Donnerstag, 18. Juli 2019

Der Graf von der Insel


Nein, ich schreibe nicht über den Grafen von Monte Christo, ich schreibe heute mal eben über den französischen Dichter Charles Marie René Leconte de Lisle. Eigentlich hieß er nur Leconte, aber er fügte dem Namen ein de Lisle hinzu, weil er von einer Insel kam. Leconte de Lisle ist ein Wortspiel zu le comte de l’île, dem Grafen von der Insel. Die Insel, auf der Leconte geboren wird, heißt heute La Réunion, bei seiner Geburt hieß sie Île Bourbon, wenige Jahre zuvor war es die Île Bonaparte. Die Insel wird in diesem Blog schon in den Posts Mauritius und Waltz into Darkness erwähnt. Der französische Titel des Films ist La Sirène du Mississippi, fragen Sie mich nicht, weshalb. Auf deutsch heißt Truffauts Verfilmung des Romans von Cornell Woolrich übrigens Das Geheimnis der falschen Braut. Und im Gegensatz zu dem Roman beginnt Truffauts Film auf der Insel Réunion. Wie das Leben von Leconte de Lisle. Das natürlich nichts mit Catherine Deneuve zu tun hat, ich brauchte das nur als Aufmacher.

Der Dichter war einmal sehr berühmt, heute scheint Leconte de Lisle (der am 18. Juli 1894 starb) beinahe vergessen zu sein. Er hat klassische Philologie studiert und Ilias und Odyssée übersetzt. Die klassische Bildung scheint in seiner Dichtung immer wieder durch. Man kann das an dem Gedicht Die Aeoliden sehen, das es hier in deutscher Übersetzung gibt. Der Komponist César Franck hat es vertont, und viele Komponisten - wie zum Beispiel Debussy oder Marcel Prousts Freund Reynaldo Hahn - haben die Dichtungen von Leconte als Ausgangspunkt ihrer Kompositionen genommen.

Diese Karikatur zeigt uns den Dichter, der seine Gedichte unter dem Arm trägt (sein Werk findet sich übrigens ganz bei Wikisource), mit dem linken Arm trägt er einen Stuhl. Es ist kein gewöhnlicher Stuhl, wir können die Buchstaben V und H lesen, ein Zeichen dafür, dass Leconte der Nachfolger von Victor Hugo in der Académie Française sein wird und dessen durch den Tod freigewordenen Stuhl besetzen wird. Ob er wirklich auch noch Vergil übersetzt hat, wie das Tintenfass unten links andeutet, ist fraglich. Der Romanist Pierre Flottes führt in der Bibliographie von Lecontes Übersetzungen keine Vergil Übersetzung auf. Doch dass im Theater hinten im Bild Les Érinnyes gespielt werden, das ist richtig.

Les Érinnyes ist ein Versdrama im Stil der griechischen Tragödie, das auf Aischylos' Orestie beruht. Es wurde von Jules Massenet vertont, mit dem Leconte befreundet war. Obgleich die Aufführung ein großer Erfolg war, gefiel sie Leconte überhaupt nicht: il est vrai que la musique de Massenet n’ayant aucun rapport avec mes vers, mes situations et l’époque où se passe l’action, a dû par cela même attirer un plus grand nombre d’auditeurs que de spectateurs . Ces 80 musiciens font cependant un affreux tapage couvrant la voix de mes acteurs et me donnant des accès de rage (‘ ) Ce bruit infernal ( ) me donne des envies de meurtre ( ) c’est un affreux supplice, heureux les sourds.

Der Romanist Hugo Friedrich hat gesagt: Modernes Dichten ist entromantisierte Romantik. In seiner Dichtung wollte Leconte weg von der Romantik, wollte hin zu einer objektiven Dichtung. Was immer das ist, jede Zeit erfindet für sich eine Dichtungstheorie. L’histoire de la Poésie répond à celle des phases sociales, des événements politiques et des idées religieuses ; elle en exprime le fonds mystérieux et la vie supérieure ; elle est, à vrai dire, l’histoire sacrée de la pensée humaine dans son épanouissement de lumière et d’harmonie, sagte er in seiner Antrittsrede an der Akademie, die Victor Hugo gewidmet ist.

Man könnte zu ihm viel sagen, ein Blogpost reicht für sein Werk kaum aus. Die Verbindung mit Rilke, die im Wikipedia Artikel geäußert wird (Für deutsche Leser von speziellem Interesse ist sein Gedicht 'Le Rêve du jaguar' (deutsch 'Der Traum des Jaguars'), das Rainer Maria Rilke zu seinem Panther inspiriert haben könnte), wird allerdings von den meisten Romanisten nicht geteilt. Es gibt noch mehr Tiere in den Gedichten von dem Dichter aus Réunion, zum Beispiel La panthère noire oder die Elefanten. Les Élephants aus der Sammlung Poèmes barbare ist der erste Satz von Benjamin Godards Symphonie orientale. Und auch das Gedicht Le Colibri, das ich zum Schluss präsentieren möchte ist vertont worden, mehrfach. Hier die Version von Ernest Chausson.

Le vert colibri, le roi des collines,
Voyant la rosée et le soleil clair
Luire dans son nid tissé d'herbes fines,
Comme un frais rayon s'échappe dans l'air.

Il se hâte et vole aux sources voisines
Où les bambous font le bruit de la mer,
Où l'açoka rouge, aux odeurs divines,
S'ouvre et porte au coeur un humide éclair.

Vers la fleur dorée il descend, se pose,
Et boit tant d'amour dans la coupe rose,
Qu'il meurt, ne sachant s'il l'a pu tarir.

Sur ta lèvre pure, ô ma bien-aimée,
Telle aussi mon âme eût voulu mourir
Du premier baiser qui l'a parfumée

Ich habe dazu auch eine deutsche Übersetzung:

Der grüne Kolibri, König der Berge,
Sieht den Tau und das Licht der Sonne
In sein Nest aus feinem geflochten Gras erscheinen
Und fliegt in die Luft wie der strahlende Dämmer.

Hastig fliegt er zu den nachbaren Quellen,
Wohin der Bambus den Laut des Meeres trägt,
Wo sich die roten Aschoka ihre duftenden Flügel öffnen,
Die sein Herz mit einem Blitzschlag durchdringen.

Die güldene Blume wählt er als Stange,
Wo er so viel Liebe im Rosenblatt nippt,
Daß er stirbt, unwissend, ob er den Nektar ausgetrunken habe.

Ebenso auf deinen Lippen, oh, meine Geliebte
Hatte meine Seele vom ersten Kuß sterben wollen,
Mit dem sie parfümiert wurde.

Es würde zu lang, wenn ich jetzt noch mein Lieblingsgedicht von Leconte de Lisle präsentieren würde. Es heißt Mon poète, il est vrai und Wikisource hat den Text. Der Dichter hat es mit zwanzig Jahren geschrieben, ein halbes Jahrhundert vor der Aufnahme in die Académie Française, aber das dichterische Talent ist schon zu erkennen. Man kann mit der Übersetzungsmaschine DeepL eine deutsche Version des Gedichts erstellen. Aber so gut diese Maschine ist, sie macht auch witzige Fehler. Die dritte Zeile der dritten Strophe, J’approche doucement du sopha blanc et rose, übersetzt die Maschine mit Ich nähere mich langsam der weißen und rosa Sopha.Von einem Sofa ist da nicht die Rede. Da ich schon einmal bei dem Möbelstück bin, möchte ich noch William Cowper erwähnen, der das längste Sofagedicht der Literatur geschrieben hat. Da kriegt DeepL das mit dem Sofa aber richtig hin.

