Samstag, 17. April 2021

Weltraum

Als die Computer ausfielen, und die Astronauten den Funkspruch Houston, wir haben ein Problem abgesetzt hatten, mussten sie mit ihren Chronographen navigieren. Die kamen von der Schweizer Firma Omega. Die NASA hatte nach langen Tests diese Firma bevorzugt. Omega wusste das zuerst gar nicht, wusste auch zuerst nicht, dass eine ihrer Uhren auf dem Mond gewesen war. Heute schreiben Sie das in Biel zu Werbezwecken alles hinten auf die Uhr. Heute fliegt niemand mehr zum Mond, aber Omega Speedmaster Uhren werden immer noch verkauft. Heute vor einundfünfzig Jahren sind Jim Lovell, Jack Swigert und Fred Haise nach der Katastrophe mit ihren Omegas sicher im Pazifik gelandet.

Die Reise ins All
ist eine Reise des Geistes
warum fliegen wir in den Weltraum
wenn nicht um etwas
über uns zu erfahren
und über das, was es mit diesem Universum
auf sich hat?
Über unseren Platz in dieser Ordnung
und darüber, was es bedeutet
ein Mensch zu sein.

Mit diesem Zitat des Astronauten Story Musgrave beginnt die in Berlin lebende rumänische Dichterin Dana Ranga ihren Gedichtband Cosmos, der im Februar erschienen ist und achtzig Gedichte zum Thema Weltraum enthält. Mit viel Zitatenmix von Leuten, die dort gewesen sind. Also nicht Münchhausen und Peterchen, sondern echte Astronauten und Kosmonauten. Die Dichterin hat sich lange mit dem Thema beschäftigt und über Musgrave und andere auch Filme gedreht (den Musgrave Film können Sie hier sehen). Für den Deutschlandfunk hat sie im letzten Jahr das Hörspiel Wort und Weltall: Ein literarischer Raumflug geschrieben, das Sie hier lesen können.

Die amerikanische Dichterin Liz Ahl hat zu der Apollo 13 Story ein besonderes Verhältnis, weil sie damals geboren wurde und sich ebenso wie Dana Ranga lange mit dem Thema beschäftgt hat. Im Jahre 2015 schrieb sie: Forty-five years ago this month, the 'failed' Apollo 13 mission actually became NASA’s finest hour because of the incredible creative and technical work done by so many folks to bring the crew back home. The story of Apollo 13, which first unfolded the week after I was born (!) was what first inspired me, years ago, to retell some Apollo space program stories via poetry. In the spirit of turning failures into successes, and in honor of the great feats of Apollo 13, here’s one of the poems. Und das Gedicht über Apollo 13 will ich Ihnen natürlich nicht vorenthalten:

To make it home, they had to keep
hurtling away from Earth, gathered by gravity
into lunar orbit, the dark side never
quite this dark before.

Until the final burn they wouldn’t be allowed
to hold Earth in the window, where it belonged,
to burst towards it rather than let it fade
over their shoulders, shrinking to moon-size.

They had to turn their backs on home
and trust the stripped-down physics
of momentum and return. They had to surrender
to the old forces and attractions.

To make it home, they had to fly away
from every instinct urging them to turn
around right there, as if the crippled craft
could turn on such a thin dime.

They had to believe in the machine,
that the spindly lunar lander as lifeboat
could do everything it wasn’t designed to do —
like them, it was supposed to go to the moon.

The nature of the adventure shifted
from the journey to the return — coming home
was the new, untried frontier
as Cronkite called the play-by-play.

To make it home, they had to resurrect
the old imperatives, re-enter the race
that had already been run and won,
they had to want to make it home

like they wanted to make it to the moon.

Wenn Sie den den Film Apollo 13 sehen wollen, klicken Sie dies hier an.

