Freitag, 20. Oktober 2017

Saturday Night Massacre


Der amerikanische Präsident Donald Trump hat seit seiner ➱Inauguration mehr Minister und Mitarbeiter verbraucht, als jeder andere Präsident im ersten Jahr seiner Amtszeit. Was er aber noch nicht geschafft hat - und da bleibt ➱Richard Nixon ungeschlagen - ist es, zwei Minister an einem Tag zu feuern. Die amerikanische Presse hat die Ereignisse vom 20. Oktober 1973 als Saturday Night Massacre bezeichnet. Da verloren die Justizminister Elliot L. Richardson und William Ruckelshaus nacheinander ihren Posten, weil sie sich weigerten, Nixons Anordnung zur Entlassung des Chefermittlers des Watergate Skandals, Archibald Cox, nachzukommen. Es war der größte Fehler, den Nixon machen konnte. Neun Monate später erklärte er seinen Rücktritt. Die Schande, bei einem Amtsenthebungsverfahren wie ein Hund vom Hof gejagt zu werden, die wollte er sich ersparen.

Der Harvard Professor Archibald Cox war einer der berühmtesten Juristen Amerikas im 20. Jahrhundert. Als ihn seine Universität mit siebzig in den Ruhestand schickte, nahm er eine Professur an der Boston University School of Law an, wo der Dekan gesagt hatte: He teaches as long as he wants to. Cox wurde 92 Jahre alt. Das erinnert ein wenig an ➱Oliver Wendell Holmes, der mit 90 Jahren als Richter des Supreme Court zurücktrat. Amerika hat das Glück gehabt, dass in entscheidenden Augenblicken immer wieder integre Juristen auftraten, die der Nation den richtigen Weg zeigten. Wie ➱Earl Warren, der die ➱Rassentrennung juristisch aufhob. Oder ➱Joseph Welch, der die Karriere von Joseph McCarty beendete.

Aber es hat schlimme Juristen gegeben. Das Urteil von Roger B. Taney im Falle Dred Scott führte Amerika in den Bürgerkrieg. Und dann ist da noch mein Liebling, die Canaille ➱Roy Cohn. Man dachte, dass er mit McCarthy untergegangen sei. Aber er kam zurück wie ein Zombie und wurde der einflussreichste Berater des jungen Donald Trump. Wenn man so will, ist Trump sein ➱Geschöpf. Roy Cohn ist jemand, bei dem mir immer Shakespeares Zeile The first thing we do, let's kill all the lawyers einfällt.

Have you no sense of decency? fragte ➱Joseph Welch den Senator McCarthy. Und fügt noch ein Sir an die Frage. Es ist die Frage, die McCarthys Untergang sein wird. Die Sitzung wird durch das Fernsehen übertragen, die ganze Nation kann es sehen. ➱John Winthrops Satz aus seiner Predigt: For wee must consider that wee shall be as a citty upon a hill. The eies of all people are upon us, wird durch die Übertragung wahr. Der sense of decency ist in Amerika verloren gegangen. Der Minister Rex Tillerson soll seinen Präsidenten einen fucking moron genannt haben, einen geistig Zurückgebliebenen. Aber man weiß nicht, ob das wieder einmal ➱fake news sind.

Das Wort moron, das erst seit etwas mehr als hundert Jahren in der englischen Sprache ist, kommt auch in dem Cartoon vor, der zur Zeit die Runde macht. Die Herren auf dem Bild sind dem Gemälde von ➱Colonel John Trumbull nachempfunden. Und hier sagt Jefferson: I keep thinking we should include something in the constitution that prevents the people from electing a fucking moron. Man könnte glauben, dass der Cartoon aus diesem Jahre stammt, aber nein, er ist schon einige Jahre alt. Man hat ihn jetzt wieder hervorgeholt, wegen dieser fucking moron Geschichte, er passt so schön zu Trump. Aber die Ironie geht noch weiter. Viel weiter. Denn vor drei Jahren hat Donald Trump den Cartoon mit den Worten An interesting cartoon that is circulating bei Twitter bekannt gemacht. Si tacuisses, würde der Lateiner sagen.

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Belvest


Ach, das waren noch Zeiten, als man solch ein Schnuckelchen dazu bekam, wenn man ein Jackett kaufte. Man kriegte damals bei der französischen Firma Mavest allerdings nicht die schnuckelige Françoise Guillier, die Jacques Taverniers You'll Kiss Me For It sang, man bekam nur die Single. Die Firma Mavest (Manufacture de Vêtements de l'Est), die im Elsaß begann und dann nach ➱Ambazac zog, gibt es heute nicht mehr. Das schöne Mavest Jackett, das ich einmal besaß, habe ich auch nicht mehr. Bei ebay tauchen manchmal noch Mavest Teile auf, sehr nostalgisch. Und das bringt mich zu einer anderen Firma, die auch das vest in ihrem Namen hat, und die manchmal auch ebay zu finden ist.

