Dienstag, 23. August 2016

Biedermeier


Wenn in dem Roman Alte Meister des Österreichers Thomas Bernhardt über Maler geredet wird, dann kommt Ferdinand Georg Waldmüller in dem Gespräch nicht vor. Dabei ist er doch einer der berühmtesten Maler Österreichs im 19. Jahrhundert. Also, neben Moritz von Schwind, Franz Defregger und Hans Makart. Als ich noch Knabe war, äußerte sich in mir schon die Liebe zur Kunst. Obschon verworren und unklar, wie die Begriffe sich in so zartem Alter gestalten, schwebte mir als Ideal meiner Bestimmung eine Wirksamkeit in Künstler-Kreisen in glänzenden Farbenspielen jugendlicher Einbildungskraft vor. Entschlossen, mit jeder Entbehrung, mit jedem Opfer auf dem Pfade der Kunst vorwärts zu schreiten, vertauschte ich das Gymnasium mit der Akademie, schreibt Waldmüller in seinen Erinnerungen.

Als ich noch Knabe war, waren die Herren Waldmüller, von Schwind, Defregger und Makart mit ihren Bildern in den dicken Kunstbänden meines Opas reichhaltig vertreten. Ich bin mit dem ganzen Kitsch des 19. Jahrhunderts aufgewachsen. Das habe ich schon in dem Post ➱Moritz von Schwind gestanden. Ein Post, der übrigens mehr Leser hat, als der Post zu ➱Carl Blechen. Das beunruhigt mich ein wenig. Es beunruhigt mich auch ein wenig, dass Ferdinand Georg Waldmüller zu den bevorzugten Künstlern Hitlers zählte. In der Sammlung Hitlers in Linz ist er mit sechsundfünzig Werken vertreten. Im 20. Jahrhundert ist der Wiener Augenarzt Dr Rudolph Leopold einer der wichtigsten Sammler von Waldmüller gewesen. Seine Bilder sind heute alle in dem Leopold Museum.

Von dem Quartett Waldmüller, von Schwind, Defregger und Makart ist mir der Waldmüller der liebste. Weil er der charmanteste Maler ist. Die anderen sind einfach nur furchtbar. Ein wenig Schmäh muss sein, wir sind in Österreich. Ich mag Waldmüller auch, weil er so modebewusst ist. Auf dem Selbstportrait von 1828 stellt er sich als jungen ➱Dandy dar, mit einer wunderbaren Weste, die zu seinem Halsbinder passt. Es ist die große Zeit der bunten Westen, manchmal tragen die Herren mehrere übereinander. Der Elegant des Biedermeier beweist noch Mut zur Farbe, danach wird modisch alles schwarz (lesen Sie mehr in ➱Schwarz). Kunsthistoriker haben sich bei dem Selbstportrait immer ein wenig an die Kunst von Jacques-Louis David erinnert gefühlt, aber dessen Bilder kann Waldmüller 1828 noch gar nicht gesehen haben (erst 1830 reist er zum ersten Mal nach Paris). Und doch ist an dieser Vermutung etwas dran, denn Johann Peter Krafft, dem Waldmüller malerisch viel verdankt, hatte bei David studiert.

Portraitmaler müssen etwas von der Mode verstehen, das verlangt die Kundschaft von ihnen. Die Damen wollen à la mode gemalt sein, Waldmüller tut ihnen den Gefallen. Seine Bilder werden so zu einem Modejournal des Wiener Biedermeiers. Er hielt sich an die Wirklichkeit, den Alltag, die schlichten, die „edelen Verhältnisse“. Idylle: Bei Waldmüller findet sie nicht im Goldenen Zeitalter statt, bei ihm ist sie jetzt und real und ganz provinziell. Das einfache Leben, Waldmüller malt es uns in den strahlend frischen Farben, die wir heute aus unseren Zigarettenwerbungen kennen. Rot, Blau, Grün. Theaterfarben. Jedenfalls keine realistischen Farben, schrieb Elke von Radziewsky 1990 in der Zeit.

Waldmüller ist Portrait- und Genremaler gewesen, aber er hat sich (wie diese Ulmen im Prater zeigen) auch der Landschaft zugewandt. Sehr detailversessen, aber nicht unbedingt revolutionär. Wenn man seine Landschaftsbilder mit ➱John Constable oder Blechen vergleicht, dann ist dies nicht unbedingt ein Höhepunkt der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts. Obgleich die Allgemeine Deutsche Biographie über ihn sagt, dass er ein Vorläufer der modernsten Freilichtmalerei sei.

Viel besser als in seinen Landschaften ist Waldmüller in einer Bildgattung, die die Engländer conversation piece nennen, ein informelles Gruppenportrait. Es ist etwas, das die Engländer im 18. Jahrhundert perfektioniert haben (und auch der nach England gekommene Amerikaner ➱John Singleton Copley hat sehr schöne Bilder dieses Genres gemalt). Waldmüller holt das englische Konversationsstück nach Wien. Hier in dem Bild des Legationsrats Theodor Joseph Ritter von Neuhaus mit seiner Gattin Albertine und den Kindern. Das Bild ist aus dem Jahre 1827, Modehistoriker versichern uns, dass das Kleid seiner Gattin in dem Jahr die große Mode war. Der Legationsrat ist mit seinen gelben Hosen zeitlos modern. So etwas trug man schon im ➱18. Jahrhundert in England, es gehörte zur Werther Tracht und Büchners Leonce redet in Leonce und Lena von seinen gelben ➱Nankinghosen (die übrigens auch ➱Fontane in London aufgefallen sind).

Ich habe das Buch von Mario Praz Conversation Pieces: A Survey of the Informal Group Portrait in Europe and America, das wirklich schönste Buch zu dem Konversationsstück, schon ➱hier besprochen. Natürlich hat Praz in seinem Buch eine ganze Reihe von Bildern von Waldmüller (auch das Bild von der Familie von Neuhaus). Dies Bild ist nicht von Waldmüller, sondern von seinem dänischen Kollegen Constantin Hansen. Es zeigt die dänischen Maler in Rom, stilistisch ist es mit seinem detailverliebten Realismus den Konversationsstücken von Waldmüller sehr ähnlich.

