Dienstag, 29. September 2026

The Citizen

Das sieht man selten, eine Citizen Uhr, ein Vierteljahrhundert alt, in der Originalverpackung. Sammler und Händler nennen so etwas neuerdings full set, alles, was englisch klingt, treibt den Preis nach oben. Vor allem, wenn auch noch hangtag dabeisteht. Die Bedienungsanleitung für die Uhr ist hier (unten links) auch dabei. Und das war etwas, was mich vom Kauf dieser Uhr vor Jahren abschrecken ließ. Denn die →Bedienungsanleitung, die sich auch im Internet findet, ist 47 Seiten lang. Ich blieb aber mit dem Händler in Verbindung und gab ihm die Adresse von meinem Uhren Blog, der den schönen Namen Tickendes Teufelsherz hat. Ein Blog, den inzwischen sogar Googles KI kennt: In der modernen Uhrenszene ist Tickendes Teufelsherz zudem der Name eines bekannten, literarisch angehauchten Uhren-Blogs des Anglisten Jay, auf dem hochwertige Artikel über Horologie und Uhrengeschichte veröffentlicht werden.

Fünfundsechzig Jahre nach der Firmengründung im Jahre 1930 durch die Herren Yamazaki, Nakajima und Suzuki brachte die Firma Citizen ein neues Luxusmodell heraus, das den Namen →The Citizen hatte. Den Namen gibt es heute immer noch, Citizen bietet darunter qualitativ hochwertige teure →mechanische Uhren und Quarzuhren an. Die ersten Modelle von The Citizen konnte man wahlweise mit Stahl- oder Lederband bekommen. Ab dem Jahr 2000 hatten die Uhren ein integriertes Stahlband und sahen so aus wie diese hier. In den Uhren war das Wunderwerk Kaliber A660, 17 Sreine, Thermokompensation. Ein Werk, das die Grand Seiko mit dem →9F Werk alt aussehen ließ. Weil es nicht nur eine Genauigkeit von ±5 Sekunden im Jahr hatte, sondern auch noch einen ewigen Kalender bis zum Jahr 2100 besaß. Um den zu programmieren, braucht man schon die 47-seitige Bedienungsanleitung. Die Uhr kann vom ✺28. Februar auf den 1. März schalten, zwischen Sommerzeit und Winterzeit kann sie allerdings nicht unterscheiden. Aber man kann die ✺Stunden verstellen (auch für eine zweite Zeitzone), während der Sekundenzeiger weiterläuft.

Die Uhr ist 37 mm groß, mit der verschraubten Krone und dem Flankenschutz kommt sie auf 40 mm. Sie wiegt mit dem Stahlband hundert Gramm. Sie hat ein beidseitig entspiegeltes Saaphirglas. Das Zifferblatt bezeichnete die Firma im Jahr 2000 als champagnerfarben, es gab die Uhr damals auch mit dunkelblauen Zifferblatt. Die Uhr hat Schwertzeiger, die mit Leuchtmasse gefüllt sind. Die leuchten nachts immer noch. Die Quarzuhr ist kein Batteriefresser, laut Werksangabe soll die Batterie fünf Jahre halten.

Die Uhr hat einen Schraubboden, auf dem man lesen kann, dass sie 200 Meter wasserdicht ist und im Jahr 2002 hergestellt wurde. Und dann steht da noch der englische Satz Close to the Hearts of People Everywhere. Bei der Markteinführung des Modells konnten die Kunden von Citizen lesen: This is the first quartz watch to feature a perpetual movement, achieving an annual accuracy of ±5 seconds. The Citizen movement truly achieves an annual accuracy of ±5 seconds. To meet this strict standard, a movement exclusively for The CITIZEN was developed. Typical quartz watches have a monthly accuracy of about ±15 seconds. Quartz movements are easily affected by temperature and humidity, and their accuracy is affected by the user's environment. Under these conditions, The CITIZEN has achieved an annual accuracy of ±5 seconds. 

Only three craftsmen certified as The CITIZEN Meisters are able to assemble these unprecedented high-precision watches. The CITIZEN Meister title is given exclusively to those qualified as watch repair technicians, and refers to veteran watchmakers with exceptional knowledge and skills. Each Meister is responsible for a single movement. Skilled hands meticulously assemble up to 65 individual units and precision components, a task that cannot be accomplished by machines or automation. Man kennt in Japan offenbar das deutsche Wort Meister. Nur drei Uhrmacher sind in der Lage, dieses Werk herzustellen, beim Konkurrenten Seiko sind es angeblich zwei Uhrmacher, die das Kaliber 9F bauen.

2005 bekam die Uhr einen neuen Namen. Gehäuse und Werk blieben gleich, aber auf dem Zifferblatt stand jetzt Chronomaster, und den Gehäuseboden zierte ein →Adler. Den hatte es in den sechziger Jahren schon einmal auf einem Citizen →Chronometer gegeben: In the 1960s, Citizen developed the Chronomaster, a watch that was a source of pride for the brand. It was Citizen's first wristwatch to receive the "Swiss Chronometer Superior Class" certification. As proof of the high precision of the new "The CITIZEN," the Chronomaster designation and Eagle logo from that time have been reproduced and engraved on the dial and case back. It is a symbol of our confidence and pride. Bis 2005 war The Citizen ein reines JDM Produkt (Japanese Domestic Market) mit limitierter Produktion (pro Modell gab es nur tausend Uhren im Jahr), jetzt wollte man expandieren. Allerdings erwies sich der Name Chronomaster als hinderlich. Denn in Amerika war der schon als Markenname für die Firmen Croton (die der Nivada in Grenchen gehörte) und Zenith registriert.

