Dienstag, 11. August 2020

schöne Beine


Eine Dame nimmt ein Sonnenbad auf der Terrasse eines Châteaus in Südfrankreich. So etwas darf ein Maler malen. Zumal die Dame ja auch noch relativ züchtig bekleidet ist, obgleich ihre Shorts im Jahre 1933 schon etwas Gewagtes sind. Das Bild sieht ein klein wenig danach aus, als ob es ein Amateurmaler gemalt hätte. Ein Profi hätte die Dame anders im Raum plaziert, nicht so an die Wand gedrückt.

Dieses Bild zeigt dieselbe Frau. Es ist von einem Profi gemalt (der übrigens dem Maler des ersten Bildes mal Malunterricht gegeben hat). Er setzt die blonde Lady auf das Sprungbett eines Swimming Pools, und schon dominiert sie das Bild, weil ihre Beine in dieser provokativen Pose jetzt ganz anders ins Bild kommen. Das Bild, das in den dreißiger Jahren in Palm Springs gemalt wurde, besitzt eine erstaunliche Modernität, es nimmt ein wenig die Swimmingpool Bilder von David Hockney vorweg. Das Bild kam vor Jahren bei de Veres in Dublin zur Auktion, der Schätzpreis lag bei 50.000 bis 70.000 Euro, es wurde für 50.000 Ezro zugeschlagen.

Die Dame mit den schönen Beinen hat ein gesellschaftliches Leben außerhalb von Swimmingpools. Auf diesem Photo, das 1929 auf einem Kostümball aufgenommen wurde, ist sie als Nixe zu sehen, da verzichtet sie darauf, ihre berühmten Beine zu zeigen. Hans Christian Andersen hat sich seine kleine Meerjungfrau wahrscheinlich ganz anders vorgestellt. Wenn ich dieses schreiend komische Bild vor Jahren schon gekannt hätte, hätte ich es in dem Post Meerjungfrauen + Waldnixen plaziert.

Unser Amateurmaler, der die Frau mit den Shorts auf dem Sofa malt, ist von der schönen Frau fasziniert. What fun we had at Maxine's. It was beautiful having you there. You were once again a manifest blessing and a ray of sunshine around the pool. I wonder whether we shall meet again next summer, schreibt er ihr. Sie werden sich im nächsten Sommer sehen. Er wird sie auch wieder malen. Es ist jetzt vielleicht an der Zeit zu sagen, wer Maler und Modell sind. Und die Frage zu klären: Haben die beiden etwas miteinander?

Bleiben wir zuerst noch einmal bei den Swimmingpools. Hier sehen wir die Blondine mit dem Mann, den sie gerade geheiratet hat. Wenn eine schöne Frau solch einen Fettsack heiratet, muss sie dafür ihre Gründe haben. Die gibt es, denn durch die Heirat wird aus einer Jessie Doris Delevingne eine Viscountess Castlerosse. You may think it fun to make love. But if you had to make love to dirty old men as I do, you would think again, hat sie über ihre Karierre gesagt. Vorher war sie eine poule de luxe, jetzt ist sie eine Viscountess und hat ein kleines Krönchen auf ihrem Briefpapier und ihren Kissenbezügen.

Sie hat sich nach oben geschlafen. An Englishwoman’s bed is her castle, hat sie einmal gesagt. Auf irgendeine Art und Weise müssen der Rolls Royce, die glitzernden Kleinigkeiten von Cartier, die Kleider von Schiaparelli und die tausend italienischen Schuhe ja bezahlt werden. Die Viscountess hat schöne Beine, die zeigt sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit, hier in Deauville. 1956 schrieb der Punch: Legs, now, are relatively retiring; it was in the 1920s that they reached, with the shortest skirts, their greatest influence. On the screen, leg appeal was epitomized by Marlene Dietrich; in Society by Doris Delevingne. Mit der Dame neben ihr wird sie irgendwann ein lesbisches Verhältnis haben. Die amerikanische Millionärin kauft den Palazzo Venier dei Leoni und schenkt ihn ihr.

Die schönen Beine kann man natürlich, wenn man genau hinschaut, schon auf dem Bild des Amateurmalers im ersten Absatz sehen. Bei Sir John Laverys Bild im zweiten Absatz kommen die Beine richtig zur Geltung. Sir John, der auf diesem Photo mit seinem aristokratischen Modell am Schwimmbecken steht, hatte schon ein Portrait (ohne Swimmingpool und nackte Beine) von ihr gemalt. In züchtiger Kleidung (einem Reitkostüm aus dem 18. Jahrhundert - unsere Wassernixe verkleidet sich gerne) mit einem schwarzen Hut.

Die Zeitschrift Sketch nannte das Portrait a delightful example of the art of the President of the Royal Academy. Ihr Ehemann warf nur einen Blick auf das Bild und sagte: It may be art, which I doubt, but it isn't Doris. Das Bild wurde 1997 bei Sotheby's verkauft. Davon gibt es allerdings leider keine Abbildung im Internet. Aber bei mir schon, wenn Sie in diesem Auktionskatalog auf die Seite 28 gehen, können Sie das Bild sehen. Ganz klein. Auf dem Cartoon des Tatler sieht unsere Viscountess natürlich ganz anders aus (die National Gallery sammelt inzwischen schon Doris Castlerosse Cartoons)-

Sir John Lavery konnte Frauen malen, dies hier ist seine Ehefrau Hazel. Im letzten Jahrhundert schmückte die Schönheit die irischen Banknoten. Der Viscount Castlerosse ist mit Lavery befreundet, weil der wie seine eigene Familie aus Irland kommt. Sir Johns Frau schwärmte für den dicken Castlerosse, hielt allerdings überhaupt nicht von Doris. Sie sagt zwar nicht Doris could write a book called 'Around the World in Eighty Beds' wie eine andere Dame, aber so etwas Ähnliches hat sie schon gedacht.