In dem Post ➱Rosstäuscher habe ich vor fünf Jahren geschrieben, dass ich bei ebay ein Jackett der Firma Belvest für neun Euro ersteigert hatte. Ich kann das jetzt noch toppen, denn ich habe gerade vor Wochen ein Belvest Jackett für 1,50€ gekauft. Das wird schwer zu übertreffen sein. Man kann aus dem Ganzen wahrscheinlich ablesen, dass die Marke Belvest nicht so bekannt ist wie ➱Kiton, ➱Brioni oder ➱Attolini. Die haben hier, wie viele andere italienische Firmen, schon Posts. Und da ich weiß, dass viele Leser meine kleinen Firmengeschichten sehr gerne lesen, habe ich mir gedacht, ich schreibe mal eben über Belvest. Die Sartoria Firma aus Padua, die die wenigsten Schlagzeilen macht. Und noch immer im Privatbesitz ist.

Und selten über die Alpen kommt. Zwar gibt es einige ➱Herrenausstatter in Deutschland, die Belvest führen, aber furchtbar viele sind das nicht. W.J. Stamm in Nürnberg ließ sich seine Private Label Sakkos von Belvest machen, aber den gibt es ja leider nicht mehr. ➱Terner in Hannover führte zu seinen besten Zeiten nur Belvest und Isaia, aber mit diesem Händler ist es ja auch aus. Michael Rieckhof in ➱Kiel hatte eine Zeitlang Belvest im Angebot, war aber auch kein Renner. Sakkos, die mehr als tausend Euro kosten, verkaufen sich nun mal nicht wie geschnitten Brot. Vielleicht in Düsseldorf oder München, hier oben nicht. Ich kann da nur die beiden Artikel von ➱Jens Jessen und ➱Bernhard Roetzel zur Lektüre empfehlen, dann wissen Sie, weshalb der deutsche Mann ungern wirkliche Qualität kauft.

Italien hat neben den großen Namen wie Kiton, Brioni, Attolini und Raffaele Caruso auch noch eine Vielzahl von nicht so bekannten Marken zu bieten. Wie Isaia, Ravazzolo (die zum Beispiel ➱R. Böll und Werner Scherer beliefern), d'Avenza, Saint Andrews (=Sartoria Santandrea), Castangia, Orazio Luciano oder Cantarelli (die auch Huntsman in der Savile Row beliefern). Für viele scheint der deutsche Markt uninteressant. Weil sie Amerika im Visier haben (wie man an dieser Anzeige der Firma Louis in Boston sehen kann), oder weil sie Kunden haben, die nicht genannt werden möchten.

Manche haben auch Zweitmarken für den Export wie Isaia, die es auch als Michelangelo gibt, und die man im amerikanischen Amazon kaufen kann. Dieses Modell kostet 2.760 Dollar, kommt aber mit Bügel und Kleidersack. Sehr modern, slim line, passt an keiner Stelle. Ich glaube, so etwas käme bei Belvest nicht aus dem Haus (obgleich sie neuerdings auch einen Online Verkauf haben). Ich will aber ansonsten nichts Böses über Michelangelo sagen, ich habe ein wuschelweiches ungefüttertes Tweedjacket von denen, das sich wie eine Strickjacke trägt.

Und da ich bei ungefütterten Sakkos bin, muss ich natürlich das Jacket in the box der Firma Belvest erwähnen. Ein ungefüttertes Jacket, das in eine Pappschachtel passt. Auch wenn sie das jetzt als Neuheit vermarkten, sie hatten das Teil schon lange im Programm. Vielleicht schon bevor Boglioli, Lubiam und Canali mit ungefütterten, vorgewaschenen Sakkos auf den Markt kamen. Und sogar die deutsche Firma ➱Regent stellte so etwas schon 1995 her, auf jeden Fall hängt solch ein Teil bei mir im Schrank.

Ich liebe diese ungefütterten Sakkos, die man nicht nur im Sommer tragen kann. Der Schnitt von Boglioli, die auch die Sakkos für Etro herstellen, ist perfekt. Meine Lieblinge unter diesen Made in Italy Flitzekitteln sind zwei Jacketts von Cantarelli, die den Zusatz washed tragen. Da ist mir ein Belvest Jacket in the box piepegal. Von einer gewissen Kategorie an, liefern die Italiener sowieso eigentlich alle die gleiche Qualität.

Viele große Namen der Modewelt haben nur ihren großen Namen und das schöne Etikett, aber sie stellen selbst nichts her. Deshalb brauchen sie eine kleine italienische Firma, die Sartoria Qualität liefert. Manchen Firmen ist alles egal, so wie Gerhard Schröder alles egal ist. Sie machen Kasse, vergeben die Lizenzen an Billighersteller, die aber null Qualität liefern. ➱Pierre Cardin hat damit angefangen. Armani und ➱Lagerfeld tun nichts anderes. Und auch Baldessarini hat nichts mehr mit der traumhaften Qualität von ➱Baldessarini Boss zu tun. Wenn Sie einmal einen Blick auf die Originallabels der Made in Italy Firmen werfen wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Und diese Labels können Sie natürlich auch in den Innentaschen der Sakkos der Luxusfirmen finden. Da produziert D'Avenza für Battistoni, Isaia für die Toplinie von Valentino und St. Andrews für die Ralph Lauren Purple Label. Was eine gefährliche Sache ist, denn die bisherigen Partner von Ralph Lauren (Chester Barrie und ➱Nervesa) waren alle hinterher pleite, als Ralph Lauren abzog. Dies blaue Cordjackett hatte ich auch mal, aber als ich darin ungefähr so aussah wie dieser Herr hier, habe ich es weitergeben. Der Volker hat es dann am Wochenende zu einer Party getragen. Und da ist eine wildfremde Frau auf ihn zugekommen und hat ihn gefragt, ob sie den Stoff mal anfassen dürfte. Mir ist das mit dem Jackett nie passiert.

