

Freitag, 29. Mai 2020

Seenot


Wir begeben uns mit diesem Thema auf See, aber ich bin da auf sicherem Boden. Denn über die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, die heute vor 155 Jahren in Kiel gegründet wurde, habe ich schon mehrfach geschrieben. Weil Adolph Bermpohl, einer der Gründer der Gesellschaft, aus meinem Heimatort kam, und es in unserem Heimatmuseum einen ganzen Saal zum Thema Seenotrettung gab. Der ist etwas kleiner geworden, seit das Heimatmuseum aus der Weserstraße in das Schönebecker Schloss umgezogen ist, aber die wichtigen Dinge sind noch da.

Das hier ist die Küste von Nordjütland im Jahre 1882. Die schwarzen Punkte zeigen Totalverluste, die weißen Punkte zeigen gestrandete Schiffe, die wieder flottgemacht wurden. Der Strandungskommissionär Christopher Berent Claudi (1799-1880) war auf eigene Faust und eigene Kosten nach England gereist, um zu sehen, wie die Engländer das Rettungswesen organisiert haben. Denn die haben nicht nur Grace Darling, dort war schon 1824 eine National Institution for the Preservation of Life from Shipwreck gegründet worden, die in den Jahren von 1824 bis 1839 6.716  Schiffbrüchige retten wird. Was Christopher Berent Claudi dem dänischen König vortragen wird, führt dazu, dass Christian VIII im Jahr 1847 fünftausend Reichstaler für Raketenapparate, Schwimmgürtel und Rettungsboote bewilligt.

Claudi hätte auch nach Holland reisen können, denn die haben seit 1824 auch schon eine Rettungsgesellschaft, genau genommen sogar zwei. Am 14. Oktober 1824 waren siebzehn Schiffe vor der holländischen Küste gestrandet (hier die De Vreede), das war der Anlaß für die Gründung der Noord- en Zuid-Hollandsche Redding-Maatschappij (NZHRM) und der Zuid-Hollandsche Maatschappij tot Redding van Schipbreukelingen (ZHMRS). Wenn sich Adolph BermpohlGeorg Breusing und Arwed Emminghaus 1865 zusammentun, dann sind wir mit der Gründung einer nationalen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger die letzten in Europa.

Der Navigationslehrer Adolph Bermpohl (hier links neben Breusing und Emmighaus) war 1859 Leiter der privaten Seefahrtsschule in Vegesack geworden. In einem anonymen Zeitungsartikel schreibt er: Ist es nicht eine Schande für ganz Deutschland, daß so etwas an seinen Küsten vorkommen kann? Warum werden, wie in England, nicht auch an unseren Küsten Rettungsboote stationiert mit einer fortwährenden Küstenbewachung? 1860 verfasst er einen flammenden Aufruf zu Beiträgen für Errichtung von Rettungsstationen auf den deutschen Inseln der Nordsee. Da war kurz zuvor eine Brigg bei Borkum gestrandet, deren Passagiere man hätte retten können, wenn eine Ausrüstung dafür da gewesen wäre. Die Inselbewohner sind an der Rettung nicht interessiert, denn dank des sogenannten Strandrechts gehört alles ihnen, was von den zahlreichen Havaristen an Land geschwemmt wird. Die Ostfriesen kommen auch in Bermpohls Aufruf nicht gut weg:

Während die Ufer der meisten zivilisierten Staaten... den mit der Wut der Elemente Kämpfenden durch Rettungsstationen wenigstens die Möglichkeit einer Hilfe vor dem Äußersten bieten, bringen die deutschen Ufer dem Schiffbrüchigen nicht nur keine Hilfe, sondern dieser ist, selbst wenn sein Leben gerettet werden könnte, zu sehen genötigt, wie einzelne entmenschte Inselbewohner seinen Tod wünschen, um in erbärmlicher Habsucht das sogenannte Strandrecht ausüben zu können! Sprich, sie lassen die Schiffbrüchigen am Strand sterben, um die Leichen fleddern zu können. Bermpohls Aufruf, in dem er das Rettungswerk zur See zur Aufgabe der gesamten deutschen Nation macht, verhallt ungehört.

