Samstag, 23. Mai 2026

unübertrefflich


Als die Quarzuhren preiswert wurden, also, als sie richtig billig wurden, da brachten Seiko und Citizen zwei teure Uhrenlinien auf den Markt. Allerdings nur auf den japanischen, dies waren alles JDM (Japanese Domestic Market) Uhren. Bei Seiko hießen die Uhren Credor, bei Citizen Exceed. Die Uhren der beiden japanischen Konkurrenten hatten viele Gemeinsamkeiten. Sie hatten gute, häufig erstklassige, Quarzwerke, hatten Saphirglas statt Acryl und waren für den heutigen Geschmack alle viel zu klein. Die meisten von ihnen hatten die Größe von Damenuhren. Es waren Schmuckuhren für den japanischen Geschmack, es waren keine Sportuhren. Bei dem Material der Gehäuse setzte man auf gehärteten Stahl, es finden sich in dieser Zeit interessante Legierungen, selbst Wolframcarbid kommt zum Einsatz. Bei beiden Firmen findet sich häufig (wie bei dieser Seiko Credor) ein tiefschwarzer Cabochon in der Krone, man wollte damit betonen, dass man etwas Besseres war. 

Seiko war mit der Astron auf den Markt gekommen, bei Citizen hießen die Quarzuhren Crystron. Einem Wort, das aus crystal und electronic gebildet worden war. Ich habe eine von diesen Uhren, die nach einem halben Jahrhundert noch sehr genau geht. Citizen wollte noch mehr und brachte in der Mitte der 1970er Jahre die →Crystron 4 Mega auf den Markt. Das erste Modell kam ganz in →Gold und kostete 4,5 Millionen Yen, eine teurere Uhr gab es in Japan nicht. Citizen bot dann eine preiswertere Variante wie auf diesem Photo an, eine Uhr die heute kaum unter tausend Euro zu haben ist. Die Uhr war Citizens Antwort auf Seikos Superior.

Das Mega auf dem Zifferblatt stand nicht nur für mega-teuer, die Uhr schwang mega-schnell. Mit 4,194,304 Hertz. Sie erreichte damit eine Genauigkeit von drei Sekunden Abweichung im Jahr. Aber diese Schnellschwinger waren eher ein Irrweg der Technik, nicht nur, weil sie extreme Batteriefresser waren. Sie waren viel zu teuer. Das musste auch Omega erfahren, die einen Omega Constellation Quartz Marine Chronometer (Bild) mit 2,4 MHz auf den Markt brachten. Der sich überhaupt nicht verkaufte, Omega gab die Reste zu Sonderpreisen an die Mitarbeiter ab. Den Namen Megaquartz behielt man aber, der steht auch auf der Megaquartz, die mir mein Uhrmacher vor Jahrzehnten geschenkt hat. Ist aber kein Mega drin, nur die 32 Hertz, die alle Quarzuhren haben.

Nachdem ich mir in den letzten Jahren all das zugelegt habe, was Seiko an hochklassigen Quarzuhren in den siebziger Jahren gebaut hatte, all diese Grand Quartz und die Superior, wollte ich mal eine Citizen Exceed haben. Die sind aber schwer zu bekommen. Den Preisverfall dieser Exceed habe ich ein Jahr im Internet beobachtet, bis ich sie dann kaufte. Sie fällt aus den Exceed Modellen heraus, weil sie 36 mm groß ist; sie war mal 200 Meter wasserdicht und hat eine verschraubte Krone. Unter dem Schraubboden ist noch ein Weicheisendeckel, damit ist die Uhr gegen Magnetismus geschützt. Und Saphirglas hat sie natürlich auch. Obgleich es eigentlich eine Sportuhr ist, ist das Modell sehr elegant.

In der Uhr arbeitet das Werk 0310, ein HAQ (High Accuracy Quartz) Werk mit 7 Steinen und Temperaturkompensation. Mit einer Abweichung von 10 Sekunden im Jahr, in englischen Texten findet sich da immer der Begriff 10 SPY (was für ten seconds a year steht). Und das ist jetzt das neue Leitbild für Citizen: Werke zu bauen, die nicht mehr als zehn Sekunden im Jahr von der Atomuhr abweichen. Das nächste Werk wird das Kaliber 0350, das eine Genauigkeit von ±5 Sekunden pro Jahr und einen ewigen Kalender hat. Das Werk war auch in Citizens neuem Luxusmodell The Citizen drin, das 1995 auf den Markt kam. Das Kaliber A 660, das Citizen dann viele Jahre verwendete, gab es noch nicht.

