Sonntag, 17. März 2019

Der heilige Patrick


Saint Patrick brauchte keinen Pass, um von England nach Irland zu reisen. Es gab auch noch keine zwei Irlands. St Patrick hat die Schlangen aus Irland vertrieben. Sagt man. Aus ganz Irland. Naturforscher sind sich heute sicher, dass es in Irland eh keine einzige Schlange gab. Heiligengeschichten bestehen aus lauter Lügen. Wie die Politik. Heute feiern die Iren in der ganzen Welt, tragen grüne Klamotten und trinken Guinness. Und alle Irinnen sehen so aus (ich habe das Bild schon in dem Post Schlangenfreie Zone gebracht), vor allem, wenn man genügend Guinness getrunken hat. Und den Trinkspruch ausbringt: May the good St Patrick protect ye, and the devil neglect ye.

Der ganze St Patrick’s Day Zirkus ging schon im 19. Jahrhundert der englischen Dichterin Eliza Cook ein wenig auf die Nerven. So dichtet sie 1845 in St Patrick's Day:

St. Patrick’s Day! St. Patrick’s Day!
Oh! thou tormenting Irish lay—
I’ve got thee buzzing in my brain,
And cannot turn thee out again.
Oh, mercy! music may be bliss
But not in such a shape as this,
When all I do, and all I say,
Begins and ends in Patricks’s Day.

Had it but been in opera shape,
Italian squall, or German scrape,
Fresh from the bow of Paganini,
Or caught from Weber of Rossini,
One would not care so much—but, oh!
The sad plebeian shame to know
An old blind fiddler bore away
My senses with St. Patrick’s Day.

I take up Burke in hopes to chase
The plaguing phantom from its place;
But all in vain—attention wavers
From classic lore to triplet quavers;
An “Essay” on the great “Sublime”
Sounds strangely set in six-eight time.
Down goes the book, read how I may,
The words will flow to Patrick’s Day.

Mittwoch, 13. März 2019

Geburtstagsfeier


Die Gäste sind weg, aufräumen tue ich morgen. Der Geschirrspüler ist ja gottseidank wieder heil. Küche unter Wasser, und das wenige Tage vor der Party. Der Miele Techniker hatte ihn am nächsten Tag repariert, aber es lag nicht am Geschirrspüler, es lag am Abfluss. Also her mit dem Klempner. Der kam in Gestalt eines Azubi, guckte sich alles an und sagte: Ich hol' mal meinen Pümpel. Er glaubte wohl allen Ernstes daran, das Problem mit seinem Pümpel lösen zu können. Nach einer Viertelstunde des Pümpelns sagte er: ich geh' mal runter zum Auto und hol' die Spirale. Hätte er gleich tun sollen. Jetzt habe ich zum erstenmal seit 15 Jahren einen wirklich einwandfreien Abfluss. Glücklicherweise kam Frau Lütke, die mir den Haushalt macht, am Nachmittag und brachte die Küche auf Vordermann.

Ich hasse Geburtstage, aber es hilft nichts. Ich lege erst einmal ein bisschen Nostalgie auf. Uschi Brüning, die Ella Fitzgerald der DDR. Hat auf jeden Fall Ulrich Plenzdorf seinen Romanhelden Edgar Wibeau in Die neuen Leiden des jungen W. sagen lassen: Ich glaube, sie ist nicht schlechter als Ella Fitzgerald. Sie hätte alles von mir haben können, wenn sie da vorn stand mit ihrer großen Brille und sich langsam in die Truppe einsang. Wie sie sich mit dem Chef verständigte ohne einen Blick, das konnte nur Seelenwanderung sein.

Zum Schreiben komme ich heute nicht, komme nicht mal dazu, die vielen E-Mails zu beantworten. Ist auch eine von Birte aus London dabei, Birte schien aus ungeklärten Gründen verlorengegangen zu sein. Wir haben am selben Tag Geburtstag, da waren die Mails eigentlich Pflicht. Dem Yogi muss ich noch schreiben, wo er doch endlich seine Green Card gekriegt. hat. Mit meiner schönen Buchhändlerin komme ich auch nicht weiter. Sie ist gerade dabei, sich mit dem Renault Händler zu verabreden. Ist sich aber nicht sicher, ob das mit ihnen was werden könnte. Ich könnte sie jetzt natürlich unter der Dusche Arabellas Arie Aber der Richtige, wenn's einen gibt für mich auf dieser Welt singen lassen, aber das wäre zu viel an Symbolik. In der Geschichte sind wie in Sommerurlaub Sprache und Emotionen abgespeckt, keine Symbolik, wenig Adjektive.