Der Sohn armer Wirtsleute, der das Gymnasium mit der Akademie vertauscht, mit dem Bemalen von Zuckerwerk beginnt und dann Theatermaler wird, erhält zwei Jahre nach seiner Parisreise den Auftrag, den kleinen Franz Joseph zu malen. Er malt ihn als kleinen Grenadier, der mit hölzernen Soldaten spielt: Wie ein Staatsporträt en miniature mutet das 1832 entstandene Bild des zweijährigen späteren Kaisers Franz Josef I. (1830 -1916) von Ferdinand Georg Waldmüller an, der als Grenadier verkleidet mit ungarischen Grenadier-Holzfiguren vor dem Maler posiert. Unschuldig blickt er mit seinen blauen Augen in die Welt, fast so, als hätte er mit dem Dekor gar nicht wirklich etwas zu tun. Schon früh wird hier der spätere Kaiser der Österreicher in seine künftige militärische Rolle hineingestossen, die für die österreichischungarische Monarchie bald so verhängnisvoll endete.

Den größten Triumph feiert Waldmüllers biedermeierliche Stofflichkeit in dem Bild des Notars Dr. Josef August Eltz mit seiner Gattin Caroline und seinen acht Kindern in Bad Ischl. Was Caroline Eltz da trägt, würde ausreichen, um ein Biedermeier Sofa neu zu beziehen - diese Vermutung kam mir als erstes bei diesem Bild, weil ich vor Jahren mein Biedermeier Sofa neu habe beziehen lassen. Auf der Seite des emeritierten Kunsthistorikers Thomas Zaunschirm finden Sie einen sehr schönen ➱Aufsatz zu Waldmüller, in dem auch dieses Bild behandelt wird.

Ich muss jetzt einmal von den edelen Verhältnissen der Konversationsstücke zu der ➱Armeleutemalerei Waldmüllers kommen. Diesen Titel hat das ➱Buch von Carmen Flum, und Armeleutemalerei ist auch ein etwas unscharfer terminus technicus, der schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verwendet wird. In einer österreichischen ➱Dissertation können wir lesen: Waldmüllers Bilderwelten täuschen nur oberflächlich eine heile Welt vor, unterschwellig nahm Waldmüller immer wieder zum politischen Zeitgeschehen Stellung, mit Bildthemen, die erst unter konkreter Einbeziehung des wirtschaftlichen und sozialen Umfeldes Bedeutung bekommen. Da braucht es allerdings viel Liebe, um revolutionären Sprengstoff in diesem Bild der Klostersuppe (das eher einem Barockgemälde ähnelt) zu finden. In dem Satz Please sir, I want some more von Dickens' Oliver Twist steckt mehr revolutionäres Potential.

Was Waldmüller hier macht, ist ein Gattungswechsel, er malt die Suppenausgabe im Kloster, als ob er ein barockes Historienbild malen sollte. Das heißt, er gibt den Personen, die niemals das Personal des Weltgeschehens sind, die Bühne, die sie nie betreten dürften. Was sind das für Bewegungen und Gesten bei diesem Eintritt der Neuvermählten? Sie scheinen aus einem ganz anderen Bild, einer ganz anderen Bildgattung zu kommen.

Natürlich malt Waldmüller nicht nur rosarote Tagträume. Er zeigt, zumal in den Jahren direkt vor der 48er Revolution, auch die Gefahren. Verhärmt sitzt eine Alte mit leerem Blick vor den heruntergebrannten Ruinen ihres Hauses. Verzweifelt beschwört die aus dem Haus Vertriebene mit den vaterlosen Kindern nach der Pfändung [Bild] den Himmel auf die Erde. Das Elend hat einfache Wurzeln: Naturgewalten sind es, Feuer oder der fehlende Mann. Nirgends auf Waldmüllers Bildern wird man einen rauchenden Schornstein entdecken, einen Webstuhl, einen Fabrikanten. Bei ihm findet Zeitgeschichte im Salzkammergut, im Wiener Wald und auf dem Prater statt. Waldmüllers Welt hatte enge Grenzen. Seine Bauern sind hellenenhafte Gestalten, letzte Aristokraten und nicht zu verwechseln mit jenen Figuren von Teniers oder Breughel, „diesen Gebilden, deren Schöpfer so recht wohlgefällig in der Gemeinheit wühlten“. 

Der positive Blick überwiegt. Erst recht nach der Revolution. Die kostbaren Farben, das leuchtend warme Rot, das Weißsilber, in das Waldmüller in frühen Stilleben kostbare Rosen mit papierzarten Blütenblättern, spiegelnde Kelche getaucht hatte, der ganze Glanz des Putztisches wandert in den fünfziger Jahren auf die Bauerngesellschaft hinüber. Mehr und mehr gewinnen seine Landleute, Bürger und Handwerker jetzt den Charakter unserer Serienschauspieler. Wir müssen sie gern haben und begegnen ihnen wieder auf den verschiedenen „Glücksbildern“, sehen die Jungvermählte, später die junge Mutter, treffen die Kinder auf dem Kirchweihfest, dann beim Veilchenpflücken [Bild].

Ich habe die promovierte Kunsthistorikerin Elke von Radziewsky, die jahrzehntelang für die Zeit schrieb, in dieser Ausführlichkeit zitiert, weil mir das viel vernünftiger erscheint, als die revolutionären Gedanken der Wiener Doktorandin. Die übrigens heute eine Singlebörse für sportliche junge Menschen betreibt. Der junge Mann auf diesem Bild (Der Abschied des Konskribierten) muss zum Militär, wir könnten wahrscheinlich irgendetwas Sozialkritisches in das Bild hineinlesen. Wenn wir wollten.

Noch mehr natürlich bei dem ➱Bild, wo die armen Bauersleute zu Weihnachten die reisende Bettlerfamilie beschenken. Es ist rührend. Aber das ist das Wesen der Genremalerei, wenn wir nicht ergriffen und gerührt sind, hat der Maler sein Ziel verfehlt. Als ich sechs war, war ich von dem Bild Die Pfändung ergriffen, ich habe noch immer jede Figur, jede Geste im Kopf. Heute bin ich bei Waldmüllers Genrebildern nicht mehr so gerührt. Man achtet auf andere Dinge. Beim Notverkauf des letzten Kalbs nicht so sehr auf das Geschehen als auf die sonnenbeschienene gelbe Wand. Und die Wolken oben links.