Das alles war für Citizen noch nicht genug, 1978 kam die Exceed Gold. Deren Werk, das Kaliber 790, war nur einen Millimeter hoch. Einen Sekundenzeiger hatte die Uhr nicht, dafür war kein Platz. Die goldene Uhr kostete je nach Ausführung zwischen 280.000 und 300.000 Yen. Ein Weltrekord war das allerdings nicht, denn ein Jahr später gab es die Eterna Delirium (die es auch von Longines und der IWC gab), die mit einer Bauhöhe von zwei Millimetern nur halb so dick war wie die Exceed Gold. Ich weiß nicht, ob eine von diesen superflachen Uhren heute noch funktioniert. Die Uhren waren wohl nur gebaut worden, um zu zeigen, dass man so etwas bauen kann. Wirklich praxistauglich waren sie wohl nicht.

Ich besitze seit kurzem auch eine ziemlich flache Exceed, dieses goldene Teil ist gerade mal sechs Millimeter hoch. Sie sieht aus, als wäre sie aus Gold, aber das ist sie nicht. Auf dem Gehäuseboden steht UHAG, was bei Citizen ultra hard alloy gold bedeutete. Das Geheimnis dieser Legierung hat den Namen Titannitrid, eine Beschichtung, die wirklich ultrahart ist. Kann man nicht abkratzen. Die Uhr kenne ich schon lange, ich guckte sie mir immer wieder im Internet an, aber ich konnte mich nicht entschliessen. Ich hatte im letzten Jahr schon mal mit dem Händler, der sehr nett war und viel von Citizen Uhren verstand, korrespondiert. Der hatte eine Exceed mit einem lachsfarbenen Zifferblatt, die sehr gut aussah, aber die war leider irgendwann weg. Weil ich mich nicht entschliessen konnte und eigentlich auch keine Uhren mehr kaufen wollte.

Man muss allerdings ganz klar sagen, dass diese Exceeds sehr selten sind. Seiko Credors gibt es ab 250 Euro in Deutschland genügend, aber eine Citizen Exceed ist so gut wie gar nicht zu finden. Die mit dem Kaliber 2730 (mit Temperaturkompensation), die ich im letzten Jahr bei Tokei Japan kaufte, habe ich nicht bekommen. Weil sie in Stuttgart beim Verpacken feststellten, dass die Uhr nicht mehr lief. Ich bekam mein Geld zurück und die Uhr wanderte nach Dänemark, wo die Firma einen Fachmann hat, der vierzig und fünfzig Jahre alte Seikos und Citizens reparieren kann. Der hat allerdings auch noch einen Bauernhof und hat jetzt junge Fohlen auf der Weide, da kommt er nicht dazu, die Exceed zu reparieren. Ich habe aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Jetzt trage ich erst einmal dieses flache Teil mit dem Kaliber 7130, das sogar in der Originalverpackung ankam. Die sieht wirklich rattenscharf aus.

Dienstag, 19. Mai 2026

unerwünschte Geschenke


Dies ist das einzige Bild, das Marilyn Monroe und John F. Kennedy am 19. Mai 1962 zusammen zeigt. Ihr Designerkleid mit den 2.500 aufgenähten Glitzersteinchen war so eng, dass sie keinen BH darunter tragen konnte. Man hatte es ihr auf den Körper genäht. Sie ist sechsunddreißig Jahre alt, sie ist stolz auf ihren Körper. Den BH hat sie schon in vielen Filmen weggelassen, bei denen das Kleid nicht so eng war. Wenn die Scheinwerfer bei der Geburtstagsgala sie bei ihrem Auftritt beleuchten, wird es aussehen, als ob das Kleid durchsichtig sei.

Es war die Geburtstagsgala für den Präsidenten John F. Kennedy im Madison Square Garden in New York, wo Marilyn mit diesem Kleid auftritt. Es ist ihr letzter öffentlicher Auftritt. Sie ist nicht die einzige Sängerin an diesem Abend. Da gibt es eine noch berühmtere  Frau, die allerdings ganz anders als sie gekleidet ist. Das ist natürlich Maria Callas, die L’amour est un oiseau rebelle que nul ne peut apprivoiser singen wird. Wo sich diese für alle Verliebten gefährliche Zeile si tu ne m’aimes pas, je t’aime findet.