Wo bleibt bloß der Lieferservice von Schlemmerfreund? Die sollten Salate, Antipasti und gebratene Hähnchenflügel bringen. Wein habe ich schon, wegen des Rotweins konnte ich Hans Fander nicht mehr fragen, aber bei Tiemann war man sehr hilfreich. Und empfahl einen Wein aus dem Languedoc, der Heimat der französischen TroubadourePierre Richard hat da auch ein Weingut. Es klingelt, endlich der Lieferservice. Und dann kommt auch schon Gabi, das hatte sie angekündigt. Bringt die Geburtstagstorte mit, Schwarzwälder Kirsch, wie ich es mir gewünscht hatte.

Gabi dekoriert die Blumen neu, ein Strauß von Nina aus Bayern und ein wunderbarer Tulpenstrauß, den ich in die blaue Björn Wiinblad Vase stelle. Auf der Fleurop Karte stand kein Name, ich rufe den Blumenladen an. Man will mir den Namen des Absenders nicht sagen: Datenschutzgesetz. How daft can you get? Dabei hätten sie Geburtstagsgruß aus Düsseldorf auf die Karte schreiben sollen, wird mir die Heidi Tage später erzählen.

Ich stelle die Uschi Brüning erstmal ab, das ist nicht Gabis Welt. Gabi hat einen interessanten Geschmack, was Musik betrifft. Gut, die Barbara CD, die sie mir schenkte, kannte ich schon, aber Triosence war neu für mich. Madeleine Peyroux auch, die hat gerade Till Brönner in seiner Show auf KlassikRadio mit dem Hank Williams Klassiker I'm so lonesome I could cry gespielt. Die Gäste kommen in einer knappen Stunde, Gabi macht sich über die französischen Magazine her, die mir ein ehemaliger Studi immer aus Frankreich schickt. Insbesonders das Pointure Magazine interessiert die schuhverrückte Gabi, die in London im Laden von Manolo Blahnik beinahe ohnmächtig wurde.

Das Telephon klingelt. Wer ist das noch, es haben doch schon alle angerufen? Astrid ist noch in ihrem Museum, die ruft immer erst spät an. Ich schaue auf das Display des Telephons, nehme ab und sage: I love you. Es ist ein Anruf von der Frau, die ich von Zeit zu Zeit in diesen Blog geschrieben habe, und der ich im letzten Jahr hier gratuliert habe. Früher haben wir mal täglich telephoniert, nun ist sie schweigsam geworden. Reden ist Silber, Schweigen ist Blei, habe ich letztens in einem Brief von Marcel Proust gelesen. Jetzt reden wir miteinander, eine dreiviertel Stunde lang, wir haben viel aufzuholen. Diese ganze Zeit der Trennung, mais la vie sépare ceux qui s'aiment, tout doucement, sans faire de bruit et la mer efface sur le sable les pas des amants désunis, wie Jacques Prévert in Les Feuilles Mortes so schön schrieb.

Die Gäste sind da, der Rotwein gefällt. Wir kennen uns unser halbes Leben, aber wir haben uns immer noch etwas zu erzählen. Natürlich müssen wir böse Dinge über Jonathan Meese sagen, Gabi wohnt in Lübeck, die hat sich den Unsinn angeguckt. Und da wir beim Lästern waren, kam auch Horst Lichter mit Bares für Rares dran. Wir reden über die englische Krimiserie Der junge Inspektor Morse, die gerade bei zdf.neo zuende gegangen ist. Die Engländer haben erstklassige Krimis, aber drittklassige Politiker, was soll aus dem Land werden? Drei von uns haben Anglistik studiert, einer ist mit einer Engländerin verheiratet. Früher dachten wir mal, wir verstünden die Engländer. Gabi hat für den 29. März einen Flug nach London gebucht, ist da schon Brexit? Schluss damit, das bringt nichts, die englische Premierministerin wird nicht auf uns hören.

