Mittwoch, 6. Mai 2026

der älteste Leutnant der US Army


George Sears Greene, ein Cousin zweiten Grades von General Nathanael Greene, wurde am 6. Mai 1801 geboren; er war von 1823 bis 1836 Offizier in der amerikanischen Armee. Danach wurde er Ingenieur, baute Brücken und Schienen für die Eisenbahn, Aquädukte und die Kanalisation für New York. Als der amerikanische Bürgerkrieg begann, baute er gerade das Croton Reservoir im Central Park, aber 1862 meldete er sich als Freiwilliger zur Armee. Da war er einundsechzig Jahre alt, wahrscheinlich war er der älteste Freiwillige der Nordstaaten. Der Oberkommandierende der Unionstruppen Winfield Scott ist fünfzehn Jahre älter als er, der war beim Kriegsbeginn schon fünfzig Jahre General. Den Generalsrang bekommt Greene auch, ein Jahr nach Kriegsbeginn ist er Kommandeur des 60th New York Infantry Regiment und kommandiert wenig später als Brigadegeneral eine ganze Brigade.

Einer seiner Untergebenen beschrieb ihn als: He was a West Point graduate, about 60 years old, thick set, five feet ten inches high, dark complexioned, iron gray hair, full gray beard and mustache, gruff in manner and stern in appearance, but with all an excellent officer and under a rough exterior possessing a kind heart. In the end the men learned to love and respect him as much as in the beginning they feared him, and this was saying a good deal on the subject. He knew how to drill, how to command, and in the hour of peril how to care for his command, and the men respected him accordingly.

Der General, den seine Soldaten Old Pop oder Old Man Greene nennen, ist bei den Schlachten von →Antietam, Chancellorsville und Gettysburg dabei. Da ist er der älteste General der Nordstaaten, der Süden hat mit General William Smith noch einen General auf dem Feld, der vier Jahre älter ist. Dass der Norden diese Schlacht gewinnt, verdankt er wahrscheinlich dem General Greene. Denn der hatte Culp's Hill, die rechte Flanke der Armee drei Tage lang gegen die Angriffe des Südens verteidigt. Seine Vorgesetzten glauben nicht, dass sie lange hier bleiben werden und halten nichts von seinen Plänen, den Hügel zu befestigen. Hindern ihn aber auch nicht daran. Der Ingenieur Greene, der vor vierzig Jahren das zweitbeste Examen in →West Point hingelegt hatte und sofort zum engineering instructor der Militärakademie ernannt wurde, geht systematisch vor. Er lässt Bäume fällen, Barrikaden errichten, Gräben ausheben. Die Soldaten verfluchen ihn, aber Greene baut mit seiner Brigade Culp's Hill zu einer Festung aus, die der Süden nicht nehmen kann.

Nach der Schlacht feiert die Presse den Colonel Joshua Lawrence Chamberlain, der den Hügel mit dem Namen ✺Little Round Top auf der rechten Seite der Unionstruppen gehalten hat. Vom General Greene redet niemand. Weil der gerade neuernannte Oberkommandierende George Meade vergessen hat, ihn im Schlachtbericht zu erwähnen. Greenes Vorgesetzter, der Generalmajor Henry Slocum, der nach der Anciennität über Meade steht, wird dem neuen Kommandeur der Army of the Potomac schreiben: the failure of the enemy to gain possession of our works was due entirely to the skill of General Greene and the heroic valor of his troops. Und bei der Einweihung eines Denkmals für die dritte Brigade im Jahre 1888 wird Robert E. Lees fähigster Offizier James Longstreet über Greene sagen: There was no better officer in either army. Seit 1906 hat Greene auch ein Denkmal auf dem Schlachtfeld von Gettysburg, das hatte ihm der Staat New York spendiert.

