Sonntag, 23. August 2026

achtzig


Heute wird das Bundesland Schleswig-Holstein achtzig Jahre alt. Weil die englische Militärregierung das in ihrer Verordnung Nr. 46Auflösung der Provinzen des ehemaligen Landes Preußen in der Britischen Zone und ihre Neubildung als selbständige Länder vom 23. August 1946 so beschlossen hatte. Eine Million Flüchtlinge werden in das Land kommen, in dem im Jahr zuvor noch Hitlers Nachfolger Admiral Dönitz mit seinem Flensburger Kabinett für drei Wochen Deutschland regiert hatte. Da wo am 7. Mai 1945 Lutz Graf Schwerin von Krosigk über den Reichssender Flensburg die Kapitulation Deutschlands verkündet hatte.

Seit 1844 gibt es für das Land Schleswig-Holstein eine Hymne, die Wanke nicht, mein Vaterland heißt:

Schleswig-Holstein, meerumschlungen,
Deutscher Sitte hohe Wacht.
Wahre treu, was schwer errrungen,
Bis ein schön’rer Morgen tagt!
Schleswig-Holstein, stammverwandt,
Wanke nicht mein Vaterland

Allerdings gab es 1844 noch gar kein Land Schleswig-Holstein, es gab lediglich die Schleswig-Holsteinische Frage. Lord Palmerston soll gesagt haben: Only three people...have ever really understood the Schleswig-Holstein business—the Prince Consort, who is dead—a German professor, who has gone mad—and I, who have forgotten all about it. Erst nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 wurden die beiden Herzogtümer nach der Schlacht von Düppel preußisch. Damals dichtete Emanuel Geibel:

Bei Düppel dort am Meere, vor Alsen am Sund,
Da rangen die Heere auf blutgetränktem Grund;
Da galt's, auf die Schanzen im Siegessturmgewog'
Den Adler zu pflanzen anstatt des Danebrog.


Die letzte Grenzziehung fand 1920 mit einer Volksabstimmung statt, mit der Nordschleswig dänisch wurde und Südschleswig weiterhin zu Deutschland gehörte. Dafür ist der Andy (hier auf dem Photo rechts neben mir), der für die Grünen in der Gemeindevertretung von in Harrislee sitzt, bestimmt dankbar. Aber auch nach 1920 gab es noch Teile des Landes, die nicht dazu gehörten. Wie zum Beispiel das oldenburgische Fürstentum Lübeck, das wurde erst 1937 mit dem Groß-Hamburg-Gesetz als Kreis Eutin der neunzehnte Landkreis der preußischen Provinz.

Desse vorben land laven wy na alle unseme vormoge holden an gudeme vrede, unde dat se bliven ewich tosamende ungedelt, ist ein Satz, der 1460 im Vertrag von Ripen stand. Was hatte der König mit dem Versprechen gemeint? Die ältere Forschung sagt uns, dass der König verspricht, dass die beiden Gebiete für immer ungeteilt zusammenbleiben sollen. Neuere Untersuchungen gehen allerdings dahin, dass der König nur zusagt, den inneren Frieden in Schleswig und Holstein zu wahren. Aber wie es mit dem Halten von Verträgen und mit dem Frieden so geht, der Vertrag des dänischen Königs mit der Ritterschaft war schon bald Makulatur. Zum fünfhundertsten Jahrestag des Vertrags von Ripen hat die Schleswig-Holsteinische Ritterschaft (so etwas gibt es noch) eine Festschrift herausgebracht.

Der Arzt August Wilhelm Neuber aus Apenrade (Åbenrå ) holte den Satz Op ewig ungedeelt 1841 aus der Müllhalde der Geschichte wieder heraus: 

Sie sollen es nicht haben
Das heil’ge Land der Schlei!
Sie sollen es nicht haben
Das Land so stolz und frei.
Der Herzog hat’s geschrieben,
Den sich das Volk erwählt:
'Se schölln tosammen blieben
Op ewig ungedeelt!'

Dieses Op ewig ungedeelt wird jetzt zu einem Kampfbegriff für jene, die aus dem Flickenteppich von königlichen und herzoglichen Gebieten, Grafschaften, freien Hansestädten und Bistümern ein zusammenhängendes Land machen wollen. Die in dem Ripener Vertrag die Geburtsstunde des Landes Schleswig-Holstein sehen. Die Holsteinische Ständeversammlung wird das Schlagwort 1844 (in dem Jahr, in dem das Schleswig-Holstein Lied entstand) verwenden. In der Schleswig-Holsteinischen Erhebung von 1848 wird es immer wieder gebraucht, man will es sogar bei Düppel auf Fahnen gesehen haben. Und bei der Volksabstimmung von 1920 tauchte der Satz auch wieder auf. Seit den Bonn-Kopenhagener Erklärungen scheinen die Probleme der Minderheiten nördlich und südlich der Krausau ein Ende gefunden zu haben.

Heute wird also gefeiert, vielleicht singt der Ministerpräsident das Schleswig-Holstein Lied (ich kann das hier von ✺Heino anbieten). Ist auf jeden Fall besser als die wunderschöne Layla, was er vor Jahren auf der Kieler Woche gesungen hat. Diese Werbebotschaft echt achtzig hat das Wappen des Landes etwas abgemagert, postmodern, neumodisch. Theodor Storm hatte für das Wappen des Landes noch ein patriotisches Gedicht übrig

Das Banner hoch! die weiße Nessel!
Und hoch das blaue Löwenpaar!
Sie sind des Hauses heilig Zeichen
Und unverletzlich immerdar.

Und wo wir festlich uns vereinen,
Die blauen Löwen halten Wacht;
Zu Kränzen winden wir die Nessel
In unsrer Buchen Blätterpracht.

Doch tret getrost auf unsre Schwelle,
Wer uns vertraut und wer getreu;
Nicht brennen wird die weiße Nessel
Und brüllen nicht der blaue Leu.

Das Banner hoch! das Sonnenleuchten
In seine freien Schwingen fällt;
Und daß es rauschend sich entfalte
Und sichtbarlich vor aller Welt.

Vereinigt noch durch manch Jahrhundert
Soll das Geschwisterwappen wehn —
Das Banner hoch! damit wir fühlen,
Daß wir auf eigner Erde stehn.

Wir brauchen keine zwei Löwen mehr, die ein Symbol für die beiden Landesteile waren. Jetzt reicht einer, hier oben wird jetzt alles neu, weil wir jetzt der einzige echte Norden sind. Meike Winnemuth (die schon in dem Post Damenmode vorkommt) fand das in ihrer Kolumne im Stern ziemlich absurd: Letztes Jahr hat mein Heimatbundesland Schleswig-Holstein seinen Slogan von 'Land der Horizonte' zu 'Der echte Norden' geändert. Ich habe kurz gezuckt: Es klang etwas füßchenstampfend, fand ich, blödsinnig rechthaberisch – und ist zudem problemlos von jedem Skandinavier zu widerlegen, der bei Harrislee über die Grenze fährt und dabei das blitzblanke neue Schild passiert. Der echte Norden? Im Unterschied zum falschen Norden, aus dem er gerade kommt?