Sonntag, 14. Juli 2019

Kunsterziehung


Mach da noch irgendwo Rot rein, Jay, sagt der Maler Heinz Recker, Kokoschka hat das mit seiner roten O.K. Signatur auch gemacht. Ich habe meine blaue Periode, meine Bilder sind abgestufte Blauvarianten auf weißgrundierter Leinwand. Ich füge mich, das Bild vom Hamburger Rathaus und dem regennassen Rathausplatz bekommt ein freches rotes Jay Signet. Wahrscheinlich sitze ich als Strafe für diese Kokoschka Imitation ein Semester lang in Hamburg neben seiner Signatur auf dem riesigen Bild, das in einem Hörsaal im Erdgeschoss des Philosophenturms hängt. Die blauen Türme der Kathedrale von Amiens kriegen auf meinem Ölbild auch einen roten Fleck, da, wo die Glasrosette zwischen den Türmen ist.

Wir malen im Jugendheim Alt-Aumund, offiziell sind wir ein Volkshochschulkurs, aber der Heimleiter Hannes Meyer lässt uns viel Freiraum. Wir brauchen nicht jeden Bewerber für diesen Kurs aufzunehmen und dürfen auch noch malen, wenn er das Heim schon abgeschlossen hat. Die meisten von uns kommen vom Gerhard Rohlfs Gymnasium oder wie Renate vom Lyceum. Nur Traute kommt von der Kleinen Helle in Bremen, Recker hat sie mitgebracht. Alle außer mir werden Kunst studieren und werden Kunsterzieher. Nur ich habe den Absprung in diese Welt nicht gewagt, immerhin werde ich Kunstgeschichte studieren.

Und dabei hatte ich schon einen Fuß in der Tür, ich bin zusammen mit Uwe in LiLaLerchenfeld gewesen, um mich nach den Aufnahmebedingungen zu erkundigen. Das erste, was ich sah, war jemand auf einer langen Leiter, der eine rote Linie an die Decke malte. Als ich ihn fragte, was er da mache, hat er mir gesagt, dass das Kunst sei. Es hieße Endlose Linie. Ich denke mir, dass da kein Segen drauf liegt und lese auch wenig später in der Zeitung, dass es wegen der Endlosen Linie in der Kunsthochschule Lerchenfeld in Hamburg einen Skandal gegeben habe. Der junge Linienmaler, dessen Name mir damals nichts sagt, ist von seiner Dozentur zurückgetreten. Es ist der Beginn der Karriere von Friedensreich Hundertwasser. Es tauchen jetzt ja viele neue Künstler auf, deren 'Kunst' nicht so ganz in einer Kunsthalle in einen Goldrahmen passt. 

Uwe steht dem Ganzen aufgeschlossener gegenüber als ich, er schleppt mich auf eine documenta nach Kassel mit (wo ich mir allerdings lieber die Rembrandts angucke) und zu allen möglichen Happenings in Bremen. Komm mit, wir müssen uns Otto Muehl angucken, sagt er. Ich weiß nicht, wer Otto Muehl ist, aber er soll heute in der PH ein Huhn über einer nackten Studentin schlachten und dann das Blut auf sie tropfen lassen. Das ist jetzt Kunst. Wir sehen aber an diesem Nachmittag keine toten Hühner und leider auch keine nackten Studentinnen. Die Bremer Polizei hat den Ort des geplanten Happenings abgeriegelt. Otto Muehl wird Jahrzehnte später noch sieben Jahre in einem österreichischen Gefängnis sitzen, der Kunstvorbehalt gilt nun eben nicht für allen Quatsch. Wenn Yves Klein mit gewisser Eleganz blau angemalte Frauen aufs Papier bringt, dann ist das vielleicht noch Kunst. Muehl ist nur ein schweinigelnder Prolli.

Heinz Recker ist ein sehr guter Kunstpädagoge, er fördert behutsam die Fähigkeiten der einzelnen. Er kann das besser als viele Kunsterzieher an der Schule. Er wird auch dafür sorgen, dass seine Malgruppe zu einer richtigen Ausstellung kommt. Die Kunsthalle hat in den Wallanlagen eine kleine Ausstellungsfläche. Wenn man ehrlich ist, ist es eigentlich ein Bunkereingang zum Bunker unter dem Theaterberg gewesen, den man 1949 ohne Baugenehmigung zu einer Kunst-Krypta umfunktionierte. Die hat man nun gerade geschlossen, aber die Kunsthalle nutzt den Eingangsbereich (bis er 1968 eingeebnet wird) noch für kleinere Wechselausstellungen. Ich bin mit zwei Bildern dabei (Recker hat unsere Exponate ausgesucht), einem Portrait von Traute mit sehr blondem Blondschopf und einer Baggerseelandschaft in Eggestedt. Das Portrait von Traute schenke ich eines Tages dem Jugendheim, es wird da noch Jahre im Foyer hängen.

In der Volksschule habe ich immer eine Eins im Zeichenunterricht. Das Talent scheint in der Familie zu laufen. Onkel Karl, der Bildhauer (hier seine Statue von Maxim Gorki), besitzt es natürlich. Meine Mutter hat auch etwas davon abbekommen. Und ein Rest scheint offensichtlich auch bei mir durch. Meine Mutter wollte an die Kunstschule, aber da gab es dieses Nein des Vaters. Dafür wird sie ihn ewig hassen. Ich habe ihre Mappen aus ihrer Jugendzeit gesehen, jede Kunstschule hätte sie damit angenommen. Sie hatte Talent. Ich besitze eine Radierung von ihr aus den vierziger Jahren, wahrscheinlich ist es der Bullensee bei Rotenburg. Die würde da auch an der Wand hängen, wenn sie nicht von meiner Mutter wäre. Irgendwie kommt ihr dann auch der Krieg dazwischen. Man kann als Frau im Krieg schlecht an eine Kunstschule gehen, wenn man gerade zum Reichsarbeitsdienst muss.

Der Krieg, die Familie und das Zurechtwurschteln im Wirtschaftswunder haben die mögliche künstlerische Karriere meiner Mutter unterbrochen. Aber sie wird irgendwann wieder anfangen zu malen. Zuerst mit Kopien von Worpswedern. Da nimmt sie sich noch Zeit, und das Ergebnis ist auch gut. Erstaunlich, wie leicht doch Worpsweder zu fälschen sind. Zwischen ihren Overbecks und Modersohns und den Originalen ist kaum ein Unterschied zu erkennen. Es ist schade, dass sie sich nicht in dieser Phase an Otto Ubbelohde versucht hat. Später wird das immer kitschiger. Ich versuche, sie dazu zu kriegen, dass sie langsamer malt, Schicht für Schicht. Malen ist wie Johann Sebastian Bach spielen, nicht ein Stück von Chopin auf dem Klavier hinzukitschen. Aber sie hört leider nicht auf mich.