Marilyn wird mit einiger Verspätung auftreten. Der mit den Kennedys verwandte Schauspieler Peter Lawford, der den Conferencier an diesem Abend gab, wird Marlyns Auftritt einige Male ankündigen, aber sie erscheint nie auf der Bühne. Das war kalkuliert, die Ankündigungen waren eine Art running gag. Doch wenn er sie zum Schluss als the late Marilyn Monroe ankündigt, dann ist sie da. Legt ihren weißen Hermelinmantel ab und singt Happy Birthday, Mr. President. Wenn Kennedy an das Mikrophon tritt, wird er sagen: I can now retire from politics after having had Happy Birthday sung to me in such a sweet, wholesome way.

So sehr Kennedy die Huldigung von Amerikas Sex Symbol Nummer 1 gefallen hatte, das zweite Geschenk, das sie für ihn hatte, gefiel ihm überhaupt nicht. Das war eine goldene Rolex, auf deren Boden JACK -- With love as always from MARILYN -- May 29th 1962 stand. Und dann war da noch ein kleines Gedicht in der Verpackung: 

Let lovers breathe their sighs 
And roses bloom and music sound
Let passion burn on lips and eyes 
And pleasures merry world go round 
Let golden sunshine flood the sky 
And let me love Or let me die!

Wenn es je eine Liebesaffaire zwischen Marilyn und JFK gab (si tu ne m’aimes pas, je t’aime), sie ist an diesem Abend zu Ende. Happy Birthday, Mr. President ist Marilyns Schwanengesang. Kennedy sagt einem Assistenten, er solle die Rolex entsorgen. Sie wird nach seinem Tod bei einer Auktion für 120.000 Dollar verkauft. Die goldene Omega, die ihm Grant Stockdale geschenkt hatte, und die er bei seiner Inauguration trug, brachte das Dreifache. Das Omega Museum hat sie gekauft. Das Glitzerkleid, das der Designer Jean Louis für Marilyn geschneidert hatte, brachte bei einer Auktion 4,8 Millionen Dollar. Jean Louis war schon lange in dem Geschäft, schöne Hollywoodstars noch schöner zu machen. 

Das schwarze Kleid, das Rita Hayworth in Gilda trug (Put The Blame On Mame, Boys), hatte ihn weltberühmt gemacht. Das brachte aber in einer Auktion so gut wie nichts, irgendwann tauchte das Kleid bei ebay auf. Das hätte dem hautengen weißen Kleid von Marilyn nicht passieren können. Und erst recht nicht diesem Kleid, das Marilyn in The Seven Year Itch trug. Wir erinnern uns an die Szene mit der U-Bahn, die von Jean-Jacques Beineix in seinem Film Diva für fünf Sekunden ironisch zitiert wird. Postmoderne Filme leben vom Zitieren. 

Das U Bahn Kleid von William Travilla aus dem Jahre 1955 brachte übrigens in einer Auktion eine Million Dollar mehr als das Glitzerkleid aus dem Jahre 1962, in das sich eine Frau namens Kim Kardashian mal für einen kurzen Auftritt hinein gehungert hatte. Das Museumsstück war hinterher beschädigt. Jahrelang hatte man das Kleid im Museum in Dunkelheit und gleichbleibender Temperatur aufbewahrt, und dann verleiht man es an diese furchtbare Schickimicki Tussi. Man fasst es nicht.

Das weiße Kleid hat es auch in ein Gedicht mit dem Titel Wasn’t It All Twinkly When We Sang Happy Birthday? geschafft. Die Dichterin Elisabeth Sennitt Clough hat dazu gesagt: I saw the picture of Marilyn that my tutor Sally Flint posted as a prompt, during the same week in which I read in the news that Marilyn’s “Happy Birthday” dress had sold for $4.8 million. I thought that taking on Marilyn’s voice in a poem would be a challenge in terms of originality; there are entire websites dedicated to Marilyn poems, so I chose to write from the perspective of the dress. 

