Samstag, 23. Januar 2021

Orchideen


Ich lese natürlich Anna Karenina zu Ende, das habe ich in dem Post Oberrock schon gesagt. Aber ich habe die Lektüre erst einmal unterbrochen, weil ich mal eben Eine Liebe von Swann neu lesen musste. Nicht in dieser von Jean-Yves Tadié besorgten Ausgabe (Collection Folio classique (n° 6439) Gallimard), sondern in einer mir bis dato unbekannten Übersetzung. Ich suchte für den Anfang des Posts ein Bild von Un amour de Swann und fand dieses, eine stilisierte Blume, umgeben von einem Wirrwarr von Pfeilen. Ich betrachtete das Bild einen Augenblick lang und wusste, was es sein sollte. Die stilisierte Blume ist eine Cattleya, eine Orchideenart. Und diese nach dem britischen Orchideengärtner William Cattley benannte Pflanze hat eine besondere Bedeutung für den Roman, die es rechtfertigt, als Bild auf den Buchumschlag zu kommen.

Odette de Crécy, in die sich Charles Swann verliebt, trägt eine solche Blume im Ausschnitt ihres Kleides. Sie liebt an Blumen nur diese Cattleya (bei Proust catleya) und Chrysanthemen, ihre Wohnung ist voll davon. Die schöne Odette ist, das müssen wir vorausschicken, eine Halbweltdame. Also eine Frau, die uns auch in den Posts les grandes horizontales und Demimonde hätte begegnen können. Oder in dem Post über Marie Duplessis, das Vorbild für die Kameliendame Violetta Valéry in La Traviata

Von der weiß man ja, wieviel Geld sie für Blumen ausgegeben hat, weil man irgendwann nach ihrem Tod die Rechnungen der Floristen gefunden hat. Wenn man sich die Portraits der Damen der Belle Époque von Giovanni Boldini anschaut, dann wird man sehr häufig Blumen im Ausschnitt des Kleides finden. Wie hier bei der Prinzessin Radziwill, einer ersten Jugendliebe von Proust.

Diese Bilder von Prinzessinnen, Comtessen und Courtisanen, die heute wie eine Galerie von Pin Up Girls der Hautevolee des Fin de Siècle wirken, haben natürlich etwas Erotisches an sich. Die muet language des robes, von der Proust spricht, ist nicht wirklich stumm. Die Prinzessin Bibesco, die ihre Begegnung mit Marcel Proust niederschreiben wird (deutsch als Paperback im Insel Verlag), wird hier vom Maler mehr aus- als angezogen. Aber wenn sie auch beinahe nackt ist, die Blume im Ausschnitt des angedeuteten Kleides darf nicht fehlen.

Diese Dame hier auf dem Gemälde von Raimundo de Madrazo y Garreta trägt auch eine Orchidee im Ausschnitt. Sie heißt Laure Hayman und ist die Geliebte von Prousts Großonkel Louis (und vielleicht die auch seines Vaters). Als Louis Weil sie ihm 1888 vorstellt, ist Proust siebzehn Jahre alt, er ist von der zwanzig Jahre älteren Courtisane hingerissen. Drei Jahre später schenkt sie ihrem jugendlichen Verehrer die Erzählung Gladys Harvey von Paul Bourget (der auch einer ihrer Liebhaber war), eingebunden in die Seide eines ihrer Unterröcke. Und mit der Widmung Ne rencontrez jamais une Gladys Harvey versehen. Die Gladys Harvey in Bourgets Roman ist eine Courtisane, mit diesem Werk ist Laure Hayman in die Literatur gewandert. 

Dort wird sie bleiben, denn Proust macht sie zu Odette de Crécy. Der junge Proust ruiniert sich beinahe finanziell, weil er ihr immer Chrysanthemen schickt, ces fleurs fières et tristes comme vous. Wenn Laure Hayman (hier auf dem Gemälde von Federico de Madrazo y Ochoa nackt, aber mit Blumen im Haar) entdeckt, dass Proust sie in eine Romanfigur verwandelt hat, wird sie ihm einen wütenden Brief schreiben, in dem sie ihn anklagt, ein Monster zu sein. Eine Frau, die ich vor 30 Jahren geliebt habe, schreibt mir einen wütenden Brief um mir zu sagen, Odette sei sie, ich sei ein Scheusal. Solche Briefe (und die Antworten darauf) nehmen einem die Lust zur Arbeit, von der Freude an ihr ganz zu schweigen: auf sie habe ich seit langem verzichtet, schreibt Proust im Mai 1922 an seinen Verleger.