In den ersten Jahren am Gymnasium habe ich Werner Schnieders als Kunstlehrer. Der ist wirklich gut, handwerklich und pädagogisch. Und er wohnt in einem stilvollen kleinen Haus, das Ernst Becker-Sassenhof gebaut hat. Aber dann kommt für uns die Revolution. Sie hieß Waltraud Otto, trug einen schwarzen Pagenschnitt und war jünger als die anderen Lehrerinnen. Nicht wirklich, wie mir Kunzes Kalender beweist, aber sie sah jünger aus. Und ihr scharfes Outfit (wer außer ihr trug schon Hosen?) hatte nichts mehr mit dem BDM-Look der anderen Lehrerinnen gemein. Es wurde gemunkelt, dass sie die Assistentin von Willy Fleckhaus bei der Zeitschrift Twen gewesen sei.

Ich bin mal mit Uwe auf einer Tagung in Westerstede gewesen, Uwe wusste immer, wo Tagungen waren, bei denen man schulfrei bekommt. Da trat eine ältliche Kunstpädagogin mit Nickelbrille, Dutt und grauer Strickjacke auf, die ein Dutzend Exemplare dieser Zeitschrift als abschreckendes Beispiel für die Irrwege des Designs und die Gefahr der Verderbnis der Jugend herumreichte. Ich habe die dann alle mitgenommen. Das war eine pädagogische Maßnahme von mir, es sollte ja keiner in Gefahr geraten, solche Irrwege zu gehen. Unglücklicherweise stellte sich später heraus, dass die ältere Dame die Tante von Ute war. Damit bin ich bei Utes Familie endgültig unten durch, erst die Sache mit der Harry Belafonte Platte und nun auch noch Kunstbanause.

Nein, Fräulein Otto war definitiv die neue Zeit. Bei ihr durften wir in der Kunst AG im Zeichensaal auch herumlaufen, gucken, was die anderen machten. Zuhören, was sie den anderen sagte. Ende des Frontalunterrichts. Leider nicht, sie wird uns verlassen und zum Alten Gymnasium gehen. Die haben ja den Ruf in den schönen Künsten fortschrittlicher als wir zu sein. Und das ist auch wahr, seit der hervorragende Werner Schnieders pensioniert ist, sieht es bei uns in den Fächern Kunst und Werken kläglich aus. Das Gymnasium hat nur noch drei Kunstlehrer. Im letzten Jahr lande ich bei Frau Evers, die ich schon mal im Werkunterricht gehabt hatte (unser Werkunterricht in der Volksschule war besser). 

Die ist ein echter Flop, ich mochte sie nicht, sie mochte mich nicht. Von Kunstgeschichte, was damals ja noch unterrichtet wurde, verstand ich mehr als sie, das wusste sie auch. Ich durfte nur nichts Böses sagen, weil meine damalige Freundin Renate für sie schwärmte. Aber da ist mir die Schule längst egal, da male ich bei Recker. Lehrer für Kunst an einem Gymnasium müssen Pädagogen sein, müssen handwerklich versiert in verschiedenen Techniken sein, sollten einen Überblick über die Geschichte der Kunst haben und sollten auch etwas von Kunst verstehen. Meistens mangelt es Kunstlehrern an der einen oder anderen Fähigkeit. Recker ist Maler, er ist kein beamteter Kunstlehrer und dennoch ein vorzüglicher Pädagoge. Und er versteht etwas davon, wovon er redet. 

Aus der Gruppe unserer Secession vom gymnasialen Kunstunterricht, wird nur Uwe wirklich berühmt, er wird Kunstprofessor werden. Allerdings gibt er das Malen schnell auf, widmet sich dann der Radierung (er besitzt sogar eine eigene Presse). Ich versuche ihn noch für ein Projekt zu gewinnen, bei dem seine Radierungen meine Gedichte illustrieren sollen, aber nach sechs Radierungen geht das Projekt den Bach runter (ich hatte wesentlich mehr Gedichte). Unsere Freundschaft wird daran nicht zerbrechen. Er wird Skulpturen entwerfen, die alle etwas mit der Weser zu tun haben. Da kommen wir nun mal her. Eines Tages überrascht er mich damit, dass er sich voll auf Keramik konzentriert. Und wenn Uwe etwas macht, dann macht er das gründlich. Das rororo Sachbuch Keramik in der Reihe Deutsches Museum: Kulturgeschichte der Naturwissenschaften und der Technik im Jahre 1985 trägt seinen Namen. Es wurde in wesentlicher Neubearbeitung 2003 vom Deutschen Porzellanmuseum wieder aufgelegt. 

Ich wusste damals nicht, woran er schrieb (manchmal möchte man das ja auch niemandem sagen, man ist ja abergläubisch, solange es noch nicht fertig ist), er nervte mich mit Fragen nach einer guten englischen übergreifenden Technikgeschichte, als er beim Thema Industrial Revolution angekommen war. Entweder Du schreibst sie selbst oder Du nimmst J.D. Bernal, schreibe ich ihm. Wochen später kriege ich eine kryptische Karte, der ich entnehme, dass dieser geniale Kommunist mit seinem Buch Science in History genau das Richtige war, was jemand, der wie Uwe das Establishment hasst, in dieser Situation brauchte. Wahrscheinlich steht deshalb in dem Rowohltband vorne drin: Die Interpretation der Fakten gibt die Meinung des Autors, nicht die des Deutschen Museums wieder. Cool. Das Buch ist trotz dieser reservatio zu einem Standardwerk geworden.

Traute und ich lernen uns in Reckers Kurs kennen, sie kennt Recker privat und kommt nur seinetwegen einmal in der Woche nach Nordbremen. Zwischen Vegesack und Bremen sind Welten, trotz der 23 Minuten, die der Zug braucht (mit dem Trolleybus ist es länger). Außer Recker und der Malerei ist sie das Beste in diesem Kurs. Wir verknallen uns sofort ineinander. Sie sieht aus wie eine coole Blondine, aber sie ist kein bisschen cool und norddeutsch, eher leidenschaftlich. Wir sitzen in Bremer Bars, wir gehen zu Jazzkonzerten und gehen gemeinsam zu Partys und ihrem Abtanzball bei der Tanzschule Schipfer-Hausa. Da hat meine Mutter auch tanzen gelernt.

In Berlin, wohin wir mit unserer Malgruppe fahren (da wird gerade die Mauer gebaut), werden wir in einem Schuppen sein, der das Heißeste der Hauptstadt sein soll. Dieses oberste Stockwerk eines Hochhauses am Hohenzollerndamm, wo man nur mit einem Lastenaufzug hinkommt, ist schon etwas anderes als die Lila Eule in Bremen. Heute heißt sowas Disco, anfang der sechziger Jahre war das neu. Wir sind damals in den Umkleidekabinen des Schwimmstadions des Olympiastadions untergebracht. Da muss man abends um zehn zurück sein, sonst ist das Tor zu. Traute ist die einzige Frau, die ich kenne, die mit einem engen Rock elegant mitternachts über das Tor des Olympiastadions klettert.

Traute und ich stellen uns an der Schlange vor der Kinokasse vom Atlantis Filmkunsttheater in der Böttcherstraße an, um Ingmar Bergmans Das Schweigen zu sehen. Als wir an der Kasse sind, erfahren wir, dass der Film für die nächsten zwei Wochen ausverkauft ist. Na ja, eine filmische Unterweisung im Knutschen durch den schwedischen Meisterregisseur hätten wir eh nicht gebraucht. Wir knutschen immer leidenschaftlich auf dem Grambker Friedhof, es ist da schön ruhig und das Haus ihrer Eltern liegt in der Straße dahinter. Irgendwann lernt sie beim Studium im Hamburg einen jungen Geschichtsstudenten kennen, der schon Hilfskraft bei einem berühmten Professor ist. Sie weiß nicht, wie sie sich entscheiden soll, er scheint ihr etwas Solideres zu sein als ich. 

