Mittwoch, 18. Februar 2026

muss nicht sein

Im nächsten Jahr soll es eine neue ✺Verfilmung von Wuthering Heights geben, ich weiß nicht, ob das sein muss. Wenn man die Spielfilm- und TV-Versionen des Romans addiert, kommt man sicher auf mehr als zwanzig Titel (die ✺Monty Python Version nicht mitgezählt). Ich würde nichts davon empfehlen wollen, auch den Film von ✺1939 nicht, Emily Brontës Roman lebt von der Sprache. Der Roman wird in diesem Blog schon in dem Post Sturmeshöhe besprochen. Und in dem Post Wuthering Heights gibt es einiges über die Übersetzung, die Sie auf keinen Fall lesen sollten.

Das war im letzten Jahr der letzte Absatz in dem Post die vergessene Oper, inzwischen gibt es den Film seit einer Woche im deutschen Kino. Sie können ✺"Wuthering Heights" in einer schlechten Kopie hier sehen, wenn Sie wollen. Muss aber nicht sein. Weltliteratur als Groschenroman kann man auf der Filmkritik Seite lesen, wo auch oberflächlicher Edeltrash-Film steht. Die An- und Abführzeichen des Filmtitels hat die Regisseurin Emerald Fennell so gewollt, weil dies nur ihre Adaption sei. But the thing for me is that you can't adapt a book as dense and complicated and difficult as this book. Mit dem letzten Satz hat sie sicher Recht. Aber wenn man weiß, dass man den Roman nicht verfilmen kann, warum tut man es dann? Damit man ein paar BDSM Szenen filmen kann?

Manche Literaturverfilmungen gehen daneben. Zum Beispiel die des Romans Die Rote von Alfred Andersch. Die Pressekonferenz in Berlin nach der Premiere des Filmes ✺Die Rote war noch nicht zu Ende, da gab es schon einen Eklat. Andersch und Käutner beschimpften sich, Ruth Leuwerik fing an zu weinen. Alfred Andersch warf dem Regisseur Helmut Käutner vor, sich bei der Verfilmung nicht im geringsten an das Drehbuch gehalten zu haben, das er angefertigt hatte. Dem Schriftsteller wurde von Regisseur und Produzent entgegnet, man habe sein Drehbuch nicht benutzen können, weil es als Drehbuch völlig unbrauchbar gewesen sei. Käutner hat später zugegeben, dass alle Schuld an dem Misserfolg bei ihm gelegen habe. Und dass Ruth Leuwerik eine Fehlbesetzung für den Film war. Das stand hier vor Jahren in dem Post Drehbücher, in dem viel über Literaturverfilmungen gesagt wird.

Häufig ist es nicht die Schuld der Regisseure, sondern die Schuld der Studios und Geldgeber, die die Treue zum Text bei der Verfilmung verhindern. John Huston hat das bei der Verfilmung von Stephen Cranes ✺The Red Badge of Courage erfahren müssen. Lillian Ross hat ein ganzes Buch über die Dreharbeiten geschrieben. Hustons Moby-Dick war ein vergeblicher Versuch, aus einem unverfilmbaren Roman einen Film zu machen. Aber in seinem letzten Film ✺The Dead. da ist John Huston ganz nah an dem Text von James Joyce.

Literaturverfilmungen sind eine schwierige Sache, die Engländer können das offensichtlich besser, wenn wir an die vielen Jane Austen Filme, an A Dance to the Music of Time oder Brideshead Revisited denken. Franzosen können das auch Bertrand Tavernier hat das mit dem schönen Film ✺Un dimanche à la campagne und dem Film ✺Capitaine Conan gezeigt. Und Raoul Ruiz hat mit ✺Le temps retrouvé bewiesen, dass man Proust vielleicht doch ein wenig verfilmen kann. Wenn ich zu dem Thema ein Buch empfehlen darf, dann wäre das der Suhrkamp Band Literaturverfilmungen, der von Franz-Josef Albersmeier und Volker Roloff herausgegeben wurde. Wenn Sie mehr über Literaturverfilmungen lesen wollen, dann kann ich auf den Post The Go-Between verweisen. Es ist einer der wenigen Posts in diesem Blog, der vor vielen Jahren in einem Buch veröffentlicht worden war, ich würde ihn heute immer noch genau so schreiben.

Für manche Filme bietet es sich an, dass sie einen Erzähler im Off haben, was man wissenschaftlich extradiegetische Narration nennt. Bertrand Tavernier, der mit einer Drehbuchautorin verheiratet ist, macht davon in Un dimanche à la campagne überzeugend Gebrauch. Was ihm leicht fiel, da Pierre Bost, der Autor des Romans, eigentlich Drehbuchautor war, und der Roman Monsieur Ladmiral va bientôt mourir sich schon wie ein Drehbuch las. 

Schwieriger war es für Axel Corti, der bei der Verfilmung von Radetzkymarsch neben sich mehrere Drehbuchautoren hatte. Sich aber durchsetzen konnte, einen Erzähler im Off (Udo Samel) zu verwenden, das hält den Film (✺Teil 1 und ✺Teil 2) zusammen, der sonst auszuufern drohte. Vielleicht mehr als die wenig bekleideten Schauspielerinnen Charlotte Rampling, Elena Sofia Ricci und Julia Stemberger.

Den Erzähler im Off kann die englische Regisseurin Emerald Fennell nicht verwenden, da die Erzählsituation des Romans zu kompliziert ist. Sie könnte ihn verwenden, da sie nur den halben Roman verfilmt. Fennell war nicht nur die Regisseurin für "Wuthering Heights", sie war auch Co-Produzentin und Autorin des Drehbuchs. Die Kritikerin Therese Lacson fragt sich, ob Fennell Emily Brontës Roman wirklich gelesen hat: Fennell has made no bones about how her 'interpretation' of Brontë's novel is based on her feelings for the book after reading it at 14. However, after cutting away nearly all the story's characters and only adapting about half of the book, I have to wonder if Fennell has ever actually read the novel she's based her passion project on. Because if you strip this movie of its title and change the characters' names, this isn't anything close to Brontë's story. 