Ferdinand Georg Waldmüller ist am 23. August 1865 gestorben. Angeblich hat ihn der Kaiser, den er als Zweijährigen malt, ihn kurz vor seinem Tod noch geadelt. Das steht in dem englischen Waldmüller Artikel, allerdings sind die dafür angeführten Belege im höchsten Maße obskur. Was feststeht, ist, dass der Kaiser ihm 1863 die Rente erhöht hat. Es ging dem Maler, dem einst Napoleon III und Königin Victoria Bilder abkauften, im Alter nicht mehr so gut. Hätte er bei einer Bildgattung bleiben sollen? Er hätte als Landschaftsmaler reüssieren können, das zeigen die Ulmen im Prater oben und dieser Baum am Bach. Er hätte nur mehr wagen müssen.

Aber da ist diese Detailversessenheit, die diesen Baum (ein Detail aus ➱Vorfrühling im Wienerwald) aussehen lässt wie eine Photographie. Hätte Blechen solche Bäume gemalt, er hätte sich den ➱Waldweg in Spandau damit ruiniert. Es ist eine eigenartige Sache um the treeness of the tree (wie Roger Fry das genannt hat) - Sie können mehr dazu in dem Post Realisten lesen. Waldmüller stand zeitlebens mit dem akademischen Kunstestablishment auf Kriegsfuß (er verlor seine Professur im Jahre 1857). Er hat auch mehrfach zur Feder gegriffen, so zum Beispiel in den ➱Andeutungen zur Belebung der vaterländischen bildenden Kunst.

Die beginnen mit dem Satz: Indem ich die Feder ergreife, um in der gegenwärtigen Broschüre meine Ansichten über Belebung der bildenden Kunst in unserem Vaterlande auszusprechen, verhehle ich mir keineswegs, welchen Anfechtungen dieselben ausgesetzt sein werden. Als ich Indem ich die Feder ergreife, um in ... las, dachte ich: Tommy Mann. Guckte nach, und siehe da: Felix Krull fängt genau so an: Indem ich die Feder ergreife, um in völliger Muße und Zurückgezogenheit – gesund übrigens, wenn auch müde, sehr müde... Erstaunlich. Das Bild hier zeigt Waldmüllers Sohn Ferdinand mit seinem Hund. Und Berge. Nähe und Ferne alles ➱scharf. Wie mit einem ➱Zeiss Tessar, einem Objektiv, das man auch das Adlerauge nannte. Der junge Mann hält seinen Zylinder so in der Hand, dass wir nachschauen könnten, wer den Zylinder hergestellt hat. ➱Proust macht das auch, es ist offenbar eine Dandygeste.

Und was hätte Proust zu dieser gelben Mauer gesagt, die die Kinder hier einrahmt? Die petit pan de mure jaune auf dem Bild von Vermeer, die den Schriftsteller Bergotte fasziniert (lesen Sie mehr in ➱Bilder), ist ja nichts gegen diese Lichtinsel: Erst der alte Waldmüller scheut sich nicht, das Freilicht jäh auf ein aus dem Fenster blickendes Gesicht aufprallen zu lassen. Der das Spätwerk kennzeichnende fleckenhafte Eindruck hat auch im übertragenen Sinn zu einer Annahme der oft harten Schattenseiten des Lebens geführt. Waldmüller macht  erstaunliche Sachen mit dem Licht. Und der Impressionismus hat noch gar nicht angefangen

Freitag, 19. August 2016

Worpswede


Moor und Wiesen, viel Himmel drüber. Wie in ➱Holland. Dazu ein Fluss und ein Hügel, den man hier einen Berg nennt. Mehr ist da nicht in Worpswede. Auf dem Weyerberg hatte die Landgräfin Eleonore Katharine von Hessen-Eschwege einst eine Sommerresidenz einrichten wollen. Es entstand ein Wildgehege, ein Haus für den fürstlichen Entenjäger und die Slottschün, die Schlossscheune. Man beginnt mit dem Bau des Lusthauses, dann fällt ihr Ehemann im Krieg Schwedens gegen Polen. Da gibt die Schwester des schwedischen Königs den Plan auf, die Kultur nach Worpswede bringen zu wollen. Das muss jetzt noch einige Jahrhunderte warten.

Der Name Worpswede ist heute denen, die der gegenwärtigen bildenden Kunst in Deutschland ein Interesse entgegenbringen, vertraut. Seitdem im Jahre 1895 im Münchener Glaspalast zum erstenmal eine kleine Gruppe von Künstlern, die sich nach dem bis dahin unbekannten Ort ihres gemeinsamen Wirkens die Worpsweder nannten, in geschlossener Reihe auftrat, ist der Ruf jenes entlegenen Dorfes mit dem seltsam klingenden Namen und der Ruf jener Künstler, die sich in ihm ein stilles Heim geschaffen haben, begründet.

Worpswede ist bis jetzt, gottlob noch immer ein Winkel abseits von der Straße. Die Eisenbahn dampft noch nicht daran vorbei, nur auf der Postkutsche ist es zu erreichen. Nordöstlich von Bremen erhebt sich, zwei Meilen etwa von der Stadt entfernt, aus einem moorigen, stillen Land eine langgestreckte Anhöhe, die einzige, soweit das Auge reicht: der Weyerberg. Auf der einen Seite ist er fast kahl, nur mit wucherndem Haidekraut, durch das die Bienen summen, und einzelnen niedrigen Kiefern bestanden. Auf der andern Seite dehnt sich ein junger Wald verschiedener Hölzer entlang. Zu dessen Füßen erstreckt sich das kleine Dorf Worpswede. Das schreibt ➱Hans Bethge 1907 über Worpswede. Das Bild vom Weyerberg hat Hans am Ende gemalt.

