Montag, 3. Oktober 2022

3. Oktober

Das hier stand hier schon einmal. Oder zweimal. Zum erstenmal in dem Jahr, in dem ich diesen Blog zu schreiben begann. Zum Nationlfeiertag steht hier immer etwas. Eigentlich schreibe ich gerade über Stendhal und über Johann Sebastian Bach, aber ich komme da nicht weiter. Deshalb mache ich es mir an diesem Feiertag leicht und stelle diesen Text, den ich immer noch mag, leicht überarbeitet noch einmal ein. 

Als ich nach der Bundestagswahl 2017 den Post Unser Land schrieb, hatte ich nicht daran gedacht, dass eine Woche später der Nationalfeiertag sein würde. Vielleicht hätte ich dann für Herrn Gauland noch den ein oder anderen Satz übrig gehabt. Ein halbes Jahrhundert nach Adolf von Thadden haben wir wieder eine rechtsradikale Partei im Parlament. Vielleicht ist das auch ganz gut: indem wir über die AfD diskutieren, diskutieren wir über unser Selbstverständnis, unsere Demokratie. Die Zeitungen versichern uns, dass unser Land zerrissen ist. Wirklich? Die Kanzlerin tut das, was sie immer tut: schweigen und die Raute machen. Ist das genug? Anita Ekberg konnte das mit der Raute besser. Es könnte bei uns etwas mehr sein:

Nein, das gemeine Beste, 
Des eignen Wohlergehens nur einzig sichre Feste 
Erweckt in mir den Trieb; Trieb, den der Himmel ehrt, 
Wenn seines Eifers Glut der Bosheit Spreu verzehrt. 
Die angestorbne Pflicht, das Vaterland zu schützen, 
Der Freiheit Gott zu sein; der Unschuld Recht zu stützen, 
Ist der geheiligte, mit Blut gelegte Grund
Worauf das Wohl des Staats und unserer Väter stund. 

Den lasset uns vereint mit unserm Blut verteidgen.

Gut, es ist ein wenig veraltet, was Justus Möser da in seinem Theaterstück Arminius schreibt, aber es hat auch mit unserer Nation zu tun.

Früher hatten wir den 17. Juni als Nationalfeiertag, jetzt ist es der 3. Oktober. Das mit dem dem 3. Oktober hat seinen Grund. Weil Sabine Bergmann-Pohl am 23. August in der Volkskammer das Abstimmungsergebnis bekannt gab: Die Volkskammer erklärt den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit der Wirkung vom 3. Oktober 1990. Das liegt Ihnen in der Drucksache Nr. 201 vor. Abgegeben wurden 363 Stimmen. Davon ist keine ungültige Stimme abgegeben worden. Mit Ja haben 294 Abgeordnete gestimmt. Mit Nein haben 62 Abgeordnete gestimmt, und sieben Abgeordnete haben sich der Stimme enthalten. Meine Damen und Herren, ich glaube, das ist ein wirklich historisches Ereignis. Wir haben uns die Entscheidung alle sicher nicht leicht gemacht, aber wir haben sie heute in Verantwortung vor den Bürgern der DDR in der Folge ihres Wählerwillens getroffen. Ich danke allen, die dieses Ergebnis im Konsens über Parteigrenzen hinweg ermöglicht haben.

Irgendwo wird heute wieder die Nationalhymne gesungen. Dieses Lied wahrscheinlich nicht: 

Auferstanden aus Ruinen
Und der Zukunft zugewandt,
Laß uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
Und wir zwingen sie vereint,
Denn es muß uns doch gelingen,
Daß die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint.

Glück und Frieden sei beschieden
Deutschland, unserm Vaterland.
Alle Welt sehnt sich nach Frieden,
Reicht den Völkern eure Hand.
Wenn wir brüderlich uns einen,
Schlagen wir des Volkes Feind!
Laßt das Licht des Friedens scheinen,
Daß nie eine Mutter mehr
Ihren Sohn beweint.

Laßt uns pflügen, laßt uns bauen,
Lernt und schafft wie nie zuvor,
Und der eignen Kraft vertrauend,
Steigt ein frei Geschlecht empor.
Deutsche Jugend, bestes Streben
Unsres Volks in dir vereint,
Wirst du Deutschlands neues Leben,
Und die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint. 

Das hätten wir ja als Nationalhymne nehmen können, vom neuen Deutschland. Warum eigentlich nicht? Kann man ja auch zu der Melodie von Gott erhalte Franz den Kaiser singen, braucht man nicht unbedingt (wie Hans Albers in Wasser für Canitoga) zur Melodie von Goodbye Johnny zu singen. Wir haben in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg etwas länger gebraucht, bis wir überhaupt eine Nationalhymne bekamen. Es war Konrad Adenauer sehr peinlich, in Amerika mit Heidewitzka, Herr Kapitän begrüßt zu werden. Oder in seiner engeren Heimat mit Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien. Wir können ja glücklich sein, dass uns nach 1945 diese Hymne erspart blieb:

Land der Väter und der Erben,
uns im Leben und im Sterben
Haus und Herberg, Trost und Pfand,
sei den Toten zum Gedächtnis,
den Lebend'gen zum Vermächtnis,
freudig vor der Welt bekannt,
Land des Glaubens, deutsches Land.

Der Aufruf Macht das Tor auf des Bundestages von 1958 war im Jahre 1989 endlich erhört worden, als Wahnsinn das Wort der Stunde wurde. Das Wort Willkommenskultur gab es noch nicht im Repertoire der Presse, dies war jetzt Wahnsinn. Sind wir am Tag der Silberhochzeit zweier Staaten jetzt alle glücklich? Wo sind die blühenden Landschaften? Gibt es ein einheitliches Lohnniveau in Deutschland?

Es war eine Revolution ohne Blut, niemand ist an die Laterne gehängt oder vor ein Peloton gestellt worden. Erich Mielke ist verurteilt worden. Wegen eines Mordes im Jahre 1931, für nix anderes. Schalck-Golodkowski hat ein Jahr bekommen, aber auf Bewährung. Lebte danach in Rottach-Egern. Ausgerechnet da. Kaum waren wir ein Land, kaum waren die ersten verurteilt, gab es schon die ersten Rufe nach einer Amnestie. Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat, hat Bärbel Bohley gesagt. Aber für die Juristen ist alles gut, wie man hier lesen kann. Und das Wort vom Unrechtstaat hört man auch nicht mehr, seit uns die Linguistin Gesine Lötzsch erklärt hat, dass das ein propagandistischer Kampfbegriff gewesen sei.

Eine Woche nach dem Fall der Mauer bin ich einmal durch das Land gefahren, das heute nur noch Mäck-Pomm heißt (dabei ist das E in Mecklenburg ein langes Dehnungs-E). Ich konnte die Fahrt, das flache Land im Herbst mit den wunderbaren alten Alleen, genießen. Mein Bruder saß am Steuer seines nagelneuen Autos. Der auch etwas mit dem Fall der Mauer zu tun hatte. Den Wagen davor hatte er bei einem örtlichen Händler gekauft, Werksvertretung der Automarke. Alles war gut. Bis eines Tages die Kripo in seiner Praxis stand. Beinahe alle Autos, die der Händler verkauft hatte, hatten mehr oder weniger gefälschte Papiere, Kilometerstand des Tachos und Nachweis für Inspektionen waren manipuliert. Der Händler war flüchtig. Er war in die DDR geflohen. Vier Wochen vor dem Fall der Mauer. Der Autohändler war wahrscheinlich einer der wenigen Menschen in Deutschland, der über die deutsche Wiedervereinigung nicht glücklich war. Mein Bruder lernte Mecklenburg-Vorpommern dann später noch genauer kennen, weil der Prozess gegen den kriminellen Autohändler in Schwerin stattfand.