Das Label von Belvest kann man in Kleidungsstücken von Lanvin, Prada, Louis Vuitton und ➱Old England Paris (die Firma, bei der einst ➱Proust einkaufte, gibt es leider nicht mehr) finden. Und natürlich findet man es bei ihrem Hauptkunden: dies ist ein Label, in einem Hermès Jackett. Hermès Sakkos kosten ungefähr das Doppelte von Belvest Jacketts. Hier bewährt sich wieder einmal der Werbespruch der Zigarettenmarke Atika: Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben.

In diesen Preisregionen bewege ich mich nicht, meine Belvest Sakkos stammen aus Second Hand Shops und von ebay. Und während ich an diesem Post schrieb, entdeckte ich bei ebay ein braunes ➱Cordjackett, Startpreis 10,45€. Was soll ich dazu sagen? Es hat niemand außer mir geboten. Bernhard Roetzel (der manchmal auch in meinen Blog hineinschaut) schrieb in seinem ➱Blog über Belvest: Meine persönlichen Erfahrungen mit den Anzügen sind sehr gut, die Qualität ist hoch und die Fehlerquote lag bei Maßbestellungen bisher bei null Prozent.

Ich selbst brauche keine Maßbestellungen, ich weiß bei Belvest, was mir passt. Das Cordjackett ist eine Nummer zu groß, das war mir klar, aber das kriegt Herr Yesilyurt hin. Der ist der beste Schneider von Kiel, das wissen Sie schon aus den Posts ➱Attolini und ➱Jacob Cohen Jeans. Die Änderung wird wohl etwas mehr kosten, als ich bei ebay für das Sakko bezahlt habe. Aber was soll's: ich habe für mein halbes Dutzend Belvest Jacketts wahrscheinlich nur etwas mehr als einen Hunni bezahlt. Was natürlich daran liegt, dass die Firma - wie gesagt - nicht viel Werbung macht und eigentlich niemand sie kennt. Also außer Bernhard Roetzel, dem Parisian Gentleman und mir. Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden, hat Oscar Wilde gesagt. Man kann ihm nur zustimmen.


Noch mehr Mode: Raffaele Caruso, AttoliniBaldessariniWaltz into Darkness, Cinecittà und die Mode, Brioni, Ermenegildo Zegna, Herrenausstatter, Ärmelfutter, Made in Germany, Kiton, Attolini, Nervesa

Sonntag, 15. Oktober 2017

Niedersachsen


Das hier, das ist er, der typische Niedersachse. Was würde er heute wählen? Eigentlich ist er gar kein Niedersachse, er ist nur durch die Kriegsfolgen dahin geraten. Ihn lockte die Ruhe: Absolute Stille garantiert. Poststelle beim Gastwirt, ein weiteres Telefon beim Kaufmann, keine Kirche. Er hat dann in der Stille Niedersachsen auf die Landkarte der Weltliteratur geschrieben. Den Dümmer in Seelandschaft mit Pocahontas oder Celle in Das steinerne Herz. Manchmal ist sein Niedersachsen richtig poetisch: Den Mond untergehen sehen, über Wieseneinsamkeiten, ganz rot würde das silberne Wesen geworden sein, wenn es einsank in Dunstband und Kiefernborte.

Ich bin durch die Kriegsfolgen in Niedersachsen geboren worden, das aber damals noch nicht Niedersachsen war. Das heutige Land Niedersachsen ist erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Vorher waren das Hannover, Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe. Ich folge Arno Schmidt und schreibe auch häufig über Niedersachsen, reicht zwar nicht für die Weltliteratur, reicht aber für die Blogosphäre. Ich kenne mich in Niedersachsen aus, war beinahe in allen Jugendherbergen. Und auf allen Truppenübungsplätzen. Ich habe zwar noch nichts wie Arno Schmidt über den Dümmer geschrieben, aber das Zwischenahner Meer mit dem Killerwels, das kommt hier schon vor. Das Teufelsmoor auch. Und die Insel Langeoog ist ein Bestseller unter meinen Posts. Wie der Post Hannover, in dem Arno Schmidt auch vorkommt. Natürlich gibt es außer Arno Schmidt noch viele andere Schriftsteller, die über Niedersachsen geschrieben haben, für die gibt es heute sogar eine Literaturdatenbank.

Mit Niedersachsen geht es aufwärts. Nicht nur weil die Niedersachsen sturmfest und erdverwachsen sind, sondern weil Hannover 96 wieder etwas darstellt und der ICE auch manchmal in Wolfsburg hält. Heute wird gewählt, und wenn nach 18 Uhr die ersten Ergebnisse auf den Bildschirm kommen, dann müssen die Berliner Politiker aus dem Koma geholt werden, in das sie nach der letzten Wahl verfallen sind. Und bestimmt wird wieder jemand sagen: Wir haben verstanden. Was übrigens falsches Deutsch ist. Für den heutigen Tag hat mir mein Freund Ekke Dahle einen kleinen Cartoon geschickt, den ich natürlich hier gerne veröffentliche. Und wenn Sie in Niedersachsen wohnen, dann gehen Sie jetzt bitte zur Wahl.

