Donnerstag, 6. Juni 2013

scrimshaw


Ich wusste, dass er nicht echt war, dieser kleine scrimshaw Napoleon, aber er hat auf dem Flohmarkt am letzten Sonntag auch so gut wie nix gekostet. Bei Amazon gibt es ihn auch, doch da ist er teurer. Ist auch kein echtes scrimshaw. Wäre dieser in Walzahn geritzte Napoleon wirklich echt - und wäre er aus dem Jahre 1815, wie auf der Rückseite [drittes Bild] unter dem Bild einer englischen Kanone steht - so würde er bei Sotheby's oder Christie's einige Tausende kosten. Wenn nicht Hunderttausende. Schon mehr oder weniger fabrikmäßig hergestellte Exemplare mit diesem Motiv auf echtem Walzahn werden für 600 bis 800 Dollar gehandelt.

Wenn man bei dem Kleinkunstwerk der folk art noch den Künstler kennt (wie zum Beispiel ➱Edward Burdett aus Nantucket) oder sein Schiff irgendeine berühmte Geschichte hat, dann kostet das Dentalprodukt richtiges Geld. Wenn also ein Matrose an Bord der Essex, kurz bevor sie von ➱Moby Dick gerammt wurde, den Wal noch mit einer Segelmachernadel in einen Walzahn geritzt hätte, das wäre eine Geschichte, die den Wert eines geschnitzten Walzahns gewaltig steigen lassen würde. Schon bei diesem Werk eines gewissen William A Gilpin kann sich der Kurator des New Bedford Whaling Museums Stuart M. Frank begeistern: Every now and then a watershed piece shows up that is not only an aesthetic tour-de-force but has unique and enduring historical and iconographical significance that, in addition to being 'A Thing of Beauty,' enlightens the genre and informs research. The so-called Ceres Tooth by William Gilpin is just such an outstanding piece. Ich nehme an, dass ihm ➱Sothebys für diese Werbelyrik gutes Geld gezahlt hat.

Ist zu schwer für scrimshaw, sagte ich zu dem Flohmarkthändler. Aber Walkiefer sind nun mal schwer, entgegnete der Händler. Netter Versuch, aber er wusste natürlich auch, dass das Teil nicht echt war. Ich hatte schon scrimshaw in der Hand, da ging ich noch nicht zur Schule. Immer wenn ich Opa sonntags ins Heimatmuseum begleitete und da eine Stunde ungestört spielen konnte, bevor er um zehn die Tür aufmachte und sich an die Kasse setzte. Unser Heimatmuseum war voll mit dem Zeug, schließlich hatte unser Kaff mal vom Walfang gelebt.

Throughout the Pacific, and also in Nantucket, and New Bedford, and Sag Harbor, you will come across lively sketches of whales and whaling-scenes, graven by the fishermen themselves on Sperm Whale-teeth, or ladies' busks wrought out of the Right Whale-bone, and other like skrimshander articles, as the whalemen call the numerous little ingenious contrivances they elaborately carve out of the rough material, in their hours of ocean leisure. Some of them have little boxes of dentistical-looking implements, specially intended for the skrimshandering business. But, in general, they toil with their jack-knives alone; and, with that almost omnipotent tool of the sailor, they will turn you out anything you please, in the way of a mariner's fancy. So steht es in Melvilles Moby-Dick. Das Wort business weist darauf hin, dass es schon damals offensichtlich mehr ist als ein Zeitvertreib für Matrosen.

Wenige Zeilen später raisonniert Ishmael über diese Volkskunst: As with the Hawaiian savage, so with the white sailor-savage. With the same marvellous patience, and with the same single shark's tooth, of his one poor jack-knife, he will carve you a bit of bone sculpture, not quite as workmanlike, but as close packed in its maziness of design, as the Greek savage, Achilles's shield; and full of barbaric spirit and suggestiveness, as the prints of that fine old Dutch savage, Albert Durer. Melville macht da mit dem Vergleich mit ➱Dürer en passant eine interessante Bemerkung, denn Dürers Kunst ist ja auch eine manchmal schrecklich penible Kleinkunst. Aber ansonsten natürlich größer als diese naiven Beispiele der folk art, diese Tätowierungen der Jagdbeute, Walzahn Graffiti.