Freitag, 16. April 2021

Horrorfilm


Der Ort mag ruhig und friedlich sein
aber wenn er Amityville heißt
oder Du in der Elm Street wohnst
oder im letzten Haus links
oder dem Haus auf dem Straw Hill
dann herrscht jetzt Jammer und Schauder

Vor allem wenn Halloween ist
oder Valentinstag
oder Freitag der dreizehnte
denn jetzt kommt jemand
der Freddy Krueger heißt
oder Michael Myers
oder Jason Voorhees
oder Candyman und der 
kommt um Mitternacht
wenn es ganz dunkel ist
mit der Kettensäge
aus Texas und der weiß 
was Du letzten Sommer getan hast
schrei wenn Du kannst

Im Wald warten beim Picknick
junge Mädchen in weißen Blusen
auf die tödlichen Pfeile
und das Blut auf den Blusen
jetzt sollten keine blonden Girls nach
dem Sport mehr in den Duschraum
gehen jetzt sollte niemand mehr
in dem See schwimmen
oder auf der Landstrasse
die falsche Abzweigung nehmen
oder einen von den Rednecks
nach dem Weg fragen

Wenn jetzt noch der Mond
blutrot scheint und die
Werwölfe heulen
und die Hexen kommen
und die bissigen Schlangenfrauen
die Aliens und die
Zombies und die Vampire
dann ist es Zeit aufzuwachen
denn der Schlaf der Vernunft
gebiert Ungeheuer.

Donnerstag, 15. April 2021

Museum


Hier hebt er voller Stolz den Vorhang und gestattet uns so einen Blick auf sein Museum, das erste Naturkundemuseum der gerade gegründeten Nation. Er heißt Charles Willson Peale und wurde heute vor zweihundertachtzig Jahren geboren. Eins seiner Bilder wurde letztens in dem Post Tom Wesselmann erwähnt, und er hat natürlich mit Charles Willson Peale längst einen Post in diesem Blog. Es war sein Traum, dass aus seinem Museum ein nationales Museum würde, so etwas, was das Smithsonian heute ist. Vor zweihundert Jahren hat er begonnen, das Bild zu malen, dies ist die dritte Version von 1822. Er war stolz auf das lebensgroße Bild: I think it important that I should not only make it a lasting Monument of my art as a Painter, but also that the design should be expressive that I bring forth into public view, the beauties of Nature, and art, the rise & progress of the Museum. Und er fügte hinzu: I wish it may excite some admiration, otherwise my labor is lost, except that it is a good likeness. Aber vom Staat kam kein Geld und der Zirkusunternehmer P.T. Barnum kaufte nach Peales Tod einen großen Teil der Sammlung.

Mein Gedicht kommt heute von niemand anderem als Goethe, es heißt Museen, und es ist ziemlich kurz:

An Bildern schleppt ihr hin und her
Verlornes und Erworbnes;
Und bei dem Senden kreuz und quer
Was bleibt uns denn? – Verdorbnes!


Dieser Vierzeiler aus dem Jahre 1816 macht nur Sinn, wenn wir auf die Zeit schauen, in der er entstanden ist. Denn es geht hier um Beutekunst und Restitution. 1814 hatten die Berliner die Quadriga vom Brandenburger Tor, die Napoleon 1806 geklaut hatte, wieder zurückbekommen. Sie nannten sie gleich die Retourkutsche, das gilt immer als Beispiel für den berühmten Berliner Humor. Aber da ist noch viel mehr in Frankreich, was man zurückhaben will. All das, was der Kunsträuber Marschall Davout, den man auch den Robespierre von Hamburg nannte, mitgenommen hat, das darf er nicht behalten. Die preußische Regierung bittet den Geheimrat Goethe 1814 um ein Gutachten, wie mit den restituierten Kunstwerken zu verfahren sei. Wenn Sie alles zu dem Thema wissen wollen, dann lesen Sie den Aufsatz dieser jungen Dame. Die heißt Bénédicte Savoy, ist Professorin für Kunstgeschichte und hat ihre Doktorarbeit über das Thema geschrieben: Patrimoine annexé: Les saisies de biens culturels pratiquées par la France en Allemagne autour de 1800