Den Slogan hat sich eine Werbeagentur namens Boy ausgedacht, er hat das Land mehrere hunderttausend Mark gekostet. Diese Werbeagentur ist mit der Kieler SPD eng verbandelt. Sie macht alles für die SPD. Und die SPD macht auch alles für die Agentur Boy. Der damalige Ministerpräsident Albig hat extra seine Frau verlassen und lebt jetzt mit der Agenturgründerin Frau Bärbel Boy zusammen. Irgendwie hat die ganze Chose ein Gschmäckle. Das Kieler Stadtwappen von 1901 gefiel dem Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) auch nicht mehr, es musste etwas Neues her. Ulf Kämpfer wollte auch, dass Kiel in die Mitte der Stadt einen neuen Kiel Kanal bekommt. Diese kleine Pissrinne soll die Touristen anziehen und Kiel zu einem Venedig des Nordens machen. Ulf Kämpfer ist übrigens der Nachfolger von Frau Gaschke, die über den armen singenden (und Steuern hinterziehenden) Augenarzt stolperte. Kämpfer ist nicht mehr im Amt, er möchte jetzt Ministerpräsident werden.

Schleswig-Holstein war mal im Glücksatlas auf dem ersten Platz, ist aber auf Platz fünf abgerutscht. Aber nach dem norddeutschen Städte Ranking leben die glücklichsten Menschen in Kiel. Was ich nicht so ganz glauben kann, wenn ich an die Vielzahl der Baustellen in der Stadt denke. Ich lebe jetzt seit sechzig Jahren in dem Land, aber ich fühle mich immer noch als Bremer, der hier zu Besuch ist. Bin aber nicht unglücklich. Bin noch im Kontakt mit vielen Bremern. Letztes Jahr Weihnachten hat mir Wolfgang Butt selbstgebackenen Bremer Klaben mitgebracht. 



Donnerstag, 20. August 2026

Wüstlinge


Heute vor 325 Jahren ist Sir Charles Sedley gestorben. Von seiner Dichtung, über die der eglische König einmal sagte Nature had given him a patent to be Apollo's viceroy, ist wenig übrig geblieben. Außer dem immer wieder zitierten Gedicht Phyllis is my only joy, das ich heute auch gerne zitiere, weil es so witzig ist (und ich habe es hier auch noch von den King's Singers gesungen):

                  Phyllis is my only joy,
            Faithless as the winds or seas;
        Sometimes coming, sometimes coy,
             Yet she never fails to please;
                    If with a frown
                   I am cast down,
                   Phyllis smiling,
                    And beguiling,
            Makes me happier than before.

              Though, alas! too late I find
               Nothing can her fancy fix,
              Yet the moment she is kind
               I forgive her all her tricks;
                    Which, though I see,
                       I can't get free;
                       She deceiving,
                         I believing;
         What need lovers wish for more?

Was von Sir Charles, dem fünften Baronet, geblieben ist, ist sein schlechter Ruf, den er sich als Freund von Lord Rochester und Mitglied der Merry Gang erworben hat. Lord Rochester, über den Graham Greene eine Biographie schrieb (Lord Rochesters Affe: Das ausschweifende Leben des genialen Trunkenbolds und Hurenhaus-Poeten), wird hier schon in den Posts der schnellste Weg zur Hölle und Observatorium erwähnt. Wir sind in der Zeit von Charles II, über den sein Freund Rochester dichtete: Restless he rolls about from whore to whore, a Merrie Monarch, scandalous and poor. Wenn Sie den Post the finest Woman of her Age lesen, wissen Sie eine Menge über diese Zeit.

Von den vielen Untaten, die die adligen Wüstlinge der Merry Gang mit besoffenem Kopp begehen, fällt das heraus, was Sir Charles Seedley im Jahre 1663 auf dem Balkon der Kneipe der Oxford Kate in der Bow Streeet inszeniert, splitternackt und hackevoll: showed his nakedness -- acting all the postures of lust and buggery that could be imagined, and abusing of scripture and, as it were, from thence preaching a Mountebanke sermon from that pulpitt, saying that there he hath to sell such a pouder as should make all the cunts in town run after him, -- a thousand people standing underneath to see and hear him. And that being done, he took a glass of wine and washed his prick in it and then drank it off. So können wir es im Tagebuch von Samuel Pepys lesen, der für diese Zeit der beste Zeuge für das Leben in London ist.  

Pepys ist auch bei der Gerichtsverhandlung dabei, die auf diese Orgy folgen wird: It seems my Lord and the rest of the judges did all of them round give him a most high reproof; my Lord Chief justice saying, that it was for him, and such wicked wretches as he was, that God’s anger and judgments hung over us, calling him sirrah many times. It’s said they have bound him to his good behaviour (there being no law against him for it) in 5000 £. It being told that my Lord Buckhurst was there, my Lord asked whether it was that Buckhurst that was lately tried for robbery; and when answered Yes, he asked whether he had so soon forgot his deliverance at that time, and that it would have more become him to have been at his prayers begging God’s forgiveness, than now running into such courses again. Fünftausend Pfund Sterling sind 1663 eine Menge Geld, aber noch schlimmer ist es für Sir Charles, dass ihn der Lord Chief Justice nicht mit Sir sondern mehrfach mit sirrah anredet. Das ist ein herabsetzendes Wort (es kommt schon bei Shakespeare vor), das man als Anrede für die underlings benutzt.

Unser Wüstling Sedley ist noch wegen einer anderen Sache berühmt. Der Kronprinz James hatte sich Sedleys Tochter Catherine (hier von Sir Peter Lely gemalt) als Maitresse genommen, worüber die sich sehr gewundert hatte: It cannot be my beauty for he must see I have none. And it cannot be my wit, for he has not enough to know that I have any. Sie hat eine scharfe Zunge. James gab seiner Maitresse den Titel einer Countess of Dorchester. Die Schmach, dass seine Tochter zur Maitresse des Kronprinzen wurde, hat Sir Charles sehr verletzt. Und er soll gesagt haben: As the king has made my daughter a countess, the least I can do, in common gratitude, is to assist in making his Majesty's daughter a queen. Das wäre nun wirklich sehr witzig, wenn Sir Charles zur Glorious Revolution beigetragen hätte, die James' Tochter Mary zur Königin von England machte. Aber er hatte keinen großen Anteil daran, und so bleibt dieser Satz wohl nur eine geistreiche Erfindung.