Man weiß nicht, woher das Wort scrimshaw kommt. Laut dem Webster taucht es 1826 zu ersten Mal auf, das Wort skrimshander im Jahre 1851 (das ist natürlich die Fundstelle in Moby-Dick). Das Oxford Englisch Dictionary definiert es als: A general name (also scrimshaw work) for the handicrafts practised by sailors by way of pastime during long whaling and other voyages, and for the products of these, as small manufactured articles, carvings on bone, ivory, or shells, and the like. Also scrimshaw v., trans. to decorate or produce as scrimshaw work; absol. to employ oneself in scrimshaw work. Das OED spricht die Vermutung aus, dass der Nachname Scrimshaw (der in Formen wie Scrimgeour, Scriminger, Scrymegour, Scrimger, Skrimshire oder Scrimshaw in der englischen Geschichte lange belegt ist) für die Wortbildung verantwortlich ist, weiß aber auch nicht genau, weshalb die verzierten Walzähne danach heißen sollen.

Wenn ein Auktionshaus wie Sothebys den Dr Stuart M. Frank zitiert, dann ist das natürlich kein Zufall, denn der Mann ist die Autorität auf dem Gebiet des scrimshaw. Hat auch (neben einer Vielzahl anderer Publikationen) das ➱Dictionary of Scrimshaw Artists verfasst. Und ist daneben Gründer des Mystic Seaport and Sea Music Festival und als Sammler von whaling songs hervorgetreten. Bei Smithsonian ➱Folkways ist seine Platte Songs of Sea and Shore erschienen. Er ➱singt da auch selbst.

Und er hat in seinem ➱Buch Ingenious Contrivances, Curiously Carved: Scrimshaw in the New Bedford Whaling Museum auch eine mögliche Antwort auf die Frage, weshalb sich so häufig Bilder von Napoleon auf den Stichelarbeiten amerikanischer Matrosen finden. Denn eigentlich ist Napoleon für amerikanische Walfänger kein Thema. Des Rätsels Lösung heißt St Helena, da machen seit den 1830er Jahren die amerikanischen Walfänger fest. In manchen Jahren sind es tausend Schiffe. Auch Melvilles Pequod segelt da vorbei: Days, weeks passed, and under easy sail, the ivory Pequod had slowly swept across four several cruising-grounds; that off the Azores; off the Cape de Verdes; on the Plate (so called), being off the mouth of the Rio de la Plata; and the Carrol Ground, an unstaked, watery locality, southerly from St. Helena.

Und was machen die sailors da? Die langweilen sich, da ist nichts los. This island is too small for me. The climate is not like ours, it is not our sun, nor does it have our seasons. Everything breathes a mortal boredom here. The situation is disagreeable, unhealthy. There is no water. This part of the island is a desert. It has chased all its inhabitants away, beklagt sich Napoleon bei dem englischen Gouverneur Sir Hudson Lowe. Die amerikanischen sailors beklagen sich nicht beim englischen Gouverneur. Die schreiben Briefe nach Hause, wie man auf diesem Beispiel (verziert mit zwei St Helena Briefmarken) sehen kann. Und besuchen natürlich alle Erinnerungsstätten an Napoleon. Und die Vielzahl der Bilder und Napoleon Reliquien bringt sie natürlich auf den Gedanken, Walzähne mit dem Konterfei des Korsen zu tätowieren.

Wenn die Erklärungen für das Auftauchen von bestimmten Motiven in der Kunst doch immer so einfach wären. Aber es ist eine Erklärung, die überzeugt. Auf St Helena hat man 1830 (und noch einmal in den 1870er Jahren) vergeblich versucht, eine eigene Walfangindustrie aufzubauen. Einen gewissen Napoleon Tourismus gibt es heute immer noch, aber es kommen nur viertausend Leute im Jahr mit dem Postschiff. Doch man baut schon an einem Flughafen. Wale gibt es da auch immer noch, solange sich die Zahl der Touristen in Grenzen hält. Aber es legen keine Schiffe aus Nantucket mehr an.

