Donnerstag, 21. Juni 2018

Nichts


Ein paar Tage lang nix, und schon geht das Gemaule der Leser los. Ja, ich habe mich verzettelt, ich schreibe an drei verschiedenen Sachen und komme nicht voran. So etwas kann passieren. Ist auch nicht so schlimm, im Augenblick liest mich eh niemand. Die ganze Welt scheint Fußball zu gucken. Wenn Sie etwas über Fußball lesen wollen, dann kann ich empfehlen: FußballmannschaftHannover 96, Goalies, Uns Uwe, Fußballpoesie, WM, Bert Trautmann, Bert Trautmann ✝, Belfast Boy, Wundliegen, Schickssalspiel, Farbsymbolik, Stil, 1954, Albert Camus, Neo Rauch, Gauland (kariert), Erwin Kostedde, Hammonia - Harmonia? Und mehr zum Nichts finden Sie in diesem Buch, beinahe 800 Seiten.

Samstag, 16. Juni 2018

Leopold Bloom


Mein Freund Hombre hatte mir diese Seite geschickt, für den Fall, dass mir mal die Themen ausgehen sollten. Der Bloomsday war natürlich auch dabei. Gibt es irgendeine Romanfigur, die einen eigenen Gedenktag hat? Alles, was Sie über Leopold Bloom wissen sollten, finden Sie hier. James Joyce ist in diesem Blog kein Unbekannter. Sie könnten heute am Bloomsday noch lesen: BloomsdayDublinStephen Dedalus, The Lass of Aughrim, Molly, Sally KellermanAbendgesellschaft, Quark, Übersetzer, Fritz Güttinger, Arno (Otto) Schmidt, WM, Dokumentarfilm, Berenice Abbott,  John HustonVersäumtes. Und wenn Ihnen die schöne Szene aus von John Hustons Verfilmung von The Dead in The Lass of Aughrim nicht ausreicht, ich habe hier noch den ganzen Film.

Mittwoch, 13. Juni 2018

Regiolekt


Der Bremer redet ein herrliches Plattdeutsch und, wenn man ihn reizt, ein vorbildliches Hochdeutsch. Aber er hat noch eine dritte Sprache, die zwischen diesen beiden ein gesundes Eigenleben führt: das Bremische, das gemütliche und mundgerechte Idiom der »Tågenbåren«. In ihm sind, zum Nutzen allgemeiner Verständlichkeit und mit dem Bemühen um lauttreue Wiedergabe, die Anekdoten dieses Buches erzählt. Das bremische Wesen offenbart sich in diesen Geschichten – diese Begrenzung sei ausdrücklich betont – nur in seiner heiteren Hälfte: in seinem wortkargen, deftigen, vernünftigen, helläugigen Humor. Mag er freiwillig oder unfreiwillig, bedachtsam oder derb, naiv oder bewußt, herausfordernd oder voll behaglicher Selbstironie sein: immer ist er zu unverkennbarer und aufschlußreicher Eigenart geprägt.

Schreibt Karl Lerbs in der Vorrede zu Der lachende Roland. Und er liefert auch gleich eine Dialektprobe, sozusagen ausser lamäng»'chott nee, was 'n auch ümmer alles so belebt!« sagte Minna Knake. »Sitz ich gestern abend in mein Zimmer un lutsch saure Bontschen, die hol ich dschetz dscha ümmer bei Crüsemeyer, früher ging ich dscha zu Meyerdierks, aber da kann ich dscha nich ümmer um zu laufen, das is mich zu um. No, mit einmal, da pingelt das. Ich verdschag mich dscha eers, denn das konnte dscha 'n Telegramm sein, un da hab ich nix mit in 'n Sinn, da steht dscha meist was Übles in. No, ich geh bei un mach auf – was meinen Se? Steht da so 'n lüttschen Bötel. So 'n richtigen kleinen Schietbüdel. Un wissen Se, was er sagt? ›'tschuldigen Se‹, sagt er, ›ob Sie woll so freundlich wären un meinen kleinen Hund nich gesehen hätten?‹«

Obgleich alle Bremer etwas sprechen können, was bestenfalls die regionale Variante des hamburgischen Missingsch ist, sind Bremer überzeugt, dass, wenn sie Hochdeutsch sprächen (mit dem betonten sp), es das beste Hochdeutsch in ganz Deutschland sei. Es gibt da auch andere Meinungen. Im 17. Jahrhundert glaubte der Engländer Sir Philip Sidney, dass das beste Deutsch am sächsischen Hof gesprochen würde. Linguisten versichern uns, dass in Hannover das beste Hochdeutsch zu Hause ist. Der berühmte Satz In’ner Löwestross ham se’n Mann mitten Bönönenwögen öbern Mögen gefahr’n wird an dieser Stelle immer dagegengehalten. Soll heißen: In der Lavesstrasse haben Sie einem Mann mit einem Bananenwagen über den Magen gefahren.

