Donnerstag, 16. Januar 2020

Sylvia Trench


Am Ende des Gesprächs verabreden sie sich für den nächsten Tag zum Golf. Aber das Spiel findet schon früher statt. Und nicht auf einem Golfplatz. Tell me... Do you always dress this way for golf? fragt der Herr in der Tür. I changed into something more comfortable. I hope I did the right thing, sagt sie, nur mit einer weißen Pyjamajacke bekleidet. Ansonsten ist sie nackt. Na ja, wir wollen die goldenen High Heels nicht vergessen, die man ja bekanntlich beim Golfen auf Perserteppichen trägt. Das sind diese typischen Situationen, mit denen ein Geheimagent Ihrer Majestät nach Dienstschluss leben muss.

Die beiden hatten sich in einem privaten Klub beim chemin de fer kennengelernt. Nicht jeder kommt in diesen Klub, ein elegant gekleideter Herr, der einen Eton Schlips trägt, muss draußen bleiben, ein Diener im Frack bringt seine Karte an den Spieltisch. Die elegante Dame in Rot verliert, der Herr im Dinner Jacket gewinnt, aber sie will weiterspielen: I need another thousand, sagt sie. Tausend Pfund Sterling sind in den sechziger Jahren eine Menge Geld.

Der Herr im Dinner Jacket ist dabei sich eine Zigarette anzuzünden, die er einem silbernen Zigarettenetui entnommen hat. Nicht aus der Zigarettenschachtel, wir sind in der feinen Welt. Clubland Heroes hat Richard Usborne sein Buch über die Helden der frühen englischen Spionageromane genannt. Und nun kommt der Dialog, der berühmt werden soll: I admire your courage, Miss... uh...? Trench. Sylvia Trench. I admire your luck, Mr...? Bond. James Bond. Ein Held stellt sich vor. Ein bedeutender Ornithologe, der James Bond hieß, wird fortan in Hotels gewisse Schwierigkeiten haben, wenn er sagt: My Name is Bond. James Bond.

Wenn die beiden im Film ihre Vornamen nennen, sind sie damit noch nicht beim Du. Das ist anders als bei der prolligen Zwangsduzerei bei Horst Lichter. Der hatte gestern seinen achtundfünfzigsten Geburtstag, ich erwähne das nur, weil einen Tag später, nämlich heute vor achtundfünfzig Jahren die Dreharbeiten zu Dr No, dem ersten James Bond Film, in Jamaika begannen.

Sylvia Trench wird von der Schauspielerin Eunice Gayson gespielt, sie ist das erste Bond Girl in der ewigen James Bond Saga. Wir werden sie in einem geblümten Bikini in dem zweiten Bond Film ✺From Russia with Love wiedersehen. Der Regisseur Terence Young kannte Eunice Gayson von den Dreharbeiten an dem Film ✺Zarak und wollte sie unbedingt für diesen Film haben. Er hatte ihr gesagt: You always bring me luck in my films. Wenn es nach Terence Young gegangen wäre, hätte man sie als eine Art running gag in den Filmen behalten, so wie man Lois Maxwell als Miss Moneypenny behielt.

Lois Maxwell hatte übrigens die Wahl gehabt, ob sie Miss Moneypenny oder Sylvia Trench spielen wollte. Sie nahm Miss Moneypenny, die andere Rolle enthielt ihr zuviel Sex. Wir können uns Lois Maxwell auch schlecht in solcher Bekleidung vorstellen. Aber From Russia with Love (aus dem dieses Filmbild ist) bedeutete leider das Ende von Sylvia Trench. Eunice Gayson tauchte noch in Serien dieses Genres auf wie in The Invisible Millionaire neben dem späteren James Bond Roger Moore oder in Mit Schirm, Charme und Melone.

Ich habe Ian Flemings Dr No (hier im Volltext) damals nicht gelesen. Was ich 1962 gelesen habe, das weiß ich genau, weil ich es aufgeschrieben habe (lesen Sie mehr dazu in dem Post perlegi). Die Bücher waren ja damals auch keine Renner (lesen Sie mehr dazu in dem Post Ian Fleming), Fleming war einer von vielen Autoren in diesem Genre. Und es war ja auch ein klein wenig komisch, dass ein englischer Geheimagent es den Großmächten in einer Zeit, als England politisch keine Rolle mehr spielte, zeigt, dass die Engländer immer noch das Great Game (wie Rudyard Kipling es nannte) spielen und die Welt retten konnten. Auch wenn sie das Empire verloren längst hatten. Fleming selbst hat seine Romane nicht wirklich ernstgenommen: Probably the fault about my books is that I don't take them seriously enough... you after all write 'novels of suspense' - if not sociological studies - whereas my books are straight pillow fantasies of the bang-bang, kiss-kiss variety, schrieb er an Raymond Chandler. Wir wissen, dass Chandler der bessere Autor ist, aber in seinen frühen Romanen ist Fleming gar nicht so schlecht. Besser als die Verfilmungen auf jeden Fall.

Der Regisseur Terence Young hat in Dr No das Wunder vollbracht, aus einem prolligen Schotten namens Sean Connery, der mal schottischer Bodybuilding Meister, Milchmann, Bademeister und Sargpolierer gewesen war, einen englischen Gentleman zu machen (lesen Sie mehr dazu in dem Post Agentenmode). Young kommt aus der Oberklasse, war in Eton und Cambridge und Offizier in einem Garderregiment. Er ist der Dr Frankenstein, der sich in Dr No ein eigenes Geschöpf schafft, es heißt 007.