Die kreolische Schönheit, die Francis Hayman, den Lehrer von Thomas Gainsborough zu ihren Vorfahren zählt, hat zehn Jahre gebraucht, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass sie Odette sei. Das ist nun ein wenig lächerlich. Laure Hayman war auch nicht die einzige, die ein Vorbild für Odette ist. Die Dame auf diesem Bild mit den Chrysanthemen im Ausschnitt ist nicht Gladys Harvey, das ist Gladys Marie Deacon, über die Proust schrieb: Ich sah noch nie ein Mädchen mit einer solchen Schönheit, Intelligenz, sowie Güte und Charme. Wenn die den Duke of Marlborough heiratet, wird Proust ihr Gast bei der standesamtlichen Trauung sein. Wahrscheinlich trägt er dann wieder eine Orchidee im Knopfloch wie auf dem Portrait von Jacques-Emile Blanche.

Als Vorbild für Odette wird auch immer noch Méry Laurent genannt, Modell und Geliebte von Manet und Vorbild für Zolas Roman Nana. Und da ich bei Manet und Nana bin, muss ich diese junge Dame unbedingt abbilden. Diese Nana, blond wie Laure Hayman, heißt Henriette Hauser, sie ist auch eine Courtisane, die Geliebte des Prinzen Wilhelm von Oranien-Nassau. Sie ist gerade dabei sich für den Abend anzukleiden, der Herr im Frack, den Manet ein Jahr später auf das Bild gemalt hat, wartet darauf, dass sie ihr Abendkleid anzieht. Wahrscheinlich wird sie sich auch eine Orchidee in den Ausschnitt stecken, denn Orchideen sind jetzt chic.

Wo kommen die Orchideen plötzlich her? Ursula Voß sagt in ihrem Buch Kleider wie Kunstwerke: Marcel Proust und die ModeGauguin hatte mit seinen Gemälden von tierhaft sinnlichen Südseeinsulanerinnen den Blumenschmuck im Haar nach Paris gebracht. Die erste Frau mit Blumen im Haar, die Proust sieht, ist die Gräfin Greffulhe: Sie trug eine Frisur von polynesischer Anmut, und malvenfarbene Orchideen fielen ihr bis zum Nacken ... noch nie habe ich eine so schöne Frau gesehen. Die Gräfin Greffulhe, die für Proust das Vorbild der Herzogin von Guermantes wird, in die der Erzähler Marcel unsterblich verliebt ist, gehört natürlich nicht zur Demimonde. 

Auf diesem Photo von Nadar trägt sie keine Blumen im Haar und keine Orchideen im Ausschnitt, die Blumen sind alle auf dem Abendkleid von Charles Frederick Worth, das heute den Namen Robe aux Lys trägt und in einem Pariser Museum zu sehen ist. Sie trägt aber auch manchmal Orchideen, so schreibt Proust an Robert de Montesquiou über einen Ball im Jahre 1894: 

Die Gräfin Greffulhe, kostbar gekleidet: ein Kleid aus fliederrosa Seide, übersät mit Orchideen, bedeckt von Seidenmusselin im gleichen Farbton, der Hut mit Or­chideen geschmückt und ganz von lila Gaze umhüllt.
Kurz vor seinem Tod erbittet sich Proust von der Comtesse einen signierten Abzug des Photos von Nadar, damit er ihre vollendete Schönheit in der Einsamkeit seine Zimmers betrachten könne. Sie lehnt ab. Zwanzig Jahre später wird sie in einem Interview sagen, dass sie Proust kaum gekannt habe und keinerlei Briefe von ihm besitze.