Ich kann nicht nur ein Photo von der Viscountess mit ihrem Maler in Palm Springs anbieten, ich habe auch ein Photo, das sie mit dem Amateurmaler, der sie zweimal portraitiert hat, an einem felsigen Rivierastrand zeigt. Er ist etwas übergewichtig, aber er ist definitiv nicht ihr Ehemann, der Viscount Castlerosse. Wir alle kennen den Herrn, es ist Winston Churchill. Die Maler Churchill und Lavery kennen sich, 1915 haben sie sich gegenseitig portraitiert, und Churchill hat Malunterricht bei Lavery genommen. Der Daily Express titelte damals: Mr Winston Churchill is challenging the achievement of Sir John Lavery. He is painting a portrait of Lady Castlerosse. Lavery hat über Churchill gesagt, dass er, wenn er sich nicht so viel mit Politik und Regieren beschäftigt hätte, er einen sichereren Pinselstrich gehabt hätte.

Hier fängt die Geschichte an, spannend zu werden: Gibt es eine Liebesgeschichte zwischen Lady Castlerosse und Winston Churchill? Die Verehrer von Churchill bestreiten das vehement. Wenn es diese love story gegeben hat, dann ist sie zuende, als Lavery 1938 das Palm Springs Bild malt. Ihre Ehe mit dem Viscount ist auch gerade zuende. Den Titel Viscountess darf sie aber nach der Scheidung behalten. Was nach diesem Sommertag kommt, an dem sie die Beine im Wasser baumeln lässt, ist ein langsamer und stetiger Niedergang eines It-Girls mit schönen Beinen.

Dass sie aus New York mitten im Krieg einen Flug mit einer Boeing Clipper nach London bekam, dafür hatte der Premierminister Winston Churchill gesorgt. Nicht aus Erinnerung an die alte Liebe. Er hatte Angst, dass sie der amerikanischen Klatschpresse etwas über die Sommer im Chateau de l'Horizon erzählen könnte. Ihr ehemaliger Ehemann, inzwischen der sechste Earl of Kenmare, hatte sie von der Waterloo Station abgeholt. London war verdunkelt, er erkannte sie an der Stimme und ihrem Parfüm. Da sah er noch nicht, wieviel sie von ihrer Schönheit eingebüsst hatte.

Sie dinierten im Dorchester, aber sie hatten sich nicht mehr viel zu sagen. Sie nahm sich ein Zimmer im Dorchester, wo sie schon einmal da war. Bezahlen hätte sie es nicht können, sie hatte kein Geld mehr, ihre Brillanten hat sie in New York ins Pfandhaus getragen. Wenige Geschichten von Frauen, die sich nach oben schlafen, haben ein happy ending. Sie schüttet sich auf ihrem Zimmer einen Drink ein und kippt all ihre Schlaftabletten in das Glas. Man findet sie am nächsten Tag, bringt sie in das St Mary’s Hospital in Paddington, aber man kann nichts mehr für sie tun. Es gibt ein Gerücht, dass Lady Clementine Churchill dies Bild, das ihr Mann von Doris malte, verbrannt hätte. Aber das stimmt nicht, es hängt immer noch in Chartwell.

Diese schöne Frau mit den schönen Beinen, die hier neben dem jungen Prince Philip sitzt, hat auch den Namen Delevingne. Sie hat 1937 den Bruder unserer femme fatale geheiratet. Angela Cara Delevingne, die aus einer Adelsfamilie kommt, wird sich nicht nach oben schlafen. Sie wird ein Leben ohne Skandale führen und einhundertzwei Jahre alt werden. Ihre Enkelinnen, die Poppy und Cara heißen, werden berühmt und sind ständig in den Schlagzeilen, weil sie Models oder It-Girls oder was weiß ich sind. Sie sind auf jeden Fall das, was Kate Moss einmal war. Ihre Großtante Doris wäre sicher stolz auf sie.

Wenn Sie alles über die demimondaine, oder wie immer wir sie bezeichnen wollen, wissen möchten, dann lesen Sie The Mistress of Mayfair: Men, Money and the Marriage of Doris Delevingne von Lyndsy Spence. Sie können natürlich auch in diesem Blog in den Posts Lady Emma Hamilton, les grandes horizontales, Demimonde und Christine Keeler lesen, das sind alles ähnliche Lebenswege.

