Montag, 29. Juni 2026

Gotthard Erler ✝

Die beiden Bände von Vor dem Sturm des Aufbau Verlages, die Gotthard Erler ediert hat, sind natürlich das, was sich jeder Philologe wünscht. Die Gelehrsamkeit der Annotationen von Gotthard Erler kann man gar nicht genug loben. Ich bin auch heute froh, dass ich bei Eschenburg die acht Bände der Romane des Aufbau Verlags zum Spottpreis von 32 Euro gekauft habe. Wenn man alle Anmerkungen sorgfältig gelesen hat, wird man vielleicht den Roman ein zweites Mal lesen. Aber meine erste Lektüre war ganz unphilologisch, die Lektüre eines Lesers. Dafür brauchte ich die philologische Gelehrsamkeit von Gotthard Erler nicht, dafür brauchte ich nur einen zuverlässigen Text. Aber ich dachte mir beim Lesen die ganze Zeit: Leute, wie habt ihr übersehen können, dass dies ein großer Roman ist? Das fand auch Gustav Seibt in der Süddeutschen als er im Januar dieses Jahres den gerade in der →Großen Brandenburger Ausgabe erschienenen Roman →rezensierte.
 
Das stand hier vor fünfzehn Jahren in dem Post Vor dem Sturm. Und in dem Post 3. Oktober schrieb ich: Und die Fontane Ausgabe, die Gotthard Erler einst begonnen hatte, schreitet voran. Erler ist in diesem Jahr neunzig geworden, aber er arbeitet immer noch an der großen Sache. Ich wollte den Fontane-Forscher Gotthard Erler unbedingt wissen lassen, welche Achtung ich vor seinem Werk hatte (ein Blick in den Katalog der Deutschen Nationalbliothek zeigt uns, dass Erler da mit 388 Katalogeinträgen steht) und besorgte mir von meinem Freund Peter, der seit Jahren mit Erler in Verbindung stand, seine e-Mail Adresse. Und schrieb Gotthard Erler, welchen Respekt ich vor seiner Leistung als Deutschlands wichtigster Fontane-Kenner hatte. Auch wenn damals in der Ausgabe von Vor dem Sturm nur die klitzeklein gedruckte Zeile Bearbeiter des Buches Gotthard Erler auf den Gelehrten hinwies.

In seiner Antwort stand: Sehr geehrter Jay. Vielen Dank für Ihre aufklärenden Zeilen und den Text zu Fontane. Ich reagiere so spät, weil mich meine Ärzte ziemlich abrupt aus dem Verkehr gezogen und in die Klinik gesperrt hatten. Nun versuche ich in ungewohnter Wackeligkeit wieder in den Alltag zurückzufinden. Beste Grüße, Ihr Gotthard Erler, der sich auf die Lektüre freut. Das war 2018, da war sein Buch Emilie & Theodor Fontane. Die Zuneigung ist etwas Rätselvolles: Eine Ehe in Briefen gerade erschienen. Mit der Wackeligkeit war es schnell vorbei, er hatte noch viel zu schreiben. Der Tagesspiegel hatte ihn anlässlich seines neunzigsten Geburtstags als einen alterslos sprühenden Geist beschrieben. Ein sprühender Geist war er, das merkte ich schnell in unserer Korrespondenz. Und er hatte auch einen wunderbaren Humor. Ich gebe mal als Stilprobe des sprühenden Geistes den Nachruf, den Erler 2024 im Börsenblatt für seinen Freund und Kollegen Konrad Paul schrieb, der gerade im Alter von dreiundachtzig Jahren gestorben war: 

Mit anhaltender Betroffenheit mußte ich dieser Tage die Nachricht vom Tode meines Kollegen und Freundes Konrad Paul zur Kenntnis nehmen. Mit ihm hat unsere unwirtlich gewordene Welt eine weitere prägende Gestalt des alten Aufbau-Verlags verlassen, die aber als originäre Persönlichkeit der Weimarer Dependance in Erinnerung bleiben wird. Denn er war ein Literatur-Beförderer der besonderen Art, der sozusagen stets mit wehenden Rockschößen für Autoren und Bücher unterwegs war (wie es eine Kollegin, sich erinnernd, vorzüglich formuliert hat).

Konrad Paul kam 1965 als gerade diplomierter Germanist und Historiker ins Lektorat und bewährte sich rasch als umsichtiger und umtriebiger Lektor sowie als Bücher- und Kalendermacher, als stets hilfsbereiter und zuverlässiger Kollege, als belebender Partner in allen Programm-Konferenzen, in denen er dank seiner stupenden Belesenheit immer wieder Ausgrabungen aus der älteren Literatur anzubieten hatte, und nicht zuletzt als geschätzter Manuskriptbetreuer bei Autoren und Wissenschaftlern. Bei alledem war er von Anfang an ein leidenschaftlicher Öffentlichkeitsarbeiter, der auf eine spezifische Weise das (Lese-)Publikum für seine Autoren und deren Bücher zu gewinnen wusste. Dabei avancierte er auch als Nachwortautor (zum Beispiel für Pückler-Muskau, mit dem die betonköpfigen DDR-Behörden nicht recht etwas anzufangen wußten) und als Herausgeber, wobei er sich, in enger Zusammenarbeit mit Wulf Kirsten, insbesondere der deutschsprachigen Erzählung widmete („Der Metzger von Straßburg. Vierzehn Kriminalgeschichten“, 1980; „Deutsche Erzählungen 1900 bis 1945“, drei Bände 1981; „Das Rendezvous im Zoo. Liebesgeschichten“, 1984). Konrad Paul war ein leidenschaftlicher kulturpolitischer Stratege und Literaturvermittler. Er beherrschte die Kunst, Bücher und Autoren einleuchtend vorzustellen. Er hielt Vorträge, gestaltete Lesungen quer durchs Land – in den großen Städten, aber besonders gern in der Provinz und auf dem flachen Land. Seine jeweils von profunder Kenntnis ausgehende Stoffdarstellung war verständlich, anschaulich, wissenschaftlich fundiert, aber stets unakademisch, und die anschließenden Debatten dirigierte er witzig, humorvoll und schlagfertig. Er konnte herrlich maliziös im raschen Urteil sein und reimte aus dem Stegreif perfekte Parodien zusammen. Konrad Paul war – im positivsten Sinne dieses sprichwörtlichen Begriffs – der „bunte Hund“ im literarischen Leben der Klassikerstadt und oft darüber hinaus. In Interviews, Gesprächen und Unterhaltungen erwies er sich immer auskunftsfähig und auskunftsfreudig. Charakterisierende Anekdoten und pikante Geschichten standen ihm in offenbar unerschöpflicher Fülle zu Gebote – Meriten, die auch seine monatlichen Literatursendungen im Lokalradio prägten.