Lassen Sie mich von den Blumen im Haar der schönsten Frau von Paris, die ihren größten Verehrer schnöde verleugnet, wieder zu der Demimonde zurückkehre. Und zu den Blumen im Ausschnitt der Abendkleider. Wie hier bei Marthe Régnier, einer Schauspielerin, die die Mätresse des Barons Henri de Rothschild ist. Ursula Voß weiß in ihrem Buch einiges über die Orchideen bei Proust zu sagen: Weibliches Begehren, die Triebhaftigkeit der Femme fatale, symbolisiert am sprechendsten eine florale Züchtung, ein letztes verfeinertes Produkt der wildwachsenen exotischen Orchidee von unverhohlenem Aufforderungscharakter. Dem Dichter wird sie zum Code für die weibliche Erotik, gleichsam ein Haute-Couture-Gewächs in komplizierter Form und Schnittraffinesse und fein abgestuftem Violett von Hell bis Tintendunkel die Cattleya trianae, ein Sexualorgan in den Augen der Proustologen.

Und damit sind wir beim Thema: Sex. Swann und Odette sitzen in einer Kutsche, die durch vor einem Hindernis scheuende Pferde ein wenig ins Wackeln gekommen ist. Und jetzt sagt Swann zu Odette: 'Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich die Blumen an Ihrem Ausschnitt wieder zurechtrücke, die durch den Stoß verrutscht sind? Ich habe Angst, daß Sie sie verlieren könnten, ich werde sie etwas tiefer hineinstecken.' Sie, die nicht gewohnt war, dass die Männer so viele Umstände mit ihr machten, antwortete lächelnd: 'Aber nein, das macht mir gar nichts aus.' Sie ahnen, was nun passiert.

In ihrem Proust-ABC sagt Ulrike Sprenger: unter dem Vorwand, das Gesteck in ihrem Ausschnitt wieder zurechtzurücken, liebkost Swann ihren Hals, ihre Schultern und ihre Brüste. Für beide ist diese Form der indirekten Annäherung etwas Besonderes: Für Swann, weil er auf diese Weise bis in die erotische Berührung hinein die begehrte Frau als Kunstwerk empfinden kann, die prächtigen, aber geruchlosen und künstlichen Blüten verleihen ihr den Charakter eines kostbaren Blumenarrangements, und für Odette, weil sie es nicht gewohnt ist, daß Männer viele Umstände machen. So bleibt die erste Berührung deswegen reizvoll, weil sie den Umweg »durch die Blume« nimmt, noch keinen endgültigen Besitz bedeutet - weil das Bild der Blume den individuellen Phantasien und Sehnsüchte der Liebenden eine Projektionsfläche bietet. Als die Liebe zwischen Swann und Odette erkaltet und Sex längst zur körperlichen Routine geworden ist, bewahren zwei Dinge die Erinnerung an eine einzigartige Leidenschaft: Das kleine Thema Vinteuils und der Ausdruck »Cattleya machen«, den Odette und Swann seit der ersten Berührung für die körperliche Liebe verwenden. 

Wir brauchen für die Szene in der Kutsche keine Bilder aus einem Film, wir bleiben im Roman. Und wir wissen jetzt, dass die französische Sprache für das faire l'amour jetzt noch einen anderen Begriff hinzugewonnen hat: la métaphore « faire catleya » devenue un simple vocable qu’ils employaient sans y penser quand ils voulaient signifier l’acte de la possession physique — où d’ailleurs l’on ne possède rien — survécut dans leur langage, où elle le commémorait, à cet usage oublié. Et peut-être cette manière particulière de dire « faire l’amour » ne signifiait-elle pas exactement la même chose que ses synonymes. On a beau être blasé sur les femmes, considérer la possession des plus différentes comme toujours la même et connue d’avance, elle devient au contraire un plaisir nouveau s’il s’agit de femmes assez difficiles — ou crues telles par nous — pour que nous soyons obligés de la faire naître de quelque épisode imprévu de nos relations avec elles, comme avait été la première fois pour Swann l’arrangement des catleyas.

Mittwoch, 20. Januar 2021

The Hill We Climb (2)


Heute Morgen konnte ich nur acht Zeilen aus dem Gedicht The Hill We Climb von Amanda Gorman zitieren, mehr gab das Internet nicht her. Aber jetzt ist die Inaugurationsfeier vorbei, Sie können die junge Dichterin hier sehen. Es gibt schon beinahe zweihundert Kommentare. Ich zitiere einmal einen davon: A nation that isn't broken / but simply unfinished. When you're 22 and the President asks you to stand in the shoes of Maya Angelou and Robert Frost and you absolutely nail it. Incredible. Und ein Transkript des Gedichts habe ich auch:

         Mr. President, Dr. Biden, Madam Vice President, Mr. Emhoff, Americans and the world, when day comes we ask ourselves where can we find light in this never-ending shade? The loss we carry a sea we must wade. We’ve braved the belly of the beast. We’ve learned that quiet isn’t always peace. In the norms and notions of what just is isn’t always justice. And yet, the dawn is ours before we knew it. Somehow we do it. Somehow we’ve weathered and witnessed a nation that isn’t broken, but simply unfinished. We, the successors of a country and a time where a skinny black girl descended from slaves and raised by a single mother can dream of becoming president only to find herself reciting for one:

And yes, we are far from polished, far from pristine, but that doesn’t mean we are striving to form a union that is perfect. We are striving to forge our union with purpose. To compose a country committed to all cultures, colors, characters, and conditions of man. And so we lift our gazes not to what stands between us, but what stands before us. We close the divide because we know to put our future first, we must first put our differences aside. We lay down our arms so we can reach out our arms to one another. We seek harm to none and harmony for all. Let the globe, if nothing else, say this is true. That even as we grieved, we grew. That even as we hurt, we hoped. That even as we tired, we tried that will forever be tied together victorious. Not because we will never again know defeat, but because we will never again sow division.

Scripture tells us to envision that everyone shall sit under their own vine and fig tree and no one shall make them afraid. If we’re to live up to her own time, then victory won’t lie in the blade, but in all the bridges we’ve made. That is the promise to glade, the hill we climb if only we dare. It’s because being American is more than a pride we inherit. It’s the past we step into and how we repair it. We’ve seen a forest that would shatter our nation rather than share it. Would destroy our country if it meant delaying democracy. This effort very nearly succeeded.

But while democracy can be periodically delayed, it can never be permanently defeated. In this truth, in this faith we trust for while we have our eyes on the future, history has its eyes on us. This is the era of just redemption. We feared it at its inception. We did not feel prepared to be the heirs of such a terrifying hour, but within it, we found the power to author a new chapter, to offer hope and laughter to ourselves so while once we asked, how could we possibly prevail over catastrophe? Now we assert, how could catastrophe possibly prevail over us?

We will not march back to what was, but move to what shall be a country that is bruised, but whole, benevolent, but bold, fierce, and free. We will not be turned around or interrupted by intimidation because we know our inaction and inertia will be the inheritance of the next generation. Our blunders become their burdens. But one thing is certain, if we merge mercy with might and might with right, then love becomes our legacy and change our children’s birthright.

So let us leave behind a country better than the one we were left with. Every breath from my bronze-pounded chest we will raise this wounded world into a wondrous one. We will rise from the gold-limbed hills of the West. We will rise from the wind-swept Northeast where our forefathers first realized revolution. We will rise from the Lake Rim cities of the Midwestern states. We will rise from the sun-baked South. We will rebuild, reconcile and recover in every known nook of our nation, in every corner called our country our people diverse and beautiful will emerge battered and beautiful. When day comes, we step out of the shade aflame and unafraid. The new dawn blooms as we free it. For there is always light. If only we’re brave enough to see it. If only we’re brave enough to be it.

Eine deutsche Übersetzung des Gedichts finden Sie hier.

The Hill We Climb


John F. Kennedy war der erste amerikanische Präsident, der einen Dichter einlud, bei der Inauguration ein Gedicht zu sprechen. Der 86-jährige Robert Frost hatte ein Gedicht mit dem Titel Dedication geschrieben, kam aber über die ersten Zeilen nicht hinaus:

Summoning artists to participate
In the august occasions of the state
Seems something artists ought to celebrate.
Today is for my cause a day of days.
And his be poetry’s old-fashioned praise
Who was the first to think of such a thing.

Er hatte in der Eiseskälte Tränen in den Augen, die Sonne blendete ihn, da gab er es auf, das gerade geschriebene Gedicht vorzulesen und trug stattdessen sein Gedicht The Gift Outright vor, das konnte er auswendig:

The land was ours before we were the land's.
She was our land more than a hundred years
Before we were her people. She was ours
In Massachusetts, in Virginia,
But we were England's, still colonials,
Possessing what we still were unpossessed by,
Possessed by what we now no more possessed.
Something we were withholding made us weak
Until we found out that it was ourselves
We were withholding from our land of living,
And forthwith found salvation in surrender.
Such as we were we gave ourselves outright
(The deed of gift was many deeds of war)
To the land vaguely realizing westward,
But still unstoried, artless, unenhanced,
Such as she was, such as she would become.