Also reden wir wieder über das Fernsehen. Alle haben den Film Klassentreffen gesehen, den die taz eine Sternstunde der Improvisation nannte. Unsere Klassentreffen sahen definitiv anders aus. Das Fernsehen ist nicht das Leben, wie gut, dass meine Jugend beinahe fernsehfrei war. Mein Vater zögerte lange, so ein Gerät zu kaufen. Bin ich ihm immer noch dankbar für. Der Abend geht zuende. Die Gäste essen alle noch ein Stück von der köstlichen Geburtstagstorte, dann gehen sie.

Aufräumen tue ich morgen.

Donnerstag, 7. März 2019

Ist das Kunst?


Umstrittene Meese-Ausstellungen in Lübeck: Ist das Kunst? titelten die Lübecker Nachrichten online. Seit Marcel Duchamps Pissoir (das hier schon einen Post hat) und der Fettecke von Beuys wird die Frage Ist das Kunst oder kann das weg? immer wieder neu gestellt. Der neueste Künstler dieser Art ist ein gewisser Jonathan Meese, der zur Zeit Lübeck aufmischt.

Die Lübecker Petrikirche hat man nach dem Luftangriff im März 1942 nicht mehr vollständig wieder aufgebaut. In der fünfschiffigen Hallenkirche St. Petri gibt es sonntags keinen Gottesdienst mehr. Sie ist eine Kulturkirche für  Vorträge, Ausstellungen, Konzerte und den Kunsthandwerkermarkt in der Adventszeit geworden. Aber auch, wenn sie innen nicht wieder fertiggestellt worden ist, wirkt sie doch in dieser weißen Schlichtheit eindrucksvoll und erhaben. Mit der Erhabenheit ist es jetzt vorbei, weil sich dieser Jonathan Meese in der Kirche austobt.

Ein promovierter Pastor hat zur Eröffnung des Spektakels im letzten Monat eine Rede gehalten (die Sie hier lesen können), und man fragt sich: Musste das sein? In einem leergeräumten protestantischen Gotteshaus kann man offensichtlich jeden Unsinn veranstalten, aber hätte Meese seine Großoffensive der Kunst in Vierzehnheiligen veranstaltet, da wäre dann am nächsten Tag Armageddon gewesen.

Jonathan Meese ist ein Skandalkünstler, sagt die Presse. Dem will man gerne zustimmen. Skandalkünstler machen Skandale, das ist ihre Kunst. Ob  sie mehr als das können, weiß man nicht. In Lübeck hatte man schon einmal in einer Kirche einen Skandal. Das ist lange her, aber nicht ganz vergessen. Der Künstler hieß damals Lothar Malskat, er verzierte die Marienkirche mit gotischer Malerei, die er angeblich unter Farbresten entdeckte. Die Schlagzeilen lauteten Die Welt blickt auf St. Marien oder Die größten Funde Europas.

Man hätte bei der Anstellung von Lothar Malskat gewarnt sein können, hatte der doch wenige Jahre zuvor in den Schleswiger Dom Truthähne gemalt. Was den Nazis zu der Theorie diente, dass die Wikinger aus Haithabu in Amerika waren und die Vögel mitgebracht hätten (lesen Sie mehr in Truthähne). Jetzt malt er in Lübeck mittelalterliche Fresken an die Wand. Sie können mehr über den Fälscher, den Günter Grass in seinen Roman Die Rättin hineinschreiben wird, in dem Post Lothar Malskat lesen. Das Witzigste an diesem Kunstskandal ist, dass niemand ihn wahrhaben wollte. Malskat, dem man nicht glaubte, dass er das alles gemalt hatte, musste sich selbst anzeigen und beweisen, dass er der Urheber der Kunst war.

Montag, 4. März 2019

William Dobson


Der englische Maler William Dobson (hier ein Selbstportrait) wurde am 4. März 1611 getauft, wir wissen nicht genau, wann er geboren wurde. Kinder werden damals sehr schnell getauft, man wusste nicht, wie lange sie leben würden. Dobsons Zeitgenosse John Aubrey hat ihn the most excellent painter that England has yet bred genannt. Die Betonung liegt auf England, die englischen Hofmaler des 17. Jahrhunderts waren alle zugewandert. Sir Anthonis van Dyck kam aus Antwerpen, Sir Peter Lely aus Soest, und Sir Godfrey Kneller hieß eigentlich Gottfried Kniller und kam aus Lübeck.

