Donnerstag, 29. Oktober 2026
Glückwünsche
Dienstag, 27. Oktober 2026
wie man so schreibt, wenn man die KI ist
Dass Juliette Gréco in ihrem ikonischen schwarzen Kleid und mit ihren fast magischen, katzenhaften Bewegungen trotzdem einen so tiefen Eindruck hinterlassen hat, dass Sie die Karte bis heute wie eine Reliquie hüten, zeigt, wie prägend diese Zeit für Sie war. Solche Abende brennen sich gerade durch ihre kleinen, skurrilen Hindernisse oft am tiefsten in das Gedächtnis ein.
Mich würde brennend interessieren: Wissen Sie noch, in welchem Berliner Konzertsaal das damals war? (Vielleicht die Philharmonie oder der Friedrichstadt-Palast?)
Welches Chanson von Juliette Gréco ist Ihnen – trotz Paul Hubschmids Haaren – am meisten im Ohr geblieben?
Haben Sie Sartre und Camus damals eher im Café oder heimlich unter der Schulbank gelesen?
Lassen Sie uns gerne noch ein bisschen weiter in dieser wunderbaren Nostalgie schwelgen!
With bullets made of platinum,
Because if I use leaden ones
His hide is sure to flatten 'em.
Sonntag, 25. Oktober 2026
bevor ich Blogger wurde
Bevor ich Blogger wurde, schrieb ich auf dem Computer, den mir mein Seminar geschenkt hatte, eine Art Autobiographie, der ich den Namen Bremensien gab. Damit begann ich im Mai 2009. Es beschäftigte mich das ganze Jahr, da hatte ich dann fünfhundert Seiten geschrieben und hörte erst einmal mit dem Schreiben auf. Weil ich im Januar 2010 die faszinierende Welt des Blogs entdeckte. Auf der ersten Seite des Manuskripts stand eine Handvoll Zitate, Sätze, an die ich mich halten wollte. Jeder Satz konnte ein Motto für ein Kapitel sein. Ich tippe die Zitate heute mal hier hin. Sie haben für mich immer noch Bedeutung.
Three passions, simple but overwhelmingly strong have governed my life: The longing for love, the search for knowledge, and unbearable pity for the suffering of mankind. These passions, like great winds, have blown me hither and thither, in a wayward course, over a deep ocean of anguish reaching to the very edge of despair. (Bertrand Russell)Someday I’m gonna write the story of my life (Marty Robbins)
The past is a foreign country: they do things differently there. (L.P. Hartley)
The past is never dead. It is not even past. (William Faulkner)
Old men forget (William Shakespeare + Duff Cooper)
Shall we forever make new books, as apothecaries make new mixtures, by pouring only out of one vessel into another? (Laurence Sterne)
Im Januar 2010, als ich schon den Post SILVAE schrieb (jeden Tag, damit ich nicht auf die Idee kam, zu den Bremensien zurückzukehren), schrieb ich auf die letzte Seite des Manuskripts etwas, das den Titel Das Postscriptum als provisorisches Vorwort hat:
Dies ist meine eigene Geschichte, eigentlich ist alles wahr, was hier steht. Es gibt natürlich eine gewisse poetic licence, ich habe auch nicht alles erzählt. Ich kenne Geschichten über preußische Prinzessinnen und Bremer Politiker, für die mir die Bild Zeitung heute noch dankbar wäre. Aber dies ist kein Enthüllungsjournalismus. Manche Personen bleiben anonym, andere haben andere Namen. Ich habe an einigen Stellen, aber nur ganz selten, ein Zitat aus der Weltliteratur in den Text geschrieben, das ich nicht als solches kenntlich gemacht habe, das war ein kleiner Scherz beim Schreiben. Wenn also ein Leser das Gefühl hat, dass er einen ähnlichen Satz bei Eichendorff schon einmal gelesen hat, dann hat er sicher Recht.