Bei der Inauguration von Joe Biden wird Amanda Gorman ihr Gedicht The Hill We Climb vortragen, sie ist mit zweiundzwanzig Jahren die jüngste Dichterin bei einer solchen Zeremonie. Sie hatte ihr Gedicht noch nicht ganz fertig, als sie im Fernsehen die Ereignisse vom 6. Januar sah. Da schrieb sie ihr Gedicht zuende: And then on the Wednesday in which we saw the insurrection at the Capitol, that was the day that the poem really came to life. And I really put pedal to the metal. Und sie schrieb den Tag mit in ihr Gedicht hinein:
 
We’ve seen a force that would shatter our nation rather than share it,
Would destroy our country if it meant delaying democracy.
And this effort very nearly succeeded.
But while democracy can be periodically delayed,
It can never be permanently defeated.
In this truth, in this faith we trust.
For while we have our eyes on the future,
History has its eyes on us.

Dienstag, 19. Januar 2021

Abgang


Die Süddeutsche brachte vorgestern in ihrem Artikel Schauriger Schlussakkord den römischen Kaiser Nero mit Donald Trump in Verbindung. Der Karikaturist, der in diesem Blog schon häufiger die Leser erfreut hat, hatte diese Idee schon vor der Süddeutschen. Er hat in seinem Cartoon den Vers Glory, Glory, Hallelujah aus der Battle Hymn of the Republic ein klein wenig verändert. Aber so schön jetzt der Einfall ist, Trump als römischen Kaiser zu sehen, es sind schon andere noch früher auf die Idee gekommen. Im März des letzten Jahres erschien ein Buch mit dem Titel American Nero. Das hatte den schönen Untertitel The History of the Destruction of the Rule of Law, and Why Trump Is the Worst Offender. Morgen ist der Fake President Geschichte, die Van Buren Brothers singen schon auf YouTube Bye, Bye, Donny. Wir wollen mal hoffen, dass er in den letzten Stunden seiner Amtszeit nicht auf dumme Gedanken kommt und zu Streichhölzern und Lyra greift.


Montag, 18. Januar 2021

røde pølser


Meine ersten røde pølser habe ich in den fünfziger Jahren in Dänemark gegessen. Die dänische Variante des Hot Dog, diese roten Würstchen mit Röstzwiebeln, süß-sauren Zwiebelscheibchen, Ketchup, Senf und Remoulade sind eine Art dänisches Nationalgericht. Heute vor hundert Jahren erhielten die ersten sechs Pølsevogn die Konzession, røde pølser (die damals noch röter waren als heute) in Kopenhagen auf der Straße zu verkaufen. Das sollte unbedingt in diesem Kulturblog erwähnt werden. Meine besten røde pølser habe ich nicht in dem berühmten Annies Kiosk, sondern in Sonderburg auf der Straße gegessen. Mein schönstes Erlebnis mit der dänischen Delikatesse hatte ich vor vielen Jahren bei einer Kieler Woche. Da hatte sich der FDP Politiker Wolfgang Kubicki, elegant in neuem blauen Anzug, weißem Hemd und gelber Krawatte, gerade an einem dänischen Würstchenstand auf dem Alten Markt vor der Nikolaikirche eine Portion røde pølser gekauft. Er konnte mit dem dänischen Nationalgericht nicht so richtig umgehen und kriegte es beim Esssen hin, dass ihm die ganzen Soßen und die Zwiebeln auf den schönen neuen Anzug und den gelben Schlips liefen. Es war ein wunderbarer Anblick. Immer, wenn ich den Kubicki im Fernsehen sehe, fällt mir diese Szene ein.

