Sonntag, 19. Mai 2024

Pfingsten


Der Dichter Gustav Falke (hier auf einem Gemälde von Ernst Eitner, den man einmal den Monet des Nordens genannt hat) ist heute so gut wie vergessen. Er war einmal sehr berühmt. Zu seinem fünfzigsten Geburtstag setzte die Hansestadt Hamburg ihm wegen seiner Verdienste um die deutsche Literatur einen lebenslangen Ehrensold von dreitausend Mark im Jahr aus, der zehn Jahre später auf fünftausend Mark erhöht wurde. Er konnte seinen Beruf als Klavierlehrer aufgeben und kaufte sich in Groß Borstel, das damals noch weit draußen lag, ein Grundstück mit einer kleinen Villa. Er machte sich Garten und Wiesen zu seinem kleinen Paradies: Wie hatte ich es nur solange in der Stadt aushalten können? Wo der Blick immer gegen Mauern prallt, und wo das vielfache Getöse des Tages, zu einem wirren, kaum mehr beachteten Lärm verschlungen, sich bis in die Nacht fortsetzt und uns wahnsinnig machen würde, wenn wir nicht dagegen abstumpften. Hier draußen war Friede und Stille, ein weiter Himmel, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, alle Jahreszeiten im sanften Wandel, hier war helles Grün des Sommers und leuchtender Schnee des Winters, war der violette Geist des erwachenden Frühlings und waren die tausend Farben des noch einmal beim lauschenden Abschiedsfest aufjubelnden Herbstes; hier war der ganze Kreis des holden Lebens geschlossen, und der Mensch, teilnehmend, leidend und wirkend, mitten darin.

Ich habe Gustav Falke aus dem Grabbelkasten der vergessenen Autoren geholt, weil er ein schönes Pfingstgedicht geschrieben hat, das sich in seinem Buch Hohe Sommertage findet. Wenn Sie den Titel anklicken, können Sie das ganze Buch lesen. Lesenswert ist auch seine Autobiographie Die Stadt mit den goldenen Türmen, die es auch beim Projekt Gutenberg gibt.

Pfingstlied

Pfingsten ist heut, und die Sonne scheint,
Und die Kirschen blühn, und die Seele meint,
Sie könne durch allen Rausch und Duft
Aufsteigen in die goldene Luft.

Jedes Herz in Freude steht,
Von neuem Geist frisch angeweht,
Und hoffnungsvoll aus Thür und Thor
Steckt´s einen grünen Zweig hervor.

Es ist im Fernen und im Nah´n
So ein himmlisches Weltbejah´n
In all dem Lieder- und Glockenklang,
Und die Kinder singen den Weg entlang.

Wissen die Kindlein auch zumeist
Noch nicht viel vom heiligen Geist,
Die Hauptsach spüren sie fein und rein:
Heut müssen wir fröhlichen Herzens sein.

 

Donnerstag, 16. Mai 2024

Hannelies Taschau zum Geburtstag (nachträglich)


Die deutsche Schriftstellerin Hannelies Taschau ist im letzten Monat siebenundachtzig geworden. Da hätte ich gratulieren und ein Gedicht von ihr einstellen sollen, weil hier ja der Poetry Month war. Das habe ich leider verschusselt. Aber es gibt in diesem Blog seit 2013 schon den Post Hannelies Taschau, der viele tausend Leser gefunden hat. Und sie wird in acht weiteren Posts erwähnt. Ich gratuliere mal nachträglich zum Geburtstag und stelle ein Gedicht hier ein, das sie 1969 für ihren Freund Nicolas Born geschrieben hat:

Freunde tragen 
schwer am Wohlbehagen ihrer 
Freunde
die zurückgezogen wie Piloten
lange aufsteigend
winken von einer Hochebene
mit bloßen Händen
Und in Gesellschaft von Wildhütern
und Teerkochern
ihren Beruf überleben

Ich habe beinahe alle Gedichtbände von Hannelies Taschau. Die sind leider teuer, manche sogar sehr teuer. Kann dreistellig sein, wenn es von der Eremiten Presse kommt und aufwendig gedruckt ist. Viele ihrer Gedichtbände hatten nur eine kleine Auflage; von Weg mit dem Meer gibt es, glaube ich, nur tausend Exemplare. Ihre Romane kann man ganz billig bekommen. Ab 25 Cent bei booklooker. Das ist eine erstaunliche Sache. Ich suchte noch nach ihrem ersten Gedichtband, der 1969 beim Christian Wegner Verlag im Hamburg erschienen war, ein schmales Bändchen. Ich fand den Band endlich für sechs Euro bei buchfreund, das ist so etwas Ähnliches wie das ZVAB. Ich kaufte das Buch, bezahlte per PayPal und bekam eine Bestätigung über den Kauf. Meine Bestellung wurde weitergeleitet an das Antiquariat Uwe Berg. Kannte ich nicht, guckte ich aber mal im Netz nach. Da packte mich blankes Entsetzen. Das sind Rechtsradikale, die die ganze Nazi Literatur auf Lager haben. Alle Reden von Adolf Hitler lieferbar. Unglaublich. Wie sich der Gedichtband von Hannelies Taschau in diesen Laden verirrt hat, das weiß ich nicht. Die haben glücklicherweise auch kein zweites Buch von ihr.

1989 hat es mal einen Brandanschlag auf das Bergsche Antiquariat gegeben, der nie aufgeklärt wurde. Das erinnert mich ein wenig an die rechtsradikale Buchhandlung Nordwind hier in der Wilhelminenstraße. Da hat mal jemand in der Nacht ein ganzes Fuder Mist vor der Buchhandlung von Dietmar Munier abgeladen. Fand ich sehr witzig, ist aber auch nie aufgeklärt worden. Das Versandantiquariat Uwe Berg und Muniers Nordwind sind Einzelbeispiele, aber es gibt viel, viel mehr. Erst im letzten Jahr war der Grossist Libri (vorher Lingenbrink) bereit, rechtsradikale Titel in seinem White Label Shop zu sperren.

Hannelies Taschau hat nun nichts, aber auch gar nichts mit dieser Buchhandlung zu tun, bei der ich ihren ersten Gedichtband kaufte. Wahrscheinlich würde Sie über die Geschichte lachen. Oder ein Gedicht darüber schreiben. Für die Demokratie ist sie ja immer eingetreten. Auf der Rückseite des Buches ist ein schönes Photo von ihr, das sich leider nicht im Internet findet. Ein Bild des Buches gibt es auch nicht im Internet. Ich stelle hier mal ein anderes Jugendbild ein. Als der Schriftsteller W. Christian Schmitt sie kennenlernte, sah sie wahrscheinlich so aus. In seiner Autobiographie Willkommen in der Aula der Erinnerungen schreibt er über sie:

Hannelies Taschau (Jg. 1937) sagte am Telefon: 'Wir treffen uns vorm Bahnhof, Erkennungszeichen knallgrüne Bluse, blaue Hose, und am besten gehen wir irgendwohin eine Tasse Kaffee trinken...'. Also reiste ich nach Hameln, um mit dem Mitglied des 'Redaktionskomitees der Bertelsmann Autoren Edition' über die Autorin, ihre Arbeit und 'das Komitee' zu sprechen. In der HAZ schrieb ich unter der Überschrift 'Es ist ja alles ganz anders' am 12. Juli 1973 über die etwas kompliziert verlaufende Begegnung u.a.: Die Sache ist gebongt. Hannelies Taschau also: lässig, locker, spontan, sporadisch. Wer ihre Bücher kennt, kennt schon fast die ganze Hannelies Taschau, die Tabubrecherin, die Reporterin, das Agitprop-Mäuschen, die Kämpferin an der täglichen Demokratiefront, die Chiffrenschreiberin, die Unterhalterin, die Sprach-, Laut-, Wortverliebte. Bisweilen hat sie das Bedürfnis, all das, was sie unmittelbar entdeckt, weiterzugeben. Unbekümmert, nicht genau bedenkend, dass es vielleicht schon bekannt sein könnte. Als die Wohmann seinerzeit mit dem Schreiben anfing, hätte man sich die Taschau als deren literarische Schwester vorstellen können. Die Wohmann ist sich und ihrem Stil treu geblieben. Hannelies Taschau hat sich auf den langen Marsch zu sich selbst begeben und Phasen herrlich belangloser Verklärungen durchlaufen. Das alles scheint vorbei. Hinter sich gelassen hat sie auch einen Teil der spektakulären Erfolge und Kritiken anlässlich ihres Romans 'Die Taube auf dem Dach'. Die FAZ schrieb, über den vierblättrigen Klee lobend: 'Die Autorin registriert im gleichen Atemzug Wesentliches und Unwesentliches... registriert sachlich und unbewegt wie eine Filmkamera'. Und Nicolas Born schrieb über Taschaus Gedichte: 'Sie sind ein Muster der Unruhe. Bedeutungen zwischen den Zeilen gibt es nicht'.... Gut ein halbes Jahr später erreicht mich mit Datum vom 11. Februar 1974 ein Brief von Hannelies Taschau aus Hameln, in dem u.a. in vorwurfsvollem Ton zu lesen ist: 'Sieht man sich nun mal generell Ihre Interviews an, fällt einem auf, dass Sie gern, wohl der Einfachheit halber, drei, vier sog. Zitate der Interviewten aneinanderreihen, allenfalls durch ... verbunden, die offensichtlich nicht zusammengehören. Sie machen sich ́s überhaupt in vielem zu leicht...'.

Auf dem Buchdeckel ihres ersten Gedichtbandes, unter dem schönen Photo dieser schönen Frau, stehen einige Zeilen von Nicolas Born. Der ebenso wie sein Freund Rolf Dieter Brinkmann ganz früh gestorben ist: Hannelies Taschau verläßt sich nicht auf ihre Sensibilität. Auf ihre Aufmerksamkeit kann sie sich verlassen. Ihre Gedichte sind moderne Genrebilder, kreisen um entfremdetes Interieur, zeigen gestörte Beziehungen zwischen Menschen, das Zumutbare und das Unzumutbare, reflektieren Abhängigkeit, Mißtrauen, Angst, legen sich an mit privaten und öffentlichen Ärgernissen. Sie sind weder Abhub noch Endprodukt von Erfahrungen, sie sind diese Erfahrungen selbst.

Ich habe zum Schluss noch ein kleines böses Gedicht von Hannelies Taschau, das den Titel Objekt hat:

Er schläft leicht ein
du mußt ihm die Augen offenhalten
Er ißt gern lange
Wenn man ihn kalt anfasst schrumpft
er
aber das kennst du
das ist bei allen gleich
Nimm ihn bis Freitag kannst du ihn
haben
zum Wochenende hätte ich ihn
gerne zurück

Das Gedicht findet sich in dem Band Gefährdung der Leidenschaft, der 1984 bei Luchterhand erschien. Ist aber auch in Wundern entgehen: Gedichte 1957–1984 (auch bei Luchterhand) mit drin. Das wäre ein Buch, mit dem man anfangen könnte, wenn man ihre Gedichte lesen will. Ist auch nicht so teuer, gibt es bei booklooker sehr preiswert. Das Wikipedia Lexikon spendiert Hannelies Taschau mal gerade acht mickrige Zeilen. Ein klein wenig bedeutender ist sie schon. Der Katalog der deutschen Nationalbibliothek verzeichnet neununddreißig Bücher von ihr, der Wikipedia Artikel zehn weniger. Sie hat mit Richard Hey, Uwe Timm und dem Bertelsmann Lektor Andreas Hopf die AutorenEdition bei Bertelsmann hochgezogen. Sie hat Literaturpreise und Stipendien bekommen, und Karl Otto Conrady hat sie in seine Lyriksammlung aufgenommen. Als ich in der Vorlesung von Professor Conrady über den deutschen Expressionismus saß, fing Hannelies Taschau an zu schreiben. Sie wurde in Hamburg geboren, hat aber die Bombardierung Hamburgs nicht erleben müssen, weil die Familie nach Schwaben evakuiert worden war. Sie hat zwei Jahre in Paris gelebt, zwischen zwei Etagen In der Rue Cassette Ohne Stuhl und Tisch. Sie hat viele Jahre im Ruhrgebiet gelebt. Heute lebt sie in Hameln, die Weser kommt in manchen ihrer Gedichte vor. In der Stadtbücherei Hameln hat sie auch zwei Interviews über ihr Leben und ihr Werk gegeben. Sie können diese zwei Gespräche hier hören, dann kennen Sie sie schon ein bisschen besser.

Dienstag, 14. Mai 2024

Goldplättchen


Man kann den Gehäuseboden einer Uhr ja immer irgendwie verzieren. Die alte Omega Constellation hatte eine Sternwarte und Sterne auf dem Boden. Die Seamaster hat ein seltsames Seeungetier, die Seiko Seahorse ein kleines Seepferdchen. Die Sea Lion hat natürlich einen Seelöwen. Auf dem Boden der Enicar Sherpa Seapearl war eine geöffnete Muschel mit einer Perle. Favre-Leuba hatte das Firmenlogo, eine stilisierte Sanduhr, auf dem Boden, Moeris das verschlungene Firmensignet FM. Bei den Uhren, die Mauthe an Volkswagen geliefert hat, ist natürlich das VW auf dem Boden. Bei neueren Uhren sind der Geschmacklosigkeit keine Grenzen gesetzt. Ich meine damit das James Bond 007 Collectors Piece von Omega, mit dem Schriftzug 007 und einer Pistole auf dem Boden. Wer kauft sich so etwas? Solch eine Uhr gab es von der Firma Moeris 1966 ja schon einmal. War auch nicht sehr geschmackvoll. Kostete aber keine tausende von Euros.

Die meisten Uhrenfirmen lassen den Boden frei, damit man noch etwas darauf gravieren kann, wenn die Uhr ein Geschenk sein soll. Wenn Uhrenfabriken einem Modell eine besondere Note geben wollen, dann versehen sie den Boden mit einem kleinen Goldplättchen. Auf dem Boden der Eterna KonTiki ist das Floß von Thor Heyerdahl auf einem 18-karätigen Goldmedaillon zu sehen. Die Eternamatic Super Kontiki hat natürlich auch dieses Goldplättchen. Japans Spitzenprodukt, die Grand Seiko mit dem 5600er Werk, hatte 1971 auch ein Goldplättchen. Die King Seiko, die der Grand Seiko eigentlich in nichts nachsteht, hatte von 1972 bis 1973 auch ein Goldplättchen, auf dem KS steht.

Meine neue coole King Seiko aus dem Jahre 1974, über die ich demnächst einmal schreiben werde, hat allerdings kein Goldplättchen mehr. Da steht nur noch der Firmenname, die Kalibernummer und Water Resistant auf dem Boden. Vielleicht hätte ich doch die Grand Seiko nehmen sollen, die mir der nette Händler zu einem Sonderpreis angeboten hatte. Aber das war das Modell Tamago, was auf japanisch Ei heißt. Und wie ein plattgeklopftes Ei sah sie auch aus. Was unförmige Uhren betrifft, reicht mir meine Eternamatic 1000 Concept 80, die schon in dem Post was Fettes am Arm zu sehen ist. Die Eterna Werbung sprach 1970 nicht von potthässlicher Eierform, sondern von futuristischer Eleganz.

Von dem Modell mit der futuristischen Eleganz habe ich jetzt zwei. Wollte ich eigentlich nicht, aber es hat sich so ergeben. Ich sah diese Eterna bei ebay, und auf den Photos sah sie schlimm aus. Ich schickte dem Verkäufer meinen Post über die unförmigen 1970er Jahre Uhren und gab ihm gute Ratschläge, wie man die Uhr in einen präsentablen Zustand versetzen könne. Das versiffte Edelstahlband abnehmen und in das Ultraschallbad oder den Geschirrspüler tun. Manche schwören auf ein Bad in Coca Cola. Oder eine Kukident Tablette in einem Glas Wasser. Die Kratzer auf dem Glas kann man wegpolieren, aber das dauert. Das Gehäuse kann man auch vorsichtig polieren, da braucht man Zeit und Geduld. Der Verkäufer las meinen Uhrenblog, und der gefiel ihm. Er hatte aber offenbar keine Lust auf Bastelarbeiten. Er bot mir die Uhr, die schon preiswert war, noch preiswerter an. Das brachte mich nun in Verlegenheit, aber nach einem Tag Nachdenken nahm ich den Vorschlag an. Den Ausschlag gab das Zifferblatt der Uhr, das je nach Licht anders aussieht. Manchmal scheint es dunkelgrau zu sein, aber in Wirklichkeit ist es ein dunkles Lila.

Als die Uhr ankam, sah sie viel besser aus als auf dem Photo. Diese Makro Handyphotos verzerren die Wirklichkeit ein wenig. Ich hatte damit gerechnet, dass ich eine Woche mit Waschen und Polieren verbringen würde, es war nur ein Tag. Die schlimmsten Kratzer habe ich auch schon aus dem Glas raus. Ich bedankte mich herzlich beim Verkäufer. Ich hatte kein schlechtes Gewissen, eine Uhr gekauft zu haben. Ich habe im letzten Jahr ein halbes Dutzend Uhren an Freunde verschenkt. Da kann ich mir mal wieder eine kaufen. Jetzt habe ich eine Uhr, mit der ich in bin und kein LSD mehr zu nehmen brauche. Das sagte auf jeden Fall die französische Eterna Werbung 1970, wo man so etwas lesen konnte: Nicht derjenige ist 'in', der Barrikaden erstürmt, Marihuana raucht oder LSD nimmt. Modern ist, wer den Schritten des Fortschritts folgt, und jeder Fortschritt hat seine Grundlage in der Tradition. In jedem Fall sind Sie mit dem Concept 80 'in'. Concept 80 verkörpert mit Gehäuse und Zifferblatt die Linie der Zukunft. Das berühmte, weltweit anerkannte, kugelgelagerte Automatikwerk der Eterna Matic bietet Ihnen mit seinem Uhrwerk Sicherheit und vorbildliche Präzision. Der Werbetexter scheint für diesen dusseligen Text ein wenig zu viel LSD genommen zu haben.

Aber zurück zu den Goldplättchen. Ich habe eine alte Waltham Golden Eagle, die auch ein Goldplättchen mit einem goldenen Adler auf dem Boden hatte. Das Verb ist hatte. Als ich sie kaufte, hatte irgendjemand das bisschen Gold abgekratzt. Der Boden sah furchtbar aus, deshalb kostete sie auch nur zehn Euro. Mein Uhrmacher hat mir einen neuen Schraubboden draufgedreht. Ohne Adler. Ein kleiner gelber Adler ist auf dem Zifferblatt zu sehen. Und die Aufschrift 30 Jewels. Wer braucht so viele Rubine? In der Uhr ist ein Automatikwerk von Adolph Schild; es ist auch keine echte Waltham, weil es die amerikanische Firma gar nicht mehr gibt. Die Uhr ist von der Firma Rado und war für den asiatischen Markt bestimmt, wo man gerne viele Steine in der Uhr hat. Ich mag die Uhr, weil sie ein tiefschwarzes Zifferblatt und ein sehr gutes beads of rice Armband hat. Auch wenn der goldene Adler fehlt. Viele Dinge im Leben werden erst richtig gut, wenn etwas fehlt.

Sonntag, 12. Mai 2024

Nord und Süd

Ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Erst patzt Manuel Neuer, dann der Schiedsrichter: Das unglückliche Aus im Halbfinale stürzt den FC Bayern in tiefe Schockstarre. Ein höchst emotionaler Thomas Tuchel schwankt zwischen Trauer, Wut und Verzweiflung, schreibt Florian Kinast im Spiegel. Bayern ist jetzt ganz raus, aus dem DFB Pokal, aus der Meisterschaft und nun auch noch aus dem internationalen Geschäft. Auf Facebook gratulierte jemand ironisch zum Triple. Und die Frauen des FC Bayern haben auch gegen Wolfsburg verloren, es ist traurig. Sehr traurig. Wenn Bayern heute noch gegen Wolfsburg verliert, wird es noch trauriger.

Hier oben im Norden sieht die Welt ganz anders aus. Dass Kiel in die erste Liga aufsteigt, das hörte ich nicht im Radio, nicht im Fernseher. Das hörte ich im Wohnzimmer. Ich hatte die Fenster offen, um die schöne Frühlingsluft hereinzulassen. Und mit der schönen Frühlingsluft kam auch der Jubel. Bis zum Holstein Stadion sind es von hier aus anderthalb Kilometer Luftlinie. Da höre ich bei jedem Heimspiel, wenn ein Tor fällt. Aber jetzt war das etwas lauter als der normale Torjubel, jetzt war es richtig laut. Ich schaltete den Fernseher ein und konnte lesen, dass der Kieler SV Holstein in die erste Bundesliga aufsteigt. Da dürfen sie dann mal gegen Bayern München spielen. Mal sehen, wie das ausfällt. Ich halte die Fenster offen. 

Samstag, 11. Mai 2024

Fortuny


Man kann Fortuny Kleider immer noch kaufen, es gibt Geschäfte in Venedig, Paris und München. Und den Palast von Fortuny kann man besichtigen. Das Multitalent Mariano Fortuny y Madrazo wurde am 11. Mai 1871 in Granada als Sohn eines Malers geboren. Er hat Malerei studiert. Unter anderem bei James Tissot, der das berühmte Bild der Pariser Gentlemen im Jockey Club gemalt hat (es findet sich hier in dem Post Notre Dame d'Amiens), die wahrscheinlich alle in Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit vorkommen. Fortuny hat zwar auch Bilder gemalt, aber er ist für etwas ganz anderes berühmt geworden. Nämlich für solch plissierte Seidenkleider wie dieses hier, das die Comtesse Greffulhe trägt. Die macht Marcel Proust in seinem Roman zur Herzogin von Guermantes. Und Proust hat Mariano Fortuny auch in seinem Roman hineingeschrieben: Ces toilettes n'étaient pas un décor quelconque, remplaçable à volonté, mais une réalité donnée et poétique comme est celle du temps qu'il fait, comme est la lumière spéciale à une certaine heure. De toutes les robes ou robes de chambre que portait Mme de Guermantes, celles qui semblaient le plus répondre à une intention déterminée, être pourvues d'une signification spéciale, c'étaient ces robes que Fortuny a faites d'après d'antiques dessins de Venise. Est-ce leur caractère historique, est-ce plutôt le fait que chacune est unique qui lui donne un caractère si particulier que la pose de la femme qui les porte en vous attendant, en causant avec vous, prend une importance exceptionnelle, comme si ce costume avait été le fruit d'une longue délibération et comme si cette conversation se détachait de la vie courante comme une scène de roman.

Das Zitat steht schon in dem Post Damenmode. Und in den Posts Une fillette d’un blond roux und Orchideen finden Sie ganz viel zu dem Thema Mode bei Proust. Die Comtesse Greffulhe ist natürlich auch dabei. In dem Roman Im Schatten junger Mädchenblüte sagt der Maler Elstir zu Albertine: Sie werden vielleicht schon bald die herrlichen Stoffe betrachten können, die man da unten getragen hat. Man sah sie früher nur auf den Bildern der venezianischen Maler oder sonst ganz selten irgendwo in einem Kirchenschatz, ab und zu geriet ein Stück auch einmal auf eine Versteigerung. Aber jetzt heißt es, ein venezianischer Künstler, Fortuny, habe das Geheimnis ihrer Herstellung wieder entdeckt, und schon in ein paar Jahren würden die Frauen in ebenso herrlichen Brokaten mit orientalischen Mustern wie denjenigen, mit denen Venedig seine Patrizierinnen schmückte, spazierengehen oder noch besser zu Hause bleiben können. Ich weiß nicht einmal, ob ich mich darüber so sehr freuen soll, ob es nicht zu sehr nach einem Anachronismus in der Kleidung aussehen wird für die Frauen von heute, selbst wenn sie bei Regatten darin paradieren, denn um auf unsere modernen Vergnügungsjachten zurückzukommen, so sind sie ganz das Gegenteil von dem, was man zu den Zeiten hatte, als Venedig noch die 'Königin der Adria' war. 

Marcel wird seiner Albertine Kleider von Fortuny schenken. Weil die ihn an das geliebte Venedig erinnern: Das Fortuny-Kleid, das Albertine an jenem Abend trug, erschien mir wie ein verführerisches Phantom aus jenem unsichtbaren Venedig. Es wimmelte von arabischen Ornamenten auf dem Stoff, wie die venezianischen Paläste, versteckt wie Sultaninen hinter einem orientalischen Paravent, wie die Einbände in der Bibliothek von Ambrosius von Mailand, wie die Säulen, auf denen die orientalischen Vögel, die abwechselnd Leben und Tod symbolisierten, im Spiegel des Stoffs sich wiederholten, von einem intensiven Blau, das, als mein Blick darüber schweifte, zu schmiedbarem Gold wechselte durch dieselbe Wandlung, die vor dem Vorbeigleiten der Gondeln das Azurblau des Canale Grande in ein flammendes Metall verwandelt. Und die Ärmel waren eingefasst in einem Kirschrosa, das so eigentümlich venezianisch ist und Tiepolo Rosa genannt wird. Das Zitat verwendet die Firma Fortuny heute auf ihrer Seite zu Werbezwecken.

Das erste Kleid,  mit dem Fortuny und seine Frau Henriette (hier von ihm gemalt) 1909 die Modewelt überraschen, heißt Delphos. Vorbild für das Kleid war der Wagenlenker von Delphi, den man zehn Jahre vorher entdeckt hatte. Er gab auch den Namen für das Modell. Das mit einer speziellen Technik plissierte Seidenkleid umfliesst den Körper der Trägerin. Die am besten sehr schlank und nackt ist. Wenn man etwas molliger ist, dann geht man am besten zu Paul Poiret, der einmal Assistent bei dem Erfinder der Haute Couture Charles Frederick Worth war. Berühmtheiten wie Isadora Duncan, Sarah Bernhardt, und Lilian Gish tragen Fortuny. Aber auch die Damen der Halbwelt, für die es hier schon die Posts Demimonde und les grandes horizontales gibt, tragen Fortunys Kleider. Und wenn Sie alles über das Delphos Kleid wissen wollen, dann klicken Sie einmal diese Seite bei Google Arts & Culture an.

Die Welt der Herzogin von Guermantes ist vergangen. Fortunys Roben kosten ein kleines Vermögen, wenn sie heute bei Auktionen auftauchen. Große Museen wie das Metropolitan besitzen mindestens ein Kleidungsstück von Fortuny. Sein Palazzo in Venedig ist heute ein Museum. Dass der Name Fortuny nach Henriette Fortunys Tod im Jahr 1965 weiterlebt, verdankt Venedig einem Unternehmer namens Lino Lando, der das Internet mit Fortuny Seiten vollgepflastert hat. Ich weiß nicht, ob Marcel Proust das gefallen hätte.


Mittwoch, 8. Mai 2024

Treptow


Heute vor fünfundsiebzig Jahren wurde in Berlin das Treptower Ehrenmal für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten der Roten Armee eingeweiht. Es gibt im Tiergarten noch ein anderes Ehrenmal mit zwei grünen russischen T 34 Panzern davor. Die jetzt im Ukrainekrieg eine andere symbolische Bedeutung gewonnen haben als damals, als man sie aufstellte. Viele Berliner fordern, dass man die Panzer jetzt wegräumt. Dass man das Ehrenmal im Treptower Park damals an einem 8. Mai einweihte, hatte natürlich seine Bedeutung, denn der 8. Mai gilt als der Tag der Befreiung. Die im Mai 1945 in meiner Heimatstadt Bremen anders aussah als in Berlin. Mein erster Besuch des Ehrenmals im Jahre 1960 war sehr beschwerlich. Ich hatte mir bei einem Sportunfall den linken Fuß gebrochen und humpelte mit einem Gipsverband zum Ehrenmal. Es war ein langer Weg vom Busparkplatz bis zu dem Ehrenmal, aber ich wollte unbedingt das Innere des Denkmals sehen.

Mein Onkel Karl, der Bildhauer, hat mir eine Geschichte über den Bau des Ehrenmals erzählt, die nicht in den Geschichtsbüchern steht. Er hatte, als er aus dem Krieg zurückkam, zuerst eine Ausbildung als Steinmetz erhalten und studierte jetzt Bildhauerei bei Gustav Seitz an der Hochschule für Bildende Künste in Charlottenburg. Eine junge Frau saß da vormittags als Aktmodell für die angehenden Künstler. Die junge Frau hatte noch eine zweite Beschäftigung. Nachmittags ging sie in den Osten der Stadt und saß Modell für die russischen Künstler, die den Innenraum des Denkmals gestalteten. Wahrscheinlich ist sie auf den Mosaiken der Firma Puhl & Wagner im Kuppelraum des Treptower Ehrenmals das Mütterchen Russland.

Sonntag, 5. Mai 2024

Chorprobe

Die schöne Buchhändlerin hatte, wie viele ihrer Freundinnen, den Chor nicht aufgegeben. Sie war nach dem Abitur dabeigeblieben, weil sie sich mit dem Chorleiter, der ihr Englischlehrer gewesen war, so gut verstand. Manche ihrer Freundinnen waren im Chor geblieben, weil der als ein Eheanbahnungsinstitut galt, aber das war ihre Sache nicht. Es war zwar etwas langweilig, jedes Jahr Weihnachten im Dom der Stadt Bachs Kantaten und das Weihnachtsoratorium singen zu müssen, aber es war natürlich auch eine Ehre, dort singen zu dürfen. Bach hatten sie immer im Repertoire. Andere Chöre waren glücklich, wenn sie Im schönsten Wiesengrunde, An der Saale hellem Strande oder Wer recht in Freuden wandern will hinkriegten. Sie alle hatten neben dem Englischen Fremdsprachen am Lyceum gehabt, manche Französisch, andere Latein. Das half ihnen natürlich auch, Texte aus fremden Sprachen anzugehen, zum Beispiel so etwas:

Dio del cielo,
Signore delle cime,
un nostro amico
hai chiesto alla montagna.
Ma ti preghiamo:
su nel Paradiso
lascialo andare
per le tue montagne.

Das Lied von Giuseppe De Marzi war gerade aus Italien nach Deutschland gekommen. Das konnten die Waldundwiesenchöre natürlich nicht. Es kam jetzt viel an internationaler Musik in das Repertoire der Chöre, in denen zu lange nur Deutsches gewesen war. Ihr Chorleiter hatte es immer gefördert, dass etwas Neues in das Repertoire des Chors kam. Der Chor war für seine Auftritte begehrt, aber der Chorleiter war der Meinung, dass man nicht allen Wünschen nachkommen sollte. Also, den Wunsch nach Seemannsliedern beim Hafenfest, den hatte er abgelehnt. Und dem Pastor hatte er gesagt, dass der Chor keinesfalls am Volkstrauertag Ich hatt' einen Kameraden singen würde. Geistliche Lieder in der Kirche: ja. Aber dies nicht.

Der Chorleiter Dr Friedrich Allmers war schon ein älterer Herr, er sollte eigentlich längst im Ruhestand sein. Aber die Schulleitung beließ ihn in dieser Stellung, weil niemand so gut mit dem Chor umgehen konnte wie er. Und weil er das Klavier besorgt hatte, das in der Aula stand. Das alte hätte kein Klavierstimmer der Welt mehr hingekriegt. Es war dann als Kriegsschaden ausgesondert worden, und das war es auch gewesen. Die amerikanischen Besatzer hatten es furchtbar misshandelt. Dr Friedrich Allmers wusste nicht nur, wie er preiswert an ein erstklassiges Klavier kam, er hatte auch gute Beziehungen zu der Musikwelt. Und sein Chor hatte einen guten Namen. Schließlich war man schon mehrfach im Radio gewesen und hatte bei einem Festival einen dritten Platz errungen. Und es liefen da Verhandlungen für eine Langspielplatte mit alten europäischen Volksliedern, aber die waren ins Stocken geraten. Geplante Titel wie Nimm sie bei der schneeweißen Hand und Lison dormait schienen dem Plattenverlag nicht unbedingt Publikumsrenner zu werden.

Die schöne Buchhändlerin sang gerne. Unter der Dusche und im Auto. Und natürlich im Chor. Das Schöne im Chor war das Gemeinschaftserlebnis. Sie ließ sich von der Musik treiben, war glücklich dabei zu sein. So gut sie sang, zu einer Solistin hätte es bei ihr nicht gereicht. Außer unter der Dusche oder im Auto. Das wusste sie. Es reichte ihr aber, dabei zu sein. Manche ihrer Freundinnen sangen im Chor der Oper mit, da war sie auch einmal bei der Aufführung von Bizets Carmen mit im Chor gewesen. Das Kostüm, das man ihr angedreht hatte, hatte nicht richtig gepasst, es zwickte und zwackte bei jeder Bewegung. Sie hatte es mit nach Hause nehmen und ändern wollen, sie war gut mit Nadel und Faden. Aber das durfte sie nicht. Das ist Eigentum der Oper, das geht nicht aus dem Haus, bekam sie gesagt. Sie hatte sich im Chor der Zigarettenarbeiterinnen bei den Aufführungen unwohl und unglücklich gefühlt. Vielleicht hätte sie die Zigarette, die sie nur in der Hand halten sollte, wirklich rauchen sollen. Glücklicherweise wurde die Oper nach drei Aufführungen abgesetzt, weil zwei der Solistinnen erkrankten und der Sänger des Don José einen Autounfall hatte.

Es war nicht nur die gemeinsame Chorprobe, die sie liebte. Sie gingen hinterher zusammen immer noch in den Fährkrug auf ein Glas Wein. Der Wirt hielt ihnen an den Abenden der Chorproben immer einen Tisch am Fenster frei, sodass sie auf den Fluss schauen konnten. Der Wirt mochte die Sängerinnen, weil sie ihm vor Jahren, als er das Haus gerade übernommen hatte, den ganzen Abend gerettet hatten. Da saß nämlich ein junges Brautpaar einsam im großen Saal, keiner ihrer Gäste war gekommen. Die blonde Braut heulte. Das war zu verstehen. Nach einer halben Stunde kam eine Nachricht, die das Fehlen der Hochzeitsgäste erklärte. Das Ausflugsschiff, mit dem sie kommen wollten, sei im Fluss auf eine Sandbank gelaufen. Es sei niemandem etwas passiert, aber die Hochzeitsgäste müssten noch von Bord gebracht und in einen Bus gesetzt werden. Das könne noch etwas dauern.

Nachdem der Wirt dem Brautpaar die gute Nachricht überbracht hatte, erzählte er es auch den Sängerinnen am Fenster. Und sagte dann plötzlich: Es ist alles so trist und traurig heute, könnten Sie nicht vielleicht etwas singen? Singen, dachte sich die schöne Buchhändlerin, was singt man in einem solchen Fall? Plaisir d'amour ne dure qu'un moment, Chagrin d'amour dure toute la vie? Aber da stand die rothaarige Thea auf und sagte: Mädels: Jungfernkranz. Sie standen auf, gingen durch den leeren Saal, gruppierten sich um den Tisch des Brautpaares, zählten unhörbar eins, zwei, drei und sangen:

Wir winden dir den Jungfernkranz
mit veilchenblauer Seide;
wir führen dich zu Spiel und Tanz,
zu Glück und Liebesfreude!

Sie dachte gerne an diesen Abend zurück, alle dachten gerne an diesen Abend zurück. Zwei von ihren Freundinnen hatten inzwischen geheiratet, und da war sie mit dem Chor natürlich bei den Hochzeiten gewesen. Bei der ersten Hochzeit hatten sie das alte Lied aus dem Lochamer Liederbuch gesungen:

All mein Gedanken, die ich hab', die sind bei dir.
Du auserwählter einz'ger Trost, bleib stets bei mir.
Du, du, du sollst an mich gedenken.
Hätt' ich aller Wünsch Gewalt,
von dir wollt ich nicht wenken
.

Bei der Hochzeit von Birgit wollten sie Wach auf, meins Herzens Schöne von Johann Friedrich Reichardt singen, aber die Birgit wollte lieber das ganz alte Lied wiederhaben, aber nur die zweite Strophe:

Du auserwählter einz'ger Trost, gedenk daran!
Leib und Gut, das sollst du gar zu eigen han.
Dein, dein, dein will ich immer bleiben:
Du gibst Freud und hohen Mut
und kannst mir Leid vertreiben.

Sie waren jetzt beinahe jeden Tag am Proben, es sollte natürlich wieder Bach sein. Dank der guten Beziehungen, die Dr Allmers in der Musikwelt hatte, war der Chor auserwählt, bei einem Bachfestival in Berlin zu singen. Bach hatten sie drauf, es war auch das Schwierigste, was sie konnten. Die Vier letzten Lieder von Richard Strauss hatten sie schon häufiger gesungen. Dr Allmers hatte es mal mit Schönbergs Gurre-Liedern versuchen wollen, aber das war nichts geworden. Das große Ereignis, das vor ihnen stand, hatte eine doppelte Bedeutung, Dr Allmers hatte ihnen gesagt, dass dies sein letzter Auftritt sein würde. Er wolle jetzt endgültig in den Ruhestand gehen. Zu dem Konzert in Berlin ziehe ich aber noch einmal meinen alten Frack an, sagte er. Sie hatten ihn noch nie im Frack gesehen. Die schöne Buchhändlerin dachte sich, dass sie auch ein schönes Kleid anziehen müsste. Sie würde schon etwas im Kleiderschrank finden. Die rothaarige Thea hatte auch schon eine Idee für einen Abschiedsabend für ihren Lehrer, sie würden elisabethanische Lieder von Thomas Campion und John Dowland singen. Jede von ihnen würde auch einen Solopart haben. Die schöne Buchhändlerin hatte sich schon John Dowlands Time stands still gesichert:

Time stands still with gazing on her face.
Stand still and gaze, for minutes, hours and years to her give place.
All other things shall change but she remains the same.
Till heavens changed have their course and Time hath lost his name.
Cupid doth hover up and down, blinded with her fair eyes.
And Fortune captive at her feet contemned and conquered lies.


