Samstag, 27. Juni 2026

Sommer


Bei dieser Hitze kann man nicht am Computer sitzen und schreiben. Das brauche ich auch nicht: wenn ich nicht schreibe, habe ich ganz viele Leser. Das ist unglaublich. In den letzten drei Tagen waren es beinahe zwanzigtausend. Heute Mittag hatte ich die Zahl von 7,3 Millionen Lesern erreicht. Jetzt um Mitternacht sind es schon 1.540 mehr. Aber wenn ich auch nichts schreibe, zum Sonntag habe ich doch noch etwas für Sie; ein Gedicht von der amerikanischen Dichterin Léonie Fuller Adams, die am 27. Juni 1988 im Alter von neunundachtzig Jahren starb. Das Gedicht heißt Country Summer, und ein Sommergedicht (das ich hier auch gelesen habe) passt doch für diese Tage.

Now the rich cherry, whose sleek wood,
And top with silver petals traced
Like a strict box its gems encased,
Has spilt from out that cunning lid,
All in an innocent green round,
Those melting rubies which it hid;
With moss ripe-strawberry-encrusted,
So birds get half, and minds lapse merry
To taste that deep-red, lark’s-bite berry,
And blackcap bloom is yellow-dusted.


The wren that thieved it in the eaves
A trailer of the rose could catch
To her poor droopy sloven thatch,
And side by side with the wren’s brood—
O lovely time of beggar’s luck—
Opens the quaint and hairy bud;
And full and golden is the yield
Of cows that never have to house,
But all night nibble under boughs,
Or cool their sides in the moist field.


Into the rooms flow meadow airs,
The warm farm baking smell’s blown round.
Inside and out, and sky and ground
Are much the same; the wishing star,
Hesperus, kind and early born,
Is risen only finger-far;
All stars stand close in summer air,
And tremble, and look mild as amber;
When wicks are lighted in the chamber,
They are like stars which settled there.


Now straightening from the flowery hay,
Down the still light the mowers look,
Or turn, because their dreaming shook,
And they waked half to other days,
When left alone in the yellow stubble
The rusty-coated mare would graze.
Yet thick the lazy dreams are born,
Another thought can come to mind,
But like the shivering of the wind,
Morning and evening in the corn.

Mittwoch, 24. Juni 2026

Kiel Week

Hier wird gerade die Kieler Woche 2026 eröffnet. Das sind von links die Stadtpräsidentin Bettina Aust, der  Oberbürgermeister Samet Yilmaz, die Paralympics Siegerin Kirsten Bruhn und der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Wenn da noch Platz auf dem Bild wäre, dann wären da auch noch die Landtagspräsidentin Kristina Herbst und der Ministerpräsident Daniel Günther mit drauf. Nur der neue Kieler Oberbürgermeister trägt einen Schlips. Grün, weil das seine Partei ist. Steinmeier hat bei der Eröffnung gesagt: Wir brauchen in Zeiten wie diesen ein Miteinander in diesem Land und müssen zeigen, was uns verbindet. Und dazu leistet die Kieler Woche einen Beitrag. Ich weiß zwar nicht so genau, was das heißt, aber es klingt auf jeden Fall besser, als was der Bundespräsident Heinrich Lübke in Kiel zu sagen pflegte. 

Der hatte schon 2013 seinen Platz in dem Post Kieler Woche. Wenn Sie den Post lesen, dann bekommen Sie einen Eindruck davon, was die Kieler Woche, die es seit 1882 gibt, einmal war. Eher Klasse statt Masse. Ach was, ich stelle Teile davon (leicht überarbeitet) noch einmal ein:

Früher war die Kieler Woche noch schön. Als Heinrich Lübke noch Bundespräsident war. Da ging die halbe Uni zur Eröffnung der Kieler Woche, weil seine Reden so wunderbar waren. Einmal sprach er nicht vom Balkon des Rathauses, sondern vom Balkon des Kultusministeriums an der Kieler Förde. Es waren beinahe nur Studenten als Zuhörer da. Seine Rede wurde von denen ständig kommentiert. Damals wurde noch viel kommentiert, vor allem im Kino. Was da alles in den Eddie Constantine Filmen in der Nachtvorstellung im Regina gesagt wurde - man hätte es mitschneiden sollen. Heinrich Lübke hat man mitgeschnitten, den gab es auf einer Platte die Redet für Deutschland heißt.

An jenem Tag, als Lübke an der Kieler Förde sprach, blieb ihm die studentische Unruhe nicht verborgen. Die Sitte des Kommentierens  war ihm wohl fremd, er ist wahrscheinlich auch nie in der Nachtvorstellung des Regina gewesen, um zum zehnten Mal ✺Zum Nachtisch blaue Bohnen zu sehen. Das Staatsoberhaupt war leicht pikiert, und er sprach die schrecklichste Drohung aus, die ein Bundespräsident ausstoßen konnte: Wenn Sie weiter so ungezogen sind, dann erzähle ich Ihnen nichts mehr von der Kwiiin! Das sind Sätze, die man nie vergisst. Es erinnerte mich ein wenig an die Schwärmerei des Generalinspekteurs de Maiziere über die Königin Sirikit wenige Jahre vorher. 