Samstag, 15. August 2026

der Bremer Roland

Hier hat der bretonische Graf Roland, bedrängt von den Sarazenen, sein Signalhorn Oliphant ergriffen, um Hilfe herbei zu rufen. So sieht die Schlacht von Roncesvalles am 15. August 778 auf dem Gemälde von Louis-Félix Guesnet aus. In der Wirklichkeit hat es wohl nicht so ausgesehen wie auf diesem Gemälde, das 1.200 Jahre später entstand. Den Grafen Hruotland, den wir heute Roland nennen, den hat es gegeben. Das Horn Oliphant allerdings nicht. Und die Sarazenen sind keine Sarazenen, das sind christliche Basken, die sich dafür rächen wollen, dass Karl der Große auf seinem Spanienfeldzug ihre Stadt Pamplona vernichtet hat.

In Urkunden taucht der sagenhafte Roland eigentlich nur einmal auf, nämlich in der Vita Karoli Magni des fränkischen Abtes EinhardEs kam den Basken bei dieser Tat die leichte Bewaffnung und die Lage des Schlachtfeldes zustatten. Die Franken waren durch die Schwere ihrer Waffen und die ungünstige Örtlichkeit in allem gegen die Basken im Nachteil. In diesem Treffen wurden Eghart, des Königs Truchsess, der Pfalzgraf Anselm und Rodland (Roland), der Heerführer des bretannischen Grenzbezirks, nebst anderen getötet. 

Das sind die kärglichen Fakten, was bleibet aber stiften die Dichter, wie Hölderlin sagt. Alles, was wir über das Horn Oliphant, das Schwert Durendart, Rolands besten Freund Olivier und seine Verlobte Alde wissen, das wissen wir aus dem Rolandslied. Benutzen Sie bitte niemals Googles KI bei der Suche nach Rolands Verlobter Alde. Da bekommen Sie das Ergebnis: Ulrike Roland war die Verlobte des deutschen Serienmörders Arwed Imiela, dem sogenannten 'Blaubart von Fehmarn'. Zum Rolandslied habe ich hier eine sehr gute Seite; und aus dem chanson de geste habe ich schon einmal etwas vom Tod Rolands in dem Post La douce France zitiert. Und noch mehr zu diesem heldenhaften Roland stand hier schon vor zwölf Jahren am zwölfhundertsten Todestag von Charlemagne im Blog. Ich stelle den Text, der ein Kapitel aus meiner Autobiographie Bremensien war, einfach noch einmal ein.

Roland mit de spitzen Knee, segg maal, deit di dat nich weh, war unsere Bremer Version des Rolandliedes. Weil wir ja in Bremen einen Roland haben und schon in der Volksschule alles über diesen treuen Paladin und angeblichen Neffen von Karl dem Großen lernten. Wie er in der Schlacht von Roncevalles vergeblich in sein Horn Oliphant blies, damit Karl ihn hören könne. Und zurückkäme, um seine Nachhut zu retten. Das Bild hier zeigt Karl den Großen, wie er seinem Grafen Roland das Horn und das Schwert Durendart übergibt. Es stammt aus der Weltchronik des Rudolf von Ems, die ein Rolandslied enthält, geschrieben von einem unbekannten Autor, dem man den Namen Der Stricker gegeben hat. Die oben zitierten  plattdeutschen Knittelverse bestehen natürlich nicht nur aus zwei Zeilen. Vollständig heißt es: Roland mit dat kruse Haar, Wat he kickt so sunnerbar! Roland mit den Wapenrock Steiht so stief as wi een Stock. Roland mit de spitzen Knee, Segg maal, deit di dat nich weh.

Und dann gibt es da noch - bevor ich zum eigentlichen Rolandslied kommen kann - das Gedicht Roland, der Ries', am Rathaus zu Bremen von Friedrich Rückert, was angeblich ein Lied gegen Napoleon ist. Die Zeilen Wollten ihm Welsche Nehmen die Wacht und Wollten ihn Welsche Werfen in Nacht sollen sich dagegen richten, dass die Franzosen den Roland zerstückeln wollten. Rückert (der auch glaubte, dass Roland an langer Lanz lehnet) muss da etwas falsch verstanden haben: es sind nicht die Franzosen, die den Roland zerlegen und mit seinen Steinen den Marktplatz pflastern wollen. Es sind die Bremer Stadtplaner gewesen. Stadtplaner und Architekten sind ja für Städte ebenso verderblich wie Krieg und Bomben. Nach der lokalen Geschichtsklitterung soll eine Eingabe des amtierenden Maire von Bremen Dr Wilhelm Ernst Wichelhausen die Zerstückelung der Statue verhindert haben. Weil er kurzerhand Roland zu einem Heiligen machte: A l'exception d'une ancienne statue colossale sur notre marché représentant saint Roland, patron de la ville de Brème, qui est sans la moindre valeur esthetique il n'existe pas même un monument public digne d'etre mentionné. Und gegen Heilige können die Franzosen ja nichts sagen.

Geht's noch? Was sollten Napoleon irgendwelche Heilige interessieren? Die Eingabe von Wichelhausen, Sohn eines Weingroßhändlers (also aus der Aristokratie Bremens) und Professor am Gymnasium illustre, bezieht sich auf einen ganz anderen Vorgang. Eine Anfrage der Franzosen aus dem Jahre 1811 nach eventuellen Kunstschätzen, die man abtransportieren könne. Da schreibt er, dieser Roland sei ja nur sans la moindre valeur esthetique, das lohne den teuren Transport nicht. Und er hat eigentlich gar nichts gegen die neuen Pläne zur Neugestaltung des Marktplatzes, die unter anderem der Architekt Jacob Ephraim Polzin vorgelegt hat. 

Doch Paris stoppt den Abriss des Roland. Hat ein Bürokrat gesehen, dass da mit Karls treuestem Paladin, dem Markgrafen der bretonischen Mark, ein kleiner französischer Nationalheiliger auf dem Bremer Marktplatz steht? Der französische ingénieur en chef des Département des Bouches du Weser legt Widerspruch gegen seine eigene Regierung ein und verteidigt den geplanten Abriss des Rolands noch im Jahre 1813. Jacob Ephraim Polzin darf den Marktplatz nicht mit dem Elmkalkstein und dem Obernkirchener Sandstein (den auch Bremer Stein nennt) pflastern, aus dem der Roland besteht. Aber er darf diese Bibliothek am Domshof (im oberen Absatz) bauen. Und später unsere Kirche in Vegesack, eine der wenigen klassizistischen Kirchen, die nicht von Schinkel gebaut wurde.

