Montag, 6. April 2026

Happy Birthday, Peter Nagel


Der Kieler Maler Peter Nagel wird heute fünfundachtzig Jahre alt, das ist für ihn ein Grund zum Feiern und für mich ein Grund, um herzliche Glückwünsche zu senden. Es ist nicht nur der Geburtstag des Kieler Kulturpreisträgers, der zu feiern ist. Peter Nagel und seine dänische Ehefrau Hanne Nagel-Axelsen sind in diesem Jahr fünfzig Jahre verheiratet, das gelingt nur wenigen Menschen. Es ist lange her, da hatte ich die beiden einmal zu Gast, es war ein netter Abend. Als sie gingen, fragte mich Hanne Nagel, von wem das Bild mit der blauen Meereslandschaft sei, das über der Wohnzimmertür hing. Ich sagte: Sprühdose dunkelblau für das Meer, Sprühdose hellblau für den Himmel. Sie hat herzhaft gelacht.

Peter Nagel hat an der Hochschule für bildende Künste Hamburg studiert, die man früher mal Li-La-Lerchenfeld nannte, also zu der Zeit, als Friedensreich Hundertwasser da anfing, einen roten Strich an die Decken zu malen. Nach seinem Studium gründete Peter Nagel mit Dieter AsmusNikolaus Störtenbecker und Dietmar Ullrich die Gruppe ZEBRA. Zebras kommen häufiger in seinem Werk vor. Und deshalb gibt es heute zum Geburtstag neben den Glückwünschen ein Zebra Gedicht von Yaak Karsunke:

Das Zebra

Eins wird das Zebra nie begreifen:
Wie kommt man übern Zebrastreifen?
Es bleibt am Straßenrande stehn
& ist dort stundenlang zu sehn –
bis sein Anblick jemand rührt
ders dann übern Fahrdamm führt.

Die Zebras von Peter Nagel, auch wenn sie als Fußballtorwart daherkommen, sehen etwas anders aus als das Zebra von dem englischen Maler George Stubbs. Oder das Quagga, das hier schon einen Post hat. Und weil es so viele Zebras und so viele Zebra Gedichte gibt, spendiere ich im Poetry Month doch noch eins. Es heißt Zebra Question und ist von dem berühmten Shel Silverstein, der hier schon in den Posts Jean-Jacques Sempé und Playboy erwähnt wird:

I asked the Zebra,
Are you black with white stripes?
Or white with black stripes?
And the zebra asked me,
Are you good with bad habits?
Or are you bad with good habits?
Are you noisy with quiet times?
Or are you quiet with noisy times?
Are you happy with some sad days?
Or are you sad with some happy days?
Are you neat with some sloppy ways?
Or are you sloppy with some neat ways?
And on and on and on and on
And on and on he went.
I'll never ask a zebra
About stripes
Again.


Sonntag, 5. April 2026

Ostern


Auferstehung 

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.


Ich wünsche all meinen Lesern mit diesem Gedicht von Marie Luise Kaschnitz ein frohes Osterfest.

Freitag, 3. April 2026

Karfreitag


Der erste Gedichtband von Wendell Berry enthielt nur ein einziges Gedicht, das den Titel November Twenty Six Nineteen Hundred Sixty Three hatte. Es war eine Elegie auf John F. Kennedy:

We know the winter earth upon the body of the young
President, and the early dark falling:

we know the veins grown quiet in his temples and
wrists, and his hands and eyes grown quiet;

we know his name written in the black capitals
of his death, and the mourners standing in the
rain, and the leaves falling;

we know his death’s horses and drums; the roses, bells,
candles, crosses; the faces hidden in veils;

we know the children who begin the youth of loss
greater than they can dream now;

we know the night long coming of faces into the candle-
light before his coffin, and their passing;

we know the mouth of the grave waiting, the bugle and
rifles, the mourners turning away;

we know the young dead body carried in the earth into
the first deep night of its absence;

we know our streets and days slowly opening into the
time he is not alive, filling with our footsteps and
voices;

we know ourselves, the bearers of the light of the earth
he is given to, and the light of all his lost
days;

we know the long approach of summers towards the
healed ground where he will be waiting, no longer the
keeper of what he was.