1892, dreißig Jahre nachdem er Brigadegeneral geworden war, war Greene der älteste noch lebende General der Union und der älteste lebende Absolvent von West Point. Er bat den Kongress um eine Pension für seine Militärzeit, damit seine Familie nach seinem Tod etwas Geld bekäme. Aber ein Brigadegeneral der Volunteers ist nicht pensionsberechtigt, und sein letzter Dienstgrad eines Brevet Major General verheißt auch keine Rente. Den Juristen im Weißen Haus fällt allerdings etwas ein. Greene wird wieder eingezogen, mit dem letzten Dienstgrad, den er 1836 in der regulären Armee hatte. Am 2. August 1894 trat der 93-jährige Oberleutnant Greene seinen Dienst in der US Army wieder an. Man behält ihn nur wenige Tage, am 11. August 1894 erscheint sein Name auf der Army Retired List, das reichte offenbar für die Pensionsberechtigung aus. Einen älteren Leutnant hat es in der Militärgeschichte wohl nicht gegeben.

Sonntag, 3. Mai 2026

Weserfähren


Wenn man klein ist, Huckleberry Finn gelesen hatte, aber statt des Mississippi nur die Weser vor der Tür hatte, dann war die einfachste Art, Schiffsplanken unter die Füße zu bekommen, die Fähre nach Lemwerder zu nehmen. Wenn man nicht auf dem Anleger der Schreiber Reederei Schlepperkapitäne so lange anbettelte, dass sie einen auf einer Leerfahrt bis nach Farge mitnahmen. Da mußte man aber Geld für den Bus mit dabeihaben, um wieder nach Hause zu kommen. Das erzählte man nie den Eltern. 

Die Fähre über die Weser gibt es schon seit dem 13. Jahrhundert, das ist urkundlich belegt. Fähre bedeutete durch die Jahrhunderte Ruderboote. Für den Personenverkehr wurden noch bis ins 20. Jahrhundert Ruderboote eingesetzt. In den fünfziger Jahren gab es die Ruderboote noch auf der Lesum: man schlug eine Glocke am Ufer an, und schon kam der Fährmann mit dem Ruderboot. Wie hier auf dem Photo mit der Moorlosen Kirche im Hintergrund, das um 1890 gemacht wurde.

Seit dem 30. April 1889 gab es die dampfgetrieben Fähre Frieda, die für fünf Pfennig fünfunddreißig Menschen von Vegesack nach Lemwerder beförderte, das war ein großes Ereignis. Pferdefuhrwerke kosteten 1,50 Mark. Die Fähre war nicht bei uns gebaut worden, obwohl wir im Ort Werften genug hatten. Die Frieda kam von der Sächsischen Dampfschiff-und Maschinenbauanstalt Dresden. Mit der Zeit wurden die Fähren größer. In den zwanziger Jahren übernahm Wilhelm Niekamp aus Lemwerder den Fährverkehr, seitdem hatte diese Familie die Weserfähren unter sich. 1993 wurde die Fähren Bremen-Stedingen (FBS) gegründet, an der das Land Bremen einen Anteil hat.

Niekamp ließ bei Lürssen 1924 die kleine Hol Ober bauen, die dann später die Badegäste zum Schönebecker Sand brachte, da passten doppelt so viele drauf wie auf die Frieda. 1935 wurde die Stedingen bei Abeking gebaut, die noch bis 1969 fuhr. Da passten schon 260 Personen drauf. Die zweite Stedingen von 1972 schwimmt jetzt in Irland als Mary Fitzgerald. Manchmal hatten Auofahrer Schwierigkeiten, mit dem Auto wieder von der Fähre zu kommen, so wie der Fahrer des Borgwards hier. Aber das war eine Ausnahmesituation, das war die Sturmflut 1962, es war erstaunlich, dass die Fähren da überhaupt fuhren.

Die Fährleute waren gewieft darin, die Fähren so voll wie möglich zu kriegen. Erst wenn die Fähre voll wie eine Sardinendose war, fuhr sie ab. Manchmal, wenn man das letzte Auto war, gab es Unterlegkeile für das Auto, und das Heck des Wagens schwebte über der Weser. Da habe ich auf dem Rücksitz immer gebibbert. Und gebetet, dass wir nicht rückwärts in die Weser kippen. So etwas passiert heute nicht mehr, die Fähren sind nicht mehr lindgrün wie die alte Stedingen. Es sind bunte, stromlinienförmige Monster, die im Zehnminutentakt verkehren. Die Fährromantik ist dahin. Heute werden beinahe drei Millionen Fahrgäste jährlich zwischen Vegesack und Lemwerder befördert.