Der Roland bleibt stehen, wo er steht. Kurz danach sind Tettenborns Kosaken in Bremen, und der Roland wird zu einem Freiheitssymbol, sozusagen zu Bremens Freiheitsstatue. Ein halbes Jahrhundert lang feiert man den 5. November als Tag der wiedererstandenen Freiheit und schmückt die Statue mit Blumen. Heute hängt man dem steinernen Weltkulturerbe zur Zeit des Freimarkts ein Lebkuchenherz um, auf dem Ischa Freimaak! steht. Ischa auch scheun. Er hat ein stilles Lächeln auf dem Gesicht, er nimmt alles ungerührt hin. Auch damals, als vor seinen Augen die Bremer Straßenbahnunruhen tobten. Und an den Tagen, an denen Werder Bremer Deutscher Meister wurde (das  kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen), soll er auch - Wat he kickt so sunnerbar! - sein Gesicht nicht verzogen haben.

Wir sind in Bremen nicht die einzigen, die einen Roland haben. Es gibt solche Statuen in mehreren Orten in Deutschland. Zum Beispiel in Bederkesa oder der hier in Bad Bramstedt, dieser Roland ist wahrscheinlich der nördlichste Roland. Es ist ein weiter Weg vom Tal von Roncevalles bis nach Bad Bramstedt. Der Roland von Bad Bramstedt ist auch schon alt, seit 1693 steht er da, vorher gab es hölzerne Rolande. Die hat es in Bremen auch gegeben, bevor man 1404 den steinernen Roland meißeln ließ. In einem Rechnungsbuch von 1405 kann man lesen: do na ghodes bord weren ghaen MCCCC und IIII ja, let dr rad to Bremen buwen Rolande von stene. Die Kosten wurden mit hundert unde seventich Bremer mark beziffert. Die Statue ist, bis auf die in den Jahrhunderten wechselnde Bemalung, beinahe noch original geblieben.

Nur den echten Kopf hat er nicht mehr, das Original ist heute im Bremer Focke Museum zu besichtigen. In Bremen hält sich hartnäckig das Gerücht, dass das Landesamt für Denkmalpflege noch einen zweiten Roland in Reserve hat, aber das ist nicht wahr. Rembrandts →Nachtwache hatte man im Zweiten Weltkrieg zusammengerollt und in den Dünen bei Castricum versteckt, später unter der Erde im →Sint Pietersberg bei Maastricht. Der Bremer Roland wurde nicht abgebaut. Zuerst bekam er eine Holzverschalung, die danach zusätzlich mit Klinkern umgeben wurde. So hat er den Krieg unbeschadet überstanden. Besser als der Rest von Bremen.

Auf einer Tafel am Fuße des Rolands in Bad Bramstedt ist zu lesen: Symbol der Handelsgerechtsame im Ochsenhandel. Unser Bremer Roland hat natürlich nichts mit dem Ochsenhandel zu tun, er steht für die Freiheit der Stadt. Angeblich von Karl der Stadt verliehen: vryheit do ik ju openbar / d’ karl vnd mēnich vorst vorwar / desser stede ghegheuen hat. Steht drauf, muss wahr sein. Deshalb trägt Roland auf seinem Schild auch den Reichsadler, das Recht dazu verdankt Bremen einer gefälschten mittelalterlichen Urkunde. Manchmal wird die Symbolik auch etwas verändert wie auf diesem Photo. Da ist mir allerdings das Lebkuchenherz mit Ischa Freimaak! lieber.

Karl gilt auch als Gründer von Bremen, weil er seine Missionare wie Willehad, der der erste Bischof von Bremen wird, zu den heidnischen Sachsen geschickt hatte. Er soll das Christentum nach Wigmodia (die Gegend zwischen Weser und Elbe) bringen. Das ist das Friedlichste, was Karl anordnet, normalerweise kommt er ja mit einem Heer und schlägt die Sachsen. Oder veranstaltet das Blutgericht von Verden. Wenn man heute Karl den Großen als ersten Europäer feiert, dann muss man auch sehen, dass dieses Europa mit Blut erkauft wurde. Willehad ist ein Engländer gewesen, weshalb die Bremer bis heute diese Anglomanie haben. Ja gut, ich weiß, dass es England noch gar nicht gibt, aber er kommt wirklich aus Northhumbria. Wie sein Freund Alcuin, der der wichtigste kulturpolitische Berater Karls gewesen ist (und den Krieg gegen die Sachsen verabscheute). Man nannte ihn den gebildetsten Mann Europas, er war sicher der Baumeister der Karolingischen Renaissance. Hätte Karl ihn nicht gehabt, würden wir heute nicht von einem Pater Europae, sondern von einem fränkischen Barbaren sprechen.

Oben sind die Karl und Willehad auf einem Gemälde (vermutlich von Bartholomäus Bruyn) aus dem 17. Jahrhundert zu sehen, das das Bremer Rathaus schmückt. Die Sache mit dem ersten Bischof ist etwas umstritten, die Stiftungsurkunde des Bistums von 788 ist auf jeden Fall eine Fälschung aus späterer Zeit. In Bremen, wie immer es damals ausgesehen haben mag, ist der Frankenkaiser selbst nie gewesen. Da ist er nur auf dem Gemälde im Rathaus zu sehen und wie hier (wieder mit Willehad, der einst Widukind taufte) im Bremer Dom.

Und es gibt noch ein kleines Denkmal für Karl, errichtet von dem Marschendichter Hermann Allmers hinterm Deich in Rechtenfleth. Angeblich ist Karl dort mit seinem Heer über die Weser gekommen, was wie alle Geschichten, die sich um ihn ranken, natürlich auch nicht stimmt. Und das ist das Problem mit all den schönen Geschichten, die sich um Karl den Großen und um den Grafen Roland ranken: die meisten halten der genauen Überprüfung nicht stand. Im Heimatkundeunterricht war das alles so schön eindeutig:

Als Kaiser Karl die Bremer zu Christen machen wollte, gab er ihnen auch das Recht Markt und Gericht zu halten. Zum Zeichen dafür stellten sie ein steinernes Ritterbild auf den Markplatz, Roland genannt. Roland war ein treuer Begleiter seines Kaisers. Eines Tages zog der Kaiser mit seinen Soldaten in den Krieg gegen Spanien. Auf dem Rückweg teilte er das Heer in zwei Gruppen. Roland führte die Nachhut. Im Gebirge wurden sie von den Spaniern überfallen. Roland blies in sein Horn, um den Kaiser zu Hilfe zu rufen. Aber er blies so stark, daß seine Halsschlagader platzte. Als Karl mit seinen Soldaten zurückkam, war Roland schon tot. So steht es im Heimatkundeheft des achtjährigen Jay, sorgfältig vom Verfasser mit Buntstift koloriert. Das nächste Kapitel dieses kleinen Historienbuches heißt Gräfin Emma und der Krüppel, dieser Krüppel ist angeblich zu Füßen des Rolands zu sehen. Aber das ist eine andere Geschichte. Sie ist wahrscheinlich auch nicht wahr. In der Schule hat man Wahrheiten, später hat man nur noch Zweifel.