Wahrscheinlich gibt es ein reines Hochdeutsch nicht, die regionalen Einsprengsel verhindern das. Glücklicherweise. Auch fremde Einflüsse, wie die französische Besatzung, hinterlassen ihre Spuren. Viele dieser Wörter, wie Muckefuck, Kinkerlitzchen, Trottoir, Chaiselongue und Poussieren, kennt man in Berlin auch, und dort wahrscheinlich schon länger. Seit Friedrich der Große die Hugenotten ins Land geholt hat (und damit auch die Fontanes) vermischen sich das Deutsche und das Französische. Aber manches gibt es nur in Bremen, wie den Muschepunt, zum Beispiel. Oder das awangs wie in n büschen awangs für ein bisschen schneller (von en avant). Oder sittjepöh (von si je peux) in einem Satz wie: das mach’ ich ganz sittjepöh. Und so wunderbare Trinksprüche, die man in den 50er Jahren noch hören konnte, wie Schötteldör, mit der Entgegnung Wrummsi. Was die plattdeutsche Aussprache von J’ai l’honneur und  Je vous remercie ist. Das gibt es wirklich nur in Bremen. Dass keine Fisematenten machen von einer französischen Aufforderung an junge Mädchen, visitez ma tente, kommt, ist inzwischen linguistisch angezweifelt. 

1767 erschien in Bremen bei Georg Ludewig Förster das erste Lexikon des Bremischen, der Versuch eines bremisch-niedersächsischen Wörterbuchs von Eberhard Tilling. Inzwischen gibt es eine Vielzahl kleiner Bücher, die den Bremer Snak vermitteln: Walter A. Kreye und Volker Ernsting: Was’n in Bremen so sacht und wo ein fein auf hören muß (1973), Klaus Kellner: Bremisches Wörterbuch (2011) und Daniel Tilgner: Das Bremer Schnackbuch (2011). Aber so wirklich hat sich die Sprachwissenschaft seit Eberhard Tilling noch nicht auf diesen Regiolekt gestürzt. Gewiss, Anton Kippenberg hat in Geschichten aus einer alten Hansestadt (das einen Anhang mit Erklärung einiger platt- und hochdeutscher Wörter hat) eine Vielzahl von witzigen Beobachtungen, aber die wirkliche Beschreibung der feinen Nuancen steht noch aus. Immerhin erstellt der NDR schon eine Art Wörterbuch.

Die feinen Unterschiede bewegen sich ja vor allem in dem, was berufsmäßige Linguisten Soziolinguistik nennen. Und von diesen feinen Nuancierungen, in der die Wahl eines plattdeutschen Wortes (oder eines hochdeutschen) und die Betonung den Unterschied zwischen Kompliment und Beleidigung machen, haben Universitätslinguisten nun wirklich keine Ahnung. Das Wort Schusseltriene wäre so ein Beispiel. Dagegen ist das Postür nicht so nett, ein altes Lexikon sagt uns: postür bedeutet eine widerwärtige und verhaßte Person, namentlich ein altes Weibsbild; zu Grunde liegt natürlich franz. posture (lat. positura). Allerdings hat das im Laufe der Zeit geändert, wenn heute jemand sagt: son mageres postür, dann ist das frei vom Widerwärtigen.

Manchmal schwächt das Plattdeutsche auch grobe Beleidigungen ab, es klingt einfach netter, wie zum Beispiel in klei mi doch ann Mors. Oder dem wunderbaren Satz des des Plattdeutschen mächtigen Bürgermeisters Wilhelm Kaisen, der über seinen eingebildeten Bildungssenator Dehnkamp sagte: Ischa to’n Lachen, dass een, de sin Lewen lang Nieten auffen Vulkan gekloppt hat, sich nu aafspeelt as’n Geheimroot. Anton Kippenberg würzt seine Beschreibung Bremens mit plattdeutschen Döntjes, und er kann darauf vertrauen, dass sein Lesepublikum ihn vor über siebzig Jahren verstand, denn immerhin macht der Anteil des Plattdeutschen ein Drittel des Buches aus. 

Man gewinnt auch den Eindruck, dass Plattdeutsch eine Art lingua franca zur Verständigung zwischen oben und unten ist. Eine gemeinsame Sprachebene, auf der sich Pfeffersäcke und Zigaarenmookers treffen können. Für meinen Vater war das Platt keine soziale Herablassung, er ist damit aufgewachsen, und er wird es wie selbstverständlich auf dem Wochenmarkt sprechen oder wenn er Bauern oder Arbeiter vom Bremer Vulkan behandelt. In meiner Jugend ist das Bremer Platt noch nicht tot, die plattdütsche Morgenandacht im Radio gehört genau so zum festen Tagesablauf wie Hör mal ‘n beten to. Ich bin mit Rudolf Kinau und Irmgard Harder aufgewachsen. Aber das alles ist Nostalgie, das Bremer Platt ist auf dem Rückmarsch.

Die Bücher von Kippenberg und Lerbs stammen aus den dreißiger Jahren, sie geben die Welt vor dem Ersten Weltkrieg wieder. Die Welt, die sie beschreiben, gibt es nicht mehr. Die Sprache wahrscheinlich auch nicht. Wie schon der ehemalige Bremer Bürgermeister Theodor Spitta in seinen Erinnerungen formulierte: Davon ist manches inzwischen verklungen, wie auch das heimische Platt mehr und mehr zurückgeht. In meiner Jugend war diese ganze Welt volksverbundener Kräfte und origineller Einzelgänger noch lebendig. Anton Kippenberg lebte in ihr und verkörperte sie.

Sonntag, 10. Juni 2018

Ratskeller


Alte Städte, die ein Rathaus haben, haben häufig auch einen Ratskeller. Und servieren dort Wein. Der Bremer Ratskeller gehört zu den ältesten →Weinkellern Deutschlands. Die haben da Weine, die über dreihundert Jahre alt sind, aber niemand weiß, ob man die noch trinken kann. Der berühmte Rüdesheimer Wein von 1653 lagert in dem sogenannten Rosefass, das schon →Heinrich Heine bedichtete:

Das ist die Rose der Rosen,
Je älter sie wird, je lieblicher blüht sie,
Und ihr himmlischer Duft, er hat mich beseligt,
Er hat mich begeistert, er hat mich berauscht,
und hielt mich nicht fest, am Schopfe fest,
Der Ratskellermeister von Bremen,
Ich wäre gepurzelt!