Ein bisschen Romantik ist noch auf diesem Bild, das die Direktorin des Overbeck Museums Dr Katja Pourshirazi dem Publikum zeigt. Fritz Overbeck hat hier um 1906 die Fähre Frieda gemalt, vielleicht ist das kleine Mädchen im blauen Kleid ganz rechts seine Tochter gewesen. 

Das kleine Bild (Öl auf Karton - 36 x 46 cm) ist das beliebteste Bild des Museums. Sie ist unsere 'Mona Lisa', hat Katja Pourshirazi über Overbecks Fähre Frieda gesagt. Vielleicht sollte man das Bild Mona Frieda nennen.

Donnerstag, 30. April 2026

Leucht-Feuer


Ich habe dieses Bild vor über vierzig Jahren gekauft, ich weiß nicht, von wem es ist. Besucher, denen das Bild mit der ungeheuren Leuchtkraft der Farben auffiel, fragten immer wieder nach dem Künstler. Ich musste passen. Es war damals ein Sonderangebot der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft für ihre Autoren gewesen. Ich wusste noch, dass der Maler irgendwo Professor für Graphik gewesen sein sollte. Ich hatte damals nie von ihm gehört, aber das Bild gefiel mir, und es steht seit Jahrzehnten schön gerahmt mit einer stolzen Größe von 61 x 47 Zentimeter bei mir neben dem Schreibtisch vor einer Bücherwand. Ich weiß nicht mehr, was es gekostet hat, wahrscheinlich war der Rahmen teurer.

Wenn ich mich vom Computer ein klein wenig nach rechts drehe, sehe ich es. Wenn Sie auf diesem Bild in die Dunkelheit eintauchen, dann können Sie in der Bildmitte ganz hinten noch einen gelben Fleck erkennen, da steht das Bild. Wenn ich durch die Tür gehe, laufe ich auf das Bild zu. Letztens, als der Barni an meinem Schreibtisch saß und einer alten Grand Seiko eine neue Batterie verpasste, stand ich neben ihm, vor dem Bild. Und hatte plötzlich diese Idee, weil der Barni doch so ein Super-Handy hat, mit dem man das ganze Internet durchsuchen kann. Mein altes IPhone kann das nicht, ich glaube, das kann nicht mal Internet. Als der Barni mit der Seiko fertig war, bat ich ihn, einmal das Bild zu photographieren und dann die Suchfunktion des Handys zu aktivieren. Der Barni hat nicht nur dieses Luxusteil voller KI, der kann damit auch umgehen. In einer Minute hatte er ein Auktionshaus gefunden, bei dem dieses Bild einmal verkauft worden war.

Jetzt weiß ich, dass der Künstler →Christian Kruck heißt und einmal wirklich berühmt war. Und dass es von dieser signierten Farblithographie in den achtziger Jahren 200 Exemplare auf Bütten gegeben hat. Mein Bild ist bei den zweihundert nicht dabei; es ist signiert, aber nicht nummeriert, es steht mit Bleistift EA drauf. Das bedeutet épreuve d'artiste, das ist schon was Besonderes. Besonders bei dieser Art des Druckes. Jedes Exemplar meiner Steindruckmalerei ist ein Unikat, hat Kruck gesagt. Weil er ein Verfahren der Lithographie entwickelt hat, das er Steindruckmalerei nannte, gekennzeichnet durch das Drucken vieler Farben auf einem einzigen Stein. Möglich wurde dies, da Christian Kruck eine Schreibtinte zum Vorzeichnen benutzte, die in den Stein eindrang, aber nicht mitdruckte. So konnte er passgenau Farbe um Farbe auftragen, was zu virtuosen Bilddarstellungen führte, die an Intensität und Farbkraft der Öl-Malerei in nichts nachsteht. Stimmt alles, das Bild des →Steindruckmalers leuchtet nach über vierzig Jahren immer noch.

Ich habe natürlich heute auch ein Leuchtturm Gedicht. Es hat keinen Titel, es war 1959 das erste Gedicht in Wolfgang Borcherts Gedichtband →Laterne, Nacht und Sterne:
 
Ich möchte Leuchtturm sein
in Nacht und Wind –
für Dorsch und Stint,
für jedes Boot –
und ich bin doch selbst
ein Schiff in Not!

Noch mehr Signalfeuer in dem Post Leuchttürme

Mittwoch, 29. April 2026

Poets, painters, and puddings


Der englische Schriftsteller Richard Hughes, der gestern vor fünfzig Jahren starb, hatte 1922 als Dichter begonnen, aber berühmt wurde er durch andere Dinge. Er ist wahrscheinlich der erste Autor eines in Europa im Radio gesendeten Hörspiels, das steht hier schon in dem Post Hörspiel. Da wird auch sein berühmtester Roman erwähnt, den er 1929 schrieb. Der hieß zuerst The Innocent Voyage, aber er taufte ihn gleich in A High Wind in Jamaica um. Der Roman (hier im Volltext) wurde ein Bestseller, er gilt heute als ein Klassiker des englischen Romans. Hat wahrscheinlich William Golding beeinflusst. Was in Lord of the Flies über Kinder gesagt wird, steht im Ansatz schon hier. 1969 gab es den Roman von Hughes als ✺Film mit Anthony Quinn in der Hauptrolle. Peter Suhrkamps Ehefrau Annemarie Seidel lieferte 1950 mit Ein Sturmwind auf Jamaika die erste deutsche Übersetzung. Seit 2013 gibt es mit dem Titel Orkan über Jamaika eine Neuübersetzung von Michael Walter.

Mein Gedicht heute ist nicht sehr ernst. Es steht eher in der Tradition der englischen Nonsense Dichtung, die Edward Lear und Lewis Carroll im 19. Jahrhundert begründeten. Dadrin können Engländer sehr witzig sein. Prince Charles schätzte das, er war mit Spike Milligan befreundet: Jetzt erstmal zum Monatsausklag Arthur Hughes: 

Poets, painters, and puddings; these three
Make up the World as it ought to be.

Poets make faces
And sudden grimaces:
They twit you, and spit you
On words: then admit you
To heaven or hell
By the tales that they tell.

Painters are gay
As young rabbits in May:
They buy jolly mugs,
Bowls, pictures, and jugs:
The things round their necks
Are lively with checks,
(For they like something red
As a frame for the head):
Or they’ll curse you with oaths,
That tear holes in your clothes.
(With nothing to mend them
You’d best not offend them).

Puddings should be
Full of currants, for me:
Boiled in a pail,
Tied in the tail
Of an old bleached shirt:
So hot that they hurt,
So huge that they last
From the dim, distant past
Until the crack o’ doom
Lift the roof off the room.

Poets, painters, and puddings; these three
Crown the day as it crowned should be.

Dienstag, 28. April 2026

die Fortdauer des Glücks


Den Dichter Walter Helmut Fritz habe ich ans Monatsende geschoben, mit seinen Gedichten habe ich Schwierigkeiten. Er war im letzten Jahr schon einmal mit einem Gedicht in dem Post Silhouette. Ich besitze seit Jahren einen Band, der Gesammelte Gedichte heißt, und ich weiß, dass alle Literaturkritiker ihn als einen Meister der leisen Töne schätzen. Er hat eine Vielzahl von Preisen bekommen und war Mitglied von drei Akademien. Er kommt aus Karlsruhe, wo er auch lebte, und die Stadt, hat er auch bedichtet:

In Karlsruhe
Tägliche Stadt, Fortgang, Vibration
mit vertrauten Wegen, Plätzen, Häusern,
die horchen, sich zu einem kurzen
Umzug zusammentun, früh die Augen zumachen.
Hier auf einem Sand- und Kiesrücken
der Oberrheinebene, wenig tellurischer Druck,
zwischen Daxlanden und Durlach,
der Hardtwald ist in der Nähe, das Albtal.
An diesem Ort gerecht zu leben versuchen,
älter werdend in der Schwerkraft,
in Zimmern mit umhergehenden Stunden,
Arbeit, Liebe, Wörtern, Gegenwart.

Er hat viele Liebesgedichte geschrieben, die 2008 noch einmal unter dem Titel Herzschlag von Hoffmann und Campe veröffentlicht wurden. Drei davon gibt es heute hier. Das erste ist wahrscheinlich das Bekannteste, das dritte ist ein Prosagedicht, davon hat er auch viele geschrieben:

Weil du die Tage
zu Schiffen machst,
die ihre Richtung kennen.

Weil dein Körper
lachen kann.

Weil dein Schweigen
Stufen hat.

Weil ein Jahr
die Form deines Gesichts annimmt.

Weil ich durch dich verstehe,
daß es Anwesenheit gibt,

liebe ich dich.



Du bist es.
Es ist dein sonnenwarmer Körper.
Es ist die Bewegung deiner Hand,
die auf das Meer deutet.
Es ist die Linie deines Gesichts,
sie ist da,
ich muß sie nicht erfinden.
Es ist die Fortdauer des Glücks. 



Landschaft für verliebte

Nein es ist nichts zu Ende, kann man hören. 
Es sei doch kein Grund, den Mut zu verlieren. 
Man kann es hören auf dieser Straße, die Baustelle ist da , 
die Wäscherei, das Café mit Tischen 
und Stühlen, reglosen, bunten Käfern. Ein Postbote 
geht vorbei, ein Mädchen, das stehenbleibt und 
dann umkehrt. Kleider sind da, Stimmen, Hände, 
Helligkeit, die die Stadt durchblättert, die Nasch-
haftigkeit unserer Träume.


Walter Helmut Fritz  hat einmal gesagt, warum er Gedichte schreibt. Und da das nirgends im Netz steht, stelle ich das hier einmal hin: 

Man wird sich nur einigermaßen kenntlich in dem, was man tut, sagt, schreibt. Oder verbirgt man sich darin? Wie auch immer: Im Gedicht (einem der brauchbarsten Namen für unsere Unruhe, für die Suche nach unserem Leben) finde ich eine Möglichkeit zu atmen; wach zu blei­ben; ein Dach über den Kopf zu bekommen, zu merken, wie die Dinge sich nähern; ein Netz auszuwerfen; etwas kennenzulernen, was dem Nützlichkeitsdenken fernbleibt; Gefühlen zu entfliehen, in denen man festsitzt wie die Fliege im Leim, mich einem emotionalen oder gedanklichen Risiko zu überlassen; Erlebnisse zu haben, die nicht zu erwarten waren; Einsichten zu gewinnen, die auf keine andere Weise zu gewinnen sind; in Augenblicken der Mutlosigkeit nicht zu vergessen, daß etwas vor einem liegt, daß etwas of­fen­bleibt.

Wir brauchen diesen langen Satz gar nicht, seine Poetik steht in dem Gedicht Sieh lange hin:

Den Weg hier
siehst du jeden Tag
und doch blieb er verhüllt.
Sieh wieder hin, sieh lange hin,
bis du begreifst,
daß du ihn nie gesehn,
daß er sich erst
in diesem Augenblick enthüllt


Das habe ich aus dem Gedichten von Walter Helmut Fritz  gelernt, man muss lange hinsehen, um ihre Schönheit zu erkennen.

Montag, 27. April 2026

lost at sea


Lost at Sea steht auf seinem Grabstein. Am 27. April 1932  ist der amerikanische Dichter Hart Crane im Golf von Mexiko ertrunken. Über Bord gesprungen. Wie es der Dichter Ken Beattie in seinem Gedicht For Hart Crane beschreibt:

Pushed
from this ship
by his own hand
Hart's image merges.
No St. John or Scylla
to embellish his swim,
but stark realization
the leap toward wonder
rests with him...
his own priest
casting his
own line.