Das Horn Oliphant (ein Wort, das von Elephant kommt, weil es aus Elfenbein ist) kommt in der Geschichte in meinem Heimatkundeheft nicht vor. Die Sache mit der Halsschlagader findet sich nicht in allen Quellen, nach anderen Darstellungen zerstört Roland vor seinem Tod (Sie können hier von einem Blogger namens Dikigoros eine etwas schräge, aber hochinteressante Seite dazu lesen) Horn und Schwert. In einer anderen Darstellung erschlägt er im Sterben noch einen Sarazenen mit seinem Horn. Im altfranzösischen Rolandslied (hier im Volltext mit englischer Übersetzung) kommt das Wunderhorn, das man so weit hören konnte, natürlich vor:

Cumpainz Rollant l'olifan car sunez:
Si l'orrat Carles, ferat l'ost returner, 
Succurrat nos li reis od tut sun barnet.» 
Respont Rollant: «Ne placet Damnedeu 
Que mi parent pur mei seient blasmet 
Ne France dulce ja cheet en viltet!

Einz i ferrai de Durendal asez, 
Ma bone espee que ai ceint al costet: 
Tut en verrez le brant ensanglentet. 
Felun paien mar i sunt asemblez: 
Jo vos plevis, tuz sunt a mort livrez.


Wenn er jetzt das Horn blasen würde, hätte Karl ihn hören können (eine englische Übersetzung dieser Stelle finden Sie unter lxxxv. Aber das will Roland nicht, er will nicht in der Heimat als Feigling erscheinen, er will die Heiden sein Schwert Durendart kosten lassen. Heldentum und Nachruhm werden durch den Verzicht auf die Vernunft erkauft. Ritter wollen den Untergang, den dramatisch inszenierten Tod. Das können die Dichter auch besser verkaufen, vom Chanson de Roland bis zu Marion Zimmer Bradley. Bei einem Chronisten wie Einhard ist das alles nicht so spektakulär.

Da waren die Franken in das Tal hineingeritten, nichtahnend, dass die Basken (die sich Karl durch die Plünderung von Pamplona zu Feinden gemacht hatte) nur auf sie warten. Die haben das Hauptheer passieren lassen und stürzen sich jetzt auf den langsamen Tross und die Nachhut, drängen sie in die Tiefe des Tals und metzeln sie dann Mann für Mann nieder. Plündern den Tross und machen sich im Schutze der Nacht davon. Tausend Jahre später wird hier wieder eine Schlacht geschlagen, aber da sind die Gegner der Franzosen keine Sarazenen oder Basken, da sind es die Engländer unter dem Marquess of Wellington (hier im Bild).

Die Basken haben gegen Roland und sein Heer den Vorteil, dass sie die Gegend kennen und keine schweren Rüstungen tragen wie die Franken, die mit ihrer Reiterei auf diesem Grund und Boden geradezu unbeweglich sind. Des Königs Seneschall Eggihard, der Pfalzgraf Anshelm und Roland, Markgraf der Bretagne, werden mit vielen anderen fallen. Und man kann diese Schmach nicht einmal rächen, weil der Feind so schnell nach der Tat verschwunden war und es nicht den kleinsten Hinweis gab, wo sie seien: Neque hoc factum ad praesens vindicari poterat, quia hostis re perpetrata ita a dispersus est, ut ne fama quidem remaneret, ubinam gentium quaeri potuisset. So steht es bei Einhard in seiner Vita Karoli Magni, einer der Quellen für das Ereignis. Sparsam und nüchtern, alle Personen, die das Rolandslied bevölkern, fehlen hier. Lediglich eine Erwähnung des Hruodlandus Brittannici limitis praefectus. Wo ist der streitbare Bischof Turpin geblieben? Wo ist sein treuer Freund Olivier, der Roland drängte, das Horn zu blasen? Wo ist das Horn Oliphant? Das alles kommt - wie eingangs gesagt - später, wenn die Dichter die Geschichte erzählen.

Noch bevor das Chanson de Roland aufgeschrieben wurde, kann es mündliche Versionen gegeben haben. So findet sich im Roman de Rou des Wace die Erwähnung eines normannischen Barden namens Taillefer, der in der Schlacht von Hastings im Jahre 1066 ein Rolandslied singt:

Taillefer, qui mult bien chantout,
sor un cheval qui tost alout,
devant le duc alout chantant
de Karlemaigne e de Rollant,
e d'Oliver e des vassals
qui morurent en Rencesvals.


In Frankreich steht das Chanson de Roland, das im Verlaufe der Jahrhunderte zu einem Nationalepos wurde, noch auf dem Stundenplan der Schulen. Wenn man früher Romanistik studierte, musste man es auch kennen. Ich weiß noch, dass mein Freund Peter das in den Semesterferien übersetzte, das hielt mich davon ab, Romanistik zu studieren. Niemand hatte mir damals gesagt, dass man im Anglistikstudium Altenglisch (mit Willehad hätte ich mich prima unterhalten können) und Mittelenglisch lernen musste. Und Gotisch, Alt- und Mittelhochdeutsch im Germanistikstudium. Aus dem Mittelhochdeutschen stammt auch das Rolandslied des Pfaffen Konrad, wahrscheinlich im Auftrag von Heinrich dem Löwen geschrieben. Das gibt es im Netz leider in keiner neuhochdeutschen Fassung, Sie können hier die Schilderung vom Tod Rolands lesen. Wenn Sie das Ganze auf Mittelhochdeutsch lesen wollen, auch das gibt es hier. Das Ganze gibt es hier auch gesungen. Und wenn Sie noch mehr Roland haben wollen, könnten Sie hier noch Ariosts Rasenden Roland lesen. Können Sie aber auch lassen, ich habe es nie zu Ende gelesen. Der Reclam Verlag bietet eine neuhochdeutsche Übersetzung von Dieter Kartschoke an.

Wir haben in Bremen noch einen zweiten Roland, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Der wurde 1737 als Brunnenfigur in der Neustadt aufgestellt, wohin sich allerdings selten Touristen verirren. Er bekommt auch niemals ein Lebkuchenherz mit Ischa Freimaak umgehängt. Er stammt wahrscheinlich aus der im Teerhof gelegenen Werkstatt des Bremer Steinbildhauers Theophilus Wilhelm Frese. Der Rolandbrunnen wurde mit Versen von dem Sekretär des Bremer Rats Johann Hinrich Eggeling verziert:

Steh dan ruhig, Ruhland-Bild, 
steh standvest und unerschüttert 
unter Deines Kaysers Schild. 
Las den Neid schon sein erbittert, 
bleibt Dich Gott und Karol hold, 
gläntst Dein Glück und Segenshold, 
bis die ganse Rund zersplittert.


