Sonntag, 14. Oktober 2018

Pfauen


Heute ist die Frankfurter Buchmesse für jedermann geöffnet, dann ist wieder alles vorbei. Die Leute kaufen weniger Bücher, das kennen wir schon. Es können auch immer weniger lesen, wissen wir auch schon. Vielleicht ist es an der Zeit, einmal ein Buch zu empfehlen, dass jedermann lesen kann. Jede Frau auch. Ist keine Weltliteratur, ist aber sehr vergnüglich. Die Hauptrolle in dem Roman spielt ein Pfau, der auch den Titel für den Debütroman der Übersetzerin Isabel Bogdan liefert:

In einem Anfall von Übermut hatte Lord McIntosh eines Tages fünf Pfauen erworben, drei Weibchen und zwei Männchen; er stellte es sich hübsch vor, wenn die Männchen auf der riesigen Rasenfläche vor dem Wohnhaus umherstolzierten und Räder schlugen. Die weniger hübschen Weibchen sollten sich dezent im Hintergrund halten und den Männchen unauffällig überhaupt erst einen Grund liefern, miteinander zu wetteifern und Räder zu schlagen. 

Die Realität wird jetzt etwas anders aussehen, als sich Lord McKintosh das vorgestellt hat: Einer der Pfauen war verrückt geworden. Vielleicht sah er auch nur schlecht, jedenfalls hielt er mit einem Mal alles, was blau war und glänzte, für Konkurrenz auf dem Heiratsmarkt. Nun gab es oben in dem kleinen Tal am Fuße der Highlands glücklicherweise kaum Dinge, die blau waren und glänzten. Es gab Wiesen und Weiden und Bäume und überhaupt viel Grün, und es gab die Heide. Und jede Menge Schafe. Das einzige blau Glänzende, was sich gelegentlich hierher verirrte, waren die Autos von Feriengästen. Lord und Lady McIntosh hatten die ehemaligen Wirtschaftsgebäude, Scheunen und alles, was sonst zu ihrem Anwesen gehörte und sich dafür eignete, zu Feriencottages umbauen lassen, damit der alte Kasten das Geld, das er verschlang, wenigstens halbwegs wieder hereinholte.

Ein schottisches Landhaus liefert die Theaterbühne, jetzt brauchen wir nur noch die Akteure: Lord und Lady McIntosh und die Gäste. Und natürlich die Pfauen. Was nun kommt ist ein wenig Fawlty Towers, ein wenig Evelyn Waugh und ein wenig P.G. Wodehouse. Wie gesagt, keine Weltliteratur. Aber immer amüsant. Und stilistisch gut geschrieben, mit feiner Ironie gewürzt. Ist etwas für Rekonvaleszenten, die im Bett liegen, für Leute, die am Strand liegen und einfach für zwischendurch. Auch diese Literatur gibt es. Glücklicherweise. Wenn Sie gerade Krieg und Frieden lesen und ein schlechtes Gewissen haben, trösten Sie sich mit Shaw, der gesagt hat: All normal people need both classics and trash.

Samstag, 13. Oktober 2018

Alice Neel


Es hat länger gedauert, die amerikanische Malerin, die am 13 Oktober 1984 starb, richtig zu entdecken. Aber im letzten Jahr war sie schon in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen. Alice Neel hat lange gebraucht, bis sie wirklich berühmt wurde und ihre Bilder auf dem Kunstmarkt honoriert wurden. Portraits von ihr bringen heute auf dem Markt zwischen dreistelligen und sechsstelligen Ergebnissen. Den Film der BBC kann ich Ihnen leider nicht anbieten.

Dafür habe ich aber einen lange interessanten Vortrag von Phoebe Hoban, der Autorin der Biographie Alice Neel: The Art of Not Sitting Pretty. Neel, die immer für die Rechte der Malerinnen eingetreten ist, hat lange gebraucht, bis sie künstlerisch ernstgenommen wurde. Dann hagelt es Einladungen, Interviews, Dokumentarfilme. Ihren in Kuba geformten Stil, der ein wenig nach José Clemente Orozco, Diego Rivera und Frida Kahlo schmeckt, hat sie nie aufgegeben.

In ihren letzten Jahren, die ihre größte Schaffensperiode sind, wird sie auch die Malerkollegen malen, die mit der modernen Kunst in den sechziger Jahren reich und berühmt geworden sind. Andy Warhol inklusive. Barry Walker hat sie one of the greatest portrait artists of the 20th century genannt. Bei Google Bilder finden Sie einen reichen Querschnitt aus ihrem Werk. Sie hat auch Gedichte (hier eine Auswahl) geschrieben. Dies hier handelt von Harlem, einem Stadtteil, dessen puertorikanische Einwohner sie immer wieder gemalt hat:

I love you Harlem
Your life your frequent
Women, your relief lines
Outside the bank, full
Of women who no dress
In Saks 5th Ave would
Fit, teeth missing, weary,
Out of shape, little black
Arms around their necks
Cling to their skirts
All the wear and worry
Of struggles on their faces
What a treasure of goodness
And life shambles
Thru the streets
Abandoned, despised,
Charged the most, given
The worst
I love you for electing
Marcaronio, and him for being what he is
And for the rich deep vein
Of human feeling buried
Under your fire engines
Your poverty and your loves