Von nun an spricht das Kleid zu uns:

I hated the storage years,
each of my hand-stitched crystals
dulled by moths and cobwebs.
I craved Madison Square again,
the night they sewed you in
to my rib-chafing tightness,
my flesh-coloured brashness.
Under the lights, you shrugged
your fur from me with a shimmy
and the chainmail of my jewels
became your battle dress. At first
those at the back of the room
believed you were nude. At thirty-six,
they said you’d grown softer,
but the outlines of your silvery
bones glinted with a new sharpness.
I clasped you tight as a corset,
until your ribcage swelled
and your breath strained its way out:
your voice little more than a gasp
and a pant at first – so low,
like you were sharing a secret,
but those tones cut the night air
like a scythe. You were down
to your last few months. This stage
was our temple: you stomped
your feet to the beat of the drum
and backstage powerful men trembled.



Noch mehr Marilyn Monroe in diesem Blog in den Posts: Marilyn MonroeThe MisfitsJohn HustonMethod ActingDorothy ParkerJust head for that big star straight on

Sonntag, 17. Mai 2026

Angelica Domröse ✝

Die Schauspielerin Angelica Domröse ist im Alter von fünfundachtzig Jahren gestorben, sie war neben Jutta Hoffmann (die hier schon einen Post hat) sicherlich die berühmteste Schauspielerin der DDR. 1970 war sie in Wolfgang Luderers Effi Briest die Effi, sie ist in diesem Film, der sich sehr genau an Fontanes Text hält, eine bessere Effi als Ruth Leuwerik oder Hanna Schygulla. Noch berühmter wurde sie drei Jahre später als Paula in dem Film Die Legende von Paul und Paula, der zu einem Kultfilm wurde. Ihrer Autobiographie Ich fang mich selbst ein hat Angelica Domröse das Gedicht Trauriger Tag von Sarah Kirsch aus deren erstem Lyrikband Landaufenthalt vorangestellt; das sei ein Gedicht, das ihren Zustand am besten beschriebe:

Ich bin ein Tiger im Regen
Wasser scheitelt mir das Fell
Tropfen tropfen in die Augen

Ich schlurfe langsam, schleudre die Pfoten
Die Friedrichstraße entlang
Und bin im Regen abgebrannt

Ich hau mich durch Autos bei Rot
Geh ins Café um Magenbitter
Freß die Kapelle und schaukle fort

Ich brülle am Alex den Regen scharf
Das Hochhaus wird nass, verliert seinen Gürtel
(ich knurre: man tut was man kann)

Aber es regnet den siebten Tag
Da bin ich bös bis in die Wimpern

Ich fauche mir die Straße leer
Und setz mich unter ehrliche Möwen

Die sehen alle nach links in die Spree

Und wenn ich gewaltiger Tiger heule
Verstehn sie: ich meine es müsste hier
Noch andere Tiger geben.

Das stand hier ähnlich schon einmal, als ich Angelica Domröse 2021 zum achtzigsten Geburtstag gratulierte. Ich lasse das mal so stehen, habe aber noch den Film Die Legende von Paul und Paula für Sie. Den hat der MDR jetzt noch eine Woche hier in der Mediathek, ansonsten können Sie ihn immer hier sehen. So wollen wir sie im Gedächtnis behalten, mit dieser Rolle, die Ulrich Plenzdorf ihr auf den Leib geschrieben hat. Forever young, wie auf diesem Photo hier, das im Sommer 1974 gemacht wurde. 

Freitag, 15. Mai 2026

Höchststrafe


Heute vor 490 Jahren ist die englische Königin Anne Boleyn zum Tode verurteilt worden. Wegen Hochverrat, Ehebruch und angeblichem Inzest mit ihrem Bruder George. Es wird über Anne viel gelogen, auch die Behauptung, dass sie sechs Finger an einer Hand hatte, ist eine Lüge. Für alle juristischen Winkelzüge, die zur Verurteilung führen, hatte Thomas Cromwell gesorgt, aber der wird vier Jahre nach Anne Boleyns Tod auch hingerichtet werden. Es wird viel hingerichtet in Heinrichs England. Die da an diesem Maitag über die Königin urteilen, sind alle Freunde des Königs. Außer dem Adel ist auch viel Volk in der Halle des Tower, zweitausend Zuschauer sollen sich eingefunden haben. Als Heinrich nach jahrelangem Werben Anne heiratete, nachdem er zuvor ihre Schwester Mary im Bett hatte, war er noch mit Katharina von Aragon verheiratet. Aber der Erzbischof Thomas Cranmer wird dafür sorgen, dass die Ehe annulliert wird und erklärt die um Stillen geschlossene Ehe mit der schwangeren Anne Boleyn für rechtmässig. Auf das Rechtmässige kommt es dem König an, und er hat immer genug Gehilfen, die das Recht dehnen. Da ähnelt ihm Donald Trump.

