Sonntag, 8. Februar 2026

Paula Becker-Modersohn

Heute vor einhundertfünfzig Jahren wurde die Malerin →Paula Becker-Modersohn in Dresden geboren. Als sie zwölf Jahre alt war, zogen ihre Eltern nach Bremen. Sie wohnten zuerst im vornehmen Schwachhausen, dann noch vornehmer im Haus von →Aline von Kapff. Die hat hier schon als Tante Aline einen Post, Paula Becker-Modersohn hat noch keinen Post. Sie wird aber in einem Dutzend Posts erwähnt. Die Maler von Worpswede tauchen in diesem Blog immer wieder auf, diese Posts werden auch viel gelesen, der Post über Heinrich Vogeler hat über dreizehntausend Leser.

Erwarten Sie von mir heute bitte nichts zu Paula, ich habe kein Verhältnis zu ihrer Malerei. Wirklich nicht. In dem Post die Königin Caroline Mathilde habe ich geschrieben: Dass ich in Rotenburg (Hannover) geboren werde, verdanke ich den Fliegerangriffen auf Bremen, man hatte Teile des Bremer Krankenhauses ausgelagert. Ich bin ein Sonntagskind, das wird man mir immer wieder erzählen. Kurz nachdem ich geboren werde, stirbt in demselben Krankenhaus der Maler Otto Modersohn, der Ehemann von Paula Becker-Modersohn, einer Nationalheiligen in Bremen. Modersohn war auch der Onkel von Cato Bontjes van Beek. Wäre ich in Bremen geboren, wie später mein Bruder, wäre ich ein echter Bremer geworden. Die sind da in Bremen ja eigen, wer ein echter Bremer, ein Tagenbaren, ist. An diesem Mythos Bremen arbeiten viele, und auch ich kann nicht leugnen, ihm zeitweise erlegen zu sein. Ich schreibe immer noch an meinen Bremensien, die in meinem Kopf als Roman mit dem Titel Anti-Bremen begannen. Obgleich ich eher wie Fitzgeralds Held Jay Gatsby meine eigene Geschichte und mein eigenes Konzept meines Lebens erfinde.

Dass die Bremer die Paula wie eine Nationalheilige verehren, war nicht immer so. 1899 schreibt der damalige Bremer Kunstpapst Arthur Fitger: Unsere heutigen Notizen müssen wir leider beginnen mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns darüber, daß es so unqualifiercirbaren Leistungen wie den sogenannten Studien von Maria Bock und Paula Becker gelungen ist, den Weg in die Ausstellungsräume unserer Kunsthalle zu finden, ja daß man ihnen ein ganzes Cabinet eingeräumt hat.... daß so etwas hat möglich sein können, ist sehr zu beklagen. Für die Arbeiten der beiden genannten Damen reicht der Wörterschatz einer reinlichen Sprache nicht aus, und bei einer unreinlichen wollen wir keine Anleihe machen... so ist auch uns in diesem Augenblick der Gedanke an unsere Kunsthalle so widerwärtig geworden, daß wir den lebhaften Wunsch nicht mehr unterdrücken können, möglichst bald sie uns aus dem Sinn zu schlagen und uns Erfreulicherem zuzuwenden. Dass die Bremer auf den grottenolmschlechten Maler und Literaten Fitger hören, ist ein Zeichen ihres schlechten Geschmacks, den der Kunsthallendirektor Gustav Pauli und Mitglieder der Goldenen Wolke bekämpfen wollen. Aber es ist leider so, die junge Malerin verkauft zu Lebzeiten nur eine Handvoll Bilder. Ich finde diese Sandkuhle am Weyerberg von 1899 gar nicht so schlecht, obgleich mir der sandige Kreuzberg von Otto Piltz besser gefällt.

Zu ihrem sechsten Hochzeitstag malt sie sich als Schwangere, aber sie ist noch gar nicht schwanger. Das Bild von 1906 gilt als der erste Selbstakt einer Malerin. Sie malt immer wieder Akte, ihr Mann notiert dazu in seinem Tagebuch: malt lebensgroße Akte und das kann sie nicht, ebenso lebensgroße Köpfe kann sie nicht. Wenn man ihre Aktbilder mit den Bildern vergleicht, die sich hier in dem Post Aktmalerei finden, dann wird man dem Urteil ihres Mannes zustimmen müssen. Sie hat auch immer wieder Selbstbildnisse gemalt, von denen das im zweiten Absatz aus dem Jahre 1897 meiner Meinung nach das schönste und lebendigste ist. Es war vor sechs Jahre zum ersten Mal in einer Ausstellung in Bremen zu sehen. Das Bild Selbstbildnis nach halblinks im siebten Absatz ist das teuerste Bild von ihr, das je auf einer Auktion verkauft wurde, es hat mehr als eine Million Euro gebracht.

Ein Jahr nach dem Akt zum Hochzeitstag wird sie wirklich schwanger. Sie stirbt kurz nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde (Tille) mit einunddreißig Jahren. Ihre Tochter wird einundneunzig Jahre alt werden. Ihr Vater hat ihr erst, als sie achtzehn war, erzählt, wer ihre Mutter war. In der Bremer Straßenbahn, damit sie vom Verkehr abgelenkt war und nicht so weinte. Mathilde Modersohn hat im hohen Alter mit ihrer Halbschwester noch eine Stiftung für die Gemälde ihrer Eltern gegründet. 

Es gibt in Bremen in der Böttcherstraße ein Paula Modersohn-Becker Museum, das dauerhaft Werke von Paula zeigt. Der Bremer Millionär Ludwig Roselius, der sein Geld mit dem entkoffeinierten Kaffee HAG gemacht hatte, hat sich dieses Haus von dem Architekten Bernhard Hoetger (der auch den Niedersachsenstein auf dem Weyerberg entwarf) bauen lassen.

Paula war für die Freundschaft mit Hoetger (den sie in Paris kennengelernt hatte) und die Unterstützung, die sie von ihm bekam, sehr dankbar: Sie haben mir Wunderbarstes gegeben. Sie haben mich selber mir gegeben. Ich habe Mut bekommen. Mein Mut stand immer hinter verrammelten Toren und wußte nicht aus noch ein. Sie haben die Tore geöffnet. Sie sind mir ein großer Geber. Ich fange jetzt auch an zu glauben, daß etwas aus mir wird. Und wenn ich das bedenke, dann kommen mir die Tränen der Seligkeit … Sie haben mir so wohl getan. Ich war ein bißchen einsam.

Hoetger wird nach ihrem Tod die Plastik Mutter und Kind für Paulas Grabmal auf dem Worpsweder Friedhof schaffen. Das Grabmal ist frei zugänglich, ist aber in keinem schönen Zustand. Das ist ähnlich wie beim Berliner Kleist Denkmal, wo auf der Rückseite die Zeile aus Prinz von Homburg steht: Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein steht. 1927 wurde Hoetgers expressionistisches Bauwerk als Paula Becker-Modersohn Haus eröffnet. Die Reihenfolge der Nachnamen hatte Roselius so festgelegt. Ich benutze den Namen seit kleinauf auch immer so. Die ganze Böttcherstraße mit der eigentümlichen Architektur war ja ein →Roselius-Hoetger Gesamtkunstwerk, das den →Nazis wenig gefiel. Trotz des →Lichtbringers im Eingang. Als von den Nazis die Bilder von Paula Becker-Modersohn aus den Kunsthallen als entartete Kunst entfernt werden, kann Roselius sein Museum aber bewahren. Irgendwie konnte man die Worpsweder, von denen auch viele den Nationalsozialimus befürworteten, ja auch als völkische Kunst verstehen.

1979 verkaufte der Sohn von Ludwig Roselius Kaffee Hag und die Böttcherstraße an das amerikanische Unternehmen Kraft Foods, kaufte aber Teile der Straße zurück. Das Paula Becker Modersohn Haus ist jetzt im Besitz der Stadt Bremen. Das Haus Atlantis leider nicht. Mein Freund Peter hatte als Landeskonservator einen langen Kampf gegen einen schwedischen Hotelkonzern, der sich von hinten in die Böttcherstraße hineinfrass. Die Fassade und der Himmelssaal sind aber erhalten. Im Haus waren auch die Kammerspiele, wo ich bei der Aufführung von Wer hat Angst vor Virginia Woolf hinter  dem Kultursenator Dehnkamp und seiner Frau saß. Und als in der Pause das Licht anging, sagte Frau Dehnkamp zu ihrem Mann: Ischa bis jetzt noch nich viel Sinn in. Gefällt mir immer noch der Satz. Und es gab da auch ein Kino, wo ich mit meiner Freundin Traute vergeblich an der Kasse für Bergmans Film Das Schweigen anstand. Meine Böttcherstraßen Erinnerungen haben selten etwas mit Paula Becker-Modersohn zu tun. Die Straße kommt x-mal in meinem Blog vor, aber nur, weil der Herrenausstatter Hans Kalich da seinen Laden hatte.

Das Leben von Paula Becker-Modersohn ist gut erforscht, und dankenswerterweise hat sie einen guten Wikipedia Artikel. Seit der Bremer Kunsthallendirektor Gustav Pauli 1919 ein kleines Buch mit einem Werkskatalog veröffentlichte, hat es eine Flut von einem Dutzend Biographien gegeben. Auch der Briefwechsel ist veröffentlicht. Und es gibt viele Kataloge von Ausstellungen, dies Bild zeigt den Dresdner Katalog aus dem Jahe 2003, den mir die Astrid geschenkt hat, die bei den Staatlichen Sammlungen arbeitet. Ich bekomme immer Paula Becker-Modersohn Bücher geschenkt. Die stelle ich in das Regal zu den Worpsweder Malern. Wenn ich über meinen Computerbildschirm auf die Bücherwand vor mir gucke, stehen da anderthalb Regalmeter Worpswede. Nicht alles habe ich gelesen, manches steht da nur, weil es schön aussieht. Ich habe keine Leseliste und keine Buchempfehlungen für Sie, aber ich habe auch noch bewegte Bilder. Nämlich den Film Paula Modersohn-Becker - Geschichte einer Malerin, den Wilfried Hauke 2007 für Radio Bremen gedreht hat.

Werden Malerinnen glücklich, wenn sie einen Maler heiraten? Ist sie glücklich, weil sie häufig getrennt sind, weil sie lieber in Paris als in der torfigen Tristesse von Worpswede ist? Ihr Mann schreibt ihr Liebesbriefe: Nun bitte ich Dich ... schreib mir mal einen wirklichen, rechten, echten Liebesbrief, hörst Du, Paula, ich sehne mich danach. Immer malen das hält man auch nicht aus. Und nun laß Dich umarmen Du liebstes Wesen und Dich mit heißen Küssen bedecken von Deinem Manne. Aber als sie den Akt von 1906 malt, da will sie sich schon scheiden lassen.

Otto Modersohn malt seine Frau, wie sie im Garten malt. Ein nettes Bild. Aber ist das große Kunst? Wenn man das Bild mit den Bildern vergleicht, die Peder Severin Krøyer von seiner Frau Marie gemalt hat, dann kommt einem dies hier schon arg provinziell vor. Auch die Ehe der Krøyers ist nicht glücklich, Paula und Marie haben beide einen viel älteren, und als Maler viel berühmteren, Mann. Marie trennt sich schnell von Krøyer, und geht ihren eigenen Weg. Paula zieht die Metropole Paris dem Moordorf Worpswede vor. Viermal von 1900 bis zu ihrem Tod wird sie dort sein, vielleicht waren das auch immer kleine Fluchten.

Dieses Bild von Heinrich Vogeler, das jetzt meist Sommerabend auf dem Barkenhoff genannt wird (wahrscheinlich möchte man mit dem Titel die Bilder der blauen Stunde der Skagen Maler assoziieren), ist eins-siebzig mal drei Meter groß. Es ist das bekannteste Bild Vogelers, eine Art Mittsommernacht in Worpswede, ein idyllisches Zusammensein junger Künstler. Die Figuren sind beinahe lebensgroß, und wenn der große Hund nicht wäre, könnte man die Stufen der Treppe hinaufgehen und sich zu den Personen setzen. Paula im weißen Kleid sitzt ganz links. 1901 hatten Vogeler, Modersohn und Rilke geheiratet, da war die Welt, die sie so schwärmerisch erneuern wollten, noch heil. Jetzt sind sie alle miteinander zerstritten, den Rilke, der auch mal auf dem Bild war, hat Vogeler übermalt. Das Bild zeigt auch die Grenzen von Vogeler als Maler. So akzeptabel er in seinen Buchillustrationen und in der Gestaltung der Güldenkammer des Bremer Rathauses ist, malerisch toll ist das Ganze nicht. Die Figuren wirken letztlich wie tot, weil alles nur plakativ zweidimensional ist. Man vergleiche es nur einmal mit dieser Frühstücksszene von Peder Severin Krøyer oder mit Krøyer sommerlichem Gartenfest.

Das →Albertinum in Dresden eröffnet heute eine Ausstellung zu Paula Becker-Modersohn und Edvard Munch. In →Bremen beginnt ein zweijähriges Ausstellungsfest. Zu Paulas hundertfünfzigstem Geburtstag und 2027 zur Hundertjahrfeier des Paula Becker-Modersohn Museums. Die Dresdner Ausstellung wird im nächsten Jahr auch gezeigt werden. In diesem Blog wird Minna Hermine Paula Becker erwähnt in den Posts: Malweiber, Kunsthalle Bremen, die Bremer Rembrandts, 200 Jahre Bremer Kunstverein, Worpswede, Skagen, Hans am Ende, Marschendichter, Willi Vogel, Niedersachsenstein, Anna Feldhusen, Tante Aline, Heinrich Vogeler, Nordlichter, Malerinnen

Donnerstag, 5. Februar 2026

Schiffbruch


Full soon in sorrow did I weep,
Taught that the mutual hope was dust,
In sorrow, but for higher trust,
How miserably deep!
All vanished in a single word,
A breath, a sound, and scarcely heard:
Sea--Ship--drowned--Shipwreck--so it came,
The meek, the brave, the good, was gone;
He who had been our living John
Was nothing but a name.


Das wird ein englischer Dichter schreiben, nachdem sein Bruder John im Alter von fünfunddreißig Jahren bei einem Schiffbruch am 5. Februar 1805 stirbt. Dieser John war mit der Earl of Abergavenny auf dem Weg nach China. Er hatte als Kapitän mit dem Schiff der East India Company, das vorher sein Onkel kommandierte, schon zwei erfolgreiche Reisen nach Bengalen und China gemacht, 1797-1798 und 1799-1800. Genügend seemännische Erfahrung hatte er, er fuhr schon seit zwanzig Jahren zur See. 

In diese neue Reise hatte er viel Geld gesteckt. Die East India Company gestand ihren Kapitänen unentgeltlichen Stauraum auf dem Schiff für Waren zu, mit denen die Kapitäne selbst handeln konnten. Der Kapitän mit dem Vornamen John hofft, mit dieser Reise ein Vermögen zu machen. Nicht für sich, den größten Teil des Geldes sollte sein Bruder, der Dichter, bekommen, der ihm schon bei zwei Fahrten Geld geliehen hatte. Durch den Fehler eines Lotsen sinkt das Schiff am Nachmittag anderthalb Meilen vom Strand der Bucht von Weymouth entfernt. Sea--Ship--drowned--Shipwreck--so it came. Von den 402 Menschen an Bord ertrinken 263, die meisten sind Soldaten der britischen Armee und der East India Company. Auch der Kapitän John ertrinkt. Der Dichter wird die Elegie I only look'd for pain and grief für seinen Bruder schreiben. Vielleicht trauert auch eine Frau namens Jane in England um diesen John, mit dem sie sich vielleicht hätte verloben wollen. Sie wird ihn zehn Jahre später in einen Roman schreiben. 

Wir müssen unseren Personen einen Nachnamen geben.  Diese Jane ist niemand anderes als Jane Austen, deren letzter Roman Persuasion von der Liebe eines armen Marineoffiziers zu einer jungen Frau aus besseren Kreisen handelt. Jane Austen verkehrte in Kreisen von Marineoffizieren, zwei ihrer Brüder werden Admiral werden. Aber hat sie wirklich den jungen Kapitän John Wordsworth kennengelernt? 

Das behauptet Constance Pilgrim in ihrem Buch Dear Jane: a Biographical Study of Jane Austen. Bei Pilgrim können wir lesen, dass Jane Austens Schwester Cassandra ihrer Nichte Caroline erzählt habe: when they were by the sea – I think she said in Devonshire … – who had seemed greatly attracted by my Aunt Jane – I suppose it was an intercourse of some weeks – and that when they had to part … he was urgent to know where they would be the next summer, implying or perhaps saying that he should be there also, wherever it might be. I can only say the impression left on Aunt Cassandra was that he had fallen in love with her sister, and was quite in earnest. Soon afterwards they heard of his death … I am sure she thought he was worthy of her sister, from the way in which she recalled his memory, and also that she did not doubt, either, that he would have been a successful suitor. 

Der Kritiker John Wiltshire hat Pilgrims Buch als wonderful, ridiculous bezeichnet, und Carl H. Ketcham weist die Theorie von dem unknown lover zurück: Jane, then, evidently did not meet John that summer in Devon, certainly not because he had saved her friend’s relative. That she met him at all remains, at best, a supposition on which to exercise entertaining speculation, and one that obviously lacks substance compared to her known relationships with Tom Lefroy, Edward Bridges, Samuel Blackall, and Harris Bigg-Wither, or perhaps even with the mysterious clergyman at Sidmouth. The unknown lover must, despite Constance Pilgrim’s ingenuity and her new sources, rest in the category of the unknown

Es wäre natürlich eine zu schöne Geschichte, wenn Jane Austen, über deren →Liebesleben wir wenig wissen, den Bruder von William Wordsworth geheiratet hätte. Aber der Rest der oben erzählten Geschichte ist wahr, Wordsworths jüngerer Bruder (hier im Bild) war Kapitän. Ein stiller, zurückhaltender Mann, der an Bord gerne Verse seines Bruders aufsagte. Die Besatzung nennt ihn den Philosophen. Man hat seine Leiche Wochen nach dem Untergang der Earl of Abergavenny am Strand gefunden. 

Das Salisbury and Winchester Journal schrieb im März 1805: The body of the unfortunate John Wordsworth, Esq late Captain of the Abergavenny East-Indiaman, was taken up on the Beach near Weymouth, on Wednesday last, and on Thursday was taken in a hearse to the parish church of Wyke-Regis, followed by a great number of the principal inhabitants of Weymouth, and there interred. Man hat auch einen goldenen Manschettenknopf mit den Buchstaben JW gefunden, der könnte ihm gehört haben. William Wordsworth hat in Grasmere noch einen Gedenkstein aufstellen lassen, auf dem die Worte a silent poet, a cherished visitant and lover of this valley stehen. Er hat seinen Bruder auch in Home in Grasmere hineingeschrieben:

The inmates not unworthy of their home,
The Dwellers of their Dwelling.
And if this
Were otherwise, we have within ourselves
Enough to fill the present day with joy,
And overspread the future years with hope,
Our beautiful and quiet home, enriched
Already with a stranger whom we love
Deeply, a stranger of our Father's house,
A never-resting Pilgrim of the Sea,
Who finds at last an hour to his content
Beneath our roof. And others whom we love
Will seek us also, Sisters of our hearts,
And one, like them, a Brother of our hearts,
Philosopher and Poet, in whose sight

These mountains will rejoice with open joy.

Alles, aber wirklich alles, zu dem Schiffbruch finden Sie in John Wordsworth and the wreck of the Earl of Abergavenny. Wenn John Constable zehn Jahre nach dem Unglück während seiner Flitterwochen die Weymouth Bay malt, ist von dem Schiffswrack nichts mehr zu sehen. Man hatte es gesprengt, damit die Schiffahrt nicht durch die Reste der Masten behindert wird. Die 62 Kisten mit den Silberdollars, die im Bauch des Schiffes ruhten, hat man vor der Sprengung geborgen. Die wollte die East India Company doch gerne wiederhaben.

Sonntag, 1. Februar 2026

amerikanische Malerei der Romantik

Heute vor 225 Jahren wurde Thomas Cole in Bolton in Lancashire geboren. Er wanderte als Jugendlicher mit seinen Eltern nach Amerika aus und wurde zum bedeutendsten Maler der amerikanischen Romantik. Er hat Bilder der wilden Schönheit von God's Own Country gemalt, einem Land, das sich in der Zeit der Romantik über die Natur definierte. In der Trauerrede für seinen Freund Cole sprach der amerikanische Dichter William Cullen Bryant 1848 von the delight at the opportunity of contemplating pictures which carried the eye over scenes of wild grandeur peculiar to our country, over our ariel mountain-tops with their mighty growth of forest never touched by the axe, along the banks of streams never deformed by culture.

Diese Schönheit der Natur never deformed by culture gibt es nicht mehr. Die amerikanische Kunsthistorikerin Barbara Novak hat das Standardwerk Nature und Culture, American Landscape and painting 1825-1875 über die Zeit geschrieben, als sich Amerika über die Natur definierte. Ich habe das Buch hier im Volltext. Bei Novak kann man lesen, wie besorgt Thomas Cole sich in Schriften und Gedichten dazu äußerte, dass es das Paradies, das er malte, bald nicht mehr so geben würde. Lesen Sie mehr dazu in den Posts Bäume und Umwelt. Das Buch, das Barbara Novak 1980 schrieb (es gibt inzwischen eine überarbeitete neue Auflage), war ein wenig revolutionär. Denn die amerikanische Malerei hatte es schwer, von den Amerikanern wahrgenommen zu werden.

Der einzige, der in Amerika über amerikanische Malerei schrieb, war ein ehemaliger Journalist namens James Thomas Flexner, der niemals Kunstgeschichte studiert hatte. Aber er hatte in Harvard studiert, und er konnte hervorragend schreiben. Was auch durch Auszeichnungen wie den National Book Award und eine Pulitzer Prize Special Citation für seine vierbändige ✺Washington Biographie gewürdigt wurde. Seinem Buch →American painting First flowers of our wilderness (1947) folgten A Short History Of American Painting und für ein breiteres Publikum das kleine Taschenbuch American Painting.

Ein Fach Kunstgeschichte wie in Deutschland gab es in Amerika eigentlich gar nicht - das wird sich ändern, wenn die von Hitler vertriebenen deutschen Kunsthistoriker an amerikanischen Universitäten Unterschlupf finden. Doch nur wenige von ihnen widmeten sich der Kunst ihres Gastlandes. Wie zum Beispiel Alfred Neumeyer, dessen Geschichte der amerikanischen Malerei: Von der kolonialen Frühzeit bis zur naiven Malerei im 18. u. 19. Jahrhundert 1974 bei Prestel erschien. Schon 1948 hatte Wolfgang Born (der Halbbruder des Nobelpreisträgers Max Born) bei der Yale University Press sein Buch American Landscape Painting: An Interpretation veröffentlicht (es wurde 2021 neu aufgelegt). Das war damals das erste Buch über die amerikanische Landschaftsmalerei überhaupt.

Die amerikanische Malerei kam in meinem Studium der Kunstgeschichte nicht vor. Dass es 1988 in Berlin eine Ausstellung amerikanischer Malerei geben würde (und 2007 eine weitere: Neue Welt: Die Erfindung der amerikanischen Malerei im Hamburger Bucerius Forum) konnte niemand ahnen. 

Als ich 1988 einem amerikanischen Gastprofessor empfahl, sich die Ausstellung Bilder aus der Neuen Welt in Berlin anzuschauen, kam er mit dem Satz zurück: Gee, Jay, I didn't know we had all that art. Wir könnten nun belustigt über diesen Amerikaner schmunzeln, doch ich kann diesen kleinen Gag noch übertreffen. Wenn ich nämlich verrate, dass einer der deutschen Kunsthistoriker, der 1988 die Ausstellung in Berlin gemacht hatte, mir damals insgeheim gestand, dass er niemals geahnt hätte, dass die Amerikaner wirklich solche Maler besäßen. Aber seine Frau, die hätte das gewußt, sonst hätte er sich gar nicht an die Ausstellung gewagt. Dieses Bild von Asher B. Durand mit dem Titel Kindred Spirits zeigt die Freunde Thomas Cole und Williams Cullen Bryant in den Catskills, die für Cole zur Heimat geworden waren.

Als ich mich bei Professor Wolfgang J. Müller für die Doktorprüfung anmeldete, spielte ich einen Augenblick mit dem Gedanken, ihm die amerikanische Malerei der Romantik vorzuschlagen. Das Buch Die Maler der Romantik in Amerika von F.M. Huebner und Virginia Pearce Delgado, das ich als Jugendlicher in einem Antiquariat gefunden hatte, konnte ich auswendig. Ich hatte alle Aufsätze zur amerikanischen Kunst gelesen, die in der Zeitschrift Perspectives waren, und das Kennedy Haus hatte mir alles besorgt, was innerhalb des Leihverkehrs der Amerika Häuser zugänglich war. Aber ich habe das mit der amerikanischen Kunst als Prüfungsthema gelassen. Obwohl Müller das wahrscheinlich akzeptiert hätte. Als ich viele Jahre später einen Aufsatz über Thomas Cole und William Cullen Bryant geschrieben hatte, schickte ich ihm natürlich einen Sonderdruck.

Und bekam wenig später einen langen Brief, in dem er schilderte, wie er bei seinem ersten Besuch in Amerika versucht hatte, die Stelle zu finden, von der aus Cole den Katerskill Wasserfall (der oben im ersten Absatz abgedruckt ist) gemalt hatte. Er legte noch die Photokopie eines Artikels (Naomi Bliven: Searching for Kaaterskill Falls) aus dem New Yorker bei. Ich glaube, er war damals der einzige deutsche Professor für Kunstgeschichte, der sich für amerikanische Malerei interessierte. Vielleicht ist das heute ja anders, ich weiß es nicht. Als ich noch an der Uni war, habe ich mal ein Seminar über die amerikanische Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts gemacht. Ich glaube, dass das die erste und einzige Lehrveranstaltung zu dem Thema an der Uni war. In meinem Blog gab es die amerikanische Malerei aber immer wieder, von John Singleton Copley bis zu Jackson Pollock und Grandma Moses.

Donnerstag, 29. Januar 2026

pickepackevoll: der 29. Januar

Am 29. Januar 1958 hatte der Film Fahrstuhl zum Schafott (✺Ascenseur pour l'échafaud) von Louis Malle Premiere, einer der besten französischen Kriminalfilme. Wegen Jeanne Moreau und ✺Miles Davis (wenn Sie den Namen anklicken, sind Sie im Soundtrack des Films). Über den Film würde ich gerne schreiben, habe ich aber schon getan. Am 29. Januar 2012 gab es hier schon den Post Fahrstuhl zum Schafott. Und Jeanne Moreau und Louis Malle haben hier auch einen Post. Miles Davis wird in dem Post Jazz erwähnt. Das war am 3. Januar 2010, dem ersten Tag, an dem ich ihm Netz war. Obgleich ich so gut wie gar keine Computerkenntnisse hatte, weil ich den Computer bisher nur als Schreibmaschine benutzte, war es mir gelungen, meinen Blog bei Google mit dem Namen SILVAE anzumelden. Ich schrieb einen ersten kleinen Post, der Literatur hieß und setzte eine Viertelstunde später ein kleines Gedicht ins Netz. So habe ich angefangen. Ob mich jemand las, wusste ich nicht, die Seite mit der Leserstatistik entdeckte ich erst am Ende des Jahres. Heute gucke ich da jeden Tag rein und weiß deshalb, dass ich im Januar schon 74.460 Leser habe. Das ist kein schlechter Anfang für das Jahr 2026 

Der Dichter Robert Frost hat heute Geburtstag, er war schon häufig in diesem Blog. Als John F. Kennedy Präsident wurde, hat er den 87-jährigen Dichter Robert Frost gebeten, bei der Inauguration ein Gedicht vorzutragen. Im Januar vor fünfundsechzig Jahren gab es das zum ersten Mal in der Geschichte Amerikas. Zum letzten Mal war es Amanda Gorman, die bei Bidens Inauguration The Hill We Climb las. Im Amerika von Donald Trump haben Dichter offenbar nichts mehr zu sagen. Robert Frost hatte für diese Gelegenheit das Gedicht Dedication geschrieben, wo er am Anfang sehr ironisch auf diese Einladung einging:

Summoning artists to participate
In the august occasions of the state
Seems something artists ought to celebrate.
Today is for my cause a day of days.
And his be poetry's old-fashioned praise
Who was the first to think of such a thing.
This verse that in acknowledgement I bring
Goes back to the beginning of the end
Of what had been for centuries the trend;
A turning point in modern history.


Aber das Gedicht blieb ungelesen. Robert Frost hatte Tränen in den Augen und konnte den zweizeilig getippten Text nicht entziffern. Es waren keine Tränen der Rührung, es war schweinekalt an diesem Januartag, und die Sonne, die noch vom Schnee reflektiert wurde, blendete ihn. Und da sagte er nach kurzem Zögern ein Gedicht auf, das er auswendig konnte. Es hieß The Gift Outright:

The land was ours before we were the land’s.
She was our land more than a hundred years
Before we were her people. She was ours
In Massachusetts, in Virginia,
But we were England’s, still colonials,
Possessing what we still were unpossessed by,
Possessed by what we now no more possessed.
Something we were withholding made us weak
Until we found out that it was ourselves
We were withholding from our land of living,
And forthwith found salvation in surrender.
Such as we were we gave ourselves outright
(The deed of gift was many deeds of war)
To the land vaguely realizing westward,
But still unstoried, artless, unenhanced,
Such as she was, such as she would become.

Heute ist auch der Geburtstag des Dichters Johann Gottfried Seume, der letztens in dem Post Menschenhandel erwähnt wurde. Der Bremer Schriftsteller Hermann Allmers (der hier in den Posts Hermann Allmers und Marschendichter vorkommt) hat über ihn gesagt: Wer sollte ihn nicht lieben und hoch verehren, ebenso seines Charakters und seiner traurigen Schicksale als seiner Lieder wegen – den armen Seume? Bremer Bürger hatten dem flüchtigen Soldaten Seume einst geholfen, über die Weser zu kommen, das ist nicht vergessen. Es gibt heute in Bremen ein kleines Seume Denkmal, diesen Denkstein hat Hermann Allmers bezahlt. Er hatte damals dazu gesagt: Jenes Stück im Leben des armen Seume ist der einzige Fall, wo Bremen in Beziehung zu einem deutschen Dichter der Vergangenheit tritt, und zwar ehrenvoll genug, denn es hilft ihm, seinen Schergen entfliehen. Dies Ereignis mahnt zugleich an des Vaterlandes traurigste und schmachvollste Zeit; aber es ist gut und heilsam, daß sich das deutsche Volk auch an solche Dinge und solche Tage erinnert. Falls Sie noch nie etwas von Seume gelesen haben, sollten Sie unbedingt einmal sein Gedicht Der Wilde lesen.

Kulturell ist auch noch zu vermelden, dass am 29. Januar 1728 im Londoner Lincoln’s Inn Fields Theatre das Singspiel The Beggar’s Opera von John Gay aufgeführt wurde. Das war schon häufiger in diesem Blog. Zum Beispiel in den Posts The Beggar's OperaGreensleeves und die Seeräuber Jenny. Das Stück wird nach beinahe dreihundert Jahren immer noch gespielt, ich habe hier eine australische ✺Aufführung aus dem Jahre 2016.

Und dann muss ich noch Glückwünsche nach Österreich schicken, die Schauspielerin Julia Stemberger hat Geburtstag. Als sie zwanzig war hatte sie mit dem Film Herzklopfen ihren Durchbruch. Ein für ein jugendliches Publikum konzipierter, inszenatorisch solider Film, der in seiner stimmungsvoll-romantischen Lebensbejahung durchaus sympathisch, in vielen Details aber arg wirklichkeitsfern ist. Der Jugendfilm hat ihrer Karriere aber offenbar nicht geschadet. Danach war sie überall zu sehen, auf dem Theater und sie allen möglichen Serien. In Vorstadtweiber war sie auch, starb da aber irgendwann den Filmtod. In der ARD Fernsehserie Die Stein spielte sie jahrelang die Hauptrolle, aber richtig große Filme blieben aus.

Julia Stemberger war schon mehrfach in diesem Blog, die Posts heißen Radetzkymarsch, Luna de miel und Sommermode. Da ist sie mit diesem Kleid abgebildet, das sie in Dieter Wedels Der König von St. Pauli (1998) trug. Ich habe von dem Film Radetzkymarsch, der Stembergers einziger Film mit internationaler Beteiligung war, im Netz eine Kopie gefunden (Teil 1 und Teil 2). Ist zwar eine schlechte und gekürzte Kopie, aber immerhin kann man sehen, was Axel Corti, der mit der Literaturverfilmung von Franz Werfels Eine blaßblaue Frauenschrift berühmt geworden war, aus Joseph Roths Roman machen wollte. Der voice over Erzähler (Udo Samel) rettet den ganzen Film. Corti ist ja während der Dreharbeiten des Fernsehfilms verstorben, es wäre schön, wenn man den Film noch einmal neu edieren könnte (aus den originalen 298 Minuten könnte man noch etwas herausnehmen) und einen richtigen Kinofilm daraus machte.

Sonntag, 25. Januar 2026

Grönland

Müssen die Bewohner des kleinen Kaffs Grönland in Schleswig-Holstein jetzt Angst vor Donald Trump haben? Wahrscheinlich weiß er nicht, wo dieses Grönland liegt. Er verwechselt ja ständig Orte und  Länder. Letztens redete er von Island, meinte aber wohl Grönland. Viele Amerikaner haben Schwierigkeiten mit dem Lesen von Landkarten. Vor Jahrzehnten haben die Amerikaner bei einem militärischen Planspiel Kiel statt Kiew bombardiert, ist ja so ähnlich.

Als ich klein war, wusste ich auch nicht so genau, wo Grönland war. Aber ich wusste, dass es etwas mit meinem Heimatort zu tun hatte. Denn von Vegesack aus machte man Jagd auf den Grönlandwal (Balaena mysticetus), der im 18. Jahrhundert noch in riesigen Mengen herumschwamm. Man nannte die Wale die Goldminen des Nordens, denn mit Walfang und Robbenschlag konnte man reich werden. 

Dass wir in Vegesack zum Ausgangspunkt der Bremer Grönlandfahrt wurden, verdanken wir dem Hafen, den holländische Fachleute vor vierhundert Jahren gebaut haben. Die Weser war versandet, große Schiffe konnten Bremen nicht mehr erreichen. Schon 1653 war für die Grönlandfahrt eine bremische Grönland-Compagnie gegründet worden. Über tausend bremische Schiffe fuhren in der Zeit von 1695 bis 1798 ins Polarmeer. 

Nicht alle kommen zurück, sie sinken im Sturm oder werden im Packeis zerdrückt. Die Holländer beherrschen das Geschäft, aber es sind nicht nur die Bremer, die beim Walfang und Robbenschlag mit ihnen konkurrieren. Da sind noch Hamburg und Schleswig-Holstein. Über die Walfänger aus Schleswig-Holstein hat die aus einer Walfängerfamilie stammende LehrerinWanda Oesau 1937 das Buch Schleswig-Holsteins Grönlandfahrt auf Walfischfang und Robbenschlag geschrieben, das noch immer als Standardwerk gilt.

1596 entdeckte der Holländer Willem Barents Spitzbergen, und wenig später gründen die Holländer die Groenlandsche Maatschappij. Nun sind Spitzbergen und Grönland zwei verschiedene Inseln, weshalb der Name Groenlandsche Maatschappij? Sie wussten es nicht besser, sie hielten das, was sie gerade entdeckt hatten, für den Osten von Grönland. Der größte Teil der Grönlandfahrt der norddeutschen Walfänger geht nicht nach Grönland, der geht nach Spitzbergen. Lesen Sie dazu mehr auf dieser Seite des Bamberger Geographieprofessors Erhard Treude.

Um 1830 will der Vegesacker Werftbesitzer Johann Lange, der seine Werft direkt neben dem Hafen hatte (hier ein Bild aus dem Jahre 1835) auch in das Walfanggeschäft einsteigen. 1843 wurde in Vegesack eine Aktiengesellschaft zum Zweck der Grönlandfischerei gegründet, aber es geht mit dem Walfang zu Ende. Als Herman Melville 1851 Moby-Dick schreibt, ist die große Zeit des Walfangs vorbei. Das letzte Schiff, das den Vegesacker Hafen 1865 für eine Grönlandfahrt verlässt, heißt Aurora. Sie können seine Geschichte auf der informativen Seite des Focke Museums lesen. 

Ein Schiff namens Grönland gibt es heute noch. Es wurde 1867 in Norwegen gebaut, dem Land, dem Grönland bis zum Kieler Frieden 1814 gehörte. 1868 nahm das Schiff an der Ersten Deutschen Nordpolar-Expedition teil. Heute gehört es dem Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven. Es ist immer noch seetüchtig. Das Deutsche Schifffahrtsmuseum hat zu dem Schiff hier eine interessante Seite.

Das letzte Bremer Schiff, das von der Grönlandfahrt zurückkehrt, ist 1872 die Hudson der Bremer Reederei B. Grovermann & Co. Danach wurde der Walfang eingestellt. Im Fischfang werden die Vegesacker noch bleiben, nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Flotte ihrer Heringslogger (lesen Sie mehr in Heringe) die größte Europas. An dem Walfang der Nationalsozialisten vom 1933 bis 1939, als Walter Rau aus Hilter seinen Schlachthof auf hoher See aufmachte, hatten wir keinerlei Anteil. Die Zeugnisse der Grönlandfahrt kann man in Norddeutschland heute noch sehen, wie hier auf dem Friedhof von Wyk auf Föhr oder dem Vegesacker Utkiek, wo zwei Walkiefer stehen. Vieles findet sich in Museen, noch mehr in Büchern.

Eins der ersten Bücher ist Die arktische Fischerei, wie sie von der Weser aus betrieben wurde von dem Bremer Lehrer Bernhard Ahlers, das 1911 erschien und 1988 wieder aufgelegt wurde. Es ist aus Liebhaberei geschrieben, hat aber wissenschaftlich wenig Bestand. Es kommt nicht an die Schriften von Wanda Oesau (die das Detlefsen Museum in Glücksstadt auf seiner Seite würdigt) oder Joachim Münzing heran. Den Leiter der Naturkundlichen Abteilung des Altonaer Museums muss ich unbedingt noch nennen, weil er 1975 die Ausstellung Wale und Walfang in historischen Darstellungen gemacht hatte. Und drei Jahre später das Buch Die Jagd auf den Wal: Schleswig-Holsteins und Hamburgs Grönlandfahrt folgen ließ. Ich habe den Zoologen Dr Münzing 1976 kennengelernt, als ich mit Dr Joachim Kruse die Schleswiger Moby-Dick Ausstellung vorbereitete. Der Zoologe Münzing wusste viel über Wale und Walfang, bannig viel.

Über Grönland weiß Donald Trump, der das Land haben möchte, weil da nur russische und chinesische Schiffe drumherumfahren, nicht sehr viel. Eigentlich gar nix. Das hat er gerade wieder bewiesen, als er dieses AI generierte Bild postete. Donald, mal ganz langsam zum Mitschreiben: es gibt in Grönland keine Pinguine. Das Bild enthält aber auch eine Hoffnung in sich: der kleine Kerl mit der amerikanischen Flagge hat den Donald ganz fest an die Hand genommen. Und jetzt geht er mit ihm immer weiter. Bis in die Antarktis. Und verabschiedet sich dort höflich von ihm. Von da unten kommt Trump nie zurück.

Lesen Sie auch noch: scrimshawtüddelig im Kopf

Freitag, 23. Januar 2026

encore une fois: Stendhal


Marie-Henri Beyle, den wir besser unter seinem Pseudonym Stendhal  kennen, wurde heute vor 243 Jahren geboren. Ich nehme seinen Geburtstag einmal dazu, ein wenig Ordnung in meinem Blog zu bringen, denn von Stendhal war hier oft die Rede. Und bevor ich all diese Posts aufliste, möchte ich noch dieses Buch empfehlen. Es heißt A Lion for Love: A Critical Biography of Stendhal, ist 1979 bei Basic Books in New York erschienen, sieben Jahre später gab es die Biographie bei der Harvard University Press als Paperback. In Deutschland gab es das Buch 1982 bei Hanser, die zwanzig Jahre später Rot und Schwarz und Die Kartause von Parma von Elisabeth Edl neu übersetzen ließen. 1985 erschien die Biographie als Taschenbuch bei Ullstein. Ab 1992 hatte Rowohlt den Titel im Programm, offensichtlich schien in Deutschland ein Bedarf für eine Stendhal Biographie zu sein. Robert Alter war Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft in Berkeley. Er hat in Harvard promoviert, das sollte schon für eine gewisse Qualität bürgen. Tut es auch. Diese Biographie gehört zu dem Besten und Lesbarsten, was über Stendhal geschrieben wurde. 

Als Mitarbeiterin wird im Titel Carol Cosman genannt, das ist die Ehefrau von Robert Alter. Die kennt sich in der französischen Literatur auch aus, sie hat immerhin Sartres Monsterwerk über Flaubert Der Idiot der Familie ins Englische übersetzt. A Lion for Love ist ein erstaunliches Buch über den Mann, der für seine Suche nach dem Glück den Namen beylisme erfunden hatte. Es ist keine trockene Biographie zweier Akademiker, es ist auch schon ein Stück kongenialer Literatur. Es besitzt eine gewisse Magie - als ich es gelesen hatte, habe ich es gleich ein zweites Mal gelesen. Wenn man Stendhal mag (und wer könnte diesen Autor nicht mögen?), dann sollte man dieses Buch unbedingt lesen! Die Biographie von Johannes Willms, die 2010 bei Hanser erschien, würde ich auf keinen Fall empfehlen, das habe ich schon in Stendhal Biographien gesagt. Was Stefan Zweig 1928 über Stendhal geschrieben hat, das lohnt allerdings immer noch die Lektüre:

Denn Stendhals Menschen, das sind wir von heute, geübter im Selbstbetrachten, geschulter in Psychologie, bewußtseinsfreudiger, moralunbefangener, durchnervter, selbstneugieriger, müde aller kalten Erkenntnistheorien und nur gierig nach Erkenntnis des eigenen Wesens. Für uns ist der differenzierte Mensch kein Monstrum mehr, kein Sonderfall, als den sich der einsam unter Romantiker geratene Stendhal noch empfand, denn die neuen Wissenschaften der Psychologie und Psychoanalyse haben uns seitdem allerhand feine Instrumente in die Hand gespielt, Geheimes zu erlichten und Verflochtenes zu zerlegen. Doch wieviel hat dieser »merkwürdig vorausahnende Mensch« (abermals nennt ihn so Nietzsche!) von seiner Postkutschenzeit her und aus seiner Napoleonsuniform schon mit uns gewußt, wie spricht sein Nichtdogmatismus, sein frühes Wahleuropäertum, sein Abscheu vor der mechanischen Vernüchterung der Welt, sein Haß gegen alles pompös Massenheroische das Wort uns vom Munde! Wie scheint sein heller Hochmut über die sentimentalen Gefühlsblähungen seiner Zeit berechtigt, wie gut hat er seine Weltstunde in der unsern erkannt! 

Unzählig die Spuren und Wege, die er mit seinem abseitigen Experimentieren der Literatur eröffnete: Dostojewskis »Raskolnikow« wäre undenkbar ohne seinen Julien, Tolstois Schlacht bei Borodino ohne das klassische Vorbild jener ersten wirklichkeitsechten Darstellung von Waterloo, und an wenig Menschen hat sich Nietzsches ungestüme Denkfreude so völlig erfrischt wie an seinen Worten und Werken. So sind sie endlich zu ihm gekommen die »âmes fraternelles«, die »êtres supérieurs«, die er zeitlebens vergeblich suchte, ein spätes Vaterland, jenes, das seine freie Kosmopolitenseele einzig anerkannte, nämlich »die Menschen, die ihm ähnlich sind«, hat ihm für immer das Bürgerrecht und die Bürgerkrone verliehen. Denn keiner seiner Generation, es sei denn Balzac, der einzige, der ihn brüderlich gegrüßt, steht uns heute so zeitgenössisch nah im Geist und Gefühl: durch das psychologische Medium des Drucks, durch kaltes Papier fühlen wir atemnah und vertraut seine Gestalt, unergründlich, obzwar er wie wenige sich ergründet, schwankend in Widersprüchen, phosphoreszierend in Rätselfarben, Geheimstes gestaltend und Geheimstes verhaltend, in sich vollendet und doch nicht beendet, aber immer lebendig, lebendig, lebendig. Denn gerade die Abseitigen ihrer Stunde ruft die nächste am liebsten in ihre Mitte. Gerade die zartesten Schwingungen der Seele haben die weiteste Wellenlänge in der Zeit.

Zu seinen Lebzeiten hatte Stendhal kaum Leser, sodaß er irgendwann schrieb: Ich schreibe nur für hundert Leser, und von jenen unglücklichen, liebenswürdigen, charmanten, aufrichtigen und unmoralischen Wesen, denen ich gern gefallen würde, kenne ich kaum ein oder zwei. Sie können die ganze Wehklage über fehlende Leser im Orginal in dem Post nullkommanix lesen. Wenn er dem Roman La Chartreuse de Parme in Versalien die Worte to the happy few voranstellt (was Thackeray in seinem Roman Vanity Fair auch machen wird), dann weiß er, es werden nur wenige sein. Weil nur wenige wissen: Un roman est comme un archet, la caisse du violon qui rend les sons c'est l'âme.

Volterranos 'Sybillen' haben mir vielleicht die heftigste Freude eingeflößt, die mir die Malerei je bereitet hat. Ich befand mich schon bei dem Gedanken, in Florenz zu sein, und durch die Nähe der großen Männer, deren Gräber ich gesehen hatte, in einer Art Ekstase. Ich war in die Betrachtung edelster Schönheit versunken, die ich ganz dicht vor mir sah und gleichsam berühren konnte. Meine Erregung war an dem Punkt angelangt, wo sich die himmlischen Gefühle, die uns die Kunst einflößt, mit den menschlichen Leidenschaften vereinen. Als ich Santa Croce verließ, hatte ich starkes Herzklopfen; in Berlin nennt man das einen Nervenanfall; ich war bis zum Äußersten erschöpft und fürchtete umzufallen. Was Stendhal hier beschreibt, wird eines Tages in die Medizingeschichte wandern. Die Überwältigung durch den genius loci bis zum Schwinden der Sinne hat heute den schönen Namen Stendhal Syndrom.

Ich kenne das, ich habe es oft erlebt, ich hatte keinen Namen dafür. Manche Augenblicke im Leben, der spiritus loci mancher Orte, manche Stimmungen scheinen mich zu überwältigen. Ich scheine gleichzeitig alles zu sehen, hören, riechen. Mit einer erhöhten Intensität speichert mein Gedächtnis diese Momente auf einer Festplatte namens Memoria ab, offenbar litt ich, ohne es zu wissen, unter dem Stendhal Syndrom

Der ehemalige kaiserliche Kriegskommissar, der mit Napoleon in Russland war, ist erst spät zum Schreiben gekommen. Zuvor widmete er sich den Frauen, wie er sagt: Die meisten dieser holden Wesen haben mich durchaus nicht mit ihrer Huld beehrt, aber sie haben mein ganzes Leben buchstäblich ausgefüllt. Dann erst folgen meine Werke. Die Frauen kommen auch in dem Entwurf für einen Nachruf vor, den er 1838 in Montpellier geschrieben hat. Der Text ist unter dem Titel →Lebensabend in seine nicht vollendete Autobiographie →Das Leben des Henri Brulard gewandert, einem letzten literarischen Meisterwerk. 

Dass wir heute beinahe alles aus seinem Spätwerk, alles aus seinen Notizen und Manuskripten, lesen könen, verdanken wir einem Mann namens Casimir Stryjeński, der ab 1889 in Stendhals Geburtsort Grenoble die Stadtbibliothek durchwühlt hatte. Damals war Stendhal schon beinahe vergessen. Casimir Stryjeński wurde zum découvreur de Stendhal. Steht nicht im Wikipedia Artikel, sollte aber.


Und dann habe ich noch bewegte Bilder, den Film Le rouge et le noir von 1954 mit Gérard Philipe und De l'amour  von 1964 mit Anna Karina, Elsa Martinelli und Michel Piccoli.