Mit der Einsamkeit der Heide in Yorkshire im Jahre 1800 hat der Film wenig zu tun. Das, was die Schauspielerin Margot Robbie im Film (im Absatz oben) trägt, hat mit der Kleidung von 1800 nichts zu tun. Klamotten aus Latex gab es damals noch nicht. Irgendwie erinnert das Kleid an die Wuthering Heights Oper in Braunschweig vor zehn Jahren. Da sah Catherine Earnshaw ähnlich aus, wie man auf diesem Bild sehen kann.

Das Pfarrhaus von Haworth, in dem die Brontë Schwestern aufwachsen, liegt eine Viertelstunde Autofahrt von Saltaire entfernt, wo Sir Titus Salt die größte Fabrik Englands für alle Arten von Baumwollstoffen hat. Die Brontës werden, wie alle Frauen in der Zeit, Baumwollkleider getragen haben. Vielleicht auch einmal eins aus dem glänzenden Alpakavlies, auf das Sir Titus so stolz war. Aber Latex bestimmt nicht. Dass das Pfarrhaus heute noch so gut erhalten ist, verdankt die Nation Sir James Roberts, der 1892 die Firma von Titus Salt übernommen hatte. Der Mann aus Haworth, der Charlotte Brontë noch gekannt hatte, hatte das heruntergekommene Pfarrhaus gekauft und es 1928 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, dafür sollte man ihm dankbar sein. Emerald Fennell muss man für nichts dankbar sein.

Sonntag, 15. Februar 2026

Florinda Bolkan

Die brasilianische Schauspielerin Florinda Bolkan wird heute fünfundachtzig, da muss ich gratulieren. Sie ist inzwischen vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten, aber in den siebziger Jahren da gehörte die italienische Filmwelt ihr. Zuerst tauchte sie mit solchen Photos in →Magazinen auf, aber dann kriegte sich auch richtige Rollen im Film. Und bekam dreimal den David di Donatello als beste Schauspielerin. Der Film ✺Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto, in dem sie mitspielte (nackt in der Badewanne und später umgebracht) bekam einen Oscar als bester fremdsprachiger Film. Wenn Sie Florinda Bolkan kennenlernen wollen, dann schauen Sie sich doch mal eben diesen kurzen ✺Film an, dann kennen Sie sie. Sie singt da übrigens selbst. 

Wenn man zwischen den schönsten Männern der siebziger Jahre steht, dann hat man es geschafft. Auch wenn der Film (✺The Last Valley) ein furchtbarer Historienschinken war. 1968 war sie (wie auch Ringo Starr) in der erotischen Fantasykomödie ✺Candy zu sehen gewesen, ein Jahr später spielte sie in ✺Metti, una sera a cena (mit der Musik von Ennio Moricone) die Ehefrau von Jean-Louis Trintignant. Mit dem wird sie noch zweimal vor der Kamera stehen, 1969 in ✺Le voleur de crime und 1974 in Le mouton enragé.

Wirklich berühmt wurde die Stewardess der brasilianischen Fluggesellschaft Varig, die eigentlich mit der Schauspielerei nichts am Hut hatte, weil Luchino Visconti für sein Nazi Epos Die Verdammten (✺La caduta degli dei) haben wollte. Aber Florinda Soares Bulcão sah nun mal gut aus und sprach mehrere Fremdsprachen, da bietet sich ein Job als Filmstar an. Sie blieb in Italien. La caduta degli dei ist ein Film, den ich wirklich nicht mag. Irgendwie wirkt Florinda Bolkan als Geliebte von Helmut Berger in dem opulenten Ausstattungsfilm wie ein hübsches Möbelstück

Ihre besten Filme werden noch kommen. Sie schrieb Visconti nach den Dreharbeiten einen rührenden Brief: Wie schön es ist, danke zu sagen. Viele haben es verlernt, sich zu bedanken. Sie reden sich ein: Die Zeit ist knapp geworden und nüchtern. Sie machen nur noch ihre Pflicht. Gefühle gehören nicht dazu. Dabei wissen wir doch alle, wie wichtig ein Wort des Dankes und der Anerkennung ist. So stand es auf jeden Fall in der Münchner illustrierte Presse. In München kannte man Florinda Bolkan, weil ihre Halbschwester, das Model Sônia Ribeiro, 1972 Willy Bogner geheiratet hatte.

Sie war Visconti ewig dankbar, dass er ihr den Rücken gestärkt und ihr die Tür zur großen Welt geöffnet hatte: Passai in pochi mesi dalle notti folli nei locali trasgressivi della Roma dei primi anni ’70 – dove tutti mi corteggiavano e mi volevano – a cenare con Elsa Morante, Toscanini, Maria Callas. Luchino mi voleva bene come un padre ed io gli volevo bene come una figlia. Mi ha aperto lo sguardo sul mondo. Es war auch die Welt der Mode, die sich auf sie stürzte. Als Valentino seine erste Boutique in New York eröffnete, stand sie an seiner Seite.

Florinda Bolkan hat mehr als fünfzig Filme gedreht, vieles braucht man wirklich nicht zu sehen, Allein gegen die Mafia ganz bestimmt nicht. Und diesen Trash wie ✺A Lizard In A Woman's Skin (1971) oder Nonnen bis aufs Blut gequält (✺Flavia, la monaca musulmana (1974) auch nicht. Sie drehte zu viele Filme mit dem italienischen Meister des Horrorfilms Lucio Fulci. Aber zwischen vielem Zelluloidschrott gab es immer wieder kleine Perlen.