Bremer betrachten die Künstlerkolonie Worpswede immer als ihr Eigentum, als einen Teil von Bremen. Das stimmt sicherlich zum Teil: Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck, Carl Vinnen (Bild), Paula Becker und Clara Westhoff kamen aus Bremen. Die Worpsweder Künstler haben sicher auch die Bremer Kunstszene um 1900 geprägt, obgleich Bremens Salonkünstler ➱Arthur Fitger nur Hass und Verachtung für sie übrig hatte. Was war der Mann beleidigt, als Vogeler und nicht er den Auftrag für die Ausgestaltung der Güldenkammer des Rathauses erhielt. Der Bremer Kunststreit wird am besten durch diese ➱Spottpostkarte beleuchtet, auf der Fitger als Don Quichote gegen die moderne Kunst reitet, während sich die Worpsweder Maler auf der rechten Seite krumm- und schieflachen.

Im Kreise von dem Marschendichter ➱Hermann Allmers (im Bilde rechts), den sie beinahe alle gekannt haben, waren die jungen Künstler gut aufgehoben. Wahrscheinlich ist ihnen sein Marschenhof in Rechtenfleth Vorbild für Worpswede als Versuch eines künstlerischen und intellektuellen Zentrums gewesen. Allmers hat die jungen Maler auch in jeder Weise gefördert.

Der Herr hier ist kein Worpsweder, das ist der Professor der Düsseldorfer Akademie Eugen (oder Eugène) Dücker, der die Moderne nach Düsseldorf brachte, beim Malen an der Ostsee. Ich mag dieses Bild sehr, ich habe es schon in den Posts ➱Hinrich Wrage und ➱Fritz Overbeck abgebildet. Eugen Dücker ist hier nicht nur zu sehen, weil ich das Bild mag, er hat auch eine Bedeutung für Worpswede. Denn: Worpswede beginnt in Düsseldorf. So hat auf jeden Fall Katja Pourshirazi, Enkelin des Worpsweder Künstlers Carl Emil Uphoff (und Leiterin des Vegesacker Overbeck Museums), ihren ➱Vortrag im Worpsweder Barkenhof genannt.

Die Gründer des ➱Künstlerdorfes (wie Worpswede von nun an immer heißen wird), Maler wie Fritz Mackensen, Hans am Ende und Otto Modersohn (Bild), kamen nicht aus Bremen. Sie waren von der Düsseldorfer Akademie hierher ins Moor gekommen, der plakative Satz Worpswede beginnt in Düsseldorf stimmt schon. Auch Vogeler  hatte ja in Düsseldorf studiert. Eugen Dücker, der selbst die menschenleere Landschaft an Nord- und Ostsee bevorzugt, hat seine Schüler aus der Akademie in die freie Natur gejagt. Jetzt kommen die ersten im Teufelsmoor an.

Es ist die Zeit der Sezessionen, die Zeit der Stadtflucht, die Künstler zieht es aufs Land. Man entdeckt malerisch den einfachen Menschen, Arbeiter, Fischer, Bauern. In Worpswede trifft das wilhelminische Bürgertum auf arme Moorbauern, die nichts von dem ganzen Rummel haben werden, der um Worpswede gemacht wird. Dies Bild zeigt die Eröffnungsfeier der Nordwestdeutschen Kunstausstellung in Oldenburg im Jahre 1905. Der Großherzog von Oldenburg sitzt am vorderen Tisch in der Bildmitte. Der Herr im ➱Frack ganz rechts am Tisch des Großherzogs ist Heinrich Vogeler. Dies ist die Welt, aus der er kommt. Moorbauern sind hier nirgends zu sehen.

Die Künstlerkolonien sind schon überall in Europa erfunden, bevor Worpswede berühmt wird. In Dachau zum Beispiel malt man schon zwanzig Jahre vor den ersten Worpswedern. Mein Freund Peter, der mich seit Jahrzehnten zum Geburtstag und zu Weihnachten mit den wichtigsten Bremensien und den neuesten Werken der Kunstgeschichte bedenkt, hat mir einmal den hervorragenden Katalog Künstlerkolonien in Europa: Im Zeichen der Ebene und des Himmels geschenkt, der ein Panorama aller Künstlerkolonien bietet.

Bremer hören das nicht so gerne, dass ihre Worpsweder (hier Paula Becker-Modersohn) nicht so einzigartig sind und in den Künstlerkolonien Europas viel bessere Bilder gemalt werden. Denn so doll sind die Worpsweder im europäischen Vergleich nicht, wir haben sie nur lieb gewonnen, sie haben uns seit der Jugend begleitet. Sie sind Teil unseres Lebens, unseres Bremer kollektiven Bewusstseins, sie sind unsere Worpsweder. Man hat manchmal das Gefühl, dass sie entfernte Verwandte sind. Viele Bremer, nicht nur mein Opa, haben auch Maler aus Worpswede gekannt.

Die Worpsweder Maler sind in Bremen noch in vielen Häusern präsent. Und jede Bremer Familie hat ihren eigenen Worpsweder Maler, den sie mag. Ich weiß noch, dass ich einmal 1958 in Bremen bei Leuten zu Gast war, die äußerst fachkundig über Hans am Ende (Bild) redeten und ein Bild von ihm über dem Sofa hatten. Ich hatte den Namen damals noch nie gehört, geschweige denn ein Bild von ihm gesehen. Es gibt in den fünfziger Jahren noch keine Bücher über die einzelnen Maler, aber jeder hat Geschichten über sie zu erzählen.

Aber, wenn wir ehrlich sind, so lieb uns die Maler sind, sub specie aeternitatis betrachtet, können nur wenige wirklich gut malen. Ich hätte lieber etwas aus Ekensund oder aus Skagen (zu der Malerkolonie gibt es ➱hier einen ausführlichen Post) an der Wand als ein Bild aus Worpswede. Ich darf das sagen, ich bin mit alledem aufgewachsen. Opa kannte Fritz Overbeck (hier der Eingang der Villa am Bröcken bei Vegesack, gemalt von Hermine Overbeck-Rohte). Bei uns zu Hause hingen Worpsweder an der Wand. Ich war in beinahe jeder Worpsweder Ausstellung des letzten halben Jahrhunderts, und ich habe bestimmt einen Meter Bücher zu Worpswede im Regal. Steht jetzt alles in der zweiten Reihe, ich mag es eigentlich nicht mehr sehen. 