Heute liefert die Firma keine ✺Chronomaster mehr. Die Luxuslinie heißt aber weiterhin The Citizen. Die ✺Uhren sind jetzt aus →Super Titan, mit Duratect beschichtet, und haben einen Adler auf dem Zifferblatt und dem Gehäuseboden. Die Werke haben noch die Genauigkeit des A660, brauchen aber keine Batterie mehr, weil sie den von Citizen entwickelten →Eco-Drive haben. Das Zifferblatt dieser Uhr ist aus dem →japanischem Washi-Papier, das läßt das Licht für die Photozellen der Uhr durch. Dass die Japaner Zifferblattfetischisten sind. habe ich schon mal in meinem Blog erwähnt. Preislich liegen die Uhren bei 3.300 Euro. Die Uhren aus der Zeit von 2000 bis 2005 kosteten damals knapp unter 2.000 Euro. Das war doppelt soviel, was eine →Grand Seiko mit dem Twin Quartz Werk 1978 gekostet hatte, war aber geringer als der Preis der Grand Seiko, die Seiko 1993 mit dem Kaliber 9F wieder auf den Markt gebracht hatte. 

Neue Uhren interessieren mich nicht so sehr. Was der Sammler sucht, ist etwas Seltenes. Citizen ist der größte Uhrenhersteller der Welt, der Luxusmarkt war nicht ihre Sache. Den Namen Citizen hatte der Vorläufer der Firma 1924 von dem Grafen Gotō Shinpei bekommen. Uhren, die bisher ein Luxusprodukt waren, sollten jetzt etwas für den Bürger Erschwingliches sein. Daran hielt sich die Firma, den Luxusmarkt überließen sie der Firma Seiko, die mit der Grand Seiko und der Superior dort zu Hause waren. In den 1960er Jahren hatte Citizen in kleiner Zahl →Chronometer gebaut, gab das aber schnell wieder auf. Mit The Citizen bauten sie die genaueste Uhr der Welt, vermarkteten das aber schlecht: It is likely that the branding of The CITIZEN was deemed too difficult to explain to the market and without the long term local market brand awareness this decision makes sense. It would have been more logical to introduce The CITIZEN models under the Chronomaster branding but unfortunately this was not an option for the USA market. Heute haben Sie mit The Citizen eine der weltbesten Uhren, träumen aber von einer neuen Kollektion; As 2025 will be the 30th anniversary of The CITIZEN, and we continue to see the brand expand into international markets, it will be interesting to see if Citizen takes this occasion to rebrand the collection to something a little more search and marketing friendly with a new collection name.

Als ich die Uhr vor Jahren bei kleinanzeigen zum ersten Mal sah, wusste ich, dass das etwas ganz Seltenes war. Aber brauchte ich sie wirklich? Als die Uhr eines Tages verschwand, trauerte ich ihr nicht nach. Meine Citizen Exceed blieb vorerst die beste Citizen. Obgleich witzigerweise die Citizen Crystron, die kein besonderes Werk besaß, auch supergenau war. Ein Citizen Fachmann hat mir vor Jahren einmal gesagt, dass Citizen Quarzuhren immer genauer als die Werksangabe seien. The Citizen tauchte bei kleinazeigen wieder auf und verschwand wieder, der Preis war etwas kleiner geworden. Als sie letztens wieder da war, machte ich dem Verkäufer ein Angebot, das einen Hunni unter seinem Preis lag. Er sagte, er würde gerade in den Urlaub fahren, da würde er mal drüber nachdenken. Ich wünschte ihm einen schönen Urlaub. Als er aus dem Urlaub zurückkam, verkaufte er mir die Uhr. Wenn der nette Mann aus München sie noch einmal sehen will, sie ist jetzt in diesem Post. Ist wahrscheinlich die einzige in Deutschland. Ist sicher Close to the Hearts of People Everywhere, die von dieser Uhr träumen. 

Sonntag, 27. September 2026

The Missfits


Nein, das ist kein Tippfehler, das soll wirklich so heißen. Den Film The Misfits gab es hier schon einmal, heute müssen wir mal eben über Helma Langanke reden. Helma Langanke ist kein Alter Ego, aber ich mag sie sehr. Privat trink ich auch Alkohol, aber eigentlich nur Rotwein im Winter und Weißen im Sommer. Bier nur bei Fahrradtouren und Weißweinschorle nur, wenn es sonst nix Leckeres gibt. Rosé sehr selten. Trinken ist ne Wissenschaft. Älter werden ist natürlich ein Thema, auch privat. Meistens vergesse ich es, weil ich so viel zu tun habe oder weil andere Dinge wichtiger sind. Aber dann, ganz plötzlich, kommt mir ein Spiegel in die Quere und ich denke: Huch! Ach ja, klar, du bist ja älter als vor 10 Jahren. Und natürlich beim Extrem-Creming unter der Dusche, wenn ich die Problemzonen so sehe, dann fällts mir auch wieder ein. Aber sonst? Isses eigentlich gut so. Ich finde, ich werde netter, je älter ich werde, und wenn das so weiter geht, bin ich mit 70 total gut drauf! Punkte in Flensburg und schlechte, teure Fotos, die man von mir und meinem Bus auf der Bahn geschossen hat, sind auch im richtigen Leben mein Problem. Ich bin einfach zu schnell für die Autobahnen. Aber drink and drive is nicht!!! So stellt sich uns eine Schauspielerin vor, die in der Kabarettnummer →Lappen weg – Frauen ohne Regeln die Studienrätin Helma Langanke (im Photo oben links) spielt.

Vier Frauen ohne Führerschein im Ruhrgebiet, Fahren ohne Führerschein – Leben ohne Führer – Lieben ohne Schein stand noch auf dem →Programm. Sie wissen natürlich, dass Helma Langanke in Wirklichkeit →Gerburg Jahnke ist. Ihr Schwester Jutta (unten rechts) spielt die Polizistin Ellen Weiss. Lappen weg war für Gerburg Jahnke nach zwanzig Jahren ✺Missfits ein Neuanfang. Sie ist noch immer im Geschäft, wenn man einmal ganz schlimm Feminismus hatte, geht das nie wieder weg.

