Freitag, 29. Juli 2016

Parteitag


Es muss noch Satiriker und Zyniker bei arte geben. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass der Sender auf dem Höhepunkt des Parteitages der Republikaner den Film ➱The Manchurian Candidate (Botschafter der Angst) sendete (zum ersten Mal ➱ungekürzt). Leslie Halliwell gibt dem Film vier Sterne (und das will viel heißen), die englische Filmkritikerin Penelope Houston urteilte: the unAmerican fim of the year. Und ➱Pauline Kael schrieb in 5001 Nights at the Movies: The picture plays some wonderful, crazy games about the Right and the Left; although it’s a thriller, it may be the most sophisticated political satire ever made in Hollywood. Es ist ein ➱Schwarzweißfilm, in dem noch ein wenig vom Film Noir steckt. Der Film sagt auch viel über die schlimmste Phase der Paranoia, die Amerika noch nicht ganz hinter sich hat: die McCarthy Jahre.

Dies ist der perfekte Film für die Liebhaber von Verschwörungstherorien. Die Britin Angela Lansbury spielt hier nicht die Miss Marple des amerikanischen Fernsehens, sie spielt die Gattin eines immens doofen Politikers namens Iselin, der ins Weiße Haus möchte. Das ist nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt, wenn jemand immens doof ist und ins Weiße Haus möchte. Was John Yerkes Iselin, der als Kommunistenjäger auftritt, nicht weiß, ist die Tatsache, dass seine Frau Eleanor eine Kommunistin ist.

Die mit Moskau und Peking einen Teufelspakt gemacht hat. Weil sie ein manipulierbares Killerwerkzeug braucht, nur mit Mord kommt man an die Macht. Das weiß diese Nachfahrin von Lady Macbeth nur zu gut. Die Kommunisten schicken ihr ihren eigenen Sohn aus erster Ehe, den sie im Koreakrieg einer Gehirnwäsche unterzogen haben. Wenn er eine Karodame sieht, wird er töten, dafür hat ein Spezialist des Moskauer Pavlov Instituts (der wie Dr Fu Manchu aussieht). An dieser Stelle müssen wir einmal Coleridges schönes Wort der willing suspension of disbelief zitieren, denn das ist ein wenig zu viel des Guten, insanely plotted, heißt es bei Leslie Halliwell.

Der Sergeant Raymond Shaw (gespielt von ➱Laurence Harvey), Träger der Tapferkeitsmedaille, weiß nichts davon, dass er ein Auftragsmörder ist. Doch sein Major, gespielt von ➱Frank Sinatra, ahnt die Wahrheit über das, was damals in Korea passierte. Alpträume quälen ihn. Er hat seinen Sergeant nie gemocht. Sinatra hat auch Laurence Harvey nie gemocht. Er hat behauptet, dass Harvey schwul sei und ihn unsittlich berührt habe: He has the handicaps of being a homo, a Jew, and a Polock, so people should go easy on him. 

Da wir gerade beim Thema Sex sind, habe ich hier noch etwas Unappetitliches. Bevor Mrs Eleanor Iselin ihrem Sohn den Mordauftrag gibt, damit er auf dem Parteitag den Präsidentschaftskandidaten erschießt, hat sie Sex mit ihm. Auf jeden Fall in Richard Condons Roman. In einem Hollywoodfilm geht das nun ganz und gar nicht, da wird nur geküsst. Und außerdem kann Angela Lansbury gar nicht die Mutter von Laurence Harvey sein: sie ist nur drei Jahre älter als er.

Aber zurück zum Film, den ich 1963 zum ersten Mal sah. Es war das Jahr, in dem John F. Kennedy erschossen wurde, da verschwand der Film aus dem Programm der Kinos. Aber die Cineasten haben den Film nie vergessen (dass Jonathan Demme ein Re-Make von dem Film gedreht hat, das vergessen wir mal schnell), er ist zu einem Kultfilm geworden.

Ich habe hier zu Schluss die Rede, die Angela Lansbury hält, wenn sie ihm den Mordbefehl gibt: You are to shoot the presidential nominee through the head. And Johnny will rise gallantly to his feet and lift Ben Arthur's body in his arms, stand in front of the microphones and begin to speak. The speech is short. But it's the most rousing speech I've ever read. It's been worked on, here and in Russia, on and off, for over eight years. I shall force someone to take the body away from him and Johnny will really hit those microphones and those cameras with blood all over him, fighting off anyone who tries to help him, defending America even if it means his own death, rallying a nation of television viewers to hysteria, to sweep us up into the White House with powers that will make martial law seem like anarchy. Now, this is very important. I want the nominee to be dead two minutes after he begins his acceptance speech -- depending on his reading time under pressure. You are to hit him right at the point that he finishes the phrase, "Nor would I ask of any fellow American in defense of his freedom that which I would not gladly give myself -- my life before my liberty." Is that absolutely clear?

Ich fand den Satz rallying a nation of television viewers to hysteria, to sweep us up into the White House einfach wunderbar. Um nichts anderes geht es in Amerika.

Mittwoch, 27. Juli 2016

Joseph Anton Koch


Schreibe ich über Joseph Anton Koch oder lasse ich es? Die Frage stellte mir, als ich auf das Kalenderblatt vom 27. Juli bei Wikipedia schaute. Der Maler wurde am 27. Juli 1768 geboren, in seiner Jugend hatte er noch Ziegen gehütet. Durch die Empfehlungen eines Bischofs war er zur Karlsschule nach Stuttgart gekommen, einer Militärakademie, die einige Berühmtheit hatte, weil Friedrich Schiller da auch gewesen war. Der war noch mit fünfzehn Bettnässer, was die Biographen auf den harten militärischen Drill schieben. Joseph Anton Koch hat die Militärakademie nach sechs Jahren verlassen, der mit der französischen Revolution sympathisierende Eleve kam damit einem Rausschmiss zuvor. Malte aber mal eben diese schöne Karikatur auf die Kunstpraxis an der Hohen Karlsschule.

Und floh erst einmal in die Schweiz, danach ging er nach Italien, wo er bis zu seinem Tode blieb. Die Alpen vergaß er nie, er malte viele Bilder, die man als heroische Landschaft bezeichnet. So etwas ist in der Geschichte der Malerei nicht ganz neu, schon ➱Nicolas Poussin hatte solche Bilder gemalt. Aber die Romantik wird das Thema neu entdecken, sogar der Schriftsteller Gottfried Keller wird eine solche heroische Landschaft malen.

Auf diesem Bild von Blunck, das den Bildhauer Bertel Thorvaldsen (ganz rechts am Tisch) und seine Freunde in einer römischen Trattoria zeigt, ist Joseph Anton Koch leider nicht mit drauf. Hätte er aber sein können, denn er war mit ihm befreundet, und der Katalog Künstlerleben in Rom. Bertel Thorvaldsen (1770-1844): Der dänische Bildhauer und seine Freunde hat eine Vielzahl von Einträgen für seinen Namen. Die Ateliers von Thorvaldsen und Koch werden für Jahrzehnte die Anlaufstationen für alle durchreisenden Künstler sein (auch ➱Blechen wird bei Koch wohnen). Das Bild von Detlev Blunck war übrigens schon in dem Post ➱Bertel Thorvaldsen zu sehen.

Die Landschaft mit dem Regenbogen hat Koch 1805 gemalt, es ist das Jahr, in dem er mit dem ➱Schmadribachfall beginnt. Den lässt er aber erst einmal auf der Staffelei (oder in einer Ecke des Studios) stehen, erst 1811 wird er ihn vollenden. Das Bild ist heute in Leipzig, die Neue Pinakothek München hat eine spätere Fassung. Die früheste Fassung des Bildes ist dieses Aquarell von 1794, das das Kunstmuseum Basel besitzt. Es ist in seinem Detailreichtum und der Luftigkeit der Farben vielleicht schöner als die anderen Bilder.

Koch hat sein Bild in einem Brief an seinen Freund Robert von Langer selbst beschrieben als: Eine sozusagen prachtvolle Wildnis mit Gletscherkaskaden, Wolken, welche zum Teil die Gebirge umschleiern, machen den Hintergrund aus; In der Mitte befindet sich ein undurchdringlicher Wald von Tannen und anderem wilden Gewächs und Felstrümmern und stürzenden Wassern vermischt. Der Vordergrund ist die Tiefe des Tales, von frischem Grün erfreut, mit dem brausenden Strom der Steinberg Lütschüne, in welch sich oben gedachte Wasser stürzen. Der ich aus einem solchen Bergland geboren bin und mich selbst als Kind solcher majestätischer Natur schon immer freute und deren Erinnerung mir noch jetzt tief eingeprägt ist. Auch besitze ich sehr fleißige Zeichnungen nach der Natur hiervon.

Der Maler Joseph Anton Koch wäre mir eigentlich schnurzpiepeegal. Wenn da nicht diese Reproduktion des Schmadribachfalls wäre, die ich jahrelang an die Wände verschiedener Studentenbuden gepappt hätte. Ich weiß nicht weshalb. Aber ich kenne natürlich jeden Quadratzentimeter des Bildes. Die Reproduktion ist heute nicht mehr an der Wand, die ruht in einer großen Mappe im Keller. Wenn Sie mehr über Kochs Gemälde wissen wollen, dann kann ich Hilmar Franks kleines Buch in der hervorragenden Reihe Kunststück des Fischer Verlags empfehlen. Und diese ➱Seite auf der ein Kunstpädagoge didaktisch das Bild analysiert, besser kann man es nicht machen.

Die kleine Winzerstadt Olevano hatte Joseph Anton Koch um 1803 entdeckt. Er entdeckte da nicht nur die Schönheit dieser Landschaft, er entdeckte auch eine schöne Italienerin namens Cassandra Ranaldi, die er drei Jahre später heiratete. Besonders angetan hat es Koch ein Eichenwäldchen oberhalb von Olevano, das Serpentara (Schlangenwäldchen) heißt. Das wird dann für den Rest des Jahrhunderts für alle deutschen ➱Maler, die Rom besuchen (sogar für den Deutschamerikaner ➱Albert Bierstadt), die Vorlage für das Zeichnen von Eichen sein.

Als der Maler Edmund Kanoldt (diese Zeichnung des Serpentara Wäldchens ist von ihm) 1873 erfährt, dass man den Wald abholzen und zu Eisenbahnschwellen verarbeiten will, alarmiert er den deutschen Botschafter in Rom. Und dann gibt es eine beispiellose Aktion, Künstler sammeln und spenden (der Maler Carl Schuch übernimmt ein Viertel der Kosten), um das Wäldchen zu kaufen. Und da Deutsche immer übertreiben müssen, ist das Schlangenwäldchen inzwischen zu einem heiligen Eichenhain geworden.

Was wären wir Deutschen ohne Wald? Ohne das Lindenblatt, das auf Siegfried fällt, ohne Hermann den Cherusker, ohne ➱Wolfsschlucht, ohne Eichendorffs Wälder und die Märchen der Brüder Grimm? Könnte ich jetzt stundenlang drüber schreiben. Habe ich auch schon getan, ich liste unten einmal einige Posts zum Thema Wald auf. Und ich muss natürlich das Buch von Simon Schama Landscape and Memory (Der Traum von der Wildnis) erwähnen, das ein schönes Kapitel über den deutschen Wald hat.

Die Gegend von Olevano war nicht mehr unbedingt idyllisch, jetzt im Risorgimento häufen sich in der ruhigen Gegend die Überfälle durch banditti. Die kommen normalerweise auf den Bildern von ➱Salvator Rosa vor (dies ist eins seiner Bilder), aber es scheint sie auch in der Wirklichkeit zu geben. Die Malerin Louise Seidler (die Sie schon aus dem Post ➱Georg Friedrich Kersting kennen) hat in ihren Lebenserinnerungen davon berichtet, wie Briganten den Baron von Rumohr überfallen wollten und den Maler Friedrich Salathè entführten. Die Geschichte geht aber gut aus.

Wenn Deutsche sich etwas vornehmen, dann führen sie das auch zu Ende (vom Flughafen Berlin-Brandenburg einmal abgesehen), das Serpentara Wäldchen (hier ein Bild von August Lucas) wird nicht abgeholzt, es bleibt in deutscher Künstlerhand. Bis heute. Denn da gibt es die Villa Serpentara, die so etwas Ähnliches wie die Villa Massimo ist.

Obgleich ich die Alpen nicht unbedingt mag, schreibe ich doch häufig über sie. Wenn Sie den Post ➱Tanzseuche anklicken, finden Sie Links zu all den Alpen Posts. Ich war noch keinen Monat im Netz, da musste ich schon über die Alpen schreiben und in dem Post ➱Ästhetik diese kleine Geschichte erzählen: Aus der Zeit von Sir Arthur Conan Doyle (dem seine Schneider besonders dicke Tweedhosen gemacht hatten, damit er die verschneiten Hänge herunter rutschen konnte) datiert auch eine kleine Geschichte, die man sich in Bremen erzählt. Wo man sich ja englischer als die ➱Engländer gibt. Das tun die Hamburger ja auch, aber die sind für die Bremer ja nicht wirklich zurückhaltend englisch, eher schon neapolitanisch leichtlebig. Also, eine Bremer Senatorenfamilie fährt mit der Eisenbahn in die Alpen. Und angesichts des Panoramas der schneebedeckten Berge und des ewigen Eises springt der Sohn auf und ruft: Guck mal, Vadder. Was scheun. Die Alpens. Und der Vater sagt: Junge, exaltier Dir nicht so. Worauf die Mutter, das Verhalten des Juniors erklärend, einwirft: Das musst Du verstehen, er studiert ja nun schon ein Semester in Hamburg.

Es wird nicht verwundern, dass es in einem Blog namens SILVAE manchmal um Wälder geht. Lesen Sie auch: silvae: Wälder: Lesen, Eisenhammer, Deutsche Romantik, Wolfsschlucht, Lützow, Moritz von Schwind, Vollmond, Caspar David Friedrich, Adalbert Stifter, Zweite Heimat

Sonntag, 24. Juli 2016

Katzenjammer


Dies ist der Maler Rudolf Hirth, der sich ab 1875 Rudolf Hirth du Frênes nannte (das war der Mädchenname seiner Mutter), klingt sicher für die Kundschaft eindrucksvoller. Er wurde am 24. Juli 1846 geboren, er starb 1916, wenige Wochen nach seinem berühmten Bruder, dem Schriftsteller und Buchdruckereibesitzer Dr Georg Hirth. Das schöne Portrait ist von seinem Freund Wilhelm Leibl gemalt worden, und Hirth wird zum Leibl Kreis gezählt. Nach dem Auseinanderfallen der Gruppe fehlte ihm der Orientierungspunkt in seinem Leben.

Hirth hat seinen Freund Leibl, der ein leidenschaftlicher Segler war, hier zusammen mit seinem Malerfreund Josef Sperl gemalt (das Bild ist heute im Besitz der Kunsthalle Karlsruhe). Ein flottes, frisches Bild, ein guter, großer Wurf in glücklicher Stunde, schreibt Georg Jacob Wolf 1923 in Leibl und sein Kreis. Besonders gut segeln konnten die beiden Maler wohl nicht, Sie können ➱hier auf einer Seite zum Thema Segeln auf dem Chiemsee mehr dazu lesen. Und wenn wir schon beim Chiemsee angekommen sind, kann ich den schönen kleinen Post zu dem Chiemseemaler ➱Albert Stagura auch noch empfehlen. Seit 1866 teilen sich Hirt, Leibl und Sperl ein Studio, als Hirth 1875 dies Bild malt, ist es mit der Gemeinsamkeit des Leibl Kreises schon dahin.

Hirth verließ um 1880 München und ging nach Holland, es sollte nur eine Studienreise sein. Sie dauerte fünf Jahre. Er war in Holland, Belgien und Paris, er hat die Bilder Manets gesehen, aber seine Bilder wurden immer schlechter. Die Art seines Arbeitens und die Qualität seiner Bilder werden immer ungleicher. Die Skala reicht von guten bis zu ungenießbaren Bildern, heißt es in der Deutschen Biographie. Der Kunstmarkt reflektiert das, diese Berghütte hätte man bei einem Auktionshaus schon für 180 Euro bekommen können.

Er ist in Miltenberg gestorben, da ist man bannig stolz darauf, dass man einige Bilder von ihm besitzt. Die sollten mal lieber die besten Bilder von Philipp Wirth in das Internet stellen, aber das habe ich schon in dem Post zu ➱Philipp Wirth gesagt. Dies ist ein Blick in das Miltenberger Museum, man kann da aber im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken weder Hirth noch Wirth erkennen.

Wahrscheinlich kann man als Maler mit solchem Kitsch Geld verdienen, wahrscheinlich sogar noch heute. Es bleibt aber die Frage: Wofür hat der Mann Malerei studiert? Weshalb hat er auf seiner Europareise alle Studios und Kunstschulen von Volendam bis Paris besucht? Manet hat auch einmal ein Mädchen mit Katze gemalt, aber zwischen seinem ➱Bild und dem hier sind Unterschiede wie zwischen Tag und Nacht. Das Pastell Die Katzenmama von Hirth erschien zuerst in der Zeitschrift Jugend, einer Zeitschrift, die sein Bruder mitbegründet hatte. Nach dieser Zeitschrift soll der Jugendstil benannt worden sein.

Aber im Jugendstil haben die süßlichen Bilder von Hirth keinen Platz, die Katzen des Jugendstils sehen eher so aus wie diese chat noir von Théophile Steinlen. Auf Bildern kann ich Katzen ertragen, in der Wirklichkeit sind sie nicht mein Ding. Eine Dreierbande von schwarzen Katzen mit grünen Augen hat mir den ersten Asthmaanfall meines Lebens beschert. Seitdem meide ich sie. Gegen Katzen in der Literatur habe ich nichts (es sei denn, die Roman wären von dem Rechtsradikalen Akif Pirinçci geschrieben), gegen Katzen in der Kunst auch nicht. Vor allem, wenn sie so schön bescheuert aussehen wie die Katzen in dem Post ➱Broadmoor.

Ich mag auch diese Stelle bei Raymond Chandler (die in dem Post ➱Katzen vorkommt), wo es heißt: What I could see of him was dressed in a slovenly gray suit, and there was a large black Persian cat on the desk in front of him. He was scratching the cat's head with one of his little neat hands and the cat was leaning against his hand. Its busy tail flowed over the edge of the desk and fell straight down... "Who did kill Lou Harger, Dorr?" I asked, not looking at him. He shook his head. I looked at him, smiling. "Swell cat you have," I said. Dorr licked his lips. "I think the little bastard likes you," he grinned. He looked pleased at the idea. I nodded - and threw the cat in his face.

Freitag, 22. Juli 2016

Liverpool


Das bekam ich gerade von einer guten Bekannten aus Liverpool zugeschickt. Falls Sie die Unterschrift unter dem Gedicht nicht lesen können, da steht: Roger McGough. Der war mit seinen Gedichten mal der Held meiner Jugend. Ist lange her, aber ➱Let me Die a Youngman's Death kann ich immer noch aufsagen. Die Queen wäre besser beraten gewesen, wenn sie ihn zum Poet Laureate gemacht hätte, statt dieser gräßlichen Carol Ann Duffy (lesen Sie mehr in ➱Hofdichter: Gott schütze die Königin). Man liest ihn gerne, der Liverpool Poet steht ein wenig in der Tradition von ➱John Betjeman, und das ist ja nicht das Schlechteste. Roger McGough ist in diesem Blog kein Unbekannter, in dem Post ➱Kathedralen können Sie lesen, wie ich ihn einmal getroffen habe. Da man das Gedicht The Gateway to the Atlantic auf dem Bild (die Tafel findet sich beim Liverpool Museum) nicht so gut lesen kann, gibt es den Text hier noch einmal:

I am the warm hello and the sad farewell
I am the path to glory and the road to hell
I am the gull on the wing and the salt in the air
I am the night patrol and the morning prayer
I am the port register, read the names with pride
I am the thickening fog and the quickening tide
I am the ferryboat, the slaver, the man-o'-war
I am the keeper of the quays, welcome ashore
I am the starstruck, eternal romantic
I am the gateway to the Atlantic.

Roger McGough gehörte damals mit Adrian Henri und Brian Patten zu den ➱Liverpool Poets, die auf einem falsch gedruckten Plakat auf einer Lesereise durch Deutschland als Little Poor Poets angekündigt wurden. Das hätte McGough nicht schöner erfinden können. Es ist so ähnlich wie das Bremer Plakat, das die damals noch unbekannten Toten Hosen als die Toten Hasen ankündigte (da Trini Trimpop diesen ➱Post bei Facebook bekannt gemacht hat, hat der viele Leser gefunden). Als Roger McGough, Adrian Henri und Brian Patten vor einigen Jahren auf Lesetour durch England unterwegs waren, füllten sie noch ganze Säle, obgleich sie längst im Rentenalter waren. Denn ihre Leser haben sie immer geliebt.

Die drei Pop Poeten stehen hinter der kulturellen Revolution, die in den Sixties aus Liverpool kommt, nicht nur die Pilzköpfe. McGough begann seine Karriere bei der sagenumwobenen Band The Scaffold, er hat zwei Number One Hits geschrieben, die wahrscheinlich heute noch jeder in England singen kann: ➱Thank U Very Much und ➱Lily the Pink. Das reicht doch beinahe schon zum Anspruch auf einen Platz im Olymp. Leider hat seine wunderbar komische Autobiographie Said and Done keinen Index, so dass man nicht gezielt nach Namen wie Jimi Hendrix, Susan Sarandon oder ➱Philip Larkin schauen kann. Man muss das Buch schon von vorne bis hinten lesen. Wird eh jeder tun. Der Penguin Verlag hat 2003 McGoughs Collected Poems herausgebracht; zum ersten Mal erschien der Dichter bei Penguin 1967 in der Reihe Penguin Modern Poets im Band 10 The Mersey Sound. Meine Ausgabe ist von Roger McGough signiert, die steht aber hier nicht zum Verkauf.

Für beinahe ein Viertel derjenigen, die zwischen 1830 und 1930 Europa verließen, war Liverpool der letzte Hafen in Europa. Nicht für die Personen auf diesem Gemälde von Ford Maddox Brown, weil man im Hintergrund die ➱White Cliffs of Dover sehen kann, die durch Vera Lynn berühmter geworden sind, als durch Ford Maddox Browns Gemälde. Ich habe Dame Veras 99. Geburtstag in diesem Jahr leider verpasst, vielleicht schreibe ich einmal über sie. Ford Maddox Brown hat seine ganze Familie in das Bild gemalt, er spielte damals mit dem Gedanken, nach Indien auszuwandern. In dem Jahr, als er das Bild malte (von dem es unten noch eine spätere Aquarellversion gibt), haben 369.000 Briten das Vereinigte Königreich verlassen.

Erstaunlicherweise verlassen heute beinahe genau so viele Menschen das Vereinigte Königreich. Vielleicht sind es demnächst noch mehr, wenn England seine Verbindungen zum europäischen Kontinent aufkündigt. Liverpool war übrigens gegen den Brexit. Liverpool ist nicht mehr the gateway to the Atlantic (und möchte nicht mehr daran erinnert werden, dass der englische Sklavenhandel über diesen Hafen lief), aber es ist eine quirlige Stadt. Berühmte Leute kamen aus Liverpool, Jeremia Horrocks (der Astronom, den alle Leser von Thomas Pynchons Mason & Dixon kennen) und ➱Banastre Tarleton (dessen ganze Familie im Sklavenhandel reich geworden war). Aber auch Wayne Rooney und Catherine Walters. Liverpool ist übrigens auch einmal von Boris Johnson beleidigt worden. Und vor wenigen Jahren hat er behauptet, dass die Beatles durch London berühmt geworden seien, nicht durch Liverpool. Da wären Roger McGough und die Beatles wohl anderer Meinung. Viele englische Filme, die in London spielen, werden in Liverpool gedreht, weil das preisgünstiger ist. Wahrscheinlich hatte der damalige Bürgermeister von London deshalb die Städte verwechselt.

Und damit Boris Johnson noch ein bisschen über die Beatles lernen kann, hier sind die Posts, in denen sie vorkommen: Pilzköpfe, Kathedralen, Notting Hill, Cathy Gale, Christine Keeler, Kevin Johnson, Lord John Russell, Nico, Play Bach, Manfred Sexauer, Cordjackett, Chelsea Boots, Pierre Cardin, Thomas Gottschalk, Dandy?, Rückenschlitze, Richard Lester, Einer wird gewinnen, Secret Agents, Pauline Kael, Maciejowice, Luna de miel

Mittwoch, 20. Juli 2016

20. Juli



Wir gedenken in Deutschland an diesem Tag des Widerstandes gegen Adolf Hitler. Und es gibt jedes Jahr einen Staatsakt in Berlin und eine Kranzniederlegung im Bendlerblock. Und jedes Jahr wird der Oberst Graf von Stauffenberg gefeiert, den ja jetzt jeder kennt, weil er von Tom Cruise gespielt wurde. Um den stillen James Graf von Moltke, dessen Patenkind mein Freund Jimmy war, wird nicht ein solcher Rummel gemacht. Aber das Wissen um die Vergangenheit geht von Jahr zu Jahr verloren, und eines Tages werden nachfolgende Generationen die deutsche Geschichte nur noch in der Version von Tom Cruise oder Guido Knopp kennen. Ich bin jedes Jahr an diesem Tag ein wenig unglücklich, mir gefallen die Feiern nicht, die häufig nur verlogene Schauspiele mit schlechten Laiendarstellern sind. Und ich frage mich, wie viele Schüler jemals in Plötzensee gewesen sind? Oder wie viele den Namen Georg Elser kennen? Denn der ist irgendwie eher mein Held als Stauffenberg mit dem ganzen Gewese des George Kreises und dem heiligen Deutschland. Vielleicht war auch das geheime Deutschland gemeint, über das Stauffenbergs Mentor Stefan George gedichtet hatte:

Wer denn o wer von euch brüdern
Zweifelt o schrickt nicht beim mahnwort
Dass was meist ihr emporhebt
Dass was meist heut euch wert dünkt
Faules laub ist im herbstwind
Endes- und todesbereich:
Nur was im schützenden schlaf
Wo noch kein taster es spürt
Lang in tiefinnerstem schacht
Weihlicher Erde noch ruht -
Wunder undeutbar für heut
Geschick wird des kommenden tages.

Niemand redet über all die kleinen Leute, die auf ihre Art und Weise Widerstand geleistet haben, und die Opfer des Terrors geworden sind. Mir ist Stauffenberg als Held ein wenig unheimlich. Das, was ich von meiner Mutter (die ihn gekannt hatte) über ihn erfahren habe, hat nicht gerade dazu beigetragen, dass ich ihn mag. In der TAZ vom 17.2. 2009 hat Michael Wildt geschrieben:

Aber warum Stauffenberg und nicht Elser? Auf die Kritik des britischen Historikers Richard Evans, dass sich Stauffenberg mit seiner elitär-reaktionären Weltanschauung wohl nicht zum Helden eigne, antwortete Karl Heinz Bohrer heftig, dass es darauf gar nicht ankomme, sondern Stauffenberg und seine Mitverschwörer "eine Höhe des sittlichen, charakterlichen und kulturellen Formats" repräsentierten, von dem Mitglieder der heutigen Elite nur träumen könnten.

Darum also geht es! Im gegenwärtigen Diskurs um Eliten und ihre Ethik eignet sich der gebildete Generalstabsoffizier Stauffenberg, der zunächst den Verheißungen des Regimes vertraut, engagiert mitgemacht hat und erst spät umgekehrt ist, dann aber desto entschiedener zur Tat schritt, offenbar weit besser zum öffentlichen Helden als der spröde, eigensinnige Elser, der unter Beweis stellt, dass man auch in Zeiten, in denen die Stauffenbergs wie Millionen andere Deutsche noch den "Führer" unterstützten, als Tischler mit Volksschulabschluss den destruktiven Charakter des NS-Regimes erkennen und den Entschluss zum Widerstand fassen konnte. "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat" (Bertolt Brecht).

Wir können das in Deutschland offensichtlich nicht, dass wir einen größeren Zusammenhang des Widerstandes herstellen. Wir brauchen die aristokratischen Offiziere des Generalstabs auf der einen Seite (die wir dann auch feiern) und die sozialistischen oder kommunistischen Arbeiter auf der anderen Seite (die wir lieber nicht erwähnen). Vielleicht noch ein wenig Bekennende Kirche in der Mitte. Das Bürgerlied von 1848 mit den Zeilen ob wir just Collegia lesen oder aber binden Besen, das tut, das tut nichts dazu. Drum ihr Menschen, drum ihr Brüder, alle eines Bundes Glieder, was auch jeder von euch tu, das ist immer noch nicht bei uns angekommen.

Wenn Churchill 1946 gesagt hat: In Deutschland lebte eine Opposition, die zum Edelsten und Größten gehört, was in der politischen Geschichte aller Völker hervorgebracht wurde. Diese Menschen kämpften ohne Hilfe von innen und außen, einzig getrieben von der Unruhe des Gewissens. Solange sie lebten, waren sie für uns unsichtbar, weil sie sich tarnen mussten. Aber an den Toten ist der Widerstand sichtbar geworden. Diese Toten vermögen nicht alles zu rechtfertigen, was in Deutschland geschah. Aber ihre Taten und Opfer sind das unzerstörbare Fundament eines neuen Aufbaus, dann ist er in seiner Bewertung der Meinung der jungen Bundesrepublik weit voraus. Denn in den fünfziger Jahren war das Bild der Widerständler in der Bevölkerung nicht unbedingt positiv. Die Nazipropaganda von einem Verrat und einer zweiten Dolchstoßlegende wirkte noch nach. Über die Bewertung des Attentats aus der Sicht der DDR wollen wir lieber den Mantel des Schweigens decken. Aber auch bei uns hat es bis 1963 gedauert, dass die öffentlichen Gebäude beflaggt wurden.

Wir haben nach dem Krieg auch unsere juristischen Schwierigkeiten mit den Opfern. Die Mutter der jungen Widerstandskämpferin ➱Cato Bontjes van Beek aus Fischerhude (mit der Helmut Schmidt einmal befreundet war), die in Plötzensee hingerichtet wurde, hat zwölf Jahre gegen das Land Niedersachsen prozessieren müssen, damit ihre Tochter juristisch rehabilitiert wurde. Erst 1999 (56 Jahre nach ihrem Tod) wurde das Todesurteil juristisch aufgehoben. Da hatte es die Witwe des berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofes Roland Freisler einfacher. Sie bezog eine Kriegsopferrente und ab 1974 bis zu ihrem Tode 1997 noch einmal zusätzlich monatlich 400 Mark Schadensausgleich mit der Begründung, dass wenn ihr Mann überlebt hätte, er höherer Beamter oder gutverdienender Rechtsanwalt geworden wäre. Was kann man gegen eine solche Logik sagen?

Die antike Philosophie hat das Problem des Tyrannenmords diskutiert, und seit dem 17. Jahrhundert findet sich dieser Gedanke auch bei den Staatsrechtsphilosophen. Schon Thomas Hobbes räumt dem Volk ein gewisses Widerstandsrecht ein, wenn der Souverän sein Volk nicht mehr ausreichend schützt. Samuel Pufendorf empfiehlt dagegen in De iure naturae et gentium, auf den Tyrannenmord zu verzichten und stattdessen zu fliehen oder auszuwandern. Unser deutscher Denker mit dem kategorischen Imperativ hat das Widerstandsrecht dann im 18. Jahrhundert allerdings kategorisch abgelehnt. Aber seit dem Jahre 1968 steht es im Artikel 20 Absatz 4 in unserem Grundgesetz: Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist. Möge es nie dazu kommen.

Meine Heimatstadt Bremen, die gerne den Eindruck erweckt, dass man ja so hanseatisch gewesen sei und mit den Nazis nichts am Hut hatte, hat in den zwölf Jahren des Tausendjährigen Reiches Nazis und Kriegsverbrecher in ihren Reihen gehabt, aber auch gute und mutige Menschen und Widerständler aus allen politischen Gruppierungen. Aber die einen wie die anderen waren niemals in der Zeit nach dem Krieg Thema des Unterrichts an meiner Schule (an der Hermann Böse Schule vielleicht, da musste man ja zumindest wissen, weshalb die Schule so hieß). Dass wir in unserem Ort einen Kriegsverbrecher wie ➱Walter Többens hatten, hat erst Jahrzehnte nach dem Krieg der Journalist Günther Schwarberg öffentlich gemacht (Schwarberg ist auch der Mann, der das Buch über den SS Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm geschrieben hat).

Und die Bremer Geschichtsschreibung hat auch lange gebraucht, um sich zu äußern. Erst im Jahre 1980 hatte die Kultusministerkonferenz empfohlen, den Widerstand auch in seinen alltäglichen Formen der Verweigerung und Nichtanpassung zu erforschen und in den Unterricht einzubringen. Dem hat sich der Bremer Senat 1981 angeschlossen und ein Projekt Widerstand und Verfolgung unter dem Nationalsozialismus in Bremen 1933-1945 finanziell gefördert. Daraus ist ein bemerkenswertes Buch entstanden: Inge Marßolek und René Ott Bremen im Dritten Reich: Anpassung - Widerstand - Verfolgung (Schünemann 1986). Das Buch steht im völligen Gegensatz zu dem vierten Band der Geschichte der Freien Hansestadt Bremen des selbsternannten Bremer Historikerpapstes Herbert Schwarzwälder, der letztlich nur eine Geschichte der Gauleiter schreibt. Marßolek und Ott schreiben eine Geschichte von unten, in der Tradition der französischen Historikerschule von Lucien Febvre und der Annales.

Und sie tun das mit erstaunlichen Ergebnissen, weil sie sich weniger für die Gauleiter als für die kleinen Leute interessieren. Wenn die russischen Fremdarbeiterinnen bei Borgward am Internationalen Frauentag 1944 mit rotgefärbten Kopftüchern zur Arbeit kommen, dann ist das auch ein Zeichen des Widerstandes. Und wenn der Chef der AG Weser ➱Franz Stapelfeldt (des Teufels Generaldirektor) auf der einen Seite mit den Nazis paktiert, weil das der Werft Aufträge bringt, und auf der anderen Seite kommunistische Werksangehörige persönlich aus dem KZ freikauft, dann ist das eine andere Form des Widerstands. Ich wünschte mir, dass bei Schünemann in Bremen jemand auf die Idee käme, das vergriffene Buch wieder auf den Markt zu bringen. Und es wäre als Pflichtlektüre für Geschichtslehrer vielleicht auch nicht schlecht. Nicht nur in Bremen.

Martin Walser hat in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 gesagt: Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ja und nein, ich kann ihn in gewisser Weise verstehen, ich habe damals die ganze Rede gehört. Ich finde, angesichts dessen, was man mit den Mitteln des Fernsehens aufklärerisch machen könnte; das, was Guido Knopp macht, nur widerlich. Aber wir können nicht wegschauen, das tun schon genug andere.

Tho' much is taken, much abides; and tho'
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are;
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

Das stand hier am 20. Juli 2010, ich war ein halbes Jahr lang Blogger. Google hatte gerade angefangen, mich zu zählen. Ich dachte, ich müsste das schreiben. Vor drei Jahren erinnerte der Post ➱Moabiter Sonette an den 20. Juli. Derjenige aus meiner Familie, der bei den Verschwörern des Kreisauer Kreises war, ist ungeschoren davongekommen. Er war damals nur ein kleiner Oberleutnant. Er hat nie über das geredet, was er getan hatte, was er erreichen wollte. Als ich achtzehn wurde, bekam ich von ihm einen Bananenkarton voller Bücher. Alles, was der deutsche Buchmarkt zum Thema Widerstand damals hergab. Die Titel der Bücher sind inzwischen zahlreicher geworden. Und das Vergessen größer.

Sonntag, 17. Juli 2016

Buchhändler


Früher waren Buchhändler etwas Besonderes, sie prägten das geistige Klima einer Stadt. Das gilt für den Kieler Buchhändler Eckhard Cordes (der auch den Kieler Kulturpreis erhielt) wie auch für ➱Conrad Claus Otto in meinem Heimatort. Und natürlich für den Buchhändler, Schriftsteller und Politiker ➱Harald Eschenburg, der bevor er das Antiquariat in der Andreas Gayck Straße eröffnete, einmal einen Taschenbuchladen namens Tabula besaß. Da war damals sogar Ernst Rowohlt zur Eröffnung gekommen, es war der erste Taschenbuchladen Deutschlands. Meinem amerikanischen Buchhändler Nolan E. Smith habe ich schon in dem Post ➱Harry Crews eine kleine Reverenz erwiesen. Wenn ich von Buchhändlern rede, dann meine ich solche, die einen eigenen Laden besaßen, nicht jene, die bei Hugendubel oder anderen Monsterbuchhandlungen angestellt sind. Und die ohne ihren Computer hilflos sind. Harald Eschenburg hatte keinen Computer, der hatte alle Bücher im Kopf. Das hatte der Held von Elias Canettis Roman Die Blendung auch, aber das ist eine andere Geschichte.

Der Buchhändler Theo Dohrenwend hatte wenig Haare, trug scharfe Anzüge und liebte Eulen. Deshalb konnte man im Firmensignet der seit 1895 bestehenden Firma Dawartz auch Eulenaugen erkennen. Und im Schrevenpark, da wo ➱Heide Simonis wohnt, steht eine große Eulenskulptur des Bildhauers Kurt Schwerdtfeger, ein testamentarisches Geschenk von Theo Dohrenwend an die Stadt Kiel. Eulen sind ein Symbol für die Weisheit, die man ja nur durch Belesenheit gewinnen kann. Theo Dohrenwend ist schon lange tot, aber ich habe ihn nie vergessen. Dass man die Weisheit durch Belesenheit gewinnen kann, mag richtig sein. Es gab vor einem halben Jahrhundert sehr viele Buchhändler in Kiel, aber wo blieben Belesenheit und Weisheit? Die Stadt trat ja damals wie heute kulturell nicht in Erscheinung, wenn wir einmal von Peter Ronnefeld absehen. Allerdings könnte man bei diesem Argument auch sagen, dass es genügend ➱Herrenausstatter und Konfektionsgeschäfte gab. Und waren die ➱Kieler je elegant? Sie können hier beliebige Ortsnamen einsetzen, die Formel stimmt immer.

Den Nachfolger von Dohrenwend in der Buchhandlung Dawartz mochte ich nicht so sehr, von dem weiß ich nur noch, dass er einen ➱Ro 80 fuhr. Unsere Bibliothekarin Frau Gertrud Klein mochte den eines Tages auch nicht mehr, als sie merkte, dass er ein wenig zuviel des corriger la fortune mit den Auslandsrechnungen betrieben hatte. Dawartz bekam keine Bestellungen mehr von unserem Seminar. Frau Klein, deren Tochter ➱Jaschi eine berühmte Photographin wurde, konnte sehr streng sein, wenn Studenten nicht so mit den Büchern umgingen, wie man mit Büchern umgehen sollte. Sie liebte ihre Bibliothek, alle Unregelmäßigkeiten waren ihr zuwider. Also zum Beispiel die nackte Studentin, die das Reinigungspersonal nach einem kleinen Fest der English Society schlafend in der Bibliothek fand. Als Frau Klein in den Ruhestand verabschiedet wurde, gab es in der Bibliothek eine riesige Party. Am nächsten Morgen fand das Reinigungspersonal keine nackte Studentin aber einen schlafenden Professor in der Bibliothek. Voll bekleidet.

Dohrenwends Geschäft war eine Universitätsbuchhandlung. Wie die noch viel berühmtere Buchhandlung Walter G. Mühlau auf der anderen Seite der Beselerallee. Das war nicht nur eine Buchhandlung, es war auch ein Verlag. Die Personal- und Vorlesungsverzeichnisse erschienen hier (und außerdem wurden hier Konzertkarten und Karten für Vorträge verkauft). Der Mühlau Verlag druckte viele Bücher über Kiel. Aber auch interessante Dinge wie Karl Otto Conradys Makrelen für Kalliope: Kieler Studentenlyrik, in dem Buch publizierte Heide Simonis (die gerade einen Krimi geschrieben hat, der allerdings nicht Der Heidemörder heißt) ihre ersten Gedichte (lesen Sie hier mehr). Fontanes ➱Skandinavisches Buch ist auch im Verlag Walter G. Mühlau erschienen, und auch der Kunsthistoriker Wolfgang J. Müller hat für den Verlag geschrieben. Das interessanteste Buch des Verlags ist für mich Birt Acres: Der erste schleswig-holsteinische Film Pionier von Hauke Lange-Fuchs. Steht natürlich bei mir im Regal. Ich weiß sogar wo.

Universitätsbuchhandlungen belieferten die Universität mit Fachliteratur (auf jeden Fall, bevor wir dazu übergingen, bei Erasmus, bei Nolan E. Smith und englischen Buchhändlern zu bestellen) und hatten für die Studenten die Texte für die jeweiligen Seminar vorrätig. Mühlau und Dawartz offerierten auch Studentenkonten und Teilzahlung, und bei der alteingesessenen Buchhandlung Franz Wolf (neben der damals noch ➱Tabak Trennt saß) stand auf der Werbeanzeige: Meine Lageraufstellung bietet Ihnen die Möglichkeit, sich ohne Kaufzwang in meinem großen Lager neuer und antiquarischer Bücher umzusehen. Der Laden war so verwinkelt und verschachtelt, dass das Ehepaar Wolf (das Harald Eschenburg in seinen großen Kiel Roman hineinschrieb) seine Kunden überhaupt nicht sehen konnte, deshalb wurde da auch so viel geklaut.

In einer anderen Buchhandlung wurden Bücherdiebe durch Tafeln voller Androhung schrecklicher Strafen erschreckt, das war aber keine Universitätsbuchhandlung. Der Besitzer hieß Plön, er war als Porno Plön bekannt, weil er hinter einem schidderigen Samtvorhang Pornographie anbot. Aber Plön in der Wilhelminenstraße bot auch alle lieferbaren deutschsprachigen Taschenbücher (zum Originalpreis, die sie einst gehabt hatten) an, von Suhrkamps Regenbogenreihe bis zu Diogenes, das gab es sonst nirgendwo. Heute ist da ein Laden namens Fantasyreich drin, zu dem ich nichts sagen kann, außer dass ich auf den Post ➱Fantasy hinweisen kann, in dem mein Hass auf diesen Unsinn zum Ausdruck kommt.

Die Besitzerin von Buchhandlung und Verlag Mühlau war seit dem Tod ihres Vaters im Jahre 1953 Frau Dr Waltraud Hunke. Sie hat als Mäzenin viel für die Universität getan, Stipendien finanziert und solche Dinge. In ihrem Testament vermachte sie der Universität ihr Haus und ihren Garten, was die Uni sofort verkaufte, um damit den Neubau des Internationalen Gästehauses zu finanzieren. Das sollte dann ihren Namen tragen. In ihrem Garten in der Moltkestraße 1 hatte sie schon einen Grabstein mit einem selbst aufgesetzten Epitaph, der sollte die Schenkung zieren. Tat er aber nicht, weil irgendjemand mal den Namen Waltraud Hunke (und den ihrer Schwester Sigrid Hunke) gegoogelt hatte. Die Uni hatte einen Skandal und gab die Schenkung zurück. Frau Dr Hunke war Trägerin der Universitätsmedaille wie die Kunsthistorikerin Lilli Martius (und wie unser Hausmeister Kurt Fröse, den ich schon in dem Post ➱Lilli Martius erwähnt habe), aber Lilli Martius und Kurt Fröse waren nie bekennende Nationalsozialisten gewesen.

Zur Ehrenrettung von Waltraud Hunke muss gesagt werden, dass sie im Gegensatz zu ihrer Schwester nach dem Kriege nicht mehr als im Dienste des SS Ahnenerbes oder ähnlicher Organisationen tätig war. Sie schrieb zwar noch in der Festschrift für Felix Genzmer über die Edda, aber ansonsten widmete sie sich der Goethe Gesellschaft, deren Geschäftsführerin sie war (der Erste Vorsitzende hieß natürlich Erich Trunz). Die Gesellschaft hatte ihr Vater gegründet: An Goethes Geburtstag 1947 gründeten der Buchhändler Heinrich Hunke und der Landesdirektor Dr. Friedrich Teichert in Kiel eine Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft in Weimar. In jener Zeit zwischen Kriegsende und Währungsreform besann man sich wieder auf Dichtung, Philosophie und Kunst. Nie waren Theater, Konzerte und Vorträge so gut besucht wie damals. So konnte die Kieler Goethe-Gesellschaft in den ersten Jahren monatlich eine Veranstaltung anbieten und zählte schon Ende 1947 über 200 Mitglieder. 

Diese Flucht in die deutsche Klassik vollzogen damals ja viele Geisteswissenschaftler, die den Nazis gedient hatten. Erstaunlicherweise waren viele der Hochschullehrer, die einst die Nazis vergötterten, in den sechziger Jahren noch in Amt und Würden an der ➱Universität. Sie wunderten sich 1968, dass sie von den Studenten attackiert wurden. Den Professor Ferdinand Weinhandl und den blütenreinen Nazi Schmidt (alias Paul Carrell) habe ich schon in dem Post ➱Feuer erwähnt. Das Buch Wissenschaft an der Grenze: Die Universität Kiel im Nationalsozialismus von Christoph Cornelißen und Carsten Mish sollte an dieser Stelle unbedingt genannt werden. Vielleicht hat Frau Dr Hunke, die ich übrigens nie gesehen oder wahrgenommen habe (Sie können daraus schließen, dass ich nie Vorträge der Goethe Gesellschaft besucht habe), mit der Vielzahl ihrer kulturellen Wohltaten ein wenig von den politischen Verfehlungen abgebüßt. Ich will da kein Richter sein.

Sie soll immer noch im Hintergrund in der Buchhandlung tätig gewesen sein, aber ich habe sie nie kennengelernt. Wen ich immer sah, das war Joachim Beissenhirtz, Prokurist und Geschäftsführer. Manchmal stand er vor dem Laden in der Sonne und rauchte eine Zigarre. Ein Typ für die Pfeife war er nicht, er wirkte immer ein wenig gehetzt. Aber er hatte den Laden in seiner stillen Art unter Kontrolle. Wenn man mit ihm sprach, schienen seine Augen immer woanders zu sein - er kontrollierte gleichzeitig den ganzen Laden. Mark Twains Satz I had been a bookseller's clerk for awhile, but the customers bothered me so much I could not read with any comfort galt für ihn nicht.

Joachim Beissenhirtz nahm auch im Verlag viele Aufgaben wahr. Hauke Lange-Fuchs dankt ihm in seinem Buch für die verlegerische Betreuung. Beissenhirtz saß auch neben renommierten Professoren in Gremien, die Kulturpreise vergaben. An dem guten Ruf der Buchhandlung (der auch sein Werk war) kam man nicht vorbei. Er war jahrzehntelang das Gesicht von Mühlau, für die er auch nach seiner Pensionierung noch tätig war. Er wirkte im Stillen und machte nichts von sich her. Unsere Bibliothekarin Heike Urquhart-Tempel, die die Nachfolgerin von Frau Klein war, verdankt ihm einen Job, als sie aus Kanada zurückkam. Sie war keine ausgebildete Buchhändlerin, sie war Diplombibliothekarin, aber das machte Beissenhirtz nichts aus. Sie ist ihm ewig dafür dankbar gewesen.

Ich habe Joachim Beissenhirtz in den letzten Jahren immer wieder auf dem Flohmarkt getroffen, das habe ich schon in den Posts ➱Flohmarkt und ➱silvae: Wälder: Lesen erwähnt. Er hatte da zusammen mit seiner Frau (einer promovierten Germanistin) und seinem Sohn Alexander (der schon in Don Byas erwähnt wird) einen Stand mit schönen Büchern. Ich habe da manchmal etwas gekauft, aber nicht so viel, weil das alles Bücher waren, die ich längst besaß. Es waren viele Kunstbände dabei, Beissenhirtz kannte noch alle Ordinarien der ➱Kunstgeschichte. Was hier auf den Tischen lag, war die Bildung des deutschen Bürgertums. Ich fand den Ausverkauf irgendwie symbolisch für unsere Gesellschaft. Wir haben viel über Literatur geredet, er liebte Bücher. Wahrscheinlich besaß er die größte Sammlung von Büchern des Insel Verlags in Deutschland.

Joachim Beissenhirtz ist vor Wochen im Alter von achtzig Jahren verstorben. In dankbarer Erinnerung schrieben seine Kollegen aus der Buchhandlung in der Todesanzeige. Und die sich wirklich noch erinnerten, die werden dankbar gewesen sein, denn einen so guten Chef wie ihn haben sie nie wieder bekommen. Ich sage lieber nichts über seinen Nachfolger. Wie alt Joachim Beissenhirtz war, konnte keiner wissen. Brechts Herr K. erbleicht, wenn man ihm sagt: Sie haben sich gar nicht verändert. Joachim Beissenhirz war beinahe alterslos, er sah in den siebziger Jahren aus wie in den achtzigern. Und so weiter. Ich habe das nie wieder erlebt, dass ein Mensch so sehr er selbst blieb. Die Buchhandlung, die er jahrzehntelange geprägt hat, heißt heute nicht mehr Mühlau. Erst wurde Weiland daraus, danach (ebenso wie Dawartz) Hugendubel. Auch Dawartz ist jetzt Hugendubel, die Eulen, die die Weisheit bringen, sind nicht mehr zu sehen. Mühlau-Hugendubel ist ein Laden, in dem man mich nur einmal im Jahr sieht. Nämlich dann, wenn sie ihre Billigaktion haben und Bücher für fünf Euro das Kilo verkaufen.

Buchhändler haben es heute schwer, gegen Hugendubel und Consorten, gegen Amazon und Momox zu bestehen. Man kann Bücher mit einem Klick kaufen, aber was ist das gegen einen kleinen Klönschnack mit dem Buchhändler. Oder einer Angestellten? Zu Erichsen & Nierenheim gehe ich nicht wegen Wolfgang Erichsen, sondern nur wegen Ilse Hackländer. Die wird schon in dem Post ➱Frisia non cantat erwähnt (und taucht in ➱Mein Dänemark als freche Dänin auf). Ich kaufe selten ein neues Buch, aber wenn es einmal sein muss, dann gehe ich zu Erichsen & Nierenheim oder zu der Stöberecke von Elke Horst-Düchting bei mir um die Ecke. Klitzekleiner Laden, aber gut sortiert. Das ist nicht die Vergangenheit, solche Läden sind die Zukunft.

Donnerstag, 14. Juli 2016

Foreign Office


Auf dem Globus meines Opas war ein großer Teil des Welt rosa eingefärbt. Das war die Farbe Englands, das wusste ich. Das Foreign Office herrscht zwar heute nicht mehr über die Welt, aber der Aussenminister ist immer noch ein mächtiger Mann. Zur großen Überraschung der Welt heißt der jetzt Boris Johnson, ein Mann, der nicht gerade für Diplomatie berühmt ist. Er hat Putin gelobt und Hilary Clinton als sadistic nurse in a mental hospital bezeichnet, weshalb ihn viele Amerikaner für Englands Antwort auf ➱Donald Trump hielten.

Wir erinnern uns, er war einer der lautstärksten Befürworter des Brexit, tauchte dann aber plötzlich ab. Zu dieser Phase seiner Karriere hatte mir mein Freund Ekke Dahle, dessen Cartoons Sie ja schon kennen, einen sehr schönen Cartoon geschickt: Gut, der ist nun schon etwas überholt. Boris ist aus seinem Mauseloch gekommen, jetzt ist er Her Majesty's Principal Secretary of State for Foreign and Commonwealth Affairs. Was soll aus England werden? Da muss mal eben der Sänger Harry Cox zitiert werden, der bei Rounder Records eine CD mit dem Titel What Will Become of England? hat. Das Lied stammt aus den fünfziger Jahren; leider gibt es bei YouTube keine Aufnahme, aber den Text, den gibt es:

What will become of Eng-e-land if things go on this way?
There's many a thousand working man is starving day by day.
He cannot find employment, for bread his children cry,
And hundreds of these child-e-ren they now lay in their graves.

Some have money plenty but still they crave for more,
They will not lend a hand to help the starving poor.
They pass you like a dog and on you cast a frown,
That is the way old Eng-e-land the working man cast down.


Im Guardian schrieb Frankie Boyle über Theresa May: She immediately vowed to unite Britain – my guess is against the poor.