Mittwoch, 14. April 2021

porentief rein

Der Maler Balthasar Denner ist am 14. April 1749 in Rostock gestorben. Er kam aus Altona, was damals die zweitgrößte Stadt Dänemarks war. Dass die Schweden ganz Altona abfackelten und nur die Palmaille übrigblieb, hat er nicht erlebt, da war er schon unterwegs durch Europa. Zuerst allein, dann mit seiner Familie, die beim Malen half. Er spezialisierte sich auf die Gesichter, den Rest konnten andere machen: Seine ungeschickte und nachlässige Gewandbehandlung fand schon zu seinen Lebzeiten vielen Tadel, er soll das Beiwerk auch oft von seinen Schülern und Kindern haben malen lassen, woran theilweise die Schuld liegen mag, daß es so schlecht ausfiel, schreibt Wilhelm Schmidt 1877 in der Allgemeinen Deutschen Biographie. Auf diesem Bild hier hat Balthasar Denner drei Kinder des Ratsherrn Barthold Hinrich Brockes gemalt, Brockes hatte zwölf Kinder, eins der jüngsten wurde ein berühmter Kapitän. Die Kinder von Brockes hat Denner mehrfach gemalt, die Kunsthalle Hamburg besitzt auch ein Bild von den Kindern. 

Brockes bezahlte nicht nur gut (er war ein reicher Mann), er schrieb auch noch Gedichte auf den Maler, denn der Ratsherr Brockes ist niemand anderer als der Dichter Brockes, der schon mehrfach in diesem Blog erwähnt wurde, zuletzt in dem Post Poetry trumps Trump. Und er bedichtet seinen Freund mit dem Sonett auf den berühmtesten Portrait-Schilderer unserer Zeit:

Ich füle das Gefül den Augen widerstreben,
Und mein betrog’nes Aug betreugt fast den Verstand;
Denn, er mein Denner, reicht mit seiner Wunder-Hand
Dem Schatten Licht und Leib, den Farben Sel’ und Leben.

Der Schönen Liebreiz kann sein Strich so hoch erheben,
Daß vom gemal’ten Stral man spüret wahren Brand:
Es scheinet Zauberey, wenn er, aus Öl und Sand
Formir’tem Fleische, weiß auch Geister einzugeben.

Ein Licht, von ihm gemahlt, glänzt mit so lichten Stralen,
Daß oft ein Mücken-Schwarm um kalte Flammen schweb’t.
Würd’ er sein eig’nes Bild in Lebens-Grösse mahlen;

Glaub’ ich (da sein Gemähld mehr als das Leben leb’t)
Es ließ sich selbst der Tod, durch solche Gleichheit, äffen,
Und dürft’ aus Irrtum leicht sein Bild, statt seiner treffen.


Balthasar Denner wurde wegen seiner Feinmalerei und der erstaunlichen Detailgenauigkeit von seinen Zeitgenossen auch Poren-Denner genannt. Für Wilhelm Schmidt war das keine große Kunst: Wer jedoch in dem Begriff eines wahren Kunstwerkes immer noch ein ideales Moment sucht und sich nicht mit der sklavischen Abschrift der Natur zufriedengibt, den werden solche Bilder wenig angenehm berühren. Es ist absolut kein Geist in diesen Köpfen, sie reden nicht, und die glatte, weichliche Farbe verstärkt noch den Eindruck des Wachsfigurenartigen. Der Kunsthistoriker Werner Schulz hat in seinem Aufsatz Theorie des Details Brockes und Denner erwähnt und gezeigt, dass diese photorealistische Ästhetisierung des Gewöhnlichen und Häßlichen in ein größeres Konzept des 18. Jahrhunderts gehört. Auch für Arno Schmidt hat die Kunst von Balthasar Denner etwas Positives, wenn er in Aus dem Leben eines Fauns und in einem Rundfunkinterview 1952 von einer Balthasar Dennerscher Genauigkeit spricht, die das Ziel des Schriftstellers sein müsste.