Bermpohl wird jetzt von Vegesack aus einen Artikel nach dem anderen in der Vegesacker Wochenschrift schreiben. Er wird 1863 die Bremische Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gründen und nicht aufhören zu kämpfen, bis am 29. Mai 1865 in Kiel die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gegründet wird. Weshalb das Kiel war, weiß ich nicht, denn diese Stadt spielte bei all den Bemühungen keine große Rolle. Die sogenannte Gründung ist eigentlich nichts mehr als eine Absichtserklärung, juristisch konstitutiert sich in Gesellschaft wenig später in Hamburg. Und als Sitz wird die Hansestadt Bremen festgelegt. Da ist die DGzRS noch heute beheimatet. Dahin kam 1957 auch der Bundespräsident Theodor Heuss, als seine Schwiegertochter einen Rettungskreuzer auf seinen Namen taufte. Wir hatten an dem Tag schulfrei und hingen alle am Geländer vom Garten des Hotels Strandlust, um Papa Heuss unter uns vorbeigehen zu sehen. Die Photos mit meiner Agfa Isola (6x6) habe ich leider verwackelt. Der Seenotrettungskreuzer Theodor Heuss ist seit 1977 im Deutschen Museum in München zu besichtigen.

Der Tag der Seenotretter der DGzRS ist Corona bedingt ins Internet verlegt worden.

Lesen Sie auch: Adolph Bermpohl, 150 Jahre DGzRS, Theodor HeussMordseeWetterUntergangLeuchttürmeAndrea Doria

Dienstag, 26. Mai 2020

Abendlied


Ich hatte in Hamburg einen Verwandten, der ein großer Liebhaber Frankreichs war. Er bastelte als höherer Beamter seine Urlaubstage und Überstunden immer so zusammen, dass er jedes Jahr vier Wochen Frankreich im Stück hatte. Ich habe ihn schon in dem Post Picasso erwähnt. Er besaß eine große Sammlung von Platten mit französischen Chansons, aber das war beinahe nur George Brassens. Er wollte mir einmal ein paar Brassens Platten schenken, aber ich lehnte dankend ab. Ich mag Brassens überhaupt nicht, ich war auf einem ganz anderen Trip. Ich sammelte alles von Juliette Gréco, Cora Vaucaire und Barbara. Und ich besaß einen Band von Préverts Paroles, den ich peu à peu auswendig lernte. Bevor ich mir Paroles kaufte, hatte ich den von Kurt Kusenberg besorgten Band Gedichte und Chansons benutzt, da gab es die Chansons zweisprachig. Das war praktisch, dennmein Französisch war noch nicht so gut, ich war in der Lateinklasse des Gymasiums gewesen.

1962 in Berlin kratze ich mein ganzes Taschengeld zusammen, um eine Karte für das erste Konzert von der Muse des Existentialismus zu kaufen. Sie hat Deutschland bisher gemieden; was man verstehen kann, wenn Mutter und Schwester ins das KZ Ravensbrück verschleppt wurden. Unglücklicherweise sitze ich (Komödie Kurfürstendamm Reihe 12 Parkett links, Sitz Nr. 141) hinter Deutschlands schönstem Mann, dem Filmschauspieler Paul Hubschmid. Der ist ein Sitzriese, und ich versuche das ganze Konzert an seinem linken oder rechten Ohr vorbei einen Blick auf das sich katzenartig bewegende Geschöpf im schwarzen Kleid zu werfen, das von einer kleinen Combo begleitet da vorne singt. Die Eintrittskarte bewahre ich wie eine Reliquie auf. Wenn ich an diesen Abend zurückdenke, dann ist es schon ein wenig komisch, dass ich nicht an Juliette, sondern an die ondulierten Haare von Paul Hubschmid denke.