Seit 1988 war er Leiter des Weimarer Lektoratsteils, und er hatte die schmerzlich-schwierige Abwicklung dieses Verlagsteils zu bewerkstelligen und 1993 auch die Räumung des Hauses in der Puschkinstraße mit höchst persönlichem körperlichem Einsatz zu erledigen.

Seine Passion für die klassische Literatur und sein Engagement für die aktuelle Bücherwelt sowie seine enormen Erfahrungen im literarischen Betrieb prädestinierten ihn nach dem Fall der Mauer, die Direktion des Goethe-Instituts in Weimar zu übernehmen (1996). Er war für Programm und Organisation des Instituts (im traditionsreichen „Haus der Frau von Stein“ untergebracht) verantwortlich und war dort in seinem Element. Seine profunden Kenntnisse in der Stadt- und Kulturgeschichte waren ideale Voraussetzungen, dass er diese Residenz zu einer Attraktion für Besucher und Referenten machen konnte. Wobei seine Kunst der Moderation und sein immer heiterer und fröhlicher Umgang mit den Gästen allen im Gedächtnis bleiben wird, die je mit ihm zu tun hatten.


Dem Aufbau-Verlag war Erler (hier mit der Schriftstellerin Eva Strittmatter) seit 1956 verbunden. Da hatte er gerade an der Uni Leipzig bei Hermann August Korff seine Examensarbeit über Theodor Fontane geschrieben und eine feste Stelle als Freier Mitarbeiter bekommen. 1964 bekam er eine feste Stelle als Angestellter, 1975 wurde er der Leiter des Klassik Lektorats, 1990 Cheflektor. Und zwei Jahre später war er einer der beiden Geschäftsführer des Verlages. Den er nach der Wende durch schwierige Zeiten bugsierte. Ein Mitglied der SED ist er nie gewesen, er hatte eher mit den betonköpfigen DDR-Behörden zu kämpfen. Er blieb bis zur Altergrenze von fünfundsechzig Jahren, blieb aber dem Verlag als Berater und Gutachter treu. Und ließ seine Bücher meistens dort erscheinen. Vor zwei Jahren erschien im Aufbau Verlag sein zusammen mit Christine Hehle verfasstes letztes Buch Emilie Fontane. Dichterfrauen sind immer so. Eine Autobiographie in Briefen. Jetzt ist Dr Gotthard Erler im Alter von dreiundneunzig Jahren gestorben.

In den 1960er Jahren gab es in Deutschland den Kampf zweier Verlage um Theodor Fontane. Man wollte unbedingt eine historisch-kritische Gesamtausgabe auf den Markt bringen. Der Münchener Hanser Verlag war neben der Nymphenburger Verlagsanstalt (1959-1975) der einzige westdeutsche Verlag, der dann 1962-1997 den ganzen Fontane präsentieren konnte. Kostete im Fontane Jahr 1998 stolze 2.304 Mark. Weithin unbeachtet von dem Presserummel, den diese beiden Unternehmungen entfachten, blieb, dass auf der anderen Seite der Mauer beim Aufbau Verlag auch eine Gesamtausgabe entstand. An der Gotthard Erler einen wesentlichen Anteil hatte. Die acht Bände des erzählerischen Werks vom Aufbau Verlag haben mich bei Eschenburg 32 Euro gekostet, das habe ich schon erwähnt, aber mittlerweile habe ich noch sechs Bände mehr. Wenn ich von den zwei Bänden der Nymphenburger Verlagsanstalt und einem 1.055-seitigen Hanser Band absehe, ist mein ganzer Fontane, der in diesem Blog in mehr als fünfzig Posts vorkommt, der Fontane des Aufbau Verlags. 

Brauchte man eine neue Gesamtausgabe? Ja, hat Gotthard Erler gesagt: Ich habe mich, als wir die Große Brandenburger Ausgabe konzipierten und konstituierten, von folgenden Einsichten leiten lassen: erstens davon, daß alle drei ambitionierten Ausgaben - die es während der Teilung Deutschlands gegeben hat: die von Hanser, die von Nymphenburger und die des Aufbau-Verlages - Torsi geblieben sind. Zweitens, daß zwar jede Ausgabe ihre Meriten hat, von keiner jedoch die mögliche Vollständigkeit erreicht wurde. Hanser hat eine Auswahl-Ausgabe veranstaltet, Nymphenburger hat sich auf bestimmte Werkteile beschränkt - so fehlen hier die Briefe, die Tagebücher sind nur partiell enthalten. Aufbau-DDR hatte sich um eine textkritische Edition bemüht, blieb aber ebenfalls unvollständig. Somit ergab sich drittens, daß eine das vielfältige Werk ordnende und umfassende Fontane-Gesamtausgabe noch aussteht. Aus diesem Anspruch ergibt sich natürlich der 'erschreckende' Umfang von 75 Bänden. Hinzu kommt viertens, daß noch einmal gründlich auf die Quellen zurückzugehen ist. Damit verbunden ist eine umfassende Kommentierung. Beides baut einerseits auf unserem eigenen Forschungsstand, andererseits auf den der Kollegen auf. Der ist sehr umfangreich, denn in den letzten 20 Jahren ist in Sachen Fontane unendlich viel passiert. So ist die Zahl der Dissertationen kaum noch überschaubar, neue Texte von Fontane sind aufgetaucht bzw. tauchen zum Glück (und Leid) des Herausgebers immer noch auf.

Seit 1994 erscheint in Zusammenarbeit mit dem Fontane Archiv Potsdam im Aufbau Verlag die von Gotthard Erler angeregte und herausgegebene Große Brandenburger Ausgabe (GBA) der Werke Fontanes, die auf etwa 75 Bände veranschlagt ist: Die Große Brandenburger Ausgabe wurde 1994 von Dr Gotthard Erler begründet. Sie ist die erste kritische und kommentierte Fontane-Studienausgabe in historischer Textgestalt. Alle Texte, die Fontane als Buch separat veröffentlicht hat, werden innerhalb der GBA – im Unterschied zu den anderen Fontane-Ausgaben – als kommentierte Einzelbände herausgegeben. Die Edition wird Fontanes poetisches, journalistisches und kritisches Werk, die autobiographischen, reiseliterarischen und biographischen Schriften, die Tagebücher und Briefe sowie die Übersetzungen und Anthologien ungekürzt veröffentlichen. Mit Abschluss der GBA wird die bisher umfassendste Fontane-Edition vorliegen, die zum ersten Mal innerhalb einer Gesamtausgabe Fontanes Œuvre nach Gattungen und Textsorten methodisch unterteilt und somit einen Bezug herstellt zu seinen vielfältigen Tätigkeiten als Schriftsteller und Journalist, als Kriegsberichterstatter und Korrespondent, als Theater-, Literatur- und Kunstkritiker, als Biograph, als Übersetzer und Herausgeber sowie als Brief- und Tagebuchschreiber.