Kunsthistoriker sprechen bei den Köpfen von Denner von Tronies, ein Wort, das aus dem Holländischen kommt. Die genaue Darstellung von Charakterköpfen hatte ihre große Zeit im 17. Jahrhundert, aber jetzt sind mit Balthasar Denner und Christian Seybold (von dem dieser Frauenkopf stammt) die Tronies wieder da. Und aus diesem hier abgebildeten Buch kann ich Ihnen hier den Aufsatz Rezeption und Fortleben der niederländischen Tronie von Dagmar Hirschfelder anbieten. Wenn das alles auf Denners Bildern nach 1080p und 4K aussieht, und wenn Denners Gemähld mehr als das Leben leb’t, dann hat das natürlich einen Grund. Denn bei dieser Trompe-l ́oeil Malereihat Denner (wie schon die Niederländer des 17. Jahrhunderts) ein Hilfsmittel zur Hand, dessen Gebrauch die meisten Maler verschweigen: die Camera Obscura.

Dienstag, 13. April 2021

Auf dem Strom


Ich muss ehrlich zugeben, dass ich nicht mehr wusste, dass Ludwig Rellstab hier vor einem Jahr einen Post hatte. Dass er in den Posts Henriette Sontag und Nachtigallen auftaucht, das wusste ich noch. Ich nehme von seinen Gedichten heute einmal das Gedicht Auf dem Strom. Nicht weil das große Lyrik ist, sondern weil Schubert es vertont hat. Rellstab und Schubert sind sich nicht begegnet, Rellstab hatte seine Gedichte 1825 an Beethoven in Wien geschickt, weil er hoffte, dass der sie vertonen würde: Inneliegend, hochverehrtester Herr, übersende ich Ihnen einige Lieder, die ich für Sie habe copiren lassen; es werden bald noch mehrere in anderem Geschmack folgen. Diese haben vielleicht das Neue, daß sie einen Zusammenhang unter sich bilden, der auf Glück, Vereinigung, Trennung, Tod und Hoffnung auf das Jenseits ahnen läßt, ohne bestimmte Vorfälle anzugeben. – Möchten diese Gedichte Ihnen so viel Liebe abgewinnen, daß Sie sich zur Composition entschließen, und auf diese Art die Verbindung mit einer Handlung eröffneten, die es sich zum Grundsatz gemacht hat, so viel als irgend möglich ist, nur der wahren höchsten Kunst förderlich zu sein und die Begeisterung des Componisten als das erste Gesetz betrachtet, nach dem er schreiben soll. 

Aber der schwerkranke Beethoven vertont die Lieder nicht, sein Sekretär Anton Schindler gibt die Gedichte an Schubert weiter. So schreibt dann Rellstab in seiner Autobiographie: Diese Blättchen sind nicht verloren gegangen; Herr Professor Schindler hat sie mir vor Jahren aus Beethovens Nachlaß zurück gestellt. Einige waren mit Bleistiftzeichen versehen, von Beethovens eigener Hand; es waren diejenigen, welche ihm am besten gefielen, und die er damals an Schubert zur Composition gegeben, weil er selbst sich zu unwohl fühlte. In dessen Gesangscompositionen finden sie sich auch, und einige davon sind ganz allgemein bekannt geworden. Mit Rührung empfing ich die Blättchen zurück, die einen so eigenthümlichen, aber der Kunst fruchtbar gewordenen Weg gemacht hatten, bis sie wieder zu mir zurückkehrten. Zehn Gedichte von Rellstab hat Schubert vertont, Auf dem Strom ist eins davon:

Nimm die letzten Abschiedsküsse,
Und die wehenden, die Grüße,
Die ich noch ans Ufer sende,
Eh' dein Fuß sich scheidend wende!
Schon wird von des Stromes Wogen
Rasch der Nachen fortgezogen,
Doch den tränendunklen Blick
Zieht die Sehnsucht stets zurück!

Und so trägt mich denn die Welle
Fort mit unerflehter Schnelle.
Ach, schon ist die Flur verschwunden,
Wo ich selig sie gefunden!
Ewig hin, ihr Wonnetage!
Hoffnungsleer verhallt die Klage
Um das schöne Heimatland,
Wo ich ihre Liebe fand.