Wir wissen nicht, wie Anne Boleyn ausgesehen hat, so wie im neuesten Fernsehfilm von 2921 ganz bestimmt nicht. Alle Bilder, die wir von ihr haben (auch diese beiden) sind ungesicherte Zuschreibungen oder sind nach ihrem Tod entstanden. Because thou hast offended against our sovereign the King’s Grace in committing treason against his person, and here attainted of the same, the law of the realm is this, that thou hast deserved death, and thy judgment is this: that thou shalt be burned here within the Tower of London on the Green, else to have thy head smitten off, as the King’s pleasure shall be further known of the same, hatte der oberste Richter unter Tränen verkündet, er war ein Verwandter von ihr. Sie wird nicht verbrannt werden, es ist the King’s pleasure, dass ihr der Kopf abgeschlagen wird. Nicht durch die Axt, durch das Schwert, das sind feine Unterschiede. Heinrich hat dafür einen Henker aus Calais oder Saint-Omer kommen lassen, der das besonders feinfühlig kann. Das ist schon die vornehme Art des Todes, am obersten Ende der Skala steht das Hängen, Ausweiden und Vierteilen

Das mit dem Schwert hat die schwangere Königin schon erfahren, das können wir in dem Brief lesen, den Sir William Kingston am 19. Mai an Thomas Cromwell schreibt: This morning she sent for me, that I might be with her at such time as she received the good Lord, to the intent I should hear her speak as touching her innocency alway to be clear. And in the writing of this she sent for me, and at my coming she said, 'Master Kingston, I hear I shall not die afore noon, and I am very sorry therefore, for I thought to be dead by this time and past my pain'. I told her it should be no pain, it was so little. And then she said, 'I heard say the executioner was very good, and I have a little neck', and then put her hands about it, laughing heartily. I have seen many men and also women executed, and that they have been in great sorrow, and to my knowledge this lady has much joy in death. Sir, her almoner is continually with her, and had been since two o'clock after midnight.

Elf Tage nach ihrem Tod heiratet Heinrich ihre Cousine Jane Seymour (Bild). Die wird nicht hingerichtet, die stirbt am Kindbettfieber. Die nächste Ehefrau Anna von Kleve wird Heinrich überleben. Aber sie wird nur ein halbes Jahr mit ihm verheiratet sein, weil er eine Affäre mit Catherine Howard angefangen hat. Die lebens- und tanzlustige Cousine von Anne Boleyn, die bei der Hochzeit ihrem Gemahl versprach, frisch und munter im Bett und bei Tisch zu sein, wird zwei Jahre später auch enthauptet. Die Engländer haben für die sechs Frauen, die Heinrich in den zehn Jahren von 1533 bis 1543 hat, einen einfachen Abzählreim: Divorced, Beheaded, Died, Divorced, Beheaded, Survived. Wenn man noch zweimal beheaded dazu schreiben würde, dann hätte man einen Abzählreim für das ganze Jahrhundert, denn die sogenannte Nine Days Queen Jane Grey und Maria Stuart werden auch noch enthauptet werden. Beide mit der Axt.

Vor ihrer Hinrichtung soll Anne das Gedicht O Death Rock Me Asleep geschrieben haben, ich habe das hier auf YouTube von Anna Dennis gesungen. Ich habe an bewegten Bildern auch noch eine Aufnahme von Donizettis Anna Bolena aus dem Jahre 2025 in schöner HD Qualität und den Film Anne of the Thousand Days mit Geneviève Bujold als Anne Boleyn und Richard Burton als Heinrich VIII.

In meinem ersten Jahr als Blogger gab es hier schon den Post Anne Boleyn, der mittlerweile über siebentausend Leser gefunden hat. Anne wird auch in dem Post Greensleeves erwähnt, weil Heinrich angeblich dieses Lied für sie geschrieben hat. Und in den Posts Zähmung und William Frith ist sie auch noch zu finden.

Donnerstag, 14. Mai 2026

Feiertag


Himmelfahrt in Berlin

Die Kinder spielen im Hof so schön
Prinzessin, Mörder und Volkspolizist.
Sie müssen nicht zur Schule gehen,
weil heute Himmelfahrt ist.