Freitag, 12. Oktober 2018

Erinnerung


Die Buchmesse steht vor der Tür. Überall tauchen neue Autoren und neue Romane auf, von denen wir noch nie gehört haben. Alles ist wichtig, alles will verkauft werden. Ich las im Feuilleton, dass eine Autorin namens Inger-Maria Mahlke, die in diesem Jahr den Buchpreis erhielt, gesagt hat: Ich misstraue der Erinnerung. Ich dachte immer, Auoren wären stolz auf die Erinnerung? Hier offenbar nicht: Weil ich Erinnerung und Gedenken, der nachträglichen Konstruktion von Vergangenheit auf Makro- wie auf Mikroebene misstraue. Wir neigen dazu, sowohl in der Geschichte als auch in unseren Biografien, Ereignisse, unsere Einstellung zu ihnen so umzudeuten, dass sie mit unserem jetzigen Selbst- oder Geschichtsbild stimmig sind. Das schrittweise Rückwärtserzählen soll es ermöglichen, die unterschiedlichen Entwürfe eingebettet in ihren Zeitkontext offen zu legen. Ich habe etwas länger gebraucht, um das Interview zwischen Inger-Maria Mahlke und Mathilda May zu verstehen. Ich erspare Ihnen das und sage, worum es in dem Roman Archipel geht: es ist eine Familiengeschichte, die sich über hundert Jahre hinzieht. Der Roman spielt auf Fuerteventura, wo die Autorin ihre Jugend verbrachte. Und ja, es wird von vorne nach hinten erzählt.

Es muss noch eine Autorin genannt werden, die sich mit der Erinnerung beschäftigt und die gerade einen Preis bekommt. Sie heißt Aleida Assmann und ist die diesjährige Preisträgerin vom Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (den im letzten Jahr Margaret Atwood erhielt). In ihrem Buch Der lange Schatten der Vergangenheit: Erinnerungskultur und Geschichtspolitik fand ich eine Seite, auf der die Autorin Zitate von Autoren versammelt, die etwas zum Thema Erinnerung gesagt haben. Schön fand ich Italo Svevos: Die Vergangenheit ist immer neu: Sie verändert sich dauernd, wie das Leben fortschreitet. Teile von ihr, die in Vergessenheit gesunken schienen, tauchen wieder auf, andere wiederum versinken, weil sie weniger wichtig sind. Die Gegenwart dirigiert die Vergangenheit wie die Mitglieder eines Orchesters. Sie benötigt gerade diese Töne und keine anderen. So erscheint die Vergangenheit bald lang, bald kurz. Bald klingt sie auf, bald verstummt sie. In die Gegenwart wirkt nur jener Teil des Vergangenen hinein, der dazu bestimmt ist, sie zu erhellen oder zu verdunkeln.  

Und dann fand ich da noch ein schönes Proust Zitat: Das Buch mit den in uns eingegrabenen, nicht von uns selbst eingezeichneten Charakteren, ist unser einziges Buch. Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur. Dabei belassen wir es mal für heute.

Dienstag, 9. Oktober 2018

fehlende Bilder


Jetzt habe ich es geschafft: die Villa von Arnold Duckwitz in Vegesack, von der es im ganzen Internet kein einziges Bild gab, ist bei Googles Bildern im Internet. Das Bild hat mir freundlicherweise der Pastor Ingbert Lindemann zur Verfügung gestellt. Das Haus sah schon mal schöner aus, aber das hier ist besser als garnix. Ich kenne den Landsitz des Bremer Bürgermeisters und Reichshandelministers, weil er gegenüber von unserem Haus stand. Durch den Park links vom Haus konnten wir auf die Weser schauen. Den Text auf der Tafel über der Tür kann ich immer noch auswendig: Auf diesem Landsitz wohnte Arnold Duckwitz 1802 bis 1881 Bürgermeister von Bremen 1848 Reichshandelsminister in Frankfurt a.M. Gründer der ersten deutschen Reichskriegsflotte. 

Man kann jetzt nicht mehr am Haus vorbei auf die Weser schauen, das Haus ist abgerissen, durch zwei seelenlose Apartmenthäuser ersetzt. Das Landesamt für Denkmalschutz hat damals gepennnt. Die Denkmalpfleger haben zwar das Grabmal von Duckwitz in ihrem Bilderarchiv, aber nicht seinen Sommerwohnsitz in der Weserstraße. Heute gibt es in der Weserstraße 76 und 77 keinen Hinweis darauf, dass hier einmal der Mann wohnte, der die erste deutsche Flotte aufgebaut hat. Man ehrt in Bremen die Geschichte nicht.