Denn so plakativ schön vieles ist, richtig künstlerisch entwickelt haben sich die Worpsweder auch nicht. Was sie auch wohl selbst wussten. So erschien in der Worpsweder Zeitung zur Vierzigjahrfeier der Künstlerkolonie am 11. Oktober 1924 ein satirisches Preisausschreiben, das als ersten Preis folgendes auslobte: 1. Preis: Ein original Worpsweder Motiv, bestehend aus: 1 frisch gestrichenes Strohdachhaus, 1 fleckige Kuh, 1 Paar braune Segel, 1 Dtzd. Gutgewachsene Birken, 1 Ia. Sonnenuntergang (alles vom Verschönerungs=Verein Worpswede eigens angepflanzt und sofort lieferbar). Den richtigen Lösungen des Preisausschreibens waren 20 Mark Worpsweder Notgeld beizufügen. Man muss dazu sagen, dass diese Sondernummer der Worpsweder Zeitung zum 11. Oktober eine Ulknummer war. Das Bild hier ist von dem Maler Eduard Euler (der an einem 19. August geboren und an einem 19. August starb), der mit Overbeck im Jahre 1892 nach Worpswede kam.

Satire hin und her, was da so ironisch beschrieben wird, ist eigentlich die gesamte Worpsweder Bildwelt. Viel mehr ist nicht. Das Moor zieht nicht nur den einsamen Wanderer in den Erzählungen in seinen Bann und lässt ihn nicht mehr los, es scheint auch die Worpsweder Maler nicht mehr loszulassen. Overbeck, der keine sentimentalen Gefühle für Worpswede hat (Ich bin nicht sentimental, hat er auf die Frage geantwortet, ob er das Künstlerdorf vermisse), zieht nach Vegesack. Man weiß nicht, wohin er sich entwickelt hätte, weil er plötzlich mit neununddreißig Jahren an einem Gehirnschlag stirbt.

Auch Otto Ubbelohde zieht (wie viele andere) wieder weg und entwickelt sich weiter. Modersohn zieht nach Fischerhude und flirtet mit dem Expressionismus, verändert sich aber nicht wirklich. Dafür lieben ihn erstaunlicherweise die ➱Nazis. Vielleicht sollte ich auch Ottilie Reylaender in diesem Zusammenhang erwähnen. Einstmals wie Paula Becker und Clara Westhoff Schülerin von Mackensen, danach Weltenbummlerin. Sie hatte 2013 in Worpswede in der Ausstellung Malerinnen im Aufbruch: Frauen erobern um 1900 die Kunst ein Comeback. Ich mag diesen Worpsweder Märchenmond, der um 1900 entstand.

Vogeler, der im Ersten Weltkrieg dem Kaiser einen ➱Friedensbrief schreibt, zieht in die Sowjetunion, aber was er da malt, könnte jeder begabte Werbegraphiker auch malen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass das bremische Bürgertum, das sich so kunstverständig gibt, die falschen Künstler heilig gesprochen hat, ob das nun die Heilige Paula Becker-Modersohn ist (gegen ihre malerische Tristesse darf man ja nichts sagen, weil sie dies schwere Leben hat). Oder Fritz Mackensen (hier sein Bild Die Scholle. Rilke konnte sich bei der ➱Interpretation des Bildes gar nicht mehr einkriegen), der der bereitwilligste Obrigkeitsspitzel gegen sozialistische und kommunistische Umtriebe im Dorf ist. Mackensen und der Schriftsteller Manfred Hausmann sind nicht die einzigen Nazis im Ort. Es hat lange gedauert, bis ➱Ferdinand Krogmann (Worpswede im Dritten Reich 1933 – 1945) und Arn Strohmeyer den ➱Mythos Worpswede kritisch beleuchtet haben.

Dass Fritz Mackensen, Major der Propaganda-Ersatzabteilung und von Adolf Hitler in die Gottbegnadeten-Liste der deutschen Maler aufgenommen, durchaus malen kann, ist unbestritten. Am besten finde ich das Portrait seiner Tochter Alexandra, das er um 1938 gemalt hat. Es sieht im Original noch viel besser aus als auf dieser Kunstpostkarte. 1938 hatte der Dr honoris causa Mackensen gerade eine große Worpsweder Ausstellung organisiert, in der eine jüngere, kritische Generation von Worpsweder Malern nicht zu finden war. Die auch schon vorher bei Mackensen und anderen unbeliebt waren. Die Bremer Nachrichten schreiben 1936: Dieser hohle Lärm, den abseits vom Volk, das hier eben für dumm verkauft wurde, Snobs, Halbnarren und Geschäftemacher aufführten, und der besonders auch in und um Worpswede trübe Kreise zog, ist heute rückhaltlos abgedreht worden.

Viele Bilder der Maler der zweiten Generation (wie hier das Bild von Helmuth Westhoff) sind origineller und frischer als die Bilder von der ersten Generation. Das gilt auch für Walter Müller, der Vogelers Tochter Bettina heiratet. Und vieles von Richard Sprick, Wilhelm Bartsch, Karl Krummacher oder Alfred Kollmar. Von Udo Peters ganz zu schweigen. Aber es ist das Schicksal der zweiten Generation, dass die Kunstgeschichte von ihr nicht so viel wissen will. Das beste Buch zu diesem Thema ist Bernd Küsters Kunstwerkstatt Worpswede. Es ist eine Begleitschrift zu den Ausstellungen des Landkreises Osterholz in Worpswede im Jahre 1989 (finanziert von der Deutschen Bank und Daimler Benz).