Terence Young erschafft auch noch ein anderes Wesen: eben diese Sylvia Trench, die mal locker tausend Pfund bei Baccarat verliert. Sie kommt im Roman nicht vor, mit keiner Zeile. Auch die Szene mit dem Spielclub steht nicht im Roman. Die Szene ist wohl aus Flemings erstem Roman Casino Royal (hier im Volltext) in den Film geraten, wo auch gleich am Anfang Baccarat gespielt wird.

In Flemings Roman Dr No gibt es eine Frauenfigur, sie heißt Honeychile Rider und ist nur wenig bekleidet. Im Film ist das Ursula Andress, die in der Branche Ursula Undress hieß. Nach ihrem Auftritt, wo sie wie Botticellis Venus aus dem Wasser steigt, sind die Umsatzzahlen des Bikini Verkaufs erheblich gestiegen. Ich lasse die Schönheit heute einmal weg, da sie schon einen Platz in dem Post George Spencer Watson hat. Ein Post, der aus Gründen, die ich mir nicht ganz erklären kann, mehr als fünftausend Leser gehabt hat.

Ich mag Terence Youngs Film Dr No, weil es einer der wenigen James Bond Filme ist, der sich noch halbwegs an die Romanvorlage hält. Die heutigen James Bond Filme haben ja mit Flemings Romanen nichts mehr zu tun. Eunice Gayson war vierunddreißig, als sie in dem Film auftauchte, kein junges Ding mehr. Aber sie hatte mehr Bühnen- und Filmerfahrung als Sean Connery, der an dem Drehtag so nervös war, dass er den berühmten Satz Bond. James Bond nicht heraus bekam:

I'd known Sean for years and I'd never seen him so nervous as he was on that day because of all these delays, hat Eunice Gayson in einem Interview gesagt. He had to say 'Bond, James Bond', but he came out with other permutations like Sean Bond, James Connery. 'Cut! Cut! Cut!' Terence Young told me to take him away for a drink - even though he was meant to be on the wagon - so I took him off for a drink or two and he came back on set and said, 'Bond, James Bond'. It was so wonderful. The day took off from that moment - he was so relaxed. Wenn man eine Frau wie Eunice Gayson neben sich hat, ob in der Schlafanzugjacke oder dem roten Kleid (das ihr viel zu groß war und durch Wäscheklammern im Rücken zusammengehalten wurde), dann kriegt man auch einen Satz wie Bond. James Bond hin.
- Carte.
- Neuf la banque.|- I need another thousand.
I admire your courage, Miss... uh...?
Trench. Sylvia Trench.
I admire your luck, Mr...?
Bond.
James Bond.
Mr Bond, I suppose you wouldn't|care to... um... raise the limit?
I have no objections.
Pas possible, madame. Ce n'est pas lgal.
- C'est suivi, monsieur.
Looks like you're out to get me.
It's an idea, at that.
- Huit la banque.
Neuf la banque.
- Excuse me, sir.|- Thank you.
Andr, I must pass the shoe.
I hope you'll forgive me,|but it's most important.
Thank you.
Have those changed, will you?
Too bad you have to go.|Just as things were getting interesting.
Yes.
Tell me, Miss Trench, do you play any|other games? Besides "chemin de fer"?
Hmm. Golf,
amongst other things.
- Tomorrow afternoon, then.|- Tomorrow? Let me see...
And, uh, we could have dinner|afterwards, perhaps?
Sounds tempting.
May I, um,
let you know in the morning?
Splendid.
My number's on the card.
See if he's th

Read more: https://www.springfieldspringfield.co.uk/movie_script.php?movie=dr-no

Dienstag, 14. Januar 2020

Arturo Benedetti Michelangeli (once again)


Vor neun Jahren habe ich am 5. Januar in dem Post Arturo Benedetti Michelangeli über ihn geschrieben. Am 5. Januar 2020 habe ich über einen Tatort geschrieben, da hätte ich natürlich noch einmal über ihn schreiben können, denn das war sein hundertster Geburtstag. In dem Post vom 3. Januar 2011, der Victor Borge heißt, steht auch einiges zu dem italienischen Pianisten. In dem Post Glenn Gould vom 25. September 2010 auch. Bei Arte konnte man vorgestern die Sendung Ein unfassbarer Pianist: Arturo Benedetti Michelangeli sehen. Beinahe eine Stunde lang und noch bis zum 3. April 2020 verfügbar. Im letzten Jahr erschien bei Hänssler eine zehn CD Box mit Live Aufnahmen von den vierziger bis zu den sechziger Jahren. Ich weiß nicht ob man das braucht, ist aber mit 19,95 für zehn CDs preiswert.

Da wir 2020 das Beethoven Jahr haben, lassen wir Arturo Benedetti Michelangeli ein wenig Beethoven spielen, und zwar das Klavierkonzert No 1. Dirigent ist Carlo Maria Giulini. Als ich das bei YouTube suchte, stieß ich auf eine Aufnahme des Konzerts mit Rudolf Buchbinder. Eine zwei Jahre alte Aufnahme mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France, die bei arte noch bis zum 14. Dezember 2020 verfügbar ist. Die Aufnahme lohnt sich schon wegen des ersten Auftritts der ersten Geigerin Hélène Collerette mit ihrem sexy Kleid.

