Dienstag, 8. September 2026

Testbericht


Der Grundstein für den Wiederaufstieg der im Krieg völlig zerstörten Firma von Max Braun in Kronberg war der elektrische Trockenrasierer Modell S 50. Rasierapparate sind auch heute noch das erste, was einem bei dem Namen Braun einfällt. Obgleich Braun vor sechzig Jahren für viele Industrieprodukte berühmt waren. Vielleicht weniger wegen der Qualität als wegen des Designs, weil die Söhne des Firmengründers eine Vielzahl von jungen Designern ins Haus geholt hatten. Zahlreiche ihrer Produkte wurden im Museum of Modern Arts ausgestellt. Das steht schon in dem Post Schneewittchensarg, der dem Braun Phonosuper SK 4 gewidmet ist. Entworfen von Hans Gugelot und Dieter Rams wurde sein Produktdesign zu einer Ikone des Unternehmens. 

Die Braun Atelier Anlagen der 1960er Jahre (die qualitativ natürlich viel besser waren als der SK 4) wurden schnell Kult und erzielen heute noch hohe Preise. Ich habe Freunde, die sich nie von ihrer Anlage getrennt haben, obgleich sie wissen, dass sich in Sachen HiFi seit den sechziger Jahren (und der Abwicklung von Braun HiFi im Jahre 1991) eine Menge getan hat. Ich habe hier für Sie den schönen Film Simply the Best: Braun Design Story von Dieter Oeckl aus dem Jahre 1962, in dem Sie alles über die Firma erfahren können. Konrad Adenauer ist da auch einmal kurz zu sehen. Von dem Film Rams von Gary Hustwit aus dem Jahre 2018 habe ich leider nur den Trailer

Ich komme noch einmal auf den Grundstein von Braun zurück, nämlich den elektrischen Trockenrasierer. Da hat Braun nämlich gerade etwas ganz Neues, den Braun Nevo. Einen Elektrorasierer für eine Rasur ohne Kompromisse mit der weltweit ersten AeroTouch-Technologie. Soll 799,99 € kosten, wird aber schon für 499 € überall angeboten. Für das Geld kann man sich auch einen Braun Series 9 Pro+ 9665cce kaufen, der 2025 das neueste Modell der 2014 eingeführten Premiumlinie Series 9 war. Die Marktpreise für die inzwischen unübersehbaren 9er Modelle (einschließlich einer goldfarbenen FC Bayern München Sonderedition) mit verwirrenden Modellnummern haben mit den von Braun geforderten Preisen wenig zu tun. Ich habe für mein Gerät vor Jahren 180 € bezahlt, in Originalverpackung mit einer Vielzahl von unnützen Extras. Man braucht für den Rasierer keine Reinigungsstation, es genügt, den Scherkopf mit heißem Wasser zu reinigen.

Mein erster Rasierer von Braun war 1962 der Sixtant, er brauchte ein Kabel, weil er noch keinen Akku hatte. Er kostete sechzig Mark, die späteren Versionen mit Akku waren zehn Mark teurer. Ich hatte seitdem eine Vielzahl von Braun Geräten. Ich habe immer noch einen funktionierenden Flex Integral aus den neunziger Jahren. Ein Gerät, das immer noch seine Fans hat, lesen Sie doch einmal diesen wunderbaren kleinen Artikel. Wo sich auch die schönen Sätze finden: Resümierend ist aus Sicht des sonntagmorgendlich unrasierten Kritikers seufzend zu bedauern, daß die heutigen Designer das Vermächtnis ihrer Vorgänger - klare, funktionsorientierte Produktgestaltung - nicht mehr fortführen (können, wollen, dürfen?): Aktuelle Rasierer schauen aus wie Laserschwerter aus Science Fiction-Filmen, voll auf Emotion getrimmt.

Immer, wenn ich mit der Rasierleistung der teuren Luxusgeräte nicht zufrieden bin, greife ich zum Flex Integral oder dem Braun Universal (Typennummer 5424), der im Jahr 1985 auf den Markt kam, und rasiere etwas nach. Denn der Braun Series 9 ist nicht wirklich so gut, wie ihn die Werbelyriker machen. Das habe ich schon in dem Post Elektrorasierer vor sechs Jahren angedeutet. Und in dem Post Normbrunnenflasche finden sich einige Bosheiten über die Werbelyrik, mit denen Braun seine Produkte bewirbt. Wahrscheinlich werden die auch schon von der KI geschrieben.

Ist der niegelnagelneue Nevo besser? Er wird hier von dem Schweizer Journalisten Martin Jungfer mit einem sehr witzigen Video vorgestellt. Bei einem anderen Video, das Braun selbst bei YouTube eingestellt hat, fand ich zwei Kommentare sehr interessant. Der erste Kommentar lautete: Glaube ich nicht, dass der Rasierer aus irgendeinem Grund besser rasiert als mein alter Rasierer Serie 9. Das Ganze sieht mir aus nach einem Marketing Trick um den Kunden etwas angeblich Neues für teures Geld anbieten zu wollen. Über den Satz sollte man bei Braun einmal nachdenken. Der zweite Kommentar war noch weitreichender, er lautete: Einfach den Nevo Scherkopf auf meinen Series Pro 9 draufpacken, passt drauf! Ja, das funktioniert. Und so kann man innerhalb von einundzwanzig zweiundzwanzig den Scherkopf M94 oder M96 gegen dieses neue Teil mit den 250 diamantscharfen Klingen tauschen. Wenn sich das so schnell herumspricht, dann wird der Absatz des neuen Nevo wohl gewaltig leiden.

Braun ist mit seiner Series 9 seit Jahren bei allen möglichen Tests (und von denen ist das Internet ja voll) immer Testsieger gewesen. Aber seit vier Jahren haben sie einen japanischen Konkurrenten, der ihnen den ersten Platz streitig macht. Der Panasonic 900+ sieht so ähnlich aus wie der Braun und bietet genau wie Braun fünf Jahre Garantie. Die Scherklingen, die in der Braun Werbung mit Diamanten verglichen werden, basieren bei Panasonic auf der Kunst der traditionellen Samuraischwertfertigung. Und der Scherkopf des Panasonic hat mit sechs Klingen auch noch ein Klingenelement mehr als der Braun Series 9. Allerdings ist sein gefederter und in alle Richtungen beweglicher Scherkopf auch beinahe doppelt so groß wie der von Braun. Was beim Rasieren nicht unbedingt praktisch ist. Es sei denn, man hätte eine Glatze, dafür wäre das dann nützlich. 

Panasonic hat den ursprünglichen Preis des Geräts von 499 € inzwischen auf 366 € gesenkt. Ich hätte das Teil nicht gebraucht, aber als ich bei kleinanzeigen den Rasierer mit Originalverpackung für 119 € sah, habe ich ihn gekauft. Vielleicht hätte ich die 17-sprachige dicke Bedienungsanleitung erst lesen sollen, aber so etwas tue ich nie. Ich habe allerdings nach einigen Tagen herausgefunden, dass man den flexiblen 22D-Rasieraufsatz arretieren kann, dann hat er einen starren Kopf. Und wenn man den kräftig andrückt, bringt das Gerät eine sehr gute Rasierleistung. Allerdings mit einem furchtbaren Geräusch. Ich habe das japanische Monster trotzdem mittlerweile ein wenig lieb gewonnen. Für den vom Hersteller geforderten Preis würde ich ihn aber nicht empfehlen, da bleibe ich lieber bei Braun, der Marke, die ich seit fünfundsechzig Jahren in der Hand halte. 

Meine Empfehlung wäre etwas ganz anderes, nämlich der kleine handliche Braun Series 5, den ich vor einem halben Jahr für 20 Euro bei kleinanzeigen fand. Bei Braun kostet er hundert Euro mehr. Er ist wasserdicht wie die beiden Testsieger, hat aber nur drei flexible Klingen, keine sechs wie der Panasonic. Der Kopf ist starr, nicht beweglich wie bei der Series 9 oder schwabbelig wie beim Panasonic. Er hat keinen ultraschnellen Motor und keinerlei Sensoren, die angeblich die Bartdichte in jeder Sekunde messen. Aber er rasiert erstklassig, man braucht nur etwas länger. Da ist die Rasur noch echte Handarbeit. Und er rasiert noch sauberer als Brauns Flaggschiff aus der 9er Serie. Das wird dem fundamentalen Satz von Dieter Rams gerecht: less is more.

Die Firma Braun weiß wahrscheinlich nicht, dass ihre Rasierer schon bedichtet werden. Ich habe zum Schluss dieses Posts ein Gedicht über den Braun Series 7 von der Engländerin Vic Shirley, es hat den Titel I fell in love with a Braun electric shaver

I know what you're thinking
and, sure, I'm married.
But you didn't see the way
this shaver was looking at me.
The way it would hum longingly,
whilst gliding over my husband's face.
Always vibrating — it seemed to me —
in my direction.
Made me feel kind of special.
And this little guy was a Series 7,
so unbelievably smart;
the way they interpret the beard
and adapt to a man's face.
I didn't believe that was possible.
Once you see a thing like that in action,
you can't exactly unsee it, if you know what I mean.
And once I discovered that it shared my love
of French cinema, there was no turning back.

Freitag, 4. September 2026

der Angriff der KI-ller Bots


Der Blogger, der unter dem Pseudonym Dresdner Bücherjunge den sehr empfehlenswerten Blog litterae-artesque-dresda betreibt, hat mich in einem Kommentar zu dem Post 7.500.000 auf etwas aufmerksam gemacht, was mir neu war. Dass da nämlich im Internet Millionen von Bots herumtoben, die offenbar durch den nur sekundenlangen Besuch meines Blogs meine Leserzahlen vergrößern. Dass ich Googles Zahlen misstraue, habe ich schon mehrfach in den letzten sechzehn Jahren gesagt. Das Phänomen, das ich in dem Post aus heiterem Himmel beschrieben habe, geht offenbar auf solche Bots zurück. Und wahrscheinlich auch, dass der alte Post Dorothy Malone plötzlich mehr als fünfhundert Leser hat. 

Dass das ein sehr schöner Post ist, wissen die KI Roboter nicht, die sind als KI Scraper nur unterwegs, um die Inhalte anzusaugen. Die Texte sind häufig ein Trainingsprogramm für die KI, und ich habe schon manches aus meinem Blog in Googles KI Antworten wiedergefunden. Die Scraper und die LLM Bots (Large Language Model Chatbots) sind sogenannte gute Bots. Sie machen nix kaputt, hinterlassen auch keine Spuren. Nur in der Statistik eines Bloggers. Sie tauchen da unter Sonstige auf, wo alles angeschwemmt wird, was keine URL Adresse hat. Leser, die über WhatsApp, Telegram oder Facebook und diese ganzen Dark Social Kanäle kommen, landen immer unter Sonstige. Wenn man sie auch nicht zuordnen kann, vergrößern sie auf jeden Fall die Leserzahl. Ich habe am Abend des 1. September nicht einen Augenblick daran geglaubt, dass die Zahl von 27.841 Lesern wirklich lebendige Leser meinte.

Diese Bots fallen jetzt über meinen Blog her wie die Heuschrecken über Ägypten, wie es Moses dem Pharao androhte. Nach dem Imperva Bad Bot Report sind schon mehr als fünfzig Prozent des weltweiten Datenverkehrs KI generiert. Das Internet wird zu einer digitalen Müllhalde. Von den sogenannten guten Bots ist im Bericht der Firma Imperva nicht die Rede, nur von den Bad Bots, die Sicherheitslücken und Passwörter suchen und Spam Kommentare hinterlassen. Glücklicherweise gibt es davon nicht so viel bei mir. Es gibt sowieso relativ wenig Kommentare. Was Lyriost dazu bewog, mir ein Haiku zu widmen:

Manchmal

Wenig Kommentar
so erkennt man Edelstein
wenn man ihn denn sieht


Wenn die Heuschrecken so weitermachen, habe ich in der nächsten Woche die Zahl von 7,8 Millionen. erreicht. Das macht sich gut unten auf der Seite, aber wir wissen alle, dass das nicht ganz stimmt. Ich nehme an, dass die irrsinnigen Zahlen irgendwann aufhören, wenn sich die KI Vampire hier vollgesogen haben und weiterziehen. Sehr viele Leser habe ich trotzdem, und ich hoffe, sie bleiben mir erhalten. Weil dies ja ein renommierter, anspruchsvoller deutscher Kulturblog ist. Sagt auf jeden Fall Googles KI. Die muss es ja wissen. Im Internet gibt es schon Seiten, die Blogartikel schreiben lassen mit KI – die ultimative Anleitung heißen. Solche von der KI geschriebenen Blogs werden dann wahrscheinlich nur von den KI Crawlern gelesen. O brave new world, that has such people in't! An dieser Stelle möchte ich den ganzen Bots, die das gerade aufsaugen, sagen: das Shakespeare Zitat war eben Ironie. Ironie versteht die KI nämlich nicht, weil sie mit dem Grundsatz no irony in the internet auf die Welt gekommen ist.

Montag, 31. August 2026

The Muse Among the Motors

So sah im Jahre 1905 für den Maler Hubert von Herkomer die Zukunft aus. Beinahe nackt, die Schamgegend mit einem durchsichtigem Kleid etwas verhüllt. Die Augen verbunden und an ein Auto gefesselt. Das Aquarell fand sich auf der Menükarte für ein Bankett, das am Ende eines Autorennens, der ersten Herkomer Konkurrenz, gefeiert wurde. Denn unser Maler, der einen bayrischen und einen englischen Adelstitel hatte, war ein klein wenig autoverrückt. Dass halbnackte oder nackte Frauen zusammen mit Automobilen gezeigt werden, sogar zu einer obligaten Garnierung werden, wird die Werbewirtschaft im zwanzigsten Jahrhundert dankbar aufnehmen. 

Denn das sex sells funktioniert anscheinend immer. das hat Jörg Nimmergut, der in München eine eigene Werbeagentur besaß, mit seinem Buch Werben mit Sex bewiesen. Als das Buch 1966 erschien, wurde es von der Staatsanwaltschaft wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften nach § 184 StGB verboten. Dabei war das wirklich ein seriöses Buch. 1982 ist es dann bei Wilhelm Heyne nochmals aufgelegt worden, man kann es heute noch bei ebay finden.

Noch nackter als Herkomers Zukunft waren die beiden Models Sue Shaw und Helen Jones, die 1971 bei der Earls Court Motor Show Werbung für den TVR Sportwagen machten. Sie waren auch in Nimmerguts Werben mit Sex abgebildet. Das war lange bevor Frauen  halbbekleidet bei Ferrari herumlungerten und Boxenluder hießen. Mein Bruder hatte mal einen TVR, der so flach war, dass ich mit ihm beinahe unter der Parkschranke vom Uni-Parkplatz hindurchfahren konnte. Der Wagen wurde allerdings ohne nackte Beigaben geliefert. Ich bringe dieses Photo, das sich am Rande des guten Geschmacks bewegt, nur um zu zeigen, dass sich England in den siebziger Jahren gegenüber der Welt von Sir Hubert von Herkomer sehr verändert hat.

Frauen und Autos (hier die Schriftstellerin Joan Didion vor ihrer gelben Corvette Stingray) sind ja ein unerschöpfliches Thema. Ich war gerade dabei, einen Post über die Chevrolet Corvette zu schreiben, als ich sah, dass der amerikanische Schriftsteller Percy MacKaye am 31. August 1956 gestorben war. Ich ließ die Sache mit der Corvette liegen, die mit einem Gedicht von David Meltzer angefangen hatte, von dem ich einmal die ersten Zeilen zitiere:

Lil took me when I was 20  
down Sunset Blvd thru Jazz City 
in a blue Corvette 
lent by another lover. 

Da ist es wieder, Frauen und Autos. Auch massenhaft in der amerikanischen Popular Culture, Oh Lord, won't you buy me a Mercedes Benz?, aber auch in richtigen Lyrik. 

Denn Percy MacKaye ist wahrscheinlich der erste amerikanische Dichter, der ein Gedicht über das Auto schrieb. Sein Gedicht From an Automobile erschien im Januar 1910 in Scribner's Magazine. Das war das Jahr, in dem Henry Ford die Schlachthöfe in Chicago besuchte, die ihm das Vorbild für die Fließbandproduktion gewesen sein sollen. Damals gab es vielleicht eine halbe Million Autos auf Amerikas Straßen, heute sind es über zweihundertachtzig Millionen. In MacKayes Gedicht ist nichts von der Begeisterung, die Sir Hubert von Herkomer für das Auto empfand, zu finden. Eher das völlige Gegenteil:

Fluid the world flowed under us: the hills
Billow on billow of umbrageous green
Heaved us, aghast, to fresh horizons, seen
One rapturous instant, blind with flash of rills
And silver-rising storms and dewy stills
Of dripping boulders, till the dim ravine
Drowned us again in leafage, whose serene
Coverts grew loud with our tumultuous wills.

Then all of Nature's old amazement seemed
Sudden to ask us: "Is this also Man?
This plunging, volant, land-amphibian
What Plato mused and Paracelsus dreamed?
Reply!" And piercing us with ancient scan,
The shrill, primeval hawk gazed down -- and screamed.

Hier bricht die neue Technik geradezu gewalttätig in die Natur ein, versetzt uns in ein Schwindelgefühl. Wir sehen die auf uns anstürmende Welt vom Auto aus, das sagte auch der Originaltitel des Gedichts From an Automobile, der später in The Automobile geändert wurde. Die erste Strophe gehört dem Eindruck der Fahrt, die zweite ist ein Raisonnement über das, was die Maschine der Natur antut. Die Frage Is this also Man? bleibt bestehen. Auch wenn sie heute in Amerika eher so aussieht. Ähnliche Gedanken wie bei MacKaye  finden sich 1921 in dem Gedicht Automobile von Vladislav Khodasevich, wenn es in der letzten Strophe (in der englischen Übersetzung) heißt:

There was the world here, simple and whole,
But from the time as ‘He’ appeared,
The blanks gape in the world and soul,
As from the acids which were spilled.

Im gleichen Jahr, in dem das Gedicht von Khodasevich erschien, hat der Schriftsteller und Pädagoge Fred Newton Scott über das Gedicht From an Automobile in einem Aufsatz mit dem Titel Poetry in a Commercial Age in The English Journal gesagt: In these very commendable pieces of verse the all too obvious purpose is to coat a new subject with old poetic varnish or an old subject with new varnish. Not in such a way, I venture to affirm, can the age of automobiles or of subways be adequately pictured in poetry. The new subject must mold its own form, devise its own diction. What these will be no one can tell until they come

Gedichte über Automobile, sagt uns Professor Scott, müssten ihre eigene Form finden, er wisse nicht, wie diese Form aussehe. Herkomers an das Auto gefesselte nackte Zukunft weiß auch nicht, was auf sie zukommt. Autogedichte wird es im 20. Jahrhundert en masse geben. Dichter lassen das Thema nicht aus, auch Bert Brecht nicht. Als er Deutschland verlassen musste, dichtete er im Alfabet:

Ford hat ein Auto gebaut
das fährt ein wenig laut,
es ist nicht wasserdicht
und fährt auch manchmal nicht.

Brecht fährt im dänischen Exil einen Ford A, vorher hatte er einen Steyr gefahren. Den hatte er 1928 von der österreichischen Firma als Dank für sein Gedicht Singende Steyrwägen bekommen. Den Wagen hat die Gestapo 1933 beschlagnahmt. Nach dem Krieg hatte Brecht dann wieder einen Steyr 220 gekauft, er bleibt der Marke treu. Vielleicht fuhr er keinen Ford mehr, weil er inzwischen erfahren hatte, dass Henry Ford von Hitler begeistert war (und Hitler von Henry Ford) und antisemitische Bücher geschrieben hatte.

Rudyard Kipling war einer der ersten englischen Dichter, der Gedichte über Autos schrieb. Seit 1904 erschienen die Gedichte (die häufig die Form eines Pastiche haben) unter dem Titel The Muse Among the Motors, sie können eins davon in dem Post Reste lesen. In vielen Gedichten, die seit Herkomers Bild der nackten automobilen Zukunft entstehen, hat das Auto nur einen Nebenrolle. Wie in William Carlos Williams' Gedicht The Young Housewife aus dem Jahr 1916:

At ten AM the young housewife
moves about in negligee behind
the wooden walls of her husband’s house.
I pass solitary in my car.

Then again she comes to the curb
to call the ice-man, fish-man, and stands
shy, uncorseted, tucking in
stray ends of hair, and I compare her
to a fallen leaf.

The noiseless wheels of my car
rush with a crackling sound over
dried leaves as I bow and pass smiling.

Dieses schöne stille Gedicht (das wieder Frauen und Autos miteinander verbindet) ist sicherlich nicht das, was sich der Professor Fred Newton Scott unter der neuen Lyrik vorgestellt hat. Karl Shapiros Liebesgedicht auf seinen Buick von 1942 sicherlich auch nicht. Aber ich habe da ein Gedicht aus dem Jahre 1926 (dem Jahr, in dem Ford seine Tin Lizzy mit dieser Anzeige bewarb) von e.e.cummings, das in seiner Form ebenso neu wie das Automobil ist: 

she being Brand
-new; and you
know consequently a
little stiff i was
careful of her and (having
thoroughly oiled the universal
joint tested my gas felt of
her radiator made sure her springs were O.
K.) i went right to it flooded-the-carburetor cranked her
up, slipped the
clutch (and then somehow got into reverse she
kicked what
the hell) next
minute i was back in neutral tried and
again slowly; barely nudging (my
lever Right-
oh and her gears being in
A 1 shape passed
from low through
second-in-to-high like
greasedlightning) just as we turned the corner of Divinity
avenue i touched the accelerator and give
her the juice, good
(it
was the first ride and believe i we was
happy to see how nice she acted right up to
the last minute coming back down by the Public
Gardens i slammed on
the
internalexpanding
&
externalcontracting
brakes Bothatonce and
brought allofher tremB
-ling
to a: dead.
stand-
; Still)


Noch mehr Autos und Gedichte in meinem Blog automobilia.

Samstag, 29. August 2026

kleine Revolutionen


Heute vor 240 Jahren hat eine gut organisierte Truppe von Siedlern aus Massachusetts, die sich in Anlehnung an die →Regulatorenbewegung in North Carolina Regulatoren nennen, verhindert, dass der County Court in Northampton tagen konnte. Die Rebellion von Captain Daniel Shays hatte begonnen. Thomas Jefferson fand die Rebellion von Captain Shays damals nicht so schlimm: I hold it that a little rebellion now and then is a good thing. Und er hat auch gesagt: The tree of liberty must be refreshed from time to time with the blood of patriots and tyrants. It is its natural manure

George Washington dagegen fand das Ganze nicht so witzig, er wittert die Anarchie: if three years ago any person had told me that at this day, I should see such a formidable rebellion against the laws & constitutions of our own making as now appears I should have thought him a bedlamite - a fit subject for a mad house. Und er sagt weiter in seinem Brief an Henry Knox: The moment is, indeed, important! – If government shrinks, or is unable to enforce its laws; fresh maneuvers will be displayed by the insurgents – anarchy & confusion must prevail – and every thing will be turned topsy turvey in that State; where it is not probable the mischiefs will terminate.

George Washington will mehr Macht für die Bundesregierung. Aus der Rebellion von Daniel Shays (von dem wir kein einziges Bild haben, das hier links soll er sein) wird die amerikanische Verfassung entstehen, die regelt, welche Macht der Bund und welche Macht die Länder haben. Die Macht der Bundesregierung wird Washington acht Jahre später demonstrieren. Denn im Jahre 1794 gibt es nicht nur eine Revolution in Frankreich, es gibt auch eine kleine Revolution in Amerika. Am 7. August 1794 zogen mehrere tausend bewaffnete Getreidebauern und Whiskybrenner in die Nähe von Pittsburgh, um gegen die Steuern auf ihren selbstgebrannten Whisky zu protestieren. Das, was wir heute die Whiskey Rebellion nennen, hatte schon 1791 begonnen, mit dem Marsch auf Pittsburgh erreicht der Aufstand seinen Höhepunkt. Das kann der Staat nicht durchgehen lassen, denn every thing will be turned topsy turvey in that State.

Präsident George Washington zieht noch einmal die neue Generalsuniform an, die er sich nach dem Vorbild der alten Uniform der Continental Army hatte schneidern lassen. Und setzt sich aufs Pferd, um mit 13.000 Mann höchstpersönlich die aufrührerischen Schwarzbrenner zur Raison zu bringen. Jetzt kommandiert er gegen die eigenen Landsleute mehr Soldaten, als er in den Schlachten gegen die Engländer zur Verfügung hatte. 

Er beruft sich dabei auf die Militia Acts aus dem Jahre 1792. Nach denen kann der Präsident die Miliz einberufen whenever the United States shall be invaded, or be in imminent danger of invasion from any foreign nation or Indian tribe. Man muß in Amerika das Recht ein wenig dehnen, das beginnt nicht erst mit einem Präsidenten, der Donald Trump heißt. Es ist schwer, an imminent danger of invasion from any foreign nation or Indian tribe zu sehen. Indianer und fremde Mächte sind hier weit und breit nicht zu entdecken. Nur Amerikaner. Es ist das erste Mal in der noch jungen Geschichte der Vereinigten Staaten, dass das Militär gegen das eigene Volk marschiert. Es war auch das erste und einzige Mal, dass ein amerikanischer Präsident eine Armee kommandiert.

Auf welche Gesetze sich dieser Präsident hier beruft, der niemals auf einem Pferd ein Heer kommandiert hat, wenn er Milizen in Uniform gegen seine eigenen Landsleute marschieren läßt, ist vielen Amerikanern unklar. Das Aux armes, citoyens! Formez vos bataillons! der Marseillaise steht so nicht in der amerikanischen Verfassung. Der dreifache Pulitzer Preisträger Thomas Friedman, der für die New York Times schreibt, hat gesagt: Some presidents, when they get into trouble before an election, try to ‘wag the dog’ by starting a war abroad, Donald Trump seems ready to wag the dog by starting a war at home. Und Nancy Pelosi fragte sich, ob Amerika eine Bananenrepublik geworden ist. Das fragte sich auch Robin Wright im New Yorker. Was soll man dazu sagen? Genügt ein einfaches Ja?

Die Whiskey Steuer hebt der Kongress im Jahre 1802 wieder auf. Davon werden die Erben von George Washington profitieren, denn in seinem Todesjahr macht seine Whiskey Destillerie in Mount Vernon einen Profit von 7.500 Dollar. Die Whiskey Rebellion der 1790er Jahre ist immer noch nicht ganz vergessen. Hören wir doch mal Joan Baez zu, wenn sie sagt: Now I'll sing a song dedicated to the Internal Revenue Service. The Infernal Revenue Service. The Eternal Revenue Service. Anyway, they come and they take your money away. Und dann singt sie Copper Kettle

My daddy he made whiskey
My granddaddy did too
We ain't paid no whiskey tax
Since Seventeen Ninety Two

Mittwoch, 26. August 2026

Sebastiano Caso ✝


Als ich noch an der Uni war, sah ich ihn ständig. Als ich im Ruhestand war, liefen wir uns häufig über den Weg, er hatte immer Zeit für ein Schwätzchen. Er hatte viel Humor. Er war immer elegant und stilvoll gekleidet. Gerade habe ich in meiner Tageszeitung gelesen, dass der dottore Sebastiano Caso in Perugia im Alter von einundneunzig Jahren gestorben ist. 

Er hatte vom Land Schleswig-Holstein in Anerkennung und in Würdigung seiner Verdienste um die Verbreitung der italienischen Sprache und Kultur in Schleswig-Holstein sowie seiner vielfältigen Bemühungen um die Völkerverständigung einen Professorentitel bekommen. Das Bundesverdienstkreuz hatte er auch, sein Heimatland Italien machte ihn zum Cavaliere Uffiiciale des italienischen Verdienstordens. 

Der Honorarkonsul Sebastiano Caso hat keinen Wikipedia Artikel, und es gibt (seit zehn Minuten) nur ein einziges Photo von ihm im Internet, das ist ärmlich. Das Internet ist furchtbar schlecht geworden, seit Google es mit seiner KI geflutet hat. Dies Bild hier war das Plakat der Kieler Kunsthalle für die Ausstellung 100 Jahre italienischer Futurismus in der Kieler Kunsthalle im Jahre 2009. Hundert Jahre nachdem Filippo Tommaso Marinetti in seinem berühmten Manifest erklärte: Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen . .. ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt. Dr Caso hat bei der Eröffnung der Ausstellung, die er nach Kiel geholt hatte, einen kleinen Vortrag gehalten, das weiß ich noch.

Als ich Blogger wurde und ich diese preiswerten holländischen Visitenkarten mit der Adresse von SILVAE hatte, habe ich ihm einmal eine Karte in die Hand gedrückt. Er hat mir gesagt, er würde mich lesen. Das hat er bestimmt getan. Auf der italienischen Todesanzeige steht das Dante Zitat E ’n la sua volontade è nostra pace, mehr kann man sich nicht wünschen. Auch nicht, wenn man wie er Vorsitzender der Dante Alighieri Gesellschaft war. 

Die italienische Todesanzeige im Internet ist von einer Signorina Antonietta Castagnaro mit einem Kommentar bedacht worden, den ich hier einmal einstelle. Denn schöner kann man es nicht sagen:

Heute ist ein trauriger Tag, denn ein Vater, ein Professor, ein Konsul, ein Botschafter der italienischen Kultur, ein vorbildlicher Bürger hat diese Welt verlassen. Ein Mann von großer Bildung, die er nicht zur Schau stellte, wie es heutzutage oft der Fall ist, sondern tagtäglich lebte. Eine seiner vielen liebenswerten Eigenschaften war sein charmanter Humor. Und was allen deutlich wurde, war seine grenzenlose Liebe zu seiner Familie. Sein Lächeln, das von Herzen kam, direkt in die Augen blickte und schüchtern seine Lippen berührte, wird allen, die das Privileg hatten, ihn zu kennen, für immer in Erinnerung bleiben. Ich teile die Trauer von Frau Paula, Valeria, Sandra und Cordula und seiner ganzen Familie in der Gewissheit, dass Professor Sebastiano bereits an der Seite unseres Herrn Jesus Christus weilt.

Sonntag, 23. August 2026

achtzig


Heute wird das Bundesland Schleswig-Holstein achtzig Jahre alt. Weil die englische Militärregierung das in ihrer Verordnung Nr. 46Auflösung der Provinzen des ehemaligen Landes Preußen in der Britischen Zone und ihre Neubildung als selbständige Länder vom 23. August 1946 so beschlossen hatte. Eine Million Flüchtlinge werden in das Land kommen, in dem im Jahr zuvor noch Hitlers Nachfolger Admiral Dönitz mit seinem Flensburger Kabinett für drei Wochen Deutschland regiert hatte. Da wo am 7. Mai 1945 Lutz Graf Schwerin von Krosigk über den Reichssender Flensburg die Kapitulation Deutschlands verkündet hatte.

Seit 1844 gibt es für das Land Schleswig-Holstein eine Hymne, die Wanke nicht, mein Vaterland heißt:

Schleswig-Holstein, meerumschlungen,
Deutscher Sitte hohe Wacht.
Wahre treu, was schwer errrungen,
Bis ein schön’rer Morgen tagt!
Schleswig-Holstein, stammverwandt,
Wanke nicht mein Vaterland

Allerdings gab es 1844 noch gar kein Land Schleswig-Holstein, es gab lediglich die Schleswig-Holsteinische Frage. Lord Palmerston soll gesagt haben: Only three people...have ever really understood the Schleswig-Holstein business—the Prince Consort, who is dead—a German professor, who has gone mad—and I, who have forgotten all about it. Erst nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 wurden die beiden Herzogtümer nach der Schlacht von Düppel preußisch. Damals dichtete Emanuel Geibel:

Bei Düppel dort am Meere, vor Alsen am Sund,
Da rangen die Heere auf blutgetränktem Grund;
Da galt's, auf die Schanzen im Siegessturmgewog'
Den Adler zu pflanzen anstatt des Danebrog.


Die letzte Grenzziehung fand 1920 mit einer Volksabstimmung statt, mit der Nordschleswig dänisch wurde und Südschleswig weiterhin zu Deutschland gehörte. Dafür ist der Andy (hier auf dem Photo rechts neben mir), der für die Grünen in der Gemeindevertretung von in Harrislee sitzt, bestimmt dankbar. Aber auch nach 1920 gab es noch Teile des Landes, die nicht dazu gehörten. Wie zum Beispiel das oldenburgische Fürstentum Lübeck, das wurde erst 1937 mit dem Groß-Hamburg-Gesetz als Kreis Eutin der neunzehnte Landkreis der preußischen Provinz.

Desse vorben land laven wy na alle unseme vormoge holden an gudeme vrede, unde dat se bliven ewich tosamende ungedelt, ist ein Satz, der 1460 im Vertrag von Ripen stand. Was hatte der König mit dem Versprechen gemeint? Die ältere Forschung sagt uns, dass der König verspricht, dass die beiden Gebiete für immer ungeteilt zusammenbleiben sollen. Neuere Untersuchungen gehen allerdings dahin, dass der König nur zusagt, den inneren Frieden in Schleswig und Holstein zu wahren. Aber wie es mit dem Halten von Verträgen und mit dem Frieden so geht, der Vertrag des dänischen Königs mit der Ritterschaft war schon bald Makulatur. Zum fünfhundertsten Jahrestag des Vertrags von Ripen hat die Schleswig-Holsteinische Ritterschaft (so etwas gibt es noch) eine Festschrift herausgebracht.

Der Arzt August Wilhelm Neuber aus Apenrade (Åbenrå ) holte den Satz Op ewig ungedeelt 1841 aus der Müllhalde der Geschichte wieder heraus: 

Sie sollen es nicht haben
Das heil’ge Land der Schlei!
Sie sollen es nicht haben
Das Land so stolz und frei.
Der Herzog hat’s geschrieben,
Den sich das Volk erwählt:
'Se schölln tosammen blieben
Op ewig ungedeelt!'

Dieses Op ewig ungedeelt wird jetzt zu einem Kampfbegriff für jene, die aus dem Flickenteppich von königlichen und herzoglichen Gebieten, Grafschaften, freien Hansestädten und Bistümern ein zusammenhängendes Land machen wollen. Die in dem Ripener Vertrag die Geburtsstunde des Landes Schleswig-Holstein sehen. Die Holsteinische Ständeversammlung wird das Schlagwort 1844 (in dem Jahr, in dem das Schleswig-Holstein Lied entstand) verwenden. In der Schleswig-Holsteinischen Erhebung von 1848 wird es immer wieder gebraucht, man will es sogar bei Düppel auf Fahnen gesehen haben. Und bei der Volksabstimmung von 1920 tauchte der Satz auch wieder auf. Seit den Bonn-Kopenhagener Erklärungen scheinen die Probleme der Minderheiten nördlich und südlich der Krausau ein Ende gefunden zu haben.

Heute wird also gefeiert, vielleicht singt der Ministerpräsident das Schleswig-Holstein Lied (ich kann das hier von ✺Heino anbieten). Ist auf jeden Fall besser als die wunderschöne Layla, was er vor Jahren auf der Kieler Woche gesungen hat. Diese Werbebotschaft echt achtzig hat das Wappen des Landes etwas abgemagert, postmodern, neumodisch. Theodor Storm hatte für das Wappen des Landes noch ein patriotisches Gedicht übrig

Das Banner hoch! die weiße Nessel!
Und hoch das blaue Löwenpaar!
Sie sind des Hauses heilig Zeichen
Und unverletzlich immerdar.

Und wo wir festlich uns vereinen,
Die blauen Löwen halten Wacht;
Zu Kränzen winden wir die Nessel
In unsrer Buchen Blätterpracht.

Doch tret getrost auf unsre Schwelle,
Wer uns vertraut und wer getreu;
Nicht brennen wird die weiße Nessel
Und brüllen nicht der blaue Leu.

Das Banner hoch! das Sonnenleuchten
In seine freien Schwingen fällt;
Und daß es rauschend sich entfalte
Und sichtbarlich vor aller Welt.

Vereinigt noch durch manch Jahrhundert
Soll das Geschwisterwappen wehn —
Das Banner hoch! damit wir fühlen,
Daß wir auf eigner Erde stehn.

Wir brauchen keine zwei Löwen mehr, die ein Symbol für die beiden Landesteile waren. Jetzt reicht einer, hier oben wird jetzt alles neu, weil wir jetzt der einzige echte Norden sind. Meike Winnemuth (die schon in dem Post Damenmode vorkommt) fand das in ihrer Kolumne im Stern ziemlich absurd: Letztes Jahr hat mein Heimatbundesland Schleswig-Holstein seinen Slogan von 'Land der Horizonte' zu 'Der echte Norden' geändert. Ich habe kurz gezuckt: Es klang etwas füßchenstampfend, fand ich, blödsinnig rechthaberisch – und ist zudem problemlos von jedem Skandinavier zu widerlegen, der bei Harrislee über die Grenze fährt und dabei das blitzblanke neue Schild passiert. Der echte Norden? Im Unterschied zum falschen Norden, aus dem er gerade kommt?

Den Slogan hat sich eine Werbeagentur namens Boy ausgedacht, er hat das Land mehrere hunderttausend Mark gekostet. Diese Werbeagentur ist mit der Kieler SPD eng verbandelt. Sie macht alles für die SPD. Und die SPD macht auch alles für die Agentur Boy. Der damalige Ministerpräsident Albig hat extra seine Frau verlassen und lebt jetzt mit der Agenturgründerin Frau Bärbel Boy zusammen. Irgendwie hat die ganze Chose ein Gschmäckle. Das Kieler Stadtwappen von 1901 gefiel dem Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) auch nicht mehr, es musste etwas Neues her. Ulf Kämpfer wollte auch, dass Kiel in die Mitte der Stadt einen neuen Kiel Kanal bekommt. Diese kleine Pissrinne soll die Touristen anziehen und Kiel zu einem Venedig des Nordens machen. Ulf Kämpfer ist übrigens der Nachfolger von Frau Gaschke, die über den armen singenden (und Steuern hinterziehenden) Augenarzt stolperte. Kämpfer ist nicht mehr im Amt, er möchte jetzt Ministerpräsident werden.

Schleswig-Holstein war mal im Glücksatlas auf dem ersten Platz, ist aber auf Platz fünf abgerutscht. Aber nach dem norddeutschen Städte Ranking leben die glücklichsten Menschen in Kiel. Was ich nicht so ganz glauben kann, wenn ich an die Vielzahl der Baustellen in der Stadt denke. Ich lebe jetzt seit sechzig Jahren in dem Land, aber ich fühle mich immer noch als Bremer, der hier zu Besuch ist. Bin aber nicht unglücklich. Bin noch im Kontakt mit vielen Bremern. Letztes Jahr Weihnachten hat mir Wolfgang Butt selbstgebackenen Bremer Klaben mitgebracht. 



Donnerstag, 20. August 2026

Wüstlinge


Heute vor 325 Jahren ist Sir Charles Sedley gestorben. Von seiner Dichtung, über die der eglische König einmal sagte Nature had given him a patent to be Apollo's viceroy, ist wenig übrig geblieben. Außer dem immer wieder zitierten Gedicht Phyllis is my only joy, das ich heute auch gerne zitiere, weil es so witzig ist (und ich habe es hier auch noch von den King's Singers gesungen):

                  Phyllis is my only joy,
            Faithless as the winds or seas;
        Sometimes coming, sometimes coy,
             Yet she never fails to please;
                    If with a frown
                   I am cast down,
                   Phyllis smiling,
                    And beguiling,
            Makes me happier than before.

              Though, alas! too late I find
               Nothing can her fancy fix,
              Yet the moment she is kind
               I forgive her all her tricks;
                    Which, though I see,
                       I can't get free;
                       She deceiving,
                         I believing;
         What need lovers wish for more?

Was von Sir Charles, dem fünften Baronet, geblieben ist, ist sein schlechter Ruf, den er sich als Freund von Lord Rochester und Mitglied der Merry Gang erworben hat. Lord Rochester, über den Graham Greene eine Biographie schrieb (Lord Rochesters Affe: Das ausschweifende Leben des genialen Trunkenbolds und Hurenhaus-Poeten), wird hier schon in den Posts der schnellste Weg zur Hölle und Observatorium erwähnt. Wir sind in der Zeit von Charles II, über den sein Freund Rochester dichtete: Restless he rolls about from whore to whore, a Merrie Monarch, scandalous and poor. Wenn Sie den Post the finest Woman of her Age lesen, wissen Sie eine Menge über diese Zeit.

Von den vielen Untaten, die die adligen Wüstlinge der Merry Gang mit besoffenem Kopp begehen, fällt das heraus, was Sir Charles Seedley im Jahre 1663 auf dem Balkon der Kneipe der Oxford Kate in der Bow Streeet inszeniert, splitternackt und hackevoll: showed his nakedness -- acting all the postures of lust and buggery that could be imagined, and abusing of scripture and, as it were, from thence preaching a Mountebanke sermon from that pulpitt, saying that there he hath to sell such a pouder as should make all the cunts in town run after him, -- a thousand people standing underneath to see and hear him. And that being done, he took a glass of wine and washed his prick in it and then drank it off. So können wir es im Tagebuch von Samuel Pepys lesen, der für diese Zeit der beste Zeuge für das Leben in London ist.  

Pepys ist auch bei der Gerichtsverhandlung dabei, die auf diese Orgy folgen wird: It seems my Lord and the rest of the judges did all of them round give him a most high reproof; my Lord Chief justice saying, that it was for him, and such wicked wretches as he was, that God’s anger and judgments hung over us, calling him sirrah many times. It’s said they have bound him to his good behaviour (there being no law against him for it) in 5000 £. It being told that my Lord Buckhurst was there, my Lord asked whether it was that Buckhurst that was lately tried for robbery; and when answered Yes, he asked whether he had so soon forgot his deliverance at that time, and that it would have more become him to have been at his prayers begging God’s forgiveness, than now running into such courses again. Fünftausend Pfund Sterling sind 1663 eine Menge Geld, aber noch schlimmer ist es für Sir Charles, dass ihn der Lord Chief Justice nicht mit Sir sondern mehrfach mit sirrah anredet. Das ist ein herabsetzendes Wort (es kommt schon bei Shakespeare vor), das man als Anrede für die underlings benutzt.

Unser Wüstling Sedley ist noch wegen einer anderen Sache berühmt. Der Kronprinz James hatte sich Sedleys Tochter Catherine (hier von Sir Peter Lely gemalt) als Maitresse genommen, worüber die sich sehr gewundert hatte: It cannot be my beauty for he must see I have none. And it cannot be my wit, for he has not enough to know that I have any. Sie hat eine scharfe Zunge. James gab seiner Maitresse den Titel einer Countess of Dorchester. Die Schmach, dass seine Tochter zur Maitresse des Kronprinzen wurde, hat Sir Charles sehr verletzt. Und er soll gesagt haben: As the king has made my daughter a countess, the least I can do, in common gratitude, is to assist in making his Majesty's daughter a queen. Das wäre nun wirklich sehr witzig, wenn Sir Charles zur Glorious Revolution beigetragen hätte, die James' Tochter Mary zur Königin von England machte. Aber er hatte keinen großen Anteil daran, und so bleibt dieser Satz wohl nur eine geistreiche Erfindung.