Noch mehr Duckwitz in den Posts: Arnold Duckwitz, Reichsflotte und Admiral Brommy

Samstag, 6. Oktober 2018

Vordergrund


Der junge Theodor Heuss schreibt 1909 zum fünfzigsten Geburtstag von Gustav Kampmann in Westermann's Monatsheftendaß eben diese Intensität, mit der er das Momentane, das rasch Vorübergehende oder den schwer sagbaren feinen “Stimmungsgehalt“ der Atmosphäre ergreift und zu einer runden, bildhaften Darstellung bringt, in der modernen deutschen Landschaftskunst ihm dauernd einen hervorragenden Platz sichern wird. Dass mit dem hervorragenden Platz in der deutschen Landschaftskunst ist nicht so ganz wahrgeworden.

Die Betonung der abstrakten Flächigkeit mancher Landschaftsbilder Kampmanns und der Verzicht auf dn Vordergrund vernachlässigt etwas, was einst in der Renaissance der größte Zugewinn der Landschaftsmalerei gewissen war: Fluchtpunkt und Perspektive. Die kann man auf diesem Bild von Paolo Ucello gut sehen: wir werden mit der Jagdgesellschaft förmlich in die Dunkelheit des Waldes hineingezogen. Das Bild im Ashmolean Museum spielt übrigens eine wichtige Rolle in The Point of Vanishing, einer Folge von Inspector Lewis.

Dies ist der Katalog einer Ausstellung, die vor dreißig Jahren von Altona nach Kiel wanderte, und in deren Mittelpunkt Ludwig Philipp Stracks Gemälde des Ukleisees bei Sielbeck aus dem Jahre 1809 stand. Leider ist Stracks Bild im Internet nicht mehr zu finden, wir müssen uns mit dieser klitzekleinen Abbildung behelfen. Der Katalog ist didaktisch hervorragend gemacht, alle Fragen, die man an das Bild vom Ukleisee stellen kann, werden hier beantwortet. Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf das Zitat von Heinrich Voß: Es gibt ohne Zweifel Landschaften von auffallenderer Schönheit, von großartigerer Wirkung, von reicherer Fruchtbarkeit des Bodens, sicher aber keine, die lieblicher zum Auge und gewinnender zum Herzen guter sinniger Menschen spricht, als die unsrige!

Der kleine Ukleisee bei Eutin, den Strack für seinen Auftraggeber, den Herzog Peter Friedrich Ludwig von Oldenburg (und den Hamburger Kaufmann Georg Friedrich Baur) malt, genießt eine besondere Stellung unter den holsteinischen Seen. So schreibt Wilhelm von Humboldt über das Jagdschloss SielbeckDas Merkwürdigste daran ist seine Lage auf einem Berge zwischen zwei Seen, und die Spaziergänge um die Ufer des kleineren unter diesen. Der Saal selbst ist ganz einfach und nichts weniger als schön. Aber die beiden Aussichten, die vordere beschränkte, und die dunkle auf den kleinen, und die hintere weite und helle auf den großen See sind göttlich.

Strack (hier seine Ansicht vom Plöner See) erfindet die Landschaftsmalerei nicht neu, neu ist nur in der Zeit, da man von Eutin als dem Weimar des Nordens spricht, dass die Ostholsteiner Landschaft ins Interesse von Literatur und Malerei rückt. Und dort ins Arkadische verwandelt wird. Johann Heinrich Voß wird in Luise den Plöner See besingen:

Stehn Sie ein wenig still; mir pocht das Herz! Wie erfrischend 
Ueber den See die Kühlung heraufweht! Und wie die Gegend
Ringsum lacht! Da hinab langstreifichte, dunkel- und hellgrün
Wallende Felder voll Korn, mit schimmernden Blumen gesprenkelt!
Dort das umbüschte Dorf, und der Thurm mit dem blinkenden Seiger!
Hier auf blumiger Wiese die röthlichen Küh', und der Hügel
Von Buchweizen umblüht; und der blaue See mit der Waldung!
Schaut doch umher, ihr Kinder, und freut euch!


Strack bleibt dem klassischen Aufbau des Bildes verpflichtet, er ist kein Neuerer wie der Engländer Richard Wilson. Dass links und rechts Bäume die Landschaft rahmen, hat er bei Claude Lorrain abgeguckt. Strack, der sein Handwerk bei seinen Verwandten, den Tischbeins, gelernt hat, kommt mit einem Stipendium der Kasseler Akademie für sieben Jahre nach Italien. Von dort wird er ein sanftes rosa Licht mitbringen, das seine Himmel überzieht; auch das Bild vom Ukleisee hat dieses Licht, das sich wohl eher in der Campagna Romana und weniger in den Himmeln über Eutin findet.

Der museumspädagogische Dienst in Altona hatte für die Ausstellung auch etwas für Kinder zu bieten. In einer Ecke vor der Ausstellung gab es eine Hafttafel, auf der die Kleinen sich eine Landschaft zusammenstellen konnten. Sie nahmen sich immer die Kühe aus dem Kasten, pappten sie unten auf die Tafel, die weißen Wolken kamen nach oben. Der Mittelgrund blieb leer, das war witzig. Natürlich kann man den Vordergrund mit Kühen vollpflastern, aber das wird auf die Dauer ein wenig langweilig, wie das Werk von Jacob Philipp Hackert zeigt.