Die, wenn sie nicht St Helena anliefen, einen Zwischenstop auf den Azoren einlegten (wo der Walfang um 1858 begann). So werden eine Vielzahl der portugiesischen Inselbewohner den Weg auf einen amerikanischen Walfänger finden. Was Melville natürlich schon wusste: The same, I say, because in all these cases the native American liberally provides the brains, the rest of the world as generously supplying the muscles. No small number of these whaling seamen belong to the Azores, where the outward bound Nantucket whalers frequently touch to augment their crews from the hardy peasants of those rocky shores. Viele von ihnen werden nicht wieder auf die Azoren zurückkehren, sondern sich in den Hafenstädten Neuenglands niederlassen. Es ist sicher hart für Konservative, die im White Anglo-Saxon Protestant New England das einzige wahre Amerika sehen, zugeben zu müssen, dass hier ein großer Teil der Bevölkerung portugiesische Vorfahren hat.

Von den Azoren ist der Walfang nach Madeira gelangt. Das erwähne ich nur der Vollständigkeit halber. Vor allem, weil eine Vielzahl der scrimshaw Artikel aus Madeira kommt. Ein gewisser Manuel Cunha hat im letzten Jahrhundert eine Vielzahl von Stücken produziert, die von Sammlern für amerikanische Kleinkunst aus der Zeit um 1840 gehalten wurde. Napoleon hat er dabei natürlich auch nicht ausgelassen, wie man hier sehen kann. So berühmt wie St Helena ist Madeira für den Walfang nicht gewesen. Aber auch dort hat es bis vor vierzig Jahren Walfang gegeben. Heute gibt es da nur noch das ➱Museo Da Baleia und eine Schutzzone für Meeressäugetiere.

Das ist das Werk einer deutschen Meeresbiologin namens ➱Petra Deimer. Deren Tätigkeit lernte ich kennen, als ich mit ➱Dr Joachim Kruse (bei diesem Link gibt es einen ausführlichen Bericht über die Ausstellung) die Ausstellung Illustrationen zu Melvilles 'Moby-Dick' vorbereitete. Damals schrieb sie noch an ihrer Doktorarbeit über die Embryonalentwicklung der Nase beim Pottwal, die sie irgendwann aufgab, um sich dem Schutz der Wale zu widmen. Greenpeace hatte das Thema noch nicht für sich entdeckt. Als Petra Deimer Jahre zuvor an ihrer Hamburger Diplomarbeit schrieb, hatte sie den comandante der Walfangstation Eleuterio Reis kennengelernt, den sie dann in jahrelanger ➱Überzeugungsarbeit dazu gebracht hat, den Walfang aufzugeben. Irgendwie ist das ja viel beeindruckender als das sinnlose Wüten von Kapitän Ahab und der japanischen Walfangindustrie. Petra Deimer hatte damals für die Ausstellung in Schleswig ein Vielzahl von scrimshaw Stücken mitgebracht. Die im Katalog mit schöner Korrektheit als Pottwalzahn mit eingeschwärzter Ritzzeichnung aufgeführt wurden.

Im Jahr vor der Schleswiger Moby-Dick Ausstellung hatte es im Altonaer Museum eine großangelegte Ausstellung Wale und Walfang gegeben, die von Joachim Münzing konzipiert worden war. Die übrigens eins der wahrscheinlich ältesten Stücke zeigen konnte, eine Schachtel aus Walbarte, geschnitzt von Jacob Floer aus Amrum im Jahre 1661. In Altona konnte man bei der Ausstellung auf den Forschungen von ➱Wanda Oesau aufbauen, die mit Schleswig-Holsteins Grönlandfahrt auf Walfischfang und Robbenschlag 1937 ein Standardwerk geschrieben hatte, und die auch die erste Walfangausstellung in Altona 1950 konzipiert hatte. Eine andere Hamburgerin, Dr. Hildamarie Schwindrazheim (die Tochter des Malers Oskar Schwindrazheim), hatte 1968 in der Festschrift für Olaf Klose einen Aufsatz mit dem Titel Von Scrimshaw und Archangelsk-Arbeit veröffentlicht. Soweit ich sehen kann, war das die erste deutsche wissenschaftliche Publikation zum Thema Pottwalzahn mit eingeschwärzter Ritzzeichnung. Mit Archangelsk-Arbeiten meint man übrigens kleine Gebrauchskunstwerke aus Walrosszahn, die seit dem 18. Jahrhundert den Weg von Russlands Eismeerhafen nach Norddeutschland gefunden haben.

