Heute vor siebzig Jahren kam der Film High Society in die Kinos, hieß bei uns Die oberen Zehntausend. Den gab es am 17. Juli vor fünfzehn Jahren schon einmal hier im Blog. Ich stelle den Post leicht überarbeitet (mit neuen Links) noch einmal hier ein, da meine Leser im Augenblick sowieso nur noch ganz alte Posts lesen. Das ist eine erstaunliche Sache, das habe ich schon in dem Post aus heiterem Himmel gesagt. Im Augenblick ist der Post über den Bildhauer Karl Lemke aus dem Jahr 2014 die Nummer Eins der Top Ten. Hat 872 neue Leser an einem Tag. Vielleicht bekommt das dieser Post auch. Weil Grace Kelly darin vorkommt.
Hier bewegt sich Grace Kelly noch in der High Society Amerikas, wenig später ist die Fürstin eines Zwergstaates. Dessen High Society bestimmt so zweifelhaft ist wie die von Hollywood. Wenn man an all das Pack denkt, das da im Zuge der Fürstenhochzeit als beste Freunde der Grimaldis im Fernsehen gezeigt wurden, man glaubt es ja nicht. Aber dies hier muss High Society sein, denn der Film heißt so. Und wir merken uns mal: nur wo High Society drauf steht, ist auch High Society drin. Dabei ist der Film eigentlich eine Mogelpackung. Steht zwar High Society drauf, ist aber ✺The Philadelphia Story drin.
Hollywood ist in den fünfziger Jahren in dire straits, wie der Engländer sagt. Der Siegeszug des Fernsehens bedroht die Traumfabrik in ihrer Existenz. Die neuen Waffen im Kampf gegen den Bildschirm heißen jetzt: Breitwandfilme, Blockbuster, Bibelverfilmungen, Ben Hur und so'n Zeuch. Alles letztlich der Triumph der Cecil B. DeMille Formel. Darf ich die schönen vier Verse noch einmal bringen?
Cecil B. DeMille
Rather against his will
Was persuaded to leave Moses
Out of the War of the Roses
Und dann haben wir da noch die filmische Bedrohung aus dem All oder die Monster aus der blauen Lagune. Wenn diese Filme im Kino floppen, kann man sie ans Fernsehen verkaufen, haben eh in der Produktion nichts gekostet. Die Imitatoren von Jack Arnold drehen da schon billige B-Pictures. Und wenn das alles nicht funktioniert, dann greift Hollywood in seiner Verzweiflung zu seiner letzten Waffe: Dem Re-Make. Re-Makes sind ja eigentlich ein Krankheitsymptom, das uns zeigt, dass es dem Patienten sehr, sehr schlecht geht. Finden Sie nicht auch, dass es viel zu viele Re-Makes in den letzten zehn Jahren in Hollywood gegeben hat? Und da wir schon einmal dabei sind: auch ein großer Teil dessen, was in den fünfziger Jahren in die deutschen Kinos kommt, ist nichts als ein Re-Make von Komödien aus den dreißiger und vierziger Jahren. Kohlhiesels Töchter waren nicht wirklich neu. War auch nur wegen Lilo Pulver zu ertragen.
Also, dieser schöne bunte Film High Society, heute vor 70 Jahren im Kino, ist für Hollywood eine Wunderwaffe: VistaVision und Technicolor! Und dann auch noch ein Musical! Und eine Komödie! Und ein Re-Make! Das muss ja gut gehen. Oder, um Hilaire Belloc zu zitieren: I shoot the Hippopotamus with bullets made of platinum/ 'cause if I use the leaden one his hide is sure to flatten 'em. Wenn es der Nation schlecht geht, geht sie ins Kino und guckt Komödien, in denen beliebte Filmschauspieler Frack und Abendkleider tragen und so tun, als ob sie zur High Society gehören. Und natürlich wahnsinnig witzig sind. Diese platte Formel funktioniert im Amerika der Great Depression genau so wie im Nazi-Deutschland.
Throughout most of the Depression, Americans went assiduously, devotedly, almost compulsively, to the movies. The movies offered a chance to escape the cold, the heat, and loneliness; they brought strangers together, rubbing elbows in the dark of movie palaces and fleapits, sharing in the one social event available to everyone, sagt Carlos Stevens in From the Crash to the Fair: The Public Theatre. Hollywood wird seinem Ruf als Traumfabrik gerecht. Gerade in der Great Depression läuft die Traumfabrik zur Höchstform auf und erfindet die romantische Filmkomödie (die eigentlich Ernst Lubitsch erfunden hatte) mit einem Schuss →screwball comedy. Mit der screwball comedy, dem Geschlechterkampf in der High Society, hat Hollywood etwas Neues, auch wenn es vielleicht doch nur die durch den tough talk der dreißiger Jahre leicht variierte Lubitsch Formel ist.