Figuren und Tiere im Vordergrund nennen wir Staffage, zu dem Thema hätte ich hier eine sehr interessante Seite. Die Staffage kann Kühe oder Pferde enthalten, aber natürlich auch Menschen (häufig als Betrachterfiguren oder als Rückenfigur) wie auf diesem Bild von Strack. Es zeigt den Park, den Joseph Ramée für den Bankier und Kaufmann Georg Friedrich Baur entworfen hat. Mit Gartenanlage mit dem chinesischen Turm, künstlicher Burgruine, Waldhütten, Grotten und Rundtempel.

Diese Dinge enthält der englische Landschaftsgarten auch, wenn die Hamburger schon einen Franzosen beschäftigen, dann wollen sie es doch ein klein wenig englisch haben. Baur mit seiner Begeisterung für Landschaftsgärten wird sich sicher auf Hirschfelds Theorie der Gartenkunst berufen haben. Man kann die Aussichtsplattform mit dem Paar (wie den Waldweg, den Steg und den Angler in seinem Bild vom Ukleisee) auch als Repoussoir bezeichnen, etwas, das den Rest des Gemäldes zurückdrängt, räumliche Tiefe schafft.

Das wär's für heute mit dem Vordergrund von Gemälden, vielleicht gibt es irgendwann einmal etwas zum Mittelgrund und zum Hintergrund. Man weiß in diesem Blog nie, was kommt.

Mittwoch, 3. Oktober 2018

3. Oktober


Als ich nach der letzten Bundestagswahl den Post Unser Land schrieb, hatte ich nicht daran gedacht, dass eine Woche später der Nationalfeiertag sein würde. Vielleicht hätte ich dann für Herrn Gauland noch den ein oder anderen Satz übrig gehabt. Ein halbes Jahrhundert nach Adolf von Thadden haben wir wieder eine rechtsradikale Partei im Parlament. Vielleicht ist das auch ganz gut: indem wir über die AfD diskutieren, diskutieren wir über unser Selbstverständnis, unsere Demokratie. Die Zeitungen versichern uns, dass unser Land zerrissen ist. Wirklich? Die Kanzlerin tut das, was sie immer tut: schweigen und die Raute machen. Ist das genug? Anita Ekberg konnte das besser. Es könnte bei uns etwas mehr sein:

Nein, das gemeine Beste, 
Des eignen Wohlergehens nur einzig sichre Feste 
Erweckt in mir den Trieb; Trieb, den der Himmel ehrt, 
Wenn seines Eifers Glut der Bosheit Spreu verzehrt. 
Die angestorbne Pflicht, das Vaterland zu schützen, 
Der Freiheit Gott zu sein; der Unschuld Recht zu stützen, 
Ist der geheiligte, mit Blut gelegte Grund
Worauf das Wohl des Staats und unserer Väter stund. 

Den lasset uns vereint mit unserm Blut verteidgen.

Gut, es ist ein wenig veraltet, was Justus Möser da in seinem Theaterstück Arminius schreibt, aber es hat auch mit unserer Nation zu tun.

Früher hatten wir den 17. Juni als Nationalfeiertag, jetzt ist es der 3. Oktober. Das mit dem dem 3. Oktober hat seinen Grund. Weil Sabine Bergmann-Pohl am 23. August in der Volkskammer das Abstimmungsergebnis bekannt gab: Die Volkskammer erklärt den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit der Wirkung vom 3. Oktober 1990. Das liegt Ihnen in der Drucksache Nr. 201 vor. Abgegeben wurden 363 Stimmen. Davon ist keine ungültige Stimme abgegeben worden. Mit Ja haben 294 Abgeordnete gestimmt. Mit Nein haben 62 Abgeordnete gestimmt, und sieben Abgeordnete haben sich der Stimme enthalten. Meine Damen und Herren, ich glaube, das ist ein wirklich historisches Ereignis. Wir haben uns die Entscheidung alle sicher nicht leicht gemacht, aber wir haben sie heute in Verantwortung vor den Bürgern der DDR in der Folge ihres Wählerwillens getroffen. Ich danke allen, die dieses Ergebnis im Konsens über Parteigrenzen hinweg ermöglicht haben.

Ich stelle heute etwas ein, das schon in meinem ersten Jahr als Blogger am 3. Oktober hier stand (und 2015, 2016 und 2017 leicht verändert noch einmal). Es kann nicht schaden, es heute noch einmal hierher zu stellen:

Auferstanden aus Ruinen
Und der Zukunft zugewandt,
Laß uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
Und wir zwingen sie vereint,
Denn es muß uns doch gelingen,
Daß die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint.

Glück und Frieden sei beschieden
Deutschland, unserm Vaterland.
Alle Welt sehnt sich nach Frieden,
Reicht den Völkern eure Hand.
Wenn wir brüderlich uns einen,
Schlagen wir des Volkes Feind!
Laßt das Licht des Friedens scheinen,
Daß nie eine Mutter mehr
Ihren Sohn beweint.