Ich wollte dies immer schon schreiben, eigentlich habe ich ungefähr 1965 damit angefangen, im Kopf meinen Bremen Roman zu schreiben. Anti-Bremen sollte er heißen, das steht auf jeden Fall auf einem alten Schulheft, in dem er begonnen wurde. Ich habe immer wieder angefangen, aber es immer wieder in ein Mäppchen gelegt. Als ich jetzt anfing zu schreiben, habe ich in diese inzwischen farblich verblichenen Mappen nicht mehr hineingeguckt. Ich hatte den größten Teil schon im Kopf, als mir mein Universitätsinstitut zum Abschied meinen alten Mac schenkte, einstmals der beste Computer im Institut, den mir unsere Sekretärin einmal zugeschanzt hatte, weil ich der einzige war, der nie Computerwünsche geäußert hatte – und auch nie einen Computer gehabt hatte.
Ich hatte in jenen Tagen in der Süddeutschen, die ich immer von Volker kriegte, einen Artikel von Oliver Storz über den Tag des Kriegsendes 1945 gelesen, und ich war beeindruckt. So müsste man das schreiben, dachte ich mir. Ich habe ansonsten nichts von Oliver Storz gelesen, aber ich wusste, dass er bei dieser Erinnerung an den Frühlingstag 1945 genau den richtigen Ton getroffen hatte, und genau wie Flaubert auf dem Detail insistierte. So etwas wollte ich auch, die richtige Stimme finden. Ich habe den Artikel nicht aufbewahrt und ihn kein zweites Mal gelesen (vielleicht war er auch gar nicht so gut wie ich ihn in Erinnerung habe), ich habe auch in keine Autobiographie irgendeines Schriftstellers mehr geschaut. Ich wollte weder Augustinus noch Rousseau imitieren. Dies sollte über Vegesack und Bremen gehen, über meine Familie und mich. Von nun an war ich allein mit meinem Text. Und nachdem ich das gefunden hatte, was Gerard Genette Stimme nennt (und was ich meinen Straßenköter-Ton nenne), fing ich an zu schreiben. Die ersten hundert Seiten habe ich in einem Stück geschrieben. Der Museumsdirektor Dr Joachim Kruse, dem ich den Text schickte, schrieb mir: das sei Free Jazz. Und von da an wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg war. Und was ich wollte.
Wenn ich nicht Prousts Suche nach der verlorenen Zeit gelesen hätte, als ich jung war (und nie damit aufgehört habe), ich hätte mich nicht an diesen Text gewagt. Ich habe bei der Lektüre, wie auch meiner jugendlichen Lektüre von Flaubert und Stendhal mehr über die Kunst des Romans erfahren, als ich in meinem ganzen Literaturstudium erfahren habe. Wenn ich ehrlich bin, habe ich in dem Studium der Germanistik und Anglistik gar nix gelernt, bei der Kunstgeschichte ist das ganz anders gewesen. Volker, der kein Literaturwissenschaftler ist, hat gesagt, dass in meinem Text viel Sediment sei. Ja, das ist richtig, auch wenn Sediment kein etablierter literaturwissenschaftlicher Terminus ist. Ich habe versucht, ohne den Text wirklich literarisch zu machen (was nicht zu der gewählten Stimme gepasst hätte), ihn so dicht zu machen, dass die Mimesis schon merklich ist. Und das sind da so Sätze wie: Als sie ihre Schwiegermutter mit Gustav seinem kleinen Laster da aus dem Feuersturm rausgeholt hat. Und die ist für die Heldentat ihrer Schwiegertochter gar nicht richtig dankbar gewesen und wollte wieder nach Hamburg zurück. Nach dem, was davon übrig war. Man will immer zurück in die Heimat. Drei Sätze, und dahinter eine ganze Geschichte, Familiengeschichte.
Freitag, 23. Oktober 2026
ein Bär von sehr geringem Verstand
Robinum descendens. Est quod sciat unus et solus modus gradibus descendendi, nonnunquam autem sentit, etiam alterum modum exstare, dummodo pulsationibus desinere et de eo modo meditari possit.
Deinde censet alios modos non esse. En, nunc ipse in imo est, vobis ostentari paratus. Winnie ille Pu.
Nomen audiens primum, sicut vos dicturi estis, etiam ego dixi:
‘Credidi eum puerum esse!’
‘Ego quoque' dixit Christophorus Robinus.
‘Minime vero'
‘At non potes eum “Winnie” vocare! '
‘Dixisti autem. . . '
‘Est Winnie ille Pu. Num nescis, quid “ille” significe?'
‘Scilicet nunc scio' cito subjunxi; et spero vos etiam
scire, quia nullam nisi hanc explicationem accipietis.
Dienstag, 20. Oktober 2026
Friedrich Gustav Schilling
Daß du mein Auge wecktest zu diesem goldenen Lichte,
daß mich dein Aether umfließt,
daß ich zu deinem Aether hinauf einen Menschenblick
richte, der ihn edler genießt,
daß du einen unsterblichen Geist, der dich, Göttliche
denket, und in die schlagende Brust
Gütige, mir des Schmerzes wohlthätige Warnung
geschenket und die belohnende Lust,
Daß du des Geistes Gedanken, des Herzens Gefühle
zu tönen mir ein Saitenspiel gabst,
Kränze des Ruhms und das buhlende Glück deinen stolzeren Söhnen,
mir ein Saitenspiel gabst,
Daß dem trunkenen Sinn von hoher Begeistrung beflügelt,
schöner das Leben sich mahlt,
schöner in der Dichtung Crystall die Wahrheit sich spiegelt,
heller die Dämmernde strahlt,
Große Göttin, dafür soll, bis die Parzen mich fodern,
dieses Herzens Gefühl
zarter Kindlichkeit voll in dankbarem Strale dir lodern,
Soll aus dem goldenen Spiel
Unerschöpflich dein Preiß, erhabne Bildnerinn, fließen
Soll dieser denkende Geist
an dein mütterlich Herz in reiner Umarmung sich schließen,
bis der Tod sie zerreißt.
Freitag, 16. Oktober 2026
suits
Der Mike ist ein Starjurist, und der Harvey und der Louis haben ihn in die renommierte Anwaltskanzlei geholt. Der Mike war in Harvard, aber er hat dort nie ein Examen bestanden. Er ist auch nie in die New Yorker Anwaltskammer aufgenommen worden. Der Mike ist ein Betrüger. Er wird ins Gefängnis wandern. Wir sind in der amerikanischen Fernsehserie Suits, von der Sie alle Folgen ✺hier sehen können. Der Name der Serie ist doppeldeutig, suits heißt Anzüge, und der Harvey trägt wirklich interessante Anzüge, Einreiher mit steigendem Revers und fünf Knöpfen am Ärmel. Die Anzüge von Harvey kommen von der kanadischen Firma →Garrison Bespoke und haben schon für modisches Aufsehen gesorgt. Aber das Wort suits kann auch von law suits kommen, und dann sind es Gerichtsverfahren.
Wenn man den Namen Katie Zacharia und suits bei Google eingibt, bekommt man Modephotos von der Frau, die aussieht wie Bimbo Barbi. Aber es gibt keine Beziehung zu der Fernsehserie Suits. Dabei läge das doch auf der Hand. Denn Trumps neue Pressesprecherin ist eine Betrügerin wie der Mike Ross in der Fernsehserie Suits. Sie hat sich als Rechtsanwältin bezeichnet, aber sie ist keine. Inzwischen hat sie zugegeben, dass sie bei der Anwaltsprüfung in Kalifornien durchgefallen ist. Wenn man sich in Kalifornien als Rechtsanwalt bezeichnet und keiner ist, dann ist das ein Straftatbestand. Kommt sie jetzt ins Gefängnis wie Mike Ross in der Serie oder wird sie nach zehn Tagen gefeuert wie Anthony Scaramucci im Jahr 2017? Die Trump Reality Show ist immer komisch, aber die Fernsehserie Suits ist besser.Dienstag, 13. Oktober 2026
Anne Carson
Die kanadische Schriftstellerin ✺Anne Carson hat gerade den Nobelpreis für Literatur bekommen, der Name sagte mir etwas. Sie war nämlich vor vielen Jahren schon zweimal in meinem Blog. In SILVAE ist viel Kanada, nicht nur der Kanadier Glenn Gould, der immer in diesem Blog war. Ich habe einmal den kanadischen Dichter Henry Beissel getroffen und wusste nicht, wer er war. Das ist mir sehr peinlich gewesen. Um mich zu entschuldigen, habe ich ein kleines Gedicht geschrieben und es ihm nach Kanada geschickt. Er fand es sehr witzig. Das sind schon höfliche Leute, diese Kanadier. Das stand hier schon 2010 in dem Post Poem for Henry Beissel.