Die Aufnahme lohnt sich natürlich auch wegen Buchbinder. Der sieht auf allen Photos nie so ernst und abweisend aus wie Arturo Benedetti Michelangeli. Er sieht aus, als ob er Humor hätte, Michelangeli sieht nie so aus. Buchbinder ist nicht berühmt dafür, dass er Konzerte reihenweise platzen lässt, und es umgeben ihn auch kein Mythos und keine Geheimnisse. Er hat auch keinen Ferrari. Aber er ist ein hervorragender Pianist, der jetzt seit sechzig Jahren auf der Bühne ist. Rudolf Buchbinder wird in diesem Jahr viel Beethoven spielen.

Von mir ist im Beethoven Jahr nichts Sensationelles zu erwarten. Ich habe so ziemlich alles von ihm auf CD und LP, manches doppelt und dreifach, weil es ein Sonderangebot war, dem man nicht widerstehen konnte. Die Gesamtaufnahme der Klaviersonaten von der viel zu früh verstorbenen Dänin Anne Øland war zum Beispiel sehr preiswert, ich finde sie immer noch sehr charmant (hier einmal die ✺Nummer 10). Für die Klaviersonaten würde ich ansonsten Michael Korstick (den ich hier schon vor zehn Jahren erwähnte) empfehlen, die waren bei Oehms mal sehr teuer, jetzt bekommt man sie im 10er Pack schon für 28,99. Und Glenn Goulds Beethoven Aufnahmen erhält man heute schon zu einem Spottpreis. Das ist das Schöne am Beethoven Jahr, dass man das Wichtigste des Komponisten für kleines Geld bekommen kann.

Von den Klavierkonzerten mag ich die Nummer fünf besonders gern, ich besitze sogar die Noten und kann manche Passagen spielen. Wenn die Finger mitmachen und ich vorher einen kleinen Whisky trinke. Die Aufnahme von ✺Bruno Leonardo Gelber mag ich besonders, aber man kann natürlich auch ✺Arturo Benedetti Michelangeli hören. Rudolf Buchbinder hört sich seine eigenen CDs nicht an, die seiner Kollegen eigentlich auch nicht, aber dann hat ihn concerti überredet, an einem Blindtest teilzunehmen. Man hat dem Pianisten verschiedene Aufnahmen der unterschiedlichsten Komponisten vorgespielt und ihn raten lassen. Es war auch eine Buchbinder Aufnahme dabei, die hat er natürlich sofort erkannt.

Und dann kam eine Aufnahme von Arturo Benedetti Michelangeli vom zweiten Satz von Beethovens ✺Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111. Das ist der Satz, vor dem Adagio molto, semplice e cantabile, steht. Thomas Mann läßt in seinem Doktor Faustus eine Romanfigur namens Wendell Kretzschmar die Sonate erläutern und  Wie-sengrund und Grü-ner Wiesengrund dazu singen. Das mit dem Wiesengrund hat natürlich eine besondere Bedeutung. Buchbinder kommentierte das, was er da gerade eben gehört hatte mit: Ja, genau, sehr schön ist das! Ich weiß nicht, wer das ist, auf jeden Fall gefällt es mir sehr gut. (lauscht andächtig und offensichtlich angetan) Das könnte auch von mir sein, ist es aber nicht. Wer spielt das? Michelangeli? Er hat ja nur sehr wenige Beethoven-Sonaten gespielt. Diese Aufnahme habe ich nicht gekannt von ihm, das ist wirklich sehr gut gespielt.

Ich weiß jetzt nicht, was Buchbinder zu ✺Michael Korsticks Aufnahme gesagt hätte. Korstick, der an der Juillard School in New York studiert hatte, bekam dort schnell den Spitznamen Doctor Beethoven. Dem möchte ich noch die kleine Geschichte hinzufügen, die Sascha Selke auf der Seite von Oehms Classics über Korstick erzählt hat: Welche Musik ihm aber wirklich „am Herzen lag“, zeigte sich nach einem Juilliard- Konzert in der Alice Tully Hall in New York, in der Korstick die Sonate op. 111 gespielt hatte: als seine Freunde und Kollegen ihn in seiner Garderobe beglückwünschten, öffnete er die Knöpfe seines Frackhemds – und zum Vorschein kam ein rotes T-Shirt, auf dessen Brust ein Beethoven-Konterfei prangte.

Und zum Schluss habe ich hier noch eine Aufnahme von Beethovens ✺Klavierkonzert No 3. Und das aus einem besonderen Grund, der Pianist Fazıl Say, der auch alle Beethoven Sonaten eingespielt hat, wird heute fünfzig, dazu möchte ich herzlich gratulieren.

Sonntag, 12. Januar 2020

blaue Vasen


Zwei Vasen umrahmen ein Bild, übergroße japanische Vasen, die aus der Stadt Arita kamen. 1,88 hoch, mit Blumen und Vögeln geschmückt. Zu datieren irgendwo zwischen der Edo und der Meiji Periode. Sie sind für den Export hergestellt worden, so etwas stellt sich um 1880 kein Japaner ins Wohnzimmer. Die Vasen haben nicht immer im Bostoner Museum of Fine Arts neben dem Bild gestanden, erst 1997 sind sie durch eine Schenkung in das Museum gekommen.