Sonntag, 9. August 2020

Frank Bramley (once again)


Ich bleibe noch mal eben bei dem Thema Kitsch, einem Thema, das häufig in meinem Blog auftaucht, zuletzt hier. Vor genau fünf Jahren habe ich hier über den englischen Maler Frank Bramley geschrieben, das hat aber kaum jemand gelesen. Der Post über seinen Zeitgenossen George Spencer Watson ist mehr als 5.000 mal angeklickt worden, ich weiß nicht, weshalb. Aber ich mag diesen Frank Bramley, deshalb gibt es das Ganze jetzt (mit erheblicher Überarbeitung und neuen Bildern) noch einmal. Dieses spätimpressionistische Bild aus dem Jahre 1909 kann man heute als Poster, Kissenbezug und Teebecher kaufen. Der Kunstkritiker des Burr McIntosh Monthly konnte 1909 nicht so viel mit dem Bild anfangen:

Thus in Frank Bramleys 'Delicious Solitude,' which I have illustrated here, the face of the girl is all but hidden by her hat. There is no appeal whatever to our personal preference for, or interest in a certain type of face and character. We see her in an absolutely impersonal way, and can, if we are so minded, enjoy the abstract beauty that the mass of her figure shows. Wir brauchen das Gesicht der jungen Dame nicht zu sehen, dies ist eine Studie in Licht und Farbe, vielleicht ein ganz klein wenig kitschig.

Aber es ist weit entfernt von der Modernität, mit der Peder Severin Krøyer seine Frau Marie im Liegestuhl sitzend im Garten von Madame Bendsen gemalt hat. Als Bramleys Delicious Solitude 1996 bei Christie's in New York zur Auktion kam, fand der Autor der Auktionsbesprechung in Art & Auction das Bild des längst vergessenen Malers mit 30.000-50.000 Dollar bizarrely priced. Es wurde aber noch bizarrer: das Bild wurde ohne langes Feilschen für 613.000 Dollar an einen amerikanischen Liebhaber verkauft.

Aus demselben Jahr wie Delicious Solitude stammt das Bild When the blue evening slowly falls (das wahrscheinlich Bramleys Frau Katherine und den Zwergspitz der Familie darstellt). Das ist nun ziemlicher Kitsch, das Bild findet sich als Kunstdruck ebenso wie Delicious Solitude tausendfach im Internet. Es war einem Sammler vor sieben Jahren bei einer Auktion allerdings noch £163.875 wert. Diese blaue Stunde ist ja etwas, was die Skandinavier zu dieser Zeit perfekt gemalt haben. Peder Severin Krøyer liebte diese heure bleueSkagen can look so terribly dull in the bright sunlight ... but when the sun goes down, when the moon rises up out of the sea ... in recent years this has been the time I like most of all. Und auch Oda Krogh (die Sie in dem Post Nordlichter finden) konnte das perfekt. Ohne solchen Kitsch wie Bramley zu produzieren.

Der englische Maler Frank Bramley kannte Whistler und ist mit John Singer Sargent befreundet gewesen. Erstaunlicherweise erwähnt ihn Stanley Olson in seiner hervorragenden Sargent Biographie mit keinem Wort. Evan Charteris, der Sargent noch selbst gekannt hatte, erwähnt ihn in seiner Biographie auch nicht. Dabei sind beide Maler im neu gegründeten New English Art Club. Den Beweis ihrer Freundschaft liefert dieses Bild von Sargent. Gemalt in Broadway (Worcestershire), wo Bramley zusammen mit den amerikanischen Malern Edwin Austin Abbey und Frank Millet eine kleine Künstlerkolonie hatte. Sie ist to my friend Bramley Home Fields signiert. Das Bild ist an einem Spätnachmittag des Jahres 1885 gemalt, mit lockerem Strich. Country Life bezeichnete 1964 das Bild als The most lyrical phase of Sargent's love for the English countryside. 

Bramley wäre sicherlich auch ein guter Landschaftsmaler geworden, dieses erstaunlich frische Bild hat er um 1880 in Antwerpen gemalt, wo er die Königliche Hochschule für Malerei besuchte. Das Bild ist viel lebendiger als das, was die Maler in Worpswede auf die Leinwand bringen. Es steht auch in völligem Gegensatz zu den Bildern seines akademischen Lehrers Charles Verlat, der hauptsächlich Tiere und braun-soßige Bilder malte. Doch Bramley bleibt nicht bei dieser Malerei, acht Jahre später malt er ein Bild, das ihn berühmt macht, und das Verlats Stil und Themen nahe ist.

Es hat den Titel A Hopeless Dawn, technisch sicher gut gemalt, interessant in der Behandlung des Lichts, aber doch die viktorianische Tristesse par excellence. Die Frau auf dem Fußboden der Fischerhütte ist jetzt nicht das bei den Viktorianern so beliebte Motiv der fallen woman (klicken Sie doch mal eben den Post William Etty an und schauen Sie sich das Bild von Augustus Egg an). Nein, diese Frau da auf Boden, das ist die junge Witwe, deren Mann auf See geblieben ist. Wenn wir durch das Fenster schauen, können wir tobende Wolken und tosende See erkennen. Und die Kerze auf dem Fensterbrett ist erloschen, die Viktorianer lieben diese billige Symbolik. We saw Frank Bramley's picture which is not only good for him but I think one of the finest pictures I ever saw, schrieb ein Kritiker.