Von der Arbeit an dieser Ausgabe erfahre ich von Zeit zu Zeit etwas. Ich habe schon in Die Kartause von Parma geschrieben, dass Maren Ermisch, die zwei Bände der GBA ediert hat, mal meine Studentin gewesen ist. Von der GBA besitze ich nur den dreibändigen Ehebriefwechsel, den Erler zusammen mit seiner Ehefrau Therese Erler herausgegeben hat. Diese Dr Therese Erler (1932-2025) erwähnt die Wikipedia in ihrem Artikel zu Gotthard Erler überhaupt nicht. Der Artikel ist etwas mickrig, aber wenn man sich den noch mickrigeren Artikel für Helmuth Nürnberger anschaut, dann muss man sagen, dass es bei der Wikipedia Redaktion wohl keine Fontane Freunde gibt. In dem Artikel könnte auch stehen, dass Erler dafür gesorgt hat, dass die Doktorarbeit von Charlotte Jolles (die Günter Grass in Ein weites Feld als die Miss Marple der Fontane Forschung bezeichnete) nach Jahrzehnten endlich vollständig veröffentlicht wurde. Dr Rudolf Muhs, emeritierter Professor für deutsche Geschichte am Royal Holloway College der Universität London, hat das in seinem Nachruf Im Dienst Fontanes in der FAZ nicht ausgelassen. Hier schreibt ein Fontane Kenner mit Würde und Stil, warum können das die anderen deutschen Zeitungen nicht? 

Rudolf Muhs hat es auch nicht ausgelassen darauf hinzuweisen, dass Gotthard Erler schon als Romanfigur in die deutsche Literatur gewandert ist. Denn der Theo Wuttke in dem Roman Ein weites Feld von Günter Grass, den alle Fonty nennen, ist kein anderer als Gotthard Erler, der mit Grass immer in Verbindung war. Und über Ein weites Feld wusste er 1995 zu sagen, dass der Roman (und die gehässige Besprechung von Reich-Ranicki) den Verkauf der Fontane Bücher des Aufbau Verlages wesentlich gesteigert hätte. Sie können hier in dem Interview Fontane und kein Ende noch mehr dazu lesen.

Der große Historiker Jürgen Kuczynski hat in seinem schönen kleinen Buch Alte Gelehrte am Ende des Buches gesagt: Jeder alte Gelehrte, der ein kreatives Leben verbrachte, der diese und jene kleinere oder größere Wahrheit gefunden hat und auf diese Funde zurückblickt, kann sicher sein, daß diese Wahrheiten, ob später mit seinem Namen verbunden oder nicht, niemals eingesargt werden. Mögen sie auch einige Jahre den Scheintod erleiden, sie werden immer wieder lebendig werden und wenn nicht seinen Namen, so doch seinen Geist durch die Geschichte tragen. Und wer solches von sich, rückblickend auf seine Arbeiten, sagen kann, wird, trotz aller Stürme der Zeiten, in die er vielleicht sogar noch im Alter das Glück hat verwickelt zu sein, eine allen, die ihn kennen, wohltuende Souveränität, auch seinem Leben und Werk gegenüber, ausstrahlen. Das könnte ein schöner Schluss für meinen kleinen Nachruf auf den großen Gelehrten Gotthard Erler sein. Aber ich habe noch etwas Schöneres.

Gotthard Erlers Ehefrau Therese, mit der zusammen er so viel erforscht und veröffentlicht hatte, ist im letzten Jahr im Alter von zweiundneunzig Jahren gestorben. Erler schickte meinem Freund Peter einige Zeilen über die Beerdigung, die mir mein Freund zugänglich machte. Ich war ergriffen von diesem Text, in dem der Fontane-Forscher stilistisch schon beinahe zu Theodor Fontane geworden war und sicherte den Text in meinem Computer. Als ich vom Tod Gotthard Erlers hörte, dachte ich mir: Wenn ich einen Nachruf schreibe, dann muss das da rein. Aber ging das? Diese Zeilen waren privat, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Mein Freund Peter sagte: Frag' seine Tochter Katharina, und gab mir ihre e-Mail Adresse. Ich fragte. Sie hatte diesen Text noch nie gesehen, aber sie gab mir, ohne zu zögern, die Erlaubnis, diesen Text voller Altersweisheit und Liebe zu zitieren:

Meine Familie und ich, wir haben, glaube ich, am Freitag unserer Therese einen stilvollen und würdigen Abschied bereitet. Unsere Ziehtochter Cornelia hat meine Rede ganz wunderbar vorgetragen - als Hommage an meine Frau, ohne die, wie ich es in Anspielung auf ein Fontane-Zitat, auf die Grabschleife hatte drucken lassen, ohne die 'allet nüscht jewesen wäre'. Von Enkelin Franziska und Tochter Katharina an den Händen gehalten, lauschte ich tränenden Auges und freute mich, daß auch gut fünfzig Freunde, Verwandte und Bekannte dem Hoch auf Therese zuhörten. Wir alle begleiteten dann die Urne zu einer mit Baum und Busch umrandeten Wiese mit einer Konifere in der Mitte, einem etwa fünzehn Meter hohen prächtigen Lebensbaum, der aus e i n e r Pflanze erwachsen, sich zweigeteilt hat und bei dem sich diese Teile wiederum verdoppelt haben. Und als die Urne an einem Netz in die Erde gelassen wurde und Cornelia die Fontane-Verse in die Stille sprach: 'Das Leben, war dir’s wenig, war dir‘s viel, Ich weiß das eine nur, du bist am Ziel ...', da brach tatsächlich aus dem vorher wolkenverhangenen Himmel die Sonne hervor - ein sehr beglückendes Zeichen über dem Blumenflor an Therese Ruhestätte. In etwas kleinerem Kreis haben wir danach bei unserem Italiener den Nachmittag verplaudert.