Das war noch die Zeit, als der Bremer Werftbesitzer Ernst Burmester seine Aschanti IV (hier ist sie vor Laboe), eine der schönsten deutschen Yachten, den Bundespräsidenten und Bundeskanzlern kostenlos für repräsentative Staatsaktionen zur Verfügung stellte. Auf dem Photo im oberen Absatz ist Lübke 1961 Gast auf der Aschanti. Burmester war der einzige Bremer, der einen Bentley fuhr. Fand er vornehmer als einen Rolls-Royce zu fahren (das steht schon in dem Post Borgward). Seine Enkelin Biggi hat mir mal die schöne Geschichte erzählt, dass Burmester während der Kieler Woche seinen Bentley vor dem Kieler Yacht Club im absoluten Halteverbot abgestellt hatte. Und dem herbeieilenden Polizisten sagte: Junger Mann, ich segle jetzt mit Herrn Krupp und dem Bundespräsidenten auf der 'Germania', Sie passen bitte hier so lange auf meinen Wagen auf. Aber die Zeiten der repräsentativen Yachten sind vorbei. Bundespräsident Steinmeier machte mit Daniel Günther und Samet Yilmaz einen kurzen Segeltörn mit der Malizia Explorer von Boris Herrmann.

Die Kieler Woche war auch noch schön, als Gustav Heinemann Präsident war. Ich bin ihm einmal am Abend auf dem Bellevue Fähranleger begegnet. Es waren vielleicht zwanzig Leute auf der Anlegerbrücke, die völlig überrascht waren, dass plötzlich der Bundespräsident vom Fährschiff kam. Ohne großes Gefolge. Die Leute traten verlegen zur Seite, einige klatschten. Neben mir war ein besoffener Prolli, der herumpöbelte: Ihr werdet doch alle von Pankow bezahlt, wenn ihr für den klatscht. Ich drohte ihm mit kaltem Offizierston an (den hatte ich noch drauf, weil ich damals in den Semesterferien häufig die Uniform zu Wehrübungen anzog), dass ich ihn in die Förde werfen würde, wenn er nicht sofort ruhig sei. 

Und plötzlich stand ein kleiner Mann in einem hellbraunen Anzug neben mir, der eine ovale Messingmarke aus der Hosentasche zog und fragte, was hier los sei. Ich sagte ihm, dass der besoffene Typ neben mir gerade den Bundespräsidenten beleidigt hätte. Und schwupps, hatte er den Prolli am Arm und führte ihn eine Seitentreppe des Anlegers hinunter. Eddie Constantine hätte das nicht besser gekonnt. Gustav Heinemann hat nichts davon gemerkt.

Betrunkene Prollis waren damals auf der Kieler Woche noch nicht die Regel. Heute schon. Aber es gibt mehr Polizei als je auf den Straßen. Und ein Messerverbot. Und Wildpinkeln kostet hundert Euro. Damals war es noch eine Veranstaltung für Segler mit ein wenig kulturellem Beiprogramm. Ich beherbergte die Woche über immer Segler aus meinem Heimatort, die mir regelmäßig alle Alkoholvorräte wegtranken, mich aber immer mal auf ihrer Yacht mitnahmen. Das waren zuerst noch schöne Mahagoniboote, später wurden es Rennziegen aus Plastik wie diese Malizia Explorer. Also diese Dinger, wo unter Deck nichts ist, als eine Nähmaschine zum Segel nähen. 

Mit dem kulturellen Beiprogramm wurde es mehr, als Dieter Opper Leiter des Kieler Kulturamts wurde. Der war freier Künstler, später ist er Kunstlehrer an der Kieler Gelehrtenschule geworden. Hier auf diesem alten Photo steht er rechts außen. Der kleine Typ links neben ihm ist Markus Lüpertz (mit dem Opper die Gruppe Großgörschen 35 gründete), der fährt heute Rolls Royce und trägt Maßanzüge. Dieter Opper ist leider schon tot, aber so wie Lüpertz ist er nie herumgelaufen. Er trug immer Cordjacketts und Cordanzüge, hatte die Haare schulterlang, anstelle eines Schlipses baumelte ihm selbstgemachte Kunst auf der Brust.

Er hat in den acht Jahren in Kiel als Leiter des Kulturamts sehr viel bewegt. Er hat sicher in Bremen, wo er den Rang eines Staatssekretärs bekam, auch viel bewegt, aber glücklich war er da nicht. Und er hat die Spiellinie auf der Kiellinie erfunden. Auf diesem Bild hinterlässt er (mit Fellmütze) auf der Spiellinie farbige Fußabdrücke. Kilometerlange kostenlose Kreativität auf der Kieler Woche. Das war toll. Es gab von Opper auch ein bisschen Theorie dazu, die von gesellschaftlich notwendige Entwicklung kreativer Fähigkeiten, die Herausbildung bewußter Wahrnehmung und die damit verbundene Befähigung zur Auseinandersetzung mit Lebensbedingungen und ihrer möglichen Veränderung sprach. Theorie musste damals sein. Spielen ohne Theorie geht nicht. 

Ich habe eine englische Straßentheatergruppe mit dem schönen Namen Sheer Madness (zu der auch Rafael Marx gehörte) nicht vergessen, die da einen Hamlet in fünfzehn Minuten aufführten. Mit Gesangseinlagen. Da war Zadeks Hamlet in Bremen nichts dagegen. Die Gruppe war von einer Frau namens Minnie Marx gegründet worden (die auch beinahe alle Hauptrollen spielte), und Sheer Madness waren wirklich gut. Ohne alle Theorie. Heute gibt es immer noch eine Spiellinie, aber mit der Kreativität ist es dahin, da herrscht der Kommerz. Und die Bierbuden und der Schwenkgrill. Dicht an dicht. Und dazwischen Millionen von Besuchern, weil dies das größte Volksfest Europas sein soll. Heute definieren sich Volksfeste durch die Besucherzahlen. Und die Zahl der Bierbuden, Schwenkgrills und der Dixie Klos.