Crane gilt als einer der wichtigsten Vertreter der literarischen Moderne in Amerika. Er hat es schwer gehabt, in Deutschland bekannt zu werden. An mir kann das nicht liegen, denn er war schon hier in den Posts Hart CraneBrooklyn Bridge und White Buildings. Der erste, der Hart Crane nach Deutschland brachte, war der Dichter Joachim Uhlmann, der 1960 die Gedichte Weiße Bauten übersetzte. Ihm folgte 1966 Dieter Leisegang, der bei Adorno studiert hatte, mit einem zehn Seiten schmalen Band, der Moment Fugue hieß, das titelgebende Gedicht finden Sie hierDann dauerte es beinahe noch vierzig Jahre, bis endlich mal jemand Cranes Hauptwerk The Bridge übersetzte. Man muss Ute Eisinger für die Übersetzung des Langgedichts sehr dankbar sein. Klaus Reichert auch, der das kluge Nachwort geschrieben hat. 2013 kam noch einmal Weiße Bauten: Gedichte heraus, diesmal in der Übersetzung von Christian Lux. Ein riesiger Teil der Collected Poems wartet immer noch auf Übersetzer.

Ich habe heute ein Gedicht, in dem sich Hart Crane selbst vorstellt. Robert Lowell, der Crane the best writer of his generation genannt hat, hat es für ihn geschrieben:

Words for Hart Crane

When the Pulitzers showered on some dope
or screw who flushed our dry mouths out with soap,
few people would consider why I took
to stalking sailors, and scattered Uncle Sam’s
phoney gold-plated laurels to the birds.
Because I knew my Whitman like a book,
stranger in America, tell my country: I,
Catullus redivivus, once the rage
of the Village and Paris, used to play my role
of homosexual, wolfing the stray lambs
who hungered by the Place de la Concorde.
My profit was a pocket with a hole.
Who asks for me, the Shelley of my age,
must lay his heart out for my bed and board
.

Wenn Lowell ihn the Shelley of my age sagen lässt, dann war das nicht ironisch gemeint, Lowell meinte das wirklich. Ein Gedicht von Hart Crane habe ich natürlich auch noch: 

Repose Of Rivers

The willows carried a slow sound, 
A sarabande the wind mowed on the mead. 
I could never remember 
That seething, steady leveling of the marshes 
Till age had brought me to the sea. 

Flags, weeds. And remembrance of steep alcoves 
Where cypresses shared the noon’s 
Tyranny; they drew me into hades almost. 
And mammoth turtles climbing sulphur dreams 
Yielded, while sun-silt rippled them 
Asunder ... 

How much I would have bartered! the black gorge 
And all the singular nestings in the hills 
Where beavers learn stitch and tooth. 
The pond I entered once and quickly fled— 
I remember now its singing willow rim. 

And finally, in that memory all things nurse; 
After the city that I finally passed 
With scalding unguents spread and smoking darts 
The monsoon cut across the delta 
At gulf gates ... There, beyond the dykes 

I heard wind flaking sapphire, like this summer, 
And willows could not hold more steady sound.

Sonntag, 26. April 2026

ganz oben


Heute vor 690 Jahren hat Francesco Petrarca seinen berühmten →Brief geschrieben, in dem er davon berichtet, wie er den Mont Ventoux erklommen hat: Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht zu Unrecht Ventosus, ,den Windigen‘, nennt, habe ich am heutigen Tag bestiegen, allein vom Drang beseelt, diesen außergewöhnlich hohen Ort zu sehen. Das gilt heute als der Beginn des touristischen Bergsteigens, das aber erst im 18. Jahrhundert wirklich einsetzt. Jahrhunderte lang hatten die Berge niemanden interessiert, sie waren Warzen auf dem Gesicht der Erde gewesen, die Ästhetisierung der Bergwelt hatte noch nicht begonnen. Eher redeten Dichter von den Zickzackkämmen und widerwärtigen Felswänden. Wir wissen nicht, ob Petrarca wirklich oben auf dem Berg gewesen ist, oder ob dies nur eine imaginäre dichterische Kletterpartie war. Aber am 26. April ist die Geschichte immer wieder in diesem Blog gewesen, das geht nicht anders. Es gibt hier schon seit fünfzehn Jahren den sehr ausführlichen Post Mont Ventoux. Und dann sind da noch die Posts Fietsen, Liebestaumel, der windige Berg, Tanzseuche, und Weltlandschaften.