Juliette Gréco sang an dem Abend viel von Jacques Prévert. Mein Französisch wurde damals von Woche zu Woche besser, weil ich wie viele meiner Klasse diese Exi Phase hatte (dazu gibt es hier einen Post). Schwarze Rollis und alte Tweedjacketts und Camus unterm Arm. Nur noch Juliette Gréco hören und französische Filme gucken. Und nebenbei begann ich, Proust zu lesen. Ich weiß, dass ich Sie jetzt langweile, ich habe das schon mehrfach hier im Blog gesagt, das steht schon in den Post Jacques Prévert und souvenirs et regrets. Aber es ist ja wahr. Und es sitzt immer noch im Herzen. Die Bücher und Platten sind immer noch da. Die Eintrittskarte für das Juliette Gréco Konzert liegt noch immer im Schreibtisch. Nur die Frauen, denen man damals Liebesgedichte von Jacques Prévert in die Briefe schrieb, sind entschwunden. Aber Préverts Gedichte und Juliettes Chansons bringen alles zurück, les souvenirs et les regrets aussi.

Als ich Que reste-t-il de nos amours schrieb, musste ich natürlich Charles Trenet hören, den brauchte ich nicht lange zu suchen, das war nicht so eine Aufräumaktion wie die, die ich in Hyperlink beschrieben habe. Die französischen Chansons waren alle an ihrem Platz, da, wo sie sein sollten (zwei CDs von Brassens besitze ich übrigens auch). Was mich etwas irritierte, war eine Raubkopie, auf der Juliette Gréco Abendlied stand. Hatte ich mal geschenkt bekommen, ich weiß nicht mehr von wem. Hatte ich die jemals gehört? Ich legte sie in den CD Player und hörte sie für den Rest des Tages. Manches davon kannte ich von anderen Platten oder CDs, also zum Beispiel das Lied mit der Ameise.

Aber da gab es etwas, das ich noch nie gehört hatte, das war das Lied Mon fils chante von Maurice Fanon und Gérard Jouannest auf deutsch gesungen:

Für die, die nicht der Wetterwind dreht
Weil sie noch nicht käuflich sind
Weil sie noch ohne Angst, mein Kind, sing!

Für die die noch nicht schweigen und
die noch der Welt das zeigen was
Recht und was Unrecht ist, mein Kind, sing!

Für die, die noch nicht blind gemacht
Bouzouki in der Sommernacht
ist kein Ersatz für Freiheit, Kind, sing!

Für die, die man einst vor der Stadt
zur Kirschenzeit verrissen hat
daß man sie nicht vergißt, mein Kind, sing!

Sing für die Freiheit, Kind
Hinter den Mauern sind
Menschen, die brauchen Dein Lied
Sing für Gerechtigkeit
Gegen Gleichgültigkeit
und gegen Haß, mein Kind

Für die, die schon die Ketten seh'n
und dennoch mutig weitergeh'n
Für eine kleine Hoffnung, Kind, sing!

Für die, die in Gefangenschaft
liegen in Nacht und Dunkelhaft
Die dennoch ungebeugt, mein Kind, sing!

Für die, die vielleicht niemals mehr
die rote Sonne über'm Meer
hinter Piräus seh'n, mein Kind, sing!

Für die, die einem Hoffnungsstrahl folgen,
die für das Ideal Freiheit
zugrundegeh'n, mein Kind, sing!

Bei YouTube hat jemand das mit den Worten kommentiert: Nie war ein Text aktueller als heute, da ist sicher etwas dran. Die Melodie ist von Gérard Jouannest, dem Mann, mit dem Juliette Gréco seit 1968 zusammenarbeitet. Er hatte zuvor Lieder für Jacques Brel geschrieben, wie zum Beispiel das berühmte Ne Me Quitte Pas. Aber Brel (der in meinem Ikea CD Regal auch gut vertreten ist) hatte aufgehört zu singen, seine einjährige Abschiedstournee ging 1967 zu Ende. Jouannest sollte 1968 Barbara auf einer Tournee begleiten, aber die Tournee fiel ins Wasser, da sprang er bei Juliette Gréco als Klavierbegleiter ein, weil deren Pianist ausgefallen war. Er blieb bei ihr, nicht nur als Klavierbegleiter, er schrieb ihr Chansons (Mon fils chanteVivreLes années d’autrefoisUn jour d’été und C’était un train de nuit) und heiratete sie.

Nach einem halben Tag Juliette aus dem CD Player konnte ich sie am Abend auch noch sehen. Denn arte hatte wegen des Todes von Michel Piccoli sein Programm geändert. Sendete zuerst Sautets Film Les choses de la vie und dann die Dokumentation Der erstaunliche Monsieur Piccoli. In dem Film gibt es eine kurze Sequenz vom INA mit einem Interview des frischgebackenen Ehepaars Gréco und Piccoli, die es geschafft hatten, der Presse zu entgehen.