Gesegelt wird auch noch irgendwo, weit draußen in der Förde, aber das scheint niemanden mehr zu interessieren. Die Zeit, da Albert Einstein auf der Kieler Förde segelte, ist unwiederbringlich vorbei. Die Tage, in denen Theodor Fontane die Förde mit Gelb wird das Laub, es rötet sich die Frucht, In blauer Stille liegt die Kieler Bucht, Es schweigt der Wind, die Fläche zittert kaum, Und nur die Möwen sind wie Wellenschaum bedichtete, sind auch passé. Jetzt ist Ballermann angesagt, Lotto King Karl kommt auch. Und bekannte Stars aus Verbotene Liebe und anderen Vorabendserien. Wenn das nichts ist.

Viele Kieler meiden jetzt die Stadt und das Fördeufer. Dieser Blogger auch. Ich war am Donnerstag zum letzten Mal in der Stadt, um mir eine Dose Tabak zu kaufen. Der Händler sagte mir, eigentlich könnte er seinen Laden jetzt dichtmachen. Die dreihunderttausend Besucher pro Tag verirren sich nie in die Nebenstraßen, und die Kunden kommen sowieso nicht mehr in die Stadt der Baustellen, weil die weiträumig abgesperrt ist. Auch die großen Läden entlang der Holstenstraße klagen regelmäßig über Besucherschwund. Wer sich von Bierbude zu Bierbude und Schwenkgrill zu Schwenkgrill bewegt, kauft nicht noch bei P&C oder Anson's ein. Die Stadt Kiel klagt auch, weil die Kieler Woche für sie jedes Jahr ein Zusatzgeschäft ist. Aber sie haben ja einen solventen Sponsor, einen Premiumpartner, der HSH Nordbank heißt. Das ist diese Bank, die immer hart an der Pleite segelt (um mal in der maritimen Bildlichkeit zu bleiben).

Die HSH Nordbank gibt es nicht mehr, Anson's (eine P&C Tochter) ist auch aus Kiel verschwunden. Die Kultur, die Dieter Opper auf die Kiellinie gebracht hat, ist auch nicht mehr da. Aber die Besuchermassen und der Kommerz sind noch da.  Fish & Chips kosten auf dem Internationalen Markt dreizehn Euro. Segler gibt es beim größten Seglerfest der Welt auch noch. Wie immer, weit draußen. Aber denen gefällt Kiel auch nicht mehr. Im letzten Jahr hatte der Olympiasegler Philipp Buhl für die Organisation der Segelwettbewerbe nur die Wörter Trauerspiel und nicht olympiareif übrig. In diesem Jahr soll alles besser werden. Gegen manches ist man aber nicht gefeit. Gestern Nacht gab es für Teile von Kiel einen Stromausfall, der für ein bisschen Chaos sorgte. In der Stadt wurde es dunkel, und die Züge am Bahnhof fuhren nicht mehr. Mein Computer läuft inzwischen wieder, aber mein Fernseher ist jetzt tot.

Das einzige Gute an der Kieler Woche ist, dass mit ihr mein Heuschnupfen zu Ende geht, der mit der Rapsblüte angefangen hat. 

Noch mehr Kieler Woche in den Posts 125 Jahre Kieler Woche,  die wunderschöne Layla. Es ist, wie es ist. Basel. Max Oertz und Cutty Sark. Die meisten Leser (vor Max Oertz) hat Cutty Sark. Alles, was in dem Post steht, ist wahr.

Freitag, 19. Juni 2026

Feigenblätter


Heute vor 120 Jahren wurde in Kassel ein Denkmal feierlich enthüllt, dieses Photo läßt uns daran teilhaben. Der Verschönerungsverein zu Cassel hatte den Bildhauer Hans Everding, der an der Kasseler Kunstakademie bei Carl Begas studiert hatte, mit der Erschaffung beauftragt. Das Brunnendenkmal zeigt einen nackten Jüngling, der ein Boot hochhält. Sieht aus wie ein Paddelboot, ist aber etwas ganz anderes.

In der Vergrößerung können wir es sehen, das Boot hat am Heck einen Schaufelradantrieb. Im Jahr 1906 keine technische Neuerung, aber zweihundert Jahre vorher eine Sensation. Denn das Denkmal, das   dem Erfinder Denis Papin (1647–1712) geweiht ist, steht vor dem Ottoneum, wo Papin zweihundert Jahre zuvor dem hessischen Landgrafen die von ihm erfundene Dampfmaschine vorgeführt hatte. Der dabei verwendete →Druckzylinder ist heute im Ottoneum.

Mit seinem ersten kleinen Dampfschiff war Papin am Sonnabend, dem 24. September 1707 auf der Fulda von Kassel nach Münden (heute Hannoversch-Münden) gefahren war. Er wollte am nächsten Tag auf der Weser bis Bremen weiterfahren, aber in der Nacht haben ihm die Mitglieder der Mündener Schiffergilde das Boot zerkloppt. Sie kannten zwar Rilkes Satz Alles Erworbne bedroht die Maschine noch nicht, aber dass dieser kleine Schaufelraddampfer schlecht für ihr Geschäft war, das hatten sie schon gemerkt. Der Maler Rudolf Siegmund hatte ein Wandgemälde dieses Ereignisses geplant, aber davon existiert leider nur eine Skizze.

Der geniale Erfinder Denis Papin, der den Schnellkochtopf erfunden und auch ein U-Boot gebaut hat, ist heute so gut wie vergessen. Der letzte Brief von Dr Papin aus dem Jahr 1712 an den Sekretär der Royal Society schließt mit den Worten: Ich bin in einer traurigen Lage, selbst wenn ich das Beste leiste, ziehe ich mir nur Feindschaft zu. Doch sei wie ihm wolle, ich fürchte nichts, denn ich vertraue auf Gott, der allmächtig ist. Das stand hier schon im Jahre 2010 in dem Post Dampfschiffahrt, und der aus Frankreich vertriebene Hugenotte, der in Marburg Professor für Mathematik wurde, war schon mehrfach in diesem Blog.

