Sonntag, 19. April 2026

Mad, bad, and dangerous to know


Es ist Sonntagmorgen, und ich habe keine Lust zu schreiben. Aber ich kann den Todestag von Lord Byron nicht ohne einen kleinen Post vorbeigehen lassen. Und deshalb gibt es heute zu unserem Baron, den Lady Caroline Lamb Mad, bad, and dangerous to know nannte, nur sein berühmtestes Gedicht She Walks in Beauty und drei Übersetzungen. Und Links zu allen Byron Posts im Blog. Mehr nicht. Kann auch mal sein.

She Walks in Beauty 


She walks in beauty, like the night 

Of cloudless climes and starry skies, 

And all that's best of dark and bright 

Meets in her aspect and her eyes; 

Thus mellow'd to that tender light 

Which Heaven to gaudy day denies.



One shade the more, one ray the less, 

Had half impair'd the nameless grace 

Which waves in every raven tress

Or softly lightens o'er her face, 

Where thoughts serenely sweet express 

How pure, how dear their dwelling-place. 



And on that cheek and o'er that brow 

So soft, so calm, yet eloquent,

The smiles that win, the tints that glow,

But tell of days in goodness spent,
A mind at peace with all below,
A heart whose love is innocent.


Die erste Übersetzung ist von Adolf Böttger, den man einmal den vergessenen Poeten der Romantik genannt hat. Er hat den ganzen Byron ins Deutsche übersetzte, und Byron hat auch seine eigenen Gedichte beeinflusst:

Sie geht in Schönheit, gleich der Nacht
In wolkenlosem Sternenlicht;
Des Schattens und des Lichtes Pracht
Eint sich in ihrem Angesicht;
Aus dem ein milder Schimmer lacht,
Der stets dem grellen Tag gebricht.

Ein Strahl hinweg, ein Schatten mehr,
Und fort würd’ auch die Anmut sein,
Die aus dem Rabenlockenmeer
Die Stirn umglänzt mit sanftem Schein,
Wo die Gedanken süß und hehr
Verkünden, dass ihr Wohnsitz rein.

Und auf der Stirn, dem Wangenpaar,
Spricht von dem reinsten Jugendmut
So sanft beredt, so ruhig klar
Des Lächelns Reiz, der Farben Glut,
Von einem Herzen wunderbar,
Wo Liebe voller Unschuld ruht
.

Das Rabenlockenmeer gefällt mir ganz besonders. Das ist besser als der Flechten Rabenton in der →Übersetzung von dem württembergischen Oberst Adolf Seubert. Den ich aber unbedingt nennen muss, weil er der erste Übersetzer von Carl Jonas Love Almqvist war, der hier schon in den Posts Giuseppe Verdi und Sexuelle Revolution vorkommt. 

Die zweite Übersetzung ist von dem Bremer Otto Gildemeister. Der mehrfache Bürgermeister seiner Heimatstadt ist wohl der gebildetste Bremer im 19. Jahrhundert gewesen. Er ist in diesem Blog schon mehrfach erwähnt worden, irgendwann komme ich noch mal dazu, einen längeren Post über ihn zu schreiben. Schon als Schüler hatte er damit begonnen, sich an Übersetzungen zu versuchen. Am Ende seines Lebens hatte er Shakespeares Sonette, Ariosts Der rasende Roland und Dantes Göttliche Komödie übersetzt. Und dazu noch Lord Byrons Werke in sechs Bänden. Und dann gibt es auch noch diese wunderbaren Essays von ihm, von denen der Rütten und Loening Verlag 1991 eine Auswahl unter dem Titel Allerhand Nörgeleien herausgebracht hatte. Die Essays sind aber auch im Projekt Gutenberg zu lesen.

In ihrer Schönheit wandelt sie
Wie wolkenlose Sternenacht;
Vermählt auf ihrem Antlitz sieh'
Des Dunkels Reiz, des Lichtes Pracht:
Der Dämmerung zarte Harmonie,
Die hinstirbt, wann der Tag erwacht.

Ein Schatten mehr, Licht minder klar,
So wär' die tiefe Anmuth nicht,
Die niederwallt im Rabenhaar
Und sanft verklärt ihr Angesicht,
Aus welchem hold und wunderbar
Die reine liebe Seele spricht.