Zum Abschied werden wir im Nebel auf dem Deich von Lesumbrook entlanggehen, eine Inszenierung wie in Antonionis Il Grido. Wir können nicht voneinander lassen. Wir werden uns auch immer mögen, wenn sie längst ihren Historiker geheiratet hat. Der weiß das auch, und seine Eifersucht wird nie wirklich aufhören. Sie wird früh sterben. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod ruft sie mich an, ich sitze im Obstgarten meines Bruders an einem See in Schleswig-Holstein und habe da zum ersten Mal in meinem Leben ein mobiles Telephon in der Hand. So kann ich im Garten sitzen, während wir unser Leben und unsere Liebe Revue passieren lassen.

Ich bin mit ihm seit einem Vierteljahrhundert verheiratet, aber er ist immer noch eifersüchtig auf Dich, sagt sie. Sie weiß, dass sie in wenigen Monaten sterben wird, ihre Familie hat ihr zum Abschied noch einen Flug nach Hongkong geschenkt. Ich weiß nicht, was ich tun und sagen soll. Ich nehme mir nach dem Telephongespräch das neue Rennrad meines Bruders und knalle damit nach zwanzig Metern gegen das Hoftor. Niemand hat mir gesagt, dass dieses Rad keine Rücktrittsbremse hat. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Ich hätte jetzt gerne das Portrait von ihr im Jugendheim Alt-Aumund wieder zurück, aber in Vegesack weiß keiner, wo es geblieben ist. So bleibt mir nur das Portrait, das mein Gedächtnis aufbewahrt. Ich wage es nicht, ihr Bild noch einmal zu malen.

Die Universität Kiel hat einen Zeichenlehrer, wie ich zu meinem Erstaunen bei der Immatrikulation feststelle. Diese Position gibt es schon seit dem 18. Jahrhundert, der Maler Theodor Rebenitz hat den Posten im 19. Jahrhundert einmal gehabt. Jetzt hat ihn H.H. Jessen. Der ist eigentlich an der Muthesius Kunsthochschule, aber er gibt diesen Kurs im Rahmen des kulturellen Angebots des Studentenwerks, wo man ja auch Theater spielen oder Filmemacher werden kann. Jessen legt großen Wert darauf, dass er der Universitätszeichenlehrer ist, obgleich es diese Position eigentlich offiziell schon lange nicht mehr gibt. Bei ihm lernt man Zeichnen von der Pike auf. Im ersten Semester werden nur kleine Vierecke und Würfel gezeichnet, Perspektive geübt, Seiten zart schraffiert. Aktmodelle hätten jetzt natürlich mehr Pep, aber wir sind bei den kleinen Vierecken und Würfeln. Ich bin darüber eigentlich schon hinaus, aber meine Abstraktionen von Würfeln gefallen ihm ganz und gar nicht, also fange ich wieder ganz unten an. Zeichne blitzsaubere rechte Winkel, schraffiere parallel wie mit einem Lineal.

Detlev steigt an dieser Stelle aus dem Kurs aus, das hier ist unter seiner Würde. Detlev kann perfekt naturalistisch zeichnen. Sein Vater war Bauhausprofessor, er hat das Talent geerbt. Wir lernen alles über das Gewicht von Papierbögen, die Härte von Bleistiften, das ist schon substantiell. Allerdings wird es auch bei der langsamen Gründlichkeit Semester dauern, bis wir endlich draußen in der Natur sind. Dann ist unser Zeichensaal der alte Botanische Garten an der Kieler Förde. Inzwischen sind wir auch schon zu lavierten Federzeichnungen vorgedrungen. Ich sitze oben auf dem kleinen Pavillion und schaue über die Förde unter mir, warum das jetzt zeichnen? Mein Kopf speichert die Bilder sowieso.

Einmal wird Jesssen uns am Semesterende zu sich nach Hause einladen und wird am Ende des Abends Mappen voller Aquarelle hervorholen. Er ist im Krieg in einer Propagandakompanie gewesen und hat den ganzen Russlandfeldzug gezeichnet und mit farbiger Tusche laviert. Die Mappen sind chronologisch geordnet. Die ersten Bilder zeigen noch eine Sommerlandschaft mit Birkenwäldern. Die, von denen Hermann Bollenhagen gesprochen hat. Dann wird die Landschaft karger, die Grüntöne sind nicht mehr in der Landschaft, nur noch in den Wehrmachtsuniformen. Dann wird alles grau und weiß, der russische Winter ist da. Die Wehrmacht hat nicht so viel von Napoleons Feldzug gelernt. Auch wenn das Beresinalied der Schweizergarden damals noch in manchen Liederbüchern stand. Da, in der letzten Mappe, wo die Bilder immer weißer werden, wie das Ende von Arthur Gordon Pym, hätte auch das Bild Der Chasseur im Wald von Caspar David Friedrich eingeklebt sein können.

Mein Vater hat nicht nur ein halbes Dutzend Kapitäne zu Freunden, er kennt auch richtige Künstler. Willy Mrowetz geht bei uns ein und aus, bei seinem Bruder werde ich einmal Malunterricht haben, und beinahe immer wenn wir Oma in Blumenthal besuchen, fahren wir bei Willi Vogel vorbei, von dem dieses hübsche Bild der Vegesacker Strandstraße stammt. Willy Mrowetz ist mein Lieblingskünstler, er könnte auf dem Jahrmarkt als Schnellzeichner auftreten, er kann Zauberkunststücke, einen Salto aus dem Stand rückwärts (auch noch im hohen Alter), und gibt man ihm eine Puppe in die Hand, wird er zum Bauchredner. Seine Frau Elfriede ist ein Gesamtkunstwerk, sie muß Stunden des Tages vor dem Spiegel verbringen, um in solch abgestuften Farbtönungen von den Schuhen bis zur Spitze der beehive Frisur auftreten zu können. Und immer in anderen Farben. Ich bewundere das. 

Willy kriegt im Alter noch eine Beamtenstelle beim Bremer Bauamt und überwacht die an den Häusern Bremens angebrachte Reklame. Ich bin froh für ihn, dass er diese Stelle mit einer Rentenberechtigung noch bekommen hat, er ist sonst als kommerzieller Künstler nicht so erfolgreich. Nur vom Design für Kneipenschilder wie dem Weißen Hirschen in Walle kann man auch nicht leben. In dem Lokal gucken wir häufig bei der Rückfahrt von Bremen vorbei, mein Vater kennt den Wirt Rohlwing genauso wie die beiden Brüder Mrowetz seit den dreißiger Jahren. 

Die Zahnbehandlungen hat Willy bei meinem Vater immer umsonst. Dafür malt er auch den Partykeller mit weinflaschenschwingenden Mönchen aus und verziert das Wochenendhaus in Zwischenahn mit Darstellungen des Bremer Rolands, der Stadtmusikanten und so weiter. Willy redet kein Wort mehr mit seinem Bruder Emil, es muss da irgendwann ein Zerwürfnis gegeben haben, an dem auch die Ehefrauen nicht unbeteiligt waren. Emil ist ein ernsthafter Künstler, Manfred Hausmann wäre von ihm begeistert. Utes Tante auch. Er entwirft sakrale Skulpturen. Schon sein Vater war Bildhauer und Altarbaumeister. Er ist im gleichen Jahr geboren wie mein Vater, ist das neunzehnte von einundzwanzig Kindern. Wenn es nach mir ginge, dann hätte ich ja lieber Unterricht im Schnellzeichnen bei Willy gehabt, aber mein Vater schickt mich zu dem richtigen, großen Künstler. 