Als sie die Helma Langanke spielte, schrieb sie in ihr →Tagebuch: 20 jahre lang war ich eine missfits – oder läßt man das s am ende weg in der einzahl? was in dieser zeit passiert ist, hat mich geprägt und erwachsen werden lassen. gut so! davor habe ich einen fast üblichen bildungsweg eingeschlagen: geboren in osterfeld. ja, das ist ein stadtteil von oberhausen und außerdem ist es osterfeld. vater untertage, großvater auch, aber ich war ein mädchen. später gymnasium – erst eins und nach dem rausschmiß halt ein anderes. dann das studium.ich hatte die absicht, kunstlehrein zu werden, war an der akademie in düsseldorf und münster und habe außerdem germanistik studiert. tagsüber aktzeichnen, abends trinken, rauchen, reden – ein wunderbares studium. schon als studentin habe ich angefangen, in verschiedenen schulen zu unterrichten und bald war zumindest klar, was ich nicht wollte: lehrerin werden! also folgte dem ersten staatsexamen kein zweites. Da sind wir aber dankbar, dass sie das geworden ist, was sie ist.

Ich war von Anfang ihrer Karriere an ein Fan von ihr, weil der WDR dankenswerterweise alles von den Missfits übertrug; ich habe sogar ihre Bücher im Regal stehen. Und ich bin YouTube dankbar, dass man Gerburg Jahnke und Stephanie Überall immer wieder sehen kann. Falls Sie die beiden nicht kennen sollten, schauen Sie ✺hier doch einmal hinein. Nicht jedem haben ihre Programme gefallen, in der Taz stand 1993 ein humorloser Verriss von der Seereise der Missfits. Das wird Gerburg Jahnke nicht mehr interessieren, sie ist gerade ausgezeichnet worden. Nicht mit irgendeinem Kleinkunstpreis, die hat sie schon alle. Diesmal war es vor drei ✺Tagen das Bundesverdienstkreuz, den ihr der Bundespräsident überreichte. Ich finde, das hat sie verdient. Die schrille gelbe Hose hat sie sich nicht für diesen Anlass gekauft, die hatte sie schon vor →Jahren. Für Interessenten von Damenmode: die Hose ist wahrscheinlich von Essentiel Antwerp.

Mittwoch, 23. September 2026

Bergmans Schweigen


In dem Internetlexikon Wikipedia findet sicht für den 23. September der Satz: 1963: Die Uraufführung des Films Das Schweigen von Ingmar Bergman gerät wegen sexueller Darstellungen zum Skandal. Das ist ein Satz, den man cum grano salis nehmen muss. Es gab scharfe Kritiken in den Zeitungn, Beschwerden beim Ombudsmann, Fragen im Parlament, aber von einem Skandal bei der Uraufführung können wir nicht unbedingt reden. Den Skandal haben wir ein Jahr später in Deutschland, wo der Film (mit Ausnahme von ✺Bernkastel) ebenso wie in Schweden ungeschnitten gezeigt wurde

Fünfzig Jahre nach der Uraufführung schrieb ein damals noch nicht so bekannter Blogger, der in seiner Jugend davon geträumt hatte, Filmkritiker zu werden, in seinem Blog SILVAE über den schwedischen Film ✺Das Schweigen einen Post. Der in den Jahren danach über fünftausend Mal gelesen wurde. Also damals, als das noch echte Leser und keine KI Bots waren. Mehr Leser hatte der Post Britt Ekland im Jahre 2010, der erste Post, der mehr als zehntausend Leser hatte. Wenn ich den Post über Bergmans Film jetzt noch einmal wieder einstelle, dann bekommt der vielleicht auch so viel.

Regt sich heute noch jemand auf? Vor genau fünfzig Jahren schon, da kam Ingmar Bergmans Film Das Schweigen ins Kino. Schwarzweiß, drei Personen, zwei Frauen und ein kleiner Junge, eine fremde Stadt, geheimnisvolle Räume, kaum Handlung. Ein typischer Bergman Film. Hervorragend photographiert, ein Filmkunstwerk. Aber das Filmkunstwerk interessierte die deutsche Öffentlichkeit kaum, irgendwie war das für uns Schweinkram. Der kam ja immer aus Schweden.

Was hatte man sich nicht zwölf Jahre zuvor über die Nacktszene mit Ulla Jacobsson in ✺Sie tanzte nur einen Sommer aufgeregt. Der Untergang des Abendlands schien gekommen. Das mit poetischen Bildern und maßvoller Freizügigkeit für die freie Liebe eintretende Filmdrama erregte durch eine für seine Zeit unübliche Nacktszene moralische Entrüstung und wurde dadurch zum Publikumserfolg, schreibt heute das International Filmlexikon, das der katholischen Kirche nahesteht. Man möchte nicht wissen, was die katholische Kirche damals sagte. Wenn Sie doch alles über die Rezeption des Films wissen wollen, lesen Sie hier von →Claudia Beindorf 'Sie tanzte nur einen Sommer': Konstruktion und Rezeption von Stereotypen.

Bei den schwedischen Regisseuren schien die skandinavische Sommersonne, Mittsommernacht inklusive, in den fünfziger Jahren ständig. Ingmar Bergman dreht damals eine Reihe von Sommerfilmen wie Einen Sommer lang (1951), Die Zeit mit Monika (1953), Lektion in Liebe (1954) und Das Lächeln einer Sommernacht (1955), aber die regten niemanden auf. Doch Das Schweigen, das regte auf. Die Hexenjagden in Salem waren nichts gegen das, was jetzt im deutschen Blätterwald stattfand. Viele regten sich darüber auf, dass sich die Filmkritiker nicht genügend aufregten. So Marcel Reich-Ranicki in der Zeit, der sich weniger über die Nacktszenen enragierte als über die Verehrung von Ingmar Bergman: Wie dem auch sei: Ich protestiere nicht gegen Bergman und sein 'Schweigen'. Ich protestiere gegen die deutsche Bergmanie. Man will aus diesem Regisseur einen Heiligen machen, einen Gottsucher, einen Seher, einen Propheten. Er ist aber nicht mehr und nicht weniger als ein hochbegabter, wenn auch sehr überschätzter, raffinierter und bisweilen zynischer Filmkünstler, ein Mann mit Routine und Instinkt für das Gängige. Nicht ihn muß man bekämpfen – nicht den Heiligen, sondern seine Narren.