Wie zum Beispiel der Film von Vittorio De Sica ✺Una breve vacanza (1973), in dem sie eine an TBC erkrankte Fabrikarbeiterin spielt, die zur Kur geschickt wird. Es ist ein stiller Film, in dem sie einmal zeigen kann, dass sie eine wirklich gute Schauspielerin ist. De Sica sagte ihr, als sie die Rolle bekam: I chose you because your eyes have known hunger. Sie hat ihm geantwortet: Those born in Ceará bring within themselves a strong and hard share of the real thing. Die Los Angeles Film Critics Association gab ihr für den Film verdientermaßen den Best Actress Preis.

Ein Jahr später war Florinda Bolkan in einem ganz anderen Film, der Das wilde Schaf (✺Le mouton enragé) hieß. Vielleicht spielte Romy Schneider da die Hauptrolle, aber man guckt den Film nur wegen der Nebenrollen. Wegen Jane Birkin und Florinda Bolkan. Und natürlich wegen Jean-Louis Trintignant. Der wirkt neben Florinda immer ziemlich klein. Das liegt daran, dass sie einen Meter fünfundsiebzig ist, und Trintignant eben viel kleiner ist, auch wenn das Internet behauptet, er sei 1,72 groß. In dieser Szene ist Florinda noch bekleidet, aber das bleibt nicht so, wie wir im nächsten Photo sehen können.

Ohnehin wird in dieser bösen Satire viel nackte Haut gezeigt: Schließlich geht es um Sex, Geld und Erfolg. Um diese Ingredienzen einer dekadenten Gesellschaft entspinnt sich eine herrlich bissige Geschichte, wie sie vielleicht nur das französische Kino der frühen Siebziger Jahre hervorbringen konnte, schreibt Dr Robert Lorenz auf seiner Seite. Das ist das Mindeste, was man über diesen wunderbaren kleinen Film von Michel Deville sagen kann.

Sie wird heute an ihrem Geburtstag wahrscheinlich nicht auf den Kissen mit ihrem Photo sitzen, wie hier im Jahre 1983, aber es geht ihr nicht schlecht, sie bewohnt eine Villa in einem Landgut. Wenn man überall lesen kann, dass Visconti sie entdeckt hat, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Wahrscheinlich hat die Filmproduzentin Contessa Marina Cicogna, die die The New York Times einmal the most powerful woman in European cinema nannte, diese Entdeckung herbeigeführt. Mit ihr lebte Bolkan von 1967 bis 1982 zusammen. Die Trennung verlief im Streit, die Contessa war ihr zu autoritär und dominant geworden: Sento un grande dispiacere per una persona nei confronti della quale provo gratitudine, insieme al cinema abbiamo fatto un cammino cinematografico importante.

Florinda Bolkans neue Lebensgefährtin Anna Chigi ist eine Prinzessin, obgleich sie nichts auf diesen Titel gibt. Die beiden Frauen bewirtschaften ein Landgut in Bracciano, mit Pferdezucht und Gasthaus. Florinda kocht selbst. Alles dazu können Sie Florinda Bolkans Homepage entnehmen. Da gibt es auch eine Seite, mit der Sie ihr Geburtstagsgrüße schicken können. Mein Happy Birthday geht mit diesem Post in die Welt.

Mittwoch, 11. Februar 2026

Liebesleid

Dass Mia Farrow am 9. Februar einundachtzig wurde, habe ich nur dadurch erfahren, dass das Fernsehen ihr zu Ehren Hannah und ihre Schwestern sendete. Ein Film, der hier schon einmal wegen Michael Caine und Barbara Hershey erwähnt wird. Nicht wegen Mia Farrow, ich bin kein Farrow Fan. Ich war nur einmal ihretwegen im Kino, 1984 für Broadway Danny Rose. Da war sie vierzig und sah in ihren nuttigen Klamotten sehr gut aus. Da hatte sie nicht mehr den Kurzhaarschnitt, den ihr Vidal Sassoon verpasst hatte. Für The Great Gatsby bin ich 1974 nicht ins Kino gegangen. Ich liebe den Roman, man kann ihn nicht verfilmen, auch nicht mit Mia Farrow. Joseph Losey hätte sie Jahre zuvor gerne für The Go-Between gehabt, aber er konnte froh sein, dass er Julie Christie hatte. Mia hätte den Film ruiniert. Ich mag Mia Farrow wie gesagt nicht sehr. Sie hat hier schon den Post Beware of young girls, da kommt sie nicht besonders gut weg.

Mit Woody Allen war sie zwölf Jahre verheiratet, aber ihren ersten Ehemann Frank Sinatra hat sie ihr ganzes Leben lang geliebt. Die Klatschpresse vermutet, dass auch ihr Sohn Ronan ein Kind von Frankieboy ist. Das Liebesleben von Mia Farrow ist vor dreißig Jahren schon als Love and Betrayal: The Mia Farrow Story als Film erschienen, Mia wurde da von Patsy Kensit gespielt.

Zum Thema Liebesleben muss ich heute noch eine andere Frau erwähnen. Weil sie heute Geburtstag hat. Wir müssen dafür nur ein paar Jahrhunderte zurückspringen. Es ist eine ganz andere Welt. Es kann uns immer ganz gut tun, aus unserer Zeit etwas zurückzugehen. In eine Welt, in der es keine sogenannten Social Media und keinen Donald Trump gibt. In der man noch auf die Sprache vertraut, die Schönheit der Worte und Gedanken. Wir sind in der Romantik, und die Frau, die heute Geburtstag hat, heißt Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode. Sie schreibt Liebesgedichte wie dieses:

Liebe

O reiche Armut! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Mut! In Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Not, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten

Leben im Traum und doppelt Leben.