Gut, ich meine das damals ironisch, wir werden auch nicht miteinander warm. Er ist nett, keine Frage, aber er ist eben nicht Willy. Bei ihm ist alles durchgeistigt, er sieht auch so aus, wie man sich in den fünfziger Jahren einen durchgeistigten Künstler vorstellt. Er sieht ein wenig aus wie Arno Schmidt, aber vielleicht liegt das auch an der scheußlichen fünfziger Jahre Brille. Er ist auch kein Pädagoge, ich werde in seinem kalten Studio in der Neustadt nichts Substantielles lernen. Bei Recker lerne ich, wie man eine Leinwand grundiert, wie man Bleiweiß verwendet, wie man einzelne Schichten aufträgt, wie man den Spachtel einsetzt (mit dem Spachtel ist Recker gut). Das ist eigentlich das, was ich lernen will, the tricks of the trade

Emil Mrowetz' Bilder und Zeichnungen (von denen ich noch etliche besitze) sind wahrscheinlich auch nicht sein Hauptwerk, er wird für seine Reliefs und Skulpturen berühmter werden. Bis 1973 ist er Vorstandsmitglied des Bremer Künstlerbundes. Zu seinem 85. Geburtstag wird der Bremer Hauschild Verlag eine Werkschau seines Schaffens herausgeben. Manches von dem, was da abgebildet ist, steht oder hängt in den Wohnzimmern unseres Hauses. Er wird irgendwann von Bremen nach Uchte, dem Heimatort seiner Frau, ziehen. Dort wird es 2002 eine Emil Mrowetz Stiftung geben, die sein Hauptwerk ausstellt. Ich werde ihm und seiner Stiftung nach dem Tod meiner Eltern zahlreiche Werke schenken, was ihn sehr glücklich macht.

Ich hätte auch nicht gewusst, wo ich sie hätte hintun sollen. Ich bin gerade beim Umziehen und muß mich eh von vielem trennen. Gabi schickt mir eine Karte, auf der Claude Chabrol abgebildet ist. Daneben steht der Satz On ne peut pas tout avoir. Et puis d’abord où le mettrait-on? Mrowetz schenkt mir ein Aquarell aus den fünfziger Jahren im Gegenzug, wohin damit? Ich mag es nicht, aber den geschnitzten Frauenkopf von ihm aus den fünfziger Jahren habe ich immer behalten. Obgleich der als Kunstwerk nicht gegen die kleine Skulptur von Onkel Karl bestehen kann. Onkel Karl ist die internationale Moderne, der Frauenkopf von Mrowetz ist religiöses Kunstgewerbe.

Meine Karriere als Maler vertrocknet irgendwann wie die Ölfarbe. Ich verbringe mehr Zeit im Photolabor, das ich im Keller des Hauses habe (dort entwickle ich auch die Röntgenfilme für meinen Vater) als vor der Leinwand. Ich hätte ein guter Gebrauchsgraphiker werden können. Vieles, was heute als Kunst verkauft wird, hätte ich auch hingekriegt. Ich bringe gute Fälschungen von Jasper Johns American Flag zustande, die sich meine Freunde ins Wohnzimmer hängen. Meine blauen Meereslandschaften aus der Spraydose kommen auch gut an (sogar eine richtige dänische Malerin findet die gut). Ich zeichne für Heidi ein Kinderbuch Aus dem Leben eines Maulwurfs, aber das ist es dann auch. Ich kann ja nach der Pensionierung wieder damit anfangen, sage ich mir. Wie Gerhart Hauptmanns Michael Kramer weiß ich, dass mir der ganz große Wurf nie gelingen wird. Wenn ich das technische Können von Odd Nerdrum hätte, das wäre es gewesen. Nicht dass ich so gemalt hätte wie er, nur allein zu wissen, dass man so malen könnte. Wenn ich eines Tages mit dem Bloggen aufhöre und wieder einen Bleistift, eine Feder oder einen Pinsel in die Hand nehme, dann fälsche ich Aquarelle von Thomas Girtin oder John Sell Cotman, das habe ich mir schon fest vorgenommen.

Freitag, 12. Juli 2019

Hallo, hier spricht Edgar Wallace


In einem Kieler Photogeschäft konnte man vor vielen Jahren im Schaufenster einen Holzkoffer bewundern, der eine alte Leica mit viel Zubehör enthielt. Nun sind alte Leicas sicher etwas für Sammler, aber der Inhalt des Koffers war eine kleine Sensation: es war ein Geschenk von Edgar Wallace an seine Tochter Penelope. Kam mit der Rechnung eines Londoner Photohändlers und einem Brief von Wallace und war preislich mit 2.500 Mark sehr niedrig angesetzt. Ich war damals stark in Versuchung, das Konvolut zu kaufen, kaufte mir aber Jahre später eine alte Leica aus dem Jahre 1943. In deren Gehäuse witzigerweise auch der Name Wallace eingraviert war, das hatte allerdings nichts mit Edgar Wallace zu tun, viele Besitzer ließen sich damals ihren Namen in das Gehäuse der Leica eingravieren.

Bei 3sat ist mal wieder eine Wallace Woche, ich merkte das in der Statistik meines Blogs. Es waren nicht die langen Posts zu Edgar Wallace, nein, es war ein kürzerer Post, der immer wieder angeklickt wurde: Siefried Schürenberg. Der Mann scheint immer noch seine Fans zu haben. Die hat Schürenberg, der den etwas trotteligen Scotland Yard Chef Sir John spielt auch verdient. Man liebt es, wenn er immer wieder den Satz Aber das hätten sie doch berücksichtigen müssen bringt.

Lesen Sie auch: Edgar Wallace, Hexer, Zinker et. al., Siefried Schürenberg, Bond Girl, Dieter Borsche, Irritation

Mittwoch, 10. Juli 2019

Hawthornden Preis


Vor vierhundert Jahren ist William Shakespeares Schriftstellerkollege Ben Jonson zu Fuß von London nach Schottland gewandert, um im Hawthornden Castle den Dichter William Drummond of Hawthornden zu treffen. Worüber sie sich unterhalten haben, das weiß man, Drummond hat es aufgeschrieben. Heute vor hundert Jahren wurde der Hawthornden Preis zum ersten Mal verliehen, es ist der älteste englische Literaturpreis. John Buchan, der den klassischen Spionageroman The Thirty-Nine Steps schrieb, war einmal Mitglied der Jury. Die Werke, die ausgezeichnet wurden, sind sehr unterschiedlich, manche Werke und Schrifsteller kommen in diesem Blog vor. Wie zum Beispiel Robert Graves, Alan Bennett und David Lodge. Ich wusste nicht, dass James Hilton den Preis für Lost Horizon bekommen hat, aber dazu gibt es hier mit Shangri-La auch einen langen Post.