O diese Wang', o diese Brau'n,
Wie sanft und still und doch beredt,
Was wir in ihrem Lächeln schau'n!
Ein frommes Wirken früh und spät;
Ein Herz voll Frieden und Vertraun,
Und Lieb', unschuldig, wie Gebet

Meine letzte Übersetzung ist neueren Datums. Der Übersetzer Bertram Kottmann, der in diesem Blog schon einige Male genannt wurde, vor allem, weil ihm die beste Übersetzung von Wordsworths →Daffodils gelungen ist, hat mir freundlicherweise erlaubt, seine Übersetzung hier abzudrucken:

In Schönheit geht sie wie die Nacht,
die wolkenlos und sternbesät;
des Dunkels Glanz, der Helle Pracht
in ihrem Blick und Antlitz steht
und so ein mildes Licht entfacht,
das Himmel grellem Tag verwehrt.

Mehr Schatten, ein gering´res Licht -
getrübet würd' der Liebreiz sein,
der aus den schwarzen Locken spricht,
die Stirn umglänzt in mildem Schein;
und ihr beseelter Blick verspricht,
dass er dort wohne, schön und rein.

Auf ihrer Stirn, der Wangen Paar
spricht mild und still und doch beredt
ein strahlend Lächeln, das fürwahr
für ihre reine Seele steht,
ein Herz aus dem unwandelbar
der Liebe holde Unschuld weht
.

Wenn Sie den Übersetzer Bertram Kottmann kennenlernen wollen, dann kann ich seine →Seite sehr empfehlen, eine Schatztruhe der Übersetzung. Die Oxford University Press hatte zum zweihundertsten Todestag von Byron The Oxford Handbook of Lord Byron herausgebracht. Das habe ich mir nicht gekauft. Ich vertraue immer auf die →Letters and Journals of Lord Byron: With Notices of His Life, die Thomas Moore 1830 herausbrachte. Ich habe noch eine Erstausgabe des Buches. Von den vielen Romanen, die es über Byron gibt, kann ich Derek Marlowes A single summer with L. B und Sigrid Combüchens Byron umbedingt empfehlen. 

Und noch mehr Byron findet sich in den Posts: Lord Byrons Schuhe, Shelley, Byron, Lord Byron, Lord Byrons Schuhe, Lord Byron, Drachenfels, Elba, Luxuskutschen, Hellas, hélas, Griechen, Wilhelm Müller, Griechen-Müller, Volkslieder, Thomas Moore, Dante Gabriel Rossetti, Dracula, Touristen, Vulkane, Cricket, William Hazlitt, Lord John Russell, Frederic Raphael, Henry Kirk White, Rahel, Horace Walpole, Thomas Chatterton, Schmutzige Lyrik, Papierkragen, Landleben, Sigrid Combüchen, Waterloo, Lord Byron, Nachdichtung, das Jahr ohne Sommer, The Vampyre

Samstag, 18. April 2026

Es ist was es ist


Esther Schweins hat heute Geburtstag, da möchte ich gratulieren. Ich sah sie zum ersten Mal in den neunziger Jahren in der RTL Comedy Samstag Nacht, und da war sie wirklich komisch. Sie ist beim Fernsehen geblieben und berühmt geworden, →Schauspielerin, Moderatorin und Regisseurin. Gedichte hat sie keine geschrieben, aber sie hat doch etwas mit Lyrik zu tun. Sie mag die Gedichte von Erich Fried und trägt sie öffentlich vor, auf der →Buchmesse und bei Kulturveranstaltungen. Auf dem Hörbuch →wieder/und immer wieder/wieder du kann man sie auch hören. Ich habe hier auf YouTube Erich Frieds Gedicht Das Schwere von ihr gelesen. Und ich habe natürlich auch den Text:

Die Landschaft sehen
und die Landschaft hören
und nicht nur hören und sehen
die eigenen Gedanken
die kommen und gehen
beim Denken an die Landschaft
an die Landschaft ohne dich
oder an dich in der Landschaft