Samstag, 14. Oktober 2017

Margaret Atwood


Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood wird am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Dazu kann man dem Stiftungsrat nur gratulieren. Margaret Atwood gratuliere ich natürlich auch ganz herzlich. In der Begründung des Stiftungsrats heißt es über sie: Die kanadische Schriftstel­lerin, Essayistin und Dichterin zeigt in ihren Romanen und Sachbüchern immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährli­che unterschwellige Entwicklungen und Strömungen. 

Als eine der bedeu­tendsten Erzählerinnen unserer Zeit stellt sie die sich wandelnden Denk- und Verhaltensweisen ins Zentrum ihres Schaffens und lotet sie in ihren utopischen wie dystopischen Werken furchtlos aus. Indem sie mensch­liche Widersprüchlichkeiten genau beobachtet, zeigt sie, wie leicht ver­meintliche Normalität ins Unmenschliche kippen kann. Humanität, Ge­rechtigkeitsstreben und Toleranz prägen die Hal­tung Margaret Atwoods, die mit wachem Bewusstsein und tiefer Men­schenkenntnis auf die Welt blickt und ihre Analysen und Sorgen für uns so sprachgewaltig wie lite­rarisch eindringlich formuliert. Durch sie erfahren wir, wer wir sind, wo wir stehen und was wir uns und einem friedlichen Zusammenleben schuldig sind.

Für den Frieden in der Welt ist Atwood immer wieder energisch eingetreten. Ihr utopischer Roman The Handmaid's Tale erlebt im Amerika des Donald Trump große Auflagenzahlen. Man hätte ihr natürlich auch statt des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels den Nobelpreis geben können. Wann bekommt Philip Roth den endlich? Schon allein für den Anfang von The Great American Novel hätte er den Preis verdient: Call me Smitty. That’s what everybody else called me—the ballplayers, the bankers, the bareback riders, the baritones, the bartenders, the bastards, the best-selling writers (excepting Hem, who dubbed me Frederico), the bicyclists, the big game hunters (Hem the exception again), the billiards champs, the bishops, the blacklisted (myself included), the black marketeers, the blonds, the bloodsuckers, the bluebloods, the bookies, the Bolsheviks (some of my best friends, Mr. Chairman—what of it!), the bombardiers, the bootblacks, the bootlicks, the bosses, the boxers, the Brahmins, the brass hats, the British (Sir Smitty as of ‘36), the broads, the broadcasters, the broncobusters, the brunettes, the black bucks down in Barbados (Meestah Smitty), the Buddhist monks in Burma, one Bulkington, the bullfighters, the bullthrowers, the burlesque comics and the burlesque stars, the bushmen, the bums, and the butlers. And that’s only the letter B, fans, only one of the Big Twenty-Six!

Was war mit John Updike? Und was ist mit Richard Ford? Oder Thomas Pynchon? Die Schweden scheinen Schwierigkeiten mit amerikanischen Autoren zu haben. Kurt Vonnegut wusste weshalb: I used to be the owner and manager of an automobile dealership in West Barnstable, Massachusetts, called 'Saab Cape Cod.' It and I went out of business 33 years ago. The Saab then as now was a Swedish car, and I now believe my failure as a dealer so long ago explains what would otherwise remain a deep mystery: Why the Swedes have never given me a Nobel Prize for Literature. Old Norwegian proverb: “Swedes have short dicks but long memories“. 

Nun hat Kazuo Ishiguro den Preis für seinen leicht verfilmbaren Edelkitsch The Remains of the Day bekommen. Die Vorsitzende der Jury, Sara Danius (Bild), hat über Ishiguro gesagt: I would say if you mix Jane Austen and Franz Kafka you get Ishiguro in a nutshell — and you have to add a bit of Proust into the mix. Ishiguro und Proust? Da sträuben sich bei mir ein wenig die Nackenhaare, in meinem Blog kommt viel, sehr viel Proust vor, Ishiguro wird nur beiläufig in dem Post Christine Keeler erwähnt. Frau Danius hat eine Ausbildung als Croupière. Das erklärt vieles. Die suchen in Stockholm die Kandidaten nicht nach Qualifikation und Verdienst, die spielen Literaturroulette. Rien ne vas plus.

Ich habe Margaret Atwood einmal kennengelernt, die Geschichte steht schon in dem Post Québec. Mein Kollege mit dem schlechten Benehmen, der dort erwähnt wird, reist übrigens heute durch die Lande und hält rechtsradikale Vorträge. Als er noch an der Uni war, hatte er die Deutsche National-Zeitung und Soldaten-Zeitung abonniert. Die erreichte ihn selten, weil ich sie immer aus seinem Postfach mopste und entsorgte. Ich weiß nicht, welcher Teufel ihn damals geritten hatte, Margaret Atwood zu attackieren. Margaret Atwood ging mit dieser peinlichen und unhöflichen Kritik ganz souverän um, indem sie charmant lächelte und fragte: Have you read my book? In diesem Augenblick machte meine Kamera in die atemlose Stille im Saal hinein ein lautes Klack. Immer wenn ich das Photo anschaue, höre ich ihre Stimme: Have you read the book? Wenn ich irgendwann mal mit einem Scanner umgehen kann, dann stelle ich das Photo hier ein.

