Mittwoch, 8. April 2026

Tao means Way⁠

So sah Vivienne Westwood, die heute vor 85 Jahren geboren wurde, aus, als sie noch ein Punk war. She turned swinging London into punk London, hat ihre Kollegin Zandra Rhodes, die man die Princess of Punk nannte, über sie gesagt. Später wurde Westwood etwas damenhafter, da gab es keine Hakenkreuze mehr auf dem Shirt. Vor zwanzig Jahren ernannte die Queen sie zum Dame Commander of the Order of the British Empire, da war sie nun wirklich eine Dame. Sie war nach Mary Quant die erste englische Modeschöpferin, die ihre Kollektionen in Paris ausstellte.

Und es gab 2012 sogar eine Briefmarke für Westwood (für Zandra Rhodes auch), berühmter kann man nicht werden. Ihre erste Boutique, die sie mit Malcolm McLaren in der Londoner King's Road betrieb, hatte den Namen Sex. Aber dann kamen noch zehn Läden quer durch das Königreich hinzu. Ich habe heute ein kleines Gedicht von der Modeschöpferin, das sie einmal für Pamela Rooke, die Muse der Sex Pistols, geschrieben hat:

Tao means Way⁠

I follow the Tao into Chaos⁠
of the Cosmic Void.⁠
Dark & Light R One + the Same.⁠
U+I evolved over time, billions of yrs;⁠
we R born with each our identity:⁠
'Flight of the Dragon!'⁠
He is the life force, he is your chi!⁠
Catch the Rhythm! Let's Go!⁠


Keine große Lyrik, aber ein bisschen Subkultur kann nicht schaden. 

Noch mehr Damenmode findet sich in diesem Blog in den Posts: DamenmodeDiorCoco ChanelHaute CoutureCharles Frederick WorthMary QuantVidal SassoonPierre CardinJil SanderErwin BlumenfeldBreakfast at Tiffany'sTartanCamille in GrünKieler ChicWeihnachtsgeschenkeCinecittà und die ModeJoan Didion,  skandinavische ModeNicoSommermode,William FrithBerliner ModeJiline, Demimonde, Orchideen, Charles Chaplin, les grandes horizontalesUne fillette d’un blond roux, Paco Rabanne ✝, noch nicht fertig, la dame au coussin rouge, Klassefrauen, Fortuny, Franz-Xaver Winterhalterder grüne Sonnenschirm, Julie Récamier (encore une fois). Wenn man das alles zusammentut, reicht das schon für ein Buch. Und da sagen die Leser immer, ich würde nur über
Herrenmode schreiben.

Dienstag, 7. April 2026

Ein Gedicht schreiben ohne Ballast

Wenn ich nicht die Rezension von dem Buch Rainer Brambach – Ich wiege 80 Kilo und das Leben ist mächtig gelesen hätte, dann hätte ich gar nicht gewusst, wer Rainer Brambach ist. In dem einzigen Vortrag, den er gehalten hat, hat er sich 1962 vorgestellt: Ich bin im Jahr 1917 in Basel geboren, besuchte während acht Jahren die Primar- und Sekundarschule und wurde – außer im Singen und Turnen – mit einem miserablen Zeugnis versehen zum staatlichen besoldeten Berufsberater geschickt, der mich und meinen Ausweis stirnrunzelnd betrachtete und nach wenigen Minuten herausfand, dass eine Flachmalerlehre das einzig richtige für mich sei. Er wird Malergeselle werden und in Stuttgart bei Daimler Benz Autos lackieren. Er hat noch keinen Schweizer Pass, und so wird er 1939 zur Wehrmacht eingezogen. Er desertiert mehrfach, kommt wieder in die Schweiz, aber kommt da ins Gefängnis und das Internierungslager Lindenhof–Witzwil. Dort liest er sich durch Büchner, Cervantes, Céline, Hemingway und François Villon und fängt nach dem Krieg an zu schreiben.

Ich schreibe keine Geschäftsbriefe,

ich beharre nicht auf dem Termin
und bitte nicht um Aufschub.
Ich schreibe Gedichte.

Ich schreibe Gedichte auf Rummelplätzen,
in Museen, Kasernen und Zoologischen Gärten.
Ich schreibe überall,
wo Menschen und Tiere sich ähnlich werden.