Vögel die steigen
hinauf in den Morgenhimmel
sind keine Raumschiffe
keine singenden Skalpelle
Nicht einmal Kinderdrachen sind sie
denn die gehören
nur dann zur Landschaft
wenn wirkliche Kinder
wirkliche Drachen steigen lassen im Wind

Und das Grau
unter den Bäumen
an einem verregneten Mittag
ist keine Höhle
für lauernde Meerungeheuer
sondern es ist nur das Grau unter den Bäumen
die vielleicht Unterschlupf sein können
vor dem Regen

Und auch die Sonne hat
keine rotblonden Haare
und der Mond hat auch ohne dich
keinen wehenden weißen Bart
Und der Abend ist der Abend
und die Nacht ist die Nacht
und Spätherbst ist immer die Zeit
zwischen Ernte und Sterben

Mein Lieblingsgedicht von Fried hat etwas mit meinem Heimatort zu tun, es heißt Rückfahrt nach Bremen. Es stand 1983 in dem bei Wagenbach erschienenen Band Es ist was es ist, der den Untertitel Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte hatte. Das titelgebende →Gedicht ist sehr berühmt geworden. Frieds Ehefrau Catherine schrieb in ihren →ErinnerungenSeine Gedichte standen auf Transparenten, auf Plakaten, an Brücken. Einmal sahen wir sein ungeheuer populäres Gedicht 'Es ist was es ist', Vers um Vers sorgfältig abgeschrieben, auf der Mauer einer Unterführung. 'Manchmal wünschte ich, ich hätte das Ding nie geschrieben', seufzte Erich. Das kleine Liebesgedicht Rückfahrt nach Bremen ist nicht so bekannt geworden, für mich allerdings schon. Als ich meine Autobiographie Bremensien schrieb, stand es in meinem Manuskript auf der ersten Seite: 

Spätherbst
der erste Schnee
die Nachtstraßen
eisglatt
aber zu dir hin

Dann im Morgengrauen
die Bahn
monoton
ermüdend
aber zu dir hin

Quer durch dein Land
und quer
durch mein Leben
aber zu dir hin

Zu deiner Stimme
zu deinem Dasein
zu deinem Dusein
zu dir hin


Ich habe das Gedicht damals in einen Brief hinein geschrieben, den ich einer geliebten Frau nach Bremen schickte. Sie hatte zuerst geglaubt, ich hätte das für sie gedichtet, aber ich habe ihr dann doch gesagt, dass es von Erich Fried sei. Es hat unserer Beziehung nicht geschadet. Ein schönes Liebesgedicht von Erich Fried an der richtigen Stelle hat schon vielen Liebenden geholfen.

Erich Fried und Bremen haben bei mir aber noch eine ganz andere Konnotation, die ich seit 1977 nicht loswerde. Weil sich damals mein Mitschüler Bernd Neumann in seinem Hass auf den jüdischen Emigranten, der die Shoah überlebte, zu der Forderung nach einer neuen Bücherverbrennung hat hinreißen lassen. Ja, so etwas würde ich lieber verbrannt sehen, das will ich Ihnen ganz eindeutig sagen! hat der damalige Bremer CDU-Vorsitzende über Frieds Gedicht →Die Anfrage in der Bremischen Bürgerschaft gesagt. Ein schwedischer Literaturkritiker hat beim Bergedorfer Gesprächskreis der Körber Stiftung 1978 bemerkt: In einem Land mit einer starken demokratischen Tradition müsste ein Mann wie Herr Neumann nach einer solchen Aussage moralisch tot sein. Er sollte als ein viel gefährlicherer Förderer des Terrorismus angesehen werden, als alle seine intellektuellen Gegner. Ich würde das ja sofort unterschreiben, aber wie wir alle wissen, wurde Neumann 2005 →Staatsminister für Kultur. Als ihn Journalisten mit dieser Geschichte konfrontieren, war der Satz von damals für ihn aus dem Zusammenhang gerissen. Wir tun uns in Deutschland schwer mit unserer Geschichte.