Ich hätte dazu auch ein Gedicht von Margaret Atwood, das This is a photograph of me heißt:

It was taken some time ago
At first it seems to be
a smeared
print: blurred lines and grey flecks
blended with the paper;

then, as you scan
it, you can see something in the left-hand corner
a thing that is like a branch: part of a tree
(balsam or spruce) emerging
and, to the right, halfway up
what ought to be a gentle
slope, a small frame house.

In the background there is a lake,
and beyond that, some low hills.

(The photograph was taken
the day after I drowned.

I am in the lake, in the center
of the picture, just under the surface.

It is difficult to say where
precisely, or to say
how large or how small I am:
the effect of water
on light is a distortion.

but if you look long enough
eventually
you will see me.) 

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Statistiken


Der Waldi kommt aus der Eifel und bietet als erstes mal achtzig Euro, die Susanne ist blond und kauft Schmuck. Der Ludwig ist schon auf Händen nach Rom gelaufen, und der Horst sagt Hallöchen und duzt jedermann gnadenlos und macht den Damen abgeschmackte Komplimente. Die Experten verstehen ihr Handwerk, aber der Albert und die Frau Doktor werden nicht geduzt. Nur der Sven, der wird geduzt. Sie kennen wahrscheinlich die Beteiligten, sie alle sind Akteure in der erfolgreichsten Vorabendsendung des ZDF, die ➱Bares für Rares heißt. Das ist so etwas Ähnliches wie die Antiques Roadshow der BBC, eine Sendung, die der Inspector ➱Richard Poole in der Karibik vergeblich zu empfangen versucht.

In Bares für Rares kam letztens ein Medaillon mit dem Bild von Madame Récamier zur Auktion. Nichts wirklich Wertvolles, es war nicht aus dem 19. Jahrhundert und war nicht auf Porzellan gemalt. Aber die Händler waren von der Salondame ganz hingerissen und boten viel mehr, als das Medaillon wert war. Kommt mal vor, normalerweise bieten sie eher zu wenig. Obgleich sie nicht solche Experten sind wie Dr Heide Rezepa-Zabel, Albert Maier und Sven Deutschmanek, verstehen sie von vielen Dingen erstaunlich viel.

Von Taschenuhren verstehen die Händler ziemlich wenig. Der Ludwig erwähnt immer die schönen Rubine, aber die sind in jeder Uhr. Blaue ➱Saphire wären schon eher selten. Der Herr, der eine ungetragene goldene Assmann Taschenuhr mit Papieren und Originalkarton anbot, nahm sie indigniert wieder mit nach Hause. Die Gebote erreichten nicht einmal die Hälfte des Preises, den man für diese Uhr zahlen muss. Und der Mann, der hundertzwanzig Taschenuhren vom Flohmarkt anbot, hätte bei ebay viel mehr für das Konvolut bekommen. Die IWC Frackuhr aus Platin aus den dreißiger Jahren wurde nur wegen des Namens IWC verkauft. Der Daniel sagte, da sei ja nur ein Standardwerk drin. Der Daniel hat Kunstgeschichte studiert, hat aber nur einen M.A., manchmal vertut er sich in seinen Schätzungen um hundert Jahre. Das macht keinen guten Eindruck, aber sonst ist er sehr nett.

IWC und Standardwerk? Auf der Seite des ZDF steht: Diese Taschenuhr, eine sogenannte Frack-Uhr, ist zeitlich um 1935 zu datieren. Ein Indiz dafür ist, dass im Staubdeckel ein Steinbock-Control-Stempel existiert, der in der Schweiz erst ab 1935 eingeführt wurde. Warum es kompliziert machen? Man hätte ja auch einfach die Werknummer im Register nachschauen können. Bei diesem Werk mit Streifenschliff und perliertem Boden sind alle Räder unter Brücken und Kloben, ein Standardwerk würde ich so etwas nicht nennen.

Die flachen Taschenuhren der 30er Jahre waren ein verzweifelter Versuch der Taschenuhrindustrie, sich gegen die neue Mode der Armbanduhren zu wehren. In der Mitte der 30er Jahre werden zum ersten Mal ebenso viel Armbanduhren wie Taschenuhren verkauft. Aber in dieser Zeit des Schwanengesangs der Taschenuhr werden wunderbare kleine Werke gebaut. Wie dieses ➱ Hamilton Werk hier. Die Rubine in Chatons gelagert, ein verschraubtes goldenes Deckplättchen für das Ankerrad, eine Schwanenhals Feinregulierung. Und dann doch das Federhaus in Steinen gelagert, mehr geht nicht. Man hat Hamilton nicht zu Unrecht die Patek Philippe von Amerika genannt. Ich könnte hier auch noch meine flache Eterna von 1940 erwähnen, die schon eine Stoßsicherung und eine Glucydurunruh hat. Und als Tüpfelchen auf dem i: ein Ankerrad aus Gold. Doch solche Feinheiten erkennt die lustige Rasselbande von Horst Lichters Händlern nicht.

Aber zurück zu Julie Récamier. Als ich an dem Abend noch einmal auf die Zahlen der Statistik schaute, stellte ich fest, dass in den letzten Stunden 84 Leser den Post ➱Julie Récamier angeklickt hatten. Und in der Woche vergrößerte sich diese Zahl noch auf 249 Klicks. Es ist ein schöner Post, und er wird immer mal wieder in großen Zahlen gelesen. Wie letzte Woche. Allerdings muss ich auch sagen, dass der schöne Post über die Salonière auch auf Platz 5 der Google Ergebnisse ist, wenn man den Namen Julie Récamier eingibt. So nett diese Zahlenspielereien in der Google Statistik sind, ich beginne, dem Ganzen zu misstrauen. Denn meine französischen Leser sind plötzlich alle verschwunden. Zehn Monate überschwemmten sie die Statistik, jetzt sind sie alle weg. Von einem Tag auf den anderen. Kann das sein? Ich habe nichts Böses gegen Frankreich gesagt.