Friedrich Engels, der seinen Kaufmannsberuf in Bremen erlernte, schreibt in einer seiner frühen Schriften: Vorgestern Abend hatte ich große Knüllität im Weinkeller von zwei Flaschen Bier und zweieinhalb Flaschen Rüdesheimer 1794er. Das Wort Knüllität ist leider ziemlich ausgestorben (das →Grimmsche Wörterbuch kennt es noch), es kommt aus der Studentensprache und heißt nichts anderes als Besäufnis. Eine Knüllität hätte auch Bismarck an seinem siebzigstem →Geburtstag veranstalten können, als ihm die Stadt Bremen siebzig Flaschen der besten Sorten aus dem Ratskeller zukommen ließ. Aber er war gesundheitlich ein wenig angeschlagen: Wenn auch seine Gesundheit ihm leider nicht mehr erlaube, die köstliche Gabe so wie ehedem zu genießen, so werde für schwache Stunden doch der edle Wein ihm ein Tröster sein, ließ Bismarck die Hansestadt wissen.

Als die Amerikaner Bremen besetzten, machten sie aus dem →Rathaus GI Joe’s Number 1 Beer Hall (in Vegesack wurde die →Strandlust zur Beer Hall Number 2). Nicht jedem der Besatzungssoldaten gefiel der Ratskeller: Es gibt einen Ratskeller, der ist ist alt und malerisch. Das einzig ärgerliche ist nur, dass er so düster ist. Wir sagen dazu Leichenschauhaus. Um da mal ein bisschen Leben reinzubringen, haben wir in der letzten Nacht Bierdeckel hoch gestapelt. Ich sage euch: alle Offiziere der 29. Infanteriedivision haben mitgemacht und anschließend war der ganze Boden von Bierdeckeln übersät. 

Der Bremer Ratskeller ist nicht so meine Sache, ich glaube, das ist eher etwas für Touristen. Das sieht dann, wenn man Karl Lerbs (mit dem Schriftsteller wuchs man früher in Bremen auf) vertrauen darf, so aus: Als Konsul Petri seinem Geschäftsfreund von auswärts Bremen zeigen wollte, lotste er ihn zunächst ohne jede Mühe in den Ratskeller. Nach mehrstündigem gründlichen Studium lotste er ihn nicht ganz ohne Mühe wieder heraus, nahm mit ihm am Roland Aufstellung, machte die Position aus und erläuterte seinem Gast die Besonderheiten des Stadtbildes. »Tschä, kuck«, sagte er, »da steht denn dscha nu das Rathaus, wo wir eben unter waren, un da drüben da steht denn dscha der Dom. Wenn das Rathaus nich da stände, wo es steht, denn stände da wohl der Dom, un wo dschetz der Dom steht, da stände denn wohl das Rathaus. Aber das is dscha wohl egal.« Unerwähnt bleibt hier der Bleikeller im Dom. Den besuchen Bremer nie, es sei denn, sie müssen Touristen herumführen. Die dann dort vergebens den →Freiherrn Knigge suchen. Sein Grab war nie im Bleikeller, das ist im Bremer Dom.

Einmal bin ich doch im Ratskeller gewesen, aber das war ein Zufall. Es war kurz nach Weihnachten, als mich Barbara am späten Nachmittag anrief, ich möchte doch ganz dringend nach St. Magnus kommen und darauf vorbereitet sein, am Abend in den Ratskeller mitzukommen. Vor dem Haus hat sie mich abgefangen und mir die ganze Geschichte erzählt, die hinter dem geheimnisvollen Anruf stand. Jemand, mit dem sie im Sommer im Urlaub mal ein bisschen geflirtet hatte, hatte sich offensichtlich große Hoffnungen gemacht. Und war jetzt überraschend, ohne jede Einladung, mit zwei Koffern hier aufgetaucht und wollte sich mit ihr verloben. →Sommer in Lesmona einmal ganz anders. Aber sie konnte den Typen überhaupt nicht ausstehen.

Doch ihr Vater, ein erfolgreicher Arzt, war von dem Herrn begeistert. Das war so ein Mann nach seinem Herzen. Jurist, Verbindungsstudent, noch dazu in einer schlagenden Verbindung. Der Vater war irgendwo in Süddeutschland Gerichtspräsident. Barbaras Vater will jetzt mit der Familie nach Bremen in den Ratskeller, Verlobung feiern. Die Tochter wird nicht gefragt. Du bist doch immer so schön destruktiv, Jay, sagt Barbara. Mach’ alles, um das zu verhindern. Manche Frauen schätzen mich schon richtig ein. Dem Doc und dem Möchtegern Schwiegersohn gefällt das überhaupt nicht, dass ich jetzt so ganz zufällig hier auftauche, aber seine Gattin und Barbara bestehen darauf, dass ich mitfahren soll. 