Das Rolandslied des Pfaffen Konrad, das des Strickers und die Verse Friedrich Rückerts sind nicht die einzigen Zeugnisse des Weiterlebens des bretonischen Grafen in der deutschen Literatur. Er taucht noch einmal an einer Stelle auf, die den Bremern meistens bekannt ist, nämlich in Hauffs Phantasien im Bremer RatskellerDas steinerne Auge des Ritters bekam Leben und Glanz, als er dies hörte, die gemeißelten Züge verschönerte ein sanftes Lächeln, und vergnüglich schaute er in den Becher. »Engelheim! du süßer, trauter Name!« sprach er, »Du edle Burg meines ritterlichen Kaisers; so nennt man also noch in dieser Zeit deinen Namen und die Reben blühen noch, die Karl einst pflanzte in seinem Engelheim? Weiß man denn auch von Roland noch etwas auf der Welt, und von dem großen Karolus, seinem Meister?« »Das müßt Ihr den Menschen dort fragen«, erwiderte Judas, »wir geben uns mit der Erde nicht mehr ab. Er nennt sich Doktor und Magister, und muß Euch Bescheid geben können über sein Geschlecht.« Der Riese richtete sein Auge fragend auf mich und ich antwortete: »Edler Paladin! Zwar ist die Menschheit in dieser Zeit lau und schlecht geworden, ist mit dem hohlen Schädel an die Gegenwart genagelt und blickt nicht vor-, nicht rückwärts, aber so elend sind wir doch nicht geworden, daß wir nicht der großen, herrlichen Gestalten gedächten, die einst über unsere Vatererde gingen und ihren Schatten werfen noch bis zu uns. Noch gibt es Herzen, die sich hinüberretten in die Vergangenheit, wenn die Gegenwart zu schal und trübe wird, die höher schlagen bei dem Klang großer Namen und mit Achtung durch die Ruinen wandlen, wo einst der große Kaiser saß in seiner Zelle, wo seine Ritter um ihn standen, wo Eginhard bedeutungsvolle Worte sprach und die traute Emma dem treusten seiner Paladine den Becher kredenzte. Wo man den Namen Eures großen Kaisers ausspricht, da ist auch Roland unvergessen, und wie Ihr ihm nahestandet im Leben, so enge seid Ihr mit ihm verbunden in Lied und Sage und in den Bildern der Erinnerung. Der letzte Ton Eures Hifthorns tönt noch immer aus dem Tal von Ronceval durch die Erde und wird tönen, bis er sich in die Klänge der letzten Posaune mischt.« »So haben wir nicht vergebens gelebt, alter Karl!« sprach der Ritter, »die Nachwelt feiert unsere Namen.«

Karl der Große ist am 28. Januar 814 in Aachen gestorben. Nicht auf dem Schlachtfeld wie Roland, sondern im Bett. Wie man damals stirbt, wenn man ein Herrscher ist, hat uns der französische Historiker Georges Duby in seinem Buch Guillaume le Marechal oder der beste aller Ritter eindrucksvoll vor Augen geführt. Eindrucksvoller und lebendiger ist selten das Mittelalter zugänglich geworden, schrieb damals der Rezensent der FAZ. Ich zitiere mal eben ein Häppchen aus Dubys Buch: Die schönen Tode in jener Zeit sind Feste; sie entfalten sich wie auf einer Bühne vor einer Vielzahl von Zuschauern, die jede Geste, jedes Wort aufmerksam verfolgen, die vom Sterbenden erwarten, daß er zeigt, was er gilt, daß er seinem Rang gemäß spricht und handelt. Wir, die wir nicht mehr wissen, was der prunkvolle Tod ist, die wir den Tod verstecken, ihn wie eine peinliche Angelegenheit hinter uns bringen, verfolgen wir Schritt für Schritt, in den Einzelheiten seines Ablaufs, das althergebrachte Ritual des Todes, der kein verstohlener Abgang war, sondern eine langsame, geregelte, geordnete Annäherung, Vorspiel, feierlicher Übertritt von einem Zustand in einen anderen, ebenso majestätisch wie der Einzug der Könige in ihre guten Städte. 

Die Stadt Bremen trug 2014 zu der Feier von Karls zwölfhundertsten Todestag mit einem etwas kläglichen Spektakel bei: im Januar versank die für fünf Millionen Euro gebaute Hansekogge Roland von Bremen in der Weser. Inzwischen schwimmt sie wieder.

Freitag, 14. August 2026

vor fünfundsechzig Jahren

Hab's  vergessen, den gestrigen Tag zu würdigen. Man vergisst das mit der Zeit, vor allem, weil es schon fünfundsechzig Jahre her ist. Himmel, war ich damals noch jung. Und ich war in Berlin und konnte sehen, wie sie entstand. Das steht alles schon in diesem Blog:  In der ersten Oktoberwoche 1961 war ich in Berlin. Ich war achtzehn und wollte Don Giovanni in der neuen Oper sehen, eine Karte hatte ich schon. Da war die Mauer schon ziemlich weit gediehen, in der Woche nach dem Beginn des Mauerbaus war das noch nicht so, da war ich auch in Berlin gewesen. Mehr als 150 Kilometer Mauer werden nicht an einem Tag gebaut. Da wechselten noch überall Menschen von Ost nach West und West nach Ost an den Bauarbeitern vorbei. Sparten auch nicht mit launigen Kommentaren. 

Es waren noch schöne Sommertage, aber es war eine seltsame Stimmung in der Stadt. Der Satz Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten wurde natürlich ständig in Gesprächen zitiert, fiel aber bei dem Überreichtum an Ulbricht Witzen in Berlin nicht weiter auf. Der Busfahrer auf der obligatorischen Stadtrundfahrt konnte auch welche erzählen. An einer Stelle sagte er über sein Mikrophon, dass wir hier nicht weiterfahren könnten, weil hier alles abgesperrt sei. Billy Wilder drehe hier einen Film. Es war aber nichts von Billy Wilder zu sehen, und von einem Film aus Berlin habe ich damals auch nichts gehört. Ich hielt es für eine Geschichte, die Berliner Busfahrer den Jugendlichen aus der Provinz erzählen, weil die alles glauben. Aber ich muss dem Mann Abbitte tun. Billy Wilder drehte da wirklich einen Film. Der Bau der Mauer hatte Wilder völlig die Dreharbeiten zu ✺Eins, Zwei, Drei versaut. Das Brandenburger Tor musste als Kulisse in Geiselgasteig nachgebaut werden.