Aber seit It Happened one Night (1934) ist diese Form der Filmkomödie nicht mehr wegzudenken. Taucht auch gleichzeitig im Krimigenre auf: The Thin Man ist letztlich auch nur eine screwball comedy. Und zehn Jahre später ist mit ✺Arsen und Spitzenhäubchen schon alles wieder vorbei. Die Höhepunkte sind sicher ✺Bringing Up Baby und The Philadelphia Story. Und damit sind wir wieder bei den filthy rich, bei Katharine Hepburn, die jemanden namens Tracy Lord spielt. Tracy Lord, achten Sie auf diese Schreibweise! Bitte denken Sie jetzt nicht an Traci Lords, das ist eine Pornodarstellerin.
Aber dann singt ihr Bing Crosby ✺True Love vor, und sie kehrt vor dem Traualtar zu ihrer alten Liebe zurück und heiratet doch nicht Frank Sinatra, Jimmy Stewart oder Louis Armstrong sondern Bing Crosby. Oder Louis Henri Maxence Bertrand Rainier Grimaldi. Oder verwechsle ich da was? Es kommt ja darauf an, dass am Schluss geheiratet wird. Es heiraten noch andere, nämlich das Reporterpärchen Mike Connor und Liz Imbrie vom Spy Magazin.
Die Repräsentanten der kleinen ehrlichen Leute, die mit den filthy rich nix zu tun haben. Die, wie James Stewart davon träumen, eines Tages nicht mehr diese journalistische Drecksarbeit machen zu müssen, sondern ihren großen Roman zu schreiben: I'm not gonna do it, Liz. I'm gonna tell Sidney Kidd very plainly and simply I'm a writer. I'm not a society snoop. I'm gonna tell him just that... Let Kidd fire me! Start writin' short stories again - that's what I should be doin' anyway. I'm gonna tell him just that. Alle Reporter träumen in Hollywoods Produktionen den Traum des écrivain manqué. Und Mike Connor (der nicht aus Zufall einen irischen Namen trägt) darf sogar für einen Augenblick die Braut im Arm halten. Das Publikum darf nur gucken, nicht anfassen.
Wenn die ganze Story der Philadelphia Story während einer Zeit der großen gesellschaftlichen Gegensätze als amüsanter Einblick in die Irrungen und Wirrungen der High Society durchgehen mag, funktioniert der Film von 1956 überhaupt nicht, flimsy as a gossip-columnist's word schrieb die The New York Times. Und Halliwell's Film Guide (der dem Film keinen Stern gibt, seinem Vorgänger aber die Höchstnote von vier Sternen) bemerkte: Cold, flat, dull musical reworking, with ill-cast performers and just a few bright moments. Dass der Film überhaupt funktioniert, liegt nur an der ✺Musik von Cole Porter. It suffers from stilted Vista Vision staging and a lack of gloss -- but has some sparkling Cole Porter musical numbers, sagte die Chicago Tribune über den Film.
Am Ende von The Philadelphia Story ist aus der oberflächlichen Society Tussi ein richtiger Mensch geworden:
Tracy: (To her father) How do I look?
Mr. Lord: Like a queen - like a goddess.
Tracy: And do you know how I feel?
Mr. Lord: How?
Tracy: Like a human. Like a human being.
Mr. Lord: Do you know how I feel?
Tracy: How?
Mr. Lord: Proud.
Ja, so sollen Märchen enden, the prettiest sights in this pretty world is the privileged classes enjoying their privileges. Der Engländer Cary Grant, der zu dieser Zeit der erste Schauspieler ist, der sich an kein Studio mehr bindet, und der für The Philadelphia Story die Höchstgage herausgehandelt hatte, wird seine ganze Gage dem englischen war effort spenden. James Stewart wird zur Luftwaffe gehen, alle anderen haben noch nicht gemerkt, dass Krieg ist. In der screwball comedy gibt es so etwas nicht. Im Jahre 1940 gibt es noch einen zweiten Film, der in Philadelphia spielt. In dem die High Society von Philadelphia nicht so gut wegkommt. Er heißt ✺Kitty Foyle, und die Hauptdarstellerin Ginger Rogers wird den Oscar bekommen, den Katharine Hepburn alias Tracy Lord so gerne bekommen hätte.

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