Dieser Typ ist das, was die Engländer einen nerd nennen würden, blauer Westenanzug, aber wahrscheinlich von C&A. Über seine Schuhe lohnt es sich nicht zu reden, das ist ja nun das erste, worauf die jungen Bremer Gentlemen in diesen Tagen gucken. Im Ratskeller kauft der Doc das hier für die Touristen überall angepriesene Buch von Wilhelm Hauff →Phantasien im Bremer Ratskeller als Geschenk für den eigentlich ungebetenen Gast aus Süddeutschland. Bestellt teuren Wein, süßen Mosel (trinkt damals ganz Deutschland) und die offensichtlich obligaten Käsestangen, die da serviert und als Steckrüben bezeichnet werden. Die gab es übrigens schon für Willem II zur Schildkrötenbouillon.

Ich bin der Außenseiter, ich bestelle mir ein Bier. Den in den fünfziger Jahren in der Bourgeoisie ausgebrochenen Kult mit den angeblichen Weinkenntnissen, wo erstmal bei jeder gesellschaftlichen Zusammenkunft eine Stunde pseudo fachmännisch über den Wein geredet wird, mache ich nicht mit. Dabei kaufen doch alle hier ihren Ratskellerwein (habe ich hier x-mal draußen im Kontor neben dem Denkmal für die →Stadtmusikanten abgeholt) und vertrauen darauf, dass die Qualität stimmt.

Im 19. Jahrhundert mag es in Bremen richtige Weinkenner gegeben haben, aber jetzt? Niemand, der seinen Karl Lerbs gelesen hat, wird die wunderbare Anekdote vergessen, wo zwei gewichtige ältere Herren nach einem männermordenden Festessen (und da fügt Lerbs ein ach, es ist lange her ein) mit einer Brasil im Mund jene sachte Anhöhe am Stadttheater hinuntertrudeln, die der Bremer mit überschwenglicher Selbstironie Theaterberg nennt. Und dann folgt dieser Monolog:

Essen – war dscha gut; will ich nix gegen sagen. Weine – waren dscha tadellos. Aber dass er uns zu’n Käse den 78er Latour gibt, wo ich doch ganz genau weiß, dass er den 81er Lafitte in’n Keller hat – nu bitt ich Sie, was soll das?!

Wenn Sie mehr aus Der lachende Roland von Karl Lerbs lesen wollen, dann klicken Sie →hier. Es lohnt sich immer, Karl Lerbs zu lesen.

Der Abend verläuft dann glücklicherweise genau so, wie Barbara sich das erhofft hat. Mit der tätigen Mithilfe von ihr und ihrer Mutter demontiere ich den potentiellen Schwiegersohn in seinem billigen Anzug. Im Demontieren von anderen ist man gut, wenn man aus einer Kleinstadt kommt. Obgleich der Doc verzweifelte Versuche macht, Brüderschaft zu trinken und die Verlobung anzukündigen, wird aus dem Ganzen nichts. 

Als ich kurz vor zwölf, ein wenig vor den anderen, aus dem Ratskeller in die kalte, aber schöne Winterluft komme, laufe ich direkt in Ingrids kleine Schwester, die mich mit ihren frechen Augen anguckt. Müsste die nicht längst im Bett sein? Zuhause fange ich in der Nacht an, einen Brief an Ingrid in Lyon zu schreiben: Du wirst nicht glauben, was mir heute passiert ist ... Der Jurist reist am nächsten Tag ab, und Barbara ist mir für den Rest des Lebens dankbar. Sie wird wenig später einen netten Kapitän aus Pinneberg kennenlernen, ihn heiraten und mit ihm glücklich werden. Der wäre niemals der Wunschkandidat ihres Vaters gewesen, aber es kommt nicht darauf an, was die Väter wollen. Leben ist Selbstbehauptung, das hat Barbara bewiesen.

Freitag, 8. Juni 2018

Entnazifizierung


Kann man rechtschaffen, aufrecht und ehrlich durch die Zeit des Nationalsozialismus gehen, wenn man nicht emigriert oder ins Gefängnis kommt? Der Direktor der AG Weser Franz Stapelfeldt (der schon in dem Post Bremen, Mai 1945 erwähnt wird) wäre ein Beispiel. In Anlehnung an die Figur des General Harras in Zuckmayers Des Teufels General hat ihn einmal ein Journalist Des Teufels Generaldirektor getauft. Stapelfeldt ist ein mächtiger Mann gewesen, seine AG Weser und alles was zu dem Konzern Deschimag (an dem auch Krupp beteiligt war) gehörte, haben von den Rüstungsaufträgen profitiert. Stapelfeldt ist Wehrwirtschaftsführer gewesen (hat von diesem Titel aber nie Gebrauch gemacht), er war seit 1937 Parteimitglied.

Aber der skrupellose Kapitalist Stapelfeldt, der jede Chance für ein gutes Geschäft nützt und nicht nur Schiffe, sondern auch Flugzeuge baut, wendet sich schnell von den neuen Machthabern ab. Beinahe jeder in Bremen, der aus politischen Gründen entlassen wird oder nach einer Zeit im KZ keine Arbeit mehr findet, wird von ihm bei der AG Weser eingestellt, wie zum Beispiel Oskar Drees. Den Pastor Hans Asmussen von der Bekennenden Kirche beschäftigt er als Privatsekretär. Er unterstützt die Familien von Verfolgten ebenso wie die Familien von in Not geratenen Arbeitern, er gibt weiterhin bei jüdischen Kaufleuten Bestellungen auf. Den deutschen Gruß der Werkspolizei erwidert der Generaldirektor mit einem schlichten: Moin. Er äußert bei Kriegsausbruch öffentlich, dass Hitler wahnsinnig geworden sei. Er hat Verbindungen zu Admiral Canaris und finanziert die Widerstandsgruppe um General Hans Oster, der mit einer Bremer Industriellentochter verheiratet ist. 1941 kauft er im KZ Dachau vier seiner ehemaligen Arbeiter frei. Er holt den SPD Politiker Emil Theil (dessen Tochter Johanna er als Sekretärin beschäftigt) persönlich aus dem KZ und gibt dafür seinen großen Borgward in Zahlung. Als Theil sich bei ihm bedankt, sagt Stapelfeldt, dass Dank nicht notwendig sei, dies sei ja nur eine Kleinigkeit gewesen. 