Wenn man 1924 in Worpswede eine Vierzigjahrfeier ausrichtet, verlässt man sich auf Aussagen von Mackensen, dass die Kolonie schon 1894 gegründet wurde. Andere sehen das anders, und so bringt die Deutsche Bundespost 1989 eine Sonderbriefmarke 100 Jahre Künstlerdorf Worpswede heraus, die Vogelers Bild von dem Konzert auf der Terrasse des Barkenhoffs zeigt. Die schöne 60 Pfennig Marke ist das i-Tüpfelchen eines Vermarktungsprozesses, den sich die Maler vor hundert Jahren nicht hätten vorstellen können. Worpswede ist schon zu einer Art Warenzeichen geworden, und Touristen können in Worpswede und dem benachbarten Fischerhude (die sogar einen Verlag namens Atelier im Bauernhaus haben) alle möglichen Devotionalien kaufen. Bücher, Plakate, Kunstdrucke, Reproduktionen auf Leinwand, Postkarten.

Manche Maler, wie Fritz Overbecks Frau Hermine Rothe, der hervorragende Otto Ubbelohde (der in Worpswede dies wunderbare Mädchenbild malt) oder der unterschätzte Helmuth Westhoff (der Bruder der Bildhauerin Clara Westhoff), gehen dabei ein wenig unter. Dafür vermarktet man aber auch schon Worpsweder der zweiten und dritten Generation wie zum Beispiel den kitschigen Feodor Szerbakow. Und die Norddeutsche Volkszeitung hat es auch geschafft, den Blumenthaler Willi Vogel als einen der letzten Worpsweder anzupreisen (lesen Sie ➱hier mehr).

In Vegesack hat man in dem alten Packhaus am Hafen, das nach einer Firma namens Kistentod nur KITO heißt, ein Museum für Fritz (und glücklicherweise auch für Hermine) Overbeck eingerichtet. Natürlich haben die inzwischen auch einen Museumsshop. Das Ganze wird ehrenamtlich betrieben, im Vorstand des Vereins sitzen noch Nachkommen der Overbeck Familie. Der Speicher der KITO mit den weißen Wänden und den alten Holzbalken hat ein gutes Licht für die Bilder.

Immerhin kümmert man sich jetzt um den Sohn des Direktors des Norddeutschen Lloyds und seine malende Gattin. Das sah in den fünfziger Jahren ganz anders aus, als seine Bilder und Skizzen in dem Glashaus neben der Villa am Bröcken verrotteten. Ich wollte mal Peter dafür begeistern, dass wir einen Katalog des restlichen Oeuvres machten, aber angesichts des Elends hat der nur müde abgewinkt. Ich weiß noch, dass meine Mutter jede Woche einen riesigen Topf kräftiger Suppe zu dem Fräulein Overbeck brachte, das noch in der Villa wohnte. Aber die Geschichte steht natürlich auf keiner Internetseite. Da steht eher: Nach dem Tod [von Hermine Overbeck] sicherten die Kinder den künstlerischen Nachlass von Fritz und Hermine Overbeck. Da kann man nur sagen: Truth is the daughter of time.

In den fünfziger Jahren haben Worpsweder keinen großen Marktwert. Heute vielleicht auch nicht, denn das schöne Bild von ➱Eduard Euler oben wird für nur 850 Euro verkauft, die ➱Frühlingslandschaft von Wilhelm Bartsch für 600 Euro. Selbst Fritz Overbecks Slottschün (das letzte Relikt von Gräfin Eleonores Worpsweder Bauplänen, das 1938 abgerissen wurde) war für 1.200 Euro zu haben. Wenn ich nicht schon ein paar Worpsweder an der Wand hätte, würde ich jetzt kaufen.

Es war noch vor der Währungsreform, als ich zum ersten Mal Worpswede von der Ferne sah. Ich habe diesen Augenblick, der wie ein kleiner Film in meinem Kopf gespeichert ist, in dem Post ➱Findorff beschrieben. Die erste Begegnung mit Worpswede war Kaffeetrinken aus den kleinen Kaffee HAG Tassen im Café Verrückt (Bild). Ich war sechs, und mir war hinterher schlecht. Ich weiß nicht, was die damals in den Kaffee taten. In Hoetgers seltsamem Bau bin ich noch viele Male gewesen, das gehörte bei einem Worpswede Besuch dazu, ich habe dann aber immer Tee getrunken.

Zu Worpswede gehört auch der Barkenhof, der Weyerberg und der Worpsweder Bahnhof. Der vielleicht das schönste Kunstwerk ist, das Vogeler zustande gebracht hat. Man hat den Bahnhof renoviert, zum großen Teil ist noch das originale Jugendstil Mobilar vorhanden. Die Deutsche Bahn braucht den Bahnhof nicht mehr, heute ist ein Restaurant in den Wartesälen. Bei der furchtbaren Kommerzialisierung des Ortes kann man ja froh sein, dass es kein McDonald oder Burger King geworden ist.

Die traulichen Zeiten sind dahin, da man sich von lästigen, unsympathischen Kollegen zurückziehen konnte in die erhabene Stille der Natur, in das einzige Dörfchen. Zehn Maler wandern jetzt hier herum, oh, man möchte vor Wut und Abscheu selber fortziehen. Das ist kein Zitat von heute, das schreibt Otto Modersohn 1894 an Fritz Overbeck. Sie mochten sich nicht alle, sie bilden auch keine Schule oder eine wirkliche Gemeinschaft. Auch wenn Rilke in sein Tagebuch schreibt: Eine Gemeinsamkeit, die sich gerundet hat, ist ein Heiligtum. Laßt uns unser Heiligtum hüten. Rilke muss immer übertreiben, er kann nicht anders.

