Freitag, 15. Mai 2026

Höchststrafe


Heute vor 490 Jahren ist die englische Königin Anne Boleyn zum Tode verurteilt worden. Wegen Hochverrat, Ehebruch und angeblichem Inzest mit ihrem Bruder George. Es wird über Anne viel gelogen, auch die Behauptung, dass sie sechs Finger an einer Hand hatte, ist eine Lüge. Für alle juristischen Winkelzüge, die zur Verurteilung führen, hatte Thomas Cromwell gesorgt, aber der wird vier Jahre nach Anne Boleyns Tod auch hingerichtet werden. Es wird viel hingerichtet in Heinrichs England. Die da an diesem Maitag über die Königin urteilen, sind alle Freunde des Königs. Außer dem Adel ist auch viel Volk in der Halle des Tower, zweitausend Zuschauer sollen sich eingefunden haben. Als Heinrich nach jahrelangem Werben Anne heiratete, nachdem er zuvor ihre Schwester Mary im Bett hatte, war er noch mit Katharina von Aragon verheiratet. Aber der Erzbischof Thomas Cranmer wird dafür sorgen, dass die Ehe annulliert wird und erklärt die um Stillen geschlossene Ehe mit der schwangeren Anne Boleyn für rechtmässig. Auf das Rechtmässige kommt es dem König an, und er hat immer genug Gehilfen, die das Recht dehnen. Da ähnelt ihm Donald Trump.

Wir wissen nicht, wie Anne Boleyn ausgesehen hat, so wie im neuesten Fernsehfilm von 2921 ganz bestimmt nicht. Alle Bilder, die wir von ihr haben (auch diese beiden) sind ungesicherte Zuschreibungen oder sind nach ihrem Tod entstanden. Because thou hast offended against our sovereign the King’s Grace in committing treason against his person, and here attainted of the same, the law of the realm is this, that thou hast deserved death, and thy judgment is this: that thou shalt be burned here within the Tower of London on the Green, else to have thy head smitten off, as the King’s pleasure shall be further known of the same, hatte der oberste Richter unter Tränen verkündet, er war ein Verwandter von ihr. Sie wird nicht verbrannt werden, es ist the King’s pleasure, dass ihr der Kopf abgeschlagen wird. Nicht durch die Axt, durch das Schwert, das sind feine Unterschiede. Heinrich hat dafür einen Henker aus Calais oder Saint-Omer kommen lassen, der das besonders feinfühlig kann. Das ist schon die vornehme Art des Todes, am obersten Ende der Skala steht das Hängen, Ausweiden und Vierteilen

Das mit dem Schwert hat die schwangere Königin schon erfahren, das können wir in dem Brief lesen, den Sir William Kingston am 19. Mai an Thomas Cromwell schreibt: This morning she sent for me, that I might be with her at such time as she received the good Lord, to the intent I should hear her speak as touching her innocency alway to be clear. And in the writing of this she sent for me, and at my coming she said, 'Master Kingston, I hear I shall not die afore noon, and I am very sorry therefore, for I thought to be dead by this time and past my pain'. I told her it should be no pain, it was so little. And then she said, 'I heard say the executioner was very good, and I have a little neck', and then put her hands about it, laughing heartily. I have seen many men and also women executed, and that they have been in great sorrow, and to my knowledge this lady has much joy in death. Sir, her almoner is continually with her, and had been since two o'clock after midnight.