Samstag, 27. Juni 2026

Sommer


Bei dieser Hitze kann man nicht am Computer sitzen und schreiben. Das brauche ich auch nicht: wenn ich nicht schreibe, habe ich ganz viele Leser. Das ist unglaublich. In den letzten drei Tagen waren es beinahe zwanzigtausend. Heute Mittag hatte ich die Zahl von 7,3 Millionen Lesern erreicht. Jetzt um Mitternacht sind es schon 1.540 mehr. Aber wenn ich auch nichts schreibe, zum Sonntag habe ich doch noch etwas für Sie; ein Gedicht von der amerikanischen Dichterin Léonie Fuller Adams, die am 27. Juni 1988 im Alter von neunundachtzig Jahren starb. Das Gedicht heißt Country Summer, und ein Sommergedicht (das ich hier auch gelesen habe) passt doch für diese Tage.

Now the rich cherry, whose sleek wood,
And top with silver petals traced
Like a strict box its gems encased,
Has spilt from out that cunning lid,
All in an innocent green round,
Those melting rubies which it hid;
With moss ripe-strawberry-encrusted,
So birds get half, and minds lapse merry
To taste that deep-red, lark’s-bite berry,
And blackcap bloom is yellow-dusted.


The wren that thieved it in the eaves
A trailer of the rose could catch
To her poor droopy sloven thatch,
And side by side with the wren’s brood—
O lovely time of beggar’s luck—
Opens the quaint and hairy bud;
And full and golden is the yield
Of cows that never have to house,
But all night nibble under boughs,
Or cool their sides in the moist field.


Into the rooms flow meadow airs,
The warm farm baking smell’s blown round.
Inside and out, and sky and ground
Are much the same; the wishing star,
Hesperus, kind and early born,
Is risen only finger-far;
All stars stand close in summer air,
And tremble, and look mild as amber;
When wicks are lighted in the chamber,
They are like stars which settled there.


Now straightening from the flowery hay,
Down the still light the mowers look,
Or turn, because their dreaming shook,
And they waked half to other days,
When left alone in the yellow stubble
The rusty-coated mare would graze.
Yet thick the lazy dreams are born,
Another thought can come to mind,
But like the shivering of the wind,
Morning and evening in the corn.

Mittwoch, 24. Juni 2026

Kiel Week

Hier wird gerade die Kieler Woche 2026 eröffnet. Das sind von links die Stadtpräsidentin Bettina Aust, der  Oberbürgermeister Samet Yilmaz, die Paralympics Siegerin Kirsten Bruhn und der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Wenn da noch Platz auf dem Bild wäre, dann wären da auch noch die Landtagspräsidentin Kristina Herbst und der Ministerpräsident Daniel Günther mit drauf. Nur der neue Kieler Oberbürgermeister trägt einen Schlips. Grün, weil das seine Partei ist. Steinmeier hat bei der Eröffnung gesagt: Wir brauchen in Zeiten wie diesen ein Miteinander in diesem Land und müssen zeigen, was uns verbindet. Und dazu leistet die Kieler Woche einen Beitrag. Ich weiß zwar nicht so genau, was das heißt, aber es klingt auf jeden Fall besser, als was der Bundespräsident Heinrich Lübke in Kiel zu sagen pflegte. 

Der hatte schon 2013 seinen Platz in dem Post Kieler Woche. Wenn Sie den Post lesen, dann bekommen Sie einen Eindruck davon, was die Kieler Woche, die es seit 1882 gibt, einmal war. Eher Klasse statt Masse. Ach was, ich stelle Teile davon (leicht überarbeitet) noch einmal ein:

Früher war die Kieler Woche noch schön. Als Heinrich Lübke noch Bundespräsident war. Da ging die halbe Uni zur Eröffnung der Kieler Woche, weil seine Reden so wunderbar waren. Einmal sprach er nicht vom Balkon des Rathauses, sondern vom Balkon des Kultusministeriums an der Kieler Förde. Es waren beinahe nur Studenten als Zuhörer da. Seine Rede wurde von denen ständig kommentiert. Damals wurde noch viel kommentiert, vor allem im Kino. Was da alles in den Eddie Constantine Filmen in der Nachtvorstellung im Regina gesagt wurde - man hätte es mitschneiden sollen. Heinrich Lübke hat man mitgeschnitten, den gab es auf einer Platte die Redet für Deutschland heißt.

An jenem Tag, als Lübke an der Kieler Förde sprach, blieb ihm die studentische Unruhe nicht verborgen. Die Sitte des Kommentierens  war ihm wohl fremd, er ist wahrscheinlich auch nie in der Nachtvorstellung des Regina gewesen, um zum zehnten Mal ✺Zum Nachtisch blaue Bohnen zu sehen. Das Staatsoberhaupt war leicht pikiert, und er sprach die schrecklichste Drohung aus, die ein Bundespräsident ausstoßen konnte: Wenn Sie weiter so ungezogen sind, dann erzähle ich Ihnen nichts mehr von der Kwiiin! Das sind Sätze, die man nie vergisst. Es erinnerte mich ein wenig an die Schwärmerei des Generalinspekteurs de Maiziere über die Königin Sirikit wenige Jahre vorher. 

Das war noch die Zeit, als der Bremer Werftbesitzer Ernst Burmester seine Aschanti IV (hier ist sie vor Laboe), eine der schönsten deutschen Yachten, den Bundespräsidenten und Bundeskanzlern kostenlos für repräsentative Staatsaktionen zur Verfügung stellte. Auf dem Photo im oberen Absatz ist Lübke 1961 Gast auf der Aschanti. Burmester war der einzige Bremer, der einen Bentley fuhr. Fand er vornehmer als einen Rolls-Royce zu fahren (das steht schon in dem Post Borgward). Seine Enkelin Biggi hat mir mal die schöne Geschichte erzählt, dass Burmester während der Kieler Woche seinen Bentley vor dem Kieler Yacht Club im absoluten Halteverbot abgestellt hatte. Und dem herbeieilenden Polizisten sagte: Junger Mann, ich segle jetzt mit Herrn Krupp und dem Bundespräsidenten auf der 'Germania', Sie passen bitte hier so lange auf meinen Wagen auf. Aber die Zeiten der repräsentativen Yachten sind vorbei. Bundespräsident Steinmeier machte mit Daniel Günther und Samet Yilmaz einen kurzen Segeltörn mit der Malizia Explorer von Boris Herrmann.