Das Andenken an den Erfinder, diese Allegorie des technischen Fortschritts, rief in Kassel, das einmal die Hochburg des Pietismus gewesen war, einige Empörung hervor. Die Nacktheit des bronzenen Jünglings erschien manchen eine moralische Gefährdung der Bevölkerung. Vor allem der Sittlichkeitsbund vom Weißen Kreuz, der seit 1894 eine eigene Zeitschrift hatte, sah sich als deutscher Sittenwächter. In den Zeitungen wurden Meldungen lanciert, wonach innerhalb von zehn Tagen seit der Einweihung des Denkmals ein Anstieg der sexualisierter Gewalt in Kassel festgestellt worden sei. Und dass die Zahl der außerehelichen Geburten in Kassel gestiegen sei. Also dieser ganze Unsinn, den man heute in den sogenannten sozialen Medien findet.

Es gibt noch keine Freiheit der Kunst, seit Wilhelm II 1900 dieses umstrittene Gesetz erlassen hat, kann dargestellte Nacktheit strafbar sein. Künstler und Schriftsteller wenden sich gegen das Gesetz, und diese Karikatur bringt die Sache auf den Punkt. Der Schriftsteller Edgar Steiger veröffentlichte im Simplicissimu ein satirisches Gedicht, das den Titel Der Papin-Brunnen: Aus dem Liederbuch des 'Weißen Kreuz-Ordens' zu Kassel hatte.

Ein nackter Jüngling – ha! Wie wird mir?
Ich spür’s, das ist der Sünde Fluch.
Es kocht das Blut, das Auge flirrt mir –
Man gebe mir ein Taschentuch!

Bedeck’ ich nicht das Unsagbare,
So garantier’ ich – ach! – für nichts.
Die Unschuld meiner sechzig Jahre
Wird Gegenstand des Schwurgerichts.

Zwar gab’s unehliche Geburten
In Kassel schon an zehn Prozent;
Doch wenn sie deshalb mich verknurrten,
Wär’ schuld das Brunnenmonument.

Den schlimmen Brauch, nichts anzuhaben,
Erfand (der Teufel war im Bund!)
Zum Fallstrick für uns alte Knaben
Praxiteles, der Griechenhund.

Sieht nun ein Christ auf seinen Wegen
Solch heidnisch Aergernis, – o Pein! –
Beginnt sich plötzlich was zu regen,
Und er erkennt, daß er ein Schwein!

Drum auf du keuscher, deutscher Michel!
Zum Bildersturm! Nur nur nicht geniert!
Hat Kronos selber mit der Sichel
Den eigenen Vater doch kastriert!

Der Aufruf zur Kastration ist natürlich Satire, aber wenige Jahre zuvor war das am Elberfelder Neptunbrunnen schon Realität gewesen. Lesen Sie mehr in dem Artikel Zuviel Gemächt' am starken Geschlecht der Kunsthistorikerin Doris Lehmann. Die gehen da in Wuppertal etwas seltsam mit der Kunst um. Henry Moores Die Sitzende wurde 1959 geteert und gefedert. Da kann die Bildhauerin Margret Middell noch glücklich sein, dass ihre große Sitzende in Magdeburg nur vergoldet wurde. Der Praxiteles, der Griechenhund, ist schuld, sagt uns ironisch Edgar Steiger. Michelangelo natürlich auch. Die Queen Victoria war über die Gipskopie des David im Victoria & Albert Museum so entsetzt, dass man für royale Besuche dieses Feigenblatt anfertigte (lesen Sie dazu mehr bei Franziska Lampe). Wir mögen heute darüber lachen, aber im März 2023 wurde die Schuldirektorin →Hope Carrasquilla in Florida wegen angeblicher Pornographie zum Rücktritt gezwungen, weil sie ihren Schülern im Kunstunterricht ein Foto von Michelangelos Statue gezeigt hatte. Das Motto ihrer Schule ist: Know the True. Do the Good. Love the Beautiful.

Sonntag, 14. Juni 2026

The Donald


Amerika feiert heute ein historisches Ereignis. Weil der Continental Congress am 14. Juni 1777 beschlossen hat: That the flag of the thirteen United States be thirteen stripes alternate red and white; that the Union be thirteen stars, white in a blue field, representing a new constellation. Und deshalb ist jedes Jahr am 14. Juni FlaggentagNow, therefore, I, Donald J. Trump, President of the United States of America, do hereby proclaim June 14, 2026, as Flag Day and the week starting June 14, 2026, as National Flag Week, steht auf der Seite des Präsidenten der USA. Ist zwar nur in Pennsylvania ein offizieller Feiertag, wird aber in ganz Amerika gefeiert. Ob ganz Amerika den Geburtstag von Donald Trump feiert, das weiß ich nicht. Er selbst wird wahrscheinlich zu keiner Feier gehen, denn da müsste er die Nationalhymne singen, und den Text kann er immer noch nicht.

Wahrscheinlich wird er den halben Tag schlafen, und dann eine Schachtel Aspirin fressen und auf seiner Seite Lies Unsocial das Internet vollmüllen. Und abends zu dem Käfig vor dem Weißen Haus gehen, weil sich da halbnackte Männer blutig prügeln. Das ist eine Variante der Damenringkämpfe im Schlamm, die es mal in St Pauli gegeben hat. So etwas hat Stil, das muss vor dem Weißen Haus am Geburtstag eines Präsidenten einfach gezeigt werden. 

Wenn man das Datum 14. Juni 1946 bei Google eingibt, dann bekommt man als Ergebnis immer Donald Trump. Als ob es damals auf der Welt nichts anderes gegeben hätte. Zum Beispiel Françoise Gilot, die Picasso an diesem Tag gezeichnet hat. Das Datum hat er auf das Blatt geschrieben. Françoise Gilot war damals fünfundzwanzig Jahre alt, sie wird zehn Jahre bei Picasso bleiben.
Was mir bei dem Namen Françoise Gilot immer zuerst einfällt, ist dieses schöne Bild. Ein Photo von Robert Capa mit Françoise Gilot am Strand, wo Picasso den Sonnenschirm für sie trägt. Dieser Augenblick des Glücks, dieses Lächeln von Françoise! Drei Jahre später ist Robert Capa tot, in Indochina auf eine Mine getreten. Und Françoise hat ihren Pablo auch schon verlassen. Nichts bleibt ewig, auch der Donald Trump nicht, da kann er soviel Aspirin in sich hinein schütten, wie er will. Man sagt, dass die Weisheit mit dem Alter kommt, aber unser Donald ist ein Gegenbeispiel für diesen Satz. Le signe le plus évident de la sagesse, c'est une constante bonne humeur, hat Montaigne gesagt. Hat Trump diesen bonne humeur?

Zum ersten Mal tauchte Trump, dieses von Roy Cohn erschaffene Zombie Geschöpf, vor zehn Jahren mit dem Post Donald Trump in diesem Blog auf. Das wäre eigentlich genug gewesen. Aber es wurde immer mehr. Weil immer mehr Trump in unser Leben eindrang, auch wenn wir seine Plattform Lies Unsocial nicht lesen. Trumps Gabe, so scheint es mir, ist eine Art Aufdringlichkeit, die Fähigkeit, sich an unseren Abwehrmechanismen vorbei in unsere Psyche vorzuarbeiten. Wenn Montaigne einen abgeschiedenen Ort, einen privaten Ort schafft, dann besteht Trumps große Fähigkeit darin, in diesen privaten Ort einzubrechen, ihn zu plündern und ihn so öffentlich zu machen. Was er schafft, oder vielmehr, was wir uns selbst geschaffen haben, indem wir ihn hereingelassen haben, ist ein fast ständiger Zustand des Unbehagens. Hat David Gessner gesagt. Und das Unbehagen bleibt, auch an seinem Geburtstag. Auch für ihn selbst, er freut sich nicht darauf: You don’t have to wish me a happy birthday, because I’m not happy about that birthday. It’s a number that I never thought really too much about. It’s not a number I like, but I’m here nonetheless. Was wünscht er sich zum Geburtstag? ✺Peace for the world, hat er gesagt. Das wünschen wir uns auch.


In diesem Blog findet sich Trump in den Posts: Donald Trump, A fragrance your enemies can't resist, madness, Relax, Baby, bloß keinen Stress, Ostern. Herman Melville, Donald Trump und ich, Roy Cohn, beautiful, Chipocalypse Now, 250 Jahre US Navy, Inauguration, irgendwann muss Schluss sein, The Gulf of Mexico, die ganze Welt in zwei Cartoons, Komische Oper, Schreibfehler, Poetry trumps Trump, Flaggentag, Nationalgarde, se vuol ballare, Signor Trumpino?, Verlierer, Google hat Angst, oben und unten, Doktor Pinel, das elfte Jahr, Bilder: Geschichte, Richtigstellung, Dunkelheit, Ignorance is Strength, Gettysburg, wow, Jennifer Warnes, Abgang, Flüsse und Sümpfe, Grönland, Relinquunt Omnia Servare Rem Publicam, Esel, schwarz + weiß, Supreme Court, Genie, one-day wonder, Umwelt, alles grün, der Leibarzt, Gunfighter Nation, Ehrenworte, Heckenkirsche, Dementia Americana, Zölle

Freitag, 12. Juni 2026

die zwei Kaiser von Mexiko


Am 12. Juni 1864 ist der Erzherzog Ferdinand Maximilian Joseph Maria von Österreich unter französischem Schutz als Kaiser Maximilian I. in Mexiko eingezogen. Wir wissen, was daraus wird, wir kennen das Bild von Manet. Drei Jahre und eine Woche später stand er vor einem Peloton. Den Soldaten soll er noch goldene Pesos gegeben haben, mit dem Wunsch, sie sollten auf sein Herz zielen. Damit seine Mutter sein Gesicht noch wiederkennt. Als seine Mutter Sophie die einbalsamierte Leiche sieben Monate später sieht, wird sie sagen: Das ist nicht mein Sohn!

Der Kaiser trägt Zivil und hat einen Sombrero auf dem Kopf, allerdings nur bei ✺Edouard Manet. Auf dem schlechten →Photo, das wir von dem Ereignis haben, ist er barhäuptig. Auf Manets Bild haben die beiden Generäle Miguel Miramón und Tomás Mejía ihre Uniformjacken abgelegt und tragen weiße Hemden. Tomás Mejía (links) wird gerade von den ersten Kugeln getroffen. Vielleicht hat das Ganze auf dem Hügel, auf dem heute ein Denkmal für Benito Juárez steht, so ausgesehen wie auf diesem Historienbild, das ich zufällig in Internet fand. Ein Maler und eine Jahreszahl standen leider nicht dabei.

Der Habsburger ist nicht der erste Kaiser von Mexiko, es hatte schon mal einen gegeben. Der auch erschossen wurde, vierzig Jahre vor der Ankunft von Ferdinand von Österreich. Er hieß Agustín de Iturbide und hat einen etwas mickrigen deutschen Wikipedia Artikel. Der englische Artikel ist dagegen seitenlang. Agustín de Iturbide war nur neun Monate lang Kaiser, aber seine Herrschaft beendete die jahrhundertelange Herrschaft Spaniens, die hier mit Vizekönigen regierten. Und sein Land war größer als heute, halb Amerika gehörte noch dazu.

Viele seiner Nachfolger werden als mexikanische Präsidenten nur für wenige Tage im Amt sein. Bis der liberale Benito Juárez kommt, der bleibt für vierzehn Jahre. Juarez wird auch den Tod von Kaiser Maximilian anordnen. Aber um an die Macht zu kommen, musste er erst einmal Antonio López de Santa Anna loswerden. Der war acht Mal Regierungschef und wurde fünfmal ins ewige Exil geschickt. Zuletzt nach Kuba. Der Diktator Santa Anna, der durch seine Kriege gegen Texas und die USA ein Fünftel des Landes verliert, war häufig in diesem Blog, Sie finden ihn in den Posts: Alamo, Washington-on-the-Brazos, The Yellow Rose of Texas und Donald Trump.

Der Kaiser Agustín dankt ab und geht ins Exil, man gewährt ihm eine lebenslange Rente von 25.000 Pesos pro Jahr, die er allerdings nie erhalten wird. Er ist mit Frau und Kindern zuerst in Italien, dann in London. Wo 1824 seine →Autobiographie (hier im Volltext) erscheint, die der Brockhaus Verlag im selben Jahr in einer Übersetzung herausbringt. Der Verleger ist John Murray, der war hier schon in den Posts Lord Byrons Schuhe und Shelley, weil er auch der Verleger und Freund von Lord Byron ist. Ich wachte auf und war berühmt, hat Byron über Murray gesagt, weil der →Childe Harold’s Pilgrimage verlegt und zum Bestseller gemacht hatte. Iturbide wird in London nicht glücklich sein, er kehrt nach Mexiko zurück.

Er weiß wahrscheinlich nicht, dass der mexikanische Kongress ihn in Abwesenheit zum Verräter und Feind des Vaterlandes erklärt hat. Und ein Gesetz erlassen hat, dass er sofort hingerichtet werden solle, falls er je wieder mexikanischen Boden betritt. Und so kommt es auch. Der ehemalige Kaiser, der die Flagge entworfen hat, die Mexiko heute noch hat, wird gefangen genommen, als Verräter verurteilt und am 19. Juli 1824 in Padilla (Tamaulipas) erschossen. Vierzehn Jahre später wird es für ihn ein Staatsbegräbnis geben. Auf der Urne seiner Asche steht: Agustín de Iturbide, autor de la Independencia Mexicana. Compatriota llóralo, pasajero admíralo. Este monumento guarda las cenizas de un héroe. Su alma descansa en el seno de Dios

Ein gewisser Odilon Rios hat nach einer der beiden Photographien, die wir von der Erschießung Maximilians haben, 1960 dieses Bild gemalt, das sich im Museo Nacional de Historia in Mexico City befindet. Ein Jahr nach dem Tod von Maximilian, begann Edouard Manet, seine vier Versionen (genauer gesagt: drei großformatige Gemälde, eine kleine Ölskizze und eine Lithographiedes Ereignisses zu malen. Was für ein Unglück, dass Edouard sich darauf versteift hat! Was für schöne Sachen hätte er in dieser Zeit malen können! hat Madame Suzanne Manet gesagt. Sie versteht ihren Gatten nicht mehr. 

Zumal der doch weiß, dass er keins dieser Bilder ausstellen kann, er würde den Kaiser Napoleon III beleidigen, der sicherlich schuld am Tod seines mexikanischen Marionettenkaisers ist. Émile Zola fasste das Bild mit den Worten Frankreich erschießt Maximilian zusammen. Denn das ist die revolutionäre Botschaft des Bildes: die Soldaten tragen französische Uniformen (nur in der Bostoner Version sind es Mexikaner). Und der Mann rechts im Bild, der am Erschießen nicht beteiligt ist und dessen Mütze ihn als einen höheren Dienstgrad ausweist, sieht dem französischen Kaiser Napoleon III sehr, sehr ähnlich.

Alles, was Sie über das Bild von Manet wissen wollen, stand hier schon vor fünfzehn Jahren in dem Post Edouard Manet. Heute hätte ich noch Franz Werfels Theaterstück Juarez und Maximilian: Dramatische Historie aus dem Jahre 1925 für Sie. Und eine Doku von ZDF Info ✺Maximilian von Habsburg - Ein Kaiser für Mexiko.

Samstag, 6. Juni 2026

die funkelnden Lichter von Havanna


Wenn hier tagelang nichts steht, dann heißt das nicht, dass ich nichts schreibe. Ich schreibe so nebenbei den Text von meinem kleinen Internetroman Que reste-t-il de nos amours immer wieder ein wenig um. Das beginnt schon damit, dass ich den Text von ✺Veinte años von Omara Portuondo vor das Ganze gestellt habe. Weil in diesem Lied alles steht, von dem der kleinen Roman handelt:

¿Qué te importa que te ame
Si tú no me quieres ya?
El amor, que ya ha pasado
No se debe recordar

Fui la ilusión de tu vida -
Un día lejano ya
Hoy represento el pasado
No me puedo conformar

Si las cosas, que uno quiere
Se pudieran alcanzar
Tú me quisieras lo mismo
Que veinte años atrás

Con qué tristeza miramos
Un amor, que se nos va
Es un pedazo del alma
Que se arranca sin piedad

Si las cosas, que uno quiere
Se pudieran alcanzar
Tú me quisieras lo mismo
Que veinte años atrás

Con qué tristeza miramos
Un amor, que se nos va
Es un pedazo del alma
Que se arranca sin piedad


Das bringt uns natürlich nach Havanna, das heute etwas anders aussieht als im Jahre 1997, als Omara Portuondo durch Ry Cooders Album Buena Vista Social Club weltberühmt wurde. Die Straßen von Havanna sind voller Müll, die Autos bleiben liegen, weil es kein Benzin mehr gibt. Der Traumort Havanna ist zum Alptraum geworden. Ab dem heutigen Tag können die Menschen in Kuba nicht mehr mit Visa- und Masterkarten zahlen. Die Zentralbank Kubas setzt die Transaktionen infolge von US-Sanktionen zum 6. Juni aus. Touristen müssen in den Hotels mit Bargeld bezahlen. Oder mit chinesischen Kreditkarten. Den Kubanern wird das egal sein, sie haben eh keine Kreditkarten, aber die Maßnahme vertreibt die Touristen, die Geld ins Land bringen könnten. Einige Hotelketten haben sich schon zurückgezogen.

Ich schreibe dies heute mit einer Uhr von der Firma Cuervo y Sobrinos Habana am Arm, einer im 19. Jahrhundert gegründetenFirma, die man einmal das kubanische Tiffany genannt hat. Das hier sind die Neffen des Firmengründers Ramón Fernández Cuervo, die nach seinem Tod 1907 das Geschäft übernahmen. Die Uhr war ein Zufallsfund, von dem jeder Sammler träumt. Ein DDR Bürger hatte sie sich bei seinem einzigen Auslandsaufenthalt in Havanna gekauft und nach der Wende bei ebay vertickt. 

Die Uhr stammt aus den dreißiger Jahren, der Zeit, als amerikanische Millionäre in Kuba Urlaub machten. Damals war Kuba mehr oder weniger ein Bordell, nicht erst seit den Tagen von Batista. Haben Castro und der Comandante Ché Guevara daran etwas geändert? Die Leser von Guillermo Cabrera Infante, der wegen Castro die Insel verließ, wissen, dass sich wenig geändert hat. Die Jineteras sind noch immer auf den Straßen. Lesen Sie mehr dazu in diesem interessanten →Artikel aus der Zeitschrift Lettre. Und schauen Sie einmal in diese ✺Doku von arte über die Mafia in Kuba hinein. Von der Zdfinfo Serie Geheimes Kuba kann ich hier ✺Teil 1 und ✺Teil 3 anbieten.

Kuba und Havanna waren immer in diesem Blog. Das hat etwas mit der Musik zu tun, aber auch mit Zigarren. Manches taucht an versteckten Stellen unerwartet auf. Wie zum Beispiel in dem Post Bielefelder Qualitätshemden: Ich muss mal eben einen Bremer in die Bielefelder Hemdengeschichte bringen. Er heißt Alexander Friedrich Kleinwort und arbeitet in Havana in dem deutschen Handelshaus von Adolf Höber. Die Firma importiert vor allem Bielefelder Leinen, das nach genauen Qualitätsvorgaben in Bielefeld bestellt wurde. Das Kontorhaus erlaubt Kleinwort, nebenbei auf eigene Rechnung zu arbeiten. So handelt er mit Bielefelder Leinen. Und Zigarren.

Der Handel mit Zigarren war ihm aus seiner Heimatstadt →Bremen nicht unbekannt. Kleinwort hatte in Havanna →Hermann Dietrich Upmann aus Bielefeld kennengelernt, zusammen mischen die beiden Freunde den kubanischen Tabakmarkt auf. Und werden beide berühmt: Kleinwort mit seiner Bank (die später Kleinwort Benson heißt), H. Upmann mit seinen Zigarren. Das Photo zeigt John F. Kennedy beim Unterzeichnen des Handelsembargos gegen Kuba. Bevor er seinen Namen unter das Dokument setzte, hatte er übrigens all seine kubanischen Lieblingszigarren in Washington aufkaufen lassen, sein Pressesprecher konnte ihm noch 1.200 Upmann Petit Coronas besorgen.

Das Handelsembargo, mit dem man die kommunistischen Machthaber zu Fall bringen wollte, wurde zwei Jahre später noch verschärft. Da hatten wir die Kubakrise und waren kurz vor einem Weltkrieg. Da sind wir heute nicht mehr, auch wenn Trump gesagt hat, dass Kuba als Nächstes dran wäre. Und der Flugzeugträger Nimitz mit Begleitschiffen schon mal in kubanische Gewässer gelaufen ist. Mehr als sechzig Jahre Handelskrieg haben Kuba ruiniert. Das Öl-Embargo vom Januar war die letzte tödliche Waffe in diesem Krieg, der mal mit dem Boykott von Zigarren angefangen hatte. Gegen Raúl Modesto Castro Ruz, der vor wenigen Tagen fünfundneunzig wurde, läuft in den USA eine Mordanklage. Die Regierung ist am Ende, aber sie gibt nicht auf. Ich weiß nicht, was werden wird. Obama hatte sich um ein friedliches Verhältnis mit Kuba bemüht. Wäre man seinen Weg weiter gegangen, hätte man jetzt nicht diese Katastrophe.

Es ist viel Kuba in diesem Blog. Meine Heimatstadt Bremen hat viel mit der Insel zu tun. Bremer Kaufleute machten da schon seit dem frühen 18. Jahrhundert im Zucker-, Kaffee- und Tabakgeschäft ihr Geld. 1836 hatte Bremen mit Diedrich Hermann Wätjen einen Konsul in Havanna. Ein eher abschreckendes Beispiel des hanseatischen Geschäftssinns ist der Kaufmann Richard Fritze, der eine Tochter von Arnold Duckwitz geheiratet hatte. Er war auf Kuba ein Profiteur der Sklavenwirtschaft, sein Onkel hatte sich bei uns im Ort die Villa Fritze bauen lassen. 

Dass Fidel Castro mal eine Affaire mit einer Bremer Kapitänstochter hatte, steht hier schon in dem Post das Blaue Band. Meine Uhr aus Havanna mit dem Juvenia Werk ist schon in dem Post saudade. In dem Post wird auch Walker Evans erwähnt, von dem heute das zweite Photo stammt. Er hatte sich in den dreißiger Jahren durch Havanna photographiert. Ich nehme an, dass der Nimitz nichts geschehen wird, aber die Amerikaner haben in Havanna schon mal einen Panzerkreuzer verloren, was Sie in den Posts Havanna und Yellow Press nachlesen können. Und die Posts Zigarrren, Frauen und Zigarren und Blauer Dunst haben natürlich etwas mit kubanischen Zigarren zu tun.

Die auch in dem Post Nikolaus auftauchen: Das repräsentative Gebäude neben dem Bremer Dom, auf dem mit goldenen Lettern Verein Vorwärts steht, gehörte seit 1853 dem Bildungsverein der Zigarrenmacher. Heute ist da die Wittheit zu Hause. Der Zusammenschluss der Zigarrenmacher verfolgte neben der Wahrung sozialer Interessen auch Ziele in der Allgemeinbildung. Und sie hatten Vorleser in der Fabrik. Vielleicht kann man das mit den Zigarrenmachern in Kuba vergleichen, die in ihren Fabriken einen Vorleser hatten (wie auf diesem Photo den Herrn mit dem Hut), der ihnen während der Arbeit Romane vorlas. So hörten die Arbeiter Victor Hugo, Alexandre Dumas, Jules Verne, Shakespeare und Emile Zola. Angeblich sollen so die Zigarrenmarken Montechristo und Romeo y Julieta nach dem Grafen von Montechristo und Shakespeares Theaterstück benannt worden sein. Manchmal lasen die Vorleser auch Politisches aus Zeitungen vor, was bei den Fabrikbesitzern nicht so gut ankam (und manchmal verboten wurde). Ob der leidenschaftliche Zigarrenraucher Karl Marx das gewusst hat? Auch in den Bremer Tabakfabriken hat es solche Vorleser gegeben, die von den Arbeitern bezahlt wurden. Manchmal waren das auch Kinder und Handlanger, die kosteten nicht so viel. Der Beginn der Arbeiterbildung liegt, auf jeden Fall in Bremen, im Tabakrauch. 

Als ich an der Uni aufhörte, schrieb ich auf dem Computer, der ein Geschenk des Englischen Seminars war, eine Autobiographie mit dem Titel Bremensien. Aus der nehme ich zum Abschluss mal ein kleines Stück, weil Havanna da drin vorkommt. 

Der Kapitän, zu dem ich über die Jahre das freundschaftlichste Verhältnis von allen Kapitänen habe, die bei uns ein- und ausgingen, ist Ernst Biet. Die Biets sind seit dem 18. Jahrhundert Kapitäne, eine Dynastie. In Peter-Michael Pawliks Buch Von der Weser in die Welt werden im zweiten Band zwanzig Biets aufgelistet, und Kapitän Rolf Reinemuth schreibt 1979 in Master Next to God: Das Buch der KapitäneDie Nachkommen des Hinrich Biet hielten sich noch eine Generation weiter auf der See. Da waren Ernst Biet, der bis in die Gegenwart beim Norddeutschen Lloyd schöne und große Dampfer befehligte...

In den 1960er Jahren wird Ernst Biet Ehrengast der Kapitänsschaffer bei der Bremer Schaffermahlzeit sein, eine größere Ehre gibt es für Kapitäne nicht. Ich überlege mir immer, ob er eine schwarze oder eine weiße Schleife zum Frack getragen hat, das sind Feinheiten, auf die man nur in Bremen kommt. Einer seiner Vorfahren hat sich in einer Seegerichtsverhandlung um die Jahrhundertwende, zu der er zum ersten Mal in seiner Karriere erscheinen muss, geweigert, dem Gerichtsdiener sein Kapitänspatent vorher auszuhändigen. Eine Formsache. Nee, Dschunge, dat giff ik di nich. - Aber Kapitän Biet, wenn Sie mir Ihr Patent nicht geben, dann kann die Verhandlung nicht stattfinden. Dann können Sie auch nicht freigesprochen werden und können nie wieder zur See fahren. Worauf jener Biet sich umdrehte und sagte: Denn fohr ik nich’ mehr to See. Bin all oll genug. Aver miin Patent, dat giff ik di nich. Da kann man nur mit dem Lateiner sagen Ubique naufragium est. Ernst Biet hat ein von Wind und Wetter zerklüftetes Gesicht, er könnte in Hollywoodwestern Indianerhäuptlinge spielen. Seine rechte Hand ist von der Arthritis geplagt, aber sein Händedruck ist immer noch fest. Und seine Pfeife kann er auch immer noch halten, immer ‘ne Charatan kaufen, keine Dunhill, die sind besser. Ich werde es beherzigen. Den Prince Albert Pfeifentabak, den er raucht, mag ich nicht, aber wenn er mir die rote Dose herüberreicht, werde ich meine Pfeife damit stopfen. Ich kann ihm stundenlang zuhören, er erzählt wunderbare Geschichten. Manche auch gerne, zum Entsetzen seiner sehr konservativen Ehefrau in großer Gesellschaft; auch nicht gebremst von einem spitzen, lang gezogenen Eerrrnst! aus dem Munde seiner Gattin: Und da vor Havanna, da wollt’ ich den Passagieren eine kleine Freude machen und bin noch weiter unter Land gegangen, damit sie die Lichter von Havanna so scheun in der Nacht funkeln sehen konnten. Tja, und da sind wir dann‘nen büschen aufgelaufen innen Hafen von Havanna.  Besser als die Maine, die dort unterging, aber in den Augen von Anita Biet eine ewige Schande, einen Lloyddampfer vor Havanna auf Grund zu setzen.