Als wir sie schleiften,
ahnten wir nicht,
wie hoch sie ist in uns
Wir hatten uns gewöhnt
an ihren horizont
Und an die windstille
In ihrem schatten
warfen alle keinen schatten
Nun stehen wir entblößt
jeder entschuldigung

Das stand hier schon mal. Und es gab schon mehrere Posts zum Thema Mauer, meistens am 13. August. Hätte was sagen sollen, fünfundsechzig Jahre. Aber hab's vergessen, weil ich an etwas anderem schrieb. Und Besuch von der Astrid aus Dresden hatte, für die ich mal dieses Geburtstagsgedicht geschrieben habe:













einen flur
voller moore
säle voll
maillol
und ein brütt
nicht zu lütt
ein rodin
und viel vin
la grande soirée
im eskadé
doch wieland nie
wünscht dscheipibi

Das eskadé im Gedicht bedeutet SKD, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, da arbeitet sie. Sie hat da mit den Werken der Bildhauer zu tun, deshalb ist das Gedicht voller Bildhauernamen. Und die Statue auf dem Bild über dem Gedicht habe ich extra ausgesucht, es ist ein Werk von der Witwe meines Onkels Karl Lemke, die war zuletzt hier in dem viel gelesenen Post Kriegsende und danach zu sehen.

Wenn Sie sich noch einmal alle Wortmauern angucken wollen, die ich hier zum Thema Mauerbau aufgebaut habe, dann gehen Sie zu den Posts: Bauarbeiten, Mauer, Berliner Mauer, Mauern und Mauerbau.

Und ich habe noch ein drittes Gedicht für diesen Tag, es ist von Thomas Brasch und stand 1977 in seinem Band Kargo:

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne, will ich nicht mehr sehen aber
wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin:
Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin

Montag, 10. August 2026

die Birnen in Nachbars Garten


Der Post Mitleid mit der KI hat bei vielen Lesern eine gewisse Heiterkeit hervorgerufen. Mein Freund Friedhard schrieb mir zu dem Thema: Lieber Jay! Ein einziger Versuch reicht mir, sie in dem Mülleimer zu lassen, in den sie gehört. Meine Frage war: Wer oder was ist 'Die Köstliche von Charneux'? Richtige Antwort: Eine alte Birnensorte, heute eher bekannt als 'Bürgermeisterbirne'. Antwort der KI: 'eine Erzählung von Georges Simenon'. Heitersten Gruß Dein Friedhard. Googles KI hat inzwischen etwas gelernt, sie kennt jetzt schon die richtige Antwort. KI und Birnen brachten mich auf die Birnen in Nachbars Garten. den Titel dieses Posts. Es geht hierbei nicht um das berühmte Gedicht von Theodor Fontane, nein, unsere Nachbarn (in dem Haus links auf dem Photo) hatten Birnbäume im Garten. Diese Birnen, über den Gartenzaun geschenkt, waren ein Teil meiner Jugend. 

Als Googles KI neu war, gab ich unseren Nachbarn, den Oberingenieur Bruno Trube vom Bremer Vulkan, dort ein. Erfuhr, dass es ihn nicht gibt: Der Begriff 'Trube Bremer Vulkan Vegesack' bezieht sich auf die Bremer Vulkan-Werft in Bremen-Vegesack, einem Stadtteil von Bremen, der für seine maritime Geschichte bekannt ist. Der Begriff 'Trube' ist hierbei nicht offiziell, sondern bezieht sich wahrscheinlich auf die dunklen Zeiten und den Konkurs des Unternehmens. Es ist immer wieder interessant zu sehen, was sich die KI aus den Fingern saugt und von Trube zum Trüben kommt. Allerdings steht Bruno Trube schon seit 2017 in meinem Blog, das hätte die KI lesen können:

Ich bin über die genauen Daten aller Stapelläufe immer bestens informiert. Mein Vater hat viele Werftarbeiter als Patienten, und die erzählen ihm alles, was auf der Werft so läuft. Und unser netter Nachbar Bruno Trube mit den hübschen blonden Töchtern (beide Stewardessen, ein neuer Beruf in den fünfziger Jahren, aber leider beide zu alt für mich) ist Oberingenieur beim Vulkan. Der weiß auch alles über die Werft. Nach seinem Tod wird ein richtiger Vulkandirektor neben uns einziehen, durch den ich eines Tages auch den Besitzer des Bremer Vulkans, den Baron Hans Heinrich Thyssen, kennenlernen werde. Natürlich auf der Strandstraße. In einem kleinen Ort wie diesem braucht man eigentlich keine Zeitungen und kein Radio, alles wird weitererzählt. Den Skandal um den planlosen Umbau des Tenders 'Neckar' für die Bundesmarine erzählen die Lürssen Arbeiter meinem Vater Jahre bevor der Bundesrechnungshof merkt, was das den Steuerzahler gekostet hat.

Gut, da fehlen jetzt die über den Zaun geschenkten Birnen, die ich nie vergessen habe. Ich weiß allerdings nicht, ob es die Köstlichen von Charneux waren. Und die hübschen blauen Lufthansa Uniformen seiner beiden Töchter habe ich auch weggelassen. Auch die Geschichte, wie Bruno Trube zwei auf dem Bürgersteig vor seinem Haus kopulierende Hunde mit einem Eimer Wasser voneinander trennte, was mir als kleinem Jungen großen Eindruck machte. 

Wenn ich Googles KI heute nach Bruno Trube frage, erfahre ich mehr als im Oktober des letzten Jahres: Bruno Trube war ein deutscher Ingenieur, der als Oberingenieur bei der renommierten Großwerft Bremer Vulkan in Bremen-Vegesack tätig war. Hintergrund und Wirken Berufliche Rolle: Als Oberingenieur gehörte Bruno Trube zum erweiterten Führungskreis und zu den technischen Wissensträgern der Werft. Er galt in seinem Umfeld als ausgewiesener Experte, der tiefen Einblick in sämtliche Abläufe, Konstruktionen und Interna des Schiffbauunternehmens besaß. Zeitliche Einordnung: Seine aktive Zeit und sein Leben in Bremen-Nord fielen in die Nachkriegszeit sowie in die Jahre des deutschen Wirtschaftswunders (1950er Jahre). Zu dieser Zeit erholte sich der Bremer Vulkan im Vergleich zu anderen zerstörten Werften wie der AG Weser sehr schnell und entwickelte sich zügig zu einer voll wettbewerbsfähigen Großwerft. Privates: Trube lebte mit seiner Familie in der direkten Nachbarschaft von Werftangestellten und späteren Vulkan-Direktoren in Bremen. Seine beiden Töchter arbeiteten in den 1950er Jahren in dem damals noch sehr neuen Berufsfeld der Stewardess. Der Link im Text führt zu meinem Blog, bei dem sich die KI dankbar bedient hat. 