Und Caroline Fox und Francis Greenacre sagen in ihrem Buch Artists of the Newlyn School, 1880-1900Frank Bramley's reputation has always rested almost entirely on a single painting, 'A Hopeless Dawn'. This is not a reflection of a short life or meagre output but of the exceptional and continued appeal of that one picture. Das Bild, das die Tate Gallery ankaufte, wurde in der Royal Academy mit einem Begleittext von Ruskin ausgestellt: Human effort and sorrow going on perpetually from age to age; waves rolling for ever and winds moaning, and faithful hearts wasting and sickening for ever, and brave lives dashed away about the rattling beach like weeds for ever; and still, at the helm of every lonely boat, through starless night and hopeless dawn, His hand, who spreads the fisher's net over the dust of the Sidonian palaces, and gave unto the fisher's hand the keys of the kingdom of heaven.

Ich will da jetzt lieber nichts sagen, ich habe Leser, die mögen Ruskin. Während ich immer zu beleidigenden Äußerungen neige. Was wohl daran liegt, dass ich als Proust Fan beinahe alles von Ruskin gelesen habe, weil ich in meiner Jugend dachte, was gut für Proust ist, ist auch gut für mich. Das war ein Fehler, in der Zeit hätte ich etwas Besseres lesen können. Frank Bramley, der auf diesem Selbstportrait mit seinem Biberhut nichts von der Tristesse von A Hopeless Dawn hat, hat sein berühmtestes Bild in Newlyn in Cornwall gemalt. Szenen aus dem Leben der Fischer sind in dieser Zeit en vogue, ich habe das schon in dem Post Michael Ancher gesagt. Cornwall zieht ebenso wie Skagen die Maler an, und so haben wir eine Künstlerkolonie von St Ives (die hier schon einen Post hat) und eine von Newlyn. Die ist dem Maler Walter Sickert ein Dorn im Auge, er attackiert ihre Vertreter, da er nebenbei auch Kunstkritiken schreibt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Bramley bleibt nicht immer in Newlyn, er zieht mit seiner Familie nach Grasmere (wo Wordsworth einmal lebte) und vertauscht die Fischerhütten als Motiv mit den Villen der edwardianischen Upper Middle Class. Dieses Bild, das den Titel A Truce hat, ist eine Variante von When the blue evening slowly falls. Malerisch ist dieses companion piece viel besser als das mehr oder weniger zweidimensionale When the blue evening slowly falls. Kritiker rühmten hierbei die Lichtführung, diese geschickte Behandlung von natürlichem und künstlichem Licht. Man kann es nicht leugnen, dass er ein englischer Impressionist ist, und so wird er auch in Kenneth McConkeys Buch Impressionism in Britain behandelt.

Das Dictionary of British Art hat nur sieben Zeilen für den Maler übrig, der heute vor hundertfünf Jahren im Alter von 58 Jahren nach langer Krankheit in London gestorben ist. Er war ein stiller in sich gekehrter Mann, der nichts von dem flamboyanten Stil seines Zeitgenossen Whistler hatte. Die Times nannte den zurückhaltenden, melancholischen Mann in ihrem Nachruf modest, quiet, sweet and gentle. Das war er sicher. Vier Jahre vor seinem Tod war er in die Royal Academy aufgenommen worden, ein Associate der Akademie war er seit 1894.

1912 hatte er in London eine große Ausstellung gehabt. Die allerdings nicht den Geschmack des Kunstkritikers des Saturday Review traf: If we sought much from Mr. Bramley's exhibition in the Leicester Galleries, we should be disappointed. His pictures as it were 'slop over' with execution and exude sweet colour. What they unanimously lack a modest canvas by one Arnald, dated 1797 (and sharing Mr. Bramley's room), quietly offers us. This Wilsonian unambitious landscape has technique, while Mr. Bramley has little but flamboyant execution.

Der erwähnte Arnald aus dem 18. Jahrhundert ist George Arnald über den Wordsworth sagte: he would have been a better Painter, if his Genius had led him to read more in the early part of his life... I do not think it possible to excel in landscape painting without a strong tincture of the Poetic Spirit. Nun ist es ein wenig fies, im Jahre 1912 einen zeitgenössischen Maler mit einem Maler des 18. Jahrhunderts zu vergleichen. Ich habe, damit Sie einen Eindruck von George Arnald bekommen, eine Landschaft von ihm (die wirklich sehr nach Richard Wilson aussieht) in den oberen Absatz eingefügt. Aber die Malerei geht weiter. Wenn Frank Bramley einen See malt, dann sieht der natürlich nicht aus wie ein See von George Arnald oder Richard Wilson. Bei aller Stille, in der der See ruht, hat der Thislemere Lake in Cumberland doch eine flamboyant execution.

Erstaunlich ist allerdings die Preisentwicklung. Christie's hat vor Jahren einen George Arnald für 10.000 £ verkauft. Und Bilder von Richard Wilson - die ich mir jederzeit ins Wohnzimmer hängen würde, wenn ich das Geld hätte - waren zu Preisen zwischen zwanzig- und fünfzigtausend Pfund zu bekommen. Und dann 163. 875 Pfund für When the blue evening slowly falls und 613.000 Dollar für Delicious Solitude, das ist doch irgendwie grotesk. An vielen Bildern von Bramley würde ich bei einer Ausstellung achtlos vorbeigehen, aber bei diesem Bild (By the Fireside) oder dem Thislemere Lake käme ich schon in Versuchung, ein Bild zu stehlen.