Ich habe das Gedicht hier von Imogen Kogge gelesen, sie liest es sehr schön. Aber so viele Liebesbriefe und Liebesgedichte die Günderrode schreibt (die schöne Seite der deutschen Liebeslyrik präsentiert achtzehn Gedichte, aber es sind mehr), sie findet keinen Mann. Der, den sie liebt, der sie heiraten wollte, kneift im letzten Augenblick. In ihrem Gedicht Überall Liebe spricht sie schon vom Selbstmord: Soll mutig ich zum Schattenreiche gehn? Um andre Freuden, andre Götter flehn, Nach neuen Wonnen bei den Toten fragen? Sie wird das wahrmachen, alls diese grande amour für sie zu Ende ist, sticht sie sich am Rheinufer einen Dolch in die Brust. Wenn man das weiß, wird man das Gedicht Überall Liebe anders lesen:

Kann ich im Herzen heiße Wünsche tragen?
Dabei des Lebens Blütenkränze sehn,
Und unbekränzt daran vorübergehn,
Und muß ich trauernd nicht in mir verzagen?

Soll frevelnd ich dem liebsten Wunsch entsagen?
Soll mutig ich zum Schattenreiche gehn?
Um andre Freuden, andre Götter flehn,
Nach neuen Wonnen bei den Toten fragen?

Ich stieg hinab, doch auch in Plutons Reichen,
Im Schoß der Nächte, brennt der Liebe Glut,
Daß sehnend Schatten sich zu Schatten neigen.

Verloren ist, wen Liebe nicht beglücket,
Und stieg er auch hinab zur styg'schen Flut,
Im Glanz der Himmel blieb er unentzücket.

Ich habe das Gedicht hier von Janina Sachau  vorgetragen. Die Gedichte der Günderrode sind vertont und gesungen worden. Wie von Wolfgang Rihm mit Das Rot. Sechs Gedichte der Karoline von Günderrodehier mit Ton. Ich habe das Werk auch von von Christoph Prégardien. gesungen. Man hat die Günderrode nie vergessen. Dichter haben über sie geschrieben: Bettina von Arnim schrieb den Briefroman Die Günderode, Hans Magnus .Enzensberger schrieb das Drehbuch für einen Film. Und alles andere, was Sie wissen möchten, das lesen Sie doch in dem Post die Günderrode, der hier vor Jahren auch an einem 11. Februar stand.

Sonntag, 8. Februar 2026

Paula Becker-Modersohn

Heute vor einhundertfünfzig Jahren wurde die Malerin →Paula Becker-Modersohn in Dresden geboren. Als sie zwölf Jahre alt war, zogen ihre Eltern nach Bremen. Sie wohnten zuerst im vornehmen Schwachhausen, dann noch vornehmer im Haus von →Aline von Kapff. Die hat hier schon als Tante Aline einen Post, Paula Becker-Modersohn hat noch keinen Post. Sie wird aber in einem Dutzend Posts erwähnt. Die Maler von Worpswede tauchen in diesem Blog immer wieder auf, diese Posts werden auch viel gelesen, der Post über Heinrich Vogeler hat über dreizehntausend Leser.

Erwarten Sie von mir heute bitte nichts zu Paula, ich habe kein Verhältnis zu ihrer Malerei. Wirklich nicht. In dem Post die Königin Caroline Mathilde habe ich geschrieben: Dass ich in Rotenburg (Hannover) geboren werde, verdanke ich den Fliegerangriffen auf Bremen, man hatte Teile des Bremer Krankenhauses ausgelagert. Ich bin ein Sonntagskind, das wird man mir immer wieder erzählen. Kurz nachdem ich geboren werde, stirbt in demselben Krankenhaus der Maler Otto Modersohn, der Ehemann von Paula Becker-Modersohn, einer Nationalheiligen in Bremen. Modersohn war auch der Onkel von Cato Bontjes van Beek. Wäre ich in Bremen geboren, wie später mein Bruder, wäre ich ein echter Bremer geworden. Die sind da in Bremen ja eigen, wer ein echter Bremer, ein Tagenbaren, ist. An diesem Mythos Bremen arbeiten viele, und auch ich kann nicht leugnen, ihm zeitweise erlegen zu sein. Ich schreibe immer noch an meinen Bremensien, die in meinem Kopf als Roman mit dem Titel Anti-Bremen begannen. Obgleich ich eher wie Fitzgeralds Held Jay Gatsby meine eigene Geschichte und mein eigenes Konzept meines Lebens erfinde.

Dass die Bremer die Paula wie eine Nationalheilige verehren, war nicht immer so. 1899 schreibt der damalige Bremer Kunstpapst Arthur Fitger: Unsere heutigen Notizen müssen wir leider beginnen mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns darüber, daß es so unqualifiercirbaren Leistungen wie den sogenannten Studien von Maria Bock und Paula Becker gelungen ist, den Weg in die Ausstellungsräume unserer Kunsthalle zu finden, ja daß man ihnen ein ganzes Cabinet eingeräumt hat.... daß so etwas hat möglich sein können, ist sehr zu beklagen. Für die Arbeiten der beiden genannten Damen reicht der Wörterschatz einer reinlichen Sprache nicht aus, und bei einer unreinlichen wollen wir keine Anleihe machen... so ist auch uns in diesem Augenblick der Gedanke an unsere Kunsthalle so widerwärtig geworden, daß wir den lebhaften Wunsch nicht mehr unterdrücken können, möglichst bald sie uns aus dem Sinn zu schlagen und uns Erfreulicherem zuzuwenden. Dass die Bremer auf den grottenolmschlechten Maler und Literaten Fitger hören, ist ein Zeichen ihres schlechten Geschmacks, den der Kunsthallendirektor Gustav Pauli und Mitglieder der Goldenen Wolke bekämpfen wollen. Aber es ist leider so, die junge Malerin verkauft zu Lebzeiten nur eine Handvoll Bilder. Ich finde diese Sandkuhle am Weyerberg von 1899 gar nicht so schlecht, obgleich mir der sandige Kreuzberg von Otto Piltz besser gefällt.