Wendell Berry, der mit Edward Abbey, Larry McMurtry, Ernest Gaines und Ken Kesey in Stanford bei Wallace Stegner studiert hatte, ist in Deutschland kaum bekannt geworden. Ich habe ihn 2014 in dem ausführlichen Post Karfreitag vorgestellt, und ich nehme heute am Karfreitag noch einmal ein Gedicht von ihm. DeepL hat mir die Übersetzung gemacht. Es ist ein Gedicht, das vielleicht in diesen Tagen der Zerstörung überall auf der Welt zu unserer Zeit passt:

It is the destruction of the world
in our own lives
that drives us half insane, and more than half.
To destroy that which we were given
in trust: how will we bear it?
It is our own bodies that we give
to be broken,
our bodies existing before and after us
in clod and cloud, worm and tree,
that we, driving or driven, despise
in our greed to live, our haste
to die. To have lost, wantonly,
the ancient forests, the vast grasslands
in our madness, the presence
in our very bodies of our grief.


Es ist die Zerstörung der Welt
in unserem eigenen Leben,
die uns halb wahnsinnig macht, ja mehr als halb.
Das zu zerstören, was uns
anvertraut wurde: Wie sollen wir das ertragen? 
Es sind unsere eigenen Körper, die wir hingeben,
damit sie zerbrochen werden,
unsere Körper, die vor und nach uns existieren
in Erdklumpen und Wolken, Würmern und Bäumen,
die wir, treibend oder getrieben, verachten
in unserer Gier nach Leben, unserer Eile,
zu sterben. Mutwillig verloren zu haben,
die uralten Wälder, die weiten Graslandschaften
in unserem Wahnsinn, die Gegenwart
unserer Trauer in unseren eigenen Körpern

Donnerstag, 2. April 2026

ein Traum der Zeit


Mein erstes Seminar über die deutsche Literatur des Barock an der Uni Hamburg war in den sechziger Jahren das Proseminar Das europäische Drama und Theater des Barock bei dem Hamburger Theaterwissenschaftler Dr Diedrich Diederichsen, dessen Sohn als Pop Literat berühmt wurde. Ich habe den Sommer in Hamburg und meine schöne Nachbarin in der Hinterhofkaserne in St Pauli schon in den Post Vergil hineingeschrieben. In den Vorlesungen im Audimax saßen tausende von Studenten, aber in Diederichsens Seminar hatten sich nur wenige Studenten (es waren höchstens zwanzig) verirrt. Was sicher ein Fehler war, denn es war ein hervorragendes Seminar. Meine erste Begegnung mit der Barockliteratur hatte für mich als Leser Folgen; es blieb nicht nur bei der Lektüre von Opitz, Gryphius, Hoffmannswaldau und Lohenstein (dessen Sophonisbe man in Diederichsens Seminar lesen musste), ich las mich durch ein ganzes Jahrhundert deutscher Dichtung. Den genialischen Johann Christian Günther (der hier die Posts ein Poet im vollen Sinne des Worte und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten hat) entdeckte ich erst Jahre später.

Den am zweiten April 1628 geborenen Komponisten und Dichter Constantin Christian Dedekind entdeckte ich erst vor ein paar Tagen bei der Suche im Internet. Er ist als Dichter auch nicht so berühmt wie all die Autoren, die bei mir inzwischen einen Post bekommen haben. Ein Gedicht, das Wandel der Zeit heißt, hat überlebt, weil es heute manchmal noch gesungen wird. Es erschien 1665 in Dresden in dem Sammelband Aelbianische Musen-Lust: in einhundertundfünfundsiebenzig unterschiedlicher berühmter Poeten auserlesenen, mit ahnmuthigen Melodeien beseelten, Lust-, Ehren-, Zucht- und Tugend-Liedern bestehende. Da das Buch bei Ihnen wahrscheinlich nicht im Bücherregal steht, gibt es den Text heute hier. 

Von Constantin Christian Dedekind ist allerdings nur die Melodie des Liedes, der Verfasser des Textes ist der Barockdichter Andreas Tscherning, den man einmal den deutschen Horaz genannt hat. Den Namen hat er wohl bekommen, weil er auch Liebesgedichte geschrieben hat. Ich habe hier den Zeitenwandel mit allen Strophen, weil man das Gedicht kaum im Netz findet:

Wandel der Zeit

Wir sind ein Traum der Zeiten,
Ein Bild der Eitelkeiten,
Der Tage Maß besteht
Wie Rauch der bald zerrinnet,
Wie Schatten, der beginnet
Und bald vorübergeht

Es pflegen zwar die Winde,
Des Äolus Gesinde,
Im Fluge fortzuziehn.
Geschwind ist eine Welle,
Auch Pfeile fliegen schnelle,
die Zeit schleicht eher hin.