Die Vasen gehörten der Familie von Edward Darley Boit, einem reichen Amerikaner, der selbst Aquarelle malt. Und der zu jenen reichen Amerikanern gehört, die wir expatriates nennen, die amerikanischen Maler John Singer Sargent und James Abbott McNeill Whistler gehören auch dazu. Diese amerikanischen Kosmopoliten finden wir am Ende des 19. Jahrhunderts überall, in London, Venedig und Paris, aber nicht in Amerika. Henry James sagte 1887: It sounds like a paradox, but it is a very simple truth, that when to-day we look for ‘American art’ we find it mainly in Paris. When we find it out of Paris, we at least find a great deal of Paris in it. Die japanischen Vasen haben die Familie Boit überall hin begleitet, sechzehn Mal sind sie über den Atlantik transportiert worden.

John Singer Sargent (der am 12. Januar 1856 geboren wurde) kennt die Boits. Er mag sie, weil sie gebildete Leute sind. Und Wagner lieben. Denn Sargent ist ein großer Liebhaber moderner Komponisten. Er fördert den Komponisten Gabriel Fauré, den er auch portraitiert hat, und er kann mehrere Opern von Richard Wagner auf dem Klavier spielen. Der in Florenz geborene Sargent ist selten in Amerika, aber wenn er 1887 in Boston ist, wird er Edward Darley Boits Gattin Mary Louisa malen. Es ist ein erstaunliches Bild, nicht nur wegen des gepunkteten Kleides. Henry James weiß, dass dieses Bild nicht zu den größten Werken seines Freundes gehört und seine Karriere nicht unbedingt fördern wird: Our dear Iza won't do him good — though she is wonderful and of a living! But she not only speaks — she winks — and the philistine will find her vulgar. Sie sieht wirklich ein klein wenig prollig aus, überhaupt nicht so wie die feinen Bostoner Damen in den Romanen von Henry James.

Die oben neben dem Bild stehenden blauen Vasen sind dieselben Vasen, die wir auf dem in Paris gemalten Bild von John Singer Sargent sehen können, das zuerst Portraits d'enfants hieß und heute allgemein unter dem Titel The Daughters of Edward Darley Boit bekannt ist. Als das quadratische Bild (das im Laufe der Zeit zweifelhafte Restaurierungen über sich ergehen lassen musste) 1882 in Paris ausgestellt wurde, erregte es großes Aufsehen. Nicht jedem Kunstkritiker gefiel das Bild der im Foyer eines Hauses spielenden Mädchen, vor allem nicht jenem Kritiker, der es mit four corners and a void beschrieb.

Henry James war von dem Bild begeistert: The artist has done nothing more felicitous and interesting than this view of a rich, dim, rather generalized French interior (the perspective of a hall with a shining floor, where screens and tall Japanese vases shimmer and loom), which encloses the life and seems to form the happy play-world of a family of charming children. The treatment is eminently unconventional, and there is none of the usual symmetrical balancing of the figures in the foreground. The place is regarded as a whole; it is a scene, a comprehensive impression; yet none the less do the little figures in their white pinafores (when was the pinafore ever painted with that power and made so poetic?) detach themselves, and live with a personal life. 

Two of the sisters stand hand in hand at the back, in the delightful, the almost equal, company of a pair of immensely tall emblazoned jars, which overtop them, and seem also to partake of the life of the picture; the splendid porcelain and the aprons of the children shine together, and a mirror in the brown depth behind them catches the light. Another little girl presents herself, with abundant tresses and slim legs, her hands behind her, quite to the left; and the youngest, nearest to the spectator, sits on the floor and plays with her doll. The naturalness of the composition, the loveliness of the complete effect, the light, free security of the execution, the sense it gives us as of assimilated secrets and instinct and knowledge playing together... [is] astonishing. Der Bostoner expatriate Henry James ist der beste Werbetexter, den Sargent haben kann. Was nicht jedem Kritiker gefällt, so schreibt ein anonymer Kritiker 1886 über Sargent: He is the Henry James of portraiture, and I can’t help wishing he were not — as I can’t help wishing Henry James were not the Sargent of the novel.

Man hat Kinder auf Gemälden lieber irgendwie etwas anders dargestellt als die Boit Geschwister. Also zum Beispiel so wie Penelope Boothby, oder so wie Sir Thomas Lawrence 1799 die Kinder von Ayscoghe Boucherett gemalt hat. Oder so, um in der Zeit von Sargent zu bleiben, wie Alice und Elisabeth Cahen d'Anvers, die Auguste Renoir 1881 gemalt hat. Die beiden Mädchen fanden die schier endlosen Sitzungen bei dem Maler furchtbar langweilig, waren aber glücklich jedes Mal diese schicken Kleider anziehen zu können. Wir sagen Ach, wie süß! wenn wir die beiden sehen, es ist ein sentimentales Bild, so etwas will John Singer Sargent auf keinen Fall malen. Das Bild kann eine andere Bedeutung bekommen, wenn wir auf das Leben der beiden Kinder sehen. Alice (in Blau) wird neunundachtzig Jahre alt werden, Elisabeth wird mit neunundsechzig auf dem Weg in das Konzentrationslager Auschwitz sterben.