Frank Bramley wurde schon in dem Post Malerinnen erwähnt. Ich habe hier einen Blog, der eine Übersicht über sein Werk gibt. Das tut dieses kleine Video auch. Und dann habe ich zu dem Bild A Hopeless Dawn noch ein wunderbares Kitschvideo.

Samstag, 8. August 2020

Comoy's


Da alles, was ich über Tabakspfeifen schreibe, gerne gelesen wird (der Post 150 Jahre Tabac Trennt ist statistisch gesehen immer noch ein Renner), schreibe ich mal eben über meine letzte Neuerwerbung, eine englische Comoy's, die wahrscheinlich ein halbes Jahrhundert alt ist. Damals kostete die beste Pfeife dieser Firma halb so viel wie die preiswerteste Charatan oder Dunhill. Das mit den Preisen weiß ich, weil ich einen alten Katalog eines Bremer Handelshauses, das neben Tee und englischer Marmelade auch Pfeifen verkaufte, aufgehoben habe. Diese Comoy's Tradition kostete in England 1965 zwanzig Pfund, damals war das englische Pfund noch etwas wert. Die Tradition war 1925 zur Hunderjahrfeier der Firma auf den Markt gekommen, das Modell war bis in die 1970er Jahre noch lieferbar.

Die Pfeife, die ich bei ebay ersteigerte, war vom Händler mit einem fachmännisch klingenden Text versehen worden: Aus meiner umfangreichen Pfeifen-Sammlung, die ich jetzt auflöse, verkaufe ich ein ganz besonderes Stück: Gefertigt wurde sie in der Pfeifenmanufaktur CHACOM, der 1825 im französischen Jura gegründeten, ältesten bestehenden Pfeifen-Manufaktur der Welt. Dieses Modell Comoy's Golden Grain, 412, wurde in der Niederlassung in London, England gefertigt. Leider ist das alles ein klein wenig falsch, denn die Firma Chacom gibt es erst seit 1928 und nicht seit 1825.

Der Name Chacom ist ein Akronym, das aus zwei Familiennamen gebildet wurde: Comoy und Chapuis. Die beiden Familien waren miteinander verwandt. Die Familie Comoy war seit den 1820er Jahren in Avignon-lès-Saint-Claude (das benachbarte St Claude ist immer noch der Hauptsitz der französischen Pfeifenindustrie) im Pfeifengeschäft, damit sind sie sicherlich die älteste Pfeifenmanusfaktur der Welt. Die Firma Barling ist zwar etwas älter (1812), aber die waren damals Silberschmiede. Verzierten Meerschaumpfeifen mit silbernen Dekorationen, stellten aber noch keine Pfeifen her. Man kann überall im Internet lesen, dass François Comoy Napoleons Armeen mit Pfeifen ausrüstete, aber 1825 ist Napoleon schon vier Jahre tot, und seit Waterloo hat er auch keine Armeen mehr. Hervorheben muss man aber bei Comoy's Firmengeschichte, dass die Söhne des Gründers François Comoy in der Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten auf der Welt waren, die Pfeifen aus Bruyereholz herstellten.

Und nun wird es ein ganz klein wenig kompliziert, was die Verschachtelung der Besitzverhältnisse betrifft (das Schaubild habe ich von dieser hervorragenden Seite). Henri Comoy ist zusammen mit einigen Fachleuten 1879 von St Claude nach London gegangen, um dort die englische Firma Comoy's zu gründen. Das Material für die englischen Pfeifen wurde weiterhin aus St Claude geliefert. Henri Comoy soll auch als erster den Schriftzug Made in London auf Pfeifen verwendet haben, das haben ihm als Qualitätsnachweis beinahe alle englische Firmen nachgemacht. Noch 1965 konnte die Firma in einem Katalog schreiben: And now, we the Comoys of the fourth generation, together with those of the fifth, Pierre Comoy and Louis Chapuis, continue to follow the course set by our forefathers, who would be gratified to see our latest ultra modern plant in Aldershot, Hampshire. 

Aber so ganz sind sie im eigenen Haus nicht mehr die Herren, denn schon in der Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre hatte sich die Firma Cadogan Investments Ltd, eine Tochter der Oppenheimer Group, an dem Familienbetrieb beteiligt. Die Holding Oppenheimer Group hatte sich schon zu Ende des 19. Jahrhunderts die Firma Ganneval, Bondier & Donninger (GBD) einverleibt; in den 1920er Jahren kaufen sie auch noch die Firma BBB (die hier schon einen Post hat), und fressen sich dann durch die ganze englische und französische Pfeifenindustrie. Fabriken werden geschlossen und zusammengelegt, verlieren ihre Identität. Und ihre Qualität. Wenn auf den Pfeifen noch Made in London steht, so stimmt das schon lange nicht mehr, die Fabriken von Cadogan sind in Shoeburyness bei Southend-on-Sea. Bei ebay schreiben viele Händler bei ihren Angeboten pre-Cadogan dazu, um anzudeuten, dass hier die Qualtät noch stimmt. In einer Diskussionsgruppe im Internet schrieb einer der Beteiligten, dass in der Cadogan era GBD, Comoy, Orlik and Loewe all, in my opinion, went to hell on a sled.

Comoy's hat, wie viele andere englische Marken, auch Zweit- und Nebenlinien gehabt. Die preiswerteste Linie hieß Everyman, sie wurde beworben mit einem Satz wie: This wonderful moderate priced pipe is the largest selling English pipe in the world. Ich habe zwei Everyman Modelle, die mich bei ebay zusammen zwanzig Euro gekostet haben. Es sind hervorragende Pfeifen.

Man kann sie an den eingelegten kleinen Stahlstrichen auf dem Mundstück erkennen. Die Markierung hat auch die hochwertigere Linie The Guildhall (obgleich es die manchmal auch mit dem C von Comoys gibt). Meine Guildhall ist zusätzlich noch Comoy's signiert. Sie kam in einem Konvolut von zehn englischen Markenpfeifen, von denen acht neu waren. War das Beste, was der englische Markt mal zu bieten hatte: Orlik de Luxe, Barling, Parker, Masta, Sanieni. Und das Ganze zu einem Sofortkaufpreis von 49 Euro, der Händler wusste nicht, was er tat.

Alles, was wie meine Golden Grain ein eingelegtes weißes C im Mundstück hat, gehört zu den Luxusqualitäten von Comoy's. Dazu gehört auch die extrem seltene Blue Riband, die die Firma auf den Markt brachte, als die Queen Mary in vier Tagen, 12 Stunden und 24 Minuten den Atlantik überquerte. Da war der Schnelldampfer Bremen (der hier einen Post hat) mit vier Tagen, 17 Stunden und 42 Minuten etwas langsamer. Nicht so selten wie die Blue Riband ist das Modell Academy Award. Die wurde mal als Werbegeschenk für  eine Oscar Zeremonie eingeführt, hat auch einen kleinen Oscar in weiß auf dem Mundstück. Danach wollte sie jeder in den USA haben, das give away Modell ging in die Massenproduktion.

Franzosen und Engländer, eine Familiengeschichte, eine Firmengeschichte von 195 Jahren. Vom legendären Ruf der Comoy's Pfeifen ist nicht viel übriggeblieben, nur die Firma Chacom hat überlebt (ich habe hier eine interessante Firmengeschichte für Sie). 1970 hat Yves Grenard (Bild), der mit der Familie Comoy verwandt ist und zuvor Direktor von Comoy's in London war, den französischen Teil der Firma gekauft. Und die Marke Chacom zu einem global player gemacht. Grenard hat sich auch die Alleinverkaufsrechte für Frankreich von Comoy's London, der Dubliner Firma Peterson's und der schottischen Marke Rattrays gesichert. Irgendwie verstehen die Franzosen mehr von dem Geschäft als die Engländer.

Die Dunhill Gruppe mit Dunhill und Parker-Hardcastle stellt noch Pfeifen in England her, obgleich es immer wieder Gerüchte gibt, dass die Dunhill Pfeifen in Frankreich hergestellt werden. Die verbliebenen unabhängigen englischen Pfeifenfirmen finden sich wahrscheinlich alle auf diesem Plakat, die hier angekündigte UK Pipe Show wurde allerdings wegen Corona angesagt. Auf der Liste steht auch der Name Blakemars Briars. Niemals von großen Konzernen geschluckt. Seit 1890 im Familienbesitz und mit ihrer Spitzenqualität Litchbruyere für 90 Pfund durchaus eine Kaufempfehlung. Meine Comoy's bei ebay war viel, viel billiger.



Freitag, 7. August 2020

Rebellion


Im Jahre 1794 gibt es nicht nur eine Revolution in Frankreich, es gibt auch eine kleine Revolution in Amerika. Am 7. August 1794 zogen mehrere tausend bewaffnete Siedler in die Nähe von Pittsburgh, um gegen die Steuern auf ihren selbstgebrannten Whisky zu protestieren. Das kann der Staat nicht durchgehen lassen, die Rebellion von Daniel Shays lag erst wenige Jahre zurück. Jefferson fand die Rebellion von Captain Shays damals nicht so schlimm: I hold it that a little rebellion now and then is a good thing.

Aber der Präsident George Washington zieht noch einmal seine Generalsuniform an (die er sich nach dem Vorbild der alten Uniform hatte neu schneidern lassen) und setzt sich aufs Pferd, um mit 13.000 Mann höchstpersönlich die aufrührerischen Schwarzbrenner zur Raison zu bringen. Er beruft sich dabei auf die Militia Acts aus dem Jahre 1792. Nach denen kann der Präsident die Miliz einberufen whenever the United States shall be invaded, or be in imminent danger of invasion from any foreign nation or Indian tribe. Man  muß das Recht ein wenig dehnen, Indianer und fremde Mächte sind hier weit und breit nicht zu sehen. Nur Amerikaner. Es ist das erste Mal in der noch jungen Geschichte der Vereinigten Staaten, dass Militär gegen das eigene Volk marschiert. Es war auch das erste Mal, dass ein amerikanischer Präsident eine Armee kommandiert.

