Am 31. Mai 1895 wurde das Theaterstück →Leonce und Lena in München zum ersten Mal aufgeführt. Da war der Autor Georg Büchner, der das →Stück ein Jahr vor seinem Tod geschrieben hatte, schon sehr lange tot. Die romantische Komödie, die auch eine politische Satire ist, hatte sechzig Jahre gebraucht, um auf die Bühne zu kommen. Weil es im Vormärz eine gefährliche Sache war, eine Satire über die deutsche Kleinstaaterei zu schreiben.
Für Erich Kästner war Leonce und Lena eine der sechs wichtigsten Komödien der deutschen Sprache: sechs einsame Lustspiele, von denen noch nicht einmal alle sechs 'Feingold' gestempelt sind! Die anderen Stücke waren seiner Meinung nach: Lessings Minna von Barnhelm, Kleists Der Zerbrochene Krug, Grillparzers Weh dem, der lügt, Freytags Die Journalisten und Hauptmanns Der Biberpelz. Ich finde, Büchners Stück gehört ganz oben auf diese Liste.
Ich mag es sehr, ich kenne noch große Teile des Stückes auswendig. Weil ich bei der Aufführung der Theater AG meines Gymnasiums unter der Regie von Dr 'Edu' Schäfer dabei war. Ich hatte eine kleine Nebenrolle als Staatsrat, war aber eigentlich Regieassistent und Souffleur. Was ich damals von Büchner las, war mein ganz eigener persönlicher Büchner, davon war ich überzeugt. Ich war neunzehn. Wenn man Souffleur ist, dann kennt man den inneren Rhythmus des Textes. Seine Stärken und Schwächen. Die kleinen Pausen, das Zögern, das Tempo: beinahe überall offenbart sich zugleich die Hast, das Atemlose, Überhitzte, das gleichsam Fiebrige eines Autors, der manches zu überspielen hat und in Eile ist: er muß disponieren, drängen, muß aus seinen seismographischen Feststellungen ein Stenogramm machen, muß in Stichworten Unaussprechliches Hintergründiges beschwören. Wie später im 'Woyzeck', so ersetzen schon hier Satzfetzen ganze Sätze und werden gerade durch ihre Kürze zu genialischen Würfen, jederzeit verfügbar und jederzeit verwerfbar: sogar die Paralipomena sind voller Schätze. Und alles, Sätze, Fetzen, Bilder, ist in tiefe Melancholie gehüllt. Von Eichendorffs →Die Freier, das wir auch aufführten, kann ich auch noch große Teile, aber Leonce und Lena ist noch beinahe ganz in meinem Kopf. Meinen Lieblingsmonolog aus Leonce und Lena stelle ich mal eben hier hin:
Der Satz Die Luft so scharf und dünn, daß mich friert, als sollte ich in Nankinghosen Schlittschuh laufen ist in diesem Blog in mehreren Posts wieder aufgetaucht, die mit der Herrenmode und gelben Hosen zu tun haben (Beinkleider, Sir John Henry von Schroder, Biedermeier und Hosenkauf). Davon abgesehen war Büchner immer in diesem Blog: Georg Büchner, Theater, Landbote, Danton, Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?.
Ich habe noch ein wenig Bild und Ton zum Abschluss. Leonce und Lena, die letzte →Oper von Paul Dessau, die seine Ehefrau Ruth Berghaus 1979 auf die Bühne brachte, kann man als CD kaufen, aber bei YouTube gibt es leider nur kleine Schnipsel. Ich habe hier die Arie der Lena ✺Auf dem Kirchhof will ich liegen gesungen von Carola Nossek. Die Inszenierung erlebte nur wenige Aufführungen, was auch daran lag, dass Thomas Körner, der Autors des Librettos, die ganze Handlung von Büchners Stück von hinten nach vorn erzählte. Sie können →hier alles zu der Oper und der Inszenierung lesen.
Das Bild im ersten Absatz und dieses hier sind aus einem →Bilderbuch für Kinder ab vier Jahre. Es ist die Geschichte von dem Prinzen Leonce aus dem Königreich Popo und der Prinzessin Lena aus dem Königreich Pipi, nach Büchners Stück nacherzählt von Jürg Amann. Mit farbigen Zeichnungen von Lisbeth Zwerger.





































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