Getretener Quark wird breit, nicht stark, sagt uns Goethe. Google hat drei Fakten, Namen und Beruf von Bruno Trube und die beiden Töchter bei der Lufthansa. Der Rest ist frei erfundenes KI Gesülze: Als Oberingenieur gehörte Bruno Trube zum erweiterten Führungskreis und zu den technischen Wissensträgern der Werft. Er galt in seinem Umfeld als ausgewiesener Experte, der tiefen Einblick in sämtliche Abläufe, Konstruktionen und Interna des Schiffbauunternehmens besaß. Klingt toll, sagt in Wirklichkeit gar nichts und ist in Details immer wieder falsch: Bruno Trube lebte mit seiner Familie keineswegs in der direkten Nachbarschaft von Werftangestellten und späteren Vulkan-Direktoren. Die Werftangestellten lebten einen Kilometer weiter unten neben der Werft. Hier oben waren nur →Kapitänshäuser, wie ich schon einmal schrieb: Die Kapitäne waren stolz auf ihre Haustüren, deren Holz sie aus der Südsee mitgebracht hatten. Nebenan, wo damals der Oberingenieur vom Vulkan Bruno Trube wohnte, hat einmal Dr Albrecht Roth sein Haus gehabt. Der hatte am Weserufer einen Park angelegt. Das Land für den Park schenkt ihm der König von England (wir gehörten damals nicht zu Bremen, sondern zum englischen Hannover), der auf den jungen Forscher aufmerksam geworden ist. Er könne soviel Land haben, als er bebauen könne und wolle. 

Der Werftdirektor, der nach den Trubes in dem Haus neben uns wohnte, war Dr Ado Schiff (1922-1999). Der wird auch schon in dem Post Wittheit erwähnt: es gibt auch Themenbände. Wie diesen hier: 'Lebensraum Bremen-Nord: Geschichte und Gegenwart', 1989 bei Heinrich Döll in Bremen erschienen. Darin schrieb unser Nachbar Dr Ado Schiff über die Werften des Ortes, das fiel ihm leicht, denn er war der Direktor des Bremer Vulkans. Er steht auch in meinen unveröffentlichten Bremensien

Die Herren, die mir auf der Strandstraße entgegenkamen, sahen nach viel Geld aus. Schneideranzüge und weiße Regenmäntel. Einen von ihnen kannte ich, es war unser Nachbar Herr Schiff. Er hatte einen passenden Namen, er war der Direktor der Vegesacker Großwerft Bremer Vulkan. Ich grüßte höflich, und Herr Schiff trat aus der Gruppe heraus, um mich dem Herrn in der Mitte vorzustellen. Und so kam ich in den Genuß eines Händedrucks von Baron Heini. Baron Heini hieß natürlich nicht wirklich Baron Heini, aber bei den Vulkanesen hieß er so. Sein richtiger Name war Baron Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza und ihm gehörte der Vulkan. Mehr oder minder. Wenn ich heute Ado Schiff bei Googles KI eingebe, bekomme ich ein Schiff namens Adora geliefert. Ich weiß inzwischen, dass Googles KI selten wirklich gute Ergebnisse liefert, aber immer für Heiterkeit sorgt. Wahrscheinlich sind die besten bisherigen Ergebnisse der KI die KI Schlampen auf den Pornoseiten.

Als Ado Schiff den Vulkan verließ, zog er angeblich in eine neugebaute Villa in Leuchtenburg, in der es goldene Wasserhähne gab. Das Kleinstadtgeschwätz bringt erstaunliche Dinge zustande, Erzählungen, die den Wahrheitsgehalt eines KI Artikels haben. Dr Ado Schiff, ein gebildeter, eleganter Mann, war nach Augsburg gezogen. Wo er im Ruhestand eine Geschichte seiner ursprünglich jüdischen Elsflether Reederfamilie schrieb. In drei Bänden, die alle in Augsburg erschienen: Der literarische Nachlass meines Großvaters Adolf SchiffDie Reedereien von Joseph und Adolph Schiff 1841 bis 1907 und Die Familiengeschichte der Schiffs zu Elsfleth. Man kann die Bände antiquarisch noch finde

In meinem Heimatort schien jeder ein Kapitän zu sein, alle Männer trugen Elbsegler oder Prinz Heinrich Mützen (mein Vater auch). Viele standen den halben Tag am Anleger der Dampfer der Schreiber Reederei oder am Utkiek und guckten auf das Wasser. So wie es Herman Melville im Kapitel Loomings von Moby-Dick beschreibt: Look at the crowds of water gazers there ... Posted like silent sentinels all around the town, stand thousands upon thousands of mortal men fixed in ocean reveries. Dies ist nicht New York, dies ist eine kleine Hafenstadt an der Weser, mit Heringsloggern, Werften und Segelmachern. Es sind auch keine tausende, die da stehen. Bestenfalls zwei Dutzend, aber auch sie haben ihre ocean reveries. Man könnte sie für Arbeitslose halten, die nichts mit sich anzufangen wissen, aber die meisten von ihnen sind wirklich zur See gefahren. Viele als Kapitän oder Steuermann. Sie haben alle diesen leeren Blick in die Ferne. Dieser Mann hier heißt Friedrich Hennemann, er hat diesen leeren Blick, weil er den Bremer Vulkan ruiniert hat. 

Hennemann war gelernter Apotheker. Dank seines SPD Parteibuchs wurde er Senatsdirektor und eines Tages Direktor des Vulkans. Er war ein Mann der ganz großen Pläne, hatte Visionen wie Donald Trump, der den Gazastreifen zur Riviera des Nahen Ostens machen wollte. Hennemann träumte davon, durch Diversifizierung einen weltumspannenden maritimen Technologie Konzern schmieden zu können. Die örtlichen Zeitungen höhnten, dass er sich offenbar einbilde, wie Jesus über das Wasser laufen zu können. Hennemann hätte lieber Petronius lesen sollen: Si bene calculum ponas, ubique naufragium est. Wilfried Huismann und Klaus Schlösser haben über den Chef der Vulkanesen den Film ✺Machtspieler: Friedrich Hennemann und der Untergang des Bremer Vulkan gedreht, der 1999 zu Recht den Grimme Preis erhielt.

Den Baron Heini Thyssen (hier von Lucian Freud gemalt), der mir einmal die Hand geschüttelt hatte, interessierte der Untergang der Werft nicht, der hatte schon 1980 begonnen, sich von seinen Aktien zu trennen. Aber das Ende der Werft war nicht unvermeidlich. Auf der anderen Weserseite, gegenüber vom Vulkan, zeigt die Werft von Fidi Lürssen, dass man bis heute mit Erfolg Schiffe bauen und verkaufen kann.