Dies heute ist nicht der erste Post zu den Malern von Worpswede (und auch der Photograph Hans Saebens, von dem dieses Photo stammt, ist ➱hier schon erwähnt worden), mein Bestseller heißt ➱Heinrich Vogeler, fünfstellige Leserzahlen. Gefolgt von den Posts ➱Franz Radziwill und ➱Richard Oelze (der an Worpswede keine guten Erinnerungen hat, weil man ihn da in der Nacht verprügelt hat). Aber es gibt noch viel mehr Worpswede. Wenn Sie wollen, klicken Sie mal diese Posts an: Niedersachsenstein, Fritz Overbeck, Kunsthalle Bremen, Thomas Herbst, Albert Weisgerber, Albert Stagura, Frank Duveneck, Richard von Hagn, Magischer Realismus, Fette Henne, Kiautschou, Afrika, Schlittschuhlaufen, Rönnebeck, Manfred Hausmann, Magischer Realismus, Cato Bontjes van Beek

Dienstag, 16. August 2016

wholecut


Er hat nicht einmal einen deutschen Namen, der wholecut Schuh, aber er ist seit einigen Jahren modisch le dernier cri. Sogar bei der Firma Tyrwhitt, deren Angebot an Schuhen zurückgegangen ist, ist in den letzten Jahren immer mindestens ein wholecut im Programm gewesen. Der wahrscheinlich von der Firma Barker (oder vielleicht ➱Grenson?) gemacht wurde. Ein wholecut ist eine Variante des Schuhs, den wir Oxford nennen. Er ist aus einem einzigen Stück Leder gemacht und hat neben der Schaftkantennaht lediglich hinten eine sichtbare Fersennaht. Als der Oxford in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der englischen Herrenmode auftauchte, hatte er noch den Namen Oxonian. Ein Oxford ist ein förmlicher, kein sportlicher Schuh, geeignet für Menschen mit einem schmalen Fuß und einem nicht zu hohen Spann. Das letzte sollten Sie bedenken, wenn Sie mit dem Kauf eines wholecut liebäugeln sollten.

Natürlich hätte ich oben statt le dernier cri auch der letzte Schrei sagen können, aber ich möchte einmal eben einen Blick auf die Franzosen werfen, die immer schon wunderbare wholecuts im Angebot hatten. Würde man diesen Schuh von Aubercy wirklich dem norddeutschen Schmuddelwetter oder der Hundescheiße auf den Straßen aussetzen wollen? Beim Anblick solcher Kunstwerke habe ich das Gefühl, dass man sie nicht tragen, sondern sie zu Hause auf eine kleine Marmorsäule stellen sollte. Wenn Sie noch mehr über französische Herrenschuhe lesen wollen, dann klicken Sie hier.

If you look up the word elegant in Dictionary.com the first definition that it gives is:“Tastefully fine or luxurious in dress, style, design, etc.” To me, the whole-cut dress shoe sums this definition up to a ‘T.’ The fact that it has no stitching (apart from the heel) leaves it completely refined and flawless. Obviously not every whole-cut ever made has fit this description but when they have been made properly, with a beautiful last shape, they are second-to-none on the stunning scale!! Das kann man in einem Blog lesen, der The Shoe Snob Blog heißt.
Ich bin mir bei diesen ganzen Mode Foren und Blogs nicht so sicher, in wieweit sie nicht nur als Blog getarnte Werbung der Modeindustrie sind. Der Blog Gazzettino von Michael Jondral (übrigens ein hervorragender Blog) macht keinen Hehl daraus, aber viele dieser sogenannten Foren scheinen nur Tarnorganisationen der Modeindustrie zu sein. Der Autor des lobhudelnden Textes über die Eleganz des wholecut Schuhs macht eine eine gewisse Einschränkung bezüglich der Eleganz der Variante des Oxfords: Obviously not every whole-cut ever made has fit this description. 

In einem Mode Forum wird immer zuerst eine Frage gestellt, die aber meistens eine Scheinfrage ist. Wie zum Beispiel: Has any of you experience of a wholecut style shoe? I have pasted a Tricker's Harrow model to show an example. Do the inevitable creases after a few wears ruin the smooth and shiny look to an unwearable level? Needless to say that someone would use trees and polish, but even so creases appear where the toe bends. Any pictures of your own pair? Und schon ist Werbung für ➱Tricker's gemacht und der Stein der Diskussion ins Rollen gebracht.

Meinem alten wholecut von Stefanobi sieht man kaum noch an, dass er ein wholecut ist. Es hat ihm aber gut getan, dass, als ich ihn vom Besohlen beim Schuster Höfer abholte, Frau Dworak sagte, dass ein Qualitätsschuh auch nach Jahren noch nach einem Qualitätsschuh aussieht. Dieser Edward Green Schuh in dunkel-oliv (ja, das ist ein klein wenig pervers) ist natürlich der Höhepunkt der Eleganz. Wenn man so etwas mag. Zu solchen Schuhen sollte man wahrscheinlich lila Samtjacketts tragen.

Eigentlich ist die Sache ganz einfach: wholecut Schuhe sehen nur elegant aus, wenn sie nagelneu sind und von einem berufsmäßigen Photographen wunderbar ins Licht gesetzt wurden. Und mit dem Photoshop System so behandelt wurden, dass sie eine Farbe bekommen, die Sie zu Hause mit Schuhcreme niemals hinkriegen. Wenn sie älter sind, bekommen wholecuts Falten, die sich nicht wie bei einem Kappenschuh oder einem Derby (im Englischen auch Blucher genannt) verteilen können. Dann sehen sie so aus wie dieser Schuh. Oder schlimmer. Ich habe dieses Photo aus einem unfreiwillig komischen Blog, wo sich jemand mit all seinen Klamotten und Schuhen (und Uhren) ins Bild gesetzt hat, um der Welt zu zeigen, was wahre Eleganz ist.

Der wholecut Schuh ist nicht unbedingt neu, es gibt ihn schon im Mittelalter. Bei den Ausgrabungen von Billingsgate hat man schöne Exemplare aus dem 12. Jahrhundert gefunden. Diese Schuhe sind einige Jahrhunderte jünger. Man kann so etwas in England kaufen, es gibt da offensichtlich einen Markt für solche Dinge. Wahrscheinlich trägt man so etwas, wenn man mit einem Krug Met in der Hand in Stonehenge auf die Mondfinsternis wartet, um mit den Wölfen zu heulen.