Im letzten Jahr hat Jenny Uglow den Preis für Mr Lear: A Life of Art and Nonsense bekommen, sie ist eine Autorin, die es sich immer zu lesen lohnt. Ob sie nun einen Preis bekommt oder nicht. Furchtbar viel Geld, das übrigens vom Tomatenketchup der Firma Heinz kommt, bringt der Preis nicht. Dafür aber großes Ansehen. Und jetzt muss unbedingt Dame Drue Heinz erwähnt werden, die im letzten Jahr im Schloss Hawthornden, das sie restauriert hatte, gestorben ist. Sie wurde dreiundneunzig Jahre alt und war die wichtigste Kulturmäzenatin des 20. Jahrhunderts.

Ich wollte immer schon mal einen kurzen Post schreiben, das ist mir heute wohl gelungen.


Dienstag, 9. Juli 2019

Hans am Ende


Das erste Bild des Worpsweder Malers Hans am Ende sah ich vor Jahrzehnten im Wohnzimmer der Eltern einer Freundin. Es war eine dieser Landschaften, die sofort Worpswede sagen. Es war ein großes Bild, zu groß für das kleine Wohnzimmer, es schrie förmlich danach, an den Wänden einer Kunsthalle zu hängen. Ich fragte, von wem das Bild sei, man sagte mir, dass es von Hans am Ende sei. Ich hatte den Namen noch nie gehört. Wir hatten zu Hause ein halbes Dutzend Overbecks, und ich kannte Leute, die Modersohns besaßen. Worpsweder waren chic im Bremen der fünfziger Jahre, selbst wenn es nur eine Radierung von Vogeler oder eine signierte Photographie von Hans Saebens war. Aber Hans am Ende, wer war das? Er ist wahrscheinlich heute noch immer der Unbekannteste aus der Worpsweder Gründergeneration.

Das hier sind der Maler Hans am Ende und seine Frau Magda vor ihrem vom Berliner Architekten Otto March (dessen Sohn das Reichssportfeld bauen wird) entworfenen Haus in Worpswede. Die große Villa war so gebaut worden, dass der Maler einige Räume an seine Schüler und Schülerinnen vermieten konnte. Paula Modersohn-Becker schrieb nach einem Besuch des Hauses in ihr Tagebuch: Ich war einen Abend bei am Endes, der wirkte wie warmer, lauer Frühlingsregen und Frühlingssonnenschein auf mein Gemüt. Die Zartheit der Liebe, mit der diese beiden Menschen verkehren, durchleuchtet ihr ganzes Häuslein mit rosenrotem Licht. Und jeder, der diese Atmosphäre atmen darf, muß auch zart und weich werden. 

Er ist eine weiche Künstlerseele mit strengem, keuschem Formensinn. Dürer und Donatello, Botticelli, die liebt er. Die hängen in schönen ernsten Rahmen an seinen Wänden. Und er lauscht den Schwingungen der andern Seele. Er versteht das Unausgesprochene und antwortet unausgesprochen. Dieses Zwiegespräch bringt das ganze Sein in liebliche Schwingungen. Und dann sein Weiblein. Sie hat ein Herz, vor dem man knien möchte. Sie haßt die Spinnen. Sie haben für sie etwas Niedriges. Und doch, wenn sie in ihrem Schmuckkästlein von Haus eine findet, nimmt sie ihre Feindin mit ihrer großen Liebe in dem kleinen Herzen und setzt sie hinaus vors Fenster, auf daß sie doch froh weiterlebe. 

Die von Otto March (dessen Neffe Werner Hegemann das berühmte Buch Das steinerne Berlin: Geschichte der größten Mietskasernenstadt der Welt schreiben wird) gebaute Villa ist heute ein Hotel. Der Barkenhof, das benachbarte Haus, das sich Heinrich Vogeler gebaut hatte, ist heute ein Museum. Weil Vogeler berühmter ist als Hans am Ende. Ich weiß nicht, aus welchen Gründen der Maler nie so berühmt geworden ist wie seine Kollegen. Es gibt nicht sehr viel Literatur zu ihm, keine relevanten Kataloge, Ausstellungen und solche Dinge.

Dabei ist er technisch, vor allem in seinen Radierungen, vielen seiner Kollegen überlegen, eine seltene Reife und Sicherheit der Technik attestierte ihm Rilke. Der Maler liebäugelt vielleicht auch ein wenig mit dem französischen Impressionismus, wie man an dieser Ölskizze sehen kann. Er selbst sieht sich kaum als Impressionisten, redet eher ironisch von den franzosentollen Impressionisten mit deutschem Namen. Den von Carl Vinnen initiierten Protest deutscher Künstler hat Hans am Ende selbstverständlich unterschrieben.

Rilke, der über den Tellerrand von Worpswede hinwegguckt, hat Hans am Ende den Daubigny vom Weyerberg genannt. Bei Daubigny fällt mir immer das scheußliche grün-schwarze Bild in der Kunsthalle Bremen ein, aber Daubigny hat natürlich auch ganz andere, hellere Bilder gemalt. Nach langen Jahren des Wartens muss an dieser Stelle auf ein Wunder hingewiesen werden: der Online Katalog der Kunsthalle Bremen funktioniert! Als die Worpsweder 1895 zum ersten Mal in der Bremer Kunsthalle ausstellten, konnte man bei einem Kritiker lesen: Vor allem Hans am Ende ... gelangte zu einer Landschaftsmalerei, die mit ihrer hellen Farbpalette und atmosphärisch dichten Bildwirkungen in die Nähe impressionistischer Bildsprache gelangte.

Hans am Endes Vater war Divisionspfarrer gewesen, und das Militär, in dem der Maler bis zum Hauptmann aufsteigt, wird sein Leben bestimmen. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, meldet er sich (wie sein Nachbar Heinrich Vogeler) sofort als Freiwilliger. Eigentlich ist er mit fünfzig zu alt für einen Frontoffizier, 1918 ist er tot. Sein Nachbar Vogeler ist da zurück auf seinem Barkenhof, nachdem er zuvor zwei Monate in der Bremer Irrenanstalt war, weil er dem Kaiser einen Friedensbrief geschrieben hat. Seine Ehefrau wird über den Tod des geliebten Mannes nicht hinwegkommen, sie schottet sich mit ihren Hunden immer mehr von der Außenwelt ab und begeht am Ende des Zweiten Weltkriegs Selbstmord.

Dieses Bild könnte den Eindruck vermitteln, dass der Hauptmann am Ende während des Krieges nur ein Schlachtenmaler gewesen ist. Er hat zwar immer wieder gemalt und gezeichnet, aber die weiche Künstlerseele von der Becker-Modersohn spricht, war ein pflichtbewusster Infanterieoffzier. Mit vorbildlichem Fleiß, mit eiserner Pflichterfüllung, bildete er seine Offiziere und Mannschaften zu echten deutschen Soldaten heran. Seiner rücksichtslosen persönlichen Tapferkeit, seiner nie versagenden Tatkraft, dankt das Regiment manchen schönen Erfolg, schrieb sein Kommandeur nach am Endes Tod über seinen an der Spitze seines Bataillons auf dem Schlachtfelde von M verwundeten Offizier.

Der Ortsname wird aus Geheimhaltungsgründen nicht angegeben. Das M steht für Messines, wir sind in der Vierten Flandernschlacht. Hier aus dem Flugzeug von Hans am Endes englischen Malerkollegen Richard Carline gemalt. Der Kemmelberg hier ist mir seit Kindertagen vertraut, mein Opa war in der Ersten Flandernschlacht. Die Verwundung bei dem Sturmangriff schien am Anfang nur leichter Art zu sein, doch der Granatsplitter hat innere Organe verletzt. Hans am Ende stirbt am 9. Juli 1918 in einem Lazarett in Schwerin an den Folgen der Verwundung. Seine Beisetzung fand in Bremen statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand man sein Grab in den Trümmern des Friedhofs, man brachte den Grabstein nach Worpswede und setzten ihn mit auf das Grab seiner Frau.