Zwei Jahre vor dem Bild der Kinder von Edward Boit hatte John Singer Sargent die Kinder eines anderen Freundes, des Schriftstellers Édouard Pailleron, gemalt und das Bild im Pariser Salon ausgestellt. Es ist wie Portraits d'enfants ein Bild voller Geheimnisse, was geht in diesen beiden Kindern vor? Ich weiß nicht, wer beim Penguin Verlag auf die Idee gekommen ist, dies Bild als Cover für die Paperbackausgabe von Henry James' Novelle The Turn of the Screw zu verwenden, aber dies hier könnten Flora und Miles aus seiner Geschichte sein.

Das Leben der Marie-Louise Pailleron, die hier so geheimnisvoll guckt, wird nichts Tragisches haben wie das Leben von Elisabeth Cahen d'Anvers. Sie wird ein Schloss erben und 1930 den Grand prix de littérature de l'Académie française für ihr Werk als Literaturhistorikerin bekommen. Die kleine Marie-Louise hat Sargent gehasst. Das sagt sie in ihrer Autobiographie Le Paradis perdu: Souvenirs d'enfance. Für dreiundachtzig Sitzungen musste sie Modell sitzen. Und sie durfte ihre eleganten Seidenstrümpfe, die sie so liebte, nicht tragen, weil die den Maler irritierten. Eigentlich hätte Sargent wissen können, wie sich junge Mädchen fühlen, er ist mir drei Schwestern aufgewachsen.

Der deutsche Übersetzer von Jean Staffords Short Story Children are bored on Sunday wählte für die Geschichte den Titel Les Enfants S'Ennuient le Dimanche. Die Story war 1965 in dem Band Amerika Erzählt, den Titel habe ich nie vergessen. Und dieser Satz war vor vielen Jahren das Erste, das mir bei Sargents Bild der vier Töchter seines Freundes Ned Boit einfiel. Sind das hier glückliche Kinder, ist das eine glückliche Familie? Bei dem Familienbild von Albert Besnard hätten wir keine Zweifel. Aber hier? Ein Kritiker der Ausstellung schrieb über das Bild: The portraits… have something about about them that is… cold and cruel. They disturb me. Die Kunsthistorikerin Rebecca Bedell sagt in ihrem Buch Moved To Tears: Rethinking the Art of the Sentimental in the United States:

His presentation of the girls seems calculated not to invite empathetic engagement, but rather to frustrate and deflect it. The children pose before us, the three youngest more respectfully than the eldest, awaiting judgment or dismissal. Ambiguity, mystery, and an undefined yet pervasive unease disrupt ready sentimental responses ... Currents of feeling, dislocated from the children, suffuse the scene. They rise, in part, from the jarring unexpectedness of Sargent’s compositional choices: the small size of the girls in relation to the lowering space; their scattered, asymmetrical placement; the strange dark void at the center disgorging shadows that lurk behind the screen and eddy about the two older girls; and the sharp-angled thrust of rug and screen and pinafores that instead of directing attention to the girls as often as not point away from them and even out of the frame. These forms provoke feelings of instability, disquiet, and unease. While nothing in the girls’ facial expressions or postures suggests that they share these feelings, the emotions reside within them, heightening impressions of their vulnerability.

Im Jahre 2010 hat das Bostoner Museum of Fine Arts das Bild von Sargent an den Prado ausgeliehen, wo man das Bild neben Velazquez' berühmtem Bild Las Meninas plazierte. Dass beide Bilder etwas miteinander zu tun haben, war Kritikern schon früh aufgefallen. Sargent hatte 1879 im Prado das Bild kopiert, und er hatte diese Kopie in seinem Studio als er Portraits d'enfants malt.

Er hat das Bild im Herbst 1882 schnell gemalt (hier zwei Seiten aus seinem Skizzenbuch), angeblich gab es nur zwei Sitzungen, in denen die vier Mädchen posieren mussten; keine dreiundachtzig wie bei den Paillerons. Die vier Mädchen wussten, was es bedeutet, gemalt zu werden, ihr Vater ist ja selbst Maler (Sargent wird 1909 eine Ausstellung zusammen mit Edward Boit machen).

Sie brauchten sich auch nicht für das Bild feinzumachen, die weißen Schürzchen tragen sie immer beim Spielen über ihren Kleidern. When was the pinafore ever painted with that power and made so poetic? fragt Henry James, und jetzt kommen wir auf gefährliches Terrain. Diese kleinen Schürzen oder Überkleider sind im 19. Jahrhundert weiß. Weiß ist die Farbe der Unschuld, und das Weiß gibt Sargent die Gelegenheit, Licht und Schatteneffekte auf die Kittel zu zaubern. Das sieht auf diesem Ausschnitt von der kleinen Mary Louisa (das ist die ganz links) auch sehr sexy aus, sieht beinahe nach französischer lingerie aus.

Und nun kommt ein Professor namens David M. Lubin daher, der uns in seiner Dissertation Act of Portrayal: Eakins, Sargent, James versichert, dass alles auf dem Bild Inzest und Schweinkram ist. Das Buch hat mich bei ebay 5,48€ gekostet. Das war es wert, ich habe selten so gelacht. Glücklicherweise wird Lubin (der kein Kunsthistoriker ist) mit seiner Interpretation von Roger Kimball in dem Buch The Rape of the Masters: How Political Correctness Sabotages Art auseinandergenommen. Und Jane Van Norman Turano, die Herausgeberin des The American Art Journal, hat Lubins Buch in einer vernichtenden Rezension als a bizarre, perverse view of three American masterpieces bezeichnet.