Zu ihrem sechsten Hochzeitstag malt sie sich als Schwangere, aber sie ist noch gar nicht schwanger. Das Bild von 1906 gilt als der erste Selbstakt einer Malerin. Sie malt immer wieder Akte, ihr Mann notiert dazu in seinem Tagebuch: malt lebensgroße Akte und das kann sie nicht, ebenso lebensgroße Köpfe kann sie nicht. Wenn man ihre Aktbilder mit den Bildern vergleicht, die sich hier in dem Post Aktmalerei finden, dann wird man dem Urteil ihres Mannes zustimmen müssen. Sie hat auch immer wieder Selbstbildnisse gemalt, von denen das im zweiten Absatz aus dem Jahre 1897 meiner Meinung nach das schönste und lebendigste ist. Es war vor sechs Jahre zum ersten Mal in einer Ausstellung in Bremen zu sehen. Das Bild Selbstbildnis nach halblinks im siebten Absatz ist das teuerste Bild von ihr, das je auf einer Auktion verkauft wurde, es hat mehr als eine Million Euro gebracht.

Ein Jahr nach dem Akt zum Hochzeitstag wird sie wirklich schwanger. Sie stirbt kurz nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde (Tille) mit einunddreißig Jahren. Ihre Tochter wird einundneunzig Jahre alt werden. Ihr Vater hat ihr erst, als sie achtzehn war, erzählt, wer ihre Mutter war. In der Bremer Straßenbahn, damit sie vom Verkehr abgelenkt war und nicht so weinte. Mathilde Modersohn hat im hohen Alter mit ihrer Halbschwester noch eine Stiftung für die Gemälde ihrer Eltern gegründet. 

Es gibt in Bremen in der Böttcherstraße ein Paula Modersohn-Becker Museum, das dauerhaft Werke von Paula zeigt. Der Bremer Millionär Ludwig Roselius, der sein Geld mit dem entkoffeinierten Kaffee HAG gemacht hatte, hat sich dieses Haus von dem Architekten Bernhard Hoetger (der auch den Niedersachsenstein auf dem Weyerberg entwarf) bauen lassen.

Paula war für die Freundschaft mit Hoetger (den sie in Paris kennengelernt hatte) und die Unterstützung, die sie von ihm bekam, sehr dankbar: Sie haben mir Wunderbarstes gegeben. Sie haben mich selber mir gegeben. Ich habe Mut bekommen. Mein Mut stand immer hinter verrammelten Toren und wußte nicht aus noch ein. Sie haben die Tore geöffnet. Sie sind mir ein großer Geber. Ich fange jetzt auch an zu glauben, daß etwas aus mir wird. Und wenn ich das bedenke, dann kommen mir die Tränen der Seligkeit … Sie haben mir so wohl getan. Ich war ein bißchen einsam.

Hoetger wird nach ihrem Tod die Plastik Mutter und Kind für Paulas Grabmal auf dem Worpsweder Friedhof schaffen. Das Grabmal ist frei zugänglich, ist aber in keinem schönen Zustand. Das ist ähnlich wie beim Berliner Kleist Denkmal, wo auf der Rückseite die Zeile aus Prinz von Homburg steht: Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein steht. 1927 wurde Hoetgers expressionistisches Bauwerk als Paula Becker-Modersohn Haus eröffnet. Die Reihenfolge der Nachnamen hatte Roselius so festgelegt. Ich benutze den Namen seit kleinauf auch immer so. Die ganze Böttcherstraße mit der eigentümlichen Architektur war ja ein →Roselius-Hoetger Gesamtkunstwerk, das den →Nazis wenig gefiel. Trotz des →Lichtbringers im Eingang. Als von den Nazis die Bilder von Paula Becker-Modersohn aus den Kunsthallen als entartete Kunst entfernt werden, kann Roselius sein Museum aber bewahren. Irgendwie konnte man die Worpsweder, von denen auch viele den Nationalsozialimus befürworteten, ja auch als völkische Kunst verstehen.

1979 verkaufte der Sohn von Ludwig Roselius Kaffee Hag und die Böttcherstraße an das amerikanische Unternehmen Kraft Foods, kaufte aber Teile der Straße zurück. Das Paula Becker Modersohn Haus ist jetzt im Besitz der Stadt Bremen. Das Haus Atlantis leider nicht. Mein Freund Peter hatte als Landeskonservator einen langen Kampf gegen einen schwedischen Hotelkonzern, der sich von hinten in die Böttcherstraße hineinfrass. Die Fassade und der Himmelssaal sind aber erhalten. Im Haus waren auch die Kammerspiele, wo ich bei der Aufführung von Wer hat Angst vor Virginia Woolf hinter  dem Kultursenator Dehnkamp und seiner Frau saß. Und als in der Pause das Licht anging, sagte Frau Dehnkamp zu ihrem Mann: Ischa bis jetzt noch nich viel Sinn in. Gefällt mir immer noch der Satz. Und es gab da auch ein Kino, wo ich mit meiner Freundin Traute vergeblich an der Kasse für Bergmans Film Das Schweigen anstand. Meine Böttcherstraßen Erinnerungen haben selten etwas mit Paula Becker-Modersohn zu tun. Die Straße kommt x-mal in meinem Blog vor, aber nur, weil der Herrenausstatter Hans Kalich da seinen Laden hatte.