Dies Wesen so wir treiben,
Ist unbeständigs Bleiben,
Wir wallen ab und zu.
Bald wirft uns Furcht darnieder,
Bald bringt uns Hoffnung wieder,
Wir wechseln Streit und Ruh.

O selig, wer die Sachen
Der Erde kann verlachen!
Wer bloß auf diese Zeit
Ihm Hoffnung weiß zu geben,
Der führt ein totes Leben
Und stirbt in Traurigkeit.

Unser Dichter kann mehr als dieses recht einfache Lied, vielleicht lesen Sie einmal Tschernings berühmtes Gedicht Melancholey Redet selber, das ist schon heavy stuff. Man kann dem Blogger, der den Text abgetippt und ins Netz gestellt hat, nur dankbar sein. Das Gedicht, das wenige Jahre nach Robert Burtons Anatomy of Melancholy erschien, ist irgendwie immer noch modern. Einer von Tschernings Zeitgenossen hat ihn Martin Opitz gleichgestellt (Hic erit Opitio par, nisi major erit), aber das ist wohl etwas übertrieben.

Noch mehr deutsche Barocklyrik in den Posts: Martin Opitz, Gänsemarkt, Simon Dach, Leserschwund, Zacharias Lund, Fruchtbringende Gesellschaft, der Torstenssonkrieg, Johann Rist, Frühling, Frisia non cantat, so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten, ein Poet im vollen Sinne des Worte, PetrarcaPoetry trumps Trump, porentief rein, Frühlingsanfang


Mittwoch, 1. April 2026

Goldgewölk


Ich nehme mir aus dem Post John Fowles mal zwei Dinge mit in den heutigen Tag. Das eine ist die Zahl 138.614, so viele Leser hatte ich noch nie im Monat. Das zweite ist ein Satz von John Fowles, den ich im Text stehen hatte, dann aber gestrichen habe. Der Satz lautet: We all write poems; it is simply that poets are the ones who write in words. Es ist ein schöner und vielzitierter Satz, man kann ihn immer für etwas gebrauchen. Mein Gedicht heute stammt von Martin Greif (der eigentlich Friedrich Hermann Frey hieß), der heute vor einhundertfünfzehn Jahren starb. Ich las mich durch seine Gedichte, aber es gab mir nichts. Bis etwas bei dem Gedicht Abend in meinem Gehirn klick machte, das Gedicht nahm ich:

Goldgewölk und Nachtgewölke,
Regenmüde still vereint:
Also lächelt eine welke
Seele, die sich satt geweint.

Doch die Sonne sinkt und ziehet
Nieder alle eitle Pracht,
Und das Goldgewölk verglühet
Und verbrüdert sich der Nacht.

Es ist ein schönes Gedicht, ohne Frage. Aber jetzt wollen Sie wahrscheinlich wissen, weshalb es in meinem Gehirn klick gemacht hat. Das hat mit dem Gold- und Nachtgewölk zu tun, und es steht schon in diesem Blog:

Sonne, Mond und Sterne. Als ich noch klein bin, gehen meine Eltern mit mir Laternelaufen. Eigentlich begleite ich sie nur auf ihrem normalen Abendspaziergang, jeder hier im Ort macht einen Abendspaziergang die Weser entlang. Wenn nicht das Laternelaufen wäre, wäre ich längst im Bett, so lange darf ich nur ganz selten aufbleiben. Als wir an die Weser kommen und den Stadtgartenberg hinuntergehen, kann ich mich nicht sattsehen. Der ganze Himmel auf der anderen Seite der Weser ist goldgelb, und unter diesem verschwenderisch dahingemalten Gold türmt sich ein blauschwarzes Gebirge auf, so wie der Kamm des Wiehengebirges hinter Tante Margrets Haus. Ich bin ganz still und gucke mir das Notturno in Blau und Gelb an. Whistler hätte es gefallen. Ein Gebirge auf der Oldenburger Seite der Weser habe ich noch nie gesehen. Am nächsten Morgen gehe ich zum Stadtgarten, aber das Gebirge ist weg. Man kann über die Weser bis Bookholzberg gucken. Ich wage meine Eltern nicht zu fragen, wo das Gebirge geblieben ist. Ich werde im Laufe der Jahre noch tausende von Sonnenuntergängen an der Weser sehen, aber keiner wird diesem magischen Moment gleichkommen. Der Himmelsmaler, der das Panoramabild auf der anderen Seite des Flusses malte, wiederholt sich nicht.