Als er Staatsminister für Kultur wurde, schickte ihm →Dietrich Kittner eine Schachtel Streichhölzer, damit er jetzt mit dem Verbrennen beginnen könne. Und Konkret schrieb: Neumann sei sein Leben lang durch keinen einzigen eigenen Gedanken aufgefallen. Ich glaube, das ist wahr. Ich bin mal nach dem Schlittschuhlaufen eine Dreiviertelstunde mit ihm zusammen nach Hause marschiert, weil wir nicht genug Geld für den Bus dabei hatten. Wenn man achtzehn ist und lange mit einem Bekannten die Straßen entlang geht, dann redet man miteinander. Über Bücher, Filme und Frauen. Hier war eine Dreiviertelstunde nichts, gar nichts. Manchmal möchte ich diese Erinnerung in meinem Gedächtnis auslöschen. Oder, und das wäre schön, gegen eine Dreiviertelstunde Spaziergang mit Erich Fried tauschen.

Freitag, 17. April 2026

Heckenkirsche


Besuch beim Anti-Trump titelte die Süddeutsche im Januar dieses Jahres. Und schrieb: Nach einer finsteren Woche hilft ein Blick zurück in die US-Geschichte: Benjamin Franklin liebte die Pressefreiheit, Wissenschaft und Literatur. Was ist heute noch übrig vom Geist des Gründervaters? Ja, das ist die Frage, größere Gegensätze als den Diplomaten Franklin und den Barbaren im Weißen Haus gibt es wohl kaum. Auf dem Hundertdollarschein, auf dem Franklin noch prangt, möchte Donald Trump gerne sein Gesicht sehen. Ich wollte an Franklins Todestag das Gedicht, das Philip Freneau nach Franklins Tod schrieb, hier einstellen. Schaute aber sicherheitshalber noch einmal in die Suchfunktion des Blogs. Und da war es schon, am 17. April 2011 stand hier schon der Post Benjamin Franklin.

Der Princeton Absolvent Philip Freneau war der Dichter der amerikanischen Revolution. Seine wilde Attacke auf den englischen König stand hier schon in meinem ersten Bloggerjahr in dem Post Philip Freneau. Und Freneau wird noch in den Posts Verlierer und Conegocheague erwähnt. Neben seiner politischen Lyrik gibt es auch andere Gedichte, zwei von ihnen sind in jede Anthologie amerikanischer Lyrik gewandert. Das eine ist →The Indian Burying Ground, das schon in dem Post Edle Wilde etwähnt wird. Das andere ist The Wild Honey Suckle:

Fair flower, that dost so comely grow,
Hid in this silent, dull retreat,
Untouched thy honied blossoms blow,
Unseen thy little branches greet;
…No roving foot shall crush thee here,
…No busy hand provoke a tear.

By Nature's self in white arrayed,
She bade thee shun the vulgar eye,
And planted here the gaurdian shade,
And sent soft waters murmuring by;
…Thus quietly thy summer goes,
…Thy days declinging to repose.

Smit with those charms, that must decay,
I grieve to see your future doom;
They died—nor were those flowers more gay,
The flowers that did in Eden bloom;
…Unpitying frosts, and Autumn's power
…Shall leave no vestige of this flower.

From morning suns and evenign dews
At first thy little being came:
If nothing once, you nothing lose,
For when you die you are the same;
…The space between, is but an hour,
…The frail duration of a flower.


Es ist keine Rose, Tulpe oder Narzisse, deren Schönheit und Vergänglichkeit die Aufmerksamkeit des Dichters auf sich zieht. Keine Blume, die Dichter sonst in ihre Gedichte schreiben. Es ist eine Heckenkirsche, die bei uns manchmal auch Jelängerjelieber heißt. Die hervorragende Seite RDL Labor, die Online Plattform zur kunsthistorischen Objektforschung (entstanden aus dem Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte), hat uns zum Vorkommen der Pflanze in Kunst und Literatur vieles zu sagen. Unter anderem den Satz: Philip Freneau schrieb 1786 mit 'The Wild Honeysuckle das bedeutendste amerikanische Naturgedicht des 18. Jh.'. Zwischen Barock, Vorromantik und Romantik liegt die Zeit des Klassizismus und der Aufklärung. Eine Zeit, die in der →Architektur interessant ist, in der Lyrik weniger. Das Standardwerk zu dieser Zeit, die Geschichte der deutschen Literatur 1740-1789: Aufklärung, Sturm und Drang, frühe Klassik, habe ich schon in dem Post Literaturgeschichte erwähnt. Aber es gibt immer Dichter, die etwas aus der Zeit fallen. Das ist bei uns in Deutschland Ewald Christian von Kleist, und das ist in Amerika Philip Freneau mit diesem Blumengedicht, das die Literaturwissenschaft heute als eins der ersten Beispiele amerikanischer Naturlyrik und als Vorläufer der Romantik betrachtet.