Seinen König Charles hat William Dobson auch gemalt, aber dass er der Nachfolger von van Dyck als Hofmaler war, ist ein Märchen. Es ist auch nicht wahr, dass van Dyck ihn entdeckt hat und er sein Schüler war. Wahr ist allerdings, dass Dobson ein verschwenderisches Leben geführt hat, das ihn ins Schuldgefängnis brachte und völlig verarmt sterben ließ. Es war ein kurzes Leben, den Tod von Charles I wird er nicht mehr erleben. Die entscheidende Phase des Bürgerkrieges zwischen den Cavaliers (die Dobson malt) und den Roundheads wird er auch nicht mehr erleben. Er stirbt mit 35 Jahren.

Nach der Schlacht von Edgehill nehmen die Cavaliers Oxford ein und machen es zu ihrem Hauptquartier. Dobson reist von London nach Oxford, mietet sich Räume im St John's College an und eröffnet dort sein Studio. Den Prince of Wales, der bei der Schlacht von Edgehill dabei war, wird er sofort nach der Schlacht mit diesem allegorischen Gemälde (mit abgeschlagenem Medusenhaupt) malen. Er hat den Kronprinzen, der eines Tages Charles II sein wird, zweimal gemalt, er hat keine Probleme, Auftraggeber zu finden.

Wenn man dem viktorianischen Maler William Frederick Yeames glauben darf, dann sah das mit der Beteiligung des Kronprinzen an der Schlacht wohl eher so aus. John Aubrey weiß zu berichten: When the king Charles I, by reason of the Tumults, left London, William Harvey attended him, and was at the fight of Edge-hill with him; & during the fight, the Prince of Wales and Duke of York were committed to his care: he told me that he withdrew with them under a hedge, & tooke out of his pockett a booke and read; but he had not read very long before a Bullet of a great Gun grazed on the ground neare them, which made him remove his station.

In den vier Jahren bis zu seinem Tod malt er jetzt die ganze Prominenz der Royalisten. Mit kräftigem Strich, wie hier Sir Endymion Porter, gerade von der Jagd heimgekehrt. Männlich. Nicht so ein klein wenig effeminiert, wie Sir Endymion auf dem Portrait mit seinem Freund van Dyck ausschaut. The most distinguished purely British painter before Hogarth, hat Sir Ellis Waterhouse ihn genannt. Und der Filmemacher Waldemar Januszczak, der für die BBC einen Film über Dobson gedreht hat, sagt: The first British born genius, the first truly dazzling English painter, die Betonung liegt auf dazzling. Ich kann mich heute mit William Dobson kurzfassen, denn ich habe den Film von Waldemar Januszczak (der auch die Restaurierung eines Dobson Gemäldes bezahlt hat) bei Mimeo gefunden. Klicken Sie hier, und in einer Stunde wissen Sie alles über Dobson und seine Zeit.

Donnerstag, 28. Februar 2019

28. Februar


Vor sechzig Jahren starb der Schriftsteller Maxwell Anderson. Er hat berühmte Theaterstücke geschrieben und Drehbücher zu berühmten Filmen geschrieben. Am berühmtesten von allen Werken ist wohl der von Kurt Weill vertonte September Song geworden, der hier schon einen Post hat. Wir hören ihn uns noch einmal in der Version von Tony Bennett an. Wir können natürlich den Februar nicht mit dem September Song beenden, aber glücklicherweise gibt es den amerikanischen Bariton Josh Groban. Und der hat einen February Song geschrieben.

Dienstag, 26. Februar 2019

Birken


Auf beinahe jedem Bild der Worpsweder Maler sind sie zu sehen, die Birken. Sie gehören zum Bildinventar der kleinen Worpsweder Welt. Das die Maler schon selbst etwas ironisch betrachteten. So erschien in der Worpsweder Zeitung zur Vierzigjahrfeier der Künstlerkolonie am 11. Oktober 1924 ein satirisches Preisausschreiben, das als ersten Preis folgendes auslobte: 1. Preis: Ein original Worpsweder Motiv, bestehend aus: 1 frisch gestrichenes Strohdachhaus, 1 fleckige Kuh, 1 Paar braune Segel, 1 Dtzd. Gutgewachsene Birken, 1 Ia. Sonnenuntergang (alles vom Verschönerungs=Verein Worpswede eigens angepflanzt und sofort lieferbar). Den richtigen Lösungen des Preisausschreibens waren 20 Mark Worpsweder Notgeld beizufügen. Man muss dazu sagen, dass diese Sondernummer der Worpsweder Zeitung zum 11. Oktober eine Ulknummer war. Aber Satire hin und her, das was da so ironisch beschrieben wird, ist die gesamte Worpsweder Bildwelt.