Wir alle schreiben Gedichte; nur dass es die Dichter sind, die sie in Worten schreiben.

Dienstag, 31. März 2026

John Fowles


Heute vor hundert Jahren wurde der englische Schriftsteller John Fowles geboren. Er wird in diesem Blog schon häufig erwähnt, aber heute soll er endlich einen kleinen Post bekommen, das hat er verdient. Eigentlich hat er noch viel mehr verdient, aber ich komme irgendwie nicht dazu, länger über ihn zu schreiben. Von all seinen Romanen, von denen viele Bestseller waren und verfilmt wurden, fand ich The French Lieutenant’s Woman (den ich hier im Volltext für Sie habe) am besten. Es war 
einer der ersten postmodernen Romane, dem das Karl Marx Zitat Every emancipation is a restoration of the human world and of human relationships to man himself vorangestellt war. Solch einen Roman hatte ich noch nie gelesen. Ich las den Roman gleich ein zweites Mal. 

The French Lieutenant’s Woman täuscht vor ein Roman zu sein, in Wirklichkeit ist es ein Handbuch über die Liebe in der Zeit der viktorianischen Doppelmoral, in der Maler brillierten, die sich auf das Bild der gefallenen Frau spezialisiert hatten. Gefallene Frauen gab es in England genug, noch nie gab es soviel Prostituierte in London wie in der Zeit Victorias: Ich zitiere mal eben aus dem Roman: What are we faced with in the nineteenth century? An age where woman was sacred; and where you could buy a thirteen-year-old girl for a few pounds—a few shillings, if you wanted her for only an hour or two. Where more churches were built than in the whole previous history of the country; and where one in sixty houses in London was a brothel (the modern ratio would be nearer one in six thousand). Where the sanctity of marriage (and chastity before marriage) was proclaimed from every pulpit, in every newspaper editorial and public utterance; and where never—or hardly ever— have so many great public figures, from the future king down, led scandalous private lives. Where the penal system was progressively humanized; and flagellation so rife that a Frenchman set out quite seriously to prove that the Marquis de Sade must have had English ancestry. Where the female body had never been so hidden from view; and where every sculptor was judged by his ability to carve naked women. Where there is not a single novel, play or poem of literary distinction that ever goes beyond the sensuality of a kiss, where Dr. Bowdler (the date of whose death, 1825, reminds us that the Victorian ethos was in being long before the strict threshold of the age) was widely considered a public benefactor; and where the output of pornography has never been exceeded. Es ist auch ein Roman über die englische Klassengesellschaft, viele Kapitel haben als Motto ein Zitat von Karl Marx. Manche der Frauen schaffen es aufzusteigen, werden wie Elisabeth Siddal zu Supermodels der Präraffaeliten, und die Romanfigur Sarah Woodruff (im Film von Meryl Streep gespielt) ist sicher eine Verwandte von ihr.

Ich las den Roman später noch ein drittes Mal, als mein Freund Volker Behrens, der viel zu früh verstarb, seine Doktorarbeit Das Spiel mit der Illusion in 'The French Lieutenant's Woman': Ein Vergleich von Roman, Film und Drehbuch schrieb. Das Drehbuch für die Verfilmung von The French Lieutenant’s Woman hatte Harold Pinter geschrieben, der auch schon mit Erfolg das Drehbuch für The Go-Between verfasst hatte. Den ✺Film habe ich natürlich auch für Sie. Der Roman erschien in Deutschland 1970 bei Ullstein in der Übersetzung von Reinhard Federmann mit dem etwas marktschreierischen Titel Dies Herz für Liebe nicht gezähmt. 2006 gab es bei List eine 603-seitige Neuausgabe mit dem Titel Die Geliebte des französischen Leutnants

Der Roman von John Fowles hat eine erstaunliche Entstehungsgeschichte, sie hat etwas mit dem Träumen zu tun. Für den französischen Philosophen Gaston Bachelard, der seine Karriere als Landbriefträger begann, ist die rêverie der Beginn der Literatur: In contrast to a dream a reverie cannot be recounted. To be communicated, it must be written, written with emotion and taste, being relived all the more strongly because it is being written down. Vielleicht sind die mémoires involontaires von Marcel Proust in ihrer exakten Dosierung zwischen Erinnerung und Vergessen auch aus der révererie des Autors entstanden. Der Augenblick zwischen Traum und Erwachen rettet Reste des Traums in den Tag. John Fowles hat in Notes on an Unfinished Novel (hier im Volltext) gesagt, dass er eines Morgens, noch halb im Schlaf ein Bild vor Augen hatte: 