Vor Jahren hatte ich mal etwas Ähnliches, da hatte ich plötzlich tausende von Lesern aus der Ukraine. Und ich hatte da ➱Valentina Lisitsa (Bild) oder das ukrainische ➱Trio Scho noch gar nicht erwähnt. Erstaunlicherweise habe ich jetzt relativ viele englische Leser, so viele hatte ich noch nie. Nur die Zahl der norwegischen Leser bleibt konstant, die Norweger sind treue Seelen. Aber stimmt das alles? Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, heißt es. Niemand weiß, wer das zuerst gesagt hat, ➱Churchill war es wahrscheinlich nicht.

Aber es ist natürlich etwas dran, wir haben es gelernt, Statistiken zu misstrauen. Denken wir nur an den ADAC, und die Zahlen, die uns die deutsche Autoindustrie im  Abgasskandal geliefert hat, waren auch alle gelogen. Da halten wir uns lieber an Mark Twain, der in seiner Autobiographie gesagt hat: Figures often beguile me particularly when I have the arranging of them myself; in which case the remark attributed to Disraeli would often apply with justice and force: 'There are three kinds of lies: lies, damned lies, and statistics.'

Montag, 9. Oktober 2017

Ché Guevara


Uns bleibt, was gut war und klar war:
Daß man bei dir immer durchsah
und Liebe, Haß, doch nie Furcht sah
comandante Ché Guevara

Sie fürchten dich, und wir lieben
dich vorn im Kampf, wo der Tod lacht,
wo das Volk Schluß mit der Not macht.
Nun bist du weg - und doch geblieben.
Uns bleibt, was gut war und klar war:
Daß man bei dir immer durchsah
und Liebe, Haß, doch nie Furcht sah
comandante Ché Guevara.

Und bist kein Bonze geworden,
kein hohes Tier, das nach Geld schielt
und vom Schreibtisch aus den Helden spielt
in feiner Kluft mit alten Orden.
Uns bleibt, was gut war und klar war:
Daß man bei dir immer durchsah
und Liebe, Haß, doch nie Furcht sah
comandante Ché Guevara.

Ja, grad die Armen der Erde,
die brauchen mehr als zu fressen
und das hast du nie vergessen,
daß aus Menschen Menschen werden.
Uns bleibt, was gut war und klar war:
Daß man bei dir immer durchsah
und Liebe, Haß, doch nie Furcht sah
comandante Ché Guevara.

Der rote Stern an der Jacke,
im schwarzen Bart die Zigarre,
Jesus Christus mit der Knarre
- so führt dein Bild uns zur Attacke.
Uns bleibt, was gut war und klar war:
Daß man bei dir immer durchsah
und Liebe, Haß, doch nie Furcht sah
comandante Ché Guevara.


Wolf Biermann hat das ➱Lied 1976 in Köln gesungen, kurz danach wurde er ausgebürgert. Ich habe das Konzert damals im Fernsehen gesehen. Es war ein musikalisches Ereignis, das sicher von dem Abschiedskonzert von The Band übertroffen wurde. Aber das Konzert neun Jahre nach dem Tode von Ché Guevara war natürlich auch ein politisches Ereignis, die Ausbürgerung von Biermann machte Schlagzeilen. Von Seiten der Stasi hieß es: Durch sein hetzerisches Auftreten und Gesamtverhalten in der BRD hat Biermann die bereitwillige Erfüllung der ihm von erbitterten Feinden der DDR übertragenen Rolle, den real existierenden Sozialismus in großem Ausmaß und auf das Gröbste zu verunglimpfen, eindeutig demonstriert. Die Aberkennung der Staatsbürgerschaft der DDR war die logische Konsequenz, den Plan des Gegners und die von ihm erstrebten Auswirkungen entschieden zu durchkreuzen. Wenn man Lieder wie Und als wir ans Ufer kamen singt, wo die letzten Zeilen lauten: Ich möchte am liebsten weg sein – und bleibe am liebsten hier, dann verunglimpft man den real existierenden Sozialismus natürlich.

Dass Ché Guevara ein Jesus Christus mit der Knarre war, das findet sich nicht in dem originalen Lied Hasta Siempre, Comandante, das hat sich Biermann ausgedacht. Ché Guevara hat zu dem Thema gesagt: I am no Christ, nor a philanthropist. I am the very opposite of Christ… I will fight with all the arms within reach, instead of letting myself be nailed to a cross. Der Doktor der Medizin Ernesto Rafael Guevara de la Serna, den man Ché Guevara nennt, wurde heute vor fünfzig Jahren von einem betrunkenen Feldwebel der bolivianischen Armee erschossen.