Viele Gedichte habe ich den Bäumen gewidmet.
Sie wuchsen darob in den Himmel.
Soll einer kommen und sagen,
diese Bäume seien nicht in den Himmel gewachsen.

Dem Tod keine Zeile bisher.
Ich wiege achtzig Kilo, und das Leben ist mächtig.
Zu einer anderen Zeit wird er kommen und fragen,
wie es sei mit uns beiden.

Er wird dem Tod doch noch einige Zeilen widmen. In Paul, seinem bekanntesten Gedicht, spielt der Tod die Hauptrolle:

Neunzehnhundertsiebzehn
an einem Tag unter Null geboren,

rannte er wild über den Kinderspielplatz,
fiel, und rannte weiter

den Ball werfend über den Schulhof,
fiel, und rannte weiter

das Gewehr im Arm über das Übungsgelände,
fiel, und rannte weiter

an einem Tag unter Null
in ein russisches Sperrfeuer

und fiel
.

Ein ganzes Leben in elf Versen, man vergisst dieses Gedicht, das er seinem Freund Jürg Federspiel gewidmet hat, nicht so schnell. Kurz nach Brambachs Tod 1983 (er hatte beim Ausflug einen Herzinfarkt und fiel tot vom Fahrrad) erschien sein Gedichtband Auch im April. Die vierzig Gedichte sind den Jahreszeiten gewidmet, über den Frühling können wir lesen:

das blaue Band, wie Mörike es sah,
flatternd in den Lüften, wo?
Ich sehe einen Kondensstreifen
quer über den Himmel gezogen –
aber die Amsel ist abends immer da
auf dem First gegenüber singt sie ihr Lied
unsäglich –


Und bei den Herbstgedichten findet sich auch dieses Gedicht, das eine kleine Poetik enthält:

Ein Gedicht schreiben
ohne Ballast
zum Beispiel Spätherbst
leeres Schneckenhaus Spinnweben
lautlos Fallendes
im Geflüster der Bäume
.

Nach der Zeit im Gefängnis und im Internierungslager hat Brambach einen Arbeitsplatz beim Gartenarchitekten Helmut Vivell gefunden, er bleibt da für vier Jahre, die Arbeit gefällt ihm. Kritiker werden ihn später als Gärtner-Dichter bezeichnen. Die Natur wird eine große Rolle in seiner Lyrik spielen: Ich war ein Gartenbauarbeiter, ich habe Bleibendes geschaffen. Mein letztes Gedicht heute, mit dem Titel Poesie, ist das erste Gedicht, das ich vor Jahren von Brambach las. Auf dem Rückweg von einem Spaziergang sah er im Basler Sankt Margarethenpark hinter einem Baum einen Schatten. Meine Phantasie gab mir ein, dass Edgar Allan Poe hinter dem Baum steht. Daraus ergab sich das Gedicht 'Poesie'. Jetzt wissen wir, wie Gedichte entstehen:

Außer Poesie und mir
war niemand im Park.
Nur jemand wie Poe
zeigt sich in der Dämmerung
unter alten Ulmen.
Ich habe Poe gesehn.
Unter den Ulmen stand er
im nassen Laub, allein
und verregnet.
Ich sah Poe.
Er trug den Mantel
mit dem Samtbesatz
und sah düster nach – ich weiß nicht.
Pfeif dir was, Brambach! Versuch
eine Melodie,
denk dir einen Vogel,
laß ihn fliegen… wahrhaftig,
ich habe Poe gesehn
und wie er allmählich eins wurde
mit den Ulmen im Regen.

Montag, 6. April 2026

Happy Birthday, Peter Nagel


Der Kieler Maler Peter Nagel wird heute fünfundachtzig Jahre alt, das ist für ihn ein Grund zum Feiern und für mich ein Grund, um herzliche Glückwünsche zu senden. Es ist nicht nur der Geburtstag des Kieler Kulturpreisträgers, der zu feiern ist. Peter Nagel und seine dänische Ehefrau Hanne Nagel-Axelsen sind in diesem Jahr fünfzig Jahre verheiratet, das gelingt nur wenigen Menschen. Es ist lange her, da hatte ich die beiden einmal zu Gast, es war ein netter Abend. Als sie gingen, fragte mich Hanne Nagel, von wem das Bild mit der blauen Meereslandschaft sei, das über der Wohnzimmertür hing. Ich sagte: Sprühdose dunkelblau für das Meer, Sprühdose hellblau für den Himmel. Sie hat herzhaft gelacht.