Elf Tage nach ihrem Tod heiratet Heinrich ihre Cousine Jane Seymour (Bild). Die wird nicht hingerichtet, die stirbt am Kindbettfieber. Die nächste Ehefrau Anna von Kleve wird Heinrich überleben. Aber sie wird nur ein halbes Jahr mit ihm verheiratet sein, weil er eine Affäre mit Catherine Howard angefangen hat. Die lebens- und tanzlustige Cousine von Anne Boleyn, die bei der Hochzeit ihrem Gemahl versprach, frisch und munter im Bett und bei Tisch zu sein, wird zwei Jahre später auch enthauptet. Die Engländer haben für die sechs Frauen, die Heinrich in den zehn Jahren von 1533 bis 1543 hat, einen einfachen Abzählreim: Divorced, Beheaded, Died, Divorced, Beheaded, Survived. Wenn man noch zweimal beheaded dazu schreiben würde, dann hätte man einen Abzählreim für das ganze Jahrhundert, denn die sogenannte Nine Days Queen Jane Grey und Maria Stuart werden auch noch enthauptet werden. Beide mit der Axt.

Vor ihrer Hinrichtung soll Anne das Gedicht O Death Rock Me Asleep geschrieben haben, ich habe das hier auf YouTube von Anna Dennis gesungen. Ich habe an bewegten Bildern auch noch eine Aufnahme von Donizettis Anna Bolena aus dem Jahre 2025 in schöner HD Qualität und den Film Anne of the Thousand Days mit Geneviève Bujold als Anne Boleyn und Richard Burton als Heinrich VIII.

In meinem ersten Jahr als Blogger gab es hier schon den Post Anne Boleyn, der mittlerweile über siebentausend Leser gefunden hat. Anne wird auch in dem Post Greensleeves erwähnt, weil Heinrich angeblich dieses Lied für sie geschrieben hat. Und in den Posts Zähmung und William Frith ist sie auch noch zu finden.

Donnerstag, 14. Mai 2026

Feiertag


Himmelfahrt in Berlin

Die Kinder spielen im Hof so schön
Prinzessin, Mörder und Volkspolizist.
Sie müssen nicht zur Schule gehen,
weil heute Himmelfahrt ist.

Die Kinder spielen im Hof so laut,
behängt mit alten Lappen.
Sie spielen Braut und Kosmonaut
im Himmelsschiff aus Pappen.

Die Kinder spielen so laut und schön,
der Hof wird ein ganzes Theater.
Die dicken Frau’n aus den Fenstern sehn
und warten auf den Vater.


Das Gedicht von Wolf Biermann erschien 1965 in dem Gedichtband Die Drahtharfe bei Klaus Wagenbach. 1965 war Himmelfahrt noch ein Feiertag in der DDR. Zwei Jahre später nicht mehr. Die Drahtharfe, die vielleicht etwas mit Truman Capotes The Grass Harp zu tun hatte, wurde einer der erfolgreichsten Gedichtbände der Nachkriegslyrik. Den Machthabern in der DDR gefiel es nicht so sehr, was da drin stand; am Ende des Jahres verhängte das Zentralkomitee der SED ein totales Auftritts- und Publikationsverbot gegen Biermann. Die Zeichnung hier im Buch zeigt Biermanns großes Vorbild François Villon, wie er auf dem Stacheldraht der Mauer Harfe spielt. Alles, was Sie zu dem epochalen literarischen Debüt von Biermann wissen sollten, steht auf der schönen Seite von planetlyrik oder bei dem Professor Kai Sina

Montag, 11. Mai 2026

Alfred Stevens


Der belgische Maler Alfred Stevens wurde am 11. Mai 1823 in Brüssel geboren, aber den größten Teil seines Lebens hat er in Paris verbracht. Dort ist er auch gestorben, der deutsche Wikipedia Artikel lässt ihn in Brüssel sterben. Aber die deutsche Wikipedia lässt auch Richard Hughes einen Kriegsfreiwilligen des Ersten Weltkriegs sein, und das ist auch völlig falsch. Warum bekommt das Internet Lexikon es nicht hin, die Artikel zum selben Thema aus den einzelnen Ländern miteinander zu vergleichen, oder einfach den besten fremdsprachlichen Artikel ins Deutsche zu übertragen?

Stevens hatte großen Erfolg damit, Damen des Mittelstandes im Boudoir zu malen. Nicht alle Modelle auf seinen Bildern sind aus der Bourgeoisie; viele, die hier elegante Kleider tragen, kommen eher von der Straße. Mehrere Modelle finden sich in dem Pariser Book of the Courtesans. Auf die Darstellung der Stoffe verwendet er sehr viel Sorgfalt. Auf zwei dieser Bilder können wir sehen, dass der ✺Japonismus gerade chic ist.

Der deutsche Kunsthistoriker Richard Muther hat die Bilderwelt von Stevens so beschrieben: Seine hübschen Weiber, die sich baden oder Bouquets, japanische Masken und Statuetten betrachten, in einer Attitüde, die dem Betrachter erlaubt, ihre reiche Toilette und ihr geschmackvolles Mobilar zu studieren - sie sehen selbst aus wie Püppchen, die zwischen diese Nippsachen gesetzt sind. Die Fähigkeit, den Duft des Lebens in seiner zuckenden Bewegung zu fassen, die Poesie des Psychischen, entging dieser Kunst. 

Manchmal will er die Damen nicht nur im Boudoir posieren lassen, manchmal will er ihnen Gefühle geben. Wie hier in dem Bild De wanhopige, das in Antwerpen hängt. Die junge Dame ist verzweifelt, aber kommt die Verzweiflung wirklich zum Betrachter herüber? Reichen die schlaffen Arme und die Hand, der ein Tüchlein entgleitet, zur Verzweiflung aus? Wir bewundern eher die minutiös gemalten Details ihres Kleides, ihren Schal, die Tischdecke und die kleine Lampe. Aber die Fähigkeit, den Duft des Lebens in seiner zuckenden Bewegung zu fassen, die Poesie des Psychischen, entgeht dieser Kunst. Da hat Richard Muther schon Recht.

Alfred Stevens war mit vielen Pariser Malern befreundet, Delacroix war sein Trauzeuge. Henri Cervex, der mit ihm das Panorama du Siècle malte,
hat ihn hier portraitiert. Mit der kleinen Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch, die Stevens 1867 erhielt. Da war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere, hatte achtzehn Gemälde in der Weltausstellung hängen. Aber es gibt noch einen anderen Stevens, einen Maler, der das Meer malt. Er hatte es mit den Bronchien, weil er immer das Terpentin in seinem stickigen Studio einatmet. Sein Arzt empfiehlt ihm die saubere Meeresluft. Stevens reist ans Meer.

Stevens geht nach Le Havre und Honfleur und malt jetzt, wie mit diesem Sturm am Strand von Scheveningen, etwas ganz anderes als seine Damen im Boudoir. Malt mit struppigem Pinsel beinahe impressionistisch. Das Seestück, das die beiden Damen auf dem Gemälde oben im ersten Absatz bewundern, ist auch eins seiner Meerbilder. Er malt allerdings auch Damen am Strand, die dann mit ihrem Pariser Outfit etwas lächerlich aussehen. Das sind Bilder, die nicht mit den Strandbildern von Edward Hopper, Max Liebermann, Winslow Homer und Ludwig Dettmann konkurrieren können.

Es wäre gut, wenn er die Damen weglassen würde. Und die Hunde, die ihm sein Bruder Joseph Stevens in die Bilder malt. Dieser Abschied an der Küste aus dem Jahre 1891 ist schon hart an der Kante des Kitsches. Wird noch übertroffen von dem Abschiedsbild an der Küste von Carl Heiß, das sich in dem Post gen Engeland! findet. Bei Caspar David Friedrich ist das Motiv der Abschied nehmenden Frau am Strand natürlich noch kein Kitsch.

Drei seiner Schüler sind schon in diesem Blog. Die eine ist die Bremer Malerin Aline von Kapff, die andere Lilla Cabot Perry Und dann ist da noch der Amerikaner William Merritt Chase. Ob die drei wirklich bei ihm etwas gelernt haben, oder nur bei ihm waren, weil er so berühmt war, das weiß ich nicht. Noch mehr Bilder von Frauen aus Paris in dieser Zeit finden sich in den Posts: Berthe Morisot, Camille in grün, Franz-Xaver Winterhalter, Kindermädchen, Edouard Manet, Ratten, Ellen Andrée: nue et habilléeles, les grandes horizontales, Demimonde.

Freitag, 8. Mai 2026

Kriegsende und danach

Im letzten Jahr stand hier der lange Post Bremen, 8. Mai 1945, den es in diesem Blog vorher schon zweimal an diesem Tag gab. Deshalb gibt es heute am Tag des Kriegsendes etwas anderes. Das stand hier im Ansatz zwar vor Jahren schon einmal, fand aber keine Leser. Am 8. Mai 1949 wurde in Berlin das Treptower Ehrenmal für die Millionen gefallenen Soldaten der Roten Armee eingeweiht. Es gibt im Tiergarten noch ein anderes Ehrenmal mit zwei grünen russischen T 34 Panzern davor. Die im Ukrainekrieg eine andere symbolische Bedeutung gewonnen haben als damals, als man sie aufstellte. Viele Berliner forderten, dass man die Panzer wegräumt. 

Dass man das Ehrenmal im Treptower Park damals an einem 8. Mai einweihte, hatte natürlich seine Bedeutung. Es ist das Kriegsende, das heute als Tag der Befreiung gilt, wie das Richard von Weizsäcker. 1985 formulierte: Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mußten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen. Mein erster Besuch des Ehrenmals im Jahre 1960 war sehr beschwerlich. Ich hatte mir bei einem Sportunfall den linken Fuß gebrochen und humpelte mit einem Gipsverband zum Ehrenmal. Es war ein langer Weg vom Busparkplatz bis zu dem Ehrenmal, aber ich wollte unbedingt das Innere des Denkmals mit dem Mosaikbild sehen.

Mein Onkel, der Bildhauer Karl Lemke (hier eine Plastik von ihm), hat mir mal eine Geschichte über den Bau des Ehrenmals erzählt, die nicht in den Geschichtsbüchern steht, deshalb stelle ich die heute hierher. Wenn er 1945 aus dem Krieg in die Heimatstadt Berlin zurückkommt, ist er einundzwanzig. Zweimal schwerverwundet, aber lebendig, nicht alle in der Familie hatten dieses Glück. Er hätte in der Firma seines Vaters arbeiten können, aber das wollte er nicht, er wollte etwas ganz anderes machen. Er wurde Steinmetz. 1947 bekam er eine Zusage von der Kölner Dombauhütte, aber er konnte die Stelle nicht antreten, weil er für das zerbombte Köln keine Zuzugsgenehmigung bekam. So etwas gab es damals. Aber Karl blieb bei den Steinen und studierte Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste in Charlottenburg. Er wusste, was er wollte. Und er wusste, was er für seinen Beruf brauchte:

Grenzenlose Geduld ist das eigentliche Werkzeug, eine wichtige Voraussetzung, der Langsamkeit in sich zu trauen. Man lernt, eine Hervorhebung behutsam freigeben, die umliegende Fläche abzusenken, gewinnt das Bewußtsein der Hände. Doch sinnliches Glück hat nicht nur mit Berührung zu tun, auch mit dem Glanz, den die Augen trinken. Atmende Haut und zitternd lebendige Körnigkeit des Marmors beschenken mit dem Gefühl, endlich angenommen zu sein. Pygmalion, heißt es, verliebte sich ins Geschaffene, das zu leben begann. In Wahrheit muß nichts erwachen. Dem Schöpfer vertritt die Figur alle Bewegtheit der Welt.

Einer seiner Lehrer war Gustav Seitz, dessen Meisterschüler er wurde. Er folgte Seitz auch nach Ost-Berlin, als der seine Stelle als Professor in Charlottenburg verlor, weil er den Nationalpreis der DDR für sein Denkmal für die Toten im KZ Weißwasser/Oberlausitz (Bild) entgegengenommen hatte. Offiziell ist zwar Friede, aber insgeheim hat der Krieg nicht aufgehört. Da errichtet jemand ein Denkmal für die KZ Opfer und verliert deshalb seine Stellung und bekommt Hausverbot. Weil das Denkmal im falschen Deutschland steht. Ab 1951 leitete Seitz ein Meisteratelier für Bildhauerei an der neu gegründeten Deutschen Akademie der Künste. Karl ist da bis 1953 sein Schüler, Meisterschüler. Seitz darf die DDR verlassen, wann er will, Karl nicht. Seitz geht 1958 nach Hamburg, Karl bleibt in der DDR und wird Dozent an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.

Doch ich muss zurückkommen zu der kleinen Geschichte, die er mir erzählt hat. Und damit kommen wir wieder zurück in die vierziger Jahre nach Charlottenburg. Eine junge Frau kommt da jeden Vormittag als Modell für die angehenden Künstler, zieht sich aus und posiert, wie die Künstler es verlangen. Mittags ist sie weg. Sie hat noch eine andere Beschäftigung. Da geht sie in den Osten der Stadt, eine Wanderin zwischen den Welten. Sitzt Modell für die russischen Künstler, die den Innenraum des Denkmals gestalteten. Wahrscheinlich ist sie auf den Mosaiken im Kuppelraum des Treptower Ehrenmals das Mütterchen Russland.

Vielleicht ist das vormittägliche Aktmodell von damals auch die Vorlage für Karls Schwimmerin gewesen. Das war 1952 eine seiner ersten öffentlichen Arbeiten. Die Figur stand auf einem gemauerten Sockel vor dem Schwimmbad an der Höchsten Straße, aber da steht sie nicht mehr. Das Schwimmbad ist 2000 abgerissen worden, wie so viele Schwimmbäder. Die Plastik wanderte in den Volkspark Friedrichshain, wo sie irgendwann mit →Farbe beschmiert wurde. Heute ruht die Figur im Depot des Berliner Grünflächenamts. Irgendwie ist das traurig.

Karls Witwe, die Bildhauerin Margret Middell, die 1969 den Will-Lammert-Preis erhielt, hat heute Geburtstag. Da möchte ich ihr aus dieses Weg die herzlichsten Glückwünsche senden. Sie arbeitet immer noch in ihrem Atelier auf dem alten Dreiseitenhof am Rande von Barth.
 
Die Arbeit hält mich lebendig, hat sie in einem Interview zu ihrem achtzigsten Geburtstag gesagt. Der Photograph Michael Engler hat mal einen Film über sie gedreht, der im Dritten Programm des NDR und bei 3sat zu sehen war. Ist leider nicht bei YouTubeDie guten Sachen verschwinden im Internet immer zuerst. Vor einigen Jahren hat man ihre Bronzeplastik Die große Sitzende in Magdeburg mit Gold besprüht, das hätte nicht sein müssen. Tut aber der Schönheit des Werkes keinen Abbruch. A thing of beauty is a joy forever.

Mittwoch, 6. Mai 2026

der älteste Leutnant der US Army


George Sears Greene, ein Cousin zweiten Grades von General Nathanael Greene, wurde am 6. Mai 1801 geboren; er war von 1823 bis 1836 Offizier in der amerikanischen Armee. Danach wurde er Ingenieur, baute Brücken und Schienen für die Eisenbahn, Aquädukte und die Kanalisation für New York. Als der amerikanische Bürgerkrieg begann, baute er gerade das Croton Reservoir im Central Park, aber 1862 meldete er sich als Freiwilliger zur Armee. Da war er einundsechzig Jahre alt, wahrscheinlich war er der älteste Freiwillige der Nordstaaten. Der Oberkommandierende der Unionstruppen Winfield Scott ist fünfzehn Jahre älter als er, der war beim Kriegsbeginn schon fünfzig Jahre General. Den Generalsrang bekommt Greene auch, ein Jahr nach Kriegsbeginn ist er Kommandeur des 60th New York Infantry Regiment und kommandiert wenig später als Brigadegeneral eine ganze Brigade.

Einer seiner Untergebenen beschrieb ihn als: He was a West Point graduate, about 60 years old, thick set, five feet ten inches high, dark complexioned, iron gray hair, full gray beard and mustache, gruff in manner and stern in appearance, but with all an excellent officer and under a rough exterior possessing a kind heart. In the end the men learned to love and respect him as much as in the beginning they feared him, and this was saying a good deal on the subject. He knew how to drill, how to command, and in the hour of peril how to care for his command, and the men respected him accordingly.

Der General, den seine Soldaten Old Pop oder Old Man Greene nennen, ist bei den Schlachten von →Antietam, Chancellorsville und Gettysburg dabei. Da ist er der älteste General der Nordstaaten, der Süden hat mit General William Smith noch einen General auf dem Feld, der vier Jahre älter ist. Dass der Norden diese Schlacht gewinnt, verdankt er wahrscheinlich dem General Greene. Denn der hatte Culp's Hill, die rechte Flanke der Armee drei Tage lang gegen die Angriffe des Südens verteidigt. Seine Vorgesetzten glauben nicht, dass sie lange hier bleiben werden und halten nichts von seinen Plänen, den Hügel zu befestigen. Hindern ihn aber auch nicht daran. Der Ingenieur Greene, der vor vierzig Jahren das zweitbeste Examen in →West Point hingelegt hatte und sofort zum engineering instructor der Militärakademie ernannt wurde, geht systematisch vor. Er lässt Bäume fällen, Barrikaden errichten, Gräben ausheben. Die Soldaten verfluchen ihn, aber Greene baut mit seiner Brigade Culp's Hill zu einer Festung aus, die der Süden nicht nehmen kann.

Nach der Schlacht feiert die Presse den Colonel Joshua Lawrence Chamberlain, der den Hügel mit dem Namen ✺Little Round Top auf der rechten Seite der Unionstruppen gehalten hat. Vom General Greene redet niemand. Weil der gerade neuernannte Oberkommandierende George Meade vergessen hat, ihn im Schlachtbericht zu erwähnen. Greenes Vorgesetzter, der Generalmajor Henry Slocum, der nach der Anciennität über Meade steht, wird dem neuen Kommandeur der Army of the Potomac schreiben: the failure of the enemy to gain possession of our works was due entirely to the skill of General Greene and the heroic valor of his troops. Und bei der Einweihung eines Denkmals für die dritte Brigade im Jahre 1888 wird Robert E. Lees fähigster Offizier James Longstreet über Greene sagen: There was no better officer in either army. Seit 1906 hat Greene auch ein Denkmal auf dem Schlachtfeld von Gettysburg, das hatte ihm der Staat New York spendiert.

1892, dreißig Jahre nachdem er Brigadegeneral geworden war, war Greene der älteste noch lebende General der Union und der älteste lebende Absolvent von West Point. Er bat den Kongress um eine Pension für seine Militärzeit, damit seine Familie nach seinem Tod etwas Geld bekäme. Aber ein Brigadegeneral der Volunteers ist nicht pensionsberechtigt, und sein letzter Dienstgrad eines Brevet Major General verheißt auch keine Rente. Den Juristen im Weißen Haus fällt allerdings etwas ein. Greene wird wieder eingezogen, mit dem letzten Dienstgrad, den er 1836 in der regulären Armee hatte. Am 2. August 1894 trat der 93-jährige Oberleutnant Greene seinen Dienst in der US Army wieder an. Man behält ihn nur wenige Tage, am 11. August 1894 erscheint sein Name auf der Army Retired List, das reichte offenbar für die Pensionsberechtigung aus. Einen älteren Leutnant hat es in der Militärgeschichte wohl nicht gegeben.

Sonntag, 3. Mai 2026

Weserfähren


Wenn man klein ist, Huckleberry Finn gelesen hatte, aber statt des Mississippi nur die Weser vor der Tür hatte, dann war die einfachste Art, Schiffsplanken unter die Füße zu bekommen, die Fähre nach Lemwerder zu nehmen. Wenn man nicht auf dem Anleger der Schreiber Reederei Schlepperkapitäne so lange anbettelte, dass sie einen auf einer Leerfahrt bis nach Farge mitnahmen. Da mußte man aber Geld für den Bus mit dabeihaben, um wieder nach Hause zu kommen. Das erzählte man nie den Eltern. 

Die Fähre über die Weser gibt es schon seit dem 13. Jahrhundert, das ist urkundlich belegt. Fähre bedeutete durch die Jahrhunderte Ruderboote. Für den Personenverkehr wurden noch bis ins 20. Jahrhundert Ruderboote eingesetzt. In den fünfziger Jahren gab es die Ruderboote noch auf der Lesum: man schlug eine Glocke am Ufer an, und schon kam der Fährmann mit dem Ruderboot. Wie hier auf dem Photo mit der Moorlosen Kirche im Hintergrund, das um 1890 gemacht wurde.

Seit dem 30. April 1889 gab es die dampfgetrieben Fähre Frieda, die für fünf Pfennig fünfunddreißig Menschen von Vegesack nach Lemwerder beförderte, das war ein großes Ereignis. Pferdefuhrwerke kosteten 1,50 Mark. Die Fähre war nicht bei uns gebaut worden, obwohl wir im Ort Werften genug hatten. Die Frieda kam von der Sächsischen Dampfschiff-und Maschinenbauanstalt Dresden. Mit der Zeit wurden die Fähren größer. In den zwanziger Jahren übernahm Wilhelm Niekamp aus Lemwerder den Fährverkehr, seitdem hatte diese Familie die Weserfähren unter sich. 1993 wurde die Fähren Bremen-Stedingen (FBS) gegründet, an der das Land Bremen einen Anteil hat.

Niekamp ließ bei Lürssen 1924 die kleine Hol Ober bauen, die dann später die Badegäste zum Schönebecker Sand brachte, da passten doppelt so viele drauf wie auf die Frieda. 1935 wurde die Stedingen bei Abeking gebaut, die noch bis 1969 fuhr. Da passten schon 260 Personen drauf. Die zweite Stedingen von 1972 schwimmt jetzt in Irland als Mary Fitzgerald. Manchmal hatten Auofahrer Schwierigkeiten, mit dem Auto wieder von der Fähre zu kommen, so wie der Fahrer des Borgwards hier. Aber das war eine Ausnahmesituation, das war die Sturmflut 1962, es war erstaunlich, dass die Fähren da überhaupt fuhren.

Die Fährleute waren gewieft darin, die Fähren so voll wie möglich zu kriegen. Erst wenn die Fähre voll wie eine Sardinendose war, fuhr sie ab. Manchmal, wenn man das letzte Auto war, gab es Unterlegkeile für das Auto, und das Heck des Wagens schwebte über der Weser. Da habe ich auf dem Rücksitz immer gebibbert. Und gebetet, dass wir nicht rückwärts in die Weser kippen. So etwas passiert heute nicht mehr, die Fähren sind nicht mehr lindgrün wie die alte Stedingen. Es sind bunte, stromlinienförmige Monster, die im Zehnminutentakt verkehren. Die Fährromantik ist dahin. Heute werden beinahe drei Millionen Fahrgäste jährlich zwischen Vegesack und Lemwerder befördert.

Ein bisschen Romantik ist noch auf diesem Bild, das die Direktorin des Overbeck Museums Dr Katja Pourshirazi dem Publikum zeigt. Fritz Overbeck hat hier um 1906 die Fähre Frieda gemalt, vielleicht ist das kleine Mädchen im blauen Kleid ganz rechts seine Tochter gewesen. 

Das kleine Bild (Öl auf Karton - 36 x 46 cm) ist das beliebteste Bild des Museums. Sie ist unsere 'Mona Lisa', hat Katja Pourshirazi über Overbecks Fähre Frieda gesagt. Vielleicht sollte man das Bild Mona Frieda nennen.

Donnerstag, 30. April 2026

Leucht-Feuer


Ich habe dieses Bild vor über vierzig Jahren gekauft, ich weiß nicht, von wem es ist. Besucher, denen das Bild mit der ungeheuren Leuchtkraft der Farben auffiel, fragten immer wieder nach dem Künstler. Ich musste passen. Es war damals ein Sonderangebot der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft für ihre Autoren gewesen. Ich wusste noch, dass der Maler irgendwo Professor für Graphik gewesen sein sollte. Ich hatte damals nie von ihm gehört, aber das Bild gefiel mir, und es steht seit Jahrzehnten schön gerahmt mit einer stolzen Größe von 61 x 47 Zentimeter bei mir neben dem Schreibtisch vor einer Bücherwand. Ich weiß nicht mehr, was es gekostet hat, wahrscheinlich war der Rahmen teurer.

Wenn ich mich vom Computer ein klein wenig nach rechts drehe, sehe ich es. Wenn Sie auf diesem Bild in die Dunkelheit eintauchen, dann können Sie in der Bildmitte ganz hinten noch einen gelben Fleck erkennen, da steht das Bild. Wenn ich durch die Tür gehe, laufe ich auf das Bild zu. Letztens, als der Barni an meinem Schreibtisch saß und einer alten Grand Seiko eine neue Batterie verpasste, stand ich neben ihm, vor dem Bild. Und hatte plötzlich diese Idee, weil der Barni doch so ein Super-Handy hat, mit dem man das ganze Internet durchsuchen kann. Mein altes IPhone kann das nicht, ich glaube, das kann nicht mal Internet. Als der Barni mit der Seiko fertig war, bat ich ihn, einmal das Bild zu photographieren und dann die Suchfunktion des Handys zu aktivieren. Der Barni hat nicht nur dieses Luxusteil voller KI, der kann damit auch umgehen. In einer Minute hatte er ein Auktionshaus gefunden, bei dem dieses Bild einmal verkauft worden war.

Jetzt weiß ich, dass der Künstler →Christian Kruck heißt und einmal wirklich berühmt war. Und dass es von dieser signierten Farblithographie in den achtziger Jahren 200 Exemplare auf Bütten gegeben hat. Mein Bild ist bei den zweihundert nicht dabei; es ist signiert, aber nicht nummeriert, es steht mit Bleistift EA drauf. Das bedeutet épreuve d'artiste, das ist schon was Besonderes. Besonders bei dieser Art des Druckes. Jedes Exemplar meiner Steindruckmalerei ist ein Unikat, hat Kruck gesagt. Weil er ein Verfahren der Lithographie entwickelt hat, das er Steindruckmalerei nannte, gekennzeichnet durch das Drucken vieler Farben auf einem einzigen Stein. Möglich wurde dies, da Christian Kruck eine Schreibtinte zum Vorzeichnen benutzte, die in den Stein eindrang, aber nicht mitdruckte. So konnte er passgenau Farbe um Farbe auftragen, was zu virtuosen Bilddarstellungen führte, die an Intensität und Farbkraft der Öl-Malerei in nichts nachsteht. Stimmt alles, das Bild des →Steindruckmalers leuchtet nach über vierzig Jahren immer noch.

Ich habe natürlich heute auch ein Leuchtturm Gedicht. Es hat keinen Titel, es war 1959 das erste Gedicht in Wolfgang Borcherts Gedichtband →Laterne, Nacht und Sterne:
 
Ich möchte Leuchtturm sein
in Nacht und Wind –
für Dorsch und Stint,
für jedes Boot –
und ich bin doch selbst
ein Schiff in Not!

Noch mehr Signalfeuer in dem Post Leuchttürme