Vielleicht hätten die Boits ihre Töchter lieber so gesehen wie dieses unbekannte Mädchen, das Sargent ein Jahr später malen wird, aber die Boits lassen dem Künstler freie Hand. Es gibt auch keine Belege darüber, dass Sargent Geld für das Bild bekommen hat (wenige Jahre später in seiner Londoner Zeit wird er tausend Pfund für ein Portrait nehmen). Er wollte dieses Bild unbedingt malen, er brauchte ein außergewöhnliches Bild für den Salon 1883, mit dem er seine Position als Portraitmaler der Pariser Gesellschaft festigen wollte. Er ist jetzt sechsundzwanzig Jahre alt, dies soll sein bestes Bild werden, ein Vorzeigestück, über das man spricht. Er braucht die Kundschaft der Reichen des Gilded Age. In the years to come he worked his way through the pages of 'Who'sWho,' then 'Debrett' and 'Burke's Peerage, sagt Stanley Olson in seiner Sargent Biographie, die manchmal wundervoll gehässig sein kann.

Aber wie ist das Bild einzuordnen, über das ein Kritiker schrieb, es sei composed from new rules; the rules of the game of four corners? Sind es vier Einzelportraits (es heißt ja Portraits d'enfants), die durch den Raum, durch Dunkelheit und Licht zusammengehalten werden oder fällt das Bild in die Kategorie conversation piece? Auf diese Bildgattung bin ich schon einmal eingegangen, als ich das Buch Conversation Pieces von Mario Praz vorgestellt habe. Doch gibt es wirklich eine Konversation in dem Bild? The longer you look, the more they deflect all efforts to read their relationships. This is a private sorority, and its codes will never be surrendered, schreibt M.J. Andersen im Wall Street Journal. Die Figuren erscheinen für den Augenblick wie erstarrt, eingefroren, es ist der Blick des modernen Photographen, den Sargent hat.

Die Dame hier im Vordergrund ist Erica Hirshler, Senior Curator am Bostoner MFA, sie hat das Buch Sargent's Daughters: The Biography of a Painting geschrieben (ich habe ✺hier auch noch einen schönen Vortrag von ihr), in dem alles steht, was man über Mary Louisa, Florence, Jane und Julia Boit (in der Reihenfolge von links aufgezählt) in Erfahrung bringen konnte. Keine von ihnen wird heiraten. So dominierend, lebenslustig und überschwenglich ihre Mutter war, davon haben sie nichts abbekommen.

Mary Louisa Cushing Boit, deren Vater sein Vermögen im Handel mit China (auch dem Opiumhandel) gemacht hatte, wird nicht mehr erleben, was aus ihren Töchtern wird. Sie stirbt schon 1894. Florence, die älteste Tochter, wird als erste sterben. Die kleine Julia (die mit der Puppe im Vordergrund auf dem chinesischen Teppich) wird Aquarellmalerin wie ihr Vater sein, wird mit ihrer Schwester Mary Louisa zusammenleben und einundneunzig Jahre alt werden. Jane in der Bildmitte im Hintergrund wird ihr Leben lang psychiatrische Hilfe benötigen. Hat Sargent das geahnt, als er Florence und Jane in die Dunkelheit des Bildes verbannte? Kurz vor dem Tode von Florence, vier Jahre nach dem Tod ihres Vaters, haben die Mädchen das Bild des Bostoner Museum of Fine Arts geschenkt.

Erica Hirshler hat gesagt, dass die kleine Julia die meisten Blicke auf sich zieht: Mothers always bring their children right up to Julia. It's so much fun, because she's so accessible and people use that figure that's painted so close to us to engage their children, because she's at child height. Wie gut, dass die Kiddies und ihre Eltern nicht wissen, was der Professor Lubin über sie gesagt hat. Das ist keine Puppe, die sie da hält. Das ist a sort of buffer zone, that obstructs both the head-on gaze of the viewer and the direct approach of light from the painting's lower left corner. 

What this buffer zone protectively blocks from our gaze and from the revealing light is Julia's pudendum, as though to disclaim it, deny it, forswear its existence. Julia may thus ... be characterized as thoroughly presexual and wholly unavailable to sexual investigation, whether scientific, artistic, or prurient. Nevertheless, that she protects her genital zone reflects how deeply sexualized she is, or how effective an act of repression this painting . . . must achieve in order to abide by an ideology of sexual innocence. Wir lassen diesen Unsinn besser unkommentiert. Stanley Olson bezeichnete Sargents Portraits d'enfants als a literary picture; it could support endless interpretation, fascination. Aber mit der endless interpretation kann er Professor Lubin nicht gemeint haben.

Mittwoch, 8. Januar 2020

Sir Francis Bourgeois


Die zwei Freunde, die Paul Sandby hier gezeichnet hat, sammeln Kunst. Links sitzt, etwas gelangweilt, der Maler Sir Peter Francis Bourgeois, rechts der Kunsthändler Noël Desenfans. Den Franzosen, der sich nach dem Studium erfolglos als Theaterautor versuchte, hatte es nach London verschlagen. Zuerst war er Sprachlehrer, dann hat er reich geheiratet und wurde Kunsthändler. Eher ein Liebhaber, der alles verkaufte, was er an den Wänden seines Hauses hängen hatte, als ein zielstrebiger Händler. Anthony Blunt hat über ihn gesagt: he became a friend of most of the leading artists, including Reynolds and Gainsborough, and he exasperated his rival dealers by his successful pose as a gentleman who only sold pictures out of consideration for his friends and not for profit. 

