In der Vergrößerung können wir es sehen, das Boot hat am Heck einen Schaufelradantrieb. Im Jahr 1906 keine technische Neuerung, aber zweihundert Jahre vorher eine Sensation. Denn das Denkmal, das dem Erfinder Denis Papin (1647–1712) geweiht ist, steht vor dem Ottoneum, wo Papin zweihundert Jahre zuvor dem hessischen Landgrafen die von ihm erfundene Dampfmaschine vorgeführt hatte. Der dabei verwendete →Druckzylinder ist heute im Ottoneum.
Mit seinem ersten kleinen Dampfschiff war Papin am Sonnabend, dem 24. September 1707 auf der Fulda von Kassel nach Münden (heute Hannoversch-Münden) gefahren war. Er wollte am nächsten Tag auf der Weser bis Bremen weiterfahren, aber in der Nacht haben ihm die Mitglieder der Mündener Schiffergilde das Boot zerkloppt. Sie kannten zwar Rilkes Satz Alles Erworbne bedroht die Maschine noch nicht, aber dass dieser kleine Schaufelraddampfer schlecht für ihr Geschäft war, das hatten sie schon gemerkt. Der Maler Rudolf Siegmund hatte ein Wandgemälde dieses Ereignisses geplant, aber davon existiert leider nur eine →Skizze.
Der geniale Erfinder →Denis Papin, der den Schnellkochtopf erfunden und auch ein U-Boot gebaut hat, ist heute so gut wie vergessen. Der letzte Brief von Dr Papin aus dem Jahr 1712 an den Sekretär der →Royal Society schließt mit den Worten: Ich bin in einer traurigen Lage, selbst wenn ich das Beste leiste, ziehe ich mir nur Feindschaft zu. Doch sei wie ihm wolle, ich fürchte nichts, denn ich vertraue auf Gott, der allmächtig ist. Das stand hier schon im Jahre 2010 in dem Post Dampfschiffahrt, und der aus Frankreich vertriebene Hugenotte, der in Marburg Professor für Mathematik wurde, war schon mehrfach in diesem Blog.
Das Andenken an den →Erfinder, diese Allegorie des technischen Fortschritts, rief in Kassel, das einmal die Hochburg des Pietismus gewesen war, einige Empörung hervor. Die Nacktheit des bronzenen Jünglings erschien manchen eine moralische Gefährdung der Bevölkerung. Vor allem der Sittlichkeitsbund vom Weißen Kreuz, der seit 1894 eine eigene Zeitschrift hatte, sah sich als deutscher Sittenwächter. In den Zeitungen wurden Meldungen lanciert, wonach innerhalb von zehn Tagen seit der Einweihung des Denkmals ein Anstieg der sexualisierter Gewalt in Kassel festgestellt worden sei. Und dass die Zahl der außerehelichen Geburten in Kassel gestiegen sei. Also dieser ganze Unsinn, den man heute in den sogenannten sozialen Medien findet.
Es gibt noch keine Freiheit der Kunst, seit Wilhelm II 1900 dieses umstrittene Gesetz erlassen hat, kann dargestellte Nacktheit strafbar sein. Künstler und Schriftsteller wenden sich gegen das Gesetz, und diese Karikatur bringt die Sache auf den Punkt. Der Schriftsteller Edgar Steiger veröffentlichte im Simplicissimu ein satirisches Gedicht, das den Titel Der Papin-Brunnen: Aus dem Liederbuch des 'Weißen Kreuz-Ordens' zu Kassel hatte.
Ein nackter Jüngling – ha! Wie wird mir?
Ich spür’s, das ist der Sünde Fluch.
Es kocht das Blut, das Auge flirrt mir –
Man gebe mir ein Taschentuch!
Bedeck’ ich nicht das Unsagbare,
So garantier’ ich – ach! – für nichts.
Die Unschuld meiner sechzig Jahre
Wird Gegenstand des Schwurgerichts.
Zwar gab’s unehliche Geburten
In Kassel schon an zehn Prozent;
Doch wenn sie deshalb mich verknurrten,
Wär’ schuld das Brunnenmonument.
Den schlimmen Brauch, nichts anzuhaben,
Erfand (der Teufel war im Bund!)
Zum Fallstrick für uns alte Knaben
Praxiteles, der Griechenhund.
Sieht nun ein Christ auf seinen Wegen
Solch heidnisch Aergernis, – o Pein! –
Beginnt sich plötzlich was zu regen,
Und er erkennt, daß er ein Schwein!
Drum auf du keuscher, deutscher Michel!
Zum Bildersturm! Nur nur nicht geniert!
Hat Kronos selber mit der Sichel
Den eigenen Vater doch kastriert!
Es kocht das Blut, das Auge flirrt mir –
Man gebe mir ein Taschentuch!
Bedeck’ ich nicht das Unsagbare,
So garantier’ ich – ach! – für nichts.
Die Unschuld meiner sechzig Jahre
Wird Gegenstand des Schwurgerichts.
Zwar gab’s unehliche Geburten
In Kassel schon an zehn Prozent;
Doch wenn sie deshalb mich verknurrten,
Wär’ schuld das Brunnenmonument.
Den schlimmen Brauch, nichts anzuhaben,
Erfand (der Teufel war im Bund!)
Zum Fallstrick für uns alte Knaben
Praxiteles, der Griechenhund.
Sieht nun ein Christ auf seinen Wegen
Solch heidnisch Aergernis, – o Pein! –
Beginnt sich plötzlich was zu regen,
Und er erkennt, daß er ein Schwein!
Drum auf du keuscher, deutscher Michel!
Zum Bildersturm! Nur nur nicht geniert!
Hat Kronos selber mit der Sichel
Den eigenen Vater doch kastriert!
Der Aufruf zur Kastration ist natürlich Satire, aber wenige Jahre zuvor war das am Elberfelder Neptunbrunnen schon Realität gewesen. Lesen Sie mehr in dem Artikel →Zuviel Gemächt' am starken Geschlecht der Kunsthistorikerin Doris Lehmann. Die gehen da in Wuppertal etwas seltsam mit der Kunst um. Henry Moores Die Sitzende wurde 1959 geteert und gefedert. Da kann die Bildhauerin Margret Middell noch glücklich sein, dass ihre große Sitzende in Magdeburg nur vergoldet wurde. Der Praxiteles, der Griechenhund, ist schuld, sagt uns ironisch Edgar Steiger. Michelangelo natürlich auch. Die Queen Victoria war über die Gipskopie des David im Victoria & Albert Museum so entsetzt, dass man für royale Besuche dieses →Feigenblatt anfertigte (lesen Sie dazu mehr bei →Franziska Lampe). Wir mögen heute darüber lachen, aber im März 2023 wurde die Schuldirektorin →Hope Carrasquilla in Florida wegen angeblicher Pornographie zum Rücktritt gezwungen, weil sie ihren Schülern im Kunstunterricht ein Foto von Michelangelos Statue gezeigt hatte. Das Motto ihrer Schule ist: Know the True. Do the Good. Love the Beautiful.


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