Donnerstag, 16. April 2026

My pleasant days, they fleet away and pass

Sie haben das schon gemerkt, ich picke mir die Dichter aus dem Tagesblatt der Wikipedia heraus. Heute könnte ich Sir Kingsley Amis nehmen, weil der heute Geburtstag hatte. Aber er hat schon den Post Kingsley Amis, und in den Posts Women are really much nicer than menHiggledy-piggledy und Frauen nachschauen gibt es Gedichte von ihm. Er wird auch in Universitätsromane erwähnt, weil er Lucky Jim geschrieben hat, der nach dem Time Magazine zu den besten englischsprachigen Romanen gehört. In dem Post Goldfinger ist er auch, weil er ein Buch über James Bond geschrieben hat. Das sollte genügen, aber ich blätterte mich doch noch einmal durch seine Gedichte. Fand ein Gedicht, das A Note On Wyatt hieß, mit dem ich überhaupt nichts anfangen konnte:

See her come bearing down, a tidy craft!
Gaily her topsails bulge, her sidelights burn!
There's jigging in her rigging fore and aft,
And beauty's self, not name, limned on her stern.

See at her head the Jolly Roger flutters!
"God, is she fully manned? If she's one short…"
Cadet, bargee, longshoreman, shellback mutters;
Drowned is reason that should me comfort.

But habit, like a cork, rides the dark flood,
And, like a cork, keeps her in walls of glass;
Faint legacies of brine tingle my blood,
The tide-wind's fading echoes, as I pass.

Now, jolly ship, sign on a jolly crew:
God bless you, dear, and all who sail in you. 

Ich fragte mich, was hat Sir Thomas Wyatt mit dem Schiff zu tun, das hier beschrieben wird. Soll das Schiff für das Werk von Wyatt stehen? Im Internet finden sich zwei Interpretationen und hier noch eine dritte. Ich war genau so schlau wie zuvor, ich verstehe es nicht wirklich. Ich halte mich lieber an Sir Thomas Wyatt. Der war hier schon mit einem berühmten Gedicht in dem Post Anne Boleyn, ein Post, der über siebentausend Leser gefunden hat. Das Gedicht wird noch einmal in dem Post Zähmung erwähnt, weil es in einer Folge von Inspector Lewis vorkommt.

Bei Wyatt bewege ich mich auf gesichertem Terrain, bei dem Gedicht von Amis nicht. Und deshalb offeriere ich heute lieber ein Gedicht von Wyatt:

Love and Fortune and my mind, rememb’rer
Of that that is now with that that hath been,
Do torment me so that I very often
Envy them beyond all measure.

Love slayeth mine heart. Fortune is depriver
Of all my comfort. The foolish mind then
Burneth and plaineth as one that seldom
Liveth in rest, still in displeasure.

My pleasant days, they fleet away and pass,
But daily yet the ill doth change into the worse,
And more than the half is run of my course.

Alas, not of steel but of brickle glass
I see that from mine hand falleth my trust,
And all my thoughts are dashed into dust.


Ich habe zu dem Gedicht auf einer interessanten Seite zu englischen Sonetten eine deutsche Übersetzung von Wolfgang Riedman. Und da wir bei Übersetzungen sind, muss ich noch eben einen anderen Text zitieren:

Amor, Fortuna et la mia mente, schiva
di quel che vede e nel passato volta,
m’affligon sí, ch’io porto alcuna volta
invidia a quei che son su l’altra riva.

Amor mi strugge ’l cor, Fortuna il priva
d’ogni conforto, onde la mente stolta
s’adira et piange: et cosí in pena molta
sempre conven che combattendo viva.

Né spero i dolci dí tornino indietro,
ma pur di male in peggio quel ch’avanza;
et di mio corso ò già passato ’l mezzo.

