Donnerstag, 16. April 2026

My pleasant days, they fleet away and pass

Sie haben das schon gemerkt, ich picke mir die Dichter aus dem Tagesblatt der Wikipedia heraus. Heute könnte ich Sir Kingsley Amis nehmen, weil der heute Geburtstag hatte. Aber er hat schon den Post Kingsley Amis, und in den Posts Women are really much nicer than menHiggledy-piggledy und Frauen nachschauen gibt es Gedichte von ihm. Er wird auch in Universitätsromane erwähnt, weil er Lucky Jim geschrieben hat, der nach dem Time Magazine zu den besten englischsprachigen Romanen gehört. In dem Post Goldfinger ist er auch, weil er ein Buch über James Bond geschrieben hat. Das sollte genügen, aber ich blätterte mich doch noch einmal durch seine Gedichte. Fand ein Gedicht, das A Note On Wyatt hieß, mit dem ich überhaupt nichts anfangen konnte:

See her come bearing down, a tidy craft!
Gaily her topsails bulge, her sidelights burn!
There's jigging in her rigging fore and aft,
And beauty's self, not name, limned on her stern.

See at her head the Jolly Roger flutters!
"God, is she fully manned? If she's one short…"
Cadet, bargee, longshoreman, shellback mutters;
Drowned is reason that should me comfort.

But habit, like a cork, rides the dark flood,
And, like a cork, keeps her in walls of glass;
Faint legacies of brine tingle my blood,
The tide-wind's fading echoes, as I pass.

Now, jolly ship, sign on a jolly crew:
God bless you, dear, and all who sail in you. 

Ich fragte mich, was hat Sir Thomas Wyatt mit dem Schiff zu tun, das hier beschrieben wird. Soll das Schiff für das Werk von Wyatt stehen? Im Internet finden sich zwei Interpretationen und hier noch eine dritte. Ich war genau so schlau wie zuvor, ich verstehe es nicht wirklich. Ich halte mich lieber an Sir Thomas Wyatt. Der war hier schon mit einem berühmten Gedicht in dem Post Anne Boleyn, ein Post, der über siebentausend Leser gefunden hat. Das Gedicht wird noch einmal in dem Post Zähmung erwähnt, weil es in einer Folge von Inspector Lewis vorkommt.

Bei Wyatt bewege ich mich auf gesichertem Terrain, bei dem Gedicht von Amis nicht. Und deshalb offeriere ich heute lieber ein Gedicht von Wyatt:

Love and Fortune and my mind, rememb’rer
Of that that is now with that that hath been,
Do torment me so that I very often
Envy them beyond all measure.

Love slayeth mine heart. Fortune is depriver
Of all my comfort. The foolish mind then
Burneth and plaineth as one that seldom
Liveth in rest, still in displeasure.

My pleasant days, they fleet away and pass,
But daily yet the ill doth change into the worse,
And more than the half is run of my course.

Alas, not of steel but of brickle glass
I see that from mine hand falleth my trust,
And all my thoughts are dashed into dust.


Ich habe zu dem Gedicht auf einer interessanten Seite zu englischen Sonetten eine deutsche Übersetzung von Wolfgang Riedman. Und da wir bei Übersetzungen sind, muss ich noch eben einen anderen Text zitieren:

Amor, Fortuna et la mia mente, schiva
di quel che vede e nel passato volta,
m’affligon sí, ch’io porto alcuna volta
invidia a quei che son su l’altra riva.

Amor mi strugge ’l cor, Fortuna il priva
d’ogni conforto, onde la mente stolta
s’adira et piange: et cosí in pena molta
sempre conven che combattendo viva.

Né spero i dolci dí tornino indietro,
ma pur di male in peggio quel ch’avanza;
et di mio corso ò già passato ’l mezzo.

Lasso, non di diamante, ma d’un vetro
veggio di man cadermi ogni speranza,
et tutti miei pensier’ romper nel mezzo.