Was Napoleon dem englischen Gouverneur (den er insgeheim a cheap Italian debt collector nennt) sagt, habe ich nicht aus den Erinnerungen von Sir Hudson Lowe oder denen des Grafen Emmanuel Las Cases. Ich habe es aus Julia Blackburns schönem Buch The Emperor's Last Island: A Journey to St. Helena (das ich ➱hier schon einmal erwähnt habe), das sicherlich eine Leseempfehlung ist.

Eine noch größere Leseempfehlung wäre heute allerdings das Buch ➱Leviathan, or the Whale von Philip Hoare, das für jeden Moby-Dick Leser eine Art Begleitbuch zum Roman sein sollte. Alles, was Sie je über Wale wissen wollten, aber nie zu fragen wagten. Ein wunderbares Buch, das zu Recht im Jahre 2009 den BBC Samuel Johnson Prize erhielt. Hoare ähnelt mit seiner beinahe schon manischen Suche nach allem, was mit dem Leviathan zu tun hat, ein wenig dem Kapitän Ahab.

Doch er fördert eine Schatzkiste voller erstaunlicher Details zu Tage. Nicht zuletzt diesen Satz: In 1951 alone — one hundred years after Melville’s book appeared — more whales were killed worldwide than New Bedford’s whale-ships took in a century and a half of whaling. Das hat mir damals niemand erzählt, als ich mir als kleiner Junge die Welt des Walfangs eroberte. In unserem Heimatmuseum verherrlichten noch große Photographien die Fabrikschiffe von ➱Walter Rau aus Hilter. Über den wusste mein Opa alles, was wohl daran lag, dass ein Teil der Familie in Dissen wohnte, wo Raus Konkurrent Fritz Hohmann (FriHoDi) angesiedelt war.

Philip Hoare hat auch eine Art von Moby-Dick online Audiobook angeregt, das den schönen Titel Moby-Dick Big Read hat. Bekannte und Unbekannte lesen hier Melville vor. Wenn Sie jetzt zum Beispiel Hilda Swinton hören wollen, wie Sie das Kapitel liest, dessen Namen meine Blogadresse trägt, dann klicken Sie ➱hier.

Es gibt ein scrimshaw Kunstwerk, das wir nie zu Gesicht bekommen werden. Das liegt im Sarg von John F. Kennedy. Der war nämlich ein begeisterter Sammler alter amerikanischer scrimshaw Artikel (und hat wahrscheinlich auch die ➱Sammelwut seiner Landsleute angeregt). Seine Sammlung ist in dem Buch von Clare Barnes ➱John F. Kennedy: Scrimshaw Collector dokumentiert. Kennedys Frau Jacqueline hatte ihm als Weihnachtsgeschenk bei einem scrimshaw artist einen Walzahn bestellt, der das Siegel des amerikanischen Präsidenten tragen sollte. Nach seinem Tod hat ihn Jacqueline noch in seinen Sarg gelegt, bevor der verschlossen wurde.

Mein kleiner gefälschter Napoleon aus dem Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit wandert jetzt erst einmal auf das Fensterbrett. Neben den kleinen scrimshaw Pinguin, den der Bremer Kapitän ➱Ernst Biet mir mal geschenkt hat. Die beiden werden sich schon vertragen. Schließlich hat ja ein ➱Neffe Napoleons den Pinguinen ihren ornithologischen Namen (Spheniscidae) gegeben.

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