Kurz vor der Grenze überfiel mich bei unserer Fahrt, wie bei jedem Grenzübertritt in den Jahrzehnten zuvor, der übliche Schiss. Aber da war nichts mehr mit Kontrolle. Kein Satzbeginn mit Gänsefleisch mehr (Gänsefleisch mal den Kofferraum aufmachen?). Keine im Busch lauernden Vopo Wartburgs mehr, wo man doch mit willkürlichen Strafmandaten so schöne Devisen einnehmen konnte. Die durch die DDR donnernden Laster aus Skandinavien wurden nie aufgeschrieben, die brachten Devisen. Ich traute dem Frieden noch nicht so recht, aber als ich in Schwerin sah, dass Jugendliche aus einem Trabbi heraus vorbeifahrenden Vopos den Mittelfinger zeigten, da wusste ich, dass eine neue Zeit angebrochen war. Das ist die Symbolik der Freiheit. Und an zerbröckelnden Mauern hing jetzt auch schon westliche Reklame. Das erste Billboard, das ich in der Noch-DDR sah, bedeckte die Wand eines zerbröckelnden Hauses. Es war von einer Zigarettenfirma, auf dem Plakat stand nur: WEST. Ich fand das eine schöne Symbolik. Ich ärgere mich noch immer, dass ich meinen Photoapparat nicht mitgenommen hatte.

Noch bevor die Mauer fiel, hatte Coca Cola den Weg in die DDR gefunden, wurde tatsächlich für zwei Mark fünfzig (Ost) in Läden gesehen. Eine Studentin, die in den Semesterferien bei Coca Cola jobbte, schenkte mir damals einen Coca Cola Anstecker und prophezeite mir, der wäre eines Tages sehr viel wert. Der rote Anstecker zeigte das geeinte Deutschland, mit dem Schriftzug Coca Cola in der Mitte. So, als ob Coca Cola Deutschland geeint hätte. Coca Cola und Kommunismus haben die gleiche symbolische Farbe. Ich weiß nicht, was der kleine Anstecker heute wert ist. Ich habe ihn aber immer noch. Ich stecke ihn jedes Jahr am 3. Oktober an.

Alles, was jetzt kam, war Kommerz. Abwickeln, umrubeln, plattmachen. Es gab damals einen Krimi aus der Reihe Schwarz-Rot-Gold, in dem der Hamburger Zollfahnder Zaluskowski mit seiner Mannschaft jetzt in Berlin sitzt, und lauter Kriminelle dabei sind, an dem Umrubeln zu verdienen. Da hat es Dieter Meichsner (dem der NDR und wir alle viel zu verdanken haben) uns mal wieder bewiesen, dass man Fernsehkrimis mit politischer Aufklärung verbinden kann.

Der erste Tatort, den die ARD 1970 sendete, hieß Taxi nach Leipzig. Er hatte gezeigt, dass man beide Deutschlands in einem Fernsehkrimi unterbringen konnte. Nach der Wiedervereinigung bekamen wir auf dem Bildschirm viele neue Kommissare, die das deutsch-deutsche Verbrechen bekämpften. Die Kommissare Kurt Böwe und Uwe Steimle aus Schwerin waren mir immer die liebsten. Aber leider ist Kurt Böwe, den viele noch aus Konrad Wolfs Der nackte Mann auf dem Sportplatz kannten, inzwischen tot. Und dem Uwe Steimle hat die ARD gekündigt. Die Kommissare Bruno Ehrlicher (Peter Sodann) und Kain (Bernd Michael Lade) sieht man auch nicht mehr. Wir kennen den Bücherliebhaber Peter Sodann nur als Kommissar, was wäre gewesen, wenn der Bücherliebhaber Bundespräsident geworden wäre?

Was war das vor fünfundzwanzig Jahren für eine Chance, gemeinsam einen neuen Anfang zu wagen! Aber dazu hätte es anderer Leute bedurft. Obgleich es ja nie an Idealisten gefehlt hat. Ich kenne Leute, die hier hochdotierte Positionen aufgegeben haben, um da drüben bei einem Neuaufbau zu helfen. Das ist etwas anderes als jene, die mit der Buschprämie dahin gelockt wurden. Aber für den dicken Kohl konnte das, woran er keinen Anteil gehabt hatte, jetzt nicht schnell genug gehen, Kanzler der Einheit wollte er sein. Sein Buch Ich wollte Deutschlands Einheit habe ich letzte Woche im Grabbelkasten eines Antiquariats gesehen, koste (nagelneu und ungelesen) zwei Euro. Ich habe es aber nicht gekauft.

Wir hätten ja von den Bürgerrechtlern lernen können und von der ganzen Intelligenz der Opposition. Wir hätten ja Jens Reich (hier mit Bärbel Bohley im Oktober 1989) zum Bundespräsidenten machen können. Wenn man bedenkt, was seit den griechischen Philosophen alles über die kluge Staatsführung gesagt worden ist. Und was gab es? Keine Konzeption, nur Gemauschel, und die so genannte Treuhand und tausenderlei Skandale, von denen die Leuna Affäre nur einer von vielen ist. Inzwischen haben wir eine Bundeskanzlerin und hatten einen Bundespräsidenten aus der DDR, aber wir können uns noch entsinnen, dass die Kanzlerin alles versucht hat, damit Gauck nicht Bundespräsident wurde.

Als die DDR Bürger dann in riesigen Zahlen kamen, weil es ein Begrüßungsgeld gab, und als ihre Rennpappen mit dem bläulichen Auspuffgas die Straßen verstopften, als die Geschäfte hier auch am Sonntag offen hatten, damit das Begrüßungsgeld gleich in ihre Kassen kam, da hatte man das Gefühl: jetzt kommt eine neue Zeit. War aber letztlich auch nur Kommerz. Ich habe dem hellblauen Trabbi, der neben mir auf dem Parkplatz stand, einen Zehnmarkschein unter den Scheibenwischer geklebt. Wochen später standen die Russen in der Einkaufsstraße und vertickten Russenuhren, alles nur Komandirskie, die Sowjetarmee bestand nur aus Kommandeuren. Und wenige Wochen später wurden sie von Leuten abgelöst, die jetzt geschnitzte geflügelte Jahresendfiguren verkauften. Der Ausverkauf des Ostens hatte begonnen. In Berlin sollen sogar Kalaschnikows auf dem Flohmarkt verkauft worden sein.

Das Gute mit der Einheit war, dass ich Onkel Karl jetzt leicht erreichen konnte. Der war zum Entsetzen der Berliner Verwandtschaft seinem Lehrer, dem Bildhauer Gustav Seitz, 1951 von Berlin-West nach Berlin-Ost gefolgt. Vor sechzig Jahren habe ich meine Freundinnen bei Berlinbesuchen immer zur Stalinallee geschleppt und großspurig behauptet, dass all die Skulpturen mit den Helden der Arbeit von meinem Onkel Karl seien. Was nicht ganz stimmte, machte aber um 1960 auf junge Frauen großen Eindruck. Aber von diesen heroischen Jugendsünden war er eigentlich schon lange weg, wie seine Schwimmerin aus dem Jahre 1952 da links beweist.