Das Leben von Paula Becker-Modersohn ist gut erforscht, und dankenswerterweise hat sie einen guten Wikipedia Artikel. Seit der Bremer Kunsthallendirektor Gustav Pauli 1919 ein kleines Buch mit einem Werkskatalog veröffentlichte, hat es eine Flut von einem Dutzend Biographien gegeben. Auch der Briefwechsel ist veröffentlicht. Und es gibt viele Kataloge von Ausstellungen, dies Bild zeigt den Dresdner Katalog aus dem Jahe 2003, den mir die Astrid geschenkt hat, die bei den Staatlichen Sammlungen arbeitet. Ich bekomme immer Paula Becker-Modersohn Bücher geschenkt. Die stelle ich in das Regal zu den Worpsweder Malern. Wenn ich über meinen Computerbildschirm auf die Bücherwand vor mir gucke, stehen da anderthalb Regalmeter Worpswede. Nicht alles habe ich gelesen, manches steht da nur, weil es schön aussieht. Ich habe keine Leseliste und keine Buchempfehlungen für Sie, aber ich habe auch noch bewegte Bilder. Nämlich den Film Paula Modersohn-Becker - Geschichte einer Malerin, den Wilfried Hauke 2007 für Radio Bremen gedreht hat.

Werden Malerinnen glücklich, wenn sie einen Maler heiraten? Ist sie glücklich, weil sie häufig getrennt sind, weil sie lieber in Paris als in der torfigen Tristesse von Worpswede ist? Ihr Mann schreibt ihr Liebesbriefe: Nun bitte ich Dich ... schreib mir mal einen wirklichen, rechten, echten Liebesbrief, hörst Du, Paula, ich sehne mich danach. Immer malen das hält man auch nicht aus. Und nun laß Dich umarmen Du liebstes Wesen und Dich mit heißen Küssen bedecken von Deinem Manne. Aber als sie den Akt von 1906 malt, da will sie sich schon scheiden lassen.

Otto Modersohn malt seine Frau, wie sie im Garten malt. Ein nettes Bild. Aber ist das große Kunst? Wenn man das Bild mit den Bildern vergleicht, die Peder Severin Krøyer von seiner Frau Marie gemalt hat, dann kommt einem dies hier schon arg provinziell vor. Auch die Ehe der Krøyers ist nicht glücklich, Paula und Marie haben beide einen viel älteren, und als Maler viel berühmteren, Mann. Marie trennt sich schnell von Krøyer, und geht ihren eigenen Weg. Paula zieht die Metropole Paris dem Moordorf Worpswede vor. Viermal von 1900 bis zu ihrem Tod wird sie dort sein, vielleicht waren das auch immer kleine Fluchten.

Dieses Bild von Heinrich Vogeler, das jetzt meist Sommerabend auf dem Barkenhoff genannt wird (wahrscheinlich möchte man mit dem Titel die Bilder der blauen Stunde der Skagen Maler assoziieren), ist eins-siebzig mal drei Meter groß. Es ist das bekannteste Bild Vogelers, eine Art Mittsommernacht in Worpswede, ein idyllisches Zusammensein junger Künstler. Die Figuren sind beinahe lebensgroß, und wenn der große Hund nicht wäre, könnte man die Stufen der Treppe hinaufgehen und sich zu den Personen setzen. Paula im weißen Kleid sitzt ganz links. 1901 hatten Vogeler, Modersohn und Rilke geheiratet, da war die Welt, die sie so schwärmerisch erneuern wollten, noch heil. Jetzt sind sie alle miteinander zerstritten, den Rilke, der auch mal auf dem Bild war, hat Vogeler übermalt. Das Bild zeigt auch die Grenzen von Vogeler als Maler. So akzeptabel er in seinen Buchillustrationen und in der Gestaltung der Güldenkammer des Bremer Rathauses ist, malerisch toll ist das Ganze nicht. Die Figuren wirken letztlich wie tot, weil alles nur plakativ zweidimensional ist. Man vergleiche es nur einmal mit dieser Frühstücksszene von Peder Severin Krøyer oder mit Krøyer sommerlichem Gartenfest.

Das →Albertinum in Dresden eröffnet heute eine Ausstellung zu Paula Becker-Modersohn und Edvard Munch. In →Bremen beginnt ein zweijähriges Ausstellungsfest. Zu Paulas hundertfünfzigstem Geburtstag und 2027 zur Hundertjahrfeier des Paula Becker-Modersohn Museums. Die Dresdner Ausstellung wird im nächsten Jahr auch gezeigt werden. In diesem Blog wird Minna Hermine Paula Becker erwähnt in den Posts: Malweiber, Kunsthalle Bremen, die Bremer Rembrandts, 200 Jahre Bremer Kunstverein, Worpswede, Skagen, Hans am Ende, Marschendichter, Willi Vogel, Niedersachsenstein, Anna Feldhusen, Tante Aline, Heinrich Vogeler, Nordlichter, Malerinnen

Donnerstag, 5. Februar 2026

Schiffbruch


Full soon in sorrow did I weep,
Taught that the mutual hope was dust,
In sorrow, but for higher trust,
How miserably deep!
All vanished in a single word,
A breath, a sound, and scarcely heard:
Sea--Ship--drowned--Shipwreck--so it came,
The meek, the brave, the good, was gone;
He who had been our living John
Was nothing but a name.


Das wird ein englischer Dichter schreiben, nachdem sein Bruder John im Alter von fünfunddreißig Jahren bei einem Schiffbruch am 5. Februar 1805 stirbt. Dieser John war mit der Earl of Abergavenny auf dem Weg nach China. Er hatte als Kapitän mit dem Schiff der East India Company, das vorher sein Onkel kommandierte, schon zwei erfolgreiche Reisen nach Bengalen und China gemacht, 1797-1798 und 1799-1800. Genügend seemännische Erfahrung hatte er, er fuhr schon seit zwanzig Jahren zur See. 