Peter Nagel hat an der Hochschule für bildende Künste Hamburg studiert, die man früher mal Li-La-Lerchenfeld nannte, also zu der Zeit, als Friedensreich Hundertwasser da anfing, einen roten Strich an die Decken zu malen. Nach seinem Studium gründete Peter Nagel mit Dieter AsmusNikolaus Störtenbecker und Dietmar Ullrich die Gruppe ZEBRA. Zebras kommen häufiger in seinem Werk vor. Und deshalb gibt es heute zum Geburtstag neben den Glückwünschen ein Zebra Gedicht von Yaak Karsunke:

Das Zebra

Eins wird das Zebra nie begreifen:
Wie kommt man übern Zebrastreifen?
Es bleibt am Straßenrande stehn
& ist dort stundenlang zu sehn –
bis sein Anblick jemand rührt
ders dann übern Fahrdamm führt.

Die Zebras von Peter Nagel, auch wenn sie als Fußballtorwart daherkommen, sehen etwas anders aus als das Zebra von dem englischen Maler George Stubbs. Oder das Quagga, das hier schon einen Post hat. Und weil es so viele Zebras und so viele Zebra Gedichte gibt, spendiere ich im Poetry Month doch noch eins. Es heißt Zebra Question und ist von dem berühmten Shel Silverstein, der hier schon in den Posts Jean-Jacques Sempé und Playboy erwähnt wird:

I asked the Zebra,
Are you black with white stripes?
Or white with black stripes?
And the zebra asked me,
Are you good with bad habits?
Or are you bad with good habits?
Are you noisy with quiet times?
Or are you quiet with noisy times?
Are you happy with some sad days?
Or are you sad with some happy days?
Are you neat with some sloppy ways?
Or are you sloppy with some neat ways?
And on and on and on and on
And on and on he went.
I'll never ask a zebra
About stripes
Again.


Sonntag, 5. April 2026

Ostern


Auferstehung 

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.


Ich wünsche all meinen Lesern mit diesem Gedicht von Marie Luise Kaschnitz ein frohes Osterfest.

Freitag, 3. April 2026

Karfreitag


Der erste Gedichtband von Wendell Berry enthielt nur ein einziges Gedicht, das den Titel November Twenty Six Nineteen Hundred Sixty Three hatte. Es war eine Elegie auf John F. Kennedy:

We know the winter earth upon the body of the young
President, and the early dark falling:

we know the veins grown quiet in his temples and
wrists, and his hands and eyes grown quiet;

we know his name written in the black capitals
of his death, and the mourners standing in the
rain, and the leaves falling;

we know his death’s horses and drums; the roses, bells,
candles, crosses; the faces hidden in veils;

we know the children who begin the youth of loss
greater than they can dream now;

we know the night long coming of faces into the candle-
light before his coffin, and their passing;

we know the mouth of the grave waiting, the bugle and
rifles, the mourners turning away;

we know the young dead body carried in the earth into
the first deep night of its absence;

we know our streets and days slowly opening into the
time he is not alive, filling with our footsteps and
voices;

we know ourselves, the bearers of the light of the earth
he is given to, and the light of all his lost
days;

we know the long approach of summers towards the
healed ground where he will be waiting, no longer the
keeper of what he was.

Wendell Berry, der mit Edward Abbey, Larry McMurtry, Ernest Gaines und Ken Kesey in Stanford bei Wallace Stegner studiert hatte, ist in Deutschland kaum bekannt geworden. Ich habe ihn 2014 in dem ausführlichen Post Karfreitag vorgestellt, und ich nehme heute am Karfreitag noch einmal ein Gedicht von ihm. DeepL hat mir die Übersetzung gemacht. Es ist ein Gedicht, das vielleicht in diesen Tagen der Zerstörung überall auf der Welt zu unserer Zeit passt:

It is the destruction of the world
in our own lives
that drives us half insane, and more than half.
To destroy that which we were given
in trust: how will we bear it?
It is our own bodies that we give
to be broken,
our bodies existing before and after us
in clod and cloud, worm and tree,
that we, driving or driven, despise
in our greed to live, our haste
to die. To have lost, wantonly,
the ancient forests, the vast grasslands
in our madness, the presence
in our very bodies of our grief.


Es ist die Zerstörung der Welt
in unserem eigenen Leben,
die uns halb wahnsinnig macht, ja mehr als halb.
Das zu zerstören, was uns
anvertraut wurde: Wie sollen wir das ertragen? 
Es sind unsere eigenen Körper, die wir hingeben,
damit sie zerbrochen werden,
unsere Körper, die vor und nach uns existieren
in Erdklumpen und Wolken, Würmern und Bäumen,
die wir, treibend oder getrieben, verachten
in unserer Gier nach Leben, unserer Eile,
zu sterben. Mutwillig verloren zu haben,
die uralten Wälder, die weiten Graslandschaften
in unserem Wahnsinn, die Gegenwart
unserer Trauer in unseren eigenen Körpern

Donnerstag, 2. April 2026

ein Traum der Zeit


Mein erstes Seminar über die deutsche Literatur des Barock an der Uni Hamburg war in den sechziger Jahren das Proseminar Das europäische Drama und Theater des Barock bei dem Hamburger Theaterwissenschaftler Dr Diedrich Diederichsen, dessen Sohn als Pop Literat berühmt wurde. Ich habe den Sommer in Hamburg und meine schöne Nachbarin in der Hinterhofkaserne in St Pauli schon in den Post Vergil hineingeschrieben. In den Vorlesungen im Audimax saßen tausende von Studenten, aber in Diederichsens Seminar hatten sich nur wenige Studenten (es waren höchstens zwanzig) verirrt. Was sicher ein Fehler war, denn es war ein hervorragendes Seminar. Meine erste Begegnung mit der Barockliteratur hatte für mich als Leser Folgen; es blieb nicht nur bei der Lektüre von Opitz, Gryphius, Hoffmannswaldau und Lohenstein (dessen Sophonisbe man in Diederichsens Seminar lesen musste), ich las mich durch ein ganzes Jahrhundert deutscher Dichtung. Den genialischen Johann Christian Günther (der hier die Posts ein Poet im vollen Sinne des Worte und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten hat) entdeckte ich erst Jahre später.

Den am zweiten April 1628 geborenen Komponisten und Dichter Constantin Christian Dedekind entdeckte ich erst vor ein paar Tagen bei der Suche im Internet. Er ist als Dichter auch nicht so berühmt wie all die Autoren, die bei mir inzwischen einen Post bekommen haben. Ein Gedicht, das Wandel der Zeit heißt, hat überlebt, weil es heute manchmal noch gesungen wird. Es erschien 1665 in Dresden in dem Sammelband Aelbianische Musen-Lust: in einhundertundfünfundsiebenzig unterschiedlicher berühmter Poeten auserlesenen, mit ahnmuthigen Melodeien beseelten, Lust-, Ehren-, Zucht- und Tugend-Liedern bestehende. Da das Buch bei Ihnen wahrscheinlich nicht im Bücherregal steht, gibt es den Text heute hier. 

Von Constantin Christian Dedekind ist allerdings nur die Melodie des Liedes, der Verfasser des Textes ist der Barockdichter Andreas Tscherning, den man einmal den deutschen Horaz genannt hat. Den Namen hat er wohl bekommen, weil er auch Liebesgedichte geschrieben hat. Ich habe hier den Zeitenwandel mit allen Strophen, weil man das Gedicht kaum im Netz findet:

Wandel der Zeit

Wir sind ein Traum der Zeiten,
Ein Bild der Eitelkeiten,
Der Tage Maß besteht
Wie Rauch der bald zerrinnet,
Wie Schatten, der beginnet
Und bald vorübergeht

Es pflegen zwar die Winde,
Des Äolus Gesinde,
Im Fluge fortzuziehn.
Geschwind ist eine Welle,
Auch Pfeile fliegen schnelle,
die Zeit schleicht eher hin.

Dies Wesen so wir treiben,
Ist unbeständigs Bleiben,
Wir wallen ab und zu.
Bald wirft uns Furcht darnieder,
Bald bringt uns Hoffnung wieder,
Wir wechseln Streit und Ruh.