In dem Film ist auch die Szene zu sehen, wo Piccoli in Belle de Jour die Deneuve mit schmutzigem schwarzen Schlamm bewirft, fand ich immer die beste Szene des Films. Ich mochte den Film nie. Truffaut dreht bessere Filme, die Deneuve ist in La Sirène du Mississipi lebendiger als in Belle de Jour. Truffaut, der mit der Deneuve (wie mit beinahe all seinen Hauptdarstellerinnen) eine Affäre hat, hat einmal angedeutet, dass die Deneuve nur durch ihre Schönheit wirkt, nicht durch ihre schauspielerischen Qualitäten. Aber mit dem Schlamm im Gesicht ist sie sehr überzeugend.

Doch lassen wir das beiseite, meine kulturelle Empfehlung an diesem Tag, der nebenbei gesagt auch der Geburtstag von Miles Davis ist, sind Der erstaunliche Monsieur Piccoli (noch vier Wochen im Netz) und die CD Abendlied von Juliette Gréco. Die übrigens mal so etwas wie eine Affäre mit Miles Davis hatte, als sie jung war. Der Trompeter hat darüber gesagt: Juliette und ich pflegten an der Seine spazieren zu gehen, Hand in Hand, küssten uns, schauten uns in die Augen, küssten uns wieder und drückten unsere Hände noch etwas fester. Es war wie Magie, als sei ich hypnotisiert worden, als sei ich in einer Art Trance. Ich hatte so etwas zuvor noch nie erlebt. Wenn Sie wollen, können Sie jetzt noch den Film Fahrstuhl zum Schafott mit der Musik von Miles Davis sehen. Und das Abendlied von Juliette Gréco habe ich natürlich auch.

Sonntag, 24. Mai 2020

Flüsse und Sümpfe


Der Herr hier mit dem mächtigen Backenbart ist der General Ambrose Burnside. Das amerikanische Englisch kennt diese Koteletten auch als burnsides (oder sideburns). Der Generalmajor Ambrose Burnside war einmal der Oberbefehlshaber der Unionstruppen im Bürgerkrieg, wusste aber, dass er dieser Aufgabe nicht gewachsen war. Lincoln wird ihn ablösen und dem General Hooker, den Oberbefehl geben, was ein schlimmer Fehler ist. Burnside war ein ehrlicher Mann, er ist keine Primadonna wie sein Vorgänger McClellan, aber wahrscheinlich hat der Historiker Bruce Catton Recht, wenn er schreibt: Burnside had repeatedly demonstrated that it had been a military tragedy to give him a rank higher than colonel. Lincoln hat, bis er Ulysses S. Grant findet, kein Glück mit seinen Generälen. Er hatte am Beginn des Krieges Robert E. Lee das Oberkommando angeboten, aber der wollte lieber für Virginia kämpfen und sagt Lincolns Abgesandten: Mr. Blair, I look upon secession as anarchy. If I owned the four millions of slaves in the South I would sacrifice them all to the Union; but how can I draw my sword upon Virginia, my native state?

Das Portrait von Burnside in Antietam ist von den Deutschamerikaner Emanuel Leutze gemalt worden, dessen bekanntestes Bild Washington Crossing the Delaware ist, es ist vielleicht auch das Gemälde, das die meisten Amerikaner kennen. Die erste Fassung des Bildes ist 1942 in der Kunsthalle Bremen bei einem der 173 Luftangriffe, die Bremen überstehen musste, verbrannt. Leutze hat auch für die Rotunde des Capitols das riesige Bild Westward the Course of Empire Takes its Way gemalt, zwei ikonische Bilder Amerikas aus der Düsseldorfer Schule. Leutze malt sich durch die amerikanische Geschichte, hier ist Mrs Schuyler im Revolutionskrieg gerade dabei, den Weizen zu verbrennen, damit die Engländer ihn nicht bekommen.