Laßt uns pflügen, laßt uns bauen,
Lernt und schafft wie nie zuvor,
Und der eignen Kraft vertrauend,
Steigt ein frei Geschlecht empor.
Deutsche Jugend, bestes Streben
Unsres Volks in dir vereint,
Wirst du Deutschlands neues Leben,
Und die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint. 

Das hätten wir ja als Nationalhymne nehmen können, vom neuen Deutschland. Warum eigentlich nicht? Kann man ja auch zu der Melodie von Gott erhalte Franz den Kaiser singen, braucht man nicht unbedingt (wie Hans Albers in Wasser für Canitoga) zur Melodie von Goodbye Johnny zu singen. Wir haben in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg etwas länger gebraucht, bis wir überhaupt eine Nationalhymne bekamen. Es war Konrad Adenauer sehr peinlich, in Amerika mit Heidewitzka, Herr Kapitän begrüßt zu werden. Oder in seiner engeren Heimat mit Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien. Wir können ja glücklich sein, dass uns nach 1945 diese Hymne erspart blieb:

Land der Väter und der Erben,
uns im Leben und im Sterben
Haus und Herberg, Trost und Pfand,
sei den Toten zum Gedächtnis,
den Lebend'gen zum Vermächtnis,
freudig vor der Welt bekannt,
Land des Glaubens, deutsches Land.

Der Aufruf Macht das Tor auf des Bundestages von 1958 war im Jahre 1989 endlich erhört worden, als Wahnsinn das Wort der Stunde wurde. Das Wort Willkommenskultur gab es noch nicht im Repertoire der Presse, dies war jetzt Wahnsinn. Sind wir am Tag der Silberhochzeit zweier Staaten jetzt alle glücklich? Wo sind die blühenden Landschaften? Gibt es ein einheitliches Lohnniveau in Deutschland?

Es war eine Revolution ohne Blut, niemand ist an die Laterne gehängt oder vor ein Peloton gestellt worden. Erich Mielke ist verurteilt worden. Wegen eines Mordes im Jahre 1931, für nix anderes. Schalck-Golodkowski hat ein Jahr bekommen, aber auf Bewährung. Lebte danach in Rottach-Egern. Ausgerechnet da. Kaum waren wir ein Land, kaum waren die ersten verurteilt, gab es schon die ersten Rufe nach einer Amnestie. Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat, hat Bärbel Bohley gesagt. Aber für die Juristen ist alles gut, wie man hier lesen kann. Und das Wort vom Unrechtstaat hört man auch nicht mehr, seit uns die Linguistin Gesine Lötzsch erklärt hat, dass das ein propagandistischer Kampfbegriff gewesen sei.

Eine Woche nach dem Fall der Mauer bin ich einmal durch das Land gefahren, das heute nur noch Mäck-Pomm heißt (dabei ist das E in Mecklenburg ein langes Dehnungs-E). Ich konnte die Fahrt, das flache Land im Herbst mit den wunderbaren alten Alleen, genießen. Mein Bruder saß am Steuer seines nagelneuen Autos.

Das auch etwas mit dem Fall der Mauer zu tun hatte. Den Wagen davor hatte er bei einem örtlichen Händler gekauft, Werksvertretung der Automarke. Alles war gut. Bis eines Tages die Kripo in seiner Praxis stand. Beinahe alle Autos, die der Händler verkauft hatte, hatten mehr oder weniger gefälschte Papiere, Kilometerstand des Tachos und Nachweis für Inspektionen waren manipuliert. Der Händler war flüchtig. Er war in die DDR geflohen. Vier Wochen vor dem Fall der Mauer. Der Autohändler war wahrscheinlich einer der wenigen Menschen in Deutschland, der über die deutsche Wiedervereinigung nicht glücklich war. Mein Bruder lernte Mecklenburg-Vorpommern dann später noch genauer kennen, weil der Prozess gegen den kriminellen Autohändler in Schwerin stattfand.

Kurz vor der Grenze überfiel mich bei unserer Fahrt, wie bei jedem Grenzübertritt in den Jahrzehnten zuvor, der übliche Schiss. Aber da war nichts mehr mit Kontrolle. Kein Satzbeginn mit Gänsefleisch mehr (Gänsefleisch mal den Kofferraum aufmachen?). Keine im Busch lauernden Vopo Wartburgs mehr, wo man doch mit willkürlichen Strafmandaten so schöne Devisen einnehmen konnte. Die durch die DDR donnernden Laster aus Skandinavien wurden nie aufgeschrieben, die brachten Devisen. Ich traute dem Frieden noch nicht so recht, aber als ich in Schwerin sah, dass Jugendliche aus einem Trabbi heraus vorbeifahrenden Vopos den Mittelfinger zeigten, da wusste ich, dass eine neue Zeit angebrochen war. Das ist die Symbolik der Freiheit. Und an zerbröckelnden Mauern hing jetzt auch schon westliche Reklame. Das erste Billboard, das ich in der Noch-DDR sah, bedeckte die Wand eines zerbröckelnden Hauses. Es war von einer Zigarettenfirma, auf dem Plakat stand nur: WEST. Ich fand das eine schöne Symbolik. Ich ärgere mich noch immer, dass ich meinen Photoapparat nicht mitgenommen hatte.

