Samstag, 6. Juni 2026

die funkelnden Lichter von Havanna


Wenn hier tagelang nichts steht, dann heißt das nicht, dass ich nichts schreibe. Ich schreibe so nebenbei den Text von meinem kleinen Internetroman Que reste-t-il de nos amours immer wieder ein wenig um. Das beginnt schon damit, dass ich den Text von ✺Veinte años von Omara Portuondo vor das Ganze gestellt habe. Weil in diesem Lied alles steht, von dem der kleinen Roman handelt:

¿Qué te importa que te ame
Si tú no me quieres ya?
El amor, que ya ha pasado
No se debe recordar

Fui la ilusión de tu vida -
Un día lejano ya
Hoy represento el pasado
No me puedo conformar

Si las cosas, que uno quiere
Se pudieran alcanzar
Tú me quisieras lo mismo
Que veinte años atrás

Con qué tristeza miramos
Un amor, que se nos va
Es un pedazo del alma
Que se arranca sin piedad

Si las cosas, que uno quiere
Se pudieran alcanzar
Tú me quisieras lo mismo
Que veinte años atrás

Con qué tristeza miramos
Un amor, que se nos va
Es un pedazo del alma
Que se arranca sin piedad


Das bringt uns natürlich nach Havanna, das heute etwas anders aussieht als im Jahre 1997, als Omara Portuondo durch Ry Cooders Album Buena Vista Social Club weltberühmt wurde. Die Straßen von Havanna sind voller Müll, die Autos bleiben liegen, weil es kein Benzin mehr gibt. Der Traumort Havanna ist zum Alptraum geworden. Ab dem heutigen Tag können die Menschen in Kuba nicht mehr mit Visa- und Masterkarten zahlen. Die Zentralbank Kubas setzt die Transaktionen infolge von US-Sanktionen zum 6. Juni aus. Touristen müssen in den Hotels mit Bargeld bezahlen. Oder mit chinesischen Kreditkarten. Den Kubanern wird das egal sein, sie haben eh keine Kreditkarten, aber die Maßnahme vertreibt die Touristen, die Geld ins Land bringen könnten. Einige Hotelketten haben sich schon zurückgezogen.

Ich schreibe dies heute mit einer Uhr von der Firma Cuervo y Sobrinos Habana am Arm, einer im 19. Jahrhundert gegründetenFirma, die man einmal das kubanische Tiffany genannt hat. Das hier sind die Neffen des Firmengründers Ramón Fernández Cuervo, die nach seinem Tod 1907 das Geschäft übernahmen. Die Uhr war ein Zufallsfund, von dem jeder Sammler träumt. Ein DDR Bürger hatte sie sich bei seinem einzigen Auslandsaufenthalt in Havanna gekauft und nach der Wende bei ebay vertickt. 

Die Uhr stammt aus den dreißiger Jahren, der Zeit, als amerikanische Millionäre in Kuba Urlaub machten. Damals war Kuba mehr oder weniger ein Bordell, nicht erst seit den Tagen von Batista. Haben Castro und der Comandante Ché Guevara daran etwas geändert? Die Leser von Guillermo Cabrera Infante, der wegen Castro die Insel verließ, wissen, dass sich wenig geändert hat. Die Jineteras sind noch immer auf den Straßen. Lesen Sie mehr dazu in diesem interessanten Artikel aus der Zeitschrift Lettre. Und schauen Sie einmal in diese ✺Doku von arte über die Mafia in Kuba hinein. Von der Zdfinfo Serie Geheimes Kuba kann ich hier ✺Teil 1 und ✺Teil 3 anbieten.

Kuba und Havanna waren immer in diesem Blog. Das hat etwas mit der Musik zu tun, aber auch mit Zigarren. Manches taucht an versteckten Stellen unerwartet auf. Wie zum Beispiel in dem Post Bielefelder Qualitätshemden: Ich muss mal eben einen Bremer in die Bielefelder Hemdengeschichte bringen. Er heißt Alexander Friedrich Kleinwort und arbeitet in Havana in dem deutschen Handelshaus von Adolf Höber. Die Firma importiert vor allem Bielefelder Leinen, das nach genauen Qualitätsvorgaben in Bielefeld bestellt wurde. Das Kontorhaus erlaubt Kleinwort, nebenbei auf eigene Rechnung zu arbeiten. So handelt er mit Bielefelder Leinen. Und Zigarren.

Der Handel mit Zigarren war ihm aus seiner Heimatstadt →Bremen nicht unbekannt. Kleinwort hatte in Havanna →Hermann Dietrich Upmann aus Bielefeld kennengelernt, zusammen mischen die beiden Freunde den kubanischen Tabakmarkt auf. Und werden beide berühmt: Kleinwort mit seiner Bank (die später Kleinwort Benson heißt), H. Upmann mit seinen Zigarren. Das Photo zeigt John F. Kennedy beim Unterzeichnen des Handelsembargos gegen Kuba. Bevor er seinen Namen unter das Dokument setzte, hatte er übrigens all seine kubanischen Lieblingszigarren in Washington aufkaufen lassen, sein Pressesprecher konnte ihm noch 1.200 Upmann Petit Coronas besorgen.

Das Handelsembargo, mit dem man die kommunistischen Machthaber zu Fall bringen wollte, wurde zwei Jahre später noch verschärft. Da hatten wir die Kubakrise und waren kurz vor einem Weltkrieg. Da sind wir heute nicht mehr, auch wenn Trump gesagt hat, dass Kuba als Nächstes dran wäre. Und der Flugzeugträger Nimitz mit Begleitschiffen schon mal in kubanische Gewässer gelaufen ist. Mehr als sechzig Jahre Handelskrieg haben Kuba ruiniert. Das Öl-Embargo vom Januar war die letzte tödliche Waffe in diesem Krieg, der mal mit dem Boykott von Zigarren angefangen hatte. Gegen Raúl Modesto Castro Ruz, der vor wenigen Tagen fünfundneunzig wurde, läuft in den USA eine Mordanklage. Die Regierung ist am Ende, aber sie gibt nicht auf. Ich weiß nicht, was werden wird. Obama hatte sich um ein friedliches Verhältnis mit Kuba bemüht. Wäre man seinen Weg weiter gegangen, hätte man jetzt nicht diese Katastrophe.

Es ist viel Kuba in diesem Blog. Meine Heimatstadt Bremen hat viel mit der Insel zu tun. Bremer Kaufleute machten da schon seit dem frühen 18. Jahrhundert im Zucker-, Kaffee- und Tabakgeschäft ihr Geld. 1836 hatte Bremen mit Diedrich Hermann Wätjen einen Konsul in Havanna. Ein eher abschreckendes Beispiel des hanseatischen Geschäftssinns ist der Kaufmann Richard Fritze, der eine Tochter von Arnold Duckwitz geheiratet hatte. Er war auf Kuba ein Profiteur der Sklavenwirtschaft, sein Onkel hatte sich bei uns im Ort die Villa Fritze bauen lassen. 

Dass Fidel Castro mal eine Affaire mit einer Bremer Kapitänstochter hatte, steht hier schon in dem Post das Blaue Band. Meine Uhr aus Havanna mit dem Juvenia Werk ist schon in dem Post saudade. In dem Post wird auch Walker Evans erwähnt, von dem heute das zweite Photo stammt. Er hatte sich in den dreißiger Jahren durch Havanna photographiert. Ich nehme an, dass der Nimitz nichts geschehen wird, aber die Amerikaner haben in Havanna schon mal einen Panzerkreuzer verloren, was Sie in den Posts Havanna und Yellow Press nachlesen können. Und die Posts Zigarrren, Frauen und Zigarren und Blauer Dunst haben natürlich etwas mit kubanischen Zigarren zu tun.

Die auch in dem Post Nikolaus auftauchen: Das repräsentative Gebäude neben dem Bremer Dom, auf dem mit goldenen Lettern Verein Vorwärts steht, gehörte seit 1853 dem Bildungsverein der Zigarrenmacher. Heute ist da die Wittheit zu Hause. Der Zusammenschluss der Zigarrenmacher verfolgte neben der Wahrung sozialer Interessen auch Ziele in der Allgemeinbildung. Und sie hatten Vorleser in der Fabrik. Vielleicht kann man das mit den Zigarrenmachern in Kuba vergleichen, die in ihren Fabriken einen Vorleser hatten (wie auf diesem Photo den Herrn mit dem Hut), der ihnen während der Arbeit Romane vorlas. So hörten die Arbeiter Victor Hugo, Alexandre Dumas, Jules Verne, Shakespeare und Emile Zola. Angeblich sollen so die Zigarrenmarken Montechristo und Romeo y Julieta nach dem Grafen von Montechristo und Shakespeares Theaterstück benannt worden sein. Manchmal lasen die Vorleser auch Politisches aus Zeitungen vor, was bei den Fabrikbesitzern nicht so gut ankam (und manchmal verboten wurde). Ob der leidenschaftliche Zigarrenraucher Karl Marx das gewusst hat? Auch in den Bremer Tabakfabriken hat es solche Vorleser gegeben, die von den Arbeitern bezahlt wurden. Manchmal waren das auch Kinder und Handlanger, die kosteten nicht so viel. Der Beginn der Arbeiterbildung liegt, auf jeden Fall in Bremen, im Tabakrauch. 

Als ich an der Uni aufhörte, schrieb ich auf dem Computer, der ein Geschenk des Englischen Seminars war, eine Autobiographie mit dem Titel Bremensien. Aus der nehme ich zum Abschluss mal ein kleines Stück, weil Havanna da drin vorkommt. 

Der Kapitän, zu dem ich über die Jahre das freundschaftlichste Verhältnis von allen Kapitänen habe, die bei uns ein- und ausgingen, ist Ernst Biet. Die Biets sind seit dem 18. Jahrhundert Kapitäne, eine Dynastie. In Peter-Michael Pawliks Buch Von der Weser in die Welt werden im zweiten Band zwanzig Biets aufgelistet, und Kapitän Rolf Reinemuth schreibt 1979 in Master Next to God: Das Buch der KapitäneDie Nachkommen des Hinrich Biet hielten sich noch eine Generation weiter auf der See. Da waren Ernst Biet, der bis in die Gegenwart beim Norddeutschen Lloyd schöne und große Dampfer befehligte...

In den 1960er Jahren wird Ernst Biet Ehrengast der Kapitänsschaffer bei der Bremer Schaffermahlzeit sein, eine größere Ehre gibt es für Kapitäne nicht. Ich überlege mir immer, ob er eine schwarze oder eine weiße Schleife zum Frack getragen hat, das sind Feinheiten, auf die man nur in Bremen kommt. Einer seiner Vorfahren hat sich in einer Seegerichtsverhandlung um die Jahrhundertwende, zu der er zum ersten Mal in seiner Karriere erscheinen muss, geweigert, dem Gerichtsdiener sein Kapitänspatent vorher auszuhändigen. Eine Formsache. Nee, Dschunge, dat giff ik di nich. - Aber Kapitän Biet, wenn Sie mir Ihr Patent nicht geben, dann kann die Verhandlung nicht stattfinden. Dann können Sie auch nicht freigesprochen werden und können nie wieder zur See fahren. Worauf jener Biet sich umdrehte und sagte: Denn fohr ik nich’ mehr to See. Bin all oll genug. Aver miin Patent, dat giff ik di nich. Da kann man nur mit dem Lateiner sagen Ubique naufragium est. Ernst Biet hat ein von Wind und Wetter zerklüftetes Gesicht, er könnte in Hollywoodwestern Indianerhäuptlinge spielen. Seine rechte Hand ist von der Arthritis geplagt, aber sein Händedruck ist immer noch fest. Und seine Pfeife kann er auch immer noch halten, immer ‘ne Charatan kaufen, keine Dunhill, die sind besser. Ich werde es beherzigen. Den Prince Albert Pfeifentabak, den er raucht, mag ich nicht, aber wenn er mir die rote Dose herüberreicht, werde ich meine Pfeife damit stopfen. Ich kann ihm stundenlang zuhören, er erzählt wunderbare Geschichten. Manche auch gerne, zum Entsetzen seiner sehr konservativen Ehefrau in großer Gesellschaft; auch nicht gebremst von einem spitzen, lang gezogenen Eerrrnst! aus dem Munde seiner Gattin: Und da vor Havanna, da wollt’ ich den Passagieren eine kleine Freude machen und bin noch weiter unter Land gegangen, damit sie die Lichter von Havanna so scheun in der Nacht funkeln sehen konnten. Tja, und da sind wir dann‘nen büschen aufgelaufen innen Hafen von Havanna.  Besser als die Maine, die dort unterging, aber in den Augen von Anita Biet eine ewige Schande, einen Lloyddampfer vor Havanna auf Grund zu setzen.

Sonntag, 31. Mai 2026

Leonce und Lena


Am 31. Mai 1895 wurde das Theaterstück Leonce und Lena in München zum ersten Mal aufgeführt. Da war der Autor Georg Büchner, der das Stück ein Jahr vor seinem Tod geschrieben hatte, schon sehr lange tot. Die romantische Komödie, die auch eine politische Satire ist, hatte sechzig Jahre gebraucht, um auf die Bühne zu kommen. Weil es im Vormärz eine gefährliche Sache war, eine Satire über die deutsche Kleinstaaterei zu schreiben.

Für Erich Kästner war Leonce und Lena eine der sechs wichtigsten Komödien der deutschen Sprache: sechs einsame Lustspiele, von denen noch nicht einmal alle sechs 'Feingold' gestempelt sind! Die anderen Stücke waren seiner Meinung nach: Lessings Minna von Barnhelm, Kleists Der Zerbrochene Krug, Grillparzers Weh dem, der lügt, Freytags Die Journalisten und Hauptmanns Der Biberpelz. Ich finde, Büchners Stück gehört ganz oben auf diese Liste.

Ich mag es sehr, ich kenne noch große Teile des Stückes auswendig. Weil ich bei der Aufführung der Theater AG meines Gymnasiums unter der Regie von Dr 'Edu' Schäfer dabei war. Ich hatte eine kleine Nebenrolle als Staatsrat, war aber eigentlich Regieassistent und Souffleur. Was ich damals von Büchner las, war mein ganz eigener persönlicher Büchner, davon war ich überzeugt. Ich war neunzehn. Wenn man Souffleur ist, dann kennt man den inneren Rhythmus des Textes. Seine Stärken und Schwächen. Die kleinen Pausen, das Zögern, das Tempo: beinahe überall offenbart sich zugleich die Hast, das Atemlose, Überhitzte, das gleichsam Fiebrige eines Autors, der manches zu überspielen hat und in Eile ist: er muß disponieren, drängen, muß aus seinen seismographischen Feststellungen ein Stenogramm machen, muß in Stichworten Unaussprechliches Hintergründiges beschwören. Wie später im 'Woyzeck', so ersetzen schon hier Satzfetzen ganze Sätze und werden gerade durch ihre Kürze zu genialischen Würfen, jederzeit verfügbar und jederzeit verwerfbar: sogar die Paralipomena sind voller Schätze. Und alles, Sätze, Fetzen, Bilder, ist in tiefe Melancholie gehüllt. Von Eichendorffs Die Freier, das wir auch aufführten, kann ich auch noch große Teile, aber Leonce und Lena ist noch beinahe ganz in meinem Kopf. Meinen Lieblingsmonolog aus Leonce und Lena stelle ich mal eben hier hin:

Ein sonderbares Ding um die Liebe. Man liegt ein Jahr lang schlafwachend zu Bette, und an einem schönen Morgen wacht man auf, trinkt ein Glas Wasser, zieht seine Kleider an und fährt sich mit der Hand über die Stirn und besinnt sich – und besinnt sich. – Mein Gott, wieviel Weiber hat man nöthig, um die Scala der Liebe auf und ab zu singen? Kaum daß Eine einen Ton ausfüllt. Warum ist der Dunst über unsrer Erde ein Prisma, das den weißen Gluthstrahl der Liebe in einen Regenbogen bricht? – (Er trinkt) In welcher Bouteille steckt denn der Wein, an dem ich mich heute betrinken soll? Bringe ich es nicht einmal mehr so weit? Ich sitze wie unter einer Luftpumpe. Die Luft so scharf und dünn, daß mich friert, als sollte ich in Nankinhosen Schlittschuh laufen. – Meine Herren, meine Herren, wißt ihr auch, was Caligula und Nero waren? Ich weiß es. – Komm Leonce, halte mir einen Monolog, ich will zuhören. Mein Leben gähnt mich an, wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus. Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit tod[t]müden Augen einander an. Ich stülpe mich jeden Tag vier und zwanzigmal herum, wie einen Handschuh. O ich kenne mich, ich weiß was ich in einer Viertelstunde, was ich in acht Tagen, was ich in einem Jahre denken und träumen werde. Gott, was habe ich denn verbrochen, daß du mich, wie einen Schulbuben, meine Lection so oft hersagen läßt?

Der Satz Die Luft so scharf und dünn, daß mich friert, als sollte ich in Nankinghosen Schlittschuh laufen ist in diesem Blog in mehreren Posts wieder aufgetaucht, die mit der Herrenmode und gelben Hosen zu tun haben (Beinkleider, Sir John Henry von Schroder, Biedermeier und Hosenkauf). Davon abgesehen war Büchner immer in diesem Blog: Georg Büchner, Theater, Landbote, Danton, Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?.

Ich habe noch ein wenig Bild und Ton zum Abschluss. Leonce und Lena, die letzte →Oper von Paul Dessau, die seine Ehefrau Ruth Berghaus 1979 auf die Bühne brachte, kann man als CD kaufen, aber bei YouTube gibt es leider nur kleine Schnipsel. Ich habe hier die Arie der Lena Auf dem Kirchhof will ich liegen gesungen von Carola Nossek. Die Inszenierung erlebte nur wenige Aufführungen, was auch daran lag, dass Thomas Körner, der Autors des Librettos, die ganze Handlung von Büchners Stück von hinten nach vorn erzählte. Sie können hier alles zu der Oper und der Inszenierung lesen. 

Und dann habe ich noch den Film, der nach der Aufführung von Leonce und Lena 1975 bei den Salzburger Festspielen mit Klaus Maria Brandauer und Marianne Nentwich gedreht wurde. Brandauer spielt den Leonce, als wolle er den Hamlet spielen. Und da ist natürlich etwas dran. Büchner hat seinen →Shakespeare gut gekannt und ein klein wenig ausgebeutet. Ein Blick auf die Erläuterungen der →Marburger Ausgabe zeigt uns das. Kritiker vermuten, dass Büchner Hamlet auswendig kannte. Anklänge an das Stück 'Hamlet' gab es im 'Leonce' zur Genüge schon zuvor. Wer dächte bei der arroganten Servilität des Hofmeisters nicht an Polonius oder an Osric! Auch im 'Hamlet' geht das Gespräch über Wolken. Aber hier, in der Rosetta-Szene, klingt Hamlet als Figur an, hier wird eine Affinität, wenn nicht gar Abhängigkeit, sichtbar. Die zurückgewiesene Rosetta wird zur zurückgewiesenen Ophelia, der Hamlet, freilich in fingiertem Wahnsinn, den Rat gibt, in ein Kloster zu gehen, hat Wolfgang Hildesheimer 1966 in seiner Dankrede bei der Entgegennahme des Büchner Preises gesagt. Und diese Rede (hier im →Volltext) gehört zum Besten, was über Büchners Leonce und Lena gesagt worden ist.

Das Bild im ersten Absatz und dieses hier sind aus einem →Bilderbuch für Kinder ab vier Jahre. Es ist die Geschichte von dem Prinzen Leonce aus dem Königreich Popo und der Prinzessin Lena aus dem Königreich Pipi, nach Büchners Stück nacherzählt von Jürg Amann. Mit farbigen Zeichnungen von Lisbeth Zwerger.

Donnerstag, 28. Mai 2026

Möpse

Wenn man den Namen John Christie bei Google eingibt, landet man bei einem englischen Massenmörder. Aber der John Christie hier hat nichts mit Morden zu tun. Eher etwas mit Möpsen, die er liebt. In den achtziger und neunziger Jahren veranstaltete Christies Sohn Sir George Christie auf seinen Latifundien Garden Parties für Möpse, so glamorous that it makes Ascot look like a car-boot sale. 1995 gab es einen Kostümwettbewerb, den Christies Mops Phoebe, verkleidet als Queen Mum, gewann. 

Im Gegensatz zu dem Massenmörder John Christie hat der Großgrundbesitzer John Christie  (Companion of Honour und Military Cross) nur einen ganz kleinen Wikipedia Artikel. Er hätte einen ganz langen Artikel verdient. Vielleicht nicht wegen der Möpse. Aber auf jeden Fall, weil er auf seinem Grundbesitz Glyndebourne ein Opernhaus gebaut hat. Zum neunzigsten Geburtstag gab es für ihn hier schon einen Post, der allerdings kaum gelesen wurde. Fand ich ein bisschen enttäuschend, deshalb stelle ich den Post noch einmal ein. Vielleicht geht er mit dem Titel Möpse besser. Hunde kommen immer gut an, das weiß ich. Der Post Hunde hat sechstausend Leser, der Post Kapitänshunde mehr als zwölftausend.

Der Engländer John Christie hatte Eton und das Trinity College in Cambridge besucht. Obwohl eins seiner Beine nach einem Reitunfall beinahe gelähmt war, wurde er Leutnant beim King's Royal Rifle Corps und erhielt nach der Schlacht bei Loos das Military Cross. Aber dann entlässt die Armee den Captain. Weil bei einer ärztlichen Untersuchung herausgekommen war, was er bisher sorgfältig verborgen hatte: Er war auf einem Auge blind. Am Ende des Krieges, als er in Eton als Physiklehrer arbeitet, schreibt er an seine Mutter: Somehow it is not easy to write as I should do. You wish me to give up Eton and to marry and settle down at Glyndebourne. My inclinations are not to do so. I detest politics and have no wish to take up county work. What the future will bring forth, I don't know. As regards marriage, I have never met anybody whom I wanted to marry and I believe I am too cautious to get engaged. Besides, I cannot imagine myself having any respect for anyone who consented to marry me. It seems to me to be impossible. Doch er wird die Erbschaft antreten und das große Gut Glyndebourne übernehmen. Und er wird eine Frau finden, eine außergewöhnliche Frau. Mit ihr zusammen macht er Glyndebourne berühmt, weltberühmt.

1923 kauft der Großgrundbesitzer Christie die Firma William Hill & Son & Norman & Beard Ltd, die Orgeln baut. Es sind große Jahre für den Orgelbau, die Kinos wollen Orgeln haben, der Tonfilm ist noch nicht erfunden. Christie wird sein Leben lang Direktor dieser Firma sein. Ein Kino hat er auch für kurze Zeit, er hatte aus dem Opera House in Tunbridge Wells ein Kino gemacht. Captain Christie hatte an sein Landhaus einen kleinen Flügel angebaut, in dem eine Orgel (eine der größten Englands) Platz findet und in dem kleine Konzerte gegeben werden. 

Bei solch einem Konzertabend lernt John Christie die Sängerin Audrey Mildmay kennen. Sie sang die Blonde in Mozarts Singspiel Entführung aus dem Serail. Christie ist so von ihr begeistert, dass er ihr sofort einen Heiratsantrag macht. Sie zögert ein wenig: My Dear John, Two letters from you this morning – both charming. Yesterday’s is, I think, one of the very nicest letters I have ever had in my life. You are such a darling, John, that I don’t want you to fall in love with me… Doch kurz danach sind sie verheiratet. Und Christie baut für seine Gattin ein Opernhaus. Ein kleines Opernhaus, dreihundert Plätze und Platz für das Orchester. 

I want to give my country a model of perfection... Nothing less. My country needs cheering up. I'm the man to do it, sagt Christie in dem Theaterstück ✺The Moderate Soprano von Sir David Hare (Sie können das Theaterstück hier lesen). John Christie wurde in dem Theaterstück von Roger Allam gespielt, den wir als Inspector Fred Thursday aus der Serie Der junge Inspektor Morse kennen. Nancy Carroll spielte die Sängerin Audrey Mildmay. Man kennt Nancy Carroll in Deutschland als Lady Felicia Montague in der Father Brown Serie. 

Audrey Mildmay (hier als Susanna in der Aufführung von 1934, das Kostüm hat man noch aufbewahrt) hatte vielleicht keine so großartige Stimme. Sie war eben nur ein moderate soprano. Aber das tat der Liebe von John Christie keinen Abbruch. Und ohne sie hätte es das Glyndebourne Festival nicht gegeben. David Hare hat über Mildmay gesagt: Even before meeting her, Christie was obsessed with the music of Wagner and the beauty of Germany, a country he adored. When it came to constructing a theatre from scratch, it was Christie who had the original dream, but it was his wife who made the dream real, bringing a much-needed practicality. Audrey is the unsung heroine of the whole venture. 

Heute vor zweiundneunzig Jahren wurde das erste Glyndebourne Festival eröffnet. Mit Mozarts Le nozze di Figaro. Christies Gattin Audrey, im zweiten Monat schwanger, singt die Susanna. Der Dirigent ist Fritz Busch, der war im Jahr zuvor von einem SA Mob aus der Semperoper gegrölt worden und hatte Deutschland verlassen. Obgleich ihn Hitler, Goebbels und Göring gerne als Wagnerdirigenten in Deutschland gesehen hätten. Aber als Toscanini sich 1933 geweigert hatte, in Bayreuth aufzutreten, erklärte sich Busch mit seinem Kollegen solidarisch und verzichtete auf die fragwürdige Ehre der Berufung durch den Wagner Clan. Man kann den Lohengrin ja auch in Buenos Aires und an der Met dirigieren, was er tun wird. 

Erst einmal bietet ihm John Christie in Glyndebourne ein künstlerisches Zuhause. Christies erste Dirigenten, Dramaturgen und Intendanten sind alle Emigranten aus Hitlers Reich: Rudolf Bing (der später noch Chef an der Met werden wird), Fritz Busch und Carl Ebert (hier auf dem Photo von links nach rechts). Das einzige Parteimitglied der NSDAP bei der Figaro Aufnahme von 1934 ist Willi Domgraf-Fassbaender. Der Bariton kann kein so überzeugter Nazi gewesen sein, sonst hätte Busch (und später Toscanini) ihn wohl nicht genommen. Domgraf-Fassbaender (der Vater der Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender) hat über Fritz Busch gesagt: Bei Busch stimmte einfach alles! Ein Tempo, das er anschlug, war - wie seine gesamte Mozartinterpretation - so, dass man sich etwas anderes überhaupt nicht vorstellen konnte.

Mit dem Kriegsbeginn ist es mit der Oper zu Ende, Busch geht nach Buenos Aires an das Teatro Colón. Christies Haus wird ein Heim für evakuierte Kinder. Das Glyndebourne Festival Orchestra ist zwar nicht mehr in Glyndebourne zu hören, aber überall sonst. Sie sind ab 1940 auf Tour mit der Beggar's Opera, Audrey Mildmay singt die Polly Peachum, das hatte sie schon mit großem Erfolg getan, bevor sie John Christie kennenlernte. Sie können sie hier in der Gesamtaufnahme von 1940 hören. 1950 ist Fritz Busch wieder in Glyndebourne, er wird bis zu seinem frühen Tod 1951 in London acht Opernaufführungen in Glyndebourne dirigieren. Meistens Mozart. Glyndebourne ist mit ihm zu einem Mozartfestival geworden. Wäre es nach John Christie gegangen, hätte es in seiner Oper Wagner gegeben, dann wäre Glyndebourne ein zweites Bayreuth geworden. 

Glücklicherweise haben seine Frau (hier 1936 als Zerlina in Don Giovanni) und Fritz Busch ihn zu Mozart gebracht. Bei den Proben zu The Moderate Soprano diskutieren die Beteiligten hier die Frage Mozart oder WagnerI ask on behalf of the audience ... Mozart. Is he any good? fragt John Christie in dem Theaterstück von Hare. I know everyone says that a genius sees things other people don't. But geniuses aren't always so bloody brilliant at seeing what other people do ... What I'm saying: Mozart may be great, but is he any good? That's my question. Because it's by no means the same thing. 

Das Theaterstück endet mit: 28 MAY 1934 For the first time, there is the sound of the audience gathering in the theatre, talking, coughing a little. Bing moves across to the table and sits down to work at his papers. John remains in his wheelchair, his eyes bandaged, staring out. Ebert appears at the side, lolling against a wall in the auditorium waiting for the performance to begin. And to one side Audrey, in costume to play Susanna, paces nervously, rubbing her hands together, preparing. Then, seeing him before we do, there is polite applause in the audience and a settling as Fritz Busch, wearing tails, walks out in front of the curtain. He makes a gesture with his arms for the unseen orchestra to stand, and the applause is a little firmer. Then it dies, and the noise of the audience falls away to silence. There is an expectant moment. Busch raises his arms, and on the beat, the orchestra is heard to begin Mozart’s overture for The Marriage of Figaro. Bing looks up from his desk, as if hearing it. Ebert beats time nervously. Audrey paces ever more quickly, as if the tension were unbearable. Only John is serene, staring out, unseeing. The music grows louder and louder till it fills the theatre, sublime.

Alles, was Fritz Busch in Glyndebourne dirigiert hat, kann man noch auf →CD bekommen. Und seit die DVD erfunden wurde, kann man viel Mozart aus Glyndebourne auf DVDs sehen. Meine Lieblingsaufnahme ist ✺Così fan tutte aus dem Jahr 2006. Jeden Morgen, wenn ich meinen Computer anmache, singen Miah Persson, Anke Vondung und Nicolas Rivenq ✺Soave sia il vento.

Das Opernhaus Glyndebourne ist in diesem Blog immer wieder erwähnt worden. Lesen Sie auch: Glyndebourne, Hochzeitsvorbereitungen, Fritz Busch, Bayreuth, tenore di grazia, Cosi fan Tutte, Don Giovanni, Die Liebesschule, The marriage of Figaro, die Stimme im Hintergrund, Contessa, perdono, Premiere, immer wieder Opern

Sonntag, 24. Mai 2026

Pfingsten


The Whitsun Weddings

That Whitsun, I was late getting away:
Not till about
One-twenty on the sunlit Saturday
Did my three-quarters-empty train pull out,
All windows down, all cushions hot, all sense
Of being in a hurry gone. We ran
Behind the backs of houses, crossed a street
Of blinding windscreens, smelt the fish-dock; thence
The river's level drifting breadth began,
Where sky and Lincolnshire and water meet.

All afternoon, through the tall heat that slept
For miles inland,
A slow and stopping curve southwards we kept.
Wide farms went by, short-shadowed cattle, and
Canals with floatings of industrial froth;
A hothouse flashed uniquely: hedges dipped
And rose: and now and then a smell of grass
Displaced the reek of buttoned carriage-cloth
Until the next town, new and nondescript,
Approached with acres of dismantled cars.

At first, I didn't notice what a noise
The weddings made
Each station that we stopped at: sun destroys
The interest of what's happening in the shade,
And down the long cool platforms whoops and skirls
I took for porters larking with the mails,
And went on reading. Once we started, though,
We passed them, grinning and pomaded, girls
In parodies of fashion, heels and veils,
All posed irresolutely, watching us go,

As if out on the end of an event
Waving goodbye
To something that survived it. Struck, I leant
More promptly out next time, more curiously,
And saw it all again in different terms:
The fathers with broad belts under their suits
And seamy foreheads; mothers loud and fat;
An uncle shouting smut; and then the perms,
The nylon gloves and jewellery-substitutes,
The lemons, mauves, and olive-ochres that

Marked off the girls unreally from the rest.
Yes, from cafés
And banquet-halls up yards, and bunting-dressed
Coach-party annexes, the wedding-days
Were coming to an end. All down the line
Fresh couples climbed aboard: the rest stood round;
The last confetti and advice were thrown,
And, as we moved, each face seemed to define
Just what it saw departing: children frowned
At something dull; fathers had never known

Success so huge and wholly farcical;
The women shared
The secret like a happy funeral;
While girls, gripping their handbags tighter, stared
At a religious wounding. Free at last,
And loaded with the sum of all they saw,
We hurried towards London, shuffling gouts of steam.
Now fields were building-plots, and poplars cast
Long shadows over major roads, and for
Some fifty minutes, that in time would seem

Just long enough to settle hats and say
I nearly died,
A dozen marriages got under way.
They watched the landscape, sitting side by side
— An Odeon went past, a cooling tower,
And someone running up to bowl — and none
Thought of the others they would never meet
Or how their lives would all contain this hour.
I thought of London spread out in the sun,
Its postal districts packed like squares of wheat:

There we were aimed. And as we raced across
Bright knots of rail
Past standing Pullmans, walls of blackened moss
Came close, and it was nearly done, this frail
Travelling coincidence; and what it held
Stood ready to be loosed with all the power
That being changed can give. We slowed again,
And as the tightened brakes took hold, there swelled
A sense of falling, like an arrow-shower
Sent out of sight, somewhere becoming rain.


Dieses Gedicht, das Pfingsten im Titel hat, ist von dem englischen Dichter Philip Larkin. Der war, seit es diesen Blog gibt, immer wieder hier: Philip LarkinAubade, Church GoingPhilip Larkins Rasenmäher, Michael Innes und Sedanplatz.

Ich wünsche all meinen Lesern ein frohes Pfingsfest.

Samstag, 23. Mai 2026

unübertrefflich


Als die Quarzuhren preiswert wurden, also, als sie richtig billig wurden, da brachten Seiko und Citizen zwei teure Uhrenlinien auf den Markt. Allerdings nur auf den japanischen, dies waren alles JDM (Japanese Domestic Market) Uhren. Bei Seiko hießen die Uhren Credor, bei Citizen Exceed. Die Uhren der beiden japanischen Konkurrenten hatten viele Gemeinsamkeiten. Sie hatten gute, häufig erstklassige, Quarzwerke, hatten Saphirglas statt Acryl und waren für den heutigen Geschmack alle viel zu klein. Die meisten von ihnen hatten die Größe von Damenuhren. Es waren Schmuckuhren für den japanischen Geschmack, es waren keine Sportuhren. Bei dem Material der Gehäuse setzte man auf gehärteten Stahl, es finden sich in dieser Zeit interessante Legierungen, selbst Wolframcarbid kommt zum Einsatz. Bei beiden Firmen findet sich häufig (wie bei dieser Seiko Credor) ein tiefschwarzer Cabochon in der Krone, man wollte damit betonen, dass man etwas Besseres war. 

Seiko war mit der Astron auf den Markt gekommen, bei Citizen hießen die Quarzuhren Crystron. Einem Wort, das aus crystal und electronic gebildet worden war. Ich habe eine von diesen Uhren, die nach einem halben Jahrhundert noch sehr genau geht. Citizen wollte noch mehr und brachte in der Mitte der 1970er Jahre die →Crystron 4 Mega auf den Markt. Das erste Modell kam ganz in →Gold und kostete 4,5 Millionen Yen, eine teurere Uhr gab es in Japan nicht. Citizen bot dann eine preiswertere Variante wie auf diesem Photo an, eine Uhr die heute kaum unter tausend Euro zu haben ist. Die Uhr war Citizens Antwort auf Seikos Superior.

Das Mega auf dem Zifferblatt stand nicht nur für mega-teuer, die Uhr schwang mega-schnell. Mit 4,194,304 Hertz. Sie erreichte damit eine Genauigkeit von drei Sekunden Abweichung im Jahr. Aber diese Schnellschwinger waren eher ein Irrweg der Technik, nicht nur, weil sie extreme Batteriefresser waren. Sie waren viel zu teuer. Das musste auch Omega erfahren, die einen Omega Constellation Quartz Marine Chronometer (Bild) mit 2,4 MHz auf den Markt brachten. Der sich überhaupt nicht verkaufte, Omega gab die Reste zu Sonderpreisen an die Mitarbeiter ab. Den Namen Megaquartz behielt man aber, der steht auch auf der Megaquartz, die mir mein Uhrmacher vor Jahrzehnten geschenkt hat. Ist aber kein Mega drin, nur die 32 Hertz, die alle Quarzuhren haben.

Nachdem ich mir in den letzten Jahren all das zugelegt habe, was Seiko an hochklassigen Quarzuhren in den siebziger Jahren gebaut hatte, all diese Grand Quartz und die Superior, wollte ich mal eine Citizen Exceed haben. Die sind aber schwer zu bekommen. Den Preisverfall dieser Exceed habe ich ein Jahr im Internet beobachtet, bis ich sie dann kaufte. Sie fällt aus den Exceed Modellen heraus, weil sie 36 mm groß ist; sie war mal 200 Meter wasserdicht und hat eine verschraubte Krone. Unter dem Schraubboden ist noch ein Weicheisendeckel, damit ist die Uhr gegen Magnetismus geschützt. Und Saphirglas hat sie natürlich auch. Obgleich es eigentlich eine Sportuhr ist, ist das Modell sehr elegant.

In der Uhr arbeitet das Werk 0310, ein HAQ (High Accuracy Quartz) Werk mit 7 Steinen und Temperaturkompensation. Mit einer Abweichung von 10 Sekunden im Jahr, in englischen Texten findet sich da immer der Begriff 10 SPY (was für ten seconds per year steht). Und das ist jetzt das neue Leitbild für Citizen: Werke zu bauen, die nicht mehr als zehn Sekunden im Jahr von der Atomuhr abweichen. Das nächste Werk wird das Kaliber 0350, das eine Genauigkeit von ±5 Sekunden pro Jahr und einen ewigen Kalender hat. Das Werk war auch in Citizens neuem Luxusmodell The Citizen drin, das 1995 auf den Markt kam. Das Kaliber A 660, das Citizen dann viele Jahre verwendete, gab es noch nicht.

Das alles war für Citizen noch nicht genug, 1978 kam die Exceed Gold. Deren Werk, das Kaliber 790, war nur einen Millimeter hoch. Einen Sekundenzeiger hatte die Uhr nicht, dafür war kein Platz. Die goldene Uhr kostete je nach Ausführung zwischen 280.000 und 300.000 Yen. Ein Weltrekord war das allerdings nicht, denn ein Jahr später gab es die Eterna Delirium (die es auch von Longines und der IWC gab), die mit einer Bauhöhe von zwei Millimetern nur halb so dick war wie die Exceed Gold. Ich weiß nicht, ob eine von diesen superflachen Uhren heute noch funktioniert. Die Uhren waren wohl nur gebaut worden, um zu zeigen, dass man so etwas bauen kann. Wirklich praxistauglich waren sie wohl nicht.

Ich besitze seit kurzem auch eine ziemlich flache Exceed, dieses goldene Teil ist gerade mal sechs Millimeter hoch. Sie sieht aus, als wäre sie aus Gold, aber das ist sie nicht. Auf dem Gehäuseboden steht UHAG, was bei Citizen ultra hard alloy gold bedeutete. Das Geheimnis dieser Legierung hat den Namen Titannitrid, eine Beschichtung, die wirklich ultrahart ist. Kann man nicht abkratzen. Die Uhr kenne ich schon lange, ich guckte sie mir immer wieder im Internet an, aber ich konnte mich nicht entschließen. 

Ich hatte im letzten Jahr schon mal mit dem Händler, der sehr nett war und viel von Citizen Uhren verstand, korrespondiert. Der hatte eine Exceed mit einem lachsfarbenen Zifferblatt, die sehr gut aussah, aber die war leider irgendwann weg. Weil ich mich, wie gesagt, nicht entschließen konnte und eigentlich auch keine Uhren mehr kaufen wollte. Man muss allerdings ganz klar sagen, dass diese Exceeds sehr selten sind. Seiko Credors gibt es ab 250 Euro in Deutschland genügend, aber eine Citizen Exceed ist so gut wie gar nicht zu finden. 

Die mit dem Kaliber 2730 (mit Temperaturkompensation), die ich im letzten Jahr bei Tokei Japan kaufte, habe ich nicht bekommen. Weil sie in Stuttgart beim Verpacken feststellten, dass die Uhr nicht mehr lief. Ich bekam mein Geld zurück und die Uhr wanderte nach Dänemark, wo die Firma einen Fachmann hat, der vierzig und fünfzig Jahre alte Seikos und Citizens reparieren kann. Der hat allerdings auch noch einen Bauernhof und hat jetzt junge Fohlen auf der Weide, da kommt er nicht dazu, die Exceed zu reparieren. Ich habe aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Jetzt trage ich erst einmal dieses flache Teil mit dem Kaliber 7130, das sogar in der Originalverpackung ankam. Die sieht wirklich rattenscharf aus.

Dienstag, 19. Mai 2026

unerwünschte Geschenke


Dies ist das einzige Bild, das Marilyn Monroe und John F. Kennedy am 19. Mai 1962 zusammen zeigt. Ihr Designerkleid mit den 2.500 aufgenähten Glitzersteinchen war so eng, dass sie keinen BH darunter tragen konnte. Man hatte es ihr auf den Körper genäht. Sie ist sechsunddreißig Jahre alt, sie ist stolz auf ihren Körper. Den BH hat sie schon in vielen Filmen weggelassen, bei denen das Kleid nicht so eng war. Wenn die Scheinwerfer bei der Geburtstagsgala sie bei ihrem Auftritt beleuchten, wird es aussehen, als ob das Kleid durchsichtig sei.

Es war die Geburtstagsgala für den Präsidenten John F. Kennedy im Madison Square Garden in New York, wo Marilyn mit diesem Kleid auftritt. Es ist ihr letzter öffentlicher Auftritt. Sie ist nicht die einzige Sängerin an diesem Abend. Da gibt es eine noch berühmtere  Frau, die allerdings ganz anders als sie gekleidet ist. Das ist natürlich Maria Callas, die L’amour est un oiseau rebelle que nul ne peut apprivoiser singen wird. Wo sich diese für alle Verliebten gefährliche Zeile si tu ne m’aimes pas, je t’aime findet.

Marilyn wird mit einiger Verspätung auftreten. Der mit den Kennedys verwandte Schauspieler Peter Lawford, der den Conferencier an diesem Abend gab, wird Marlyns Auftritt einige Male ankündigen, aber sie erscheint nie auf der Bühne. Das war kalkuliert, die Ankündigungen waren eine Art running gag. Doch wenn er sie zum Schluss als the late Marilyn Monroe ankündigt, dann ist sie da. Legt ihren weißen Hermelinmantel ab und singt Happy Birthday, Mr. President. Wenn Kennedy an das Mikrophon tritt, wird er sagen: I can now retire from politics after having had Happy Birthday sung to me in such a sweet, wholesome way.

So sehr Kennedy die Huldigung von Amerikas Sex Symbol Nummer 1 gefallen hatte, das zweite Geschenk, das sie für ihn hatte, gefiel ihm überhaupt nicht. Das war eine goldene Rolex, auf deren Boden JACK -- With love as always from MARILYN -- May 29th 1962 stand. Und dann war da noch ein kleines Gedicht in der Verpackung: 

Let lovers breathe their sighs 
And roses bloom and music sound
Let passion burn on lips and eyes 
And pleasures merry world go round 
Let golden sunshine flood the sky 
And let me love Or let me die!

Wenn es je eine Liebesaffaire zwischen Marilyn und JFK gab (si tu ne m’aimes pas, je t’aime), sie ist an diesem Abend zu Ende. Happy Birthday, Mr. President ist Marilyns Schwanengesang. Kennedy sagt einem Assistenten, er solle die Rolex entsorgen. Sie wird nach seinem Tod bei einer Auktion für 120.000 Dollar verkauft. Die goldene Omega, die ihm Grant Stockdale geschenkt hatte, und die er bei seiner Inauguration trug, brachte das Dreifache. Das Omega Museum hat sie gekauft. Das Glitzerkleid, das der Designer Jean Louis für Marilyn geschneidert hatte, brachte bei einer Auktion 4,8 Millionen Dollar. Jean Louis war schon lange in dem Geschäft, schöne Hollywoodstars noch schöner zu machen. 

Das schwarze Kleid, das Rita Hayworth in Gilda trug (Put The Blame On Mame, Boys), hatte ihn weltberühmt gemacht. Das brachte aber in einer Auktion so gut wie nichts, irgendwann tauchte das Kleid bei ebay auf. Das hätte dem hautengen weißen Kleid von Marilyn nicht passieren können. Und erst recht nicht diesem Kleid, das Marilyn in The Seven Year Itch trug. Wir erinnern uns an die Szene mit der U-Bahn, die von Jean-Jacques Beineix in seinem Film Diva für fünf Sekunden ironisch zitiert wird. Postmoderne Filme leben vom Zitieren. 

Das U Bahn Kleid von William Travilla aus dem Jahre 1955 brachte übrigens in einer Auktion eine Million Dollar mehr als das Glitzerkleid aus dem Jahre 1962, in das sich eine Frau namens Kim Kardashian mal für einen kurzen Auftritt hinein gehungert hatte. Das Museumsstück war hinterher beschädigt. Jahrelang hatte man das Kleid im Museum in Dunkelheit und gleichbleibender Temperatur aufbewahrt, und dann verleiht man es an diese furchtbare Schickimicki Tussi. Man fasst es nicht.

Das weiße Kleid hat es auch in ein Gedicht mit dem Titel Wasn’t It All Twinkly When We Sang Happy Birthday? geschafft. Die Dichterin Elisabeth Sennitt Clough hat dazu gesagt: I saw the picture of Marilyn that my tutor Sally Flint posted as a prompt, during the same week in which I read in the news that Marilyn’s “Happy Birthday” dress had sold for $4.8 million. I thought that taking on Marilyn’s voice in a poem would be a challenge in terms of originality; there are entire websites dedicated to Marilyn poems, so I chose to write from the perspective of the dress. 

Von nun an spricht das Kleid zu uns:

I hated the storage years,
each of my hand-stitched crystals
dulled by moths and cobwebs.
I craved Madison Square again,
the night they sewed you in
to my rib-chafing tightness,
my flesh-coloured brashness.
Under the lights, you shrugged
your fur from me with a shimmy
and the chainmail of my jewels
became your battle dress. At first
those at the back of the room
believed you were nude. At thirty-six,
they said you’d grown softer,
but the outlines of your silvery
bones glinted with a new sharpness.
I clasped you tight as a corset,
until your ribcage swelled
and your breath strained its way out:
your voice little more than a gasp
and a pant at first – so low,
like you were sharing a secret,
but those tones cut the night air
like a scythe. You were down
to your last few months. This stage
was our temple: you stomped
your feet to the beat of the drum
and backstage powerful men trembled.



Noch mehr Marilyn Monroe in diesem Blog in den Posts: Marilyn MonroeThe MisfitsJohn HustonMethod ActingDorothy ParkerJust head for that big star straight on