Und wenig später hat er in Berlin sogar für die Bremer Stadtmusikanten gesorgt, das war wohl ein bildhauerischer Gruß an die Bremer Verwandtschaft. Das Photo von 1967 zeigt, dass eine Freiplastik auch von praktischem Nutzen sein kann. Haben wir sonst noch etwas aus der Kultur zu vermelden? Außer dem Roman Der Turm? Die Welt war der Meinung, Tellkamp habe wahrscheinlich den Roman des Jahrzehnts geschrieben. Den ultimativen Roman über die DDR, diese lächerliche sowjetische Satrapie auf deutschem Boden. Aber ist das Ganze wirklich Literatur? Es kann sich kaum mit Werner Bräunig messen. Die Neuausgabe von Bräunigs Rummelplatz und seinen Erzählungen Gewöhnliche Leute muss man unbedingt begrüßen. Dass viel, viel Geld in die Museen geflossen ist, natürlich auch.

Und sicherlich ist die Semperoper ein Schmuckstück, vor allem als Bierreklame, deshalb hat sie ja auch schon den inoffiziellen Namen Radeberger Arena. Was bleibet aber, stiften die Dichter. Also jetzt einmal von Bräunigs Roman Rummelplatz abgesehen. Und auch davon abgesehen, dass der von mir sehr geschätzte Günter de Bruyn Theodor Fontane immer ähnlicher und von Buch zu Buch besser wird.

Sein Buch Deutsche Zustände, zehn Jahre nach 1989 veröffentlicht, ist immer noch der Lektüre wert. Was auch etwas mit den schönen Photos von Barbara Klemm zu tun hat, die mit ihrer Ruhe und Ausgewogenheit hervorragend zum Ton des Buches passen. Nicht zuletzt die Duotone Druckqualität der Photos und das ruhige Layout des Buches tragen zum sinnlichen Vergnügen der Lektüre bei. Dies war ein Jahrzehnt nach dem Fall der Mauer ein Buch, das ein anderes Deutschland jenseits des peinlichen politischen Tagesgeschäfts und der bunten Versprechungen der Werbewelt zeigte.

Ein anderes Bild von einer kommoden Diktatur zeigte uns auch Günter Grass' Roman Ein weites Feld. Den ich übrigens für seinen besten Roman halte. Ich bin kein Fan von Günter Grass, irgendjemand hatte mir diesen voluminösen Pappband in die Hand gedrückt und gesagt: Lies mal! Auf dem Cover stand: Unverkäufliches Leseexemplar... Bitte keine Rezensionen vor dem 28. August 1995. Ich las, es war ein wunderbares Leseerlebnis. Als ich die Geschichte von Fonty Wuttke las, wurde mir plötzlich klar, dass ich durch das Leben gekommen war, ohne je Fontanes Vor dem Sturm gelesen zu haben. Ein Versäumnis! Als ich mit dem Fontane fertig war, beschloss ich, dass ich jetzt eigentlich auch das tun könnte, wozu mich Friedrich Hübner jahrzehntelang drängte, nämlich endlich Tolstois Krieg und Frieden zu lesen.

Ein weites Feld bietet ein Panorama der deutschen Geschichte. Und das wenige Jahre nach der Wende, da kann man nur sagen: Respekt. Der Filmemacher Edgar Reitz brauchte etwas länger. Mit Heimat 3: Chronik einer Zeitenwende hat Edgar Reitz sein Heimat Projekt abgeschlossen und Wende und Wiedervereinigung auch nach Schabbach kommen lassen: Das ist natürlich schon für mich ein tiefgreifendes Erlebnis zu sagen 'dieses ist der letzte Teil von Heimat', also als berufliche Aufgabe. Und ich habe doch immerhin na bald 25 Jahre mit diesem Projekt verbracht, sodass dieses Projekt selbst eine Art Heimat bildet. Und das zu beenden, das ist nicht schmerzlos. Der Stoff geht mir nicht aus, und Geschichten erzählen unter dem Dach eines großen erzählerischen Werkes das Heimat heißt, das könnte ich ewig fortsetzen so lange ich gesund bin und arbeiten kann. Aber mit deutschen Fernsehsendern mich um das Budget zu streiten, und jede Silbe im Drehbuch rechtfertigen zu müssen, das will ich nicht noch einmal, das ist klar. Deswegen ist es Abschied von Schabbach

Sieben Jahre lang Gezerre mit der ARD wegen der Finanzierung für etwas, was der Abschluss des größten filmischen Meisterwerks über ein halbes Jahrhundert Bundesrepublik ist. Aber für einen Pausenclown wie Harald Schmidt, dafür hatten sie Geld bei der ARD. Das ist unser Problem, wieder nix wie Kommerz. Die Intendanten der Rundfunkanstalten haben Gehälter, von denen Bundespräsidenten nur träumen können, und was wird produziert? Dieser erschütternde Degeto-Quark, aber kein Geld für Heimat 3. Na ja, wir sind nicht aufs Fernsehen angewiesen. Gucken Sie sich jetzt nicht bei YouTube Heimat an, sondern kaufen Sie sich das Gesamtwerk Heimat I-III
Was bleibet aber, stiften die Dichter (das hier ist eine interessante Seite). Mein Buch der Einheit fiel mir (wie die besten Bücher, die ich gelesen habe) in einem Grabbelkasten in die Hand. Noch auf der Straße im Passantengewühl fing ich an zu lesen. Das Buch heißt Letzten Sommer in Deutschland: Eine romantische Reise. Und ich nehme mal an, dass die Autorin Irina Liebmann mit ihren Büchern nicht auf sechs Millionen verkaufte Exemplare kommt wie Ildikó von Kürthy. Oder Inga Lindström, Charlotte Link und wie sie alle heißen. Obgleich es wirklich schön wäre, wenn sechs Millionen Deutsche Irina Liebmanns Buch lesen würden. Ein sentimental journey durch Deutschland, Ost und West, wechselnd zwischen Prosa und prose poem. Von der Wasserwelt in Lebus bis zum Rhein, hoch poetisch und hoch komisch. Dies ist ein Buch, das uns unsere hässliche Wirklichkeit vergessen lassen kann - obgleich die immer auch im Buch ist. Ich bin dem Zufall dankbar, dass ich das Buch 2010 passend zum zwanzigsten Jahrestag der Einheit gefunden hatte. Und ich bin Irina Liebmann ja sowas von dankbar, dass sie dieses Buch geschrieben hat. Es ist nur gerecht, dass sie vor zwei Jahren den Uwe Johnson Preis für das Buch Die große Hamburger Straße bekommen hat.

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Sonntag, 2. Oktober 2022

She Wore a Yellow Ribbon

Diesen Klassiker von John Ford gibt es heute bei arte, deshalb stelle ich diesen Post noch einmal hier ein.