Die Kieler Woche war auch noch schön, als Gustav Heinemann Präsident war. Ich bin ihm einmal am Abend auf dem Bellevue Fähranleger begegnet. Es waren vielleicht zwanzig Leute auf der Anlegerbrücke, die völlig überrascht waren, dass plötzlich der Bundespräsident vom Fährschiff kam. Ohne großes Gefolge. Die Leute traten verlegen zur Seite, einige klatschten. Neben mir war ein besoffener Prolli, der herumpöbelte: Ihr werdet doch alle von Pankow bezahlt, wenn ihr für den klatscht. Ich drohte ihm mit kaltem Offizierston an (den hatte ich noch drauf, weil ich damals in den Semesterferien häufig die Uniform zu Wehrübungen anzog), dass ich ihn in die Förde werfen würde, wenn er nicht sofort ruhig sei. 

Und plötzlich stand ein kleiner Mann in einem hellbraunen Anzug neben mir, der eine ovale Messingmarke aus der Hosentasche zog und fragte, was hier los sei. Ich sagte ihm, dass der besoffene Typ neben mir gerade den Bundespräsidenten beleidigt hätte. Und schwupps, hatte er den Prolli am Arm und führte ihn eine Seitentreppe des Anlegers hinunter. Eddie Constantine hätte das nicht besser gekonnt. Gustav Heinemann hat nichts davon gemerkt.

Betrunkene Prollis waren damals auf der Kieler Woche noch nicht die Regel. Heute schon. Aber es gibt mehr Polizei als je auf den Straßen. Und ein Messerverbot. Und Wildpinkeln kostet hundert Euro. Damals war es noch eine Veranstaltung für Segler mit ein wenig kulturellem Beiprogramm. Ich beherbergte die Woche über immer Segler aus meinem Heimatort, die mir regelmäßig alle Alkoholvorräte wegtranken, mich aber immer mal auf ihrer Yacht mitnahmen. Das waren zuerst noch schöne Mahagoniboote, später wurden es Rennziegen aus Plastik wie diese Malizia Explorer. Also diese Dinger, wo unter Deck nichts ist, als eine Nähmaschine zum Segel nähen. 

Mit dem kulturellen Beiprogramm wurde es mehr, als Dieter Opper Leiter des Kieler Kulturamts wurde. Der war freier Künstler, später ist er Kunstlehrer an der Kieler Gelehrtenschule geworden. Hier auf diesem alten Photo steht er rechts außen. Der kleine Typ links neben ihm ist Markus Lüpertz (mit dem Opper die Gruppe Großgörschen 35 gründete), der fährt heute Rolls Royce und trägt Maßanzüge. Dieter Opper ist leider schon tot, aber so wie Lüpertz ist er nie herumgelaufen. Er trug immer Cordjacketts und Cordanzüge, hatte die Haare schulterlang, anstelle eines Schlipses baumelte ihm selbstgemachte Kunst auf der Brust.

Er hat in den acht Jahren in Kiel als Leiter des Kulturamts sehr viel bewegt. Er hat sicher in Bremen, wo er den Rang eines Staatssekretärs bekam, auch viel bewegt, aber glücklich war er da nicht. Und er hat die Spiellinie auf der Kiellinie erfunden. Auf diesem Bild hinterlässt er (mit Fellmütze) auf der Spiellinie farbige Fußabdrücke. Kilometerlange kostenlose Kreativität auf der Kieler Woche. Das war toll. Es gab von Opper auch ein bisschen Theorie dazu, die von gesellschaftlich notwendige Entwicklung kreativer Fähigkeiten, die Herausbildung bewußter Wahrnehmung und die damit verbundene Befähigung zur Auseinandersetzung mit Lebensbedingungen und ihrer möglichen Veränderung sprach. Theorie musste damals sein. Spielen ohne Theorie geht nicht. 

Ich habe eine englische Straßentheatergruppe mit dem schönen Namen Sheer Madness (zu der auch Rafael Marx gehörte) nicht vergessen, die da einen Hamlet in fünfzehn Minuten aufführten. Mit Gesangseinlagen. Da war Zadeks Hamlet in Bremen nichts dagegen. Die Gruppe war von einer Frau namens Minnie Marx gegründet worden (die auch beinahe alle Hauptrollen spielte), und Sheer Madness waren wirklich gut. Ohne alle Theorie. Heute gibt es immer noch eine Spiellinie, aber mit der Kreativität ist es dahin, da herrscht der Kommerz. Und die Bierbuden und der Schwenkgrill. Dicht an dicht. Und dazwischen Millionen von Besuchern, weil dies das größte Volksfest Europas sein soll. Heute definieren sich Volksfeste durch die Besucherzahlen. Und die Zahl der Bierbuden, Schwenkgrills und der Dixie Klos.

Gesegelt wird auch noch irgendwo, weit draußen in der Förde, aber das scheint niemanden mehr zu interessieren. Die Zeit, da Albert Einstein auf der Kieler Förde segelte, ist unwiederbringlich vorbei. Die Tage, in denen Theodor Fontane die Förde mit Gelb wird das Laub, es rötet sich die Frucht, In blauer Stille liegt die Kieler Bucht, Es schweigt der Wind, die Fläche zittert kaum, Und nur die Möwen sind wie Wellenschaum bedichtete, sind auch passé. Jetzt ist Ballermann angesagt, Lotto King Karl kommt auch. Und bekannte Stars aus Verbotene Liebe und anderen Vorabendserien. Wenn das nichts ist.

Viele Kieler meiden jetzt die Stadt und das Fördeufer. Dieser Blogger auch. Ich war am Donnerstag zum letzten Mal in der Stadt, um mir eine Dose Tabak zu kaufen. Der Händler sagte mir, eigentlich könnte er seinen Laden jetzt dichtmachen. Die dreihunderttausend Besucher pro Tag verirren sich nie in die Nebenstraßen, und die Kunden kommen sowieso nicht mehr in die Stadt der Baustellen, weil die weiträumig abgesperrt ist. Auch die großen Läden entlang der Holstenstraße klagen regelmäßig über Besucherschwund. Wer sich von Bierbude zu Bierbude und Schwenkgrill zu Schwenkgrill bewegt, kauft nicht noch bei P&C oder Anson's ein. Die Stadt Kiel klagt auch, weil die Kieler Woche für sie jedes Jahr ein Zusatzgeschäft ist. Aber sie haben ja einen solventen Sponsor, einen Premiumpartner, der HSH Nordbank heißt. Das ist diese Bank, die immer hart an der Pleite segelt (um mal in der maritimen Bildlichkeit zu bleiben).