Das ist ein Gedicht von dem italienischen Dichter Francesco Petrarca, und wenn Sie Google Translate oder DeepL bemühen, werden sie sehen, dass Wyatts Gedicht wenig anderes als eine Übersetzung von Petrarca ist. Wyatt und Edmund Spenser haben die Zauberformel der Liebeslyrik der Renaissance nach England importiert. Der Romanist Ernst Robert Curtius, der in seinem Buch Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter die Formelhaftigkeit der Lyrik untersucht hat, spricht hier ganz lapidar, von der Pest des Petrarkimus. Die breitet sich jetzt über ganz Europa aus. Dichter machen es sich leicht, griffige Formeln ersparen es, über Frauen und Schönheit nachzudenken. Außer William Shakespeare, der macht im Sonett 130 den ganzen Petrarkismus lächerlich.

Mittwoch, 15. April 2026

Bettler


Der englische Dichter und Kulturkritiker Matthew Arnold, der am 15. April 1888 starb, war schon einige Male in diesem Blog. Es gibt schon einen Post Matthew Arnold, den Post Elegie, und sein berühmtestes Gedicht Dover Beach findet sich in dem Post Unsere Marine. Alle Posts wurden an einem 15. April geschrieben. Die schöne deutsche Übersetzung von Dover Beach von Walter A. Aue, auf die ich damals hinwies, ist leider verschwunden, findet sich aber an anderer Stelle wieder. Heute habe ich zum vierten Mal ein Gedicht von Arnold an seinem Todestag. Das Sonett heißt West London, es findet sich in seinen New Poems von 1867.

West London

Crouch'd on the pavement close by Belgrave Square
A tramp I saw, ill, moody, and tongue-tied;
A babe was in her arms, and at her side
A girl; their clothes were rags, their feet were bare.
Some labouring men, whose work lay somewhere there, 
Pass'd opposite; she touch'd her girl, who hied
Across, and begg'd and came back satisfied.
The rich she had let pass with frozen stare.
Thought I: Above her state this spirit towers; 
She will not ask of aliens, but of friends,
Of sharers in a common human fate.
She turns from that cold succour, which attends
The unknown little from the unknowing great, 
And points us to a better time than ours.

Dieses Photo von John Thomson hat Arnold nicht gekannt, als er sein Gedicht schrieb. Es erschien erst zehn Jahre später in einer Monatsschrift mit dem Titel Street Life in London, für die Adolphe Smith Headingley die Texte schrieb. Es war nicht die erste Sozialreportage. Headingley weist darauf hin, dass es schon das Buch London Labour and the London Poor von Henry Mayhew gegeben hat. Beide Publikationen erscheinen ein Jahrzehnt früher als das berühmte How the Other Half Lives von dem amerikanischen Photographen und Sozialreformer Jacob Riis (hier die Photos). The problem of our age is the proper administration of wealth, so that the ties of brotherhood may still bind together the rich and poor in harmonious relationship, hat Andrew Carnegie in einem Essay mit dem Titel The Gospel of Wealth gesagt. Die harmonious relationship gibt es in dem Gedicht von Arnold nur unter den Armen: She will not ask of aliens, but of friends, Of sharers in a common human fate. 

Arnolds Gedicht heißt West End, und damit sind wir im feinen Teil von London. Das sind Ortsteile wie Chelsea, Knightsbridge (wo Harrod's sitzt) und Notting Hill, wo Julia Roberts herumläuft. Aber vor der Gentrifizierung gab es da ein anderes Notting Hill, einen Ort der Rassentrennung und der Straßenkämpfe. Wir können aus dem Roman The French Lieutenant’s Woman von John Fowles entnehmen, dass das London der viktorianischen Zeit voller Prostituierten ist. Aber es ist auch voll von Bettlern, auch im feinen West End. Die es vielleicht in a better time than ours nicht mehr geben wird. Vielleicht. Die Frau eines Schneidermeisters mit dem Kind auf dem Photo von 1877 bettelte, weil ihr Mann gestorben war und sie keine Arbeit fand. Heute wird noch im West End gebettelt, aber das ist zu einem kriminellen Geschäft geworden.