Sonntag, 17. Januar 2021

Gregory Corso


Heute vor zwanzig Jahren starb der amerikanische Dichter Gregory Nunzio Corso. Ein Dichter in einer wilden Zeit, als die amerikanische Literatur von Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs bestimmt wurde. Wenn er als Jugendlicher für drei Jahre ins Gefängnis wandert, ist das für ihn ein Bildungserlebnis. Der Italo-Amerikaner wurde von Mafia Gangstern beschützt, die den Kleinen für ein Genie hielten. Das Gefängnis wurde seine Universität, er las und las. Er hatte die Zelle von Lucky Luciano bekommen, der dem Gefängnis seine Bibliothek schenkte, als er Clinton Prison verließ. Lucky Lucianos Zelle besaß eine Lampe, die nachts nicht abgeschaltet wurde, so konnte Corso auch in der Nacht lesen. Seinen zweiten Gedichtband widmete Corso den angels of Clinton Prison who, in my seventeenth year, handed me, from all the cells surrounding me, books of illumination. Ein Kleinkrimineller, ein Mafiaboss und ein Bildungserlebnis, es ist eine erstaunliche Sache.

Im Gefängnis entdeckte das Werk von Percy Bysshe Shelley, das ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen wird. Als er das erste Mal in England ist, hat er in Oxford in Shelleys Zimmer den Fußboden geküsst. Und nach seinem Tod ist er auf dem protestantischen Friedhof von Rom beerdigt worden, zu Füßen des Grabes von Shelley. Das Gedicht, das auf seinem Grabstein steht, hat er selbst geschrieben:

Spirit
is Life
It flows thru
the death of me
endlessly 
like a river
unafraid
of becoming
the sea

Es hat in diesem Blog schon einen Post für Gregory Corso gegeben, der ein klein wenig verborgen ist. Weil er nicht den Namen des Dichters trägt, sondern Fahrkünste heißt. Der Post ist sehr häufig gelesen worden, ich rätsle noch immer, ob das wegen der bescheuerten BMW Fahrerin oder wegen Gregory Corso so ist.

Donnerstag, 14. Januar 2021

Schicht machen


Vor einem Jahr fragte mich ein Freund, was ich von dem übermäßigen Gebrauch des Wortes awesome hielte. Ich sagte: Nichts. Ich hasse es, wenn Wörter ihres Sinns und ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt werden. Also zum Beispiel dieses ubiquitäre vor Ort. Da, wo alle Reporter sind. Als ich das zum ersten Mal im Fernsehen hörte, dass der Reporter vor Ort sei, fragte ich mich: und wo ist das Bergwerk? Denn in die Welt der Bergleute (die neuerdings Bergmänner sind) gehört dieses vor Ort, und es ist auch das Ort, nicht der Ort. Und dann sind da noch die Feuerwehrmänner, die besser Feuerwehrleute sein sollten. Und, und, und. Das fängt morgens mit der Zeitung an und hört abends mit den Nachrichten auf. Vielleicht sollte man in alle Nachrichtenredaktionen einmal Schopenhauers Überlegungen über die Verhunzung der deutschen Sprache geben. Und dann packen wir die ganzen witzigen Bücher von Wolf Schneider noch dazu. Liest niemand diese Bücher mehr? Und da ich gerade dabei bin, Bücher zu empfehlen: Langenscheidt hat ein Lexikon Deutsch als Fremdsprache im Programm. Ist zwar nicht für Deutsche gedacht, kann denen heute aber sehr empfohlen werden. 

Das stand hier im Jahre 2016 in dem Post awesome, ich zitiere das gerne noch einmal. Eigentlich will ich nur auf dieses vor Ort zurückkommen, das aus der Bergmannssprache kommt. Wie die Schicht oder das Arschleder. Und um Bergwerke soll es heute einmal gehen. Ich beginne mal mit Goethe, der in seinem Gedicht über das Bergwerk Ilmenau schreibt:

Anmuthig Thal! du immergrüner Hain!
Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste;
Entfaltet mir die schwerbehangnen Äste,
Nehmt freundlich mich in eure Schatten ein,
Erquickt von euren Höhn, am Tag der Lieb’ und Lust, 
Mit frischer Luft und Balsam meine Brust!

Wie kehrt’ ich oft mit wechselndem Geschicke,
Erhabner Berg! an deinen Fuß zurücke.
O laß mich heut an deinen sachten Höhn
Ein jugendlich, ein neues Eden sehn!
Ich hab’ es wohl auch mit um euch verdienet:
Ich sorge still, indeß ihr ruhig grünet. 