Lasso, non di diamante, ma d’un vetro
veggio di man cadermi ogni speranza,
et tutti miei pensier’ romper nel mezzo.

Das ist ein Gedicht von dem italienischen Dichter Francesco Petrarca, und wenn Sie Google Translate oder DeepL bemühen, werden sie sehen, dass Wyatts Gedicht wenig anderes als eine Übersetzung von Petrarca ist. Wyatt und Edmund Spenser haben die Zauberformel der Liebeslyrik der Renaissance nach England importiert. Der Romanist Ernst Robert Curtius, der in seinem Buch Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter die Formelhaftigkeit der Lyrik untersucht hat, spricht hier ganz lapidar, von der Pest des Petrarkimus. Die breitet sich jetzt über ganz Europa aus. Dichter machen es sich leicht, griffige Formeln ersparen es, über Frauen und Schönheit nachzudenken. Außer William Shakespeare, der macht im Sonett 130 den ganzen Petrarkismus lächerlich.

Mittwoch, 15. April 2026

Bettler


Der englische Dichter und Kulturkritiker Matthew Arnold, der am 15. April 1888 starb, war schon einige Male in diesem Blog. Es gibt schon einen Post Matthew Arnold, den Post Elegie, und sein berühmtestes Gedicht Dover Beach findet sich in dem Post Unsere Marine. Alle Posts wurden an einem 15. April geschrieben. Die schöne deutsche Übersetzung von Dover Beach von Walter A. Aue, auf die ich damals hinwies, ist leider verschwunden, findet sich aber an anderer Stelle wieder. Heute habe ich zum vierten Mal ein Gedicht von Arnold an seinem Todestag. Das Sonett heißt West London, es findet sich in seinen New Poems von 1867.

West London

Crouch'd on the pavement close by Belgrave Square
A tramp I saw, ill, moody, and tongue-tied;
A babe was in her arms, and at her side
A girl; their clothes were rags, their feet were bare.
Some labouring men, whose work lay somewhere there, 
Pass'd opposite; she touch'd her girl, who hied
Across, and begg'd and came back satisfied.
The rich she had let pass with frozen stare.
Thought I: Above her state this spirit towers; 
She will not ask of aliens, but of friends,
Of sharers in a common human fate.
She turns from that cold succour, which attends
The unknown little from the unknowing great, 
And points us to a better time than ours.

Dieses Photo von John Thomson hat Arnold nicht gekannt, als er sein Gedicht schrieb. Es erschien erst zehn Jahre später in einer Monatsschrift mit dem Titel Street Life in London, für die Adolphe Smith Headingley die Texte schrieb. Es war nicht die erste Sozialreportage. Headingley weist darauf hin, dass es schon das Buch London Labour and the London Poor von Henry Mayhew gegeben hat. Beide Publikationen erscheinen ein Jahrzehnt früher als das berühmte How the Other Half Lives von dem amerikanischen Photographen und Sozialreformer Jacob Riis (hier die Photos). The problem of our age is the proper administration of wealth, so that the ties of brotherhood may still bind together the rich and poor in harmonious relationship, hat Andrew Carnegie in einem Essay mit dem Titel The Gospel of Wealth gesagt. Die harmonious relationship gibt es in dem Gedicht von Arnold nur unter den Armen: She will not ask of aliens, but of friends, Of sharers in a common human fate. 

Arnolds Gedicht heißt West End, und damit sind wir im feinen Teil von London. Das sind Ortsteile wie Chelsea, Knightsbridge (wo Harrod's sitzt) und Notting Hill, wo Julia Roberts herumläuft. Aber vor der Gentrifizierung gab es da ein anderes Notting Hill, einen Ort der Rassentrennung und der Straßenkämpfe. Wir können aus dem Roman The French Lieutenant’s Woman von John Fowles entnehmen, dass das London der viktorianischen Zeit voller Prostituierten ist. Aber es ist auch voll von Bettlern, auch im feinen West End. Die es vielleicht in a better time than ours nicht mehr geben wird. Vielleicht. Die Frau eines Schneidermeisters mit dem Kind auf dem Photo von 1877 bettelte, weil ihr Mann gestorben war und sie keine Arbeit fand. Heute wird noch im West End gebettelt, aber das ist zu einem kriminellen Geschäft geworden.

Das Sonett von Arnold ist von dem amerikanischen Komponisten Charles Ives vertont worden. Ives wird hier schon in den Post Stars and Stripes Forever und strange music erwähnt. Das Lied ist von zahlreichen Sängern gesungen worden. Ich habe West End, das sich auch auf der Hyperion CD A song for everything findet, hier von Dietrich Fischer-Dieskau gesungen.

Dienstag, 14. April 2026

in vino veritas


Der Mann, der heute vor 195 Jahren geboren wurde, war schon einige Male in diesem Blog. Das liegt daran, dass ich aus dem gleichen Ort wie er komme und mein Gymnasium seinen Namen trug. Die Straße, die quer durch unseren Ort führt, trägt auch seinen Namen. Sein Geburtshaus steht nicht mehr, aber an dem Neubau ist ein Schild, auf dem Afrikaforscher Gerhard Rohlfs steht. Vor einhundertfünfzehn Jahren wollte man im Ort ein riesiges Denkmal errichten, das den ehemaligen Konsul von Sansibar als Kamelreiter zeigte, aber den Plan hatte man fallengelassen. Das Londoner Victoria & Albert Museum besitzt ein Photo von dem Entwurf des Bildhauers Kurt Edzard. Jetzt gibt es für Rohlfs seit 1961 ein Denkmal von dem Bremer Bildhauer Paul Halbhuber. Eine beinahe fünf Meter hohe Bronzesäule, auf deren Reliefs Bilder seiner afrikanischen Reiseerlebnisse zu sehen sind. Sie können hier den ✺Künstler bei der Vollendung seines Werks sehen. 

Alles zu dem Afrikaforscher aus Vegesack finden Sie in den Posts: Gerhard RohlfsSansibarAfrikaorientalischEmily RueteDie Prinzessin von SansibarStraßenzeitschrift. Und ein Gedicht zu Rohlfs habe ich heute auch, ein kleines satirisches Gedicht von Ferdinand Freiligrath. Ich zitiere daraus einmal die erste Strophe: 

Bei Tunis und weiter südlich,
Querhin durch Afrika,
Da ist es ungemütlich,
Heiß brennt die Sonne da.
Das Land ist sandig und dürre,
Man nennt das Wüstenei;
Der Vogel Strauß, ganz kirre,
Legt häufig dort ein Ei.

Den Rest des Gedichts von Freiligrath aus dem Jahre 1875 können Sie hier lesen. Das Gedicht hat den seltsamen Titel Zur Feier der abermaligen Aufweichung des berühmten Afrikareisenden Gerhard Rohlfs in der Neckarsulmer Aufweichungs-Anstalt für eingetrocknete Wüstenpilger. Das ist erklärungsbedürftig, sehr erklärungsbedürftig. Die Seite der Gesellschaft für Geschichte des Weines e.V. hilft uns da weiter. Dort können wir nämlich über Freiligraths Freund, den Neckarsulmer Oberamtsrichter Wilhelm Ganzhorn, lesen:

Ganzhorn war ein begeisterter Weinliebhaber. Im Garten des Neckarsulmer Oberamtsgerichts und in einem gepachteten Weinberg baute er selbst Wein an. Er war Mitglied der Gesellschaft für Weinverbesserung und beteiligte sich 1873 erfolgreich mit mehreren Weinen an der Weltausstellung in Wien. Vor allem aber verstand er es, Freude am Wein zu vermitteln und zu teilen. Er brachte viele Persönlichkeiten seiner Zeit zusammen, wobei der Wein als verbindendes Element diente. Im Freundeskreis hatte er den Namen Der trinkbare Mann. Als besonderen Kellerschatz pflegte er ein Fass aus dem 1811er Kometenjahrgang, der freilich regelmäßig durch vorzügliche neuere Jahrgänge aufgefrischt wurde. G. bezog regelmäßig Weine von den besten Erzeugern, die er im Keller des Oberamtsgerichts ausbaute. Dorthin lud er Dichterfreunde und Honoratioren ein, um die Weinkultur zu zelebrieren, mit Gesang, Gedichten, Kellerumzügen und schauspielerischen Einlagen. Weingenuss war für ihn Anregung, bereicherte das Lebensgefühl und steigerte die geistige Empfänglichkeit. Sein Musenkeller übte überregional eine starke Anziehungskraft aus. 1870 war der berühmte Afrikaforscher Gerhard Rohlfs (1831-1896) zu Gast. Daraufhin begründete G. im Neckarsulmer Oberamtsgerichtskeller die Aufweichungsanstalt für Afrikareisende, um ausgetrocknete Forscher nach heißer Wüstenfahrt zu akklimatisieren. Neben Rohlfs ließen sich dort auch Karl Mauch (1837-1875) und Gustav Nachtigal (1834-1885) behandeln – vorzugsweise mit Kometenwein.