Noch bevor die Mauer fiel, hatte Coca Cola den Weg in die DDR gefunden, wurde tatsächlich für zwei Mark fünfzig (Ost) in Läden gesehen. Eine Studentin, die in den Semesterferien bei Coca Cola jobbte, schenkte mir damals einen Coca Cola Anstecker und prophezeite mir, der wäre eines Tages sehr viel wert. Der rote Anstecker zeigte das geeinte Deutschland, mit dem Schriftzug Coca Cola in der Mitte. So, als ob Coca Cola Deutschland geeint hätte. Coca Cola und Kommunismus haben die gleiche symbolische Farbe. Ich weiß nicht, was der kleine Anstecker heute wert ist. Ich habe ihn aber immer noch. Ich stecke ihn jedes Jahr am 3. Oktober an.

Alles, was jetzt kam, war Kommerz. Abwickeln, umrubeln, plattmachen. Es gab damals einen Krimi aus der Reihe Schwarz-Rot-Gold, in dem der Hamburger Zollfahnder Zaluskowski mit seiner Mannschaft jetzt in Berlin sitzt, und lauter Kriminelle dabei sind, an dem Umrubeln zu verdienen. Da hat es Dieter Meichsner (dem der NDR und wir alle viel zu verdanken haben) uns mal wieder bewiesen, dass man Fernsehkrimis mit politischer Aufklärung verbinden kann.

Der erste Tatort, den die ARD 1970 sendete, hieß Taxi nach Leipzig. Er hatte gezeigt, dass man beide Deutschlands in einem Fernsehkrimi unterbringen konnte. Nach der Wiedervereinigung bekamen wir auf dem Bildschirm viele neue Kommissare, die das deutsch-deutsche Verbrechen bekämpften. Die Kommissare Kurt Böwe und Uwe Steimle aus Schwerin waren mir immer die liebsten. Aber leider ist Kurt Böwe, den viele noch aus Konrad Wolfs Der nackte Mann auf dem Sportplatz kannten, inzwischen tot. Und dem Uwe Steimle hat die ARD gekündigt.

Was war das vor fünfundzwanzig Jahren für eine Chance, gemeinsam einen neuen Anfang zu wagen! Aber dazu hätte es anderer Leute bedurft. Obgleich es ja nie an Idealisten gefehlt hat. Ich kenne Leute, die hier hochdotierte Positionen aufgegeben haben, um da drüben bei einem Neuaufbau zu helfen. Das ist etwas anderes als jene, die mit der Buschprämie dahin gelockt wurden. Aber für den dicken Kohl konnte das, woran er keinen Anteil gehabt hatte, jetzt nicht schnell genug gehen, Kanzler der Einheit wollte er sein. Sein Buch Ich wollte Deutschlands Einheit habe ich letzte Woche im Grabbelkasten eines Antiquariats gesehen, koste (nagelneu und ungelesen) zwei Euro. Ich habe es aber nicht gekauft.

Wir hätten ja von den Bürgerrechtlern lernen können und von der ganzen Intelligenz der Opposition. Wir hätten ja Jens Reich (hier mit Bärbel Bohley im Oktober 1989) zum Bundespräsidenten machen können. Wenn man bedenkt, was seit den griechischen Philosophen alles über die kluge Staatsführung gesagt worden ist. Und was gab es? Keine Konzeption, nur Gemauschel, und die so genannte Treuhand und tausenderlei Skandale, von denen die Leuna Affäre nur einer von vielen ist. Inzwischen haben wir eine Bundeskanzlerin und hatten einen Bundespräsidenten aus der DDR, aber wir können uns noch entsinnen, dass die Kanzlerin alles versucht hat, damit Gauck nicht Bundespräsident wurde.

Als die DDR Bürger dann in riesigen Zahlen kamen, weil es ein Begrüßungsgeld gab, und als ihre Rennpappen mit dem bläulichen Auspuffgas die Straßen verstopften, als die Geschäfte hier auch am Sonntag offen hatten, damit das Begrüßungsgeld gleich in ihre Kassen kam, da hatte man das Gefühl: jetzt kommt eine neue Zeit. War aber letztlich auch nur Kommerz. Ich habe dem hellblauen Trabbi, der neben mir auf dem Parkplatz stand, einen Zehnmarkschein unter den Scheibenwischer geklebt. Wochen später standen die Russen in der Einkaufsstraße und vertickten Russenuhren, alles nur Komandirskie, die Sowjetarmee bestand nur aus Kommandeuren. Und wenige Wochen später wurden sie von Leuten abgelöst, die jetzt geschnitzte geflügelte Jahresendfiguren verkauften. Der Ausverkauf des Ostens hatte begonnen. In Berlin sollen sogar Kalaschnikows auf dem Flohmarkt verkauft worden sein.