Das Sonett von Arnold ist von dem amerikanischen Komponisten Charles Ives vertont worden. Ives wird hier schon in den Post Stars and Stripes Forever und strange music erwähnt. Das Lied ist von zahlreichen Sängern gesungen worden. Ich habe West End, das sich auch auf der Hyperion CD A song for everything findet, hier von Dietrich Fischer-Dieskau gesungen.

Dienstag, 14. April 2026

in vino veritas


Der Mann, der heute vor 195 Jahren geboren wurde, war schon einige Male in diesem Blog. Das liegt daran, dass ich aus dem gleichen Ort wie er komme und mein Gymnasium seinen Namen trug. Die Straße, die quer durch unseren Ort führt, trägt auch seinen Namen. Sein Geburtshaus steht nicht mehr, aber an dem Neubau ist ein Schild, auf dem Afrikaforscher Gerhard Rohlfs steht. Vor einhundertfünfzehn Jahren wollte man im Ort ein riesiges Denkmal errichten, das den ehemaligen Konsul von Sansibar als Kamelreiter zeigte, aber den Plan hatte man fallengelassen. Das Londoner Victoria & Albert Museum besitzt ein Photo von dem Entwurf des Bildhauers Kurt Edzard. Jetzt gibt es für Rohlfs seit 1961 ein Denkmal von dem Bremer Bildhauer Paul Halbhuber. Eine beinahe fünf Meter hohe Bronzesäule, auf deren Reliefs Bilder seiner afrikanischen Reiseerlebnisse zu sehen sind. Sie können hier den ✺Künstler bei der Vollendung seines Werks sehen. 

Alles zu dem Afrikaforscher aus Vegesack finden Sie in den Posts: Gerhard RohlfsSansibarAfrikaorientalischEmily RueteDie Prinzessin von SansibarStraßenzeitschrift. Und ein Gedicht zu Rohlfs habe ich heute auch, ein kleines satirisches Gedicht von Ferdinand Freiligrath. Ich zitiere daraus einmal die erste Strophe: 

Bei Tunis und weiter südlich,
Querhin durch Afrika,
Da ist es ungemütlich,
Heiß brennt die Sonne da.
Das Land ist sandig und dürre,
Man nennt das Wüstenei;
Der Vogel Strauß, ganz kirre,
Legt häufig dort ein Ei.

Den Rest des Gedichts von Freiligrath aus dem Jahre 1875 können Sie hier lesen. Das Gedicht hat den seltsamen Titel Zur Feier der abermaligen Aufweichung des berühmten Afrikareisenden Gerhard Rohlfs in der Neckarsulmer Aufweichungs-Anstalt für eingetrocknete Wüstenpilger. Das ist erklärungsbedürftig, sehr erklärungsbedürftig. Die Seite der Gesellschaft für Geschichte des Weines e.V. hilft uns da weiter. Dort können wir nämlich über Freiligraths Freund, den Neckarsulmer Oberamtsrichter Wilhelm Ganzhorn, lesen:

Ganzhorn war ein begeisterter Weinliebhaber. Im Garten des Neckarsulmer Oberamtsgerichts und in einem gepachteten Weinberg baute er selbst Wein an. Er war Mitglied der Gesellschaft für Weinverbesserung und beteiligte sich 1873 erfolgreich mit mehreren Weinen an der Weltausstellung in Wien. Vor allem aber verstand er es, Freude am Wein zu vermitteln und zu teilen. Er brachte viele Persönlichkeiten seiner Zeit zusammen, wobei der Wein als verbindendes Element diente. Im Freundeskreis hatte er den Namen Der trinkbare Mann. Als besonderen Kellerschatz pflegte er ein Fass aus dem 1811er Kometenjahrgang, der freilich regelmäßig durch vorzügliche neuere Jahrgänge aufgefrischt wurde. G. bezog regelmäßig Weine von den besten Erzeugern, die er im Keller des Oberamtsgerichts ausbaute. Dorthin lud er Dichterfreunde und Honoratioren ein, um die Weinkultur zu zelebrieren, mit Gesang, Gedichten, Kellerumzügen und schauspielerischen Einlagen. Weingenuss war für ihn Anregung, bereicherte das Lebensgefühl und steigerte die geistige Empfänglichkeit. Sein Musenkeller übte überregional eine starke Anziehungskraft aus. 1870 war der berühmte Afrikaforscher Gerhard Rohlfs (1831-1896) zu Gast. Daraufhin begründete G. im Neckarsulmer Oberamtsgerichtskeller die Aufweichungsanstalt für Afrikareisende, um ausgetrocknete Forscher nach heißer Wüstenfahrt zu akklimatisieren. Neben Rohlfs ließen sich dort auch Karl Mauch (1837-1875) und Gustav Nachtigal (1834-1885) behandeln – vorzugsweise mit Kometenwein.

Das Gedicht auf den in der Wüste vertrockneten Afrikaforscher, der im Ganzhornsche Weinkeller mit Wein wieder aufgeweicht wird, ist also nichts als ein literarischer Scherz, mit dem Freiligrath seinem Freund Ganzhorn (die beide alte 1848er waren) eine kleine Freude machen wollte. Und das Gedicht  ist bestimmt im Weinkeller zum ersten Mal vorgetragen worden. Ganzhorn war übrigens selbst ein Dichter, ein klein wenig auf jeden Fall. Denn seit den Studententagen hat er Gedichte geschrieben. Nicht so viele haben überlebt, einen Text kennen wir aber alle. Weil wir es für ein altes Volkslied halten, aber es war Wilhelm Ganzhorn, der 1851 ✺Im schönsten Wiesengrunde schrieb. Habe ich natürlich auch hier, gesungen von Rudolf Schock.

Montag, 13. April 2026

Gedichte in Prosa


Emil Servatius Gött, der am 13.4.1908 im Alter von vierundvierzig Jahren in Freiburg starb, hatte mal eine gewisse Berühmtheit. Er war Vegetarier und Anhänger der Lebensreform Bewegung, er hatte ein kleines Landgut gekauft, das er ökologisch bewirtschaftete. Gött war ein Freund von dem berühmten Emil Strauß, der nach Götts Tod auch seine Gedichte herausgab. Ob die heute noch Bestand haben, weiß ich nicht. Aber seine Aphorismen, die 1911 bei Beck in München erschienen sind, werden von Literaturkritikern immer wieder erwähnt. Götts Gedichte sind auch im gleichen Jahr bei Beck erschienen. Ich picke mir mal eins heraus, das sich unter der Unterschrift Gedichte in Prosa bei seinen Gedichten findet. So etwas hatten wir hier noch nicht. Gött ist nicht der erste und nicht der letzte, der Prosagedichte geschrieben hat, aber heute soll uns dieses Liebesgedicht genügen:

Dein Auge, Mädchen . . .

Dein Auge, Mädchen, hat etwas Suchendes, aber es hüpft nicht unruhig umher, sondern es wartet. Es gleicht einer Blüte, die befruchtet sein will. Sie öffnet sich weit, durstend nach dem Trank, den sie nicht sieht, nicht einmal kennt, den sie nur erwartet, sie strahlt ihm entgegen, aber sie läuft nicht hin und her.

Deine Hand hat etwas Tastendes; auch sie sucht; aber sie streichelt nur über die Dinge, sie kennt nicht den harten Griff, der den Affen und seinen Vetter kennzeichnet.

Dein Mund hat etwas Horchendes; er schwatzt nicht viel; er ist glücklich, wenn er plaudern darf – am liebsten über Dinge, die etwas Verschwiegenes an sich haben, an schämig sich enthüllende Rätsel rühren; er ist aber auch zufrieden, wenn er schweigen kann. Er horcht dann mit dem feinen Ohre zusammen. Nein, es horcht dann alles: Ohr, Auge, Mund und Hand, und unter der blassen Haut schimmert eine sanfte Glut.