Hans am Ende gehörte mit Fritz Mackensen, mit dem er seit seiner Miltärzeit befreundet war, und den Malern Otto Modersohn, Heinrich Vogeler und Fritz Overbeck zu den Gründern der Worpsweder Künstlerkolonie. Mit Ausnahme von Mackensen, der ihn nach Worpswede gelockt hatte, hatte er in dem Bauerndorf wenig Freunde. Aber er hatte Schüler. Zum Beispiel Walter Bertelsmann, den man als den letzten Worpsweder bezeichnet hat. Und die Bremerin Anna Feldhusen wird bei ihm die Kunst der Radierung erlernen. In der er auch seinen Nachbarn Vogeler unterrichtet. Hans am Ende ist der erste Worpsweder, der sich der Druckgraphik zuwendet. Da ist Rembrandt sein großes Vorbild, aber auch Max Klinger ist für ihn interessant.

Die Radierungen haben insbesonders Rainer Maria Rilke interessiert, der ausführlich über sie geschrieben hat: Dann giebt es ein zweites Blatt. Ein Haus, hell, weit zurückgeschoben, am Rande einer Blumenwiese. Dünne Birken stehen licht davor und werfen lange Morgenschatten in das Gras. Und dann giebt es ein Bild: Blütenbäume, nichts als eine Reihe blühender Bäume in weitem ebenen Land; eine Frau, die die Arme hebt, ein Kind: Millet klingt an, aber es ist noch mehr wie Jacobsen es geschrieben hat: »Blütenweiß stehen, Bouquette von Schnee, Kränze von Schnee, Kuppeln, Bogen, Guirlanden, eine Feenarchitektur von weißen Blüten mit einem Hintergrunde von blauestem Himmel«. Solche Momente sind köstlich: wie wenn man am Abend bei einem einsamen Landhaus vorübergeht; man hört Musik, aber, wie man stehen bleibt, um zu lauschen, ist sie verklungen. Und nun steht man und wartet. Es sind Minuten voll Nachklang, Stille und Ungewißheit. Was wird nun kommen: etwas Frohes, etwas Mächtiges oder wird man hören wie das Klavier geschlossen wird? So sind diese Blätter, so ist dieses Bild: Pausen, Intervalle voll Nachklang, Stille und Ungewißheit. Sie sind selten bei Am Ende, dessen Kunst eigentlich Musik ist.

Was wäre aus Hans am Ende geworden, wenn er nicht 1918 gestorben wäre? Wäre er Nazi geworden wie sein Freund Fritz Mackensen? Wir wissen es nicht, konservativ und national ist er durchaus gewesen, er teilte viele der Anschauungen, die Mackensen schon früh äußerte. Denn beinahe gleichzeitig mit der Gründung der Worpsweder Künstlerkolonie war das Buch Der Rembrandtdeutsche von Julius Langbehn erschienen, eine Kulturgeschichte der Heimatkunst, die direkt zum Nationalsozialismus führte. Wir lassen mal diese Spekulationen und geben Rilke das letzte Wort:

Hans am Ende malt Musik, und die Landschaft, in der er lebt, wirkt musikalisch auf ihn. Darum sieht er sie nicht mit der stillen, sachlichen Ruhe des Malers an und versenkt sich nicht in sie mit des Dichters lauschenden Sinnen. Er ist ergriffen von ihr, hingerissen, emporgehoben und hinabgezogen. Er malt sie, gleichsam im Kampfe mit ihr; als ob einer die Welle malte, die über ihm zusammenschlägt. Darum wächst sie ihm so über alle Maße hinaus, darum haben seine Formen, obwohl sie so stark und wirklich sind, doch etwas Unabgeschlossenes: als ob sie noch weiter wachsen wollten, um, wie jede Form in der Musik, endlich, an einem Punkte höchster Spannung, abzubrechen, sich aufzulösen, ein neues Leben zu beginnen.


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Sonntag, 7. Juli 2019

wegrennende Frauen


Im wirklichen Leben kommt es nicht so häufig vor, dass die Braut am Altar nicht ich will sagt. Oder aus der Kirche rennt. Oder von einem ganz anderen als ihrem Ehemann aus der Kirche geholt wird und ihm dann folgt. Im Film kommt so etwas natürlich immer vor. Wir lieben The Graduate weil Dustin Hoffman Katherine Ross (die hier einen viel gelesenen Post hat) vom Altar wegholt. Und weil Simon und Garfunkel The Sound of Silence singen, wenn die beiden im Bus sitzen.

Sie kennen sicher auch diesen Film, in dem sich die Braut in der letzten Minute anders entscheidet. Der fiel 1956 bei der Kritik durch, flimsy as a gossip-columnist's word, schrieb die The New York Times. Und Halliwell's Film Guide (der dem Film keinen Stern gibt) bemerkte: Cold, flat, dull musical reworking, with ill-cast performers and just a few bright moments. Dass der Film überhaupt funktioniert, liegt nur an der Musik von Cole Porter. High Society war nichts als ein schamloses Re-Make von einem Film der 30er Jahre, der The Philadelphia Story heißt. Und der bei Halliwell vier Sterne bekommt, weil er ein Klassiker ist, in dem es ironische Sätze gibt wie: The prettiest sight in this fine, pretty world is the privileged class enjoying its privileges.

Und mit den dreißiger Jahren sind wir auch bei den Anfängen dieses Typs von Film. Wenn Elizabeth Kendall für ihr Buch über die romantischen Komödien Hollywoods den Titel The Runaway Bride: Hollywood Romantic Comedy of the 1930's wählt, dann sind wir natürlich bei den wegrennenden Frauen. The Runaway Bride ist nur der Titel eines Buches, es ist auch Film mit Julia Roberts, über den ein Kritiker schrieb: "Runaway Bride" is a film that plays it safe to paint a pretty picture. At its best, it is a passable entry into the romantic comedy genre, though it pales in comparison to the riskier and ultimately more fulfilling ones, such as "Shakespeare in Love" and "My Best Friend's Wedding". At its worst, "Runaway Bride" is a cloying and annoying feel-good movie whose toying with audience emotions ultimately wastes both the talents of its actors and the promise of its premise.

Einer der ersten Tonfilme mit einer flüchtenden Braut kommt 1931 in Deutschland mit Jenny Jugo in der Hauptrolle unter dem Titel Ich bleib bei Dir  (oder Mary's Start in die Ehe) in die Kinos. Erfolgreicher als dieser Film ist das englische Re-Make There Goes the Bride (in dem David Niven seine erste Rolle hat). Wenn Sie den Filmtitel anklicken, können Sie den ganzen Film sehen. In diesem Blog wird an nichts gespart.

Je häufiger das Motiv der runaway bride gebraucht wird, desto stärker verflacht es. Wenn es schon in Serien wie Grey's Anatomy wandert, wo eine gewisse April gerade mit einem Matthew vor dem Traualtar steht und dann mit diesem Jackson flieht, dann ist das Thema eigentlich tot. Aber flogging a dead horse gehört offenbar zu den Grundprinzipien der Unterhaltungsindustrie.