Natürlich haben Dichter die Birken besungen, so zum Beispiel Thomas Hardy in The Upper Birch-Leaves. Aber da ist es schon November, und der Baum verliert seine Schönheit:

Warm yellowy-green
In the blue serene,
How they skip and sway
On this autumn day!
They cannot know
What has happened below, -
That their boughs down there
Are already quite bare,
That their own will be
When a week has passed, -
For they jig as in glee
To this very last.

But no; there lies
At times in their tune
A note that cries
What at first I fear
I did not hear:
"O we remember
At each wind's hollo -
Though life holds yet -
We go hence soon,
For 'tis November;
- But that you follow
You may forget!"

Bei Börries von Münchhausen wird die Birke in seinem Gedicht Birkenlegendchen richtig sexy:

Birke, du schwankende, schlanke,
wiegend am blassgrünen Hag,
lieblicher Gottesgedanke
vom dritten Schöpfungstag

Gott stand und formte der Pflanzen
endlos wuchernd Geschlecht,
schuf die Eschen zu Lanzen,
Weiden zum Schildegeflecht.

Gott schuf die Nessel zum Leide,
Alraunenwurzeln zum Scherz,
Gott schuf die Rebe zur Freude,
Gott schuf die Distel zum Schmerz.

Mitten in Arbeit und Plage
hat er ganz leise gelacht,
als an den sechsten der Tage,
als er an Eva gedacht.

Sinnend in göttlichen Träumen
gab seine Schöpfergewalt
von den mannhaften Bäumen
einem die Mädchengestalt.

Göttliche Hände im Spiele
lockten ihr blonden das Haar,
daß ihre Haut ihm gefiele,
seiden und schimmernd sie war.

Biegt sie und schmiegt sie im Winde
fröhlich der Zweigelein Schwarm,
wiegt sie, als liegt ihr ein Kinde
frühlingsglückselig im Arm.

Birke, du mädchenhaft schlanke,
schwankend am grünenden Hag,
lieblicher Gottesgedanke
vom dritten Schöpfungstag!


Eine sehr schöne literarische Form haben die Birken in Hermann Kasacks Erzählung Das Birkenwäldchen gefunden. Geschrieben 1944 für seinen Freund Peter Suhrkamp, den die Gestapo ins KZ gebracht hatte. Kasack beschreibt hier ein Birkenwäldchen, das er jeden Tag aus der Eisenbahn sehen kann: Als ich an einem der letzten Tage am Birkenwäldchen vorüberfuhr, sah es aus, als ob über dem krausen Blätterbehang ein grauer Staub lag, wie ihn der Wind an trockenen Tagen durch die Luft treibt. Es müßte ein Regen kommen, um die Blätter blank zu waschen. Was aber ließe sich Besseres sagen, um das Birkenwäldchen jemandem lebendig zu machen, der es so lange nicht erblickte als dies: Ich sehe es beinahe täglich mit deinen Augen.

Die Birke, die von vielen Allergikern nicht geliebt wird, ist einer der ersten Bäume, der im Frühling Blätter trägt, für den Maibaum nimmt man meistens eine Birke. Sie ist ein Symbol des Frühlings und des Lebens. Sie findet sich auch häufig auf Friedhöfen, wahrscheinlich soll sie da ein Symbol des ewigen Lebens sein. Aber Birken leben nicht ewig. Die Birke, die Opa nach dem Krieg auf dem Familiengrab hat pflanzen lassen, war nach einem halben Jahrhundert riesig geworden, ich musste sie auf Wunsch der Gemeinde fällen lassen. Es wurde keine neue Birke gepflanzt, sie wäre ein Fremdkörper geblieben. Die alte Birke hatten alle gekannt, die da unten in den Särgen lagen.