My name is John Ford and I make westerns, hat John Ford in einer Direktionssitzung der Filmindustrie gesagt und sich vor die in der McCarthy Zeit verfolgten Kollegen gestellt. Aus dem Mund eines der bedeutendsten amerikanischen Regisseure klingt das ein wenig untertrieben. Orson Welles hat einmal auf die Frage nach den drei wichtigsten amerikanischen Regisseuren John Ford, John Ford, John Ford geantwortet. Ford hat gerne Filme gedreht, aber ungern über sie geredet. Das tun jetzt Generationen von Kritikern und Filmwissenschaftlern. Seit André Bazin den amerikanischen Western als la cinéma américain par excellence bezeichnet hat, stürzen sich die französischen Intellektuellen auf den Western. Vor allem auf John Ford. Was haben die Cahiers de Cinéma nicht alles über Young Mr. Lincoln geschrieben!

John Ford hat schon in der Zeit des Stummfilms Western gedreht, und in den dreißiger Jahren hat er die Welt des Western verändert, indem er Stagecoach mit John Wayne gedreht hat. Er hat in den dreißiger und vierziger Jahren auch noch, das sei beiläufig gesagt, ganz andere Filme gedreht: Young Mr. LincolnThe Grapes of Wrath oder das tief melancholische They Were Expendable während des Krieges. Und er hat die Schlacht von Midway gefilmt, live wie man heute so schön sagt. Die US Navy hat ihn dafür zum Admiral der Reserve gemacht. John Ford, der seine Filme im Kopf konstruierte und der in Bildern dachte, hat lange Zeit Schwarzweißfilme gedreht, obgleich die Farbphotographie längst erfunden war. Aber jetzt reizt er an Farben alles aus, was Technicolor technisch an color zu bieten hat. Heimlich sehnt er sich nach dem Schwarzweißfilm, und er ist auch noch einmal 1962 mit The Man Who Shot Liberty Valance zum Schwarzweißfilm zurückgekehrt.

Aber She Wore a Yellow Ribbon (der aus unerfindlichen Gründen im Deutschen Der Teufelshauptmann heißt) hat er 1949 in Technicolor in seiner Lieblingslandschaft Monument Valley gedreht, wo er zuvor StagecoachMy Darling Clementine und Fort Apache gedreht hatte. Es ist ein nostalgischer, leicht sentimentaler Film (aber eigentlich sind alle John Ford Filme nostalgisch und sentimental) um den Captain Nathan Cutting Brittles von der US Cavalry, der kurz vor seiner Verabschiedung steht. Man kann ihn heute preiswert als DVD kaufen, man kann ihn aber auch hier finden und ihn auf dem Bildschirm betrachten, eine Stunde und 43 Minuten lang. Der Film, der sicher nicht an Western wie Stagecoach oder The Searchers heranreicht (er wurde auch etwas schnell und lieblos abgedreht) hat alles, was ein Western haben sollte.

Schöne Frauen (Joanne Dru), einen heldischen Helden (John Wayne), schöne Landschaften, Indianer und viele Pferde. Wir sind hier ja bei der Kavallerie, die beiden anderen Kavallerie Western von Ford, Fort Apache und Rio Grande sind (glücklicherweise) Schwarzweißfilme. Es gibt natürlich auch den typischen Fordschen Humor, der in der Gestalt des irischen Sergeant Quincannon (Victor McLaglen, der bei Ford immer Iren spielt, aber in Wirklichkeit gar kein Ire ist) oder des deutschen Hufschmiedes Hochbauer (es gibt damals bei der Cavalry viele Iren und viele Deutsche) auftritt. Alle Ford Filme sind auch Filme der kleinen Leute, dieses folk Element ist aus ihnen nicht wegzudenken. Da wird gesungen, getanzt, getrunken und gescherzt. Das sind so die irischen Reste von John Ford, auch wenn seine Filme selten (wie etwa The Quiet Man) in Irland spielen.

Wir finden Ähnliches gleichzeitig in den Filmen Frank Capra, beide Regisseure sind Kinder von Einwanderern, seien es nun Iren oder Italiener. Und beide bringen diese Themen der kleinen Leute, des Zusammenhalts auch in der Armut und bei Entbehrungen und des guten ehrlichen Burschen von nebenan in den amerikanischen Film. Ihre Helden John Wayne, Gary Cooper, Henry Fonda und James Stewart werden zu Projektionsflächen des cinema of populism. Ob das Gary Cooper in Mr Deeds Goes to Town ist, Henry Fonda in Young Mr Lincoln oder James Stewart in It's a Wonderful Life ist, sie verkörpern ein grassroot America. Und seien wir ehrlich, es sind nicht die schlechtesten Werte, die hier während der Depression und der Nachkriegszeit auf der Leinwand angepriesen werden.

In She Wore a Yellow Ribbon gibt es noch etwas anderes, das ein Thema des Filmes ist, nämlich den amerikanische Süden. Und dieses Thema geht in der deutschen Synchronisation leider völlig verloren. Wieder einmal verliert der Süden. Es gibt in dem Film eine Szene, in der ein älterer Soldat, der Trooper John Smith, beerdigt wird. John Ford macht viel aus dieser Szene. Klicken Sie das Photo mal größer, wie sorgfältig ist die Personengruppe arrangiert und ausgeleuchtet!

Im farbigen Original ist der Himmel unnatürlich rot, das ist schon ein klein wenig zu viel für diese Götterdämmerung. Aber Ford hat das so gewollt, es gibt immer schöne Himmel bei ihm. In diesem Film hat er seinen Kameramann gezwungen, bei einem plötzlich aufgezogenen Gewitter weiterzudrehen (wie hier auf dem Bild), obgleich das mit dem damaligen Farbfilmmaterial noch niemand vorher gewagt hat. Es wird eine der eindrucksvollsten Szenen des Filmes (und der Kameramann bekommt einen Oscar). Der Sergeant Tyree links neben John Wayne hält die Flagge der Südstaaten im Arm, die die Frau des Kommandeurs aus einem Petticoat genäht hat. Der Sergeant Tyree war im Bürgerkrieg auf der Seite der Südstaaten, und er war Captain Tyree. Aber nach dem Sieg erlaubt der Norden Südstaatenoffizieren in der Armee keinen höheren Rang als den der Unteroffiziere. Captain Brittles (= John Wayne) wird seinen Sergeant in dem Film mehrfach aus Respekt mit Captain Tyree anreden. Und er wird eine kleine Totenrede halten:

I also command to Your keeping: the soul of Brome Clay, late Brigadier General Confederate States Army, known to his comrades here, Sir, as Trooper John Smith, United States Cavalry. A gallant soldier and a gentleman.

Ein ehemaliger Südstaatengeneral dient als einfacher Soldat in der Kavallerie des Nordens, aber unser Captain (der wahrscheinlich während des Krieges ein Colonel war) erweist ihm alle militärischen Ehren. Ford liebt solche Szenen. Und die Einhaltung von rituellen Bräuchen in der Tradition des irischen wake hat ihm im Privatleben viel bedeutet. Aber er schneidet dann übergangslos in eine Szene von comic relief. Den Kitsch, den kann Ford schon meisterhaft dosieren. Ford nimmt das Thema mit den Südstaaten am Schluss des Filmes noch einmal auf, wenn Captain Brittles zu seiner Überraschung nicht entlassen wird, sondern als Colonel zum Chief of Scouts ernannt wird. Drei Generäle des Nordens haben diesen Befehl unterschrieben: Sheridan, Sherman und Grant. Sergeant/Captain Tyree sagt, dass da ein Name fehle: Robert E. Lee, worauf Brittles Oh, wouldn't have been bad antwortet. Und dann reiten Brittles und Tyree in den blutroten Abendhimmel. Sergeant Quincannon begrüßt Brittles später mit Welcome home, Colonel Darling.