Ich möchte dir sagen, daß ich dich darum liebe – aber ich darf es nicht, darf diese Glut nicht dunkler färben. Doch ich sehne mich vielleicht mehr als du nach dem Augenblick, wo du die Arme in seligem Zittern um den Nacken eines geliebten Mannes werfen darfst. Nicht

um den meinen!

Sonntag, 12. April 2026

Schmetterlinge im Eis


Herbert Grönemeyer wird heute siebzig, da muss man gratulieren. Seit beinahe einem halben Jahrhundert singt er, und er tritt immer noch auf. Wenn wir die Wörter Bochum und Currywurst lesen, denken wir zuerst an Grönemeyer. Mit den Jahren sind seine Texte immer poetischer geworden, spätestens als er Der Weg sang. Und da nehmen wir doch heute mal einen Text von ihm. Er heißt Schmetterlinge im Eis und war das letzte Lied auf seinem zehnten Studioalbum:

hab dir viel aufgehalst
auf dir abgestellt
dein herz umgedreht
deine nerven zerrissen
dein stehvermögen ausgereizt
dich angezählt
deinen guten willen zum stehkragen aufgepumpt
deinen blick unendlich getrübt
dir übermenschliches abverlangt

meinen wahn abgeteilt
in deinem zimmer jede ecke eingeklagt
für mein falsches los
dich vergöttert, geplättet, zerrüttet
mit meiner sucht nach trost
meine knoten zum lösen überlassen
meine wogen zum glätten vermacht
hast jede welle ruhig ans ufer gelegt

was ich verdiente, hast du mir gegeben
den gerechten preis habe ich bezahlt
brauch dich zurück zum überleben
deine schmetterlinge im eis

keiner spricht meine sprache
kauft mir meine erinnerungen ab
kein gebot
keiner holt meinen koffer
eröffnet mein verfahren
zahlt die kaution
keiner verschafft mir ein alibi
keiner nimmt mein gnadengesuch an
keiner, der mich mit der wahrheit verschont

was ich verdiente, hast du mir gegeben
den gerechten preis habe ich bezahlt
brauch’ dich zurück zum überleben
deine schmetterlinge im eis

keiner weint meine tränen
keiner leidet
keiner übernimmt meinen bann
keiner macht ungeschehen
fängt für mich von vorn an
keiner löst meine schlinge
setzt mein urteil aus
keiner besticht den henker
löst mich auf dem alptraum heraus
keiner ändert das drehbuch
keiner setzt den film ab
keiner betet für mich
keiner, der mir deine meinung sagt
keiner verrät mir das codewort
gibt mir deinen aufenthaltsort preis
treib auf einem einsamen berg
brauch deine schmetterlinge im eis…

Aber da ist noch ein anderer, der heute Geburtstag hat, und das ist der Barni. Den kenne ich seit über dreißig Jahren, seit ich an einem schönen Sommertag auf dem Flohmarkt eine Uhr bei ihm kaufte. Ich habe über die Jahre viel bei ihm gekauft. Zu echten Freundschaftspreisen. Der Barni wird auch schon, als ich anfing zu bloggen, in dem Post Flohmarkt erwähnt. Er fand immer erstaunliche Sachen, die orangegelbe Doxa 300 T habe ich auch von ihm. Die Zenith AF/P auch. Er zeigt mir alles, was er hat, aber er verkauft nicht alles. Von der Eternamatic Super Kontiki wollte er sich zuerst nicht trennen, aber dann landete die Superuhr doch bei mir. Zu einem Freundschaftspreis. Ich habe in dem Post meine Uhrmacher über den Barni gesagt, dass er schon zu einem Freund geworden ist, und das ist er wirklich.