Und so kann sie auch ein Symbol des Todes sein. Ich war gerade zum Gymnasium gekommen, da gab es eine offiziell angesetzte Stunde zur Feier des Kriegsendes. Die fiel bei unserem Klassenlehrer Hermann Bollenhagen, dessen Kriegsverletzungen man jeden Tag sehen konnte, ohne jede Verherrlichung aus. Trocken und spröde erzählte er, wie er als junger Soldat in Russland mit seiner Kompanie in einen Birkenwald ging und links und rechts von ihm die Soldaten plötzlich tot am Boden lagen. Man sah den Feind nicht, man hörte die Schüsse kaum. Da waren nur dieser Birkenwald, der blaue Himmel eines Spätsommertages, und der Tod. Dies war offensichtlich ein anderer Krieg als der Krieg meines Großvaters dreißig Jahre früher in Frankreich.

Während Bollenhagen die Geschichte erzählte, dachte ich an den kleinen russischen Friedhof in einem Birkenwäldchen bei Eggestedt, das wie eine Landzunge in die Äcker hineinreichte, und den ich einmal beim Spielen mit meinen Freunden, auch an einem Spätsommertag mit blauem Himmel, entdeckt hatte. Viele Lehrer erzählten uns in den fünfziger Jahren ihren Krieg, aber niemand sprach von den Zwangsarbeitern, die den U-Boot Bunker in Farge gebaut hatten, an Unterernährung und Entkräftung gestorben waren und da in dem kleinen Birkenwäldchen lagen, mit Grabkreuzen in kyrillischer Schrift. Die Geschichte ist nicht nur in Büchern zu finden, sie schreibt sich auch in die Natur ein. Da ist sie nur schwer zu lesen.

Sonntag, 24. Februar 2019

Plakativ


Der amerikanische Maler Winslow Homer wurde am 24. Februar 1836 in Boston, Massachusetts, geboren. Ich kenne den Maler seit mehr als einem halben Jahrhundert, weil ich seine Bilder damals in der Vierteljahrsschrift Perspektiven/Perspectives fand. Er hat hier schon einen Post (und er kommt mit seinen Bildern in vielen Posts vor), und auf dieser Seite können Sie sein Werk betrachten. Da haben Sie für das Wochenende ein opulentes optisches Vergnügen. Die junge amerikanische Dichterin Hannah Fries hat über dieses Bild aus dem Jahre 1900 ein kleines Gedicht geschrieben:

Reckless precision, pull and layered flow
of paint: the force that forms the wave drives it
ceaselessly to shore. He holds it in his hand,
presses his own will against it: crimson
streak across the horizon, sunset tingeing
the ocean as it plunges at the rocks,
gets dragged between them, all churn and rush,
into the hollow body of the next
rearing wave. What to make of it,
arched back like a broken wrist, tethered
by a brush to its shattering and wild against
last light, bursting into sculpture, impossibly
paused—a salty spume of chiseled shards,
an unhinged slap to the flushed sky.

Das Motiv für die Brandung an der Küste brauchte er nicht lange zu suchen, er konnte es aus seinem Studio in Prouts Neck heraus malen. Auch diesen Fuchs fand er in Prouts Neck. Es war sein bisher größtes Bild  (76.4 cm x 122.2 cm). Und das von der japanischen Malerei beeinflusste Werk war das erste Bild, das er gut verkaufen konnte. Die Pennsylvania Academy of the Fine Arts kaufte das Bild, kaum, dass die Farbe trocken war. Das Meer, das Homer immer faszinierte, ist hier auch im Hintergrund zu sehen.

Hannah Fries hat in ihren Winslow Homer Gedichten auch für dieses Bild ein Gedicht geschrieben:

The fox is belly-deep, rust red streak
in the drift of snow that takes its color
from everything in order to hold every
thing against it—a few prickly stems
proffering berries like drops of blood
to the fox’s extended paw. Hunted,
he is for a moment paused, neck not
outstretched to speed the flight, but raised,
head turned and black ears pricked
toward the surf where it shatters over rocks,
blue-green foam, gray ocean sucking back
into sky. He turns his head but keeps
his course along the shore while faceless
crows—a jeer of black wings—wait.