Es regnete Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft. Sogar der Deutsche Bundestag beschäftigte sich am 19. März 1964 mit dem Film. Was wolle die Bundesregierung gegen unsittliche Filme und die augenscheinliche Lockerung der Spruchpraxis der Freiwilligen Selbstkontrolle unternehmen? Die Bundesregierung wolle keine Zensur, wie Bundesinnenminister Hermann Höcherl (CSU) versicherte, er hatte da aber eine etwas seltsame Begründung: Das Moment des Abschreckenden, Abstoßenden, des Schauderns vor tierischer Triebhaftigkeit scheint der Ausschuss als so beherrschend angesehen zu haben, dass eine etwaige spekulative Laszivität oder Schmuddligkeit dabei überdeckt wird. Peter M. Ladiges kommentierte das in der Zeit mit dem Satz: Nichts zeigt die innere Verlogenheit unserer bundesrepublikanischen Welt deutlicher als die Zustimmung jener Zensurstellen zu erotischen Szenen, nur weil sie unerotisch seien und Abscheu erregen. 

Es ging übrigens um 'Sexszenen', die zusammengezählt ganze 118 (in Worten: einhundertundachtzehn) Sekunden ausmachten. Bei einer Spielfilmlänge von 95 Minuten. Diese Relation beleuchtet sicher die groteske damalige Diskussion. Dieter E. Zimmer, der in der Zeit nach Reich-Ranicki das →Wort bekam, schrieb dazu: Und dann, mit wenigen Ausnahmen, diese sekundanerhafte Fixierung der Diskussion auf die drei Stellen manifestierter fleischlicher Lust und Qual — als bestehe der Film aus wenig mehr, als erschüttere er einen allgemeinen Glauben an den Klapperstorch.

Immerhin befand der Innenminister (oder sein Ghostwriter), dass der Film eine wichtige Aussage zur menschlichen Situation in unserer Zeit sei. Die Katholische Filmkommission (unterstützt erstaunlicherweise von dem Magazin Stern - eine seltsame Allianz), empfahl ihren Gäubigen, nicht in den Film zu gehen. Das ging nicht so weit, wie ein Pfarrer in Arnstein, der Jahre zuvor jeder Familie ein Jahr Gottesdienst verweigern wollte, die einen von der Katholischen Filmkommission als abzuraten (Note 3) oder oder gar abzulehnen (Note 4) eingestuften Film anguckte. Those were the days. Dem allen zum Trotz verlieh die Filmbewertungsstelle Wiesbaden das Prädikat besonders wertvoll und gab den Film ab 18 Jahren frei. In der Zeitschrift Filmkritik (in der schon Martin Ripkens und Wilfred Berghahn zuvor über den Film geschrieben hatten) hat Rainer Heynig 1965 unter dem Titel Bergmans 'Schweigen' und unsere Tabus die bundesrepublikanischen Reaktionen nachgezeichnet. Ähnliches verfolgte Joachim Schmidt-Sasse 1988 mit dem Artikel →Konturen eines Skandals. Seit 2006 gibt es im Internet eine →Zusammenfassung der kritischen Positionen von Philipp von Hugo.

Es sind jetzt überall Sittenwächter in Deutschland. 1957 wurde in Bad Godesberg ein →Verein zur Selbstkontrolle der deutschsprachigen Unterhaltungsliteratur gegründet, der als erstes versuchte, dem Rowohlt Verlag den Verkauf von James Mallahan Cains Roman The Postman Always Rings Twice zu verbieten. Dank des Gutachtens des renommierten Literaturprofessors Wilhelm Emrich konnte Rowohlt den Prozess gewinnen. Wir müssen bei der ganzen Frage der Zensur bedenken, dass erst mit dem Urteil im Fall Joseph Burstyn, Inc. v. Wilson im Jahre 1952 durch den Supreme Court in den USA dem Film Kunstfreiheit zugestanden worden war. In England wird erstaunlicherweise erst 1968 durch den Theatres Act die Macht des Lord Chamberlain aufgehoben, Theaterstücke zu zensieren.

Im Bereich des deutschen Films wurde auf Inititative eines Politikers namens Adolf Süsterhenn (den Heinrich Böll als Professor Lüsterhahn verspottete) die Aktion Saubere Leinwand gegründet. Denn wir wollen unsere Leinwände sauber haben, am besten ajaxsauber. Denn es kann nicht angehen, dass unter dem Deckmantel der Kunst die Leinwand beschmutzt wird. Die SPD Zeitung Vorwärts bemerkte über die Diskussion des Bergman Films, dass es zwar auch in anderen Ländern Aufregung gegeben hätte, daß es aber nirgendwo zu einer Debatte im Parlament kommt wie bei uns, zu wiederholten scharfen Erklärungen höchster kirchlicher Autoritäten, zu Boykottmaßnahmen, zu Verboten und gerichtlichen Auseinandersetzungen.

Die →Aktion Saubere Leinwand läßt vorbereite Erklärungen in Kirchen und Bürgermeisterämtern verteilen: Ich will nicht, dass mit der Unmoral Geschäfte gemacht werden können. (...) Wenn die Mitglieder der Selbstkontrolle nicht mehr wissen, wovor sie uns schützen sollen, dann sind sie fehl am Platze. Dann sollten sie durch Persönlichkeiten ersetzt werden, die zwischen Kunst und Pornografie zu unterscheiden verstehen. Die muss man nur noch unterschreiben und an die FSK schicken.

Der Regisseur selbst beteiligte sich nicht an dieser Diskussion, er sagte nur Über 'Das Schweigen' will ich überhaupt nicht diskutieren. Ich finde in dieser Diskussion ist der Film selbst meine einzige Antwort. Da will ich wirklich schweigen. Hatte er Wittgensteins Satz Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen gelesen? Die meisten Filmkritiker (und natürlich auch Reich-Ranicki, der kein Filmkritiker war) hatten gemerkt, dass es in diesem Film eigentlich um alles andere ging, aber nicht um Sex. Denn Das Schweigen war der dritte Teil zu dem, was Filmhistoriker heute Bergmans Glaubenstrilogie nennen: Wie in einem Spiegel (1961), Licht im Winter (1962) und eben Das Schweigen. Und das war unter dem Deckmantel der Kunst wahrscheinlich noch viel bedrohlicher als Sex. Das mit der Trilogie haben sich die Filmkritiker nicht ausgedacht, Bergman selbst hatte 1963 die Drehbücher unter dem Titel En filmtrilogi erscheinen lassen.