Die Kinder spielen im Hof so laut,
behängt mit alten Lappen.
Sie spielen Braut und Kosmonaut
im Himmelsschiff aus Pappen.

Die Kinder spielen so laut und schön,
der Hof wird ein ganzes Theater.
Die dicken Frau’n aus den Fenstern sehn
und warten auf den Vater.


Das Gedicht von Wolf Biermann erschien 1965 in dem Gedichtband Die Drahtharfe bei Klaus Wagenbach. 1965 war Himmelfahrt noch ein Feiertag in der DDR. Zwei Jahre später nicht mehr. Die Drahtharfe, die vielleicht etwas mit Truman Capotes The Grass Harp zu tun hatte, wurde einer der erfolgreichsten Gedichtbände der Nachkriegslyrik. Den Machthabern in der DDR gefiel es nicht so sehr, was da drin stand; am Ende des Jahres verhängte das Zentralkomitee der SED ein totales Auftritts- und Publikationsverbot gegen Biermann. Die Zeichnung hier im Buch zeigt Biermanns großes Vorbild François Villon, wie er auf dem Stacheldraht der Mauer Harfe spielt. Alles, was Sie zu dem epochalen literarischen Debüt von Biermann wissen sollten, steht auf der schönen Seite von planetlyrik oder bei dem Professor Kai Sina

Montag, 11. Mai 2026

Alfred Stevens


Der belgische Maler Alfred Stevens wurde am 11. Mai 1823 in Brüssel geboren, aber den größten Teil seines Lebens hat er in Paris verbracht. Dort ist er auch gestorben, der deutsche Wikipedia Artikel lässt ihn in Brüssel sterben. Aber die deutsche Wikipedia lässt auch Richard Hughes einen Kriegsfreiwilligen des Ersten Weltkriegs sein, und das ist auch völlig falsch. Warum bekommt das Internet Lexikon es nicht hin, die Artikel zum selben Thema aus den einzelnen Ländern miteinander zu vergleichen, oder einfach den besten fremdsprachlichen Artikel ins Deutsche zu übertragen?

Stevens hatte großen Erfolg damit, Damen des Mittelstandes im Boudoir zu malen. Nicht alle Modelle auf seinen Bildern sind aus der Bourgeoisie; viele, die hier elegante Kleider tragen, kommen eher von der Straße. Mehrere Modelle finden sich in dem Pariser Book of the Courtesans. Auf die Darstellung der Stoffe verwendet er sehr viel Sorgfalt. Auf zwei dieser Bilder können wir sehen, dass der ✺Japonismus gerade chic ist.

Der deutsche Kunsthistoriker Richard Muther hat die Bilderwelt von Stevens so beschrieben: Seine hübschen Weiber, die sich baden oder Bouquets, japanische Masken und Statuetten betrachten, in einer Attitüde, die dem Betrachter erlaubt, ihre reiche Toilette und ihr geschmackvolles Mobilar zu studieren - sie sehen selbst aus wie Püppchen, die zwischen diese Nippsachen gesetzt sind. Die Fähigkeit, den Duft des Lebens in seiner zuckenden Bewegung zu fassen, die Poesie des Psychischen, entging dieser Kunst. 

Manchmal will er die Damen nicht nur im Boudoir posieren lassen, manchmal will er ihnen Gefühle geben. Wie hier in dem Bild De wanhopige, das in Antwerpen hängt. Die junge Dame ist verzweifelt, aber kommt die Verzweiflung wirklich zum Betrachter herüber? Reichen die schlaffen Arme und die Hand, der ein Tüchlein entgleitet, zur Verzweiflung aus? Wir bewundern eher die minutiös gemalten Details ihres Kleides, ihren Schal, die Tischdecke und die kleine Lampe. Aber die Fähigkeit, den Duft des Lebens in seiner zuckenden Bewegung zu fassen, die Poesie des Psychischen, entgeht dieser Kunst. Da hat Richard Muther schon Recht.

Alfred Stevens war mit vielen Pariser Malern befreundet, Delacroix war sein Trauzeuge. Henri Cervex, der mit ihm das Panorama du Siècle malte,
hat ihn hier portraitiert. Mit der kleinen Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch, die Stevens 1867 erhielt. Da war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere, hatte achtzehn Gemälde in der Weltausstellung hängen. Aber es gibt noch einen anderen Stevens, einen Maler, der das Meer malt. Er hatte es mit den Bronchien, weil er immer das Terpentin in seinem stickigen Studio einatmet. Sein Arzt empfiehlt ihm die saubere Meeresluft. Stevens reist ans Meer.