Nach dem 20. Juli 1944 holt die Gestapo Stapelfeldt ab und nimmt ihn bis kurz vor Kriegsende in Schutzhaft. Kaum ist er entlassen, sperren ihn die Amerikaner für ein halbes Jahr in Westertimke bei Tramstedt ein. Da war vorher ein Kriegsgefangenlager für alliierte Marineangehörige. Als das Spruchkammerverfahren eröffnet werden soll, wenden sich hunderte von Bremern schriftlich an die Kammer. Es gibt keine Anklage. Er wird seinen Lebensabend als hochgeachteter Bürger in Bremen verbringen. Einer der wenigen, der Stapelfeldt als Kriegsverbrecher anklagen will, ist der KPD Politiker Hermann Prüser. Der hatte 1933 eine flammende Rede in der Bürgerschaft gegen den faschistischen Staatsstreich gehalten. Die Nazis haben ihn gleich für ein halbes Jahr ins KZ Mißler gebracht, danach noch mehrmals ins Gefängnis. Er ist dann 1935, wie so viele andere, bei Stapelfeldt auf der AG Weser untergekommen. Ohne Stapelfeldt hätte er das Dritte Reich vielleicht nicht überlebt. Jetzt fordert er als Vorsitzender der Spruchkammer Stapelfeldts Verurteilung. Dafür hat Wilhelm Kaisen wenig Verständnis.

Der Direktor der zweiten Bremer Großwerft Bremer Vulkan in Vegesack, Robert Kabelac, wird wie Stapelfeldt 1940 Wehrwirtschaftsführer. Er baut für die Nazis die U-Boote für den Endsieg, insgesamt 74 Stück. Zehn Jahre nach Kriegsende behauptet Kabelac frech, dass der Bremer Vulkan keine U-Boote gebaut hat. Die in Vegesack gebauten U-Boote wurden von der damals neu gegründeten ›Vegesacker Werft GmbH‹ gebaut, die nach Kriegsende aufgelöst und deren Unterlagen vernichtet wurden. Dass die Vegesacker Werft GmbH und der Vulkan identisch sind, davon ist nicht die Rede. Truth is the daughter of time. Kabelac beschäftigt für die Werft und den Bau des U-Bootbunkers in Farge zehntausende von Fremdarbeitern, die in Lagern und KZs untergebracht sind. Viele von ihnen werden durch Unterernährung und Misshandlungen sterben. Während sich Stapelfeldt persönlich um die Zwangsarbeiter kümmert und energisch versucht, ihre Lebensbedingungen zu verbessern, ist ähnliches von Kabelac nie bekannt geworden. Kabelac wird im Gegensatz zu Stapelfeldt erstaunlicherweise niemals inhaftiert, seine zügige Entnazifizierung sorgt allerdings für einen Eklat in der Kammer für Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus. Aber er bleibt Direktor des Vulkans, der Besitzer des Bremer Vulkans, der Baron Heinrich von Thyssen-Bornemisza lässt seinen tüchtigen Mann nicht fallen. Schließlich hat Thyssen ja auch dafür gesorgt, dass die Alliierten seinen Vulkan kaum bombardiert haben. Kabelac sitzt in zahllosen Aufsichtsräten und wird 1958 Präses der Handelskammer. Aber niemand wird sich dankbar an ihn erinnern, so wie sich Tausende von Verfolgten in ihren Lebenserinnerungen, in Briefen und Zeugenaussagen an Franz Stapelfeldt erinnert haben.

Im Gegensatz zu Robert Kabelac, der in kein Arbeitslager oder Gefängnis muß (wohin er nach Meinung des KPD Politikers Hermann Prüser als Kriegsverbrecher gehörte), wird Opas etwas jüngerer Kollege Hermann Koch in Platjenwerbe drei Jahre in Arbeits- und Straflagern verbringen. Hermann Koch war vor dem Krieg am Königlichen Lehrerseminar in Verden. Danach Soldat im Ersten Weltkrieg, vor Verdun verschüttet und verwundet, Heimatfront, wieder Verdun, Gasvergiftung. Dann zehn Jahre lang Lehrer in Hinnebek bei Stade. 1929 endlich eine Stelle als Schulleiter in Platjenwerbe an der gerade eingerichteten Volksschule. Er ist ein enthusiastischer Lehrer, organisiert Musikgruppen und den Männergesangverein Arion, lässt ein Dorfheim bauen. Er tritt 1937 in die NSDAP ein (und macht im gleichen Jahr einen Schulausflug zum Hermannsdenkmal). Er ist niemals in der SA gewesen. Er wird dank seines Organisationstalents 1940 Ortsgruppenleiter. Er kümmert sich rührend um alle Belange der Bewohner des kleinen Kaffs, der gute Mensch von Platjenwerbe und Ihlpohl.