Den Anfang mit einer theologischen Interpretation hatte →Martin Ripkens gemacht: Worte und Bilder wie diese – offenbare Indizien der Einsamkeit, des Ekels und der Angst – fordern den Kritiker geradezu heraus, von Entfremdung zu reden. Ingmar Bergman aber hat mit diesem Begriff, zumindest solange wir ihn rein innerweltlich und rein gesellschaftsbezogen begreifen, nichts im Sinn. Ihm ist es zu tun um die Situation des Individuums in einer Welt, auf der das Schweigen Gottes lastet. Die Frage, die ihn quält, ist die Frage Christi am Kreuze: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Bergmans jüngsten Film anders zu verstehen, ist unmöglich. Jeder, der 'Wie in einem Spiegel' und 'Licht im Winter' gesehen hat, erkennt untrüglich, daß hier radikal alle Konsequenzen der beiden voraufgegangenen Werke gezogen werden. Nachdem 'Licht im Winter' uns mit einem Menschen konfrontierte, der sich verlassen fühlt von Gott, der nicht mehr glauben kann und doch so tut, als wäre sein Weltbild noch unzerbrochen – nach jener Herausforderung konnte nur noch dieser Film kommen. Das 'Schweigen' ist ein einziger Schrei und ein Skandal in des Wortes tiefster Bedeutung. Wir sind aufgefordert, zu entscheiden, ob dieser Schrei, dieser Skandal, uns angeht. Das war nun genau das, was Reich-Ranicki nicht haben wollte. Für ihn blieb Bergman ein überschätzter, raffinierter und bisweilen zynischer Filmkünstler.

Der Film brachte in Deutschland fast elf Millionen Zuschauer an die Kinokassen. Mich auch. Ich weiß noch genau, wie ich damals mit meiner blonden Freundin (die glatt für eine Schwedin hätte durchgehen können) an der Kasse des Kinos in der Böttcherstraße zwei Karten verlangte. Und erfuhr, dass die Vorstellung ausverkauft war. Und für die nächsten Wochen auch. Wir haben gelacht und sind in ein anderes Kino gegangen. Und haben ✺Liebe mit Zwanzig gesehen, passte irgendwie auch.

Zwanzig Jahre nach Das Schweigen kamen wieder massenhaft Schwedinnen auf die mehr oder weniger sauberen Leinwände. Aber da spielten nicht Bergmanns Lieblingsschauspielerinnen wie Bibi Anderson, Harriet Anderson oder Gunnel Lindblom. Da spielten blonde Französinnen wie Marianne Aubert, Jane Baker, Karine Gambier und Brigitte Lahaie die Hauptrollen. Und die spielten in Filmen, die 6 Schwedinnen von der Tankstelle, 6 Schwedinnen auf Ibiza, 6 Schwedinnen hinter Gittern und 6 Schwedinnen auf der Alm hießen. Produziert von einem Schweizer namens Erwin C. Dittrich. Keine Filmkunstwerke, nur Softpornos. Regten sich Reich-Ranicki und die katholische Kirche auf? Keine Spur, wir waren jetzt eine permissive society, die sexuelle Revolution hatte stattgefunden. Zu deren Vorreiter Ingmar Bergmans Film wohl ungewollt geworden war, obgleich er ansonsten nichts damit zu tun hatte. Es hatte sich übrigens schon im Jahre 1971 niemand mehr über den Film aufgeregt, als er zum ersten Mal im deutschen Fernsehen gezeigt wurde.

L' Enfer c'est les autres, heißt es in Sartres Huis Clos. Dieser Film ist Bergmans Version von Sartres Hölle. Du kannst es einfach nicht aushalten, wenn nicht alles lebenswichtig bedeutungsvoll ist. Wenn nicht alles mit tiefgründiger Absicht geschieht, sagt Anna zu ihrer sterbenden Schwester Ester. Vielleicht kann man den Satz mal dafür gebrauchen, um den Filmkritikern und selbsternannten Filmkritikern zu raten, auf dem Teppich zu bleiben. In England und Amerika ist die Diskussion des Filmes - wenn man die führenden Filmkritiker betrachtet - ganz anders gelaufen als hier. Einmal davon abgesehen, dass der Film aus kommerziellen Gründen für die Amerikaner bewusst und kalkuliert als schwedischer Sexfilm offeriert wurde, was man an diesem ✺Trailer sehr schön sehen kann. In dem Trailer sind übrigens beinahe alle Sexstellen des Films enthalten.

Mit der amerikanischen Filmkritikerin Pauline Kael verbindet mich eine Art Hassliebe. Doch manchmal kann man ihr nicht widersprechen. Und deshalb zitiere ich einmal, was sie im New Yorker im Jahre 1973 über Bergman schrieb: Bergman is not a playful dreamer, as we already know from nightmarish films like 'The Silence', which seems to take place in a trance. He apparently thinks in images and links them together to make a film. Sometimes we may feel that we intuit the eroticism or the fears that lie behind the overwhelming moments in a Bergman movie, but he makes no effort to clarify. In a considerable portion of his work, the imagery derives its power from unconscious or not fully understood associations; that's why, when he is asked to explain a scene, he may reply, "It's just my poetry." Bergman doesn't always find ways to integrate this intense poetry with his themes. Even when he attempts to solve the problem by using the theme of a mental breakdown or a spiritual or artistic crisis, his intensity of feeling may explode the story elements, leaving the audience moved but bewildered. 

Like Bergman, his countryman Strindberg lacked a sovereign sense of reality, and he experimented with a technique that would allow him to abandon the forms that he, too, kept exploding. In his author's note to the Expressionist 'A Dream Play', Strindberg wrote: 'The author has sought to reproduce the disconnected but apparently logical form of a dream. Anything can happen; everything is possible and probable. Time and space do not exist; on a slight groundwork of reality, imagination spins and weaves new patterns made.'

Die sterbende Ester gibt dem kleinen Johan einen Brief: Johan! Es ist wichtig, verstehst du! Du mußt ihn genau lesen. Es ist alles wie... Du wirst es verstehen. Johan kann die fremde Sprache nicht entziffern. Mit dem Satz Johans Gesicht ist bleich von der Anstrengung, die fremde Sprache zu verstehen - die geheime Botschaft endet das Drehbuch. Der kleine Johan ist nicht allein, wir Zuschauer verstehen den Film auch nicht, wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.