In diese neue Reise hatte er viel Geld gesteckt. Die East India Company gestand ihren Kapitänen unentgeltlichen Stauraum auf dem Schiff für Waren zu, mit denen die Kapitäne selbst handeln konnten. Der Kapitän mit dem Vornamen John hofft, mit dieser Reise ein Vermögen zu machen. Nicht für sich, den größten Teil des Geldes sollte sein Bruder, der Dichter, bekommen, der ihm schon bei zwei Fahrten Geld geliehen hatte. Durch den Fehler eines Lotsen sinkt das Schiff am Nachmittag anderthalb Meilen vom Strand der Bucht von Weymouth entfernt. Sea--Ship--drowned--Shipwreck--so it came. Von den 402 Menschen an Bord ertrinken 263, die meisten sind Soldaten der britischen Armee und der East India Company. Auch der Kapitän John ertrinkt. Der Dichter wird die Elegie I only look'd for pain and grief für seinen Bruder schreiben. Vielleicht trauert auch eine Frau namens Jane in England um diesen John, mit dem sie sich vielleicht hätte verloben wollen. Sie wird ihn zehn Jahre später in einen Roman schreiben. 

Wir müssen unseren Personen einen Nachnamen geben.  Diese Jane ist niemand anderes als Jane Austen, deren letzter Roman Persuasion von der Liebe eines armen Marineoffiziers zu einer jungen Frau aus besseren Kreisen handelt. Jane Austen verkehrte in Kreisen von Marineoffizieren, zwei ihrer Brüder werden Admiral werden. Aber hat sie wirklich den jungen Kapitän John Wordsworth kennengelernt? 

Das behauptet Constance Pilgrim in ihrem Buch Dear Jane: a Biographical Study of Jane Austen. Bei Pilgrim können wir lesen, dass Jane Austens Schwester Cassandra ihrer Nichte Caroline erzählt habe: when they were by the sea – I think she said in Devonshire … – who had seemed greatly attracted by my Aunt Jane – I suppose it was an intercourse of some weeks – and that when they had to part … he was urgent to know where they would be the next summer, implying or perhaps saying that he should be there also, wherever it might be. I can only say the impression left on Aunt Cassandra was that he had fallen in love with her sister, and was quite in earnest. Soon afterwards they heard of his death … I am sure she thought he was worthy of her sister, from the way in which she recalled his memory, and also that she did not doubt, either, that he would have been a successful suitor. 

Der Kritiker John Wiltshire hat Pilgrims Buch als wonderful, ridiculous bezeichnet, und Carl H. Ketcham weist die Theorie von dem unknown lover zurück: Jane, then, evidently did not meet John that summer in Devon, certainly not because he had saved her friend’s relative. That she met him at all remains, at best, a supposition on which to exercise entertaining speculation, and one that obviously lacks substance compared to her known relationships with Tom Lefroy, Edward Bridges, Samuel Blackall, and Harris Bigg-Wither, or perhaps even with the mysterious clergyman at Sidmouth. The unknown lover must, despite Constance Pilgrim’s ingenuity and her new sources, rest in the category of the unknown

Es wäre natürlich eine zu schöne Geschichte, wenn Jane Austen, über deren →Liebesleben wir wenig wissen, den Bruder von William Wordsworth geheiratet hätte. Aber der Rest der oben erzählten Geschichte ist wahr, Wordsworths jüngerer Bruder (hier im Bild) war Kapitän. Ein stiller, zurückhaltender Mann, der an Bord gerne Verse seines Bruders aufsagte. Die Besatzung nennt ihn den Philosophen. Man hat seine Leiche Wochen nach dem Untergang der Earl of Abergavenny am Strand gefunden. 

Das Salisbury and Winchester Journal schrieb im März 1805: The body of the unfortunate John Wordsworth, Esq late Captain of the Abergavenny East-Indiaman, was taken up on the Beach near Weymouth, on Wednesday last, and on Thursday was taken in a hearse to the parish church of Wyke-Regis, followed by a great number of the principal inhabitants of Weymouth, and there interred. Man hat auch einen goldenen Manschettenknopf mit den Buchstaben JW gefunden, der könnte ihm gehört haben. William Wordsworth hat in Grasmere noch einen Gedenkstein aufstellen lassen, auf dem die Worte a silent poet, a cherished visitant and lover of this valley stehen. Er hat seinen Bruder auch in Home in Grasmere hineingeschrieben:

The inmates not unworthy of their home,
The Dwellers of their Dwelling.
And if this
Were otherwise, we have within ourselves
Enough to fill the present day with joy,
And overspread the future years with hope,
Our beautiful and quiet home, enriched
Already with a stranger whom we love
Deeply, a stranger of our Father's house,
A never-resting Pilgrim of the Sea,
Who finds at last an hour to his content
Beneath our roof. And others whom we love
Will seek us also, Sisters of our hearts,
And one, like them, a Brother of our hearts,
Philosopher and Poet, in whose sight

These mountains will rejoice with open joy.

Alles, aber wirklich alles, zu dem Schiffbruch finden Sie in John Wordsworth and the wreck of the Earl of Abergavenny. Wenn John Constable zehn Jahre nach dem Unglück während seiner Flitterwochen die Weymouth Bay malt, ist von dem Schiffswrack nichts mehr zu sehen. Man hatte es gesprengt, damit die Schiffahrt nicht durch die Reste der Masten behindert wird. Die 62 Kisten mit den Silberdollars, die im Bauch des Schiffes ruhten, hat man vor der Sprengung geborgen. Die wollte die East India Company doch gerne wiederhaben.

Sonntag, 1. Februar 2026

amerikanische Malerei der Romantik

Heute vor 225 Jahren wurde Thomas Cole in Bolton in Lancashire geboren. Er wanderte als Jugendlicher mit seinen Eltern nach Amerika aus und wurde zum bedeutendsten Maler der amerikanischen Romantik. Er hat Bilder der wilden Schönheit von God's Own Country gemalt, einem Land, das sich in der Zeit der Romantik über die Natur definierte. In der Trauerrede für seinen Freund Cole sprach der amerikanische Dichter William Cullen Bryant 1848 von the delight at the opportunity of contemplating pictures which carried the eye over scenes of wild grandeur peculiar to our country, over our ariel mountain-tops with their mighty growth of forest never touched by the axe, along the banks of streams never deformed by culture.