Emanuel Leutze, der am 24. Mai 1816 geboren wurde, hat in Düsseldorf studiert und war dort Gründungsmitglied in der 1848 gegründeten Künstlervereinigung Malkasten. Düsseldorf ist im 19. Jahrhundert wichtig für die amerikanische Malerei, denn viele amerikanische Maler werden hier studieren. Als es zur 200-Jahrfeier der USA in allen Bundesländern Deutschlands Ausstellungen gab (hier im Norden war das die Ausstellung Illustrationen zu Herman Melvilles 'Moby-Dick'), hatte Düsseldorf es leicht. Die brauchten nur ein wenig im Archiv zu suchen und hatten dann die schöne Ausstellung The Hudson and the Rhine über die amerikanische Malerkolonie in Düsseldorf fertig. Den Katalog kann man noch antiquarisch finden, bei booklooker gibt es sogar ein Exemplar für 4,98€.

Das Bild ist im Geiste der Revolution von 1848 gemalt, angeblich soll Leutze Ferdinand Freiligraths Gedicht Vor der Fahrt (aus der Sammlung Ça Ira! von 1846) im Kopf gehabt haben, als er sich an das Bild machte. In diesem Gedicht (zu singen nach der Melodie der Marseillaise) wird der Leser aufgefordert, auf ein Schiff zu gehen, das Revolution heißt. Washington, Kosciuszko, Franklin und Lafayette sind schon an Bord. Freiligrath wird auch in die Künstlergemeinschaft Malkasten, deren Erster Vorsitzender Leutze ist, aufgenommen, nachdem man 1849 die Statuten geändert hat. Da ist die kurze deutsche Revolution leider schon vorbei, man malt ja auch lange an einem solchen Bild. 1850 hat er es fertig. Aber der Geist der Revolution ist noch da: in den fahlen Morgenhimmel, der Washington wie ein übergroßer Heiligenschein umgibt, hat Leutzes Kollege Andreas Achenbach noch einen kleinen Morgenstern hineingemalt. Den kann man nach der Restaurierung im Met Museum, das die 1850 begonnene zweite Version des Bildes von Leutze besitzt, jetzt wieder sehen, zuvor war der unter der bräunlichen Firnis verschwunden.

Hier sieht das alles etwas anders aus, kein Morgenhimmel als Heiligenschein, kein Morgenstern, der das Ziel vorgibt. Das absurde Bild hier ist kein Cartoon. Das ist ein total ernstgemeintes Bild von einem Maler namens Jon McNaughton, der ein klein wenig rechtsradikal ist. Das Bild, das Crossing the Swamp heißt, zeigt den Präsidenten Trump, wie er den Sumpf vom Washington überquert:

Today, Trump endeavors to cross the 'swamp' of Washington DC as he carries the light of truth, hope, and prosperity. The murky water of the deep state is laced with dangerous vermin, perfectly willing to destroy American prosperity for their personal ideologies and financial gain. The establishment Democrats, Never-Trumper-Republicans, Deep State, and Fake News Media will do all they can to stop the majority of the American people from succeeding. As an artist, I paint what I feel needs to be said about the current state of our country. My hope is that Trump will be remembered as the President that restored America’s greatness. I want to be on that boat for freedom! sagt der Künstler mit Blick auf das Bild von Leutze.

Aber den Sumpf kann man nicht ausrotten, das sagt uns schon John Bunyan in Pilgrim's Progress, wenn er von dem Slough of Despond redet: This miry Slough is such a place as cannot be mended; it is the descent whither the scum and filth that attends conviction for sin doth continually run, and therefore is it called the Slough of Despond: for still as the sinner is awakened about his lost condition, there ariseth in his soul many fears, and doubts, and discouraging apprehensions, which all of them get together, and settle in this place; and this is the reason of the badness of this ground.

Leutzes Bild hat immer wieder Künstler herausgefordert, eins der interessantesten Werke ist Robert Colescotts George Washington Carver Crossing the Delaware; das ist moderne Kunst, sicher auch politische Kunst, denn dieser George Washington ist schwarz. Das Bild von Jon McNaughton hat nichts mit Kunst zu tun. Bei Amazon kann man es als Wandschmuck und als Teebecher kaufen. Ich käme nicht auf die Idee, so etwas zu erwerben. Ich überlege mir gerade, ob ich mir Washington Crossing the Delaware als mousepad zulege.