Und während jetzt alle im Fort tanzen (so wie in Fort Apache und My Darling Clementine), geht Colonel Brittles zum Grab seiner Frau. Die junge Olivia Dandridge (Joanne Dru) hat ihm mit einer scheuen Geste unerwiderter Liebe einen Strauß Blumen in die Hand gedrückt. Hinter den Bildern und den Gesten ist bei Ford immer eine Geschichte, die Geste von Olivia erinnert an die Szene zwischen Martha Edwards und Ethan Edwards in The Searchers. Eine Liebe, die unausgesprochen bleibt. Ford liebt auch diese Szenen am Grab: Abe Lincoln am Grab seiner Jugendliebe in Young Mr Lincoln, Wyatt Earp am Grab seines ermordeten Bruders in My Darling Clementine. Da können die schweigsamen amerikanischen Männer dann plötzlich reden. Ein Kritiker hat einmal gesagt, dass alle Filme von John Ford große Selbstgespräche am Grab des amerikanischen Traums sind. Warum fallen mir solche schicken Formulierungen nicht ein? Aber da am Grab hat Ford wieder mal einen dramatischen Himmel hingekriegt, Nebel und tiefhängende Wolken. Ich weiß nicht, wie er es schafft, immer das richtige Wetter für die richtige Szene zu haben. Ich nehme an, dass er einen indianischen Regenmacher dabei gehabt hat, denn er hat alle im Monument Valley ansässigen Indianer immer (nicht nur bei den Dreharbeiten) unterstützt.

John Wayne ist damals 43, er spielt einen Sechzigjährigen, und er spielt ihn überzeugend. Sein Regisseur schickt ihm eine Geburtstagstorte mit einer Kerze und schreibt einen einzigen Satz auf die Karte You are an actor now. Vorher spielte John Wayne nur John Wayne, jetzt ist er ein richtiger Schauspieler. Joe Hembus' Western-Lexikon bleibt unerreicht als Nachschlagewerk, leider auch ein wenig unerreichbar. Bernhard von Dadelsen hat 1983 beim Gunter Narr Verlag ein Transkript des Filmes herausgegeben (leider völlig vergriffen). Es gibt über das filmische Werk von John Ford gute Bücher von Peter Bogdanovich (in der Basis ein Interview aus dem Jahre 1966), Joseph McBride und Michael Wilmington (1974) und Andrew Sarris (1976). Das umfassendste Buch zu Fords Leben und Werk ist von Tag Gallagher (1986). Es gibt eine deutsche Doktorarbeit zu den Kavallerie Western im Netz (im PDF Format), aber die kann ich nicht unbedingt empfehlen. Ich gebe gerne zu, dass ich in einem anderen Leben Filmwissenschaftler war, ich verstehe ein wenig von dem Ganzen. Und wenn meine Leser nicht zu sehr protestieren, wird hier im Blog noch das ein oder andere zum Thema Film kommen.

P.S: Und inzwischen gibt es ➱hier einen ganzen Film Blog

Samstag, 1. Oktober 2022

Happy Birthday, Mr President


Happy Birthday, Mr President, hat Marilyn Monroe vor sechzig Jahren gesungen. Hat Emmylou Harris jemals für Jimmy Carter gesungen? Im Weißen Haus ist sie ja als sein Gast gewesen. Aber wenn niemand für ihn singt, gratulieren müssen wir heute schon: der ehemalige Präsident der USA Jimmy Carter wird heute achtundneunzig Jahre alt. Er war ein anderer Präsident als Donald Trump, er war ein Präsident, für den die Allman Brothers sangen. Und der Bob Dylan und Willie Nelson ins Weiße Haus einlud. Und für den John Wayne sagte: I have come here tonight to pay my respects to our 39th President, our new Commander-in-Chief and to wish you Godspeed, Sir, in the uncharted waters ahead. Starting tomorrow at high noon, all of our hopes and dreams go into that great house with you. For you have become our transition into the unknown tomorrows. And everyone is with you. I am privileged to be present and accounted for in this capitol of freedom to witness history as it happens … to watch a common man accept uncommon responsibilities he won 'fair and square' by stating his case to the American people … not by bloodshed, beheadings, and riots at the palace gates. I know I am considered a member of the opposition … the Loyal Opposition … accent on Loyal. I’d have it no other way. In conclusion, may I add my voice to the millions of others all over the world who wish you well, Mr. President. All we ask is that you preserve this … one Nation … under God … with liberty and justice for all. And we have no doubt you will, Sir.

Das konnten Sie schon in dem Post ein anderes Amerika lesen. Wenn Sie dem Geburtstagskind gratulieren wollen, dann können Sie das hier auf der Seite des Carter Centers tun. Als Jimmy Carter nicht mehr Präsident war, hat der Nobelpreisträger das Carter Center gegründet und gute Werke getan. Und er hat Bilder gemalt und Gedichte geschrieben. Ich stelle hier heute zur Feier des Tages einige seiner Gedichte ein. Um das erste Gedicht Light Comes in Turkey Country zu verstehen, muss man wissen, dass Carter leidenschaftlich gerne Truthähne jagt. Mit vierundneunzig Jahren hat er seinen größten Truthahn geschossen. 

Light Comes in Turkey Country

I know the forest on my farm 
best at breaking day 
when birdcalls seem to draw 
the darkness back 
that cages me. 
The dim tree limbs 
fragment the barely luminescent sky, 
a metronomic whippoorwill 
wakes the distant, lonely doves, 
strangely wary when they call, 
the ground and saplings come in view, 
the pileated's crazy cry 
is punctuated by its hammer blows on wood 
and a barred owl wants to know 
who cooks for me. 
Distance takes the jagged edges off 
the crows' more raucous sound 
and then perhaps, perhaps, 
a far-off gobbler's piercing call 
ends all that reverie. 
I move that way, very carefully. 
I hardly breathe, and move that way. 

1994 war sein Gedichtband Always a Reckoning and Other Poems erschienen. Er hatte sich dafür vorbereitet, wie er 2003 in einem Interview sagte: ten years ago, I wanted to write a book of poems. I approached with some temerity a couple of distinguished poets (Miller Williams and James Whitehead) at the University of Arkansas who took me under their wing, and I received the equivalent of a postgraduate course in poetry. Es ist ein sehr persönliches Buch mit Gedichten über seine Jugend und seine Familie geworden. Sein Buch A Full Life: Reflections at Ninety (2016) hat er seiner Frau Rosalynn gewidmet: To Rosalynn, who has kept my life full of love. Die hatte er 1994 in Always a Reckoning auch schon bedichtet:

Within a crowd, I'd hope her glance might be
for me, but I knew that she was shy, and wished
to be alone.

I'd pay to sit behind her, blind to what
was on the screen, and watch the image flicker
upon her hair.

I'd glow when her diminished voice would clear
the muddled thoughts, like lightning flashing in
a gloomy sky.

The nothing in my soul with her aloof
was changed to foolish fullness when she came
to be with me.

With shyness gone and hair caressed with gray,
her smile still makes the birds forget to sing
and me to hear their song.
 

She'd smile, and birds would feel that they no longer
had to sing, or it may be I failed
to hear their song
.

Die vierundvierzig Gedichte in Always a Reckoning and Other Poems sind keine große Lyrik, sie sind stille, persönliche Lyrik. Manches ein wenig im Stil von Robert Frost, der 1961 bei Kennedys Inauguration ein Gedicht vortrug (bei Carters Gala gab es ein Gedicht von James Dickey), wie das Gedicht Some things I love:

Your enchantment in a lonely wood,
The fight and color of a rainbow trout,
My in-basket empty and a new good book,
Binoculars fixed on a strange new bird,
Sadie’s point, and a covey of quail,
The end of a six-mile run in the rain,
Blue slope, soft snow, fast run, no fall,
A dovetail joint without a gap,
Grandchildren coming in our front door,
The same ones leaving in a day or two,
And life, till what rhymes with breath
Takes me from all things I share with you

Die Literaturkritikerin Michiko Kakutani, die berühmt war für ihre ätzenden Verrisse, hat in der New York Times Carter als einen mediocre poet bezeichnet: As President, Mr. Carter was frequently criticized for lacking a real vision; he was widely described as a technician, an engineer, an ineffectual manager lacking imagination, passion and focus. As one associate put it, he "knew all the words and none of the music." The same might well be said of the poems in "Always a Reckoning": well-meaning, dutifully wrought poems that plod earnestly from point A to point B without ever making a leap into emotional hyperspace, poems that lack not only a distinctive authorial voice, but also anything resembling a psychological or historical subtext. 

Michiko Kakutani ist eine umstrittene Kritikerin, Jonathan Franzen hat sie the stupidest person in New York City genannt. Sie schreibt seit fünf Jahren keine Kritiken mehr. Pieke Biermann kommentierte das im Deutschlandfunk so: Im Sommer 2017 war es soweit: Der personifizierte Schrecken des US-Literaturbetriebs trat ab. Über drei Jahrzehnte hatte Michiko Kakutani den Chefkritikerposten der „New York Times“ bekleidet – weniger Literaturpapst als Scharfrichter, pulitzerpreisgekrönt, mit rigoros scharfer Klinge und der Macht über Leben und Tod von – zumindest – literarischen Karrieren. Nur wenige, die mal „kakutanisiert“ worden waren, erholten sich davon und wetzten dann selbst die Messer, wie Jonathan Franzen, Philip Roth, Tom Wolfe, Norman Mailer und andere. Jimmy Carters Gedichtband kann man immer noch kaufen, seine Gedichte kann man immer noch lesen.

Mittwoch, 28. September 2022

Aufhören


Nein, nicht ich. Wir reden heute mal eben über Serien, die einfach nicht aufhören. Nach Hubert und Staller kommt Hubert ohne Staller. Nach dem Filmtod von Detective Inspector Richard Poole hat Death in Paradise jetzt schon den dritten Inspektor. Die hübsche Sara Martins als Sergeant Camille Bordey ist nicht mehr dabei. Élizabeth Bourgine, die schon vor vierzig Jahren in Nestor Burma mitspielte und mit Cours Privé 1986 durch ihre Nacktszenen berühmt wurde, ist aber noch da. Produzenten mögen eine Serie ungern aufgeben. Helden verschwinden von der Bildfläche, aber die Serie bleibt. Der Chief Inspektor Morse kommt als Der junge Inspektor Morse zurück. Der Schmunzelkrimi (eine Wortschöpfung der ARD) Mord mit Aussicht hat auch eine neue Kommissarin. 

Wie viele Maigrets es nach Jean Gabin gegeben hat, möchten wir lieber nicht wissen. Gabin sah so aus wie der Maigret der Romane Simenons. Rowland Atkinson sieht nicht so aus. Der Kommissar Van der Valk ist eigentlich in The Long Silence gestorben, aber jetzt ist er neu wieder da. Der Serientod ist unter Schauspielern gefürchtet, das thematisierte schon 1968 der englische Film The Killing of Sister George. Manchmal sterben Schauspieler wirklich. Die tote Maja Maranow aus Ein starkes Team ist jetzt angeblich in Australien. Totgesagte Serienhelden können auch wieder aufstehen. Wie Bobby Ewing in Dallas, der plötzlich aus der Dusche kommt. Coleridges Satz vom willing suspension of disbelief gilt für alle Serien.

Selten verschwindet der Held wirklich. Ein Held muss bleiben. Ewig. Der berühmte kanadische Literaturwissenschaftler Northrop Frye hat in seinem Buch Anatomy of Criticism die Literaturform der romance so definiert: The essential element of the plot in romance is adventure, which means that romance is naturally a sequential and processional form ... At its most naive it is an endless form in which a central character who never develops or ages goes through one adventure after another until the author himself collapses. We see this form in comic-strips where the central character persists for years in a state of refrigerated deathlessness.

Da fällt uns doch sogleich James Bond ein, wie hat der sich doch in den letzten Jahrzehnten verändert. In Dr No kam er mit den scharfen Anzügen von Anthony Sinclair (lesen Sie mehr in Agentenmode) dem Bond der Romane noch nahe. Die refrigerated deathlessness des Helden lässt ihn weiterleben, aber von der Eleganz ist nichts geblieben, von Ian Flemings Romanen auch nicht. Im Fernsehen gibt es zur Zeit jeden Dienstag bei Nitro James Bond Filme. Und die werden immer wiederholt, manchmal noch am selben Tag. Gestern gab es zwei James Bond Filme hintereinander. Sie haben das mit den Wiederholungen sicher schon bemerkt, dies ist der Sommer der Wiederholungen. 007 sieht jede Woche anders aus. So gut wie Sean Connery in den Klamotten von Anthony Sinclair sieht keiner aus. Roger Moore erst recht nicht.

Wiederholungen, Remakes, Reboots und Sequels. Nicht erst in diesem Sommer. Hollywood hat schon früh damit angefangen, seine Fortsetzungsformate zu wiederholen. Magnum hat keinen Schnurrbart mehr. Auf Peyton Place folgte Peyton Place: The next Generation (mit Dorothy Maloneund so weiter. Englands führender Filmkritiker Philip French hat vor vielen Jahren seinen Artikel And here's one they made earlier im Observer mit einem Dorothy Parker Zitat begonnen, wonach the only -ism Hollywood believes in is plagiarism.

Wir wollen lieber nicht darüber reden, wie schlecht das Fernsehen geworden ist, das ist ein unerschöpfliches Thema. Im völligen Gegensatz zu der Qualität des Fernsehens stehen die Gehälter der Direktoren der Rundfunkanstalten, Tom Buhrow vom WDR bekommt mehr als 400.000 Euro im Jahr. Da wissen wir, wo unsere Fernsehgebühren landen.