Die letzte Uhr, die ich bei ihm kaufte, ist diese schöne Alpina Siegerin aus dem Jahre 1940. Sieht in der Wirklichkeit noch besser aus als auf dem Photo, und hat jetzt ein schöneres Band. Ihr ihr tickt das rechteckige Kaliber 490, das noch mit einer Weicheisenkalotte ummantelt ist, das schützt vor Magnetismus. Deshalb konnte die Firma auch antimagnetisch auf den Gehäuseboden schreiben. Es gab von der Uhr auch ein wasserdichtes Modell, das sehr, sehr selten ist. Siegerin ist ein Markenname von Alpina und Dugena, er findet sich auf vielen Dienstuhren der Kriegsmarine. Wenn da noch KM auf dem Zifferblatt steht, zahlen Sammler heute schon fünfhundert Euro für solch eine Uhr. Ich habe zwei von den Dingern, haben mich vor dreißig Jahren zehn Mark das Stück gekostet. Gehen nach über achtzig Jahren immer noch. Die Alpina Uhren (die hier schon einen Post haben) mit den Werken von Marc Favre sind unverwüstlich.

Ich weiß nicht, ob der Barni, der früher in einer Band spielte, bevor er Flohmarkthändler wurde, Herbert Grönemeyer mag. Die Herbert Grönemeyer Uhr von Wempe mit einem Eta Werk für 2.950 Euro wird der Barni bestimmt nicht mögen. Da kann man nur mit Grönemeyer fragen: Was soll das? Die Uhr ist zwar rechteckig wie meine Siegerin, hat aber nicht die Klasse einer alten Alpina. Der Barni hat sowieso bessere Uhren als diese Grönemeyer Uhr hier. Das letzte Mal, da ich ihn sah, hatte er eine alte Omega Seamaster 300 am Arm. So etwas hat Stil. 

Und viel Stil hat natürlich die alte rechteckige Alpina Siegerin. Ich habe da ein kleines Sondersammelgebiet: rechteckige Uhren aus den 1930er Jahren, da passt sie hin. Manche Uhren haben schon Stoßsicherungen wie die Wagner select und die wasserdichte Eterna. Die schöne Cyma mit dem drei Tage Werk läuft nur noch 30 Stunden, keine 72 Stunden mehr. Weil heute kein Fourniturenhändler eine Feder für ein Cyma 334 Werk mit der Dreiviertelplatine finden kann. Ist aber (siehe Photo) ein schönes Werk. 15 Steine und Genfer Streifenschliff. Und schon eine Stoßsicherung. Meine beiden Lieblingsuhren aus der rechteckigen Abteilung sind die beiden Moeris, die jeder kurvigen Gruen oder jeder Movado Curviplan  Konkurrenz machen.

Und bevor ich mich jetzt (mit der Siegerin am Arm) mit dem Thema Uhren festschreibe, muss ich doch die Geburtstagsgrüße loswerden: Happy Birthday HerbieHappy Birthday Barni!
 

Samstag, 11. April 2026

Die Liebe sucht der Wälder grüne Nacht


Dies Gemälde zeigt den Dichter Ewald Christian von Kleist. Es ist auf der Rückseite beschriftet mit gemahlt für seinen Gleim von Hempel zu Berlin. Der Maler Gottfried Hempel (1720-1792) war um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Berlin tätig. Er gehörte zum Berliner Freundeskreis Johann Wilhelm Ludwig Gleims, dessen Freunde er portraitierte. Die Bilder hängen alle im Gleimhaus in Halberstadt, das heute auch Museum der deutschen Aufklärung heißt. Auf diesem Portrait sieht Kleist fröhlich aus, aber das wird sich ändern. Eine unglückliche Liebe zu Wilhelmine von der Goltz trübte früh die natürliche Heiterkeit von Kleists Gemüt, können wir bei Wikipedia lesen. Er hat die Wilhelmine, die eine entfernte Verwandte war, natürlich bedichtet. In dem Gedicht An Wilhelminen. Im Mai 1744 können wir lesen:

Jetzt wärmt der Lenz die flockenfreie Luft;
Der Himmel kann im Bach sich wieder spiegeln.
Den Schäfer labt bereits der Blumen Duft;
Sein Wollenvieh springt auf begrasten Hügeln,
Der Wolken Naß gerann jüngsthin zu Schnee;
Jetzt blitzet es auf Büschen und auf Klee.
Es drängt der Halm sein Kronenhaupt hervor,

Und Zephyr schwebt auf den smaragdnen Wellen.
Die Wiese blüht bekränzt mit jungem Rohr;
Ihr Kleid umbrämt das Silber reiner Quellen.
Die Liebe sucht der Wälder grüne Nacht;
Der Kummer flieht, die todte Welt erwacht.

Dort schläft der Hirt beim nahen Wasserfall,
Vom sanften Arm der Schäferin umschlungen.
Die Wachtel schlügt; die holde Nachtigall
Hat dieses Paar liebreizend eingesungen.
Ach, fühlt‘ ich doch bei allgemeiner Lust
Der Freude Reiz nur auch in dieser Brust!

Nein, nein, sie flieht, sie ist mir längst entflohn;
Kein Lenz vermag mein ewig Leid zu mindern.
Ich bin der Qual, ich bin des Unglücks Sohn;
Der Tod allein kann meinen Kummer lindern.
Denn Doris bleibt zu lang von mir entfernt,
Durch die ich nur den Werth der Welt gelernt.

Als jüngst mein Blut aus tiefen Wunden drang,
Was hemmtest Du den Strom der Lebensfluthen,
Verhängniß, da ich mit dem Tode rang?
Mußt‘ ich darum mich nicht zu Tode bluten,
Damit ich mich, von schmeichelhaftem Wahn
Und Lieb‘ entfleischt, zu Tode weinen kann?

Das Blut, das er im Gedicht erwähnt, kommt nicht von einer Verwundung auf dem Schlachtfeld, es ist noch weithin bis Kunersdorf, wo der Major von Kleist sterben wird. Nein, hier haben wir es mit einer anderen Verletzung zu tun. In einer älteren Quelle können wir lesen: Es wird angeführt, daß Kleist vor seinem Eintritt in den Dienst der preußischen Waffen ein süßes Verhältniß mit einem edlen Mädchen, Wilhelmine von der Goltz im polnischen Preußen angeknüpft habe, daß er aus dem ausländischen Kriegsdienst in den vaterländischen berufen worden sei, und im Garnisondienst ein Duell für eine beleidigte Dame bestanden, das ihm eine tüchtige Armwunde zuzog. Er ist irgendwann über die Wilhelmine hinweggekommen, wie er 1757 in einem Brief schreibt: Ich ... mußte in dänischen Diensten bleiben, bis ich in preußische kam. Ich hielt mich damals sehr unglücklich, daß ich meine Wilhelmine, die wirklich sehr schön war, viel Verstand und Erziehung hatte, nicht bekommen konnte; jetzo aber, da ich alt werde, sehe ich dergleichen Dinge für Kindereien an und freue mich, daß ich ledig bin.

Dies Portrait von Gottfried Hempel, vielleicht sein bestes Gemälde, zeigt den Dichter Karl Wilhelm Ramler, der am 11. April 1798 in Berlin starb. Man hat ihn einmal den deutschen Horaz genannt, ich weiß nicht warum. Was ich von seinen Gedichten gelesen habe, fand ich langweilig. Wichtig ist er hier heute, weil er das Werk von Ewald Christian von Kleist überarbeitet und herausgegeben hat. Kritiker werfen ihm vor, dass er das Originelle in Kleists Lyrik geglättet hat. Wenn man den Gedichttext von An Wilhelminen mit der ersten Fassung vergleicht, dann merkt man das schnell. Ewald Christian von Kleist ist als Dichter nicht so berühmt geworden wie sein Großneffe Heinrich von Kleist, aber es lohnt sich, ihn zu lesen. Bei →Zeno finden sich Gedichte, aber auf dieser →Seite gibt es noch viel mehr. Wenn Sie das Werk in Buchform lesen wollen, dann empfiehlt sich das von Gerhard Wolf herausgegebene Buch Ewald Christian von Kleist: Ihn foltert Schwermut, weil er lebt.