Emanuel Leutze wurde hier letztens in dem Post Stenka Rasin erwähnt, noch viel mehr über ihn gibt es in den Posts: Emanuel Leutze, Emanuel Gottlieb Leutze, Trenton, Weihnachten 1776, Washington Crossing the Delaware, Düsseldorfer Schule, Kunsthalle Bremen

Freitag, 22. Mai 2020

Willy Stöwer


Willy Stöwer, der am 22. Mai 1931 starb, war ein deutscher Marinemaler der Kaiserzeit. Er war der Lieblingsmaler von Wilhelm II, den er häufig an Bord eines Schiffes begleitete. Dieses Bild hat er seinem Kaiser zum Geburtstag geschenkt. Versehen mit der Widmung: Seinem allergnädigsten Kaiser erlaubt sich zum 27. Jan. 1915 in deutscher Treue und Liebe alleruntertänigste Glückwünsche zu Füssen zu legen Willy Stöwer. Der englische Schlachtkreuzer HMS Lion wird hier in der Schlacht auf der Doggerbank zwar schwer getroffen, sinkt aber nicht. Bei der Skagerakschlacht ist er wieder dabei.

So solide hätte man die Titanic (zu der es hier den Post A night to remember gibt) auch bauen sollen, deren Untergang Stöwer hier gemalt hat. Alles an dem Bild, das millionenfach verbreitet wird, ist falsch, wie Fachleute konstatiert haben. Es waren beim Untergang keine Eisberge um das Schiff herum, und der vierte Schornstein war eine Attrappe, da kommt kein Rauch heraus.

Die Marine war das Lieblingsspielzeug des letzten deutschen Kaisers. Als er drei Jahre alt war, hat er von seiner Tante, der Königin Victoria, einen Matrosenanzug geschenkt bekommen. Wenn er groß ist, trägt er eine Admiralsuniform. Natürlich die eines Großadmirals. Und er will große Schlachtschiffe haben wie seine englischen Verwandten, die die Royal Navy kommandieren. Ganz viele Schlachtschiffe. Zur Finanzierung des Bauprogramms wird die Sektsteuer erfunden. Die haben wir immer noch, obgleich wir keine Schlachtschiffe mehr haben. Wir haben nicht die Marinetradition, die die Engländer  haben. Zur Zeit von Admiral Nelson gibt es kein deutsches Schiff, das mit einer englischen Fregatte mithalten könnte. Eine Marine gibt es ganz kurz während der 1848er Regierung, als Admiral Rudolf Brommy eine kleine Flotte befehligen darf. Wenig später kommt die bei einer Auktion unter den Hammer. Das, was der amerikanische Admiral Alfred Thayer Mahan (den man the Clausewitz of the sea nannte) mit seinem Buch The Influence of Sea Power upon History angerichtet hat, ist jetzt auch bei Willem angekommen.

Satirisch beleucht wird der ganze nautische Größenwahn am besten durch dieses schöne Spottgedicht:

Was steigt denn da am Horizont
für´n schwarzer Rauch empor?
Es ist des Kaisers Segelyacht,
die stolze “Meteor”
Der Kaiser steht am Steuerrad,
Prinz Heinrich hält die Schot,
Und hinten hißt Prinz Adalbert
Die Flagge Schwarz-Weiß-Rot.
(Und achtern, tief in der Kombüse,
Brät Speck Victoria Louise!)
Ein Volk, dem solche Fürsten stehn,
Da hat es keine Not.
Deutschland kann niemals untergehen.
Es lebe Schwarz-Weiß-Rot.
So stehn wir an des Thrones Stufen,
Und halten ihn in Treue fest,
Und sind bereit, Hurra zu rufen,
Wo es sich irgend machen läßt.


Ich habe das schon in dem Post Max Oertz zitiert, stelle es aber gerne noch einmal hierhin, weil es so schön ist. Hier sitzt Professor Willy Stöwer vor der Leinwand. Den Professorentitel hat er von dem Großadmiral bekommen. Malerei studiert hat er er nie, er ist Autodidakt. Er malt immer die gleiche Sorte Bild, plakativ und dramatisch. Die Feinheiten von Wellen und Himmel, die die großen Marinemaler der Vergangenheit beherrschten, sind seine Sache nicht. Er hat einen Vertrag mit dem Schokoladefabrikanten Stollwerck für dessen Sammelbildserie er die ganze deutsche Flotte malt. Diese Bildchen liegen heute zuhunderten bei ebay rum. Keiner kauft die.


