Donnerstag, 20. Juni 2013

Familiengeschichte


Ich habe es selbst nicht gelesen, da ich mit allem Belletristischen außerordentlich zurückhaltend war und nur Bücher las, von denen es meine Frau es für wichtig hielt und für einen persönlichen Gewinn, wenn ich sie lesen würde, schreibt ➱Theodor Heuss im Jahre 1957 einer Dame, die ihm das Buch Das Herz ist wach geschickt hatte. Und er fügt noch hinzu: Mit der Verfasserin selber bin ich gut bekannt gewesen, und sie hat es mir gar nicht übel genommen, daß ich ihre Bücher nicht las. Heuss erwähnt in seinem Brief noch einen zweiten Roman der Autorin, der Die Geschichte der Tilmansöhne heißt, über den möchte ich gerne einige Zeilen verlieren. Ich habe ihn gerade beim Aufräumen wiedergefunden.

Vor Jahrzehnten bekam ich eine briefliche Anfrage eines Freundes, ob ich ihm etwas zu dem Autor Mervyn Brian Kennicott und seinem Roman Die Geschichte der Tilmansöhne sagen könnte. Das sei ein Buch, das in seiner Anglophilie für uns Bremer eine wunderbare Lektüre sei. Ich brauchte einige Zeit, um herauszufinden, wer dieser Mervyn Brian Kennicott war. Heute mit dem Computer kann man die Frage in Sekunden lösen, das ist das Schöne an der schönen neuen Welt. Oder auch nicht, auch mit dem neuen Wundergerät Computer stehe ich vor dem gleichen Lebenspuzzle, vor dem ich damals mit den Recherchemöglichkeiten einer Universitätsbibliothek stand. Eine einfache Antwort habe ich aber doch: Es gibt keinen wirklichen Mervyn Brian Kennicott, der Name ist das Pseudonym der Freiin Gertrude Ida Maria von Sanden-Tussainen.

Auf diesem Landsitz in Ostpreußen wurde sie 1881 geboren, damals gehörte der Familie noch riesiger Grundbesitz. 1897 hat sie in England ein Gartenbau College besucht, für eine Junkerstochter sicherlich eine nützliche Ausbildung. Obgleich den Herren auf Tussainen seit Beginn des 19. Jahrhunderts die Pferdezucht näher lag als die Landwirtschaft. Gertrude von Sandens Halbschwester Susanne von Baibus hat sich in ihrem Buch Das Paradies an der Memel an die unbeschwerte Jugend auf Tussainen erinnert (kommen auch viel Pferde drin vor). Was den Gartenbau betrifft, so sind die Engländer ja sicher seit den Tagen Capability Browns die erste Adresse. Und die junge Gertrude von Sanden erfährt ihre Ausbildung bei der größten Kapazität für englische Landhausgärten der damaligen Zeit, der Malerin Gertrude Jekyll (was wäre die arts and crafts Architektur ohne die?)

Gertrude von Sanden wird auch Jekylls Buch Wood and Garden (➱hier im Volltext) ins Deutsche übersetzen und mit einem Vorwort versehen. Das Buch erschien als Wald und Garten: Praktische und kritische Anmerkungen und Gedanken eines arbeitenden Amateurs 1907 bei Julius Baedeker in Leipzig. Und die Hunderte von Gartenjournalen, die Die Liebe zum Garten ist ein Same, der, einmal gesäet, nie wieder stirbt, sondern weiter und weiter wächst - eine bleibende und immer voller strömende Quelle der Freude zitieren, sollten einmal vermerken, dass die Übersetzung von Gertrude von Sanden ist. Im gleichen Jahr, in dem ihre Übersetzung erscheint, heiratet sie einen George Meredith Ashton Hamer, der Offizier in der britisch-indischen Armee ist. Mit ihm wird sie längere Zeit in Indien leben. Major Hamer bekommt bei dem britischen Mesopotamien Feldzug den DSO Orden und wird in den zwanziger Jahren zum Colonel befördert.

Aber da scheint die Ehe der beiden zu Ende zu sein (mehr kann ich leider nicht herausfinden). Gertrude Hamer kommt wieder nach Deutschland und zieht mit ihren Töchtern Isabel und Kathleen (und Kathleens Kinder) zu ihrer Freundin Gertrud Bäumer nach Schlesien. Weit weg von Berlin und den neuen Machthabern, aber irgendwie immer noch standesgemäß: in die gemietete obere Etage des Schlosses Gießmannsdorf. Ihre Tochter Isabel, die ihrer Mutter aus England nachgefolgt ist, arbeitet in den dreißiger Jahren als Sekretärin von Gertrud Bäumer. Das Schloss wurde jetzt ein echter Musensitz, ein Heim offener Gastlichkeit und eine Zuflucht für viele Freunde, eine Stätte unablässiger geistiger Arbeit und beschwingten Lebens in Natur und Kunst, so Emmy Beckmann in einer Schrift zum achtzigsten Geburtstag von Gertrud Bäumer.