Der Franzose Pierre de Nolhac hat ein Gedicht mit dem Titel Écolier d’Avignon geschrieben, das 1931 in der Revue des deux mondes erschien. Hier erzählt uns ein fiktiver Schüler von Petrarca in acht Episoden in Alexandrinern alles über das Leben des Meisters. Von der ersten Begegnung (La Rencontre) bis zum Abschied von seinem Lehrer (Le Départ). Und der weiß auch, wie sich Petrarca auf dem Gipfel des windigen Bergs gefühlt hat:

La solitude est bonne à l’âme et la féconde:
Je regarde à mes pieds fuir les plaines du monde;
Je devine au lointain les altières cités
Où sont tant de misère et tant de vanités,
Et le fleuve qui porte aux mers les pleurs des hommes
Je sens notre grandeur dans le peu que nous sommes;
Je pèse à leur néant les choses que j’aimais
Et je suis dans leur vol les aigles des sommets.
Le jour ainsi se passe où la pensée est reine;
Je redescends, le corps dispos, l’âme sereine,
Allégé par la paix que donne le haut lieu
Et les yeux éblouis des merveilles de Dieu

Die Einsamkeit tut der Seele gut und befruchtet sie:
Ich sehe, wie die Ebenen der Welt unter meinen Füßen entschwinden;
Ich erahne in der Ferne die hochmütigen Städte,
In denen so viel Elend und so viel Eitelkeit herrscht,
Und den Fluss, der die Tränen der Menschen zu den Meeren trägt.
Ich spüre unsere Größe in dem Wenigen, das wir sind;
Ich wäge die Dinge, die ich liebte, gegen ihr Nichts ab
Und folge in ihrem Flug den Adlern der Gipfel.
So vergeht der Tag, an dem der Gedanke König ist;
Ich steige wieder hinab, der Körper bereit, die Seele heiter,
Erleichtert durch den Frieden, den der hohe Ort schenkt
Und die Augen geblendet von den Wundern Gottes

Gut, dass wir das endlich mal wissen. Denn Petrarca erzählt uns wenig, wie er sich auf dem Gipfel gefühlt hat. Er hat nicht die Landschaft unter sich bewundert, er hat Augustinus gelesen. Die Bergbesteigung ist für ihn eher eine Allegorie des Lebensweges: Was du heute so oft bei Besteigung dieses Berges hast erfahren müssen, wisse, genau das tritt an dich und an viele heran, die da Zutritt suchen zum seligen Leben. Aber es wird deswegen nicht leicht von den Menschen richtig gewogen, weil die Bewegungen des Körpers zutage liegen, die der Seele jedoch unsichtbar sind und verborgen. Wohl aber liegt das Leben, das wir das selige nennen, auf hohem Gipfel, und ein schmaler Pfad, so sagt man, führt zu ihm empor. Es steigen auch viele Hügel zwischendurch auf, und von Tugend zu Tugend muß man weiterschreiten mit erhabenen Schritten. Auf dem Gipfel ist das Ende aller Dinge und des Weges Ziel, darauf unsere Pilgerfahrt gerichtet ist.

Wir lassen das mal so stehen und geben zu Schluss Emily Dickinson mit einem Bergedicht das Wort:

The Mountains—grow unnoticed—
Their Purple figures rise
Without attempt—Exhaustion—
Assistance—or Applause—

In Their Eternal Faces
The Sun—with just delight
Looks long—and last—and golden—
For fellowship—at night—


Und Bertram Kottmann hat mir diese schöne Übersetzung gerade zugeschickt:

Die Berge wachsen - unerkannt,
sie ragen purpurn auf
ganz ohne Müh’, nie ausgebrannt,
ohn’ Beistand und Applaus.

Auf ihr Gesicht, das ewig,
die Sonne nieder lacht
ausdauernd, golden, freudig,
Gefährtin für die Nacht.