The novel I am writing at the moment (provisionally entitled 'The French Lieutenant’s Woman') is set about a hundred years back. I don’t think of it as a historical novel, a genre in which I have very
little interest. It started four or five months ago, as a visual image. A woman stands at the end of a deserted quay and stares out to sea. That was all. This image rose in my mind one morning when I was still in bed half asleep .... So I ignored this image; but it recurred. Imperceptibly it stopped coming to me. I began deliberately to recall it and to try to analyse and hypothesise why it held some sort of immanent power. It was obviously mysterious. It was vaguely romantic. It also seemed, perhaps because of the latter quality, not to belong to today. The woman obstinately refused to stare out of the window of an airport lounge; it had to be this ancient quay – and as I happen to live near one, so near that I can see it from the bottom of my garden, it soon became a specific ancient quay. The woman had no face, no particular degree of sexuality. But she was Victorian; and since I always saw her in the same static long shot, with her back turned, in a curious sliding sideways turn away; a characteristic gesture she represented a reproach on the Victorian age. An outcast. I didn’t know her crime, but I wished to protect her. That is, I began to fall in love with her. Or with her stance. I didn’t know which. 
Fowles verwarf den Roman, an dem er gerade schrieb und schreibt stattdessen The French Lieutenant’s Woman.

Dem ersten Kapitel ist die erste Strophe von Thomas Hardys Gedicht The Riddle vorangestellt:

Stretching eyes west
Over the sea,
Wind foul or fair,
Always stood she
Prospect-impressed;
Solely out there
Did her gaze rest,
Never elsewhere
Seemed charm to be.


Das passt natürlich zu dem Traumbild, der motionless woman standing at the end of the mole clad all in black. Die Wahl von Hardy (der hier schon in den Posts Thomas Hardy, Klippen und Neujahr vorkommt), ist sicher kein Zufall. Fowles bewunderte Hardy, und er hat auch das schöne Buch Thomas Hardy's England herausgegeben. Und er hat Hardy auch in die Notes on an Unfinished Novel hineingeschrieben: The shadow of Thomas Hardy, the heart of whose ‘country’ I can see in the distance from my workroom window, I cannot avoid. Since he and Thomas Love Peacock are my two favourite male novelists, I don’t mind the shadow. It seems best to use it; and by a curious coincidence, which I didn’t recall when I placed my own story in that year, 1867 was the crucial year in Hardy’s own mysterious personal life. It is somehow encouraging that while my fictitious characters weave their own story in their 1867, only thirty miles away, in the real 1867, the pale young architect was entering his own fatal life-incident.

John Fowles hat in Oxford Romanistik studiert. Zur Universität war der junge Leutnant der Royal Marines eher durch einen Zufall gekommen, wie er in einem Interview  gestand: So I was in the Marines from 1944 to 1946, ending as a lieutenant training recruits who hoped to become commandos. I was at the time a little bit torn between joining the Marines permanently or taking the place I had been promised at Oxford. One day we had an official visit from a famous lord mayor of Plymouth, Isaac Foot. I was appointed his temporary ADC for the visit, and took the opportunity to ask his advice about my dilemma. To my surprise—we had all been brainwashed in those days into thinking the only thing that mattered was one’s middle-class national duty—he said very crisply that only a fool would find it a dilemma. If I had a place at Oxford, of course I should go for that, not the Marines. Spurred by what Isaac Foot said, I applied at once.

Fowles hat Montaigne gelesen und Albert Camus sehr geschätzt, aber ein weithin unbekanntes französisches Buch, das er the greatest novel of adolescence in European literature genannt hat, hat ihn mehr als andere Klassiker beeinflusst: Only in two cases can I confess that classics have consciously influenced me. One French writer I have always deeply liked and been seduced by is Marivaux, while the one novel I have always adored, from schoolboy days, and read countless times, is Alain-Fournier's 'Le Grand Meaulnes'. I know it has many faults, yet it has haunted me all my life. Ich kann das nachvollziehen, denn mir ist es mit diesem Roman, in dem schon der halbe Great Gatsby von Fitzgerald steckt, ebenso gegangen. Das steht schon in dem Post Alain-Fournier, der leider in den letzten dreizehn Jahren nicht mal tausend Leser gefunden hat. Damals hatte ich allerdings auch noch nicht 138.614 Leser im Monat wie jetzt im März.