Professor Konrad Groß, der mir damals Henry Beissel auf dem Flur des Englischen Seminars der Christian Albrechts Universität vorgestellt hatte, war Professor für Amerikanistik und Kanadistik, er hat auch eine →Kanadische Literaturgeschichte herausgegeben. Und er hat in jahrelanger beharrlicher Arbeit dafür gesorgt, dass eine Vielzahl von interessanten Leuten aus Kanada als Gastprofessoren zu uns kamen. So habe ich Rudy Wiebe und Stephen Scobie kennengelernt. Mit der Schriftstellerin Aritha Van Herk habe ich ein halbes Jahr mein Büro geteilt. Und den Sprachwissenschaftler Jack Chambers, der im Nebenberuf Jazzkritiker war, habe ich schon in die Posts Jazz und Richard Twardzik hinein geschrieben.It was hidden in her and it gave Kant pleasure.
L’Eclisse begins with a wind blowing Monica Vitti’s hair. She is inside a room.
Kant’s was a partly negative pleasure.
Where is that wind from?
Kant took pleasure in what he called Thing In Itself.
She is prowling the room with her eyes down, observed deeply by a man in an armchair.
Thing In Itself was unattainable, insurmountable.
She keeps trying to leave the room.
Nor could Thing In Itself be represented.
Curtains are drawn, the room is full of objects, lamps are burning here and there, who knows what hour of the night it may be? Her hair blows slowly.
Yet through the very failure of its representation, Thing In Itself might be inscribed within phenomena.
She lifts a piece of paper, puts it down.
Kant noted a rustling aside of sensible barriers.
Her unquiet drifts in her, spills, drifts on.
A rotating fan is shown sitting on the table beside the man in the armchair.
Kant felt weak as a wave.
Now she can leave. The surface of the movie relaxes.
Kant let his soul expand.
She walks out into the filthy daylight.
Kant pulled his hat down firmly.
She is a little ashamed but glad to be walking.
Glad to be facing this more difficult dawn.
Beginnings are hard. Sappho put it simply. Speaking of a young girl Sappho said, You burn me. Deneuve usually begins with herself and a girl together in a hotel room. This is mental. Meanwhile the body persists. Sweater buttoned almost to the neck, she sits at the head of the seminar table expounding aspects of Athenian monetary reform. It was Solon who introduced into Athens a coinage which had a forced currency. Citizens had to accept issues called drachmas, didrachmas, obols, etc. although these did not contain silver of that value. Token coinages. Money that lies about itself. Seminar students are writing everything down carefully, one is asleep, Deneuve continues to talk about money and surfaces. Little blues, little whites, little hotel taffetas. This is mental. Bell rings to mark the end of class. He has a foreskin but for fear of wearing it out he uses another man's when he copulates, is what Solon's enemies liked to say of him, Deneuve concludes. Fiscal metaphor. She buttons her top button and the seminar is over.
Jours
If you asked her Deneuve would say Take these days away and pour them out on the ground in another country.
Parts
Seminar meets MonWedFri. Parts of time fall on her and snow wanders slowly through the other afternoons. Deneuve sits in her office looking at the word irony on a page. Half-burnt. You have to wonder. Sappho, Sokrates, is it all mental? These people seem bathed in goodness, yet here come the beautiful dangerous white rapids beating onto them. Knife of boy. Knife of girl. Knife of the little knower. Where is the ironic work that picks threads back from that surface into another design underneath, holding rapids in place? Evening fills the room. Deneuve buttons her coat and closes the office door behind her. Staircase is dim and filthy, small dirty deposits on each step. She heads for the Metro. What would Sokrates say. Name the parts. Define each name. Deneuve is turning names and parts over in her mind when she realizes she has ridden the train four stops in the wrong direction. Climbs back up from the platform, stairs are filthy here too, must be a punishment. Hip slams hard into the metal arm of the turnstile. Red sign pasted on it says NO EXIT. Sound is far away. All around her strange lamps burn brightly and human tongues press the night.
Weekends
Weekends are long and white. Snow drifts against the door. Distant threads from the piano downstairs. Deneuve washes her glassware. Dries it. Hours slide. In the hotel room it is dusk, a girl turns, I have to confess something. This is mental. Two parallel red lines of different lengths inch forward, not touching.
I wanted to run away with you tonight

