Auf welche Gesetze sich dieser Präsident hier beruft, der niemals auf einem Pferd ein Heer kommandiert hat, wenn er Milizen in Uniform gegen seine eigenen Landsleute marschieren läßt, ist vielen Amerikanern unklar. Das Aux armes, citoyens! Formez vos bataillons! der Marseillaise steht so nicht in der amerikanischen Verfassung. Der dreifache Pulitzer Preisträger Thomas Friedman, der für die New York Times schreibt, hat gesagt: Some presidents, when they get into trouble before an election, try to ‘wag the dog’ by starting a war abroad, Donald Trump seems ready to wag the dog by starting a war at home. Und Nancy Pelosi fragte sich, ob Amerika eine Bananenrepublik geworden ist. Das fragte sich vor zwei Monaten auch Robin Wright im New Yorker. Was soll man dazu sagen? Ja?

Die Whisky Steuer wird 1803 wieder aufgehoben. Davon werden die Erben von George Washington profitieren, denn in seinem Todesjahr macht seine Whisky Destillerie in Mount Vernon einen Profit von 7.500 Dollar. Die Whisky Rebellion der 1790er Jahre ist immer noch nicht ganz vergessen. Hören wir doch mal Joan Baez zu, wenn sie Copper Kettle singt:

My daddy he made whiskey
My granddaddy did too
We ain't paid no whiskey tax
Since Seventeen Ninety Two

Mittwoch, 5. August 2020

amerikanischer Kitsch


Wenn ich heute ganz kurz und etwas bösartig über den amerikanischen Maler Henry Siddons Mowbray schreibe, der am 5. August 1858 geboren wurde, dann muss ich noch einmal auf den Post ↝Dächer und den Maler ↝John French Sloan und seine Freunde zurückkommen. Der Kunstsammler Duncan Phillips hat über dieses Bild von Sloan (das 1971 auch eine Briefmarke zierte) geschrieben: Sloan, during that earlier New York period was a splendid painter and space composer. He could take the ugly facts of a scene like the deck of a ferry boat on a rainy day and make his use of gray not only dramatic but infinitely subtle in its scale of 'values.' Sloans Freunde und Malerkollegen, die man die Ashcan School nennt, wollen die Großstadt und den amerikanischen Alltag abbilden, sie sind in manchem (auch in ihrem sozialen Engagement) das malerische Äquivalent zu den Muckrakers.

Die Maler der Ashcan School haben nichts mit erfolgreichen Gesellschaftsmalern wie John Singer Sargent oder William Merritt Chase gemein, die eine reiche Kundschaft haben. Die haben die Maler der Ashcan School nicht: We always painted for ourselves, expecting no commercial success and having none. Die Straßen von New York sind kein Sujet, das Millionäre sich in den Salon hängen. Ein Bild wie dieses von Henry Siddons Mowbray, das Idle Hours heißt und heute im Smithsonian American Art Museum hängt, das stößt bei der Schickeria des Gilded Age allerdings auf Begeisterung.

Mowbray ist der Maler des amerikanischen Großkapitals, er malt Bilder für Leute wie John Pierpont Morgan und Frederick William Vanderbilt, die in dem Gilded Age reich geworden sind. Und er stattet die Villen aus, die die Herren McKim, Meade und White (die auch das Weiße Haus umbauen) für Amerikas Millionäre bauen. Die drei Architekten kommen schon in dem Post Dementia Americana vor, der kein Donald Trump Post ist, obgleich der Begriff Dementia Americana ja auch wunderbar auf Trump zutrifft.

Es gibt um 1900 ein anderes Amerika, das ist das Amerika, das uns der Photograph und Sozialreformer Jacob Riis in How the Other Half Lives zeigt (Sie können hier seine Photos sehen). The problem of our age is the proper administration of wealth, so that the ties of brotherhood may still bind together the rich and poor in harmonious relationship, hat Andrew Carnegie in einem Essay mit dem Titel The Gospel of Wealth gesagt. Er hat sich an seine Thesen gehalten, er hat 350 Millionen Dollar, drei Viertel seines Vermögens, für gute Zwecke weggegeben. Aber die harmonious relationship zwischen arm und reich hat es in Amerika nie gegeben. Um 1900 nicht, und heute erst recht nicht.

Henry Siddons Mowbray hat in Paris studiert unter anderem bei Jean-Léon Gérôme, einem Maler, der sich dem Orientalimus verschrieben hatte. Dieser Orientalismus macht sich damals überall breit, Verdi schreibt seine Aida, Flaubert Salambo (ein Lokal auf St. Pauli hieß später auch so), Ingres malt Harems und selbst in Deutschland gibt es Orientmaler wie Gustav Bauernfeind.

Den Orientalismus kann man damals den amerikanischen Millionären, die sehr viel Geld, aber gar keinen Geschmack haben, gut verkaufen. Und das erstaunlicherweise noch heute. Das Bild Studio Lunch brachte es bei Christies's auf 288.000 Dollar. Bei YouTube kann man ein Video sehen, wo ein Enkel des Malers eine Scheußlichkeit anschleppt, die in der Antiques Roadshow PBS auf 50.000-75.000 Dollar geschätzt wurde. Es war schon immer etwas teurer, einen schlechten Geschmack zu haben.

Vor zwanzig Jahren hat es im Sterling and Francine Clark Art Institute in Williamstown (Massachusetts) eine Ausstellung zu der amerikanischen Version des Orientalismus gegeben, bei der Henry Siddons Mowbray gut vertreten war. Die Ausstellung hatte den Titel Noble Dreams, Wicked Pleasures: Orientalism in America, 1870-1930, der Ausstellungkatalog ist bei der Princeton University Press erschienen. Den brauchen Sie sich nicht für teures Geld zu kaufen, es reicht, wenn Sie diese Buchbesprechung lesen.