Seine erste Wohnung in London soll Desenfans bei dem reichen schweizer Uhrmacher Isaac Emmanuel Bourgeois gehabt haben, wo er sich mit dessen Sohn Francis anfreundete. Der schweizer Uhrmacher hatte für seinen Sohn eigentlich eine andere Karriere als die eines Malers im Sinn, Soldat soll der Junge werden. Isaac Bourgeois kennt den General George Augustus Eliott, den Verteidiger von Gibraltar (hier von Reynolds gemalt), den Sie schon aus dem Post Hoya kennen (auch bei Wilhelm Raabe kommt er vor). Eliott sagt seinem Freund Bourgeois zu, dass der Junge eine Offiziersstelle bei seinen Dragonern bekommen würde, wenn er alt genug sei.

Der junge Mann schaut sich die Welt des Militärs an, ist bei jeder Militärparade dabei. Auf jeden Fall steht das so in seinen Memoiren. Und was tut er? Er fängt an zu zeichnen. Er weiß längst, dass er Maler werden will, exchanging the sword for the more peaceful pencil, wird er in seinen Memoiren schreiben. Reynolds und Gainsborough, die er durch Noël Desenfans kennengelernt hat, haben ihn in dem Wunsch bestärkt. Die Basis für das Handwerk lernt er bei Philippe-Jacques de Loutherbourg, dessen Einfluß man in seinen Landschaftsbildern immer wieder spürt.

Francis Bourgeois ist kein wirklich großer Maler, aber er weiß, was der Markt verlangt. Ich habe schon in dem Post Tiermaler gesagt, dass es ein einträgliches Geschäft sein kann, in England Tiermaler zu sein, und so verziert der junge Bourgeois seine Landschaften mit Kühen wie auf diesem Bild. Das tut Goethes Freund Hackert (der hier einen Post hat) auch, aber dessen Bilder sind viel langweiliger.

Seine Landschaftsbilder haben etwas Skizzenhaftes, Lebendiges. Diese Uferlandschaft mit einem sich aufbäumenden Pferd ist wohl 1792 gemalt, wenn wir uns Menschen und Tiere wegdenken, würden wir vielleicht auf John Constable tippen, aber der hat noch gar nicht mit der Malerei begonnen. Bourgeois' kleinformatige Landschaften waren beim Publikum beliebt, sogar Reynolds hat ihm für einhundert Pfund Sterling ein Landschaftsbild abgekauft, das Bourgeois in nur vier Tagen gemalt hatte, und es in seinem Haus aufgehängt.

Noch einmal eine Küstenlandschaft, wir werden das Gefühl jetzt nicht los, dass die Wolken am Himmel ein bisschen aus der Retorte stammen. Dass sie Dekorationen sind, die ins Bild geschoben werden. Sie leben nicht wirklich, so wie die Wolken auf den Bildern von John Constable - Sie könnten jetzt mal eben noch die beiden Posts John Constables Wolken und limited and abstracted art lesen, denn ich will noch einen Augenblick bei den Wolken bleiben. Die sind gerade bei den Malern Mode geworden.

Loutherbourg, der auch für William Beckford und Lady Emma Hamilton Lichteffekte zauberte, war berühmt für seine Wolken, die wie hier bei der Lawine in den Alpen dramatische Bewegung in das Bild bringen. Man weiß kaum, wo die Lawine aufhört und wo die Wolken anfangen. Noch dramatischer sind die Wolken in seinem Bild Coalbrookdale at night, wir müssen an dieser Stelle einmal einflechten, dass Loutherbourg auch Theatermaler gewesen ist. Theatermaler sehen die Natur anders, man kann das auch bei Blechen beobachten. Sein Waldweg bei Spandau ist eigentlich eine reine Bühnendekoration.

Für die Hamburger Ausstellung Wolkenbilder: Die Entdeckung des Himmels hatte man in Altona etwas nachgebaut, was Loutherbourg erfunden hatte. Ein ⇨Eidophusikon, ein kleines Papiertheater mit Bewegungen und farblichen Effekten in der Landschaft, dazu gab es Harfenmusik. Das erste Lichtspieltheater war geboren. Die Kunsthistorikerin Ortrud Westheider sagt dazu: Das ist erdacht und zum ersten Mal gebaut worden von einem Maler, von Loutherbourg, der also Landschaften malte und der eben unter dem Eindruck auch (...) dieses Interesse für das Veränderliche gesagt hat, wir müssen ein Landschaftsbild hier entwickeln, was nicht statisch ist.

Und dann hat er (...) ein Theater erdacht, mit unterschiedlichen Plänen und Maschinerien für das Aufziehen von Wolken, von Gewitterstimmung, von Blitzen. Das ist natürlich noch sehr in der barocken Theatertradition, aber er hatte keine Schauspieler, er hat also rein ein Landschaftsbild in Bewegung versetzt, und das hatte eben den Effekt, das wirklich ganz wichtige Maler in der Zeit sich da auch für interessiert haben – so zum Beispiel Gainsborough ist ein ständiger Gast dieser Vorführungen gewesen, und wir haben das (...) für die Ausstellung jetzt zum ersten Mal rekonstruiert und das hatte hier auch einen Rieseneffekt. Bei diesem Bild hat Bourgeois alle Register der Natureffekte gezogen, es war 1793 sein diploma work, als er in die Royal Academy aufgenommen wurde.