Diese Sätze standen hier im Januar dieses Jahres in dem Post Verliebt in scharfe Kurven. Damals kannte ich Patricia Schlesinger noch nicht und wusste nicht, was ihr Dienstwagen gekostet hat. Was mich allerdings wundert, ist die Tatsache, dass der Post aus dem Januar immer noch gelesen wird. Ist beharrlich in den letzten Wochen in den Top Ten. Ist es der Titel des Posts, der die Leser anzieht? Klicken Sie den Post wegen Jean-Louis Trintignant oder der vielen schönen Frauen an? Oder weil Catherine Spaak vor wenigen Monaten gestorben ist? Jetzt sind beinahe alle Darsteller aus dem Film tot. Der Film ist sechzig Jahre alt, aber er ist heute noch frischer und jünger als vieles, das heute produziert wird. Einschließlich der Remakes, Reboots und Sequels. Er wird auch selten wiederholt, aber hier bei mir können Sie Il Sorpasso sehen. Ist bestimmt besser, als das Fernsehprogramm heute Abend.

Samstag, 24. September 2022

Unordnung


Ich schreibe gerade über Johann Sebastian Bach. Weil es von Klára Würtz eine neue Aufnahme der Goldberg Variationen gibt. Und weil Ragna Schirmer mit den Goldberg Variationen durch den Lockdown gekommen ist. Und weil ich eine ganz seltsame Aufnahme von Risto Lauriala gekauft habe. Es liegt natürlich nahe, über Bach zu schreiben, weil ich für den Post über Dinu Lipatti die ganze Zeit Bach gehört habe. Ich höre immer Musik beim Schreiben, das habe ich schon als Teenager getan, seit ich von meinen Eltern den Schneewittchensarg von Braun geschenkt bekam. Ich brauche diese Musik im Hintergrund. Leslie Fiedler konnte nur arbeiten, wenn in jedem Zimmer ein Fernseher lief und irgendwo noch ein lautes Radio plärrte. Glenn Gould konnte sich am besten auf Mozart konzentrieren, wenn ein Staubsauger angeschaltet war. Obgleich ich mich weder mit Glenn Gould noch mit Leslie Fiedler vergleichen will, habe ich auch diese unterschiedliche Lärmbeschallung als akustische Abschirmung adaptiert, wenn ich arbeite. Es hilft mir allerdings auch, meinen Tinnitus zu übertönen, den ich seit der lädierten Halswirbelsäule aus einem Bundeswehrmanöver habe.

Wo sich die Goldberg Variationen von Bach befinden, das weiß ich, die finde ich mit einem Griff. Die Bach CDs haben inzwischen eine Höhe von einem Meter dreißig angenommen. Bei anderen CDs herrscht nicht diese schöne Ordnung, es sind einfach viel zu viele CDs.Vor allem, weil mein Hinterhofhöker immer diese Angebote für einen Euro hatte. Ich durchstöberte das CD Angebot bei ebay auf der Suche nach mir unbekannten Goldberg Variationen, blieb aber bei dieser CD hängen: Patrick Cohen mit zwei Klavierkonzerten von Mozart für drei Euro. Hatte ich die schon? Ich habe ziemlich viel von Patrick Cohen, er war schon zweimal in diesem Blog; in den Posts Haydn: Klaviersonaten und Mozarts Klaviersonaten steht einiges über ihn. Ich weiß, wo bei mir der Mozart steht, ich weiß auch, wo Patrick Cohen ist. Soviel Ordnung ist doch in meinem System. Neben Mozart steht im Regal viel Beethoven, alles in Kassetten.

Und da war eine Kassette, die ich nicht kannte: alle Aufnahmen von Günter Wand mit dem NDR Sinfonieorchester. Aber diese Kassette besaß ich doch gar nicht; ich habe zwar eine Menge von Wand, aber die CDs habe ich von meinem Freund Lutz. Der schwärmt von dem Dirigenten und hat ihn häufig in Hamburg gesehen. Doch was war in diesem Karton? Pickepackevoll mit CDs, aber kein Beethoven. Als ich die ersten herausgezogen hatte, schob ich sie vorsichtig wieder zurück und ging in die Küche und schenkte mir einen kleinen Whisky ein. Die Kassette war voll mit den Jazz CDs, die ich seit einem Jahr verzweifelt suche.

Die CDs sind etwas Besonderes, ich habe sie schon in dem Post CD Player erwähnt. Sie stammen aus der Radiosendung Round Midnight, die der Achim mal mitternachts bei einem bayrischen Privatsender hatte. Und die er mir netterweise kopiert hat. Erstklassiger Jazz! Der dottore in giurisprudenza hat früher auch mal gelegentlich das Streiflicht für die Süddeutsche geschrieben. Jetzt ist er Blogger. So enden wir alle. Die CDs waren jahrelang in einem unscheinbaren grauen Karton, aber dann fand ich diesen schönen Günter Wand Karton und gönnte den Jazz CDs ein neues Zuhause. Was ein elementarer Fehler war. Bei der nächsten Aufräumaktion landeten sie dann bei Beethoven, weil das auf dem Kasten stand. Und Beethoven hat mit Jazz wenig zu tun. Bach schon eher. Aber das wussten wir schon, bevor Jacques Loussier ihn spielte.

Die oben erwähnte Patrick Cohen CD hatte ich noch nicht, jetzt besitze ich sie. Ich weiß noch nicht, ob ich sie in den CD Player schieben soll. Aber wenn Sie sie hören wollen, dann habe ich die Klavierkonzerte natürlich für Sie. Eigentlich wollte ich jetzt wochenlang die Round Midnight CDs vom Achim hören, aber den Post über Bach schreibe ich natürlich. Irgendwann. Wenn Sie alles über die Aria mit verschiedenen Verænderungen vors Clavizimbal mit 2 Manualen Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertiget wissen wollen, dann lesen Sie nicht den Wikipedia Artikel. Lesen Sie unbedingt diese Seite. Bachs Komposition war schon häufig in diesem Blog. Das letzte Mal vor einem Jahr in dem Post Kraut und Rüben, ein Post der viele Leser hatte. Die Pianistin Marie Rosa Günter, die ich da erwähnt habe, hat mir sogar eine E-Mail geschrieben. Das war sehr nett.

Donnerstag, 22. September 2022

war nicht nötig, aber


Es war wirklich nicht nötig, ist aber doch sehr nett. Ich entdeckte dieses Lorenzini Hemd bei ebay. Sofortkauf für zehn Euro. Würde es passen? Ich bat den Händler, doch einmal die Brustweite anzugeben. Das tat er, das Hemd war nach seinen Maßen leider eine Spur zu klein. Ich bedankte mich bei dem Händler, das wollte ich lieber nicht riskieren. Ich fügte meiner Mail einen Link zu dem Lorenzini Post bei. Bekam wenig später eine Mail, in der stand: Schade! Wenn ich im Preis etwas entgegenkommen würde - könnte das zum Kauf animieren? Hemd ist nicht zu schlank geschnitten ... Der neue Preis war sechs Euro. Ich nahm das Hemd. Früher hatte ich viele Lorenzini Hemden, die Kelly mir verkauft hatte; jetzt war nur noch eins im Schrank, weiß mit Tattersall Karo. Kaum getragen, da ein wenig zu eng.

Das Hemd für sechs Euro ist ein qualitativ erstklassiges Hemd. Mit einem kleinen Manko: ein Knopf war ab, lag aber bei. Ansonsten war es so gut wie neu. Und es war größer, als der Verkäufer gemessen hatte, es passt perfekt. Der Knopf war schnell angenäht, Knöpfe anzunähen und Hemden zu bügeln, hat mir meine Oma beigebracht. Die Oma, die mir ein blau-weiß gestreiftes Hemd genäht hat, als niemand so etwas hatte. Das Erstaunliche bei dem Hemd ist: es hat eine geteilte Schulterpasse. So etwas habe ich an einem Lorenzini Hemd noch nie gesehen. Bei den Ralph Lauren Purple Label Hemden, die sie herstellten, gab es die geteilte Schulterpasse beinahe immer. Vielleicht sollte dies ja ein Ralph Lauren Purple Label Hemd sein, und eine Näherin, die vor der Entlassung stand, hat trotzig das Lorenzini Label hineingenäht.