Sonntag, 20. September 2026

Blondes make the best victims


Die Vögel (Originaltitel The Birds) ist ein US-amerikanischer Horrorfilm von Alfred Hitchcock nach der gleichnamigen Kurzgeschichte der englischen Schriftstellerin Daphne du Maurier. Er kam am 28. März 1963 in die US-amerikanischen und am 20. September 1963 in die deutschen Kinos. Der Film markiert nach Der unsichtbare Dritte (1959) und Psycho (1960) einen weiteren Höhepunkt in Hitchcocks Spätwerk. 

Steht so bei der Wikipedia. Als ich jung war, hielt ich Daphne du Maurier für eine Französin. Ich hatte mir im Pariser Gare du Nord in der Nacht eine Paperbackausgabe von L'auberge de la Jamaique gekauft und wartete auf den Nordexpress. Der fuhr um zehn in Paris ab und war morgens um acht in Bremen. Ich kannte die Strecke, meine Freundin arbeitete als au pair in Paris. Dass die Autorin eine Engländerin war, habe ich erst Jahre später gemerkt. Was ich gekauft hatte, war die französische Übersetzung von Jamaica Inn. Ein Roman, den Alfred Hitchcock verfilmt hat. Und um Hitchcock geht es heute, denn vor dreiundsechzig Jahren erlebte der Film Die Vögel seine deutsche Erstaufführung. Habe ich damals nicht gesehen, ich war beim Bund. War im Manöver, September bedeutete immer Manöver. Ich war auch nie wirklich ein Hitchcock Fan. Ich favorisierte französische Filme. Ich weiß nicht, ob mein Französisch in den zehn Stunden im Nordexpress durch die Lektüre von L'auberge de la Jamaique besser geworden ist, aber ich lernte auf jeden Fall eine Vielzahl von Synonymen der Wörter Nebel und Dunkelheit kennen. Die Paperbackausgabe habe ich immer noch.

Daphne du Maurier, die mit dem ziemlich unfähigen General Sir Frederic Browning verheiratet war (der hier schon in den Posts Militärisches Schuhwerk und Barett vorkommt), hat nicht nur Jamaica Inn geschrieben. Sie hat auch die Kurzgeschichte →The Birds geschrieben, die Hitchcock für seinen Film benutzt hat. Die habe ich für Sie im Origialtext. Zu dem Film →Die Vögel gibt es heute ein kleines Haiku von Uli Becker aus seinem Band Frollein Butterfly, in dem er uns 69 Quickies zwischen Sehnsucht und Schweinigelei serviert, von denen ich mal eben (aus meinem nummerierten Exemplar!) das auf Seite 73 zitiere:

Tun kein Auge zu
heut nacht vor lauter Vögeln,
Hommage à Hitchcock
.

Und ich spendiere noch einen Post, der hier schon mal im Blog stand. Wenn man schon beinahe dreieinhalbtausend Posts geschrieben hat, dann darf man auch mal einen alten Post wieder hervorholen. Zumal der wirklich gut ist:

Das hat sie nun davon, dass sie blond ist. Da liegt sie auf dem Boden, ein hilfloses Opfer. Attackiert von Vögeln, eine Variation der Geschichte von Leda und dem Schwan. Man hatte der naiven Blondine versprochen, dass in dieser Szene nur Attrappen von Vögeln zum Einsatz kommen, aber der Regisseur lässt auf dem Dachboden →echte Vögel auf die Blondine los (the mechanical birds aren’t working, so we’re going to have to use live ones). Der Regisseur hat seine Freude daran, Blondinen zu quälen.

Blondes make the best victims. They’re like virgin snow that shows up the bloody footprints, hat er gesagt. Der Regisseur heißt natürlich Alfred Hitchcock, und wir reden hier von dem Film ✺The Birds, der vor dreiundsechzig Jahren in den USA anlief. Die Schauspielerin Tippi Hedren durfte noch ein zweites Mal bei Hitchcock in dem Film Marnie mitspielen. In dem Film gibt es eine ✺Vergewaltigungszene in der Hochzeitsnacht. Nicht durch Vögel, diesmal durch Sean Connery.

A man taking his frigid, unattainable bride by force was Hitchcock's fantasy about me, hat Tippi Hedren dazu gesagt. Was sie bei den Dreharbeiten von The Birds ertragen musste, wurde bei Marnie noch schlimmer: He stared at me and simply said, as if it were the most natural thing in the world, that from this time on, he expected me to make myself sexually available and accessible to him – however and whenever and wherever he wanted. That was the moment, after almost three years of trying to cope, when I finally had enough – that was the limit, that was the end.

In ihrer →Autobiographie aus der dieses Zitat stammt, hat Hedren noch mehr über Hitchcock zu sagen, der wie ein Vorläufer von →Harvey Weinstein daherkommt. Hitchcock hat der Tochter von Tippi Hedren (die später unter dem Namen Melanie Griffith Schauspielerin wurde) nach den Dreharbeiten von The Birds eine Puppe geschenkt, die eine perfekte Nachbildung ihrer Mutter war. Und auch ein grünes Kleid hatte, wie Tippi Hedren es in dem Film trug. Die Puppe lag in einem kleinen Sarg. Kann man perverser sein?

Hitchcock und Blondinen, ein unerschöpfliches Thema. Auf François Truffauts Frage In other words, what intrigues you is the paradox between the inner fire and the cool surface in dem berühmten ✺Interview sagt Hitchcock: Definitely, I think the most interesting women, sexually, are the English women. I feel that the English women, the Swedes, the north­ern Germans, and Scandinavians are a great deal more exciting than the Latin, the Italian, and the French women. Sex should not he ad­vertised. An English girl, looking like a school­ teacher, is apt to get into a cab with you and, to your surprise, she’ll probably pull a man’s pants open. Wir kennen eine Variante dieser Szene aus →To Catch a Thief.