Sieh, wie flieht der Strand vorüber,
Und wie drängt es mich hinüber,
Zieht mit unnennbaren Banden,
An der Hütte dort zu landen,
In der Laube dort zu weilen;
Doch des Stromes Wellen eilen
Weiter ohne Rast und Ruh,
Führen mich dem Weltmeer zu!

Ach, vor jener dunklen Wüste,
Fern von jeder heitern Küste,
Wo kein Eiland zu erschauen,
O, wie faßt mich zitternd Grauen!
Wehmutstränen sanft zu bringen,
Kann kein Lied vom Ufer dringen;
Nur der Sturm weht kalt daher
Durch das grau gehobne Meer!

Kann des Auges sehnend Schweifen
Keine Ufer mehr ergreifen,
Nun so schau' ich zu den Sternen
Auf in jenen heil'gen Fernen!
Ach, bei ihrem milden Scheine
Nannt' ich sie zuerst die Meine;
Dort vielleicht, o tröstend Glück!
Dort begegn' ich ihrem Blick.

In seinem letzten Lebensjahr hatte Schubert zwei Lieder geschrieben, bei denen neben Singstimme und Klavier noch ein weiteres Instrument beteiligt ist, das ist die Klarinette in Der Hirt auf dem Felsen und das Horn in Auf dem Strom. Das Lied wurde im März 1828 in dem einzigen von Schubert selbst veranstalteten Konzert aufgeführt. Schubert saß am Klavier, es sang Schuberts Freund Ludwig Titze. Das Horn, das in der romantischen Literatur als Waldhorn auftaucht, spielte der berühmte Josef Rudolf Lewy, der später noch Hornist bei Richard Wagner in Dresden wurde. Die Aufführung begeisterte die Hörer und wurde einen Monat später in derselben Besetzung wiederholt. Gedruckt erschienen die Noten allerdings erst nach Schuberts Tod mit einer zusätzlichen Violoncello Stimme statt des Horns versehen.

Dafür habe ich hier ein Beispiel, es singt der irische Tenor Robin Tritschler und Louisa Tuck spielt das Cello. Josef Rudolf Lewy hatte 1828 wahrscheinlich ein Horn mit zwei Ventilen benutzt, bei dieser Aufnahme habe ich aber etwas besonderes: Konstantin Timokhine spielt ein Naturhorn, das hört man selten. Und die Schweizerin Regula Mühlemann (die auch einmal Der Hirt auf dem Felsen gesungen hat) singt sehr schön. Und zum Schluss habe ich noch einen kleinen Klassiker aus dem Jahre 1943: Peter Anders mit dem Pianisten Michael Raucheisen und am Horn Hans Berger. 

Wenn Schubert nicht wäre, würde wahrscheinlich niemand mehr über den Dichter Ludwig Rellstab reden, denn das hier ist auch von ihm:

Leise flehen meine Lieder
Durch die Nacht zu dir;
In den stillen Hain hernieder,
Liebchen, komm zu mir!

Flüsternd schlanke Wipfel rauschen
In des Mondes Licht;
Des Verräters feindlich Lauschen
Fürchte, Holde, nicht.

Hörst die Nachtigallen schlagen?
Ach! sie flehen dich,
Mit der Töne süßen Klagen
Flehen sie für mich.

Sie verstehn des Busens Sehnen,
Kennen Liebesschmerz,
Rühren mit den Silbertönen
Jedes weiche Herz.

Lass auch dir die Brust bewegen,
Liebchen, höre mich!
Bebend harr' ich dir entgegen!
Komm, beglücke mich!

Natürlich habe ich auch davon eine Tonaufnahme, es gibt hunderte, aber ich nehme heute einmal die von Werner Güra, der auch Die schöne Müllerin sehr schön gesungen hat.

Montag, 12. April 2021

Der Siegeskranz


Ich hätte für den Post natürlich einen ganz anderen Titel nehmen können, denn der Titel der Oper, um die es hier geht, ist La Corona. Aber ich habe schon zwei Posts, die La Corona und Corona heißen, und von Corona haben wir ja im Augenblick genug. Da nehme ich lieber den deutschen Titel des Singspiels. Wir sehen hier Laila Cathleen Neuman als Atalanta und Johanna Kapelari als Asteria in der Gluck Oper Der Siegeskranz, zu der Pietro Metastasio das Libretto geschreiben hat. Und diesen Pietro Metastasio, der am 12. April 1782 in Wien starb, brauche ich heute einmal für das Gedicht des Tages.

Das Sonett Sogni e favole io fingo hat Pietro Metastasio 1733 in Wien geschrieben, er war damals in einer Lebenskrise, die Beziehung zu Marianna Benti Bulgarelli, die man auch La Romanina nannte, war gerade zuende gegangen. Sie war seine Freundin, Förderin und Muse gewesen, aber er hatte Rom verlassen und war als kaiserlicher Hofdichter nach Wien gegangen. Jetzt denkt er über das Leben und seine Tätigkeit als Dichter und Librettist nach:

Sogni, e favole io fingo; e pure in carte
mentre favole, e sogni orno, e disegno,
io lor, folle ch'io son, prendo tal parte,
che del mal che inventai piango, e mi sdegno.

Ma forse, allor che non m'inganna l'arte,
piú saggio io sono? È l'agitato ingegno
forse allor piú tranquillo? O forse parte
da piú salda cagion l'amor, lo sdegno?

Ah che non sol quelle, ch'io canto, o scrivo,
favole son; ma quanto temo, o spero,
tutto è menzogna, e delirando io vivo!

Sogno della mia vita è il corso intero.
Deh tu, Signor, quando a destarmi arrivo,
fa ch'io trovi riposo in sen del Vero.


Ich habe auch eine Übersetzung des Sonetts, sie ist von Gudrun Meier und findet sich bei der CD von Cecilia Bartolis Gluck Italian Arias (2001), wo die Bartoli auch eine Arie aus der Oper La Corona von Gluck singt. Gudrun Meier hat unglaublich viel aus der Welt der Musik übersetzt, von Arientexten bis zu ganzen Libretti, Sie können hier einen Nachruf auf die 2017 verstorbene Übersetzerin lesen. Und hier natürlich ihre Übersetzung von Sogni e favole io fingo:

So träume ich und fabuliere, und wenn nach Belieben
Papierne Mär und Träume ich webe und verziere,
Wird töricht so sehr ich von Mitleid getrieben,
Daß falsche Not wütend und weinend ich erspüre.

Doch wenn dem Blendwerk der Kunst fern ich geblieben,
Bin weiser ich dann wohl? Was ruhlos ich räsoniere,
Vielleicht verstummt es irgendwann? Vielleicht zerstieben
Aus bess'rem Grund Glut und Groll, die ich spüre?

Doch, ach, nicht das allein, was ich singe und schreibe,
Ist Lug und Trug, auch was ich fürchte, erstrebe,
Alles ist Lüge, die Zeit im Wahn ich mich mir vertreibe.

Ein Traum ist alles ganz und gar, was dahier ich erlebe.
Ach, du, o Herr, wenn Wachheit geworden zur Bleibe,
Mach, dass der wahren Dinge Hort Frieden mir gebe!

Sonntag, 11. April 2021

Prince Philip ✝

Bitte bleiben Sie noch einen Augenblick stehen, sagte der Polizist. Woher wusste der, dass ich Deutscher war? Er fügte dann noch hinzu: Die Königin kommt gleich. Da stand ich nun in Amsterdam vor einem Zebrastreifen und wartete. Dann kam die Königin Juliana, aber die Königin Elizabeth saß auch in der Kutsche. Philip in einer zweiten. Das war das erstemal, dass ich Philip sah. Sieben Jahre später sah ich ihn noch einmal. Das war ein schöner Tag im Mai, als der Professor für englische und amerikanische Literatur Rudolf Haas im Hamburger Audimax ankündigte, dass er seine Vorlesung über die elisabethanische Literatur heute etwas früher beenden würde. Damit Sie alle Zeit haben, die Königin zu sehen, ein Pflichtprogramm für Anglistikstudenten. Die Queen wird wenig später im offenen Mercedes 600 durch die Schlüterstraße fahren, Elisabeth I und Elisabeth II sind hier heute nur zehn Minuten und hundert Meter voneinander entfernt.

Ein Jahr später sah ich Philip wieder. In Kiel, er war zum Segeln gekommen. Hier ist er auf seiner Yacht Bloodhound, die die königliche Familie gebraucht gekauft hatte, neu wäre sie Philip zu teuer gewesen. Philip war ein großer Segler, er hat über die Jahre in verschiedenen Bootsklassen zahlreiche Regatten gewonnen. Auf dem Photo hält er eine weiße Mütze in der Hand, er durfte so etwas tragen, er war Marineoffizier. Der Herr mit der weißen Mütze auf dem Kopf ist der Ministerpräsident Lemke. Der war im Zweiten Weltkrieg auch Marineoffizier, aber vorher hat er die braunen Uniformen der Nazis getragen. Die Google Bilderwelt scheint diese Bilder gelöscht zu haben, aber in meinem Post Signale kann man Lemke noch in SA-Uniform sehen. Der Prinz Philip von Griechenland und Dänemark hat keine dunklen Flecken in seiner Geschichte. Für seine Schwestern, die adlige Nazis heirateten, konnte er nichts. Wir lassen das mal weg, dass Queen Mom immer von Philip als dem Hunnen redete, aber Queen Mom verehrte ja auch Bomber Harris

Im Colloquium von Professor Titelnot diskutierten wir damals wochenlang, welche Bilder wir ihm an die Wände seiner Hotelsuite hängen sollten. Es musste unbedingt Nolde sein, den kann ich zwar nicht ausstehen, aber ich meldete mich freiwillig für die Arbeit des Aufhängens. Wir hatten die Noldes kaum an der Wand, als Philip schon im Zimmer war. Er war sehr nett, aber ich wußte vor Verlegenheit nicht, wo ich hingucken sollte. Also habe ich auf seine Schuhe geguckt. Schöne weinrot-braune hochpolierte Schuhe, wahrscheinlich von John Lobb. Passten in der Farbe prima zu seinem bordeauxfarbenen Rolls-Royce draußen auf dem Hof. 

Es gab zwar immer schöne Frauen in Philips Leben, wie hier seine Freundin Angela Cara Delevingne, die die Tochter eines Viscounts war, aber als er Lisbeth gefunden hatte, blieb er ihr ziemlich treu. Die englische Skandalpresse hat zwar immer etwas Amouröses gefunden, aber an der Verbreitung von Lügen verdienen die Murdochs dieser Welt ihr Vermögen. In der jetzt laufenden Netflix Serie The Crown wird Philip mit dem Profumo Skandal in Verbindung gebracht (Sie könnten jetzt einmal den schönen Post Christine Keeler lesen), aber da ist auch nichts dran.

Er besaß gute Schneider (in den letzten fünfzig Jahren war das John Kent) und viele Uniformen. Hier trägt er die schräge Mütze (im Original grün und weiß) der Royal Irish Hussars. Am liebsten trug er Marineuniformen, als er neunzig wurde, ernannte ihn seine Gattin zum Lord High Admiral, da brauchte er wieder eine neue Uniform. Als seine Frau 1952 unvermutet Königin von England wurde, nahm Philip seinen Abschied von der Royal Navy: Ich war gerade zum Fregattenkapitän befördert worden, hatte damit den interessantesten Teil der Karriere begonnen. Natürlich war ich enttäuscht. Doch dann besann ich mich. Als Ehemann einer Königin, schien mir, war meine oberste Pflicht, nach bestem Vermögen ihr zu dienen. Als er heiratete, hat er auf die Titel eines Prinzen von Griechenland und eines Prinzen von Dänemark verzichtet, erhielt die britische Staatsbürgerschaft und änderte seinen Familiennamen in Mountbatten. Bekam von seiner Frau dann noch die Titel Duke of EdinburghEarl of Merioneth und Baron Greenwich dazu.

Mit sechsundneunzig Jahren hatte Prince Philip seinen letzten offiziellen Auftritt, da hatte er siebzig Jahre seiner Königin gedient. Immer ein Gentleman. Die Premierministerin Theresa May (kann sich noch jemand an die erinnern?) twitterte: As he carries out his final public engagement, I thank the Duke of Edinburgh for a remarkable lifetime of service. I hope the Duke, after 22,219 solo engagements since 1952, can now enjoy a well-earned retirement! Er trug keine Uniform mehr. Die Militärkapelle der Royal Marines spielte die Nationalhymne und For He’s a Jolly Good Fellow. Das war's. Einen wie ihn bekommt England nie wieder. Auch wenn er ruppig sein konnte und eine spezielle Form des englischen Humors hatte, verbarg er immer hinter dieser Fassade einen gebildeten Menschen, der mehrere Sprachen fließend sprach und mehr als zehntausend Bücher besaß. Und Gedichte las.

Dieser Blondschopf im Kostüm eines Ritters ist der vierzehnjährige Philip, als er in seinem schottischen Internat eine kleine Nebenrolle bei der Aufführung von Shakespeares Macbeth hat. Man sieht ihm nicht an, dass er er eine schwere Kindheit hatte. Er ist mit dem Adel von ganz Europa verwandt, aber er hat kein wirkliches Zuhause. Als er in einem Interview nach seiner Kindheit gefragt wurde, sagte er: What do you mean, ‘home’? You get on with it. You do. One does. Das klingt ein wenig nach Becketts Satz You must go on. I can't go on. I'll go on. Er war seinem Lehrer Kurt Hahn von Salem zur British Salem School in Gordonstoun gefolgt, Philips Schwager, der Prinz von Baden, hatte Hahn bei der Ausreise geholfen. Salem und Gordonstoun waren für Philip die glücklichsten Jahre. Drei Jahre nach der Macbeth Aufführung war er in der Royal Navy, wo er mit einundzwanzig der jüngste Leutnant der Royal Navy wurde. Er war kein Engländer, aber sein Onkel Lord Mountbatten hatte dafür gesorgt, dass ihn die Navy aufnahm. Die Engländer scheinen da sehr großzügig zu sein, Adrian Carton de Wiart war acht Jahre in der englischen Armee, bevor jemand merkte, dass der belgische Baron kein Engländer war.

Ich brauche das Photo von dem jungen Blondschopf, denn ich habe ein Gedicht dazu, das Prince Philip As an Actor in Macbeth heißt. Da der derzeitige Poet Laureate Simon Armitage (der einmal Sir Gawain and the Greene Knighte ins Neuenglische übersetzte) noch nicht als Hofdichter zu dem Tod von Philip tätig geworden ist, nehme ich das Sonett von dem Amerikaner Phillip Whidden, das auf der Seite einer relativ obskuren Society of Classical Poets veröffentlicht wurde. Über den Dichter weiß ich nichts, allerdings hat er im Internet eine beeindruckende Seite, auf der wir hunderte seiner Sonette finden. Das Gelegenheitsgedicht über den jungen Blondschopf ist eigentlich gar nicht so schlecht:

He wore a white gold crown wherever he
Was living, Denmark, Greece, and also here
In Scotland and in England. Like a spree
Of happiness, he was a musketeer
Of royal beauty whose blond diadem
Was full of pranks and alpha male-ish fun.
His suffering something to deny, a gem
Worn silently concealed the way a nun
Belies distress, young Philip’s pain was hard
As diamonds inside a regal watch
That keeps to time inerrantly. If scarred,
He never showed it. Platinum the swatch
     Of hair across his forehead, silver gold,
     Was like a future victory foretold.