Das Gedicht auf den in der Wüste vertrockneten Afrikaforscher, der im Ganzhornsche Weinkeller mit Wein wieder aufgeweicht wird, ist also nichts als ein literarischer Scherz, mit dem Freiligrath seinem Freund Ganzhorn (die beide alte 1848er waren) eine kleine Freude machen wollte. Und das Gedicht  ist bestimmt im Weinkeller zum ersten Mal vorgetragen worden. Ganzhorn war übrigens selbst ein Dichter, ein klein wenig auf jeden Fall. Denn seit den Studententagen hat er Gedichte geschrieben. Nicht so viele haben überlebt, einen Text kennen wir aber alle. Weil wir es für ein altes Volkslied halten, aber es war Wilhelm Ganzhorn, der 1851 ✺Im schönsten Wiesengrunde schrieb. Habe ich natürlich auch hier, gesungen von Rudolf Schock.

Montag, 13. April 2026

Gedichte in Prosa


Emil Servatius Gött, der am 13.4.1908 im Alter von vierundvierzig Jahren in Freiburg starb, hatte mal eine gewisse Berühmtheit. Er war Vegetarier und Anhänger der Lebensreform Bewegung, er hatte ein kleines Landgut gekauft, das er ökologisch bewirtschaftete. Gött war ein Freund von dem berühmten Emil Strauß, der nach Götts Tod auch seine Gedichte herausgab. Ob die heute noch Bestand haben, weiß ich nicht. Aber seine Aphorismen, die 1911 bei Beck in München erschienen sind, werden von Literaturkritikern immer wieder erwähnt. Götts Gedichte sind auch im gleichen Jahr bei Beck erschienen. Ich picke mir mal eins heraus, das sich unter der Unterschrift Gedichte in Prosa bei seinen Gedichten findet. So etwas hatten wir hier noch nicht. Gött ist nicht der erste und nicht der letzte, der Prosagedichte geschrieben hat, aber heute soll uns dieses Liebesgedicht genügen:

Dein Auge, Mädchen . . .

Dein Auge, Mädchen, hat etwas Suchendes, aber es hüpft nicht unruhig umher, sondern es wartet. Es gleicht einer Blüte, die befruchtet sein will. Sie öffnet sich weit, durstend nach dem Trank, den sie nicht sieht, nicht einmal kennt, den sie nur erwartet, sie strahlt ihm entgegen, aber sie läuft nicht hin und her.

Deine Hand hat etwas Tastendes; auch sie sucht; aber sie streichelt nur über die Dinge, sie kennt nicht den harten Griff, der den Affen und seinen Vetter kennzeichnet.

Dein Mund hat etwas Horchendes; er schwatzt nicht viel; er ist glücklich, wenn er plaudern darf – am liebsten über Dinge, die etwas Verschwiegenes an sich haben, an schämig sich enthüllende Rätsel rühren; er ist aber auch zufrieden, wenn er schweigen kann. Er horcht dann mit dem feinen Ohre zusammen. Nein, es horcht dann alles: Ohr, Auge, Mund und Hand, und unter der blassen Haut schimmert eine sanfte Glut.

Ich möchte dir sagen, daß ich dich darum liebe – aber ich darf es nicht, darf diese Glut nicht dunkler färben. Doch ich sehne mich vielleicht mehr als du nach dem Augenblick, wo du die Arme in seligem Zittern um den Nacken eines geliebten Mannes werfen darfst. Nicht

um den meinen!