Donnerstag, 18. Januar 2018

Somewhere East of Suez


Mark Twain hat über Rudyard Kipling gesagt, er sei the only living person not head of a nation, whose voice is heard around the world the moment it drops a remark, the only such voice in existence that does not go by slow ship and rail but always travels first-class by cable. Und George Orwell sagt in einem bemerkenswerten ➱Essay: Kipling is the only English writer of our time who has added phrases to the language. Here are half a dozen phrases coined by Kipling which one sees quoted in leaderettes in the gutter press or overhears in saloon bars from people who have barely heard his name. It will be seen that they all have a certain characteristic in common:

East is East, and West is West.
The white man's burden.
What do they know of England who only England know?
The female of the species is more deadly than the male.
Somewhere East of Suez.
Paying the Dane-geld.


Der wunderbare Cartoon von Max Beerbohm aus dem Jahre 1904 im ersten Absatz hat die Bildunterschrift: Mr. Rudyard Kipling takes a blooming' day aht, on the Blasted 'Eath, along with Britannia, 'is girl. Britannia und Kipling Arm in Arm (mit vertauschten Kopfbedeckungen), sie versucht den kleinen Mann mit der Tröte zu zügeln. Die Bildunterschrift ist nicht in der ➱Hochsprache verfasst, es ist die Sprache, die Kipling in seinen Soldatengedichten immer wieder verwendet hat. Es ist seine Sprache, das macht ihm niemand nach. Wenn er von den flannelled fools at the wicket or the muddied oafs at the goals spricht, dann wird das den ➱Cricket (und ➱Fußball) Fans weh tun, aber der Satz bleibt im Kopf. Es ist eine Sprache, die Bert Brecht stark beeinflusst hat, als er in den 20er Jahren in Kiplings Welt eintauchte, um die Dreigroschenoper zu schreiben. Und den ➱Mandalay Song.

Ich picke mir aus den Zitaten, die Orwell auflistet, mal eben das Somewhere East of Suez aus dem Gedicht Mandalay heraus. Ein Gedicht, das Kipling schrieb, als er vierundzwanzig war. Trotz des noch beinahe jugendlichen Alters des Autors ist es ein perfektes Gedicht. Ich hatte da letztens eine Anfrage von meinem Freund Georg, der durch Zufall auf eine ihm unbekannte deutsche Übersetzung von Mandalay gestossen war. Mandalay kann Georg auswendig, sein Vater Werner Seifert (Bild) hat es nach dem Krieg ins Plattdeutsche übersetzt. Wirklich genial, Sie können es ➱hier lesen. Neben dieser Übersetzung kenne ich nur zwei andere. Die erste ist von Marx Möller, die kennt Georg auch, weil ich von ihm mal eine Photokopie bekommen habe. Max Wolf von der BZ am Mittag sagte vor mehr als einem Jahrhundert in seiner Rezension der Balladen aus dem Biwak, sie sei von einem unserer formgewandtesten Poeten, Marx Möller verfasst worden.

Bert Brecht, der sich gerne bei Kipling bediente, hat die Übersetzungen des formgewandtesten Poeten benutzt. Er kann auch die Indischen Balladen von Otto Hauser, die in der Reihe Aus fremden Gärten erschien, benutzt haben, da ist man sich nicht so sicher. Marx Möllers Übersetzung der Barrack-Room Ballads war 1911 im Berliner Vita Verlag unter dem Titel Balladen aus dem Biwak erschienen, das Buch war Teil einer Gesamtausgabe, die angeblich von Kipling autorisiert war. Einzige autorisierte vollständige Ausgabe der Barrack Room Ballads. Deutsch v. Marx Möller steht drin. In den 1920er Jahren gab es beim List Verlag eine Werkausgabe, bei der große Teile von Kiplings Werk von Hans Reisiger übersetzt worden waren, der ein hervorragender Übersetzer war. Wahrscheinlich kennen wir alle Kim aus seiner Übersetzung.

Marx Möller ist ein interessanter Mann gewesen, aber noch interessanter ist ein anderer Übersetzer, der ein Jahr zuvor seine Übersetzung beim Leipziger Julius Zeitler Verlag unter dem Titel Soldaten-Lieder und andere Gedichte publizierte. Er heißt Hanns Sachs, war ein promovierter Jurist und hatte zwei Vorlesungen bei Sigmund Freud gehört. 1910 präsentierte er Freud das Buch Soldaten-Lieder und andere Gedichte, kaum, dass es gedruckt worden war. Sachs wurde noch im selben Jahr Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und hielt dort einen Vortrag Über die Anwendbarkeit der Psychoanalyse auf die Werke der Dichtkunst. Der hatte allerdings nicht Kipