Sie haben das schon gemerkt, ich picke mir die Dichter aus dem Tagesblatt der Wikipedia heraus. Heute könnte ich Sir Kingsley Amis nehmen, weil der heute Geburtstag hatte. Aber er hat schon den Post Kingsley Amis, und in den Posts Women are really much nicer than men, Higgledy-piggledy und Frauen nachschauen gibt es Gedichte von ihm. Er wird auch in Universitätsromane erwähnt, weil er Lucky Jim geschrieben hat, der nach dem Time Magazine zu den besten englischsprachigen Romanen gehört. In dem Post Goldfinger ist er auch, weil er ein Buch über James Bond geschrieben hat. Das sollte genügen, aber ich blätterte mich doch noch einmal durch seine Gedichte. Fand ein Gedicht, das A Note On Wyatt hieß, mit dem ich überhaupt nichts anfangen konnte:
See her come bearing down, a tidy craft!
Gaily her topsails bulge, her sidelights burn!
There's jigging in her rigging fore and aft,
And beauty's self, not name, limned on her stern.
See at her head the Jolly Roger flutters!
"God, is she fully manned? If she's one short…"
Cadet, bargee, longshoreman, shellback mutters;
Drowned is reason that should me comfort.
But habit, like a cork, rides the dark flood,
And, like a cork, keeps her in walls of glass;
Faint legacies of brine tingle my blood,
The tide-wind's fading echoes, as I pass.
Now, jolly ship, sign on a jolly crew:
God bless you, dear, and all who sail in you.
Ich fragte mich, was hat Sir Thomas Wyatt mit dem Schiff zu tun, das hier beschrieben wird. Soll das Schiff für das Werk von Wyatt stehen? Im Internet finden sich zwei
→Interpretationen und
→hier noch eine dritte. Ich war genau so schlau wie zuvor, ich verstehe es nicht wirklich. Ich halte mich lieber an Sir Thomas Wyatt. Der war hier schon mit einem berühmten Gedicht in dem Post
Anne Boleyn, ein Post, der über siebentausend Leser gefunden hat. Das Gedicht wird noch einmal in dem Post
Zähmung erwähnt, weil es in einer Folge von
Inspector Lewis vorkommt.
Bei Wyatt bewege ich mich auf gesichertem Terrain, bei dem Gedicht von Amis nicht. Und deshalb offeriere ich heute lieber ein Gedicht von Wyatt:
Love and Fortune and my mind, rememb’rer
Of that that is now with that that hath been,
Do torment me so that I very often
Envy them beyond all measure.
Love slayeth mine heart. Fortune is depriver
Of all my comfort. The foolish mind then
Burneth and plaineth as one that seldom
Liveth in rest, still in displeasure.
My pleasant days, they fleet away and pass,
But daily yet the ill doth change into the worse,
And more than the half is run of my course.
Alas, not of steel but of brickle glass
I see that from mine hand falleth my trust,
And all my thoughts are dashed into dust.Ich habe zu dem Gedicht auf einer interessanten Seite zu englischen Sonetten eine deutsche Übersetzung von
→Wolfgang Riedman. Und da wir bei Übersetzungen sind, muss ich noch eben einen anderen Text zitieren:
Amor, Fortuna et la mia mente, schiva
di quel che vede e nel passato volta,
m’affligon sí, ch’io porto alcuna volta
invidia a quei che son su l’altra riva.
Amor mi strugge ’l cor, Fortuna il priva
d’ogni conforto, onde la mente stolta
s’adira et piange: et cosí in pena molta
sempre conven che combattendo viva.
Né spero i dolci dí tornino indietro,
ma pur di male in peggio quel ch’avanza;
et di mio corso ò già passato ’l mezzo.
Lasso, non di diamante, ma d’un vetro
veggio di man cadermi ogni speranza,
et tutti miei pensier’ romper nel mezzo.
Das ist ein Gedicht von dem italienischen Dichter Francesco Petrarca, und wenn Sie Google Translate oder DeepL bemühen, werden sie sehen, dass Wyatts Gedicht wenig anderes als eine Übersetzung von Petrarca ist. Wyatt und
Edmund Spenser haben die Zauberformel der Liebeslyrik der Renaissance nach England importiert. Der Romanist Ernst Robert Curtius, der in seinem Buch
Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter die Formelhaftigkeit der Lyrik untersucht hat, spricht hier ganz lapidar, von
der Pest des Petrarkimus. Die breitet sich jetzt über ganz Europa aus. Dichter machen es sich leicht, griffige Formeln ersparen es, über Frauen und Schönheit nachzudenken. Außer William Shakespeare, der macht im
→Sonett 130 den ganzen Petrarkismus lächerlich.
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