Ich komme auf das Thema der wegrennenden Frauen, weil ich letztens im TV einen dieser Filme gesehen habe. Er hieß Die Braut sagt leider nein, war die Verfilmung eines Romans von Kerstin Gier. Der Film von Vivian Naefe, die sich auf Frauenfilme spezialisiert hat, war Teil einer Reihe, die Chaos-Queens heißt, von der es 4 Folgen gibt. Wurde vom ZDF als Herzkino angepriesen. Herzkino, sagt das ZDF, ist unsere Alternative zum Krimi. Ob als Komödie, als Melodram oder als Liebesfilm. In 90 Minuten geht es hier um das, worauf es ankommt im Leben. Um Familie und Freundschaft, und die Frage, wann man loslassen darf und muss. Über dieses Ding genannt Glück – und das Unglück, ihm gefühlt andauernd nur hinterher zu laufen. Und über die Liebe, und die eine ewige Frage „Ist er der Richtige?"

Die Hauptrolle des Films spielte Adina Vetter, die sich in kleinen Nebenrollen bei Wilsberg und Schimanski zur Schauspielerin am Wiener Burgtheater hochgearbeitet hatte. Ihren größten Erfolg hatte sie in der satirischen Serie Vorstadtweiber (hier mit ihrem Ehemann Lucas Gregorowicz in einer Filmszene). Ihren besten Szenen aus der ersten und zweiten Staffel können Sie hier sehen. Die Vorstadtweiber waren böse, alles, was wir in den letzten Monaten aus der österreichischen Politik zu hören bekamen, kam hier schon vor. Manchmal denke ich, dass die deutsche Politik eigentlich auch nur Satire und Comedy ist. Im Fall der Nominierung von Ursula von der Leyen sicherlich.

Also, Adina Vetter spielt die Braut, die sich zum Schluss vor dem Altar anders entscheidet. Und hier ist sie auch noch schwanger, aber sie will ihren Verlobten trotzdem nicht heiraten. Es ist eine Komödie, Herzkino, aber es tut nicht weh. Ich habe das nur gesehen, weil bei der Wetterlage meine kleine Zimmerantenne die Hälfte der Fernsehprogramme nicht empfangen konnte. Das mit dem Wetter kenne ich schon. Sie wohnen gut, hatte der Fernsehtechniker gesagt, aber empfangstechnisch gesehen wohnen sie schlecht. Aber wegen des Fernsehens zieht man nicht um.

Die Braut sagt leider nein ist ein harmloser Film. Wenn man Ehekomödien mag, dann könnte man auch My best friend's wedding sehen, vor allem wegen der Musik von Burt Bacharach. Eine gute Filmmusik hat Die Braut sagt leider nein nicht. Nix von The Sound of Silence oder I say a little prayer for you. Das Fehlen einer guten Filmmusik wird wettgemacht durch die körperlichen Vorzüge der Hauptdarstellerin. Die zeigt nämlich mehr Bein als die Kessler Zwillinge und trägt kürzere Röcke als Uschi Nerke. Wenn Sie die nackten Beine von Adina Vetter sehen wollen, dann können Sie das hier bis zum 22. September tun.

Donnerstag, 4. Juli 2019

Sommerkino


Ich kam aus dem Supermarkt bei mir um die Ecke, als ich diese schöne Frau barfuß auf der Straße tänzeln sah. Es war ein heißer Sommertag, ich hatte mir gerade ein Langnese Cremissimo Eis geholt. Langnese nehme ich immer. Ich habe mal kurzzeitig mit Häagen-Dazs geflirtet, bin aber reumütig zu Langnese zurückgekehrt. An meinem ersten Tag an der Hamburger Uni hatte ich mich in der langen Schlange bis zur Essensausgabe vorgearbeitet, als mir ein Mann mit einem weißen Kittel und der roten Aufschrift Langnese auf der Brusttasche noch einen Teller in die Hand drückte. Und eine Riesenportion Eis darauf plazierte. Bei der Firma Langnese war ein Kühlaggregat ausgefallen, und da hatten sie eine halbe Tagesproduktion zur Mensa der Hamburger Uni gebracht. Fand ich intelligent. War so ziemlich das Beste, was mir am ersten Tag an der Uni passierte. Meine hübsche Nachbarin im Karoviertel hatte ich noch nicht kennengelernt. Man kann nicht alles an einem Tag haben.

Ich komme jetzt also mit meiner Langnese Packung aus dem Supermarkt, und vor mir auf dem Bürgersteig tanzt diese schöne Frau, barfuß. Wäre ich François Truffaut gewesen, ich hätte ihr sofort eine Hauptrolle in meinem nächsten Film angeboten. Und sie sofort geheiratet. Aber das ging nicht. Erstens war ich nicht François Truffaut, und zweitens hatte sie schon einen Mann. Der lehnte sich gelangweilt an seinen schwarzen SUV, Potsdamer Autonummer, der im Halteverbot stand und rauchte. Betont mit der linken Hand, damit jeder seine Rolex sehen konnte. Er beachtete seine tänzelnde Frau nicht. War sie glücklich mit dem Typen? Was hatte sie in Potsdam für Nachbarn? Wolfgang Joop, Günther Jauch oder Alexander Gauland?

Die Frau hatte sich wahrscheinlich nur nach langer Fahrt die Beine vertreten wollen, aber dann war mehr daraus geworden. Sie trug ein bräunliches Sommerkleid mit kleinen gelben und grünen Blümchen. Ich hätte mir das den ganzen Nachmittag angucken können, aber dann wäre das Eis geschmolzen. Und sie hat bestimmt irgendwann zu tanzen aufgehört. Und mitnehmen konnte ich sie ja leider nicht. Aber das Bild für das Kopfkino, das nehme ich mit, a thing of beauty is a joy forever. Im meinem Kopf ist noch viel Speicherplatz für Bilder von schönen Frauen.

In dem Teil Teufelsmoor, der sich in dem Post 'Findorff' findet, habe ich über ein anderes Sommererlebnis geschrieben: Der Sonntagnachmittag, den ich da beschreibe, liegt über sechzig Jahre zurück, aber ich habe nichts von der Stimmung vergessen. Ich habe etwas geerbt, was in der Familie läuft, von dem ich manchmal nicht weiß, ob es ein Segen oder ein Fluch ist. Es ist dieses Gedächtnis. Ich kann mich an beinahe alles erinnern, noch nach Jahrzehnten. Ich kann es mir visuell wieder vor Augen führen, es ist auch ein eidetisches Gedächtnis. Ich habe den Kopf voller kleiner Filme. Manche Augenblicke im Leben, der genius loci mancher Orte, manche Stimmungen scheinen mich zu überwältigen. Ich scheine gleichzeitig alles zu sehen, hören, riechen. Es ist aber nicht immer schön, an manche Dinge möchte man lieber nicht erinnert werden. An diesen Tag im Moor schon.

Als ich aus dem Fenster schaute und mein Eis aß, war die Tänzerin verschwunden. Der schwarze Luxus SUV, also solch ein Teil, das man in London Chelsea Tractor nennt, war noch da. Die Tochter, die missmutig mit ihrem Smartphone spielte, saß immer noch im Auto. Der nerdige Ehemann lehnte sich noch immer gegen den Wagen. Er rauchte immer noch. Aber sie war weg. Vielleicht holte sie sich im Supermarkt ein Eis. Vielleicht Langnese?