Samstag, 28. März 2026

deutsch-dänisch, dänisch-deutsch


Der Monat April naht, ich gucke mich schon mal nach Gedichten um. Denn Sie wissen, dass es in diesem Blog nach amerikanischem Vorbild einen Poetry Month gibt. Gedichte gibt es in diesem Blog immer wieder, zuletzt in dem Post shirtwaist. Heute habe ich auch eins, es stammt von Adolph Wilhelm Schack von Staffeldt, der am 28. März 1769 auf Rügen geboren wurde. Nach dem Besuch der Landkadettenakademie in Kopenhagen, einem Studium und langen Bildungsreisen machte der pommersche Adlige Karriere im dänischen Staatsdienst. Ich zitiere einmal etwas zu seiner Biographie:

Deutschsprachig aufgewachsen, setzte er sich mit Nachdruck für die dänische Sprache ein, wurde dänischer Hofbeamter am Kieler Schloss, Amtmann zunächst in Cismar, dann in Gottorf und schließlich Landrat in Schleswig. Bis an sein Lebensende dichtete er sowohl in dänischer wie in deutscher Sprache. Er verehrte Klopstock und begrüßte die Französische Revolution. Früher als andere dänische Dichter nahm er Anregungen aus der deutschen Frühromantik auf; den Ruhm als Dänemarks erster und bedeutendster 'Nationalromantiker' erntete indessen der zehn Jahre jüngere Adam Oehlenschläger, dessen Gedichtsammlung 'Digte' (1802) ein Jahr vor Schack von Staffeldts schmalerem Band mit dem selben Titel erschienen war. Die zweite und schönste Sammlung der dänischen Verse Schack von Staffeldts, 'Nye Digte' (Neue Gedichte), erschien 1808 im Universitätsverlag in Kiel. Im Urteil des dänischen Kritikers Georg Brandes litt der oft melancholische, gesundheitlich labile Dichter vor allem daran, dass er 'unter Kammerjunkern ein Dichter und unter Dichtern ein Kammerjunker' sein wollte. Heute gilt 'der verzweifelte Romantiker' (Henrik Blicher) trotz seines nur schmalen Werks als einer der großen dänischen Lyriker.

Das hat Peter Nicolaisen in seinem Band Stimmenvielfalt: Gedichte aus Schleswig-Holstein: Vom Barock bis in die Gegenwart geschrieben, in dem sich auch sechs Gedichte (dänisch und deutsch) von Schack von Staffeldt finden. Das Buch habe ich vor Jahren schon in dem langen Post Frisia non cantat in diesem Blog vorgestellt. Nicht in der Anthologie enthalten ist das Gedicht →Indvielsen, das vor zwanzig Jahren in den Danish Culture Canon aufgenommen wurde. Sie finden es mit all seinen Gedichten auf dieser Seite, leider nur in dänischer Sprache. Ich habe mir von DeepL das Gedicht übersetzen lassen

Ich saß auf der Landzunge am Ufer des Sundes,
Der Himmel lächelte,
Und blickte sehnsüchtig in die Tiefe hinab,
Die Wellen ruhten,
Da neigte sich die Sonne zum Meer
Und rundherum färbten sich Luft und Küste rot.

Und plötzlich weckte aus den Wolken ein Saitenspiel
die Vorahnung,
Im Abendrot stieg die Muse herab,
reichte mir die Harfe,
Und gab mir schnell einen brennenden Kuss,
Während sie in das glühende Meer versank.

Da wurde eine andere Natur um mich herum,
die Winde sprachen;
Aus Wolken, die blass vor dem Mond dahintrieben,
riefen die Geister,
Ein Herz schlug warm und liebevoll in allem,
In allem winkte mir meine eigene Gestalt.

Doch von nun an wurden Gedanken und Sehnsucht
Die Erde zu einem Gefängnis;
Wohl lindert durch Ahnungen, Träume und Gesang
Das Herz seine Sehnsucht,
Doch brennt mich der Kuss, ich finde keinen Frieden,
Bevor ich die Himmel herabziehe!

Das ist es, was die romantischen Dichter tun: den Himmel, die Schönheit und die Träume auf die Erde herabziehen.