Die HSH Nordbank gibt es nicht mehr, Anson's (eine P&C Tochter) ist auch aus Kiel verschwunden. Die Kultur, die Dieter Opper auf die Kiellinie gebracht hat, ist auch nicht mehr da. Aber die Besuchermassen und der Kommerz sind noch da.  Fish & Chips kosten auf dem Internationalen Markt dreizehn Euro. Segler gibt es beim größten Seglerfest der Welt auch noch. Wie immer, weit draußen. Aber denen gefällt Kiel auch nicht mehr. Im letzten Jahr hatte der Olympiasegler Philipp Buhl für die Organisation der Segelwettbewerbe nur die Wörter Trauerspiel und nicht olympiareif übrig. In diesem Jahr soll alles besser werden. Gegen manches ist man aber nicht gefeit. Gestern Nacht gab es für Teile von Kiel einen Stromausfall, der für ein bisschen Chaos sorgte. In der Stadt wurde es dunkel, und die Züge am Bahnhof fuhren nicht mehr. Mein Computer läuft inzwischen wieder, aber mein Fernseher ist jetzt tot.

Das einzige Gute an der Kieler Woche ist, dass mit ihr mein Heuschnupfen zu Ende geht, der mit der Rapsblüte angefangen hat. 

Noch mehr Kieler Woche in den Posts 125 Jahre Kieler Woche,  die wunderschöne Layla. Es ist, wie es ist. Basel. Max Oertz und Cutty Sark. Die meisten Leser (vor Max Oertz) hat Cutty Sark. Alles, was in dem Post steht, ist wahr.

Freitag, 19. Juni 2026

Feigenblätter


Heute vor 120 Jahren wurde in Kassel ein Denkmal feierlich enthüllt, dieses Photo läßt uns daran teilhaben. Der Verschönerungsverein zu Cassel hatte den Bildhauer Hans Everding, der an der Kasseler Kunstakademie bei Carl Begas studiert hatte, mit der Erschaffung beauftragt. Das Brunnendenkmal zeigt einen nackten Jüngling, der ein Boot hochhält. Sieht aus wie ein Paddelboot, ist aber etwas ganz anderes.

In der Vergrößerung können wir es sehen, das Boot hat am Heck einen Schaufelradantrieb. Im Jahr 1906 keine technische Neuerung, aber zweihundert Jahre vorher eine Sensation. Denn das Denkmal, das   dem Erfinder Denis Papin (1647–1712) geweiht ist, steht vor dem Ottoneum, wo Papin zweihundert Jahre zuvor dem hessischen Landgrafen die von ihm erfundene Dampfmaschine vorgeführt hatte. Der dabei verwendete →Druckzylinder ist heute im Ottoneum.

Mit seinem ersten kleinen Dampfschiff war Papin am Sonnabend, dem 24. September 1707 auf der Fulda von Kassel nach Münden (heute Hannoversch-Münden) gefahren war. Er wollte am nächsten Tag auf der Weser bis Bremen weiterfahren, aber in der Nacht haben ihm die Mitglieder der Mündener Schiffergilde das Boot zerkloppt. Sie kannten zwar Rilkes Satz Alles Erworbne bedroht die Maschine noch nicht, aber dass dieser kleine Schaufelraddampfer schlecht für ihr Geschäft war, das hatten sie schon gemerkt. Der Maler Rudolf Siegmund hatte ein Wandgemälde dieses Ereignisses geplant, aber davon existiert leider nur eine Skizze.

Der geniale Erfinder Denis Papin, der den Schnellkochtopf erfunden und auch ein U-Boot gebaut hat, ist heute so gut wie vergessen. Der letzte Brief von Dr Papin aus dem Jahr 1712 an den Sekretär der Royal Society schließt mit den Worten: Ich bin in einer traurigen Lage, selbst wenn ich das Beste leiste, ziehe ich mir nur Feindschaft zu. Doch sei wie ihm wolle, ich fürchte nichts, denn ich vertraue auf Gott, der allmächtig ist. Das stand hier schon im Jahre 2010 in dem Post Dampfschiffahrt, und der aus Frankreich vertriebene Hugenotte, der in Marburg Professor für Mathematik wurde, war schon mehrfach in diesem Blog.

Das Andenken an den Erfinder, diese Allegorie des technischen Fortschritts, rief in Kassel, das einmal die Hochburg des Pietismus gewesen war, einige Empörung hervor. Die Nacktheit des bronzenen Jünglings erschien manchen eine moralische Gefährdung der Bevölkerung. Vor allem der Sittlichkeitsbund vom Weißen Kreuz, der seit 1894 eine eigene Zeitschrift hatte, sah sich als deutscher Sittenwächter. In den Zeitungen wurden Meldungen lanciert, wonach innerhalb von zehn Tagen seit der Einweihung des Denkmals ein Anstieg der sexualisierter Gewalt in Kassel festgestellt worden sei. Und dass die Zahl der außerehelichen Geburten in Kassel gestiegen sei. Also dieser ganze Unsinn, den man heute in den sogenannten sozialen Medien findet.

Es gibt noch keine Freiheit der Kunst, seit Wilhelm II 1900 dieses umstrittene Gesetz erlassen hat, kann dargestellte Nacktheit strafbar sein. Künstler und Schriftsteller wenden sich gegen das Gesetz, und diese Karikatur bringt die Sache auf den Punkt. Der Schriftsteller Edgar Steiger veröffentlichte im Simplicissimu ein satirisches Gedicht, das den Titel Der Papin-Brunnen: Aus dem Liederbuch des 'Weißen Kreuz-Ordens' zu Kassel hatte.

Ein nackter Jüngling – ha! Wie wird mir?
Ich spür’s, das ist der Sünde Fluch.
Es kocht das Blut, das Auge flirrt mir –
Man gebe mir ein Taschentuch!

Bedeck’ ich nicht das Unsagbare,
So garantier’ ich – ach! – für nichts.
Die Unschuld meiner sechzig Jahre
Wird Gegenstand des Schwurgerichts.

Zwar gab’s unehliche Geburten
In Kassel schon an zehn Prozent;
Doch wenn sie deshalb mich verknurrten,
Wär’ schuld das Brunnenmonument.

Den schlimmen Brauch, nichts anzuhaben,
Erfand (der Teufel war im Bund!)
Zum Fallstrick für uns alte Knaben
Praxiteles, der Griechenhund.

Sieht nun ein Christ auf seinen Wegen
Solch heidnisch Aergernis, – o Pein! –
Beginnt sich plötzlich was zu regen,
Und er erkennt, daß er ein Schwein!

Drum auf du keuscher, deutscher Michel!
Zum Bildersturm! Nur nur nicht geniert!
Hat Kronos selber mit der Sichel
Den eigenen Vater doch kastriert!