Das geht noch so weiter, Ilmenau am 3. September 1783 ist ein Huldigungsgedicht an Goethes Freund und Landesherrn Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, das ihm Goethe an dessen achtundzwanzigsten Geburtstag überreichte. Sie können hier alles dazu lesen. Das Bergwerk in Ilmenau hat Goethe gut gekannt, seit 1776 war er achtundzwanzig Mal dort gewesen. Um ein Brandunglück aufzuklären, um die verfallenen Bergwerksanlagen zu inspizieren und zu sondieren, ob man den Bergbau wieder aufnehmen könne. Hier hat er auch Über allen Gipfeln ist Ruh geschrieben. Ein halbes Jahr nach der Überreichung des Gedichts erfolgt die feierliche Neueröffnung des Bergwerks, allein, es rentiert sich nicht. 1812 wird der letzte Schacht stillgelegt. Schicht im Schacht würden wir heute sagen, den Ausdruck kannte man damals allerdings noch nicht.

Das Wort Schicht und der Ausdruck Schicht machen sind dagegen schon sehr alt. Und dieses Schicht machen kommt auch in der letzten Zeile eines Bergwerksgedichts vor, das beinahe ein halbes Jahrhundert vor Goethes Ilmenau Gedicht geschrieben wurde. Es stammt von der Dichterin Sidonia Hedwig Zäunemann, die heute vor 310 Jahren in Erfurt geboren wurde. Es ist wie Goethes Gedicht ein Widmungsgedicht (hier im Volltext), dem Herzog Ernst August von Sachsen gewidmet; und es ist ein erstaunliches Gedicht von einer Frau, die am liebsten Männerkleidung trägt:

Man wendet zwar darwider ein:
Kein Weib soll Mannes-Kleider tragen:
(Wenn es gelegne Zeit wird seyn,
Will ich hierauf die Antwort sagen.)
Man wirft mir weiter vor: Dieß sey nicht mein Beruf.
Es sey von Gott der Weiber-Orden
Zum Haushalt nur erschaffen worden,
Man nimmt des Salomons sein Spruch-Buch zum Behuf.
Der König hat zwar recht; allein wer wills uns wehren,
Wenn wir darneben auch uns von dem Pöbel lehren.
Wer straft uns, wenn auch unser Geist

Ein Herz voll Muth und Feuer weist?

Sie weiß, wie es um den Beruf des Bergmanns steht:

Der Bergmann trägt den Lohn
Nach naßen Kitteln, Müh und Schrecken
Und Karren übern Arsch zu drecken,
Nach öftern Mord-Geschrey, an wenig Geld davon.
Von Noth und Kümmerniß, von Jammer-vollen Tagen,
Von Elend, Angst und Schmerz kan uns ein Bergmann sagen.


Aber die Dichterin muss hinein in das Bergwerk:

Des Bergwerks Schönheit nimt mich ein,
Ich will / ich muß ein Bergmann seyn.
Ich kan die Regung meiner Brust
Ohnmöglich länger unterdrücken:
Ich muß zu meiner Herzens-Lust
Mich mit dem Bergmanns-Kleide schmücken.
Der Schacht-Hut ziert mich schon, nun bin ich ganz verkleidt!
Mein Gruben-Licht hat auch sein Feuer.
Kein unterirdisch Ungeheuer,
Noch Fahrt, Gefahr noch Müh sezt mich in Bangigkeit.
Schweigt stille! denn mein Geist wagt alles durchzugehen.
Schweigt! lasset mich im Berg’ die Weisheit Gottes sehen.
Glaubt, daß ich iezt so lustig bin,
Das macht, mir liegt die Fahrt im Sinn.

Es ist ein erstaunliches Gedicht einer emanzipierten Frau, die in eine rein männliche Domäne eindringt. Die Universität Göttingen verleiht der Dichterin Anfang 1738 für ihr Bergwerksgedicht den Titel einer poeta laureata. Goethes Gedicht ist eine gebildete Lobhudelei für seinen Fürsten, das Gedicht der Sidonia Hedwig Zäunemann (bey Gelegenheit des gewöhnlichen Berg-Festes mit poetischer Feder uf Bergmännisch entworfen) ist ein einzigartiges Gedicht in der deutschen Literatur. Es endet mit den wunderbaren Zeilen: 

Ich schweige, denn die Feder bricht,
Ja heut’ ist Fest, ich mache Schicht!

Ich jetzt auch.