Das Gute mit der Einheit ist, dass ich Onkel Karl leicht erreichen kann. Der war zum Entsetzen der Berliner Verwandtschaft seinem Lehrer, dem Bildhauer Gustav Seitz, 1951 von Berlin-West nach Berlin-Ost gefolgt. Vor einem halben Jahrhundert habe ich meine Freundinnen bei Berlinbesuchen immer zur Stalinallee geschleppt und großspurig behauptet, dass all die Skulpturen mit den Helden der Arbeit von meinem Onkel Karl seien. Was nicht ganz stimmte, machte aber um 1960 auf junge Frauen großen Eindruck. Aber von diesen heroischen Jugendsünden war er eigentlich schon lange weg, wie seine Schwimmerin aus dem Jahre 1952 da links beweist.

Und wenig später hat er in Berlin sogar für die Bremer Stadtmusikanten gesorgt, das war wohl ein bildhauerischer Gruß an die Bremer Verwandtschaft. Das Photo von 1967 zeigt, dass eine Freiplastik auch von praktischem Nutzen sein kann. Haben wir sonst noch etwas aus der Kultur zu vermelden? Außer dem Roman Der Turm? Die Welt war der Meinung, Tellkamp habe wahrscheinlich den Roman des Jahrzehnts geschrieben. Den ultimativen Roman über die DDR, diese lächerliche sowjetische Satrapie auf deutschem Boden. Aber ist das Ganze wirklich Literatur? Es kann sich kaum mit Werner Bräunig messen. Die Neuausgabe von Bräunigs Rummelplatz und seinen Erzählungen Gewöhnliche Leute muss man unbedingt begrüßen. Dass viel, viel Geld in die Museen geflossen ist, natürlich auch.

Und sicherlich ist die Semperoper ein Schmuckstück, vor allem als Bierreklame, deshalb hat sie ja auch schon den inoffiziellen Namen Radeberger Arena. Was bleibet aber, stiften die Dichter. Also jetzt einmal von Bräunigs Roman Rummelplatz abgesehen. Und auch davon abgesehen, dass der von mir sehr geschätzte Günter de Bruyn Theodor Fontane immer ähnlicher und von Buch zu Buch besser wird.

Sein Buch Deutsche Zustände, zehn Jahre nach 1989 veröffentlicht, ist immer noch der Lektüre wert. Was auch etwas mit den schönen Photos von Barbara Klemm zu tun hat, die mit ihrer Ruhe und Ausgewogenheit hervorragend zum Ton des Buches passen. Nicht zuletzt die Duotone Druckqualität der Photos und das ruhige Layout des Buches tragen zum sinnlichen Vergnügen der Lektüre bei. Dies war ein Jahrzehnt nach dem Fall der Mauer ein Buch, das ein anderes Deutschland jenseits des peinlichen politischen Tagesgeschäfts und der bunten Versprechungen der Werbewelt zeigte.

Ein anderes Bild von einer kommoden Diktatur zeigte uns auch Günter Grass' Roman Ein weites Feld. Den ich übrigens für seinen besten Roman halte. Ich bin kein Fan von Günter Grass, irgendjemand hatte mir diesen voluminösen Pappband in die Hand gedrückt und gesagt: Lies mal! Auf dem Cover stand: Unverkäufliches Leseexemplar... Bitte keine Rezensionen vor dem 28. August 1995. Ich las, es war ein wunderbares Leseerlebnis. Als ich die Geschichte von Fonty Wuttke las, wurde mir plötzlich klar, dass ich durch das Leben gekommen war, ohne je Fontanes Vor dem Sturm gelesen zu haben. Ein Versäumnis! Als ich mit dem Fontane fertig war, beschloss ich, dass ich jetzt eigentlich auch das tun könnte, wozu mich Friedrich Hübner jahrzehntelang drängte, nämlich endlich Tolstois Krieg und Frieden zu lesen.

Ein weites Feld bietet ein Panorama der deutschen Geschichte. Und das wenige Jahre nach der Wende, da kann man nur sagen: Respekt. Der Filmemacher Edgar Reitz brauchte etwas länger. Mit Heimat 3: Chronik einer Zeitenwende hat Edgar Reitz sein Heimat Projekt abgeschlossen und Wende und Wiedervereinigung auch nach Schabbach kommen lassen: Das ist natürlich schon für mich ein tiefgreifendes Erlebnis zu sagen 'dieses ist der letzte Teil von Heimat', also als berufliche Aufgabe. Und ich habe doch immerhin na bald 25 Jahre mit diesem Projekt verbracht, sodass dieses Projekt selbst eine Art Heimat bildet. Und das zu beenden, das ist nicht schmerzlos. Der Stoff geht mir nicht aus, und Geschichten erzählen unter dem Dach eines großen erzählerischen Werkes das Heimat heißt, das könnte ich ewig fortsetzen so lange ich gesund bin und arbeiten kann. Aber mit deutschen Fernsehsendern mich um das Budget zu streiten, und jede Silbe im Drehbuch rechtfertigen zu müssen, das will ich nicht noch einmal, das ist klar. Deswegen ist es Abschied von Schabbach