Das traurige Ende eines Kommandanten, der keine Truppen mehr besaß, ist der Anfang von einem Mythos. Die Photographien, auf denen die Rolex (hat er die bei Cuervo y Sobrinos gekauft?) nicht fehlen darf, werden zu ikonischen Bildern eines Revolutionärs, der Stalin verehrte: Nun bist du weg - und doch geblieben. Ché Guevara T Shirts kann man heute immer noch kaufen. Dass er immer kubanische Zigarren rauchte, ist bei seinem Asthma eigentlich erstaunlich, aber er ist ein Mann der Widersprüche.

Im Jahre 1967 starb auch Benno Ohnesorg. Der war kein Revolutionär, und Ché Guevara war sicher nicht sein Held. Aber wir sind jetzt in einer Zeit, wo man bei einer Demonstration sterben kann. Im November 1967 besucht Rudi Dutschke Bremen. Nicht mit einem offenen Jeep mit roter Flagge wie in Zadeks Film Ich bin ein Elefant, Madame. Dutschke kommt mit dem Flugzeug (in dem er zum ersten Mal saß), der Bremer Salonrevolutionär Olaf Dinné hatte ihn abgeholt und in die Lila Eule gebracht. Dort soll er unverständliches Zeug geredet haben. Im nächsten Jahr gab es die Bremer Schülerunruhen, das war der Beginn von 1968. Da hatte sich Olaf Dinné in die Schweiz abgesetzt, wenn es ernst wurde, dann wollte er nichts mit der Revolution zu tun haben.

Im Februar 1968 tötete der General Nguyễn Ngọc Loan in Saigon auf offener Straße einen nordvietnamesischen Soldaten. Im April wird Martin Luther King erschossen und Rudi Dutschke in den Kopf geschossen. Bis zum Massaker von Kent State sind noch zwei Jahre hin. Und in allen Studentenbuden hängen Poster mit dem Bild des Comandante.

Nicht dieses hier. Sondern das Bild, das den Namen Guerrillero Heroico trägt, mit dem 90mm Teleobjaktiv einer Leica geschossen.  Palmen sind nett, sind aber ein christliches Symbol, nichts für Revolutionäre. Die Palme muss weg. Dieses Bild war die Ausgangsbasis, da musste Alberto Korda noch einiges im Labor machen. Beinahe alle berühmten Photos des 20. Jahrhunderts entstanden in der Dunkelkammer des Photographen, ob das das Hissen der Flagge von Iwo Jima oder das Hissen der sowjetischen Flagge auf dem Reichstag war.

Che Guevara starrt auf dem Bild auf die Calle 23. Er ist auf einer Beerdigung für die Opfer der Explosion des französischen Frachters Le Coubre, was für Propaganda und Presse etwas Ähnliches war wie die Explosion der Maine (die hier einen langen Post hat). Es ist ein leerer Blick, aber man kann alles in ihn hineinlesen. Vor allem, wenn der Photograph das Bild noch ein wenig bearbeitet, dann bleibt was gut war und klar war. Das Victoria & Albert Museum versichert uns: The photograph enshrines Che as a mythic hero. Taken from below, the revolutionary leader with searching eyes and resolute expression becomes larger than life. A perspective that dominates the imagery of social realism, it bears an irresistible aura of authority, independence and defiance.

Das V& A hat das letzte Wort, weil sie diese Ausstellung Che Guevara: Revolutiory & Icon gemacht haben. Für den Modephotographen Alberto Korda bedeutete die Kubanische Revolution das berufliche Aus, nichts mehr mit dem Photographieren von schönen Frauen. Für sein Photo hat er keinen Pfennig Tantiemen gesehen, da Kuba das Internationale Copyright Abkommen nicht unterschrieben hatte. Ich hatte niemals ein Che Guevra Poster und hatte auch nie etwas für ihn übrig. Aber ich finde es erstaunlich, wie man diesen drittklassigen Revolutionär mit einem multimedialen posthumen Personenkult vermarkten konnte. Christopher Hitchens, den ich nie für einen großen Denker gehalten habe, hat gesagt: He belongs more to the romantic tradition than the revolutionary one. To endure as a romantic icon, one must not just die young, but die hopelessly. Che fulfils both criteria. When one thinks of Che as a hero, it is more in terms of Byron than Marx. Vielleicht sollte man Daniel Boorstins The Image: A Guide to Pseudo-Events in America noch einmal lesen.

Es ist die Macht der Bilder, die häufig gefälscht werden müssen, um ihre Macht zu entfalten. Diesen Herrn da links wird man niemals für einen romantischen Revolutionär halten. Obgleich das Outfit stimmt, und er auch eine Zigarre in der Hand hat. Es ist Jérôme Savary in seiner schrägen Inszenierung von Jacques Offenbachs Oper La Périchole. Neben ihm Elise Caron, geradezu göttlich als Périchole. Es ist eine Oper, die etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat, mit einer Sängerin, die eine Maitresse eines peruanischen Vizekönigs wird. Vielleicht hat die historische La Perricholi für Peru mehr Gutes bewirkt als Ché Guevara für Kuba.