1945 holen ihn die Amerikaner ab, sperren ihn zuerst ins Weserstadion, dann wird er nach Westertimke verlegt, wo auch Franz Stapelfeldt ist. Es folgt eine Odyssee durch ein halbes Dutzend Lager. Sandbostel, das General Horrocks befreit hat, ist auch dabei. Am Ende steht ein Entnazifizierungsbescheid, der ihm bescheinigt, dass er sich für das Allgemeinwohl und seine Mitmenschen eingesetzt hat, viel auf kulturellem Gebiet geleistet hat und dass er ohne jede Beschränkung wieder in seinem Beruf arbeiten dürfe. Hermann Koch ist neunzigjährig im Jahre 1986 gestorben, und er hat sich bis zu seinem Tod die Frage gestellt: Ist es nicht hohnsprechend für die verantwortlichen Stellen, dass man deswegen drei Jahre interniert, aus dem Beruf entlassen und dass die Familie auf die Straße gesetzt worden war? Eine Frage, die sich Robert Kabelac in der Weserstraße (den meine Familie nie gegrüßt hat), der Erbauer des Farger U-Boot Bunkers Valentin und Herr über zehntausende von Zwangsarbeitern, nie zu stellen brauchte.

Entnazifizierung kann auch ganz anders sein. Zu Henry Rasmussen von der Bootswerft Abeking & Rasmussen kommt eines Abends ein amerikanischer Oberst mit einem dicken Packen Papier, Fragebögen, Namenslisten. Henry Rasmussen macht eine Flasche Wein auf, und dann machen die beiden Herren die Entnazifizierung der Werftangehörigen nach Gutsherrenart. Henry Rasmussen ist aus Svendborg auf Fünen, ist aber schon seit der Jahrhundertwende in Deutschland. War auf dem Bremer Vulkan, bevor er sich mit seinem Kompagnon Georg Abeking 1907 selbständig gemacht hat. In sein Heimatland Dänemark ist er jeden Sommer gefahren, da fährt er jetzt nicht mehr hin. Zu Anfang des Krieges hatte er eine Bootswerft in seinem Heimatort gekauft, auf dem Gelände, auf dem einst seine Vorfahren Boote gebaut hatten. Zurück zu den Ursprüngen, da hat er Segelboote gebaut, nichts Militärisches. Ist bei Kriegsende zwangsenteignet worden, die Dänen halten ihn für einen Kollaborateur. Das hat große Bitterkeit bei ihm hinterlassen.

Es gibt auch einen Widerstand gegen das Dritte Reich, der komische Formen annimmt. Heinz Bömers ist der Besitzer des angesehenen Bremer Weinhauses Reidemeister und Ulrichs. Er hat vor dem Krieg mit vielen französischen Winzern zusammengearbeitet und ist mit vielen seiner Geschäftspartner befreundet, er besitzt eigene Weinberge im Bordelais. 1940 wird der Hauptmann der Reserve Importbeauftragter für den Weineinkauf in Bremen, sein ihm zugewiesenes Gebiet sind Bordeaux, die Bourgogne und der Midi, die wichtigsten Weingebiete von Frankreich. Sein Auftrag als Reichsbeauftragter ist es, französischen Wein für Deutschland und die Wehrmacht zu kaufen. Im Gegensatz zu dem Reichsbeauftragten für Champagner, der in Frankreich den Haß aller Winzer auf sich zieht, denkt Bömers nicht daran, seine Geschäftspartner auszubeuten. Der Champagnerbeauftragte (der schnell den Spitznamen Champagner Führer bekommt) heißt Otto Klaebisch, er ist der Schwager des Außenministers Ribbentrop. Der war ja schon vorher im Sektgeschäft, hatte die Tochter von Otto Henkell geheiratet und vertrat die französischen Marken Mumm und Pommery. Ribbentrop wird in Nürnberg zum Tode verurteilt, sein Schwager (Mitbesitzer von Mathaeus Müller) steigt nach dem Krieg zur wichtigsten Persönlichkeit des deutschen Sekthandels auf. Aber der gute Ruf, wenn er den je hatte, ist dahin. 

Nicht bei Bömers. Der sorgt dafür, dass seine französischen Partner und Freunde genügend eigene Weine behalten können und liefert ungerührt minderwertige Qualitäten an die Wehrmacht. Als Göring einige Kisten Château Mouton-Rothschild bei ihm bestellt, besorgt sich Bömers Originaletiketten und lässt die fachmännisch auf Flaschen eines Durchschnittsweins kleben. Er will nicht, dass der von ihm verachtete Göring einen französischen Spitzenwein bekommt. Bömers hat auch nie im Traum daran gedacht, die großen jüdischen Weingüter wie Mouton-Rothschild oder Lafite-Rothschild zu arisieren. Als Bömers 1945 nach Bremen zurückkommt, ist sein Unternehmen von Bomben zerstört. Er fängt wieder von vorn an, mit selbstgebranntem Korn und Rübenschnaps, ist aber dank seiner französischen Freunde auch schnell wieder im Weinhandel. Er kauft einen ausgemusterten U-Boot Jäger (für irgendwas muß die Marine ja gut sein), der in den nächsten zehn Jahren Rotspon von Bordeaux nach Bremen transportiert.