Dass Hitchcock seine blonde Hauptdarstellerin aus The Birds sexuell belästigt und bedrängt hat, war allgemein bekannt. Dass er ihre Karriere ruinierte, auch. Sie war nicht die erste, sie könnten jetzt mal eben den Post Vera Miles lesen. Ich hätte da auch noch ein schönes Zitat von dem Regisseur, der seine Schauspieler als cattle bezeichnete: I always believe in following the advice of the playwright Sardou. He said, 'Torture the women!' The trouble today is that we don't torture women enough. 

Dies hier sind nicht Hitchcock und Tippi Hedren, dies ist eine Szene aus dem Theaterstück →Hitchcock Blonde. Die kühle Blonde aus The Birds hat sich lange mit Vorwürfen zurückgehalten, aber in ihrer Autobiographie →Tippi: A Memoir nahm sie kein Blatt vor den Mund: I couldn’t tell anyone. It was the early 1960s. Sexual harassment and stalking were terms that didn’t exist… Besides, he was Alfred Hitchcock… and I was a lucky little blonde he’d rescued from relative obscurity.

Von Vögeln und Sean Connery attackiert zu werden ist das eine, nackt in der →Dusche erstochen zu werden, das andere. Ernst Callenbach schrieb 1960 im →Film Quarterly über ✺Psycho: It imperceptibly shifts to a level of macabre pathology, unbearable suspense, and particularly gory death. In it, indeed, Hitchcock's necrophiliac voyeurism comes to some kind of horrifying climax. Phallic-shaped knives swish past navels, blood drips into bathtubs, eyes stare in death along the floor, huge gashes appear in a man's amazed face, and so forth. Vielleicht soll man das mit dem necrophiliac voyeurism mal fett setzen. 

Und wenn Sie fragen, was diese junge Dame hier soll: das ist →Marli Renfro, das Körperdouble von Janet Leigh in der ✺Duschszene. Ursprünglich wurde Renfro nur für zwei oder drei Tage gebucht. Am Ende wurden es anderthalb Wochen. Sieben Drehtage, fast ein Drittel der Zeit, die Leigh am Set von "Psycho" verbrachte. Für eine einzige, dreiminütige Szene. Bei den Dreharbeiten wussten nur wenige, wer die rothaarige junge Frau mit den türkisfarbenen Augen war, die Tag für Tag splitternackt über das Studiogelände spazierte. Die überzeugte Nudistin zog die Blicke auf sich, wenn sie sich völlig unbekleidet mit Hitchcock unterhielt, der stets einen dunklen Anzug trug. Oder wenn sie vor der versammelten Presse Dehnübungen veranstaltete, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Das Pech für Tippi Hedren war, dass die kein Körperdouble hatte. Das wollte Hitchcock auch nicht haben, er wollte die Vögel auf sie loslassen, Blondes make the best victims. ✺Marli Renfro ist heute achtundachtzig. Ihr →Name taucht im Film Psycho nicht auf, nicht mal kleingedruckt im Abspann. Das einzige Mal, dass man ihren Namen auf der Leinwand sehen kann, ist 1962 in Coppolas erstem  Film ✺Tonight for Sure. Es hat viele Jahre gedauert, bis Hitchcock zugab, dass die nackte Frau in der vielleicht berühmtesten Filmszene der Welt nicht Janet Leigh war. Und es hat noch länger gedauert, bis Renfros Name bekannt wurde. In dem ✺Dokumentarfilm über die Duschszene von Alexandre O. Philippe aus dem Jahr 2017 ist sie allerdings dabei. 

Der Amerikaner Peter Swanson hat am Trinity College und der University of Massachusetts in Amherst studiert und vom Emerson College einen Master of Fine Arts bekommen. Obgleich der akademische Grad für Poetry war, schreibt er wenig Gedichte, er schreibt Romane. Er musste beinahe zehn Jahre warten, bis er einen Verleger für seinen ersten Roman fand. Jetzt ist er ein Autor von Kriminalromanen, die in dreißig Sprachen übersetzt sind. Und er hat eine Vielzahl von Gedichten über Hitchcock Filme geschrieben, für jeden Film eins. Die sind aus unerklärlichen Gründen aus dem Internet und von seiner Homepage verschwunden, North by Northwest können Sie →hier noch lesen. Aber ich habe mir sein Gedicht Psycho aufbewahrt, in dem auch The Birds vorkommen, das stelle ich mal hierhin:

Psycho

Undressed she looks fresh-plucked, her flesh 
As white as boiled hens. How easily 
She exists within her nakedness, 
How unaware she is of what I see.

She changes to a dressing gown, 
So shiny that a giant crow would snatch 
Her up to line his nest. I make no sound. 
My mind is quiet too, not even a scratch.

The bad thoughts will gather soon, I suppose. 
My mind won’t shake her birdy skin 
But with those private traps, those animal parts.

We all look so much realer in our clothes. 
That’s my hobby, see. It’s stuffing things. 
I don’t really know all that much about birds.

Kühle Blondinen: Tippi Hedren, Kim Novak (in ✺Vertigo), Eva Marie Saint (in ✺North by Northwest) und Grace Kelly. Unser kleiner Dicker träumt mit seinem necrophiliac voyeurism von ihnen. Zuhause bei seiner Gattin Alma Reville sieht die Welt nicht nach coolen Blondinen aus, die dem Mann an die Wäsche gehen.

Also diese Sorte Blondinen, über die der Filmkritiker Roger Ebert sagte: they reflected the same qualities over and over again: They were blonde. They were icy and remote. They were imprisoned in costumes that subtly combined fashion with fetishism. Tippi Hedren war übrigens nicht die erste Blondine, die unter Hitchcock zu leiden hatte.

Ich könnte da noch Madeleine Carroll aus der Verfilmung von John Buchans Klassiker The 39 Steps (von dem North by Northwest ja nur ein Remake war) anbieten, die während der gesamten Dreharbeiten von Hitchcock als the Birmingham tart bezeichnet wurde. The very beautiful woman who just walks around, avoiding the furniture, wearing fluffy negligees, and looking very seductive may be an attractive ornament, but she does not help the film at all. 