Lesen Sie auch: Marinemalerei, Segelschiffe, Reichsflotte, Unsere Marine, Colani, Bundesmarine, Gorch Fock

Donnerstag, 21. Mai 2020

Himmelfahrt


Ascension

Salute the last and everlasting day,
Joy at th’ uprising of this Sun, and Son,
Ye whose true tears, or tribulation
Have purely wash’d, or burnt your drossy clay.

Behold, the Highest, parting hence away, 
Lightens the dark clouds, which He treads upon;
Nor doth He by ascending show alone,
But first He, and He first enters the way.

O strong Ram, which hast batter’d heaven for me!
Mild Lamb which with Thy Blood hast mark’d the path! 
Bright Torch, which shinest, that I the way may see!

O, with Thy own Blood quench Thy own just wrath;
And if Thy Holy Spirit my Muse did raise,
Deign at my hands this crown of prayer and praise.

John Donne, von dem dieses Gedicht zum Thema Himmelfahrt ist, ist in dem Blog Silvae zum erstenmal am Karfreitag des Jahres 2010 erwähnt worden. Und dann immer wieder. Er war für mich das große Erlebnis meines ersten Semesters in Hamburg. Lesen Sie seine Predigten, sagte Professor Rudolf Haas, sie sind das Beste von Donne. Ich glaubte Rudolf Haas, denn er lud alle Erstsemester zum Spaziergang ein, Treffpunkt sonnabends um neun an der Sternschanze. Man konnte beim Spaziergang rund um Planten und Blomen mit ihm reden, über die Anglistik, über die Welt, kein anderer Professor machte das. Und weil ich Haas glaubte, war ich wahrscheinlich der einzige aus seiner Vorlesung in dem gut gefüllten Audimax, der abends in die Bibliothek des Englischen Seminars im Philosophenturm kam und Donnes Predigten las. Die Bibliothek war besser als mein Zimmer in St Pauli. Das war nicht schön, aber ich traf dort jeden Morgen, wenn ich Milch und Brötchen kaufte, diese hübsche junge Frau. Deren Geschichte schon in dem Post Vergil steht. Das war dieser schöne Sommer, mein erstes Semester: John Donne zum Abwinken, Vergil auch, alle Vorkonzerte in der Laeisz Halle. Und diese hübsche Nutte in St Pauli, John Donne hätte sicherlich ein Gedicht für sie gehabt: If ever any beauty I did see, Which I desired, and got, ’twas but a dream of thee. Und für die schöne Frau mit dem roten Burberry, die ich jede Woche in der Vorlesung von Haas sah, auch.

Vor drei Jahren konnte ich hier am Karfreitag zum erstenmal sein Gedicht Goodfriday, 1613. Riding Westward in einer deutschen Übersetzung präsentieren. Und für das Gedicht Ascension habe ich heute auch eine Übersetzung. Sie stammt von einem Autor, der als ZaunköniG im Internet auftritt, aber in Wirklichkeit wohl Dirk Strauch heißt, er hat eine wirklich ganz ausgezeichnete Seite mit Übersetzungen im Internet:

Mein Gruß hat deine Ewigkeit gefunden.
Zur Freude aufgehn heute Sonn’ und Sohn.
Ihr seid nun rein; nun ist gebrannt der Ton.
Wer von euch litt, das Leid sei euch verschwunden.

Ihr seht das Höchste, zwar dem Hier entbunden,
doch leuchtet ’s uns den Weg durch ’s Tal der Fron.
Den Aufstieg, seht ihr ihn allein obschon,
hat er für uns, als erster nur, gefunden.

O Sturmbock, der den Himmel für mich auftat,
O Lamm, das blutend mich den Weg hinaufbat.
Du Fackel, leuchtest uns den Weg nach vorn,

Mit eignem Blut stillst du den eignen Zorn.
O heil’ger Geist, der meine Seele hob,
Gewähr der Hand Lohn für Gebet und Lob!