Francis Bourgeois steigt auf in der Welt, 1787 wird er Associate der Royal Academy, 1793 Vollmitglied, ein Jahr später ist er der Landschaftsmaler von König Georg III. Der mag ihn nicht besonders, erlaubt ihm aber, den Adelstitel zu tragen, den Bourgeois vom polnischen König bekommen hat, den er in Warschau gemalt hatte. Als James Northcote Bourgeois 1794 malt, kann er sich Sir Francis Bourgeois, RA nennen. John Constable hat viel länger gebraucht, um als Mitglied der Royal Academy aufgenommen zu werden, aber der hatte auch keinen Noël Desenfans neben sich, der die Verbindungen knüpft. Bourgeois wohnt im Haus des Ehepaars Desenfans, und er steigt peu à peu in den Kunsthandel ein. Die beiden Herren, die auf dem Bild im ersten Absatz auf dem Sofa sitzen, werden die wichtigsten Kunstsammler ihrer Zeit werden.

Als Maler ist Francis Bourgeois heute so gut wie vergessen, als Kunstsammler nicht. 1780 hatten er und Desenfans, der auch der polnische Konsul in London war, vom polnischen König den Auftrag erhalten, eine Kunstsammlung zusammenzutragen. Sie bereisen fünf Jahre lang Europa und kaufen Kunst en masse. Aber dann gibt es Polen nicht mehr, Kriege mit Russland und Aufstände wie der von Tadeusz Kosciuszko beenden den polnischen Traum von einem polnischen Reich. Den General Tadeusz Kosciuszko (hier in London von Benjamin West gemalt) könnten Sie kennen, er hat hier schon einen Post.

Desenfans und Bourgeois haben jetzt eine Kollektion von 360 Bildern, niemand will sie haben. Desenfans bietet die Bilder 1799 der englischen Regierung an, aber die Pläne von Desenfans und Bourgeois für eine englischen Nationalgalerie stoßen auf taube Ohren. 1807 stirbt Noël Desenfans, er hinterläßt die gesamte Kollektion seinem Freund Bourgeois. Und der wird sie testamentarisch dem Dulwich College übereignen. Das ist eine alte private school, vielleicht nicht so berühmt wie Eton, aber zwei wichtige Schriftsteller des 20. Jahrhunderts sind hier Schüler gewesen: P.G. Wodehouse und Raymond Chandler. Für die Sammlung der Dulwich Picture Gallery wird Sir John Soane das Haus bauen, das hatte Bourgeois, der am 8. Januar 1811 an den Folgen eines Reitunfalls gestorben ist, so verfügt. Soanes Kunstmuseum ist zweihundert Jahre alt und sieht immer noch modern aus.

In seinem Buch Kunstwerke und Künstler im England und Paris schreibt der deutsche Kunsthistoriker Gustav Friedrich Waagen im Jahre 1837: Die Bildersammlung, welche jetzt dem Stift gehört, ist von Noel Desenfans, einem Kunstfreunde , gebildet, und dem Sir Francis Bourgeois vermacht worden. Dieser hatte die patriotische Absicht, damit den Anfang einer Nationalgallerie zu begründen, in sofern ein passendes Gebäude dafür aufgeführt würde. Als dieses nicht zu Stande kam, wandte er die Sammlung durch Ver- mächtnifs jenem, ungefähr vier Meilen von London gelegenen College, zu, wo sie vier Tage in der Woche gegen Billets, welche man gratis an verschiednenen Orten in London haben kann, dem Publikum gezeigt werden.

Die Dulwich Picture Gallery war die erste Kunstgalerie in England, die bewusst für die Öffentlichkeit gebaut wurde. Bis es die National Gallery und die Tate Gallery gibt, wird noch einige Zeit vergehen, die Wallace Collection öffnet erst im Jahre 1900. Die Dulwich Picture Gallery ist wahrscheinlich auch das einzige Kunstmuseum der Welt, in dem die drei Gründer begraben sind. Sir Francis Bourgeois, Noël Desenfans und seine Gattin Margaret (hier von Reynolds gemalt). Denn als man beim Bau des Museums in Geldnöte geriet, half Margaret Desenfans mit ihrem Privatvermögen aus. Sie hat auch ihre Möbelsammlung gestiftet, die immer noch im Museum zu sehen ist.

Man kann auch noch auf den Möbeln von Margaret Desenfans sitzen, nachdem man hier gerade geheiratet hat. Die Galerie vermietet ihre Räume für solche Zwecke, ein großer Saal für ein Festessen kostet 7.200 Pfund. Dass die Trauungen im Mausoleum der drei Galeriegründer vollzogen werden, finde ich ein wenig pervers, aber so bleiben die Gründer des Museums immer im Gedächtnis. Es gibt in dem Kunstmuseum nicht nur die Sammlung zu sehen, es werden auch ständig Wechselausstellungen organisiert. Die Rembrandt Ausstellung im letzten Jahr wurde weltweit beachtet. Auch weil jemand zwei Rembrandts klauen wollte, was ihm aber nicht gelungen ist. Irgendwie scheinen die Sicherheitssysteme in London besser zu funktionieren als in Dresden.