Es wurde gemunkelt, dass für die Soloparts des Konzerts in Berlin berühmte Leute kommen sollten, das blieb aber erstmal noch geheim. Das muss doch rauszukriegen sein, dachte sie. Und rief aus der Buchhandlung die Konzertdirektion an. Fragte, ob sie vielleicht einige Plakate und Handzettel für die Buchhandlung bekommen könnte, damit man hier ein wenig Werbung machen könnte. Die Sekretärin hörte sich das an, dachte einen Augenblick nach und sagte dann: Können wir machen, schicke ich Ihnen mit der Post. Als das Päckchen in der Buchhandlung ankam, packte sie es sofort aus und hängt eins der Plakate an die Tür der Buchhandlung. Auf dem Plakat stand ganz groß der Name des Solisten, es war der Tenor Rodolpho Martini. Der war nun wirklich berühmt, beinahe weltberühmt. Sie besaß sogar zwei Langspielplatten von ihm.

Als sie am Abend des Konzerts aus dem kleinen Bus der Firma Elbach kletterten, mit dem sie immer zu den Konzerten gefahren waren, sahen sie alle festlich und präsentabel aus. Selbst die rothaarige Thea, die sonst immer in Hosen herumlief, hatte ein Kleid angezogen; hellgrün, das passte gut zu ihren roten Haaren. Dr Allmers trug, wie er es gesagt hatte, seinen alten Frack. Er hatte es sogar geschafft, die weiße Schleife richtig zu binden. Die schöne Buchhändlerin trug das Seidenkleid, helles Lavendelblau, mit den ganz schmalen Trägern, die das Kleid aussehen ließen, als sei es schulterfrei. Sie hatte es sich vor Jahren in Frankreich gekauft, als da eine kleine Boutique einen Ausverkauf machte. Sie hatte es noch nie angehabt. Nur in den letzten Tagen zu Hause zum Einsingen, sie wollte wissen, wie man sich darin fühlte und bewegte. So etwas wie damals bei der Carmen sollte ihr nicht noch einmal passieren. Sie alle ließen ihre Mäntel im Bus, es war ein schöner Sommerabend. Ihre Noten nahmen sie natürlich mit, als sie in den Konzertsaal gingen. Obgleich sie die eigentlich nicht brauchten.

Der Saal sei gut gefüllt, hatte man ihnen gesagt. Sie warteten erst einmal in dem ziemlich luxuriösen Umkleideraum, sie waren ja erst im zweiten Teil des Konzerts dran. Es gab davor eine Pause von fünfzehn Minuten. Sie dachte, sie könnte in der Pause mal eben den Renault Händler anrufen, den sie zwei Tage lang nicht gesehen hatte. Aber die Telephonzelle vor dem Konzertgebäude war besetzt. Ein großer Mann stand da drin. Und telephonierte und telephonierte. Endlich war er fertig, sie hätte fluchen können, aber er hielt ihr höflich die Tür auf. Sie huschte an dem Mann vorbei, riß den Hörer vom Haken und wählte die Nummer des Renault Händlers, doch der war offenbar nicht zu Hause. Sie hängte den Hörer wieder ein. Irgendwie hätte sie jetzt weinen können. 

Als sie aus der Telephonzelle kam, stand der Mann, der eben telephoniert hatte, immer noch da. Im Licht der Telephonzelle sah sie jetzt, dass der Mann einen Frack trug. Es war Rodolpho Martini. Sie war beinahe starr vor Schreck, was sollte sie jetzt sagen? Es tut mir leid, dass ich so lange telephoniert habe, sagte er, aber ich musste dringend mit meinem Agenten wegen eines Konzerts sprechen. Sie verzieh ihm auf der Stelle alles, was sie eben noch gegen ihn gehabt hatte. Ich muss jetzt schnell in die Konzerthalle zurück, sagte sie. Gewiss, sagt er und guckte sie lange an. Sie sind eine von den Sopranstimmen aus dem Chor von Dr Allmers, sagte er. Dass er das bemerkt hatte, dachte sie mit Erstaunen. Jetzt hatte sie es nicht mehr eilig. Er offenbar auch nicht. Das ist ein sehr schönes Kleid, das sie tragen, sagte er. Bevor sie etwas sagen konnte, nahm er ihren Arm und sagte: Kommen Sie. Ohne uns beide werden die nicht anfangen. Würden ihre Freundinnen ihr glauben, wenn sie diese Geschichte erzählte? Hätte sie ihn um ein Autogramm bitten sollen? Nein, sie wusste, ihr würde diese Erinnerung genügen.


Es gibt in diesem Blog schon vier Erzählungen mit der schönen Buchhändlerin: Sommerurlaub, RendezvousAutorenlesung und der dunkelblaue Bentley. Dies ist die fünfte Geschichte.