Donnerstag, 7. Juni 2018

Publikumsbeschimpfung


Heute vor 52 Jahren wurde Peter Handkes Publikumsbeschimpfung unter der Regie von Claus Peymann Frankfurt am Main uraufgeführt:

Sie sind willkommen.
Dies ist eine Vorrede.
Sie werden hier nichts hören, was sie nicht schon gehört haben.
Sie werden hier nichts sehen, was sie nicht schon gesehen haben.
Sie werden hier nichts von dem sehen, was sie hier immer gesehen haben.
Sie werden hören, was sie sonst gesehen haben.
Sie werden kein Schauspiel sehen.
Ihre Schaulust wird nicht befriedigt werden.
Sie werden kein Spiel sehen.
Hier wird nicht gespielt werden.
Sie werden ein Schauspiel ohne Bilder sehen.
Sie haben etwas erwartet.
Sie haben vielleicht etwas anderes erwartet.
Sie haben Gegenstände erwartet.
Sie haben eine Atmosphäre erwartet.
Sie haben eine andere Welt erwartet.
Sie sehen hier keine Gegenstände, die andere Gegenstände vortäuschen.
Sie sehen keinen Raum, der einen anderen vortäuscht.
Sie erleben keine Zeit, die eine andere Zeit bedeutet.
Diese Bühne stellt nichts dar.
Das Licht, das uns leuchtet, hat nichts zu bedeuten.

Das ist lange her. Es war der Beginn der Karriere von Peter Handke. Hat es das deutsche Thater verändert? Ich weiß es nicht, ich mag Handke sowieso nicht besonders. Ich habe ihn einmal auf der Bühne gesehen, es war ein schöner Abend im Kieler Schauspielhaus. Es gab nicht die Publikumsbeschimpfung, der junge Dichter las seine eigene Lyrik. Die bestand aus dem Aufsagen der Namen der Spieler Fußballmannschaft von 1. FC Nürnberg, dem Ablesen der Hitparade von Radio Tokio und ähnlichen Gedichten. Damit kann der Bürgerschreck Handke vielleicht pensionierte Lateinlehrer im Altersheim schrecken, aber hier am heutigen Abend waren zu 95 Prozent Studenten im Raum. Die auch noch viel witziger sind als Handke, die cat calls und Kommentare nehmen kein Ende. Normalerweise geht dieses Publikum in die Mitternachtsvorstellung von Eddie Constantine Filmen, um sie zu kommentieren. Die Kommentare in diesen Vorstellungen sind auf einem höheren Niveau als manche Vorlesungen an der Uni. An diesem Abend auch wieder, definitiv besser als Handke. Wer ist nun der Dichter? Der Bilderstürmer Handke oder der anonyme Zwischenrufer?

1969 wurde ein Peter Handke Reader veröffentlicht (dessen Texte der Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt entnommen waren), da fand sich alles wieder. Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968, der Vorspann zum Film Bonnie und Clyde etc. Handke wird vom deutschen Feuilleton geliebt, aber ein wirklicher Dichter ist er nicht. Wenn man witzige Lyrik lesen will, dann sollte man Uli Becker lesen, wenn man richtige Lyrik aus dieser Zeit lesen will, dann gibt es nur Rolf Dieter Brinkmann.

Mittwoch, 6. Juni 2018

Marinemalerei


An den Wänden des großen Saals im ersten Stock unseres Heimatmuseums in der Weserstraße hingen Ölbilder (und einzelne Reproduktionen) von dem, was die Kunstgeschichte unter dem Begriff →Marinemalerei subsumiert. Die Marinemalerei gilt als Sondergattung der Landschaftsmalerei. Die regionalen Erzeugnisse von Malern an Nord- und Ostseeküste, die Unterabteilung Kapitänsbilder, auf denen liebevoll und manchmal ein wenig naiv ein einziges Schiff abgebildet ist, sind für Kunsthistoriker kein wirklich ernstzunehmendes Thema. Ist schon an der Grenze zur Volkskunst, zum Buddelschiff, zu →Scrimshaw und →Puffhunden. Dennoch mag man diese Bilder, die den Reiz des Dilettantischen mit pedantischer Sorgfalt im nautischen Detail vereinen. Auch wenn sie schon mit großer Routine gemalt sind, wie hier Fedelers Walfangbild aus der Südsee. Ein Bild, das von einem Maler aus dem Ort gemalt ist und auf den Walfang verweist, der den Ort im 19. Jahrhundert groß gemacht hat.

Kunsthistoriker beschäftigen sich mit den holländischen Meistern der Marinemalerei des 17. Jahrhunderts oder dem ideologischen Gehalt der Bilder von Hans Bohrt oder Willy Stöwer. Den Rest überlässt man den lokalen Historikern. Über Hans Bohrts →Der letzte Mann ist mehr geschrieben worden, als über die beiden Fedelers aus Bremen und Bremerhaven, Fritz Müller aus Bremen und Oltmann Jaburg aus Vegesack. Kunsthistoriker, die die See kennen wie Werner Timm oder Boye Meyer-Friese sind rar.

Wenn auch das schönste Bremer Museum, das Focke-Museum, auf dem Gebiet der Kapitänsbilder mehr zu zeigen hat als wir (die besitzen mehr als 160 Kapitänsbilder), ansehnlich ist der Bestand des Heimatmuseums (Bild) schon. Allerdings haben wir leider keinen so einen schönen Katalog wie Schiffe aus Bremen: Bilder und Modelle im Focke-Museum von Johannes Lachs.