Der Aufruf zur Kastration ist natürlich Satire, aber wenige Jahre zuvor war das am Elberfelder Neptunbrunnen schon Realität gewesen. Lesen Sie mehr in dem Artikel Zuviel Gemächt' am starken Geschlecht der Kunsthistorikerin Doris Lehmann. Die gehen da in Wuppertal etwas seltsam mit der Kunst um. Henry Moores Die Sitzende wurde 1959 geteert und gefedert. Da kann die Bildhauerin Margret Middell noch glücklich sein, dass ihre große Sitzende in Magdeburg nur vergoldet wurde. Der Praxiteles, der Griechenhund, ist schuld, sagt uns ironisch Edgar Steiger. Michelangelo natürlich auch. Die Queen Victoria war über die Gipskopie des David im Victoria & Albert Museum so entsetzt, dass man für royale Besuche dieses Feigenblatt anfertigte (lesen Sie dazu mehr bei Franziska Lampe). Wir mögen heute darüber lachen, aber im März 2023 wurde die Schuldirektorin →Hope Carrasquilla in Florida wegen angeblicher Pornographie zum Rücktritt gezwungen, weil sie ihren Schülern im Kunstunterricht ein Foto von Michelangelos Statue gezeigt hatte. Das Motto ihrer Schule ist: Know the True. Do the Good. Love the Beautiful.

Sonntag, 14. Juni 2026

The Donald


Amerika feiert heute ein historisches Ereignis. Weil der Continental Congress am 14. Juni 1777 beschlossen hat: That the flag of the thirteen United States be thirteen stripes alternate red and white; that the Union be thirteen stars, white in a blue field, representing a new constellation. Und deshalb ist jedes Jahr am 14. Juni FlaggentagNow, therefore, I, Donald J. Trump, President of the United States of America, do hereby proclaim June 14, 2026, as Flag Day and the week starting June 14, 2026, as National Flag Week, steht auf der Seite des Präsidenten der USA. Ist zwar nur in Pennsylvania ein offizieller Feiertag, wird aber in ganz Amerika gefeiert. Ob ganz Amerika den Geburtstag von Donald Trump feiert, das weiß ich nicht. Er selbst wird wahrscheinlich zu keiner Feier gehen, denn da müsste er die Nationalhymne singen, und den Text kann er immer noch nicht.

Wahrscheinlich wird er den halben Tag schlafen, und dann eine Schachtel Aspirin fressen und auf seiner Seite Lies Unsocial das Internet vollmüllen. Und abends zu dem Käfig vor dem Weißen Haus gehen, weil sich da halbnackte Männer blutig prügeln. Das ist eine Variante der Damenringkämpfe im Schlamm, die es mal in St Pauli gegeben hat. So etwas hat Stil, das muss vor dem Weißen Haus am Geburtstag eines Präsidenten einfach gezeigt werden. 

Wenn man das Datum 14. Juni 1946 bei Google eingibt, dann bekommt man als Ergebnis immer Donald Trump. Als ob es damals auf der Welt nichts anderes gegeben hätte. Zum Beispiel Françoise Gilot, die Picasso an diesem Tag gezeichnet hat. Das Datum hat er auf das Blatt geschrieben. Françoise Gilot war damals fünfundzwanzig Jahre alt, sie wird zehn Jahre bei Picasso bleiben.
Was mir bei dem Namen Françoise Gilot immer zuerst einfällt, ist dieses schöne Bild. Ein Photo von Robert Capa mit Françoise Gilot am Strand, wo Picasso den Sonnenschirm für sie trägt. Dieser Augenblick des Glücks, dieses Lächeln von Françoise! Drei Jahre später ist Robert Capa tot, in Indochina auf eine Mine getreten. Und Françoise hat ihren Pablo auch schon verlassen. Nichts bleibt ewig, auch der Donald Trump nicht, da kann er soviel Aspirin in sich hinein schütten, wie er will. Man sagt, dass die Weisheit mit dem Alter kommt, aber unser Donald ist ein Gegenbeispiel für diesen Satz. Le signe le plus évident de la sagesse, c'est une constante bonne humeur, hat Montaigne gesagt. Hat Trump diesen bonne humeur?

Zum ersten Mal tauchte Trump, dieses von Roy Cohn erschaffene Zombie Geschöpf, vor zehn Jahren mit dem Post Donald Trump in diesem Blog auf. Das wäre eigentlich genug gewesen. Aber es wurde immer mehr. Weil immer mehr Trump in unser Leben eindrang, auch wenn wir seine Plattform Lies Unsocial nicht lesen. Trumps Gabe, so scheint es mir, ist eine Art Aufdringlichkeit, die Fähigkeit, sich an unseren Abwehrmechanismen vorbei in unsere Psyche vorzuarbeiten. Wenn Montaigne einen abgeschiedenen Ort, einen privaten Ort schafft, dann besteht Trumps große Fähigkeit darin, in diesen privaten Ort einzubrechen, ihn zu plündern und ihn so öffentlich zu machen. Was er schafft, oder vielmehr, was wir uns selbst geschaffen haben, indem wir ihn hereingelassen haben, ist ein fast ständiger Zustand des Unbehagens. Hat David Gessner gesagt. Und das Unbehagen bleibt, auch an seinem Geburtstag. Auch für ihn selbst, er freut sich nicht darauf: You don’t have to wish me a happy birthday, because I’m not happy about that birthday. It’s a number that I never thought really too much about. It’s not a number I like, but I’m here nonetheless. Was wünscht er sich zum Geburtstag? ✺Peace for the world, hat er gesagt. Das wünschen wir uns auch.