Diese Schönheit der Natur never deformed by culture gibt es nicht mehr. Die amerikanische Kunsthistorikerin Barbara Novak hat das Standardwerk Nature und Culture, American Landscape and painting 1825-1875 über die Zeit geschrieben, als sich Amerika über die Natur definierte. Ich habe das Buch hier im Volltext. Bei Novak kann man lesen, wie besorgt Thomas Cole sich in Schriften und Gedichten dazu äußerte, dass es das Paradies, das er malte, bald nicht mehr so geben würde. Lesen Sie mehr dazu in den Posts Bäume und Umwelt. Das Buch, das Barbara Novak 1980 schrieb (es gibt inzwischen eine überarbeitete neue Auflage), war ein wenig revolutionär. Denn die amerikanische Malerei hatte es schwer, von den Amerikanern wahrgenommen zu werden.

Der einzige, der in Amerika über amerikanische Malerei schrieb, war ein ehemaliger Journalist namens James Thomas Flexner, der niemals Kunstgeschichte studiert hatte. Aber er hatte in Harvard studiert, und er konnte hervorragend schreiben. Was auch durch Auszeichnungen wie den National Book Award und eine Pulitzer Prize Special Citation für seine vierbändige ✺Washington Biographie gewürdigt wurde. Seinem Buch →American painting First flowers of our wilderness (1947) folgten A Short History Of American Painting und für ein breiteres Publikum das kleine Taschenbuch American Painting.

Ein Fach Kunstgeschichte wie in Deutschland gab es in Amerika eigentlich gar nicht - das wird sich ändern, wenn die von Hitler vertriebenen deutschen Kunsthistoriker an amerikanischen Universitäten Unterschlupf finden. Doch nur wenige von ihnen widmeten sich der Kunst ihres Gastlandes. Wie zum Beispiel Alfred Neumeyer, dessen Geschichte der amerikanischen Malerei: Von der kolonialen Frühzeit bis zur naiven Malerei im 18. u. 19. Jahrhundert 1974 bei Prestel erschien. Schon 1948 hatte Wolfgang Born (der Halbbruder des Nobelpreisträgers Max Born) bei der Yale University Press sein Buch American Landscape Painting: An Interpretation veröffentlicht (es wurde 2021 neu aufgelegt). Das war damals das erste Buch über die amerikanische Landschaftsmalerei überhaupt.

Die amerikanische Malerei kam in meinem Studium der Kunstgeschichte nicht vor. Dass es 1988 in Berlin eine Ausstellung amerikanischer Malerei geben würde (und 2007 eine weitere: Neue Welt: Die Erfindung der amerikanischen Malerei im Hamburger Bucerius Forum) konnte niemand ahnen. 

Als ich 1988 einem amerikanischen Gastprofessor empfahl, sich die Ausstellung Bilder aus der Neuen Welt in Berlin anzuschauen, kam er mit dem Satz zurück: Gee, Jay, I didn't know we had all that art. Wir könnten nun belustigt über diesen Amerikaner schmunzeln, doch ich kann diesen kleinen Gag noch übertreffen. Wenn ich nämlich verrate, dass einer der deutschen Kunsthistoriker, der 1988 die Ausstellung in Berlin gemacht hatte, mir damals insgeheim gestand, dass er niemals geahnt hätte, dass die Amerikaner wirklich solche Maler besäßen. Aber seine Frau, die hätte das gewußt, sonst hätte er sich gar nicht an die Ausstellung gewagt. Dieses Bild von Asher B. Durand mit dem Titel Kindred Spirits zeigt die Freunde Thomas Cole und Williams Cullen Bryant in den Catskills, die für Cole zur Heimat geworden waren.

Als ich mich bei Professor Wolfgang J. Müller für die Doktorprüfung anmeldete, spielte ich einen Augenblick mit dem Gedanken, ihm die amerikanische Malerei der Romantik vorzuschlagen. Das Buch Die Maler der Romantik in Amerika von F.M. Huebner und Virginia Pearce Delgado, das ich als Jugendlicher in einem Antiquariat gefunden hatte, konnte ich auswendig. Ich hatte alle Aufsätze zur amerikanischen Kunst gelesen, die in der Zeitschrift Perspectives waren, und das Kennedy Haus hatte mir alles besorgt, was innerhalb des Leihverkehrs der Amerika Häuser zugänglich war. Aber ich habe das mit der amerikanischen Kunst als Prüfungsthema gelassen. Obwohl Müller das wahrscheinlich akzeptiert hätte. Als ich viele Jahre später einen Aufsatz über Thomas Cole und William Cullen Bryant geschrieben hatte, schickte ich ihm natürlich einen Sonderdruck.

Und bekam wenig später einen langen Brief, in dem er schilderte, wie er bei seinem ersten Besuch in Amerika versucht hatte, die Stelle zu finden, von der aus Cole den Katerskill Wasserfall (der oben im ersten Absatz abgedruckt ist) gemalt hatte. Er legte noch die Photokopie eines Artikels (Naomi Bliven: Searching for Kaaterskill Falls) aus dem New Yorker bei. Ich glaube, er war damals der einzige deutsche Professor für Kunstgeschichte, der sich für amerikanische Malerei interessierte. Vielleicht ist das heute ja anders, ich weiß es nicht. Als ich noch an der Uni war, habe ich mal ein Seminar über die amerikanische Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts gemacht. Ich glaube, dass das die erste und einzige Lehrveranstaltung zu dem Thema an der Uni war. In meinem Blog gab es die amerikanische Malerei aber immer wieder, von John Singleton Copley bis zu Jackson Pollock und Grandma Moses.