Kitsch gibt es immer noch in Amerika, genug davon. Im Augenblick hat ein etwas rechtsradikaler Maler namens Jon McNaughton Konjunktur, Sie kennen den schon aus dem Post Flüsse und Sümpfe. Im letzten Jahr hat der Meisterkünstler ein Werk vorgestellt, das The Masterpiece heißt. Er hat es auch auf YouTube vorgestellt, leider sind die Kommentare deaktiviert (es gibt aber genügend von dem, was man neuerdings meme nennt). The ‘painting’ is not finished! sagt der Maler in dem Video. Vielleicht malt der Donald ja noch ein paar Enten in Monets Wasserlilien.

Sonntag, 2. August 2020

Dächer


Der amerikanische Maler John French Sloan hatte hier am 2. August 2011 zu seinem 140. Geburtstag schon einen Post. Sloan war sein Leben lang mit Robert Henri befreundet, und der ist der Lehrer von Edward Hopper gewesen (er war auch der Lehrer von Josephine Verstille Nivison, die Edward Hopper geheiratet hat). Und so ganz weit weg von Hopper sind die Bilder von Sloan nicht. Sloan hat über seinen Freund Robert Henri gesagt: We always painted for ourselves, expecting no commercial success and having none. This spirit of independence we owe to Henri. He was the Abraham Lincoln of American art.

Sloan malt gerne Dächer, er hat von seinem Studio hoch oben in dem Varitype Building (das wie das Flatiron Building aussieht) einen schönen Blick auf die umliegenden Hausdächer: I see them all down there without disguise. These wonderful roofs of New York bring to me all of humanity. Er wird, ähnlich wie James Stewart in Hitchcocks Rear Window zu einem Voyeur. Spy glasses nennt Robert Henri den Feldstecher, mit dem Sloan die Nachbarschaft beobachtet. Für Sloan ist das nichts Böses, sein Blick ist der Blick des Malers, nicht der des Voyeurs: I am in the habit of watching every bit of human life I can see about my windows, but I do it so that I am not observed at it ... No insult to the people you are watching to do so unseen.

Er beobachtet und malt sie auch nachts, denn im Sommer schlafen viele auf den Dächern, weil sie es in den stickigen Wohnungen nicht aushalten. Wir können das auf dem Kupferstich Roofs, Summer Night sehen: I have always liked to watch the people in the summer, especially the way they live on the roofs. For many years I have not seen the summer life of the city, which has perhaps been better for my health than my production of city-life etchings ... The city seems more human in the summer. Dieses Bild ist nicht von Sloan, es ist ein Hopper, aber es ist derselbe voyeuristische Blick auf die Großstadt, der die Malerei von Sloan und seinen Freunden ausmacht.

In dem Post zu John French Sloan im Jahre 2011 hatte ich geschrieben, dass sein Tagebuch aus der Zeit von 1906 bis 1913, das zuerst 1965 veröffentlicht wurde, leider vergriffen sei. Dieses Tagebuch hat eine erstaunliche Geschichte. John Sloan hatte seine Frau Dolly (Bild) in einem Bordell kennengelernt. Eines Tages hatte ihm sein Arzt vorgeschlagen, dass er ein geheimes Tagebuch beginnen sollte. Um seine Frau von ihrer Trunksucht und der Angst abzubringen, dass er sie verlassen würde. Das Tagebuch sollte er natürlich offen liegen lassen und lauter nette Dinge über seine Frau hineinschreiben. Sloans Aufzeichnungen über die New Yorker Kunstszene zu Anfang des 20. Jahrhunderts haben ihren Anfang in einer psychotherapeutischen Maßnahme. Das faszinierende Dokument kann ich heute auf dieser Seite zur Lektüre anbieten. Dem ersten Eintrag vom 1. Januar 1906 können wir entnehmen, dass er mit seinem Freund Robert Henri Golf gespielt hat.

Ich habe neben John Sloan heute noch ein anderes Geburtstagskind anzubieten, nämlich den amerikanischen Maler Arthur Garfield Dove, der heute vor 140 Jahren geboren wurde. Er hat John Sloan gekannt, und John Sloan hat ihm 1906 den ersten Abzug von Roofs, Summer Night gezeigt. Aber das Bild hat keinen Einfluß auf Dove, der nicht die Großstadt malen wird, wie das Sloane und die Ash Can School getan haben. Und wie das in Frankreich Louis Abel-Truchet gemacht hat (lesen Sie mehr in Stadtmaler). Arthur Dove wird der erste abstrakte Maler Amerikas werden. Ich habe hier ein kleines Video, in dem Sie in drei Minuten einen Überblick über sein Gesamtwerk bekommen. Dove wird einen großen Einfluß auf die Abstract Expressionists wie Lee Krasner, Jackson Pollock und Mark Rothko haben. Das ist nicht so mein Ding, aber diese kolorierte Zeichnung der Fall Brook Eisenbahn finde ich wunderbar. Wenn Sie noch mehr Bilder von Eisenbahnen sehen wollen, dann klicken Sie mal den Post Emily Dickinson an.

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