Sieben Jahre lang Gezerre mit der ARD wegen der Finanzierung für etwas, was der Abschluss des größten filmischen Meisterwerks über ein halbes Jahrhundert Bundesrepublik ist. Aber für einen Pausenclown wie Harald Schmidt, dafür hatten sie Geld bei der ARD. Das ist unser Problem, wieder nix wie Kommerz. Die Intendanten der Rundfunkanstalten haben Gehälter, von denen Bundespräsidenten nur träumen können, und was wird produziert? Dieser erschütternde Degeto-Quark, aber kein Geld für Heimat 3. Na ja, wir sind nicht aufs Fernsehen angewiesen. Gucken Sie sich jetzt nicht bei YouTube Heimat an, sondern kaufen Sie sich das Gesamtwerk Heimat I-III. Passt zur Themenwoche Heimat, die die ARD gerade [i.e. 2015] veranstaltet.

Was bleibet aber, stiften die Dichter. Mein Buch der Einheit fiel mir (wie die besten Bücher, die ich gelesen habe) in einem Grabbelkasten in die Hand. Noch auf der Straße im Passantengewühl fing ich an zu lesen. Das Buch heißt Letzten Sommer in Deutschland: Eine romantische Reise. Und ich nehme mal an, dass die Autorin Irina Liebmann mit ihren Büchern nicht auf sechs Millionen verkaufte Exemplare kommt wie Ildikó von Kürthy. Oder Inga Lindström, Charlotte Link und wie sie alle heißen. Obgleich es wirklich schön wäre, wenn sechs Millionen Deutsche Irina Liebmanns Buch lesen würden. Ein sentimental journey durch Deutschland, Ost und West, wechselnd zwischen Prosa und prose poem. Von der Wasserwelt in Lebus bis zum Rhein, hoch poetisch und hoch komisch. Dies ist ein Buch, das uns unsere hässliche Wirklichkeit vergessen lassen kann - obgleich die immer auch im Buch ist. Ich bin dem Zufall dankbar, dass ich das Buch 2010 passend zum zwanzigsten Jahrestag der Einheit gefunden hatte. Und ich bin Irina Liebmann ja sowas von dankbar, dass sie dieses Buch geschrieben hat.


Sie könnten auch noch lesen: Unser Land, Schicksalstag, Mauer, Mauern, Bauarbeiten, German German Overalls, God Save the King

Sonntag, 30. September 2018

Sommerende


Wir haben den Monat September mit etwas Lyrischem begonnen, und ich möchte ihn auch mit einem Gedicht schließen. Mir ist ein wenig nach Sommerende, da brauche ich nur aus dem Fenster zu schauen. Ich könnte jetzt Rilkes Gedicht Herbsttag zitieren, aber das steht mit anderen Herbstgedichten in dem Post Herbst. Da findet sich auch Wilhelm Lehmanns schönes Gedicht Fahrt über den Plöner See. Das Bild hier aus dem Jahre 1907 ist von dem interessanten Maler Gustav Kampmann, der am 30. September 1859 geboren wurde.

Er hat wunderbare plakativ großflächige Landschaftsbilder gemalt, die nach hundert Jahren noch modern wirken. Der junge Theodor Heuss schreibt 1909 über Kampmann: daß eben diese Intensität, mit der er das Momentane, das rasch Vorübergehende oder den schwer sagbaren feinen “Stimmungsgehalt“ der Atmosphäre ergreift und zu einer runden, bildhaften Darstellung bringt, in der modernen deutschen Landschaftskunst ihm dauernd einen hervorragenden Platz sichern wird. Ich habe hier zu dem Maler noch eine sehr interessante Seite.

Wenn ich nicht unbedingt ein Gedicht hätte präsentieren wollen, hätte ich heute über ihn schreiben können. Vielleicht kommt das noch einmal.

Heute möchte ich ein Gedicht bringen, das noch nicht in diesem Blog stand. Es ist Erich Kästners Gedicht Der September:

Das ist ein Abschied mit Standarten
aus Pflaumenblau und Apfelgrün.
Goldlack und Astern flaggt der Garten,
und tausend Königskerzen glühn.

Das ist ein Abschied mit Posaunen,
mit Erntedank und Bauernball.
Kuhglockenläutend ziehn die braunen
und bunten Herden in den Stall.

Das ist ein Abschied mit Gerüchen
aus einer fast vergessenen Welt.
Mus und Gelee kocht in den Küchen.
Kartoffelfeuer qualmt im Feld.

Das ist ein Abschied mit Getümmel,
mit Huhn am Spieß und Bier im Krug.
Luftschaukeln möchten in den Himmel.
Doch sind sie wohl nicht fromm genug.

Die Stare gehen auf die Reise.
Altweibersommer weht im Wind.
Das ist ein Abschied laut und leise.
Die Karussells drehn sich im Kreise.
Und was vorüber schien, beginnt.