O selig, wer die Sachen
Der Erde kann verlachen!
Wer bloß auf diese Zeit
Ihm Hoffnung weiß zu geben,
Der führt ein totes Leben
Und stirbt in Traurigkeit.

Unser Dichter kann mehr als dieses recht einfache Lied, vielleicht lesen Sie einmal Tschernings berühmtes Gedicht Melancholey Redet selber, das ist schon heavy stuff. Man kann dem Blogger, der den Text abgetippt und ins Netz gestellt hat, nur dankbar sein. Das Gedicht, das wenige Jahre nach Robert Burtons Anatomy of Melancholy erschien, ist irgendwie immer noch modern. Einer von Tschernings Zeitgenossen hat ihn Martin Opitz gleichgestellt (Hic erit Opitio par, nisi major erit), aber das ist wohl etwas übertrieben.

Noch mehr deutsche Barocklyrik in den Posts: Martin Opitz, Gänsemarkt, Simon Dach, Leserschwund, Zacharias Lund, Fruchtbringende Gesellschaft, der Torstenssonkrieg, Johann Rist, Frühling, Frisia non cantat, so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten, ein Poet im vollen Sinne des Worte, PetrarcaPoetry trumps Trump, porentief rein, Frühlingsanfang


Mittwoch, 1. April 2026

Goldgewölk


Ich nehme mir aus dem Post John Fowles mal zwei Dinge mit in den heutigen Tag. Das eine ist die Zahl 138.614, so viele Leser hatte ich noch nie im Monat. Das zweite ist ein Satz von John Fowles, den ich im Text stehen hatte, dann aber gestrichen habe. Der Satz lautet: We all write poems; it is simply that poets are the ones who write in words. Es ist ein schöner und vielzitierter Satz, man kann ihn immer für etwas gebrauchen. Mein Gedicht heute stammt von Martin Greif (der eigentlich Friedrich Hermann Frey hieß), der heute vor einhundertfünfzehn Jahren starb. Ich las mich durch seine Gedichte, aber es gab mir nichts. Bis etwas bei dem Gedicht Abend in meinem Gehirn klick machte, das Gedicht nahm ich:

Goldgewölk und Nachtgewölke,
Regenmüde still vereint:
Also lächelt eine welke
Seele, die sich satt geweint.

Doch die Sonne sinkt und ziehet
Nieder alle eitle Pracht,
Und das Goldgewölk verglühet
Und verbrüdert sich der Nacht.

Es ist ein schönes Gedicht, ohne Frage. Aber jetzt wollen Sie wahrscheinlich wissen, weshalb es in meinem Gehirn klick gemacht hat. Das hat mit dem Gold- und Nachtgewölk zu tun, und es steht schon in diesem Blog:

Sonne, Mond und Sterne. Als ich noch klein bin, gehen meine Eltern mit mir Laternelaufen. Eigentlich begleite ich sie nur auf ihrem normalen Abendspaziergang, jeder hier im Ort macht einen Abendspaziergang die Weser entlang. Wenn nicht das Laternelaufen wäre, wäre ich längst im Bett, so lange darf ich nur ganz selten aufbleiben. Als wir an die Weser kommen und den Stadtgartenberg hinuntergehen, kann ich mich nicht sattsehen. Der ganze Himmel auf der anderen Seite der Weser ist goldgelb, und unter diesem verschwenderisch dahingemalten Gold türmt sich ein blauschwarzes Gebirge auf, so wie der Kamm des Wiehengebirges hinter Tante Margrets Haus. Ich bin ganz still und gucke mir das Notturno in Blau und Gelb an. Whistler hätte es gefallen. Ein Gebirge auf der Oldenburger Seite der Weser habe ich noch nie gesehen. Am nächsten Morgen gehe ich zum Stadtgarten, aber das Gebirge ist weg. Man kann über die Weser bis Bookholzberg gucken. Ich wage meine Eltern nicht zu fragen, wo das Gebirge geblieben ist. Ich werde im Laufe der Jahre noch tausende von Sonnenuntergängen an der Weser sehen, aber keiner wird diesem magischen Moment gleichkommen. Der Himmelsmaler, der das Panoramabild auf der anderen Seite des Flusses malte, wiederholt sich nicht.

Wir alle schreiben Gedichte; nur dass es die Dichter sind, die sie in Worten schreiben.