I hate it when actresses try to be ladies and in doing so become cold and lifeless, and nothing gives me more pleasure than to knock the lady-likeness out of chorus girls. I don't ask much of an actress and I have no wish for her to be able to play a whole list of character roles, but she must be a real human person. That is why I deliberately deprived Madeleine Carroll of her dignity and glamour in "The Thirty-Nine Steps," and I did exactly the same thing in "Secret Agent." In this last film, the first shot you saw of her was with her face covered with cold cream! Was Hitchcock an dieser Stelle zu sagen vergisst ist, dass er durch die beiden Filme mit der Birmingham tart weltberühmt wurde.

In Bielefeld, der Stadt, die es gar nicht gibt, gibt es heute etwas ganz Besonderes. Denn heute hat da im Theater das Musical ✺The Birds of Alfred Hitchcock von William Ward Murta, das den Machtmissbrauch im Filmgeschäft thematisiert, Premiere. Ich weiß jetzt nicht, ob sie Tippi Hedren zur Premiere eingeladen haben. Aber die hat mit ihren sechsundneunzig Jahren vielleicht auch keine Lust, nach Bielefeld zu reisen. 

Und in diesem Blog könnten Sie zu Frauenschicksalen in Hollywood noch lesen: Vera Miles, Happy Birthday, Vera Miles, Veronica Lake, Nymphos, Dorothy Malone, Gilda, Operation Mincemeat, Bond Girls, Exotik und Jacques Tourneur.

Mittwoch, 16. September 2026

Straßenräuber

Der englische Dichter Alfred Noyes, der am 16. September 1880 geboren wurde, ist heute nur noch durch ein einziges Gedicht in Erinnerung. Obwohl er er interessantes Leben hatte. Als er bei einem Amerikaaufenthalt, die Universität Princeton besuchte, war man von ihm so begeistert, dass man ihm sofort eine Gastprofessur anbot. Und so lehrte er von 1914 bis 1924, immer vom Februar bis zum Juni, dann fuhr er wieder nach England zurück. 1916 unterbrach er seine Tätigkeit, weil er für sein Heimatland England kämpfen wollte. Die Armee nahm ihn wegen mangelnder Sehkraft nicht, er wird dreißig Jahre später ganz erblinden. Er leistet seinen Kriegsdienst im →Wellington House und schreibt wie sein Kollege John Buchan dort Kriegspropaganda. Buchan, der den Klassiker des Spionageromans The 39 Steps geschrieben hat, wird noch Geheimdienstchef und geadelt. Noyes wird immerhin Commander des  Order of the British Empire und kehrt nach Princeton zurück. Manche seiner Studenten werden berühmt, zum Beispiel  F. Scott Fitzgerald, Edmund Wilson und John Peale Bishop. 

Ich könnte jetzt so weiterschreiben, sein Leben und Werk skizzieren, aber ich will auf dieses eine Gedicht hinaus, das er im Jahre 1906 in Blackwood's Magazine veröffentlichte. Es ist eine →Ballade mit dem Titel The Highwayman, die schon dramatisch beginnt:

The wind was a torrent of darkness among the gusty trees.
The moon was a ghostly galleon tossed upon cloudy seas. 
The road was a ribbon of moonlight over the purple moor,
And the highwayman came riding—
Riding—riding—
The highwayman came riding, up to the old inn-door
.

Wir sind im 18. Jahrhundert, in einer Geschichte von Liebe, Verrat, Aufopferung und Tod. Die Ballade hat ihre Sogwirkung, riding - riding - ridding, die alle Balladen haben. Das kennen wir von Fontanes Balladen, auch wenn sie nicht die Chevy Chase Strophe haben. Der Straßenräuber und seine Geliebte Bess werden sterben, aber nach dem Tod sind sie, im dritten Teil der Ballade, wieder vereint. Es gibt eine Vielzahl von kitschigen Bildern zu diesem Thema, ich muss da einfach eins davon bringen:

And still of a winter’s night, they say, when the wind is in the trees,
When the moon is a ghostly galleon tossed upon cloudy seas,
When the road is a ribbon of moonlight over the purple moor,
A highwayman comes riding—riding—riding
A highwayman comes riding, up to the old inn-door.

Over the cobbles he clatters and clangs in the dark inn-yard.
He taps with his whip on the shutters, but all is locked and barred.
He whistles a tune to the window, and who should be waiting there
But the landlord’s black-eyed daughter, Bess, the landlord’s daughter,
Plaiting a dark red love-knot into her long black hair.


Alfred Noyes ist nicht der erste in der englischen Literatur, der die Straßenräuber bedichtet. Shakespeares Falstaff, ein adliger Ritter, ist auch nur ein Straßenräuber. Im 18. Jahrhundert bekommen die Wegelagerer Konjunktur und werden als romantische Helden bedichtet. John Gays Beggar's Opera wird Früchte tragen, bis hin zu der Seeräuber Jenny von Bert Brecht. Sie könnten zu dem Thema auch noch die Posts Robert Walpole und Horace Walpole lesen.

Der highwayman von Alfred Noyes hat keinen Namen, er heißt nicht Dick Turpin, James MacLaine (the Gentleman Highwayman) oder MacHeath. Aber er lebt von diesen Figuren. Und er wird nach der Publikation des Gedichts im Jahre 1906 weiterleben. Im ✺Kino, in der Country Band, in der plötzlich Waylon Jennings, Willie Nelson, Johnny Cash und Kris Kristofferson The Highwaymen heißen. Aber deren Song T✺he Highwayman meine ich nicht, wir müssen natürlich von Phil Ochs reden. Der hat nämlich das Gedicht von Noyes vertont, wobei er es ein wenig kürzte, aber er blieb 1965 beim Originaltext. Und da hören wir ✺hier doch einmal hinein.

Phil Ochs hat hier seit meinem ersten Bloggerjahr schon einen Post. Und er wurde immer wieder erwähnt. Zum Beispiel in den Posts Bo Widerberg, The One on the Right Is on the Left und The Kingston Trio. In dem Post Christine Keeler kommt er auch drin vor, weil er ein ironisches Lied über Christine Keeler geschrieben hat. Die sixties waren die große Zeit der protest singers in Amerika. Warum singt da heute niemand mehr?