Für Gertrud Bäumer (Bild) ist der Umzug nach Gießmannsdorf ein Schritt in ein neues Leben: Ich weiß, daß ich mich auch wieder in die andere Lebensform des ‚freien‘ Schriftstellers hineinleben werde, obgleich die ‚Freiheit‘ heute eine sehr zweifelhafte Sache ist. Vielleicht haben wir, die wir alle ersten Versuche auf einmal machen mußten, darüber das Persönliche ein bißchen zu sehr versäumt. Jetzt kommt eine Zeit, in der man ganz einfach seelsorgerisch aus persönlicher Verbundenheit arbeiten muß, das Äußere wird unwichtiger, weil man da nicht viel wird machen können, schreibt sie 1933 an Emmy Beckmann. Es ist auch ein Schritt in die innere Emigration. In all dem Trubel dieser WG aus Schriftstellerinnen und Frauenrechtlerinnen, Kindern, Enkelkindern und Gästen ist Gertrude Hamer der ruhende Pol. Sie war der selbstloseste und großmütigste Mensch, den ich gekannt habe, und doch dabei allem Schönen des Lebens so besonders aufgeschlossen. Die letzten Jahre ist sie aufgegangen in der Sorge um ihre Tochter und die Kinder - freudig aufgegangen, aber doch zu ihrem eigentlichen persönlichen Leben nicht gekommen. Ihr ist damit etwas vorenthalten geblieben — und man hat das Gefühl. daß der Tod als Feind gekommen ist, hat ihre Freundin Getrud Bäumer über sie gesagt. Man sollte hinzufügen, dass sie in all dem Trubel auch noch zwei Romane geschrieben hat: Das Herz ist wach: Briefe einer Liebe (1934) und Die Geschichte der Tilmansöhne (1937).

Über ihre Tochter Isabel Dorothy Hamer weiß man sehr viel mehr. Sie hat den Verleger Hermann Leins geheiratet, der seine verlegerische Tätigkeit mit dem Kauf des 1913 in Bremen gegründeten Rainer Wunderlich Verlags begann. Nach dem Kriege kamen noch die Verlage C. E. Poeschel und J. B. Metzler zu seiner Verlagsgruppe (dazu kam die Treuhänderschaft über die Deutsche Verlagsanstalt). Damals sind auch alle Bücher von Theodor Heuss und seiner Frau Elly Heuss-Knapp bei ihm erschienen. Und durch die Beziehungen von Gertrude und Isabel Hamer nach England gewann er auch viele britische Autoren. Hermann Leins ist aufrecht durch die Nazizeit gegangen, obgleich er von ihnen in seinen verlegerischen Tätigkeiten erheblich behindert wurde. Er hatte sich geweigert in die NSDAP einzutreten und seinen Verlag gleichschalten zu lassen. Seine Standfestigkeit gegenüber den braunen Machthabern sicherte ihm aber 1945 die erste Verlagslizenz in der französischen Zone.

Seine Erfolgsautoren in den dreißiger Jahren sind Gertrude Hamer (deren Das Herz ist wach erstaunliche Auflagezahlen erreicht) und seine Ehefrau Isabel. Denn Isabel Hamer hatte 1938 einen Roman geschrieben, der aus dem Stand zu einem Bestseller wurde. Er hieß Perdita und war eine bittersüße deutsch-englische Liebesgeschichte. Man kann sie heute immer noch antiquarisch zu einem Spottpreis kaufen, und der Roman lohnt durchaus die Lektüre. Besser als die Hör Zu Romane der fünfziger Jahre, die der Chefedakteur Eduard Rhein unter dem Pseudonym Hans-Ulrich Horster schrieb (und sich damit eine schöne Villa am Feenteich in Hamburg leisten konnte), ist dies allemal. Heute ist das Werk von Isabel Hamer völlig vergessen, schließt der Wikipedia Artikel zu Isabel Hamer (der nicht einmal den Namen ihres Vaters richtig schreiben kann). Mit dem völlig vergessen bin ich nicht so sicher.

Der Familienroman ist eine Gattung, bei der Literaturhistoriker immer zuerst an die Marlitt und Hedwig Courths-Mahler denken müssen. Doch es geht auch anders, wie uns Theodor Fontane gezeigt hat. Oder Thomas Mann, der mit den Buddenbrooks den Familienroman aus dem 19. in das 20. Jahrhundert rettete. Und da hat diese Romangattung - literaturhistorisch gesehen - in den zwanziger und dreißiger Jahren durchaus eine Blütephase. 1928 erscheint mit Swan Song der letzte Teil von ➱John Galsworthys Forsyte Saga, gleichzeitig schreibt in Frankreich ein anderer Nobelpreisträger, Roger Martin du Gard, seine Familiensaga Les Thibaults. Und in Deutschland erscheinen mit Gertrude Hamers (=Mervyn Brian Kennicott) Die Geschichte der Tilmansöhne und den Barrings ihres ostpreußischen Landmanns William von Simpson zwei gewichtige Exemplare der Spezies Familienroman. Und dann sollte ich Otto Flake nicht vergessen (zu dem es ➱hier einen Post gibt).