Freitag, 10. April 2026

Gute Ratschläge

Heute vor 420 Jahren hat der König James I die Gründungsurkunde für die Aktiengesellschaft Virginia Company of London unterzeichnet. Im selben Jahr wird auch die Plymouth Company gegründet. Die Aktiengesellschaften gehen Pleite, die Krone übernimmt. Das ist der Beginn der Kolonisierung von Amerika. James I hat Sir Walter Raleigh, der Virginia gründete, hinrichten lassen. Er hat auch viele andere Dinge getan. Er hat auch eine Bibelübersetzung in Auftrag gegeben, deren Ergebnis immer noch seinen Namen trägt. 

Literaturwissenschaftler glauben gerne, dass die King James Version die gesamte Entwicklung der englischen Literatur beeinflusst hat. Der schöne Satz, dass Hemingways Stil die King James Version plus der Western Union Telegrammstil sei, hat sicherlich seine Berechtigung. Sicher wird man englische Dichter in der Zeit zwischen 1550 und 1700 (man denke nur an Milton) nicht verstehen können, wenn man keinerlei Bibelkenntnisse hat. Aber man kann sie auch nicht verstehen, wenn man keine Kenntnisse der klassischen Literatur, sprich Vergil oder Ovid, hat und die griechische Mythologie nicht kennt. Die englischen Bibelübersetzungen sind nur einer der Faktoren, der jetzt im elisabethanischen Zeitalter Sprache und Literatur prägt. Sicherlich nicht der geringste.

Zur Literatur des elisabethanischen Zeitalters gehört auch James I, er schreibt Sonette. Das ist damals die beliebteste Form der Dichtung, Sir Philip Sidney Michael Drayton und William Shakespeare haben gezeigt, wie man das macht. Alles schön im Blankvers. Und James hält sich an die Vorgaben, wenn er 1599 ein Sonett für seinen Sohn Henry schreibt: 

God giues not Kings the stile of Gods in vaine,
For on his Throne his Scepter doe they swey:
And as their subjects ought them to obey,
So Kings should feare and serue their God againe
If then ye would enjoy a happie raigne,
Obserue the Statutes of your heauenly King,
And from his Law, make all your Lawes to spring:
Since his Lieutenant here ye should remain,
Reward the iust, be stedfast, true, and plaine,
Represse the proud, maintayning aye the right,
Walke alwayes so, as euer in His sight,
Who guardes the godly, plaguing the prophane:
And so ye shall in Princely vertues shine,
Resembling right your mightie King Diuine.

God gives not Kings the style of gods in vain,
For on his Throne his Sceptre they hold sway
And as their subjects ought them to obey,
So Kings should fear and serve their God again
If then you would enjoy a happy reign,
Observe the Statutes of your heavenly King,
And from his Law, make all your Laws to spring.
Since his Lieutenant here you should remain,
Reward the just, be steadfast, true and plain,
Repress the proud, maintaining all the right,
Walk always so, as ever in his sight,
Who guards the godly, plaguing the profane.
And so you shall in Princely virtues shine,
Resembling right your mighty King Divine.

Das ist einmal die originale Version und einmal die Fassung im heutigen Englisch. In diesem Sonett über das Gottesgnadentum gibt ein König dem Kronprinzen die Weisheiten mit, wie er zu regieren habe. Henry wird keinen Gebrauch davon machen können, weil er niemals König wird, er stirbt schon 1612. Man weiß nicht, ob sein jüngerer Bruder Charles dies Sonett kannte. Hätte er sich an die guten Ratschläge gehalten, wäre er vielleicht nicht geköpft worden.