In diesem Blog findet sich Trump in den Posts: Donald Trump, A fragrance your enemies can't resist, madness, Relax, Baby, bloß keinen Stress, Ostern. Herman Melville, Donald Trump und ich, Roy Cohn, beautiful, Chipocalypse Now, 250 Jahre US Navy, Inauguration, irgendwann muss Schluss sein, The Gulf of Mexico, die ganze Welt in zwei Cartoons, Komische Oper, Schreibfehler, Poetry trumps Trump, Flaggentag, Nationalgarde, se vuol ballare, Signor Trumpino?, Verlierer, Google hat Angst, oben und unten, Doktor Pinel, das elfte Jahr, Bilder: Geschichte, Richtigstellung, Dunkelheit, Ignorance is Strength, Gettysburg, wow, Jennifer Warnes, Abgang, Flüsse und Sümpfe, Grönland, Relinquunt Omnia Servare Rem Publicam, Esel, schwarz + weiß, Supreme Court, Genie, one-day wonder, Umwelt, alles grün, der Leibarzt, Gunfighter Nation, Ehrenworte, Heckenkirsche, Dementia Americana, Zölle

Freitag, 12. Juni 2026

die zwei Kaiser von Mexiko


Am 12. Juni 1864 ist der Erzherzog Ferdinand Maximilian Joseph Maria von Österreich unter französischem Schutz als Kaiser Maximilian I. in Mexiko eingezogen. Wir wissen, was daraus wird, wir kennen das Bild von Manet. Drei Jahre und eine Woche später stand er vor einem Peloton. Den Soldaten soll er noch goldene Pesos gegeben haben, mit dem Wunsch, sie sollten auf sein Herz zielen. Damit seine Mutter sein Gesicht noch wiederkennt. Als seine Mutter Sophie die einbalsamierte Leiche sieben Monate später sieht, wird sie sagen: Das ist nicht mein Sohn!

Der Kaiser trägt Zivil und hat einen Sombrero auf dem Kopf, allerdings nur bei ✺Edouard Manet. Auf dem schlechten →Photo, das wir von dem Ereignis haben, ist er barhäuptig. Auf Manets Bild haben die beiden Generäle Miguel Miramón und Tomás Mejía ihre Uniformjacken abgelegt und tragen weiße Hemden. Tomás Mejía (links) wird gerade von den ersten Kugeln getroffen. Vielleicht hat das Ganze auf dem Hügel, auf dem heute ein Denkmal für Benito Juárez steht, so ausgesehen wie auf diesem Historienbild, das ich zufällig in Internet fand. Ein Maler und eine Jahreszahl standen leider nicht dabei.

Der Habsburger ist nicht der erste Kaiser von Mexiko, es hatte schon mal einen gegeben. Der auch erschossen wurde, vierzig Jahre vor der Ankunft von Ferdinand von Österreich. Er hieß Agustín de Iturbide und hat einen etwas mickrigen deutschen Wikipedia Artikel. Der englische Artikel ist dagegen seitenlang. Agustín de Iturbide war nur neun Monate lang Kaiser, aber seine Herrschaft beendete die jahrhundertelange Herrschaft Spaniens, die hier mit Vizekönigen regierten. Und sein Land war größer als heute, halb Amerika gehörte noch dazu.

Viele seiner Nachfolger werden als mexikanische Präsidenten nur für wenige Tage im Amt sein. Bis der liberale Benito Juárez kommt, der bleibt für vierzehn Jahre. Juarez wird auch den Tod von Kaiser Maximilian anordnen. Aber um an die Macht zu kommen, musste er erst einmal Antonio López de Santa Anna loswerden. Der war acht Mal Regierungschef und wurde fünfmal ins ewige Exil geschickt. Zuletzt nach Kuba. Der Diktator Santa Anna, der durch seine Kriege gegen Texas und die USA ein Fünftel des Landes verliert, war häufig in diesem Blog, Sie finden ihn in den Posts: Alamo, Washington-on-the-Brazos, The Yellow Rose of Texas und Donald Trump.

Der Kaiser Agustín dankt ab und geht ins Exil, man gewährt ihm eine lebenslange Rente von 25.000 Pesos pro Jahr, die er allerdings nie erhalten wird. Er ist mit Frau und Kindern zuerst in Italien, dann in London. Wo 1824 seine →Autobiographie (hier im Volltext) erscheint, die der Brockhaus Verlag im selben Jahr in einer Übersetzung herausbringt. Der Verleger ist John Murray, der war hier schon in den Posts Lord Byrons Schuhe und Shelley, weil er auch der Verleger und Freund von Lord Byron ist. Ich wachte auf und war berühmt, hat Byron über Murray gesagt, weil der →Childe Harold’s Pilgrimage verlegt und zum Bestseller gemacht hatte. Iturbide wird in London nicht glücklich sein, er kehrt nach Mexiko zurück.

Er weiß wahrscheinlich nicht, dass der mexikanische Kongress ihn in Abwesenheit zum Verräter und Feind des Vaterlandes erklärt hat. Und ein Gesetz erlassen hat, dass er sofort hingerichtet werden solle, falls er je wieder mexikanischen Boden betritt. Und so kommt es auch. Der ehemalige Kaiser, der die Flagge entworfen hat, die Mexiko heute noch hat, wird gefangen genommen, als Verräter verurteilt und am 19. Juli 1824 in Padilla (Tamaulipas) erschossen. Vierzehn Jahre später wird es für ihn ein Staatsbegräbnis geben. Auf der Urne seiner Asche steht: Agustín de Iturbide, autor de la Independencia Mexicana. Compatriota llóralo, pasajero admíralo. Este monumento guarda las cenizas de un héroe. Su alma descansa en el seno de Dios

Ein gewisser Odilon Rios hat nach einer der beiden Photographien, die wir von der Erschießung Maximilians haben, 1960 dieses Bild gemalt, das sich im Museo Nacional de Historia in Mexico City befindet. Ein Jahr nach dem Tod von Maximilian, begann Edouard Manet, seine vier Versionen (genauer gesagt: drei großformatige Gemälde, eine kleine Ölskizze und eine Lithographiedes Ereignisses zu malen. Was für ein Unglück, dass Edouard sich darauf versteift hat! Was für schöne Sachen hätte er in dieser Zeit malen können! hat Madame Suzanne Manet gesagt. Sie versteht ihren Gatten nicht mehr. 

Zumal der doch weiß, dass er keins dieser Bilder ausstellen kann, er würde den Kaiser Napoleon III beleidigen, der sicherlich schuld am Tod seines mexikanischen Marionettenkaisers ist. Émile Zola fasste das Bild mit den Worten Frankreich erschießt Maximilian zusammen. Denn das ist die revolutionäre Botschaft des Bildes: die Soldaten tragen französische Uniformen (nur in der Bostoner Version sind es Mexikaner). Und der Mann rechts im Bild, der am Erschießen nicht beteiligt ist und dessen Mütze ihn als einen höheren Dienstgrad ausweist, sieht dem französischen Kaiser Napoleon III sehr, sehr ähnlich.

Alles, was Sie über das Bild von Manet wissen wollen, stand hier schon vor fünfzehn Jahren in dem Post Edouard Manet. Heute hätte ich noch Franz Werfels Theaterstück Juarez und Maximilian: Dramatische Historie aus dem Jahre 1925 für Sie. Und eine Doku von ZDF Info ✺Maximilian von Habsburg - Ein Kaiser für Mexiko.