Keiner der Bremer Maler hatte eine akademische Ausbildung, aber die Bildkomponenten, auf die es ihren Auftraggebern ankommt, die detailgetreue Wiedergabe von Schiff, See und Himmel, die kriegen sie schon sehr gut hin. →Fritz Müller ist als Kapitän zur See gefahren (und war Leutnant in →Admiral Brommys Flotte), er soll im amerikanischen Bürgerkrieg gefallen sein. Sein Leben bleibt ein großes Geheimnis. Andere Maler haben zumindest längere Seereisen unternommen. Auf diesem Bild von  Müller ist die Bark C. J. Borgstede mit der Bremer Speckflagge zu sehen.

Oltmann Jaburg hat zusammen mit seinem Bruder, dem Portraitmaler Addig Jaburg, noch ein kleines Zusatzgeschäft. Die beiden malen in den Sommermonaten Sommergäste auf Norderney, das jetzt ein fashionables →Seebad geworden ist, und eine gut verdienende Klientele bestellt gerne bei den Jaburgs. Der König von Hannover macht hier Urlaub. →Klaus Groth wird zum Ärger seiner Frau da sofort wieder abreisen, weil er dem nicht vorgestellt werden will: Ferner machte Klaus eine Reise nach Norderney, um Großvater dort zu seinem 84sten Geburtstag zu begrüßen. Dies endete etwas unglücklich u. hinterließ deshalb eine Mißstimmung. Der König von Hannover kam auf Norderney an. Großvater wünschte, daß Klaus sich ihm vorstellen ließe. Klaus wollte es nicht u reiste Knall auf Fall ab, weil er es dort bei längerem Sein nicht hätte vermeiden können.

Oltmann Jaburg betreibt nebenbei ein photographisches Atelier und wird zu seinem Lebensende Schiffe nicht mehr malen, sondern photographieren. Auf die Idee sind Marinemaler weltweit auch schon gekommen. Kapitänsbilder sind teuer, das kann sich nur ein Kapitän oder ein Steuermann leisten. Wenn der Deutschamerikaner John Henry Mohrmann in Antwerpen um 1900 für ein Bild fünfzig Mark nimmt, dann ist das der halbe Monatslohn eines Steuermanns.
Für die Mannschaften bleibt da nur die Photographie: In Melbourne keem’n Schippsmaler an Buurd. Dee hett mi een Bild maalt för twintig Mark. He hett dat Bild ok photographiert – de Photographie verköfft he an de Besatzung för eenen Schilling.

Noch eine Stufe preiswerter bietet in Amerika die Firma Currier&Ives Lithographien von dramatischen Schiffszenen an. Aber auch hierzulande gibt es Pfennigdrucke aus der Bildergalerie des Volkes. →Theodor Fontane wird in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg ausführlich auf Schiffsdarstellungen in den →Neuruppiner Bilderbögen eingehen. Natürlich sind es dramatische Ereignisse, die er hier erwähnt: die brennende Birkenhead und die zwischen Eisbergen zertrümmerte Präsident. Etwas weniger Dramatisches hätten wir vom Autor von John Maynard ja auch nicht erwartet.

Kapitäne auf Ostasienfahrt lassen ihre Schiffe häufig von Chinesen malen. So wie findige Schneider in Hongkong heute für ihre Kunden Anzüge von Schneidern der →Savile Row für die Hälfte des Preises kopieren, unterbieten die Maler der chinesischen Schule im 19. Jahrhundert ihre westliche Konkurrenz an Nord- und Ostsee. Den Detailreichtum der Schiffe kriegen sie auch immer minutiös hin, aber mit den Wellen und den Wolken hapert es etwas, alles ist eindimensional flächig, es gibt keine Tiefe des Raumes.

Das können die Bremer, von den Fedelers bis zu den Jaburgs besser, sie können Wasser, Wellen und Wolken mit einer perfekten Transluzität in jeder Farbe und Stimmung malen. Die Bremer Maler sind in jedem Werk zu deutschen Marinemalerei repräsentativ vertreten, am schönsten in dem oben erwähnten Katalog des Focke-Museums Schiffe aus Bremen. Ein Blumenthaler Amtsrichter namens Peter-Michael Pawlik, der sich bei seiner Beamtentätigkeit offenbar langweilte, hat in seinem dreibändigen Werk, für das ihm jeder Bremer dankbar sein muss, →Von der Weser in die Welt, alle an der Weser gebauten Segelschiffe erfasst. 

Er hat in →Band II auch einen kurzen, aber gut recherchierten Abriss über die Bremer Marinemaler. Und natürlich auch alle Kapitänsbilder von diesen Schiffen. Das Werk ist leider sehr teuer, ist aber jeden Cent wert. Vor einem halben Jahrhundert hätte man für das Geld noch einen Carl Fedeler (Bild) gekriegt, jetzt liegt so etwas bei internationalen Auktionshäusern bei 10.000 bis 15.000 $ Eröffnungsgebot. Und selbst ein nicht signiertes Ölbild, das seinem Vater Carl Justus Fedeler nur zugeschrieben wird, brachte vor Jahren über 7.000 Euro.

Oltmann Jaburg (hier seine Havarie auf hoher See) aus Vegesack ist nicht ganz so gefragt, bringt aber doch zwischen 3.000 und 6.000 Dollar. Die Preise sind im Steigen, wenn auch bei manchen Bildern aus einem kuriosen Grund. Viele der von den Bremer Marinemalern gemalten Schiffe haben Auswanderer nach Amerika transportiert. Auf der Suche nach einer eigenen Familiengeschichte, nach ihren roots, versuchen die Amerikaner jetzt, an Bilder jener Schiffe zu kommen, die ihre Vorfahren von Bremen, Bremerhaven oder Hamburg nach Amerika gebracht haben.