Ich übergebe hier die Geschichte der Tilmansöhne in ihrer letzten von meiner Mutter noch kurz vor ihrem Tod in Aufzeichnungen bestimmten Fassung der Öffentlichkeit, schrieb Isabel Hamer in der Neuauflage von 1955 von Die Geschichte der Tilmansöhne. Dem Jüngsten erzählt. Mich hat der Roman in meiner Jugend nicht erreicht, ich bin erst durch die Anfrage meines Bremer Freundes darauf gekommen. Vielleicht war das gut so, so habe ich ihn mit der Begeisterung des Alters gelesen. Die Geschichte der Tilmansöhne ist der Roman eines deutschen Geschlechts, das, in alle Welt verschlagen, seinen Weg durch die Zeiten geht. Der Weiträumigkeit des Schauplatzes entspricht eine befreiende Wirkung: wir erleben Russland, die Seeluft Ostpreußens, England, Schweden, heißt es im Klappentext. Es ist ein Roman, der von einer großen Liebe zu England geprägt ist, das für die Autorin kein perfides Albion ist. Ein großangelegter historischer Roman, der vor uns eine Familiengeschichte vom 18. Jahrhundert bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts entrollt. Dem Jüngsten der Familie erzählt von seiner Großmutter aus Schweden. Es ist erstaunlich, daß sich ein Roman von einer solchen Liberalität und Humanität überhaupt im Publikationsjahr 1937 halten konnte. Der Roman ist noch bis in die fünfziger Jahre beim Publikum beliebt gewesen, aber dann irgendwie von der Bildfläche verschwunden. Zu Unrecht, es bleibt ein schöner Roman und ein Leseerlebnis.

Die Rezensionen waren damals sehr unterschiedlich. Für die von Will Vesper herausgegebene Zeitschrift Die neue Literatur war es ein umständlicher und unbequem zu lesender 'Roman' (man beachte die Anführungszeichen), der aus einer Reihe von Tagebuchaufzeichnungen einer alten Deutsch-Engländerin, welche zwanglos von diesem und jenem plaudert, bestand. Auch der Schriftsteller Emil Barth urteilte in Die Literatur: Monatsschrift für Literaturfreunde, dass das Buch als künstlerische Form unzulänglich sei. Fuhr dann aber fort: doch braucht man nicht um das Einzelne zu rechten, da sich da« Ganze mit der Schreibelust der Improvisation gibt, wenn sie um das Gleichgewicht der Kräfte und Teile unbesorgt ist. Einige Szenen von echter Erinnerungskraft geben den Grad der dichterischen Möglichkeiten von M.B. Kennicott an. Und Westermanns Monatshefte urteilten: Von der Kennicott ist nun eine romanartige Chronik erschienen: 'Die Geschichte der Tilmansöhne', darin es ebenfalls wieder sehr gebildet, international , freiheitlich, überaus gediegen und, ja, allerdings auch recht umständlich zugeht. Das trifft den Roman sicherlich genau. Nur die nationalsozialistische Satirezeitschrift Die Brennessel sprach in einem Flucht in die Scheinwelt betitelten Artikel von einer unendlich langweilig erzählten Geschichte.

Flucht in die Scheinwelt? Was M.B. Kennicott beschreibt, ist einmal eine reale Welt gewesen. Und gerade die schönsten Romane handeln von einer untergegangenen Welt, Joseph Conrad, Marcel Proust und William Faulkner wären Beispiele. Als eins der ersten Bücher nach dem Krieg verlegte Hermann Leins Hans Löschers Alles Getrennte findet sich wieder (ja, das ist ein Hölderlin Zitat), in dem es heißt: Die Welt braucht die Stillen im Lande. Die Gemeinschaft der Demütigen und Ehrfürchtigen, das ist der geheimnisvolle, fruchtbare Urgrund, aus dem je und je nach unerforschlichen Gesetzen die Befreier der Menschheit steigen. Das ist ein Zitat, das ganz im Geist von Gertrude Hamer ist. Es spricht für die Ehrlichkeit von Theodor Heuss, wenn er sagt: Mit der Verfasserin selber bin ich gut bekannt gewesen, und sie hat es mir gar nicht übel genommen, daß ich ihre Bücher nicht las. Vielleicht hätte er sie doch lesen sollen.

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