Stevens geht nach Le Havre und Honfleur und malt jetzt, wie mit diesem Sturm am Strand von Scheveningen, etwas ganz anderes als seine Damen im Boudoir. Malt mit struppigem Pinsel beinahe impressionistisch. Das Seestück, das die beiden Damen auf dem Gemälde oben im ersten Absatz bewundern, ist auch eins seiner Meerbilder. Er malt allerdings auch Damen am Strand, die dann mit ihrem Pariser Outfit etwas lächerlich aussehen. Das sind Bilder, die nicht mit den Strandbildern von Edward Hopper, Max Liebermann, Winslow Homer und Ludwig Dettmann konkurrieren können.

Es wäre gut, wenn er die Damen weglassen würde. Und die Hunde, die ihm sein Bruder Joseph Stevens in die Bilder malt. Dieser Abschied an der Küste aus dem Jahre 1891 ist schon hart an der Kante des Kitsches. Wird noch übertroffen von dem Abschiedsbild an der Küste von Carl Heiß, das sich in dem Post gen Engeland! findet. Bei Caspar David Friedrich ist das Motiv der Abschied nehmenden Frau am Strand natürlich noch kein Kitsch.

Drei seiner Schüler sind schon in diesem Blog. Die eine ist die Bremer Malerin Aline von Kapff, die andere Lilla Cabot Perry Und dann ist da noch der Amerikaner William Merritt Chase. Ob die drei wirklich bei ihm etwas gelernt haben, oder nur bei ihm waren, weil er so berühmt war, das weiß ich nicht. Noch mehr Bilder von Frauen aus Paris in dieser Zeit finden sich in den Posts: Berthe Morisot, Camille in grün, Franz-Xaver Winterhalter, Kindermädchen, Edouard Manet, Ratten, Ellen Andrée: nue et habilléeles, les grandes horizontales, Demimonde.

Freitag, 8. Mai 2026

Kriegsende und danach

Im letzten Jahr stand hier der lange Post Bremen, 8. Mai 1945, den es in diesem Blog vorher schon zweimal an diesem Tag gab. Deshalb gibt es heute am Tag des Kriegsendes etwas anderes. Das stand hier im Ansatz zwar vor Jahren schon einmal, fand aber keine Leser. Am 8. Mai 1949 wurde in Berlin das Treptower Ehrenmal für die Millionen gefallenen Soldaten der Roten Armee eingeweiht. Es gibt im Tiergarten noch ein anderes Ehrenmal mit zwei grünen russischen T 34 Panzern davor. Die im Ukrainekrieg eine andere symbolische Bedeutung gewonnen haben als damals, als man sie aufstellte. Viele Berliner forderten, dass man die Panzer wegräumt. 

Dass man das Ehrenmal im Treptower Park damals an einem 8. Mai einweihte, hatte natürlich seine Bedeutung. Es ist das Kriegsende, das heute als Tag der Befreiung gilt, wie das Richard von Weizsäcker. 1985 formulierte: Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mußten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen. Mein erster Besuch des Ehrenmals im Jahre 1960 war sehr beschwerlich. Ich hatte mir bei einem Sportunfall den linken Fuß gebrochen und humpelte mit einem Gipsverband zum Ehrenmal. Es war ein langer Weg vom Busparkplatz bis zu dem Ehrenmal, aber ich wollte unbedingt das Innere des Denkmals mit dem Mosaikbild sehen.

Mein Onkel, der Bildhauer Karl Lemke (hier eine Plastik von ihm), hat mir mal eine Geschichte über den Bau des Ehrenmals erzählt, die nicht in den Geschichtsbüchern steht, deshalb stelle ich die heute hierher. Wenn er 1945 aus dem Krieg in die Heimatstadt Berlin zurückkommt, ist er einundzwanzig. Zweimal schwerverwundet, aber lebendig, nicht alle in der Familie hatten dieses Glück. Er hätte in der Firma seines Vaters arbeiten können, aber das wollte er nicht, er wollte etwas ganz anderes machen. Er wurde Steinmetz. 1947 bekam er eine Zusage von der Kölner Dombauhütte, aber er konnte die Stelle nicht antreten, weil er für das zerbombte Köln keine Zuzugsgenehmigung bekam. So etwas gab es damals. Aber Karl blieb bei den Steinen und studierte Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste in Charlottenburg. Er wusste, was er wollte. Und er wusste, was er für seinen Beruf brauchte:

Grenzenlose Geduld ist das eigentliche Werkzeug, eine wichtige Voraussetzung, der Langsamkeit in sich zu trauen. Man lernt, eine Hervorhebung behutsam freigeben, die umliegende Fläche abzusenken, gewinnt das Bewußtsein der Hände. Doch sinnliches Glück hat nicht nur mit Berührung zu tun, auch mit dem Glanz, den die Augen trinken. Atmende Haut und zitternd lebendige Körnigkeit des Marmors beschenken mit dem Gefühl, endlich angenommen zu sein. Pygmalion, heißt es, verliebte sich ins Geschaffene, das zu leben begann. In Wahrheit muß nichts erwachen. Dem Schöpfer vertritt die Figur alle Bewegtheit der Welt.

Einer seiner Lehrer war Gustav Seitz, dessen Meisterschüler er wurde. Er folgte Seitz auch nach Ost-Berlin, als der seine Stelle als Professor in Charlottenburg verlor, weil er den Nationalpreis der DDR für sein Denkmal für die Toten im KZ Weißwasser/Oberlausitz (Bild) entgegengenommen hatte. Offiziell ist zwar Friede, aber insgeheim hat der Krieg nicht aufgehört. Da errichtet jemand ein Denkmal für die KZ Opfer und verliert deshalb seine Stellung und bekommt Hausverbot. Weil das Denkmal im falschen Deutschland steht. Ab 1951 leitete Seitz ein Meisteratelier für Bildhauerei an der neu gegründeten Deutschen Akademie der Künste. Karl ist da bis 1953 sein Schüler, Meisterschüler. Seitz darf die DDR verlassen, wann er will, Karl nicht. Seitz geht 1958 nach Hamburg, Karl bleibt in der DDR und wird Dozent an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.

Doch ich muss zurückkommen zu der kleinen Geschichte, die er mir erzählt hat. Und damit kommen wir wieder zurück in die vierziger Jahre nach Charlottenburg. Eine junge Frau kommt da jeden Vormittag als Modell für die angehenden Künstler, zieht sich aus und posiert, wie die Künstler es verlangen. Mittags ist sie weg. Sie hat noch eine andere Beschäftigung. Da geht sie in den Osten der Stadt, eine Wanderin zwischen den Welten. Sitzt Modell für die russischen Künstler, die den Innenraum des Denkmals gestalteten. Wahrscheinlich ist sie auf den Mosaiken im Kuppelraum des Treptower Ehrenmals das Mütterchen Russland.

Vielleicht ist das vormittägliche Aktmodell von damals auch die Vorlage für Karls Schwimmerin gewesen. Das war 1952 eine seiner ersten öffentlichen Arbeiten. Die Figur stand auf einem gemauerten Sockel vor dem Schwimmbad an der Höchsten Straße, aber da steht sie nicht mehr. Das Schwimmbad ist 2000 abgerissen worden, wie so viele Schwimmbäder. Die Plastik wanderte in den Volkspark Friedrichshain, wo sie irgendwann mit →Farbe beschmiert wurde. Heute ruht die Figur im Depot des Berliner Grünflächenamts. Irgendwie ist das traurig.

Karls Witwe, die Bildhauerin Margret Middell, die 1969 den Will-Lammert-Preis erhielt, hat heute Geburtstag. Da möchte ich ihr aus dieses Weg die herzlichsten Glückwünsche senden. Sie arbeitet immer noch in ihrem Atelier auf dem alten Dreiseitenhof am Rande von Barth.
 
Die Arbeit hält mich lebendig, hat sie in einem Interview zu ihrem achtzigsten Geburtstag gesagt. Der Photograph Michael Engler hat mal einen Film über sie gedreht, der im Dritten Programm des NDR und bei 3sat zu sehen war. Ist leider nicht bei YouTubeDie guten Sachen verschwinden im Internet immer zuerst. Vor einigen Jahren hat man ihre Bronzeplastik Die große Sitzende in Magdeburg mit Gold besprüht, das hätte nicht sein müssen. Tut aber der Schönheit des Werkes keinen Abbruch. A thing of beauty is a joy forever.