Seinen ersten großen Auftritt hat der wholecut in den dreißiger Jahren. So schreibt zum Beispiel ➱The Producer im Jahre 1936: A striking shoe fashion, new this season, is the whole-cut Oxford shoe, of black glace, with a Littleway square heel and five eyelets, bringing the vamp well over the foot. Dieses Modell hier ist aus dem Jahre 1934, ein Lackschuh für ➱Dinner Jacket und ➱Frack. Ich bitte Sie, die seidenen Schnürbänder und die wunderbare Schleife zu beachten. Und ähnlich sieht auch Debrett's die Verwendung für den wholecut, wenn von der Ausstattung für den Frack die Rede ist: white bow tie (usually marcella), white evening waistcoat (again usually marcella), black 'whole-cut' patent shoes with black ribbon laces, and black silk socks. Man kann in solchen Schuhen wahrscheinlich in Bayreuth in der Oper sitzen und sich diesen neuen Parzifal angucken, aber kann man auch mit ihnen tanzen? Ich habe da meine Bedenken.

Die meisten englischen Qualitätsfirmen (sogar die etwas langweiligen Tricker's) haben einen wholecut im Programm. Hier ein Modell von ➱Alfred Sargent, das wie mein alter Stefanobi aussieht und mit dem Schuh von Aubercy im zweiten Absatz wenig Verwandtschaft hat. Sehr wenig.

Allerdings kann Alfred Sargent auch sehr, sehr elegante wholecuts machen, wenn wir uns mal eben dies Modell anschauen (es findet sich schon in dem Post ➱Wedding Night). Es ist eine seltsame Sache mit den ➱Engländern: sie können es genau so gut wie die Franzosen, Portugiesen, Italiener oder Spanier, aber sie machen es ungern. Pferdelederschuhe sind wie wholecuts auch so eine Sache, die die englischen Hersteller nicht unbedingt mögen.

Die werden in großem Stil auf einer anderen Insel hergestellt: Mallorca. Die Firma Carmina wirbt damit, der größte Hersteller von Cordovan Schuhen in Europa zu sein. Dieser hier kostet 690€. Neben der Firma Carmina von José Albaladejo gibt es auf Mallorca noch die Firma Meermin, die etwas preisgünstiger ist (und dass Herr ➱Kuckelkorn sich in Mallorca seine Schuhe machen lässt, sollte nicht unerwähnt bleiben). Die Spanier sind (wenn man an Marken wie Lotusse und andere denkt) im Bereich des preiswerten Qualitätschuhs zu einer Großmacht in Europa geworden. Auch der deutsche Internethändler Shoepassion, der für 239 Euro einen wholecut anbietet, bezieht seine Schuhe aus Spanien. Von der Firma Cordwainer, man kann eine Besprechung der Qualität der Shoepassion von jemandem, der sich Paul Prüfer nennt, hier lesen. Aber das Ganze ist wahrscheinlich auch nur gekaufte Werbung.

Wenn die Engländer nach einem möglichen Brexit (über den ja keine Volksabstimmung sondern das Parlament entscheidet) den Zugang zum europäischen Binnenmarkt verlieren, wird die englische Schuhindustrie es schwer haben. Weil die Spanier und ➱Portugiesen all das können, was die Engländer können. Zumal es ja nicht unbekannt ist, dass englische Luxusfirmen auch schon einmal Lohnarbeit nach Portugal und Spanien vergeben haben. Und der Carmina wholecut aus dem Absatz oben sieht auch viel besser aus als dieses biedere Modell von Tricker's.

Sie werden das schon gemerkt haben, dass ich nicht unbedingt ein Fan des wholecut Schuhs bin, eigentlich braucht man ihn nicht wirklich. Vor allem, wenn er nach kurzer Zeit so aussieht wie dieser Schuh von ➱Oliver Sweeney. Ich habe mir vor Jahren einen wholecut bei Tyrwhitt gekauft, der geradezu absurd im Preis gefallen war. Das tun die Artikel bei Tyrwhitt ja immer, allerdings nicht so stark wie dieser Schuh. Ich schaute einmal routinemäßig in das Forum Ask Andy about Clothes hinein, fand dort den Satz and the wholecut in particular develops more creases than an elephant und wusste, dass ich den Schuh kaufen konnte. In diesen Foren wird nur gelogen. Mein dunkelbrauner Tyrwhitt wholecut sieht nach sechs Jahren immer noch hervorragend aus.

Ich habe mir etwas Hübsches für den Schluss aufbewahrt. Das ist kein fullbrogue, das ist ein wholecut mit aufgestepptem Muster. In einer wunderbaren Farbe. Ich konnte bei diesem Modell dem Kauf nicht widerstehen. Weil der Schuh mich an die Kurzgeschichte The story of Cedric erinnerte. Ich habe das ➱hier schon einmal zitiert, aber ich zitiere es gerne noch einmal:

Das schönste Beispiel für Schuhetikette findet sich bei dem unübertroffenen Meister des englischen Humors ➱P.G. Wodehouse. In der Kurzgeschichte The story of Cedric trifft der eleganteste Mann Londons (sprich: der Welt) eines Morgens im Hyde Park die junge Lady Chloe und seinen Freund Claude. Der ist auf dem Weg zu einer Hochzeit, elegant gekleidet im ➱Morning Coat. Allerdings die Schuhe! Lady Chloe bekommt beinahe einen Herzinfarkt. Gelbe Schuhe. The foot-joy! The banana specials! The yellow perils! Der junge Claude sagt naiv: Don't you like them? I thought they were rather natty. Just what the rig-out needed, in my opinion, a touch of colour. It seemed to me to help the composition. Mit einem Augenaufschlag, dem kein Mann widerstehen kann (ich weiß nicht, wo Frauen das lernen, aber es funktioniert ja immer) bittet Lady Chloe unseren Cedric, mit seinem jungen Freund die Schuhe zu tauschen. Als die beiden fort sind, merkt der eleganteste Mann Londons, dass er jetzt ein kleines Problem hat. Er steht in einem eleganten Morning Coat mit gelben Schuhen (!) im Hyde Park. Über den weiteren Gang der Geschichte sei hier nichts verraten, man kann es in der Sammlung Mr Mulliner Speaking aus dem Jahre 1929 nachlesen. Die Heiligen Crispin und Crispinian mögen verhüten, dass wir je in eine solche Lage kommen.

Ein gelber Schuh zum Cutaway ist natürlich immer noch besser, als wenn der Bräutigam zur Hochzeit so erscheinen würde wie auf diesem Cartoon von ➱Ronald Searle: