Mittwoch, 28. September 2022

Aufhören


Nein, nicht ich. Wir reden heute mal eben über Serien, die einfach nicht aufhören. Nach Hubert und Staller kommt Hubert ohne Staller. Nach dem Filmtod von Detective Inspector Richard Poole hat Death in Paradise jetzt schon den dritten Inspektor. Die hübsche Sara Martins als Sergeant Camille Bordey ist nicht mehr dabei. Élizabeth Bourgine, die schon vor vierzig Jahren in Nestor Burma mitspielte und mit Cours Privé 1986 durch ihre Nacktszenen berühmt wurde, ist aber noch da. Produzenten mögen eine Serie ungern aufgeben. Helden verschwinden von der Bildfläche, aber die Serie bleibt. Der Chief Inspektor Morse kommt als Der junge Inspektor Morse zurück. Der Schmunzelkrimi (eine Wortschöpfung der ARD) Mord mit Aussicht hat auch eine neue Kommissarin. 

Wie viele Maigrets es nach Jean Gabin gegeben hat, möchten wir lieber nicht wissen. Gabin sah so aus wie der Maigret der Romane Simenons. Rowland Atkinson sieht nicht so aus. Der Kommissar Van der Valk ist eigentlich in The Long Silence gestorben, aber jetzt ist er neu wieder da. Der Serientod ist unter Schauspielern gefürchtet, das thematisierte schon 1968 der englische Film The Killing of Sister George. Manchmal sterben Schauspieler wirklich. Die tote Maja Maranow aus Ein starkes Team ist jetzt angeblich in Australien. Totgesagte Serienhelden können auch wieder aufstehen. Wie Bobby Ewing in Dallas, der plötzlich aus der Dusche kommt. Coleridges Satz vom willing suspension of disbelief gilt für alle Serien.

Selten verschwindet der Held wirklich. Ein Held muss bleiben. Ewig. Der berühmte kanadische Literaturwissenschaftler Northrop Frye hat in seinem Buch Anatomy of Criticism die Literaturform der romance so definiert: The essential element of the plot in romance is adventure, which means that romance is naturally a sequential and processional form ... At its most naive it is an endless form in which a central character who never develops or ages goes through one adventure after another until the author himself collapses. We see this form in comic-strips where the central character persists for years in a state of refrigerated deathlessness.

Da fällt uns doch sogleich James Bond ein, wie hat der sich doch in den letzten Jahrzehnten verändert. In Dr No kam er mit den scharfen Anzügen von Anthony Sinclair (lesen Sie mehr in Agentenmode) dem Bond der Romane noch nahe. Die refrigerated deathlessness des Helden lässt ihn weiterleben, aber von der Eleganz ist nichts geblieben, von Ian Flemings Romanen auch nicht. Im Fernsehen gibt es zur Zeit jeden Dienstag bei Nitro James Bond Filme. Und die werden immer wiederholt, manchmal noch am selben Tag. Gestern gab es zwei James Bond Filme hintereinander. Sie haben das mit den Wiederholungen sicher schon bemerkt, dies ist der Sommer der Wiederholungen. 007 sieht jede Woche anders aus. So gut wie Sean Connery in den Klamotten von Anthony Sinclair sieht keiner aus. Roger Moore erst recht nicht.

Wiederholungen, Remakes, Reboots und Sequels. Nicht erst in diesem Sommer. Hollywood hat schon früh damit angefangen, seine Fortsetzungsformate zu wiederholen. Magnum hat keinen Schnurrbart mehr. Auf Peyton Place folgte Peyton Place: The next Generation (mit Dorothy Maloneund so weiter. Englands führender Filmkritiker Philip French hat vor vielen Jahren seinen Artikel And here's one they made earlier im Observer mit einem Dorothy Parker Zitat begonnen, wonach the only -ism Hollywood believes in is plagiarism.

Wir wollen lieber nicht darüber reden, wie schlecht das Fernsehen geworden ist, das ist ein unerschöpfliches Thema. Im völligen Gegensatz zu der Qualität des Fernsehens stehen die Gehälter der Direktoren der Rundfunkanstalten, Tom Buhrow vom WDR bekommt mehr als 400.000 Euro im Jahr. Da wissen wir, wo unsere Fernsehgebühren landen.

Diese Sätze standen hier im Januar dieses Jahres in dem Post Verliebt in scharfe Kurven. Damals kannte ich Patricia Schlesinger noch nicht und wusste nicht, was ihr Dienstwagen gekostet hat. Was mich allerdings wundert, ist die Tatsache, dass der Post aus dem Januar immer noch gelesen wird. Ist beharrlich in den letzten Wochen in den Top Ten. Ist es der Titel des Posts, der die Leser anzieht? Klicken Sie den Post wegen Jean-Louis Trintignant oder der vielen schönen Frauen an? Oder weil Catherine Spaak vor wenigen Monaten gestorben ist? Jetzt sind beinahe alle Darsteller aus dem Film tot. Der Film ist sechzig Jahre alt, aber er ist heute noch frischer und jünger als vieles, das heute produziert wird. Einschließlich der Remakes, Reboots und Sequels. Er wird auch selten wiederholt, aber hier bei mir können Sie Il Sorpasso sehen. Ist bestimmt besser, als das Fernsehprogramm heute Abend.

Samstag, 24. September 2022

Unordnung


Ich schreibe gerade über Johann Sebastian Bach. Weil es von Klára Würtz eine neue Aufnahme der Goldberg Variationen gibt. Und weil Ragna Schirmer mit den Goldberg Variationen durch den Lockdown gekommen ist. Und weil ich eine ganz seltsame Aufnahme von Risto Lauriala gekauft habe. Es liegt natürlich nahe, über Bach zu schreiben, weil ich für den Post über Dinu Lipatti die ganze Zeit Bach gehört habe. Ich höre immer Musik beim Schreiben, das habe ich schon als Teenager getan, seit ich von meinen Eltern den Schneewittchensarg von Braun geschenkt bekam. Ich brauche diese Musik im Hintergrund. Leslie Fiedler konnte nur arbeiten, wenn in jedem Zimmer ein Fernseher lief und irgendwo noch ein lautes Radio plärrte. Glenn Gould konnte sich am besten auf Mozart konzentrieren, wenn ein Staubsauger angeschaltet war. Obgleich ich mich weder mit Glenn Gould noch mit Leslie Fiedler vergleichen will, habe ich auch diese unterschiedliche Lärmbeschallung als akustische Abschirmung adaptiert, wenn ich arbeite. Es hilft mir allerdings auch, meinen Tinnitus zu übertönen, den ich seit der lädierten Halswirbelsäule aus einem Bundeswehrmanöver habe.

Wo sich die Goldberg Variationen von Bach befinden, das weiß ich, die finde ich mit einem Griff. Die Bach CDs haben inzwischen eine Höhe von einem Meter dreißig angenommen. Bei anderen CDs herrscht nicht diese schöne Ordnung, es sind einfach viel zu viele CDs.Vor allem, weil mein Hinterhofhöker immer diese Angebote für einen Euro hatte. Ich durchstöberte das CD Angebot bei ebay auf der Suche nach mir unbekannten Goldberg Variationen, blieb aber bei dieser CD hängen: Patrick Cohen mit zwei Klavierkonzerten von Mozart für drei Euro. Hatte ich die schon? Ich habe ziemlich viel von Patrick Cohen, er war schon zweimal in diesem Blog; in den Posts Haydn: Klaviersonaten und Mozarts Klaviersonaten steht einiges über ihn. Ich weiß, wo bei mir der Mozart steht, ich weiß auch, wo Patrick Cohen ist. Soviel Ordnung ist doch in meinem System. Neben Mozart steht im Regal viel Beethoven, alles in Kassetten.

Und da war eine Kassette, die ich nicht kannte: alle Aufnahmen von Günter Wand mit dem NDR Sinfonieorchester. Aber diese Kassette besaß ich doch gar nicht; ich habe zwar eine Menge von Wand, aber die CDs habe ich von meinem Freund Lutz. Der schwärmt von dem Dirigenten und hat ihn häufig in Hamburg gesehen. Doch was war in diesem Karton? Pickepackevoll mit CDs, aber kein Beethoven. Als ich die ersten herausgezogen hatte, schob ich sie vorsichtig wieder zurück und ging in die Küche und schenkte mir einen kleinen Whisky ein. Die Kassette war voll mit den Jazz CDs, die ich seit einem Jahr verzweifelt suche.

Die CDs sind etwas Besonderes, ich habe sie schon in dem Post CD Player erwähnt. Sie stammen aus der Radiosendung Round Midnight, die der Achim mal mitternachts bei einem bayrischen Privatsender hatte. Und die er mir netterweise kopiert hat. Erstklassiger Jazz! Der dottore in giurisprudenza hat früher auch mal gelegentlich das Streiflicht für die Süddeutsche geschrieben. Jetzt ist er Blogger. So enden wir alle. Die CDs waren jahrelang in einem unscheinbaren grauen Karton, aber dann fand ich diesen schönen Günter Wand Karton und gönnte den Jazz CDs ein neues Zuhause. Was ein elementarer Fehler war. Bei der nächsten Aufräumaktion landeten sie dann bei Beethoven, weil das auf dem Kasten stand. Und Beethoven hat mit Jazz wenig zu tun. Bach schon eher. Aber das wussten wir schon, bevor Jacques Loussier ihn spielte.

Die oben erwähnte Patrick Cohen CD hatte ich noch nicht, jetzt besitze ich sie. Ich weiß noch nicht, ob ich sie in den CD Player schieben soll. Aber wenn Sie sie hören wollen, dann habe ich die Klavierkonzerte natürlich für Sie. Eigentlich wollte ich jetzt wochenlang die Round Midnight CDs vom Achim hören, aber den Post über Bach schreibe ich natürlich. Irgendwann. Wenn Sie alles über die Aria mit verschiedenen Verænderungen vors Clavizimbal mit 2 Manualen Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertiget wissen wollen, dann lesen Sie nicht den Wikipedia Artikel. Lesen Sie unbedingt diese Seite. Bachs Komposition war schon häufig in diesem Blog. Das letzte Mal vor einem Jahr in dem Post Kraut und Rüben, ein Post der viele Leser hatte. Die Pianistin Marie Rosa Günter, die ich da erwähnt habe, hat mir sogar eine E-Mail geschrieben. Das war sehr nett.

Donnerstag, 22. September 2022

war nicht nötig, aber


Es war wirklich nicht nötig, ist aber doch sehr nett. Ich entdeckte dieses Lorenzini Hemd bei ebay. Sofortkauf für zehn Euro. Würde es passen? Ich bat den Händler, doch einmal die Brustweite anzugeben. Das tat er, das Hemd war nach seinen Maßen leider eine Spur zu klein. Ich bedankte mich bei dem Händler, das wollte ich lieber nicht riskieren. Ich fügte meiner Mail einen Link zu dem Lorenzini Post bei. Bekam wenig später eine Mail, in der stand: Schade! Wenn ich im Preis etwas entgegenkommen würde - könnte das zum Kauf animieren? Hemd ist nicht zu schlank geschnitten ... Der neue Preis war sechs Euro. Ich nahm das Hemd. Früher hatte ich viele Lorenzini Hemden, die Kelly mir verkauft hatte; jetzt war nur noch eins im Schrank, weiß mit Tattersall Karo. Kaum getragen, da ein wenig zu eng.

Das Hemd für sechs Euro ist ein qualitativ erstklassiges Hemd. Mit einem kleinen Manko: ein Knopf war ab, lag aber bei. Ansonsten war es so gut wie neu. Und es war größer, als der Verkäufer gemessen hatte, es passt perfekt. Der Knopf war schnell angenäht, Knöpfe anzunähen und Hemden zu bügeln, hat mir meine Oma beigebracht. Die Oma, die mir ein blau-weiß gestreiftes Hemd genäht hat, als niemand so etwas hatte. Das Erstaunliche bei dem Hemd ist: es hat eine geteilte Schulterpasse. So etwas habe ich an einem Lorenzini Hemd noch nie gesehen. Bei den Ralph Lauren Purple Label Hemden, die sie herstellten, gab es die geteilte Schulterpasse beinahe immer. Vielleicht sollte dies ja ein Ralph Lauren Purple Label Hemd sein, und eine Näherin, die vor der Entlassung stand, hat trotzig das Lorenzini Label hineingenäht.

Im Jahre 2017 schrieb die Firma Lorenzini auf ihrer Homepage: Lorenzini shirts have a distinct timelessness, and are renowned for their subtle elegance, as well as their unique and sophisticated details. Und sie kündigten an, dass sie ab 2018 wieder in den Läden sein würden. Es steht kein Wort darüber darin, dass sie im Dezember 2011 mit den Gewerkschaften über einen außerordentlichen Abfindungsfond verhandelten, der Anfang 2012 in Kraft treten sollte. Angeblich sind sie jetzt im Internetgeschäft, aber im Internet kann man viel lügen. Ich glaube, dieses  Lorenzini Hemd winkt uns zum Abschied zu. Tschüss, Lorenzini.

Mit Made in Italy: Lorenzini hat eine kleine Reihe zu italienischen Hemden begonnen, die irgendwann fortgeführt wird. Wann, weiß ich noch nicht. Lilian Fock wurde schon mal erwähnt. Borrelli und Guy Rover gab es ja schon, aber Luciano Barbera, Etro, Truzzi und Fray und wie sie alle heißen, die kommen noch. 

Freitag, 16. September 2022

Besançon, 16. September 1950

Am 16. September 1950 hat der Pianist Dinu Lipatti sein letztes Konzert in Besançon gegeben. Er war todkrank und musste das Konzert vorzeitig abbrechen. Aber er kam noch einmal zurück auf die Bühne und spielte zum Schluß noch die Klavierbearbeitung von Johann Sebastian Bachs Kantate Jesus bleibet meine Freude. Diese Bearbeitung hatte die Engländerin Myra Hess 1926 geschrieben, sie hatte damit ihr erstes Konzert im Oktober 1939 beendet, wo sie trotz der Bombenwarnungen in der National Gallery auftrat. Mehr als 750.000 Menschen haben während des Krieges ihre Konzerte gehört. 1941 hat sie Elizabeths Vater wegen ihrer Verdienste als Dame Commander of the Order of the British Empire geadelt.

Der junge Dinu Lipatti hatte die Bearbeitung von Myra Hess bei seinem ersten öffentlichen Auftritt gespielt. Er war damals achtzehn, sein Lehrer, der Komponist Paul Dukas, war wenige Tage zuvor gestorben. So eint Johann Sebastian Bach Anfang und Ende von Lipatis Karriere:

Jesus bleibet meine Freude,
Meines Herzens Trost und Saft,
Jesus wehret allem Leide,
Er ist meines Lebens Kraft,
Meiner Augen Lust und Sonne,
Meiner Seele Schatz und Wonne;
Darum lass ich Jesum nicht
Aus dem Herzen und Gesicht.


Dinu Lipatti hat in Besançon auf einem Flügel der Firma Bechstein gespielt, es war die Marke, die er bevorzugte. Viele Musiker schworen auf Bechstein, schon Claude Debussy hatte gesagt: Man sollte Klaviermusik nur für Bechstein schreiben. Das Zitat habe ich aus dem Buch Klavierwelten: Faszination eines Instruments, das ich letztens für einen Euro im Grabbelkasten fand. War auch noch eine CD dabei, wo Jorge Bolet Liszt spielt. Das ist sicher passend, da Liszt auch für Bechstein schwärmte und sich 1860 seinen ersten Bechstein Flügel kaufte. Jorge Bolet hat häufig einen Bechstein Flügel benutzt, er mochte Steinway nicht. Man kann Bolet auch in dem Film Song Without End: The Story of Franz Liszt (wo Dirk Bogarde Franz Liszt spielt) hören. Dirk Bogarde hatte extra für den Film Franz Liszt einstudiert, aber das Studio ging auf sicher und ersetzte die von ihm gespielten Passagen durch Jorge Bolet. Eigentlich schade, wann gibt es schon mal einen Schauspieler, der Franz Liszt spielen kann?

Sie können Lipattis letztes Konzert hier hören, aber Bachs Jesus bleibet meine Freude fehlt leider auf diesem Mitschnitt. Ich habe hier eine Studioaufnahme von 1947. Walter Legge, der Ehemann von Elisabeth Schwarzkopf, hatte den in die Schweiz emigrierten Lipatti 1946 für EMI unter Vertrag genommen. Nach Lipattis Tod hat er gesagt: Gott lieh der Welt Sein erwähltes Instrument, das wir für einen viel zu kurzen Zeitraum Dinu Lipatti nannten. Karajan bewunderte Lipati: Es war nicht mehr Klavierspiel, es war Musik, losgelöst von jeder Erdenschwere, Musik in ihrer reinsten Form, in einer Harmonie, wie sie nur jemand geben kann, der schon nicht mehr ganz unter uns weilte.

Das letzte Wort zu seiner Kunst gebe ich einmal Mark AinleyLipatti's pianism is remarkable in how it expresses profound truth with utter simplicity, and is characterized by the crystalline clarity with which both structure and character are revealed. His interpretations go beyond the limited framework of the piano with his flawless command of pianistic technique - not simply digital accuracy but purity of tone regardless of the dynamics (his range was enormous), crisp precision of articulation, accenting without distortion of the melodic line, steadiness of rhythmic pulse, clarity of texture in voicing, and subtlety and timing of pedaling. That melodic lines are so deftly sculpted and presented in such stark relief is due to his ability to vary the attack used by different fingers, even within the same hand. The voicing of all lines is thus thoroughly consistent, and inner voices do not distract from the main subject; each line becomes an individual voice with its own unique timbre, together forming a choir of interdependent entities, each weaving its pattern in a tapestry of exquisite complexity.
       His playing is immaculate - the balance, timing, and significance of every phrase, nuance, and harmonic progression has been considered and mastered, yet his performances exhibit warmth and passion and are free of the air of academic over-analysis. He presents each work under his fingers with such disarming simplicity that the music seems to be speaking freely through him, as though he were a receiver through which the composer’s intended message (of which the text is but a shadow) were being transmitted from the source of its inspiration – hence one French critic's comment that he "heard Chopin himself interpreting his Sonata in B minor". This does not mean that he was a literalist, however, and examples abound of changes he made to the text. He spoke, however, of the greater importance of the "Ur-spirit" as opposed to the Urtext, often telling his students that "if you are well brought-up, you can put your feet on the table and not offend anyone."


Dino Lipatti wird in diesem Blog nicht zum ersten Mal erwähnt, Sie könnten auch noch diese Posts anklicken: Myra HessBach: PartitasMozarts KlaviersonatenClaudio Arrau. Der heutige Text stand hier schon einmal in desem Blog, aber man kann ihn noch einmal lesen. Und die Bearbeitung von Myra Hess von Bachs Jesus bleibet meine Freude kann man immer wieder hören, selbst wenn ✺ Lang Lang das spielt. Oder Asiya Korepanova, die es nur im Internetzu geben scheint.

Mittwoch, 14. September 2022

dear Lilibet, goodbye

Nun ist sie in London angekommen, der vorerst letzten Station ihrer Reise durch ihr Reich; das Land hat gezeigt, was pomp and circumstance bedeutet. Abraham Lincoln hat man nach seinem Tod durch halb Amerika zu seinem Heimatort gefahren. Walt Whitman hat das in When lilacs last in the dooryard bloom'd bedichtet:

When lilacs last in the dooryard bloom’d,
And the great star early droop’d in the western sky in the night,
I mourn’d, and yet shall mourn with ever-returning spring.
Ever-returning spring, trinity sure to me you bring,
Lilac blooming perennial and drooping star in the west, 
And thought of him I love.

Was bleibet aber, stiften die Dichter. Der Hofdichter Simon Armitage hat gestern ein Gedicht zum Tod der Königin veröffentlicht, es sind - wie bei Walt Whitman - Blumen in seinem Gedicht, das Floral Tribute heißt.

Evening will come, however determined the late afternoon,
Limes and oaks in their last green flush, pearled in September mist.
I have conjured a lily to light these hours, a token of thanks,
Zones and auras of soft glare framing the brilliant globes.
A promise made and kept for life – that was your gift –
Because of which, here is a gift in return, glovewort to some,
Each shining bonnet guarded by stern lance-like leaves.
The country loaded its whole self into your slender hands,
Hands that can rest, now, relieved of a century’s weight.

Evening has come. Rain on the black lochs and dark Munros.
Lily of the Valley, a namesake almost, a favourite flower
Interlaced with your famous bouquets, the restrained
Zeal and forceful grace of its lanterns, each inflorescence
A silent bell disguising a singular voice. A blurred new day
Breaks uncrowned on remote peaks and public parks, and
Everything turns on these luminous petals and deep roots,
This lily that thrives between spire and tree, whose brightness
Holds and glows beyond the life and border of its bloom.


Das Internet ist voll von Gedichten auf die Königin, ich habe eins gefunden, das mir gefällt. Es ist von Susan Jarvis Bryant, einer Frau aus Kent, die nach Texas geheiratet hat, aber im Herzen in England geblieben ist. Es ist ein Sonett, das For My Queen heißt:

My symbol of nobility, stability and grace,
Who reigned and never ruled: my constant caring face
On TV screen, on stamps, in scenes of history’s changing view,
Has slipped away this solemn day—her time to bid adieu.

The only monarch I have loved, the only queen I’ve known
(This stalwart soul my heart embraced as family of my own)
Has left the throne for greater realms beyond the fuss and fray.
She’s left me with a wealth of wondrous memories at play.

So on this day, I’d like to say—dear Lilibet, goodbye.
My one and only gracious Queen, please hear my grateful cry—
You shone with poise and dignity and honour and respect
In times when truth had lost its way and hope was all but wrecked…

By those who never saw the light in eyes that blazed as bright
As anthems sung in notes that rose like Windsor swans in flight
.

Freitag, 9. September 2022

Queen Elizabeth ✝


Die neue Premierministerin hat die Königin noch ernannt, Boris Johnson den Hosenbandorden zu verleihen, ist ihr erspart geblieben. Vielleicht verleiht der König Charles dem Boris den Orden auch nicht, honi soit qui mal y pense. In siebzig Jahren auf dem Thron hat Elizabeth Premierminister kommen und gehen sehen. Als sie einsam und alleine ihren Ehemann betrauerte, war ihr Premierminister Boris Johnson bei irgendeiner Party. Die deutsche Außenministerin twitterte nach dem Tod von Elizabeth: Wir trauern mit unseren britischen Freund*innen um Queen Elizabeth II. Sie war für ihr Land fast 100 Jahre lang Quelle der Stärke und Zuversicht. Deutschland bleibt ihr ewig dankbar, dass sie uns nach dem Terror des Zweiten Weltkriegs die Hand zur Versöhnung gereicht hat. Das mit desem albernen Gendersternchen musste wohl sein. 

Das englische Königshaus hat seit Jahren auch einen Twitter Account. Da schrieb gestern der neue König: The death of my beloved Mother, Her Majesty The Queen, is a moment of the greatest sadness for me and all members of my family. We mourn profoundly the passing of a cherished Sovereign and a much-loved Mother. I know her loss will be deeply felt throughout the country, the Realms and the Commonwealth, and by countless people around the world. During this period of mourning and change, my family and I will be comforted and sustained by our knowledge of the respect and deep affection in which The Queen was so widely held.

Der Hofdichter Simon Armitage hat im Juni des Jahres ein Gedicht zum Platinum Jubilee der Queen veröffentlicht, das den Ttel Queenhood hat. Es findet sich auf der Seite des Königshauses. Ich glaube, es ist ein Gedicht, das heute hier stehen sollte:

I

An old-fashioned word, coined in a bygone world. 
It is a taking hold and a letting go,
girlhood left behind like a favourite toy, 
irreversible step over invisible brink.
A new frock will be made, which is a country 
hemmed with the white lace of its shores, 
and here is a vast garden of weald and wold, 
mountain and fell, lake, loch, cwm.
It is constancy and it is change:
the age of clockwork morphs into digital days, 
but the song of the blackbird remains the same.

II

Queenhood: a long winding procession
from the abbey door to the abbey door.
Queenhood: vows taken among bibles and blades, 
beneath braided banners and heralding horns;
the anointment of hand, breast, head, with oil
of cinnamon, orange, musk and rose; promises
sworn in secret under tented gold
so daylight won’t frighten the magic away,
too sacred by far for the camera to see.
It is an undressing first then a dressing up,
a shedding of plain white cloth then the putting on
of a linen gown and the supertunica – dazzling gold foil 
lined with crimson silk. Man will walk
on the moon, great elms will fail and fall.
But a knife’s still a knife. A fork’s still a fork.

III

So the emblems and signs of royalty are produced: 
the gilded spurs; the blued steel sword – like a sliver 
of deep space drawn from the scabbard of night –
to punish and protect; bracelets to each wrist, 
sincerity and wisdom – both armour and bond.
Love is still love is still love, and war is war.

IV

And indestructible towers will atomise in a blink.
The God particle will be flushed from its hiding place. 
The sound barrier will twang with passenger planes. 
Civilisation will graft its collected thoughts
onto silicon wafers, laureates will pass through court . . . 
But Taurus, the bull, on its heavenly tour,
will breach the same horizon at the given hour.

V

Queenhood: it is the skies, it is also the soil
of the land. It is life behind glass walls
and fortified stones. Robe and stole are lifted
onto your shoulders – both shield and yoke. 
Motherhood and womanhood will be taken as read. 
‘Multitasking’ will be canonised as a new word.

VI

It is an honouring, but also an honour.
In the flare and blur of an old film
ghostly knights and chess-piece bishops deliver
the unearthly orb, with its pearled equator
and polished realms, into your open palm;
and pass you the sceptre and rod of mercy
and justice, one bearing the cross, one plumed
with a white dove; and load your fourth finger
with a ring that makes you the nation’s bride;
and offer the white kid glove with its scrollwork tattoo 
of thistles and shamrocks, oak leaves and acorns;
then finally furnish your head with the crown – 
jewelled with history, dense with glory –
both owned and loaned at the same time.

Do those burnished relics still hold
the fingerprints of a twenty-seven-year-old?

VII

A priceless freight for a young woman to bear, 
but, draped and adorned, a monarch walks forward 
into the sideways weather of oncoming years.
And the heavy cargoes of church and state
lighten with each step, syrupy old gold
transmuted to platinum, alchemy redefined. 
Queenhood: it is law and lore, the dream life
and the documentary, a truthful fantasy.
For generations we will not know such majesty.

I declare before you all that my whole life, whether it be long or short, shall be devoted to your service and the service of our great Imperial family to which we all belong, hat sie mit einundzwanzig Jahren in Südafrika gesagt. Ein Journalist hatte ihr die Rede für die Rundfunkansprache an das Commonwealth geschrieben. Sie hat alles wahr gemacht, was sie gesagt hat. Und hat ihr ganzes Leben mit Stil und Würde dem Commonwalth gewidmet, obgleich das Commonwealth kleiner geworden ist in dieser langen Zeit. Als sie 1947 heiratete, schrieb der damalige Hofdichter John Masefield

To those dear lands, still calling Britain 'Home',
The Crown is still the link with Britain's past,
The consecrated thing that must outlast
Folly and hate and other human foam.

To those, as to ourselves, this marriage-time
Summons all hearts from their accustomed ways
To pray that hidden strengths, supreme, sublime,
May from their glory bless this couple's days.

To pray, that She, our future Queen, may hear
Through many happy years, the bells rejoice,
Telling of People glad, a Sovereign dear,
A Land restored, a Purpose again clear,
With wind-delighting clamour of glad voice.


Die Hoffnung, die der Dichter, und vielleicht auch ganz England, zwei Jahre nach dem Krieg in die zukünftige Königin setzte, ist wahr geworden.

Ich bin natürlich Royalist, das wissen Sie. Rolf Seelmann-Eggebert, der früher notorisch über die Queen berichtete, hat gesagt, dass er kein Royalist sei. Die ARD hat aber trotzdem noch eine ✺ Sendung von ihm hervorgekramt. Nein, ich bin Royalist, seit mir König Frederik von Dänemark die Hand geschüttelt hat. Die Königin Elizabeth habe ich 1958 in Amsterdam und 1965 in Hamburg gesehen, mit Philip war ich einmal in einem Raum und bewunderte seine weinroten Schuhe, die dieselbe Farbe hatten, wie der royale Daimler vor dem Haus. Wenn Sie noch mehr von der königlichen Familie wissen wollen, dann kann ich folgende Posts anbieten: Prince Philip ✝, Eiserne Hochzeit, Queen, Besucher, Hofdichter: Gott schütze die Königin, Morning Coat, Lisbeth, Queen, Teckel & Corgwn, Honi Soit, Royal Wedding, Theodor Heuss

Mittwoch, 7. September 2022

Kopenhagen


Ich bleibe mal eben bei dem Thema des Posts Caroline Mathilde, weil hier heute zwei Dinge daraus wieder aufscheinen. Das eine ist der Ort Rotenburg, das andere ist der Sohn von Caroline. Rotenburg, damals zum Kurfürstentum Hannover gehörend, spielt eine Rolle, weil der Herr in der roten Uniformjacke auf dem Bild im nächsten Absatz dort geboren wurde. Und der Sohn von Caroline ist jetzt Kronprinz und regiert an Stelle seines kranken Vaters Dänemark.

Der Herr in Blau ist ein Admiral, das können wir uns denken; er heißt Steen Anders Bille, sein Vater war schon Admiral, sein Sohn wird auch Admiral werden. Der Herr mit der roten Uniformjacke verabschiedet den Admiral gerade, er soll mit seinen Schaluppen gegen die Royal Navy kämpfen. Wir sind im August 1807, einen Monat später ist alles vorbei. Der Herr mit der roten Uniformjacke heißt Heinrich Ernst von Peymann, er ist ein dänischer General. Seit 1801 Träger des Großkreuzes des Danebrog Ordens. Eigentlich ist er im Rentenalter, er ist zweiundsiebzig Jahre alt, hat ein wenig Übergewicht und hat Schwierigkeiten, auf ein Pferd zu steigen. Jetzt soll er Kopenhagen gegen die Engländer verteidigen. 

Eine Woche, bevor er den Admiral Bille am Toldboden Zollhaus verabschiedet, hatte er vom Kronprinzen einen Brief bekommen: Meine Pflichten rufen mich zur Armee, wo meine Gegenwart nothwendiger ist als hier, allwo es Männer giebt wie Sie, in welche ich das größte Vertrauen seße. Sie übernehmen daher das ganze Commando der Land- und Seedefension und treffen alle Vorkehrungen, die Sie als nöthig ansehen. Alles, sowohl der Civiletat, als das Militär, gehorcht Ihnen. Sie werden diesen Befehl der Admiralität, dem Magistrate und der Kanzlei mittheilen. Daß Sie sich bis auf's Aeußerste vertheidigen, versteht sich von selbst, weshalb es unnöthig ist, dies erst einem so kühnen Soldaten zu befehlen. 

Der Kronprinz läßt in ganz Kopenhagen Plakate anschlagen: Mitbürger, nachdem ich Alles dergestalt angeordnet habe, wie es Zeit und Umstände gebieten, eile ich zur Armee, um mit derselben sobald als möglich zum Wohle meiner lieben Landsleute mitzuwirken, wenn nicht bald Umstände eintreten, die Alles nach meinem Wunsche auf eine ehrenvolle Weise beendigen. Und schon ist er weg, ist schon am nächsten Tag in Kiel. Die Kopenhagener hatten gehofft, er würde bleiben. Man kann das auch eine Flucht nennen.

Zwei Jahre später wird Peymann von einem Kriegsgericht verurteilt: Der General-Major Heinrich Ernst Peymann hat die Ehre und das Leben verwirkt, und seine Güter sind der Confiscation verfallen. Im dänischen Urteil heißt es: bör have Aere og Liv forbrudt og hans Gods vare confiskeret. Noch zwei andere dänische Generäle erhalten dieses Urteil, aber die Hinrichtungen werden nicht vollstreckt. Der König gewährt den Offizieren eine Begnadigung, eine Entlassung ohne Pension und mit dem Verbot, die Zitadelle Frederikshavn  zu verlassen. Der Generalmajor Peymann darf seine schöne rote Uniform und seine Orden nicht mehr tragen.

Es ist ein neuer König, den Dänemark jetzt hat. Seit Vater war 1808 in Rendsburg gestorben (wir kennen den geisteskranken König aus dem Post Caroline Mathilde), aber bei dem Angriff der Engländer auf Kopenhagen hatte der liberale Regent schon die Regierungsgeschäfte in der Hand. Als er König wird, verlangt er den Prozess gegen seine Generäle und Obristen. Und begnadigt sie hinterher. Als Dänemark nach dem verlorenem Krieg gegen England, dem Staatsbankrott von 1813 und dem Kieler Frieden darnieder liegt, beschließt der König, den Haushalt für Kunst und Bildung zu erhöhen. Seine Minister protestierten, aber der König sagt: Arm und elend sind wir sowieso. Wenn wir jetzt auch noch dumm werden, können wir aufhören, ein Staat zu sein. Sieben Jahre nach der Bombardierung Kopenhagens wird er in Dänemark per Gesetz die allgemeine Schulpflicht vom siebten Lebensjahr bis zur Konfirmation einführen. Der Besuch der Schule kostet nichts, das wird nach dem Willen des Königs aus Steuermitteln finanziert. 

Frederick war vier Jahre alt, als man Struensee hinrichtete, jenen Mann, der aus Dänemark ein Musterland der Aufklärung gemacht hatte. Vielleicht war er sogar dafür dankbar, dass der Dr Struensee, gerade zum Grafen ernannt, aus seinem Leben verschwand. Denn die ersten Jahre seines Lebens mussten bizarr gewesen sein. Johann Friedrich Struensee, der nicht nur Dänemark regierte, hatte auch die Erziehung von Frederik übernommen. Nach dem Geiste der Schriften von Rousseau, respektive seines Émile. Dieses Buch eines Autors, der seine Kinder im Findelhaus abgab, gilt ja manchen als eine Bibel der Pädagogik. Unglücklicherweise liest der Dr Struensee aus dem Émile Dinge heraus, die bei Rousseau wohl nicht drin stehen. Das Erstaunliche ist immer wieder, dass Kinder solchen pädagogischen Unsinn überstehen. Schlechte Lehrer sind auch eine gute Schule.

Der General Heinrich Ernst von Peymann hat am 7. September 1807 kapituliert, hat die Stadt und die Flotte übergeben. Was sollte er tun? Er befehligt fünftausend Soldaten, die Engländer haben mehr als dreißigtausend. Die  waren jetzt überall. Im Norden waren sie in Svannemølle gelandet, im Süden kam der General Wellesley aus Köge. Wie kennen diesen Arthur Wellesley besser unter dem Namen Duke of Wellington. Das Pferd, das er in der Schlacht von Waterloo reitet, heißt im übrigen Copenhagen. Die Festung Kopenhagen wurde seit Mitte August von den Engländern belagert; am 2. September hatte die englische Flotte begonnen, Kopenhagen in Brand zu schießen, wobei sie diese Congreve rockets verwendet, die hier schon einen Post haben. Es ist das erste Mal in Europa, dass in einem Krieg solche Brandraketen verwendet werden. Peymann klagt: Die Engländer warfen eine Art Raketen, die sonst von policirten Nationen nicht verwandt werden. Das Adjektiv policirt bedeutet im 18. Jahrhundert: gebildet, gesittet, civilisiert. Der Maler Christoffer Eckersberg hat das Chaos in zahlreichen Bildern festgehalten. Ein Drittel von Kopenhagen liegt am Ende der Woche in Schutt und Asche, tausende von Bewohnern sind verletzt oder tot. 

 Am 3. September, als der Tag kam, hörte das Schießen auf; und der Engländer fragte, ob sie noch nicht wollten gewonnen geben. Der Kommandant von Kopenhagen sagte: »Nein.« Da fing das Schießen nachmittags um 4 Uhr von neuem an, und dauerte bis den 4. September mittags fort, ohne Unterlaß und ohne Barmherzigkeit. Und als der Kommandant noch nicht wollte ja sagen, fing abends das Feuer wieder an, und dauerte die ganze Nacht bis den 5. des Mittags. Da lagen mehr als 300 schöne Häuser in der Asche; ganze Kirchtürme waren eingestürzt, und noch überall wütete die Flamme. Mehr als 800 Bürger waren schon getötet und mehrere schwer verwundet. Ganz Kopenhagen sah hier einer Brandstätte, oder einem Steinhaufen, da einem Lazarett, und dort einem Schlachtfeld gleich. Als endlich der Kommandant von Kopenhagen nirgends mehr Rettung noch Hülfe, und überall nur Untergang und Verderben sah, hat er am 7. September kapituliert, und der Kronprinz hat's nicht einmal gelobt. So steht es bei Johann Peter Hebel, der aber ein unzuverlässiger Berichterstatter ist: Sir William Congreve ist keineswegs beim Rückzug der Royal Navy ertrunken.

Dieses Bild von Christian August Lorentzen zeigt den Kongens Nytorv in der Nacht vom 4. zum 5. September 1807. Irgendwo auf dem Bild kann auch der General Peymann sein, den man nach seiner Verwundung in ein Bett des Hotel d'Angleterre gebracht hat. Das ist nun ein klein wenig ironisch, dass ein Hotel mit diesem Namen das Hauptquartier des dänischen Generals im Kampf gegen die Engländer wird. 

Die englische Sprache wird nach dem Bombardement ein neues Verb bekommen, to copenhagen, womit man die Vernichtung einer wehrlosen Flotte im Hafen meint. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg hatte der englische Admiral Sir John Fisher die Idee to copenhagen the German fleet, womit er einen Überfall auf Wilhelmshaven meinte. Es ist glücklicherweise nicht dazu gekommen. Dänemark war in dem napoleonischen Krieg neutral, der illegale Angriff der Engländer kann völkerrechtlich als nichts anderes als ein Terrorangriff bezeichnet werden.

Die englische Flotte wurde von James Gambier befehligt. Zwei englische Admiräle, Admiral William Young und Vice-Admiral Sir Charles Cotton, hatten zuvor das Kommando aus moralischen Gründen abgelehnt, sie hielten den Angriff auf Dänemark für nicht legal. Gambier kümmert das wenig. Wenn er nach London zurückkehrt, empfängt er den Dank des Parlaments, wird zum Lord ernannt und bringt Prisengelder im Wert von 150.000 Pfund Sterling mit. Ich weiß nicht, ob der Kriegsgewinnler gut schlafen kann, wenn er an die Toten von Kopenhagen denkt.

Nicht alle in England werden von dem Raubzug auf ein neutrales Land begeistert sein. Lord Erskine wird sagen: If hell did not exist before, Providence would create it now to punish ministers for that damnable measure. Im Oktober 1807 erscheint bei Thomas Tegg in London der Cartoon John Bull embracing the Pie-man, or a Friendly Visit to Zeland, der alles in einem Bild unterbringt. Die Kanonenkugeln, die auf die brennende Stadt fliegen, tragen die Namen Necessity, Kindness, Esteem und Humanity. Regierung und Parlament versuchen sich mit dem Vorwand zu rechtfertigen: man habe Beweise, dass Napoleon die dänische Flotte habe entführen wollen, um sie gegen England einzusetzen. Dem hätte man zuvorkommen müssen. Weshalb man dafür Kopenhagen in Brand schießen und die Zivilbevölkerung angreifen musste, wird nicht erklärt. Im Jahre 1801 hatte die englische Flotte Kopenhagen schon einmal mit dem gleichen Vorwand eine friendly visit abgestattet. Die Seeschlacht von Kopenhagen machte Horatio Nelson zum Helden, damals verzichteten die Engländer allerdings darauf Kopenhagen niederzubrennen. Dies ist das Schicksal von Dänemark, und die Freunde der Engländer sagen: es sei nicht so schlimm gemeint gewesen. Andre aber sagen: es hätte nicht können schlimmer sein, und die Dänen meinen's auch, heißt es bei Johann Peter Hebel.

Dänische Historiker sagen, dass Friedrich VI mit solcher Strenge gegen Peymann vorgegangen sei, weil er sich vor Napoleon fürchtete. Nach dem Sturz Napoleons wurde Peymann vollständig begnadigt, erhielt seine eingezogenen Besitzungen zurück und bekam eine Pension. Und er bekam die Erlaubnis, seine Uniform und seine Orden wieder zu tragen. Peymann verließ Flensburg, wo er zwischenzeitlich gewohnt hatte und zog zu seinem Bruder, der als dänischer Generallieutenant in Rendsburg stationiert war. Die beiden Brüder sind in der alten Garnisonskirche begraben. An der Wand der Kirche findet sich heute immer noch eine Gedenktafel für sie.

Heinrich Ernst von Peymann hatte nie eine Truppe befehligt. Er war Architekt, er baute Festungsanlagen, Straßen und Kasernen. Der Marquis de Vauban war sein großes Vorbild. Festungsanlagen sind eine große Sache im 18. Jahrhundert, das wissen wir aus Laurence Sternes Roman Tristram Shandy. Aber der Krieg hat neue Formen angenommen, die Zeiten des Kabinettskrieges sind vorbei. Als in der dänischen Armee ein Ingenieurkorps gegründet wurde, stieg Peymann darin auf. Weshalb er 1795 zum Generalmajor der Infanterie ernannt wurde, weiß ich nicht, bei der Infanterie war er nie. Peymann hat seine Rolle in der Geschichte gehabt, er hat versagt. Aber jeder hätte versagt, niemand hätte Kopenhagen und die Flotte retten können. Das hat der Köng Frederik eingesehen, als er seinen General rehabilitierte und ihm alles zurückgab, was ihm genommen worden war.