Ich finde es beruhigend, dass es nicht nur Positives über den kubanischen Rolexträger im Internet zu lesen gibt. So schrieb Philip Holstein zum 80. Geburtstag von Ché Guevara in RP Online: Che und sein Konterfei lösten sich im Laufe der Zeit völlig vom Menschen, von der historischen Gestalt ab. Die Popkultur schliff das Grauenhafte dieses Mannes weg und die Tatsache, dass er seit dem kubanischen Aufstand nur Debakel erlebt hatte. Che wird wie ein schlechter Popsong, der bei einem besonders schönen Erlebnis gespielt wurde, nur noch mit Gerechtigkeit, Güte und der Revolution zu mehr Menschlichkeit assoziiert: Wären doch alle so wie Che! Che wurde zum Luftgeist, zu einer Mischung aus Punk und Puck, zu einem Wesen aus dem Bereich der Sehnsucht, zum letzten Einhorn, alles Menschenlichen beraubt, reine Theorie, ein Ideal. Die Maßstäbe der Realpolitik, der Historie gar, sie passen nicht mehr auf ihn. Heute ist Che nur mehr Zitat, buchstäblich ein Abziehbild. Und er beendet seinen Artikel mit dem Satz: Hätte es Che nicht gegeben, man hätte ihn erfinden müssen.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

Weltlandschaften


Da links ist die schöne Welt, da rechts, da möchten wir nicht wohnen. Zwischen den beiden Welten ist das Wasser des Grauens, der Totenfluß Styx. Der flämische Maler Joachim Patinir, der am 5. Oktober 1524 in Antwerpen starb, hat dieses Bild gemalt. Wir wissen nicht so viel über Patinir. Er hat ➱Dürer gekannt, und er war mit Quintin Massys befreundet.

Albrecht Dürer war sogar auf der Hochzeit von Patinir: Item am sondag vor der creutzwochen hat mich maister Joachim, der gut Landschafft mahler, auf sein Hochzeit geladen und mir alle ehr erbotten. Dürer hat ihn auch gezeichnet, er sieht ein wenig traurig aus. Patinir hat Landschaften gemalt, er ist einer der ersten in Europa, der die Landschaftsmalerei pflegt. ➱Kenneth Clarke hat in ➱Landscape into Art über ihn gesagt, er sei the first painter to make landscapes more important than his figures. Häufig sind diese Landschaften das, was man eine ➱Weltlandschaft nennt.

Und er malt bizarre Felsen und bizarre Wolken in seine polychromen Landschaften. Farben, die sich Walt Disney nicht schöner hätte ausdenken können, Menschen spielen in der Landschaft keine Hauptrolle. Sie sitzen klein unten in der Ecke, wie hier der Heilige Hieronymus (der bei Dürer natürlich ganz anders aussieht). Kunsthistoriker reden da auch nicht von Menschen, sondern von der Staffage. Und es ist auch nicht das pralle Menschenleben, das die Niederländer Jahrhunderte später auf die Leinwand bringen, es sind Szenen aus der Bibel oder ausgewählte Heilige.

Patinir findet wenig Beachtung in seiner Zeit, er hat auch nur wenige Bilder (29?) gemalt. Manche sind umstritten, wie dies hier. Keine Menschen zu sehen, nur ein grasender Esel. Es ist wahrscheinlich eine Darstellung der Ruhe auf der Flucht, Maria und Joseph sind verloren gegangen. Nur der grasende Esel ist noch da, es ist noch ein langer Weg nach Ägypten. Das Bild hat dem Dortmunder Bierbrauer Josef Cremer gehört und ist später in den Besitz von Daniël George van Beuningen gekommen. Der es dem Museum Boijmans Van Beuningen schenkte, da hängt es immer noch (im Augenblick ist es für eine Ausstellung ausgeliehen).

Auf diesem Bild von der Taufe Christi hat Patinir wieder die ganze Welt abgebildet. Und die bizzaren Felsen durften nicht fehlen (die Kreidefelsen von ➱Caspar David Friedrich sind auch ein wenig bizarr). Kenneth Clark vermutet bei diesen wirklichkeitsfremden Felsen: Perhaps another reason for the unreal mountains of Gothic landscape was that medieval man did not explore them: he was not interested. Noch sind Berge für den Menschen ➱Warzen auf der Erde, Petrarca ist noch nicht auf den ➱Mont Ventoux geklettert, die Ästhetisierung der ➱Bergwelt hat noch nicht begonnen. Dieses Bild beinhaltet übrigens eine kleine Sensation: die erste Darstellung des ➱Rheinfalls von Schaffhausen. Vielleicht sollte die ➱IWC mal ein Modell Joachim Patinir herausbringen, stilvoller als das Modell Boris Becker wäre das allemal.

Die Versuchung des Heiligen Antonius ist ein beliebtes Thema der Malerei, wahrscheinlich deshalb, weil man da nackte Frauen auf die Leinwand bringen kann. Ich glaube, ich habe das in dem Post ➱Aktmalerei schon gesagt. Die Frauen, die den tugendhaft asketischen Antonius hier in ➱Versuchung führen wollen, sind bekleidet, aber eigentlich interessieren sie uns nicht. Was uns interessiert, ist die Landschaft und der Himmel, der oben links bedrohlich die Versuchung orchestriert.

Dürer nannte seinen Kollegen einen Landschaftsmaler, aber die Gattung der Landschaftsmalerei wird noch lange brauchen, bis sie etabliert ist. So konstatierte der Engländer Edward Norgate in seinem Werk Miniatura; or, The art of limning im Jahre 1650: It is more than time to proceede to the second, which is Lanscape, or Landscape, (an Art soe new in England, and soe lately come a shore, as all the Language within our fower Seas cannot find it a Name, but a borrowed one, and that from a people that are noc great Lenders but upon good Securitie, the Duch). Perhaps they will name their owne Child.