Im Jahre 2017 schrieb die Firma Lorenzini auf ihrer Homepage: Lorenzini shirts have a distinct timelessness, and are renowned for their subtle elegance, as well as their unique and sophisticated details. Und sie kündigten an, dass sie ab 2018 wieder in den Läden sein würden. Es steht kein Wort darüber darin, dass sie im Dezember 2011 mit den Gewerkschaften über einen außerordentlichen Abfindungsfond verhandelten, der Anfang 2012 in Kraft treten sollte. Angeblich sind sie jetzt im Internetgeschäft, aber im Internet kann man viel lügen. Ich glaube, dieses  Lorenzini Hemd winkt uns zum Abschied zu. Tschüss, Lorenzini.

Mit Made in Italy: Lorenzini hat eine kleine Reihe zu italienischen Hemden begonnen, die irgendwann fortgeführt wird. Wann, weiß ich noch nicht. Lilian Fock wurde schon mal erwähnt. Borrelli und Guy Rover gab es ja schon, aber Luciano Barbera, Etro, Truzzi und Fray und wie sie alle heißen, die kommen noch. 

Freitag, 16. September 2022

Besançon, 16. September 1950

Am 16. September 1950 hat der Pianist Dinu Lipatti sein letztes Konzert in Besançon gegeben. Er war todkrank und musste das Konzert vorzeitig abbrechen. Aber er kam noch einmal zurück auf die Bühne und spielte zum Schluß noch die Klavierbearbeitung von Johann Sebastian Bachs Kantate Jesus bleibet meine Freude. Diese Bearbeitung hatte die Engländerin Myra Hess 1926 geschrieben, sie hatte damit ihr erstes Konzert im Oktober 1939 beendet, wo sie trotz der Bombenwarnungen in der National Gallery auftrat. Mehr als 750.000 Menschen haben während des Krieges ihre Konzerte gehört. 1941 hat sie Elizabeths Vater wegen ihrer Verdienste als Dame Commander of the Order of the British Empire geadelt.

Der junge Dinu Lipatti hatte die Bearbeitung von Myra Hess bei seinem ersten öffentlichen Auftritt gespielt. Er war damals achtzehn, sein Lehrer, der Komponist Paul Dukas, war wenige Tage zuvor gestorben. So eint Johann Sebastian Bach Anfang und Ende von Lipatis Karriere:

Jesus bleibet meine Freude,
Meines Herzens Trost und Saft,
Jesus wehret allem Leide,
Er ist meines Lebens Kraft,
Meiner Augen Lust und Sonne,
Meiner Seele Schatz und Wonne;
Darum lass ich Jesum nicht
Aus dem Herzen und Gesicht.


Dinu Lipatti hat in Besançon auf einem Flügel der Firma Bechstein gespielt, es war die Marke, die er bevorzugte. Viele Musiker schworen auf Bechstein, schon Claude Debussy hatte gesagt: Man sollte Klaviermusik nur für Bechstein schreiben. Das Zitat habe ich aus dem Buch Klavierwelten: Faszination eines Instruments, das ich letztens für einen Euro im Grabbelkasten fand. War auch noch eine CD dabei, wo Jorge Bolet Liszt spielt. Das ist sicher passend, da Liszt auch für Bechstein schwärmte und sich 1860 seinen ersten Bechstein Flügel kaufte. Jorge Bolet hat häufig einen Bechstein Flügel benutzt, er mochte Steinway nicht. Man kann Bolet auch in dem Film Song Without End: The Story of Franz Liszt (wo Dirk Bogarde Franz Liszt spielt) hören. Dirk Bogarde hatte extra für den Film Franz Liszt einstudiert, aber das Studio ging auf sicher und ersetzte die von ihm gespielten Passagen durch Jorge Bolet. Eigentlich schade, wann gibt es schon mal einen Schauspieler, der Franz Liszt spielen kann?

Sie können Lipattis letztes Konzert hier hören, aber Bachs Jesus bleibet meine Freude fehlt leider auf diesem Mitschnitt. Ich habe hier eine Studioaufnahme von 1947. Walter Legge, der Ehemann von Elisabeth Schwarzkopf, hatte den in die Schweiz emigrierten Lipatti 1946 für EMI unter Vertrag genommen. Nach Lipattis Tod hat er gesagt: Gott lieh der Welt Sein erwähltes Instrument, das wir für einen viel zu kurzen Zeitraum Dinu Lipatti nannten. Karajan bewunderte Lipati: Es war nicht mehr Klavierspiel, es war Musik, losgelöst von jeder Erdenschwere, Musik in ihrer reinsten Form, in einer Harmonie, wie sie nur jemand geben kann, der schon nicht mehr ganz unter uns weilte.

Das letzte Wort zu seiner Kunst gebe ich einmal Mark AinleyLipatti's pianism is remarkable in how it expresses profound truth with utter simplicity, and is characterized by the crystalline clarity with which both structure and character are revealed. His interpretations go beyond the limited framework of the piano with his flawless command of pianistic technique - not simply digital accuracy but purity of tone regardless of the dynamics (his range was enormous), crisp precision of articulation, accenting without distortion of the melodic line, steadiness of rhythmic pulse, clarity of texture in voicing, and subtlety and timing of pedaling. That melodic lines are so deftly sculpted and presented in such stark relief is due to his ability to vary the attack used by different fingers, even within the same hand. The voicing of all lines is thus thoroughly consistent, and inner voices do not distract from the main subject; each line becomes an individual voice with its own unique timbre, together forming a choir of interdependent entities, each weaving its pattern in a tapestry of exquisite complexity.
       His playing is immaculate - the balance, timing, and significance of every phrase, nuance, and harmonic progression has been considered and mastered, yet his performances exhibit warmth and passion and are free of the air of academic over-analysis. He presents each work under his fingers with such disarming simplicity that the music seems to be speaking freely through him, as though he were a receiver through which the composer’s intended message (of which the text is but a shadow) were being transmitted from the source of its inspiration – hence one French critic's comment that he "heard Chopin himself interpreting his Sonata in B minor". This does not mean that he was a literalist, however, and examples abound of changes he made to the text. He spoke, however, of the greater importance of the "Ur-spirit" as opposed to the Urtext, often telling his students that "if you are well brought-up, you can put your feet on the table and not offend anyone."


Dino Lipatti wird in diesem Blog nicht zum ersten Mal erwähnt, Sie könnten auch noch diese Posts anklicken: Myra HessBach: PartitasMozarts KlaviersonatenClaudio Arrau. Der heutige Text stand hier schon einmal in desem Blog, aber man kann ihn noch einmal lesen. Und die Bearbeitung von Myra Hess von Bachs Jesus bleibet meine Freude kann man immer wieder hören, selbst wenn ✺ Lang Lang das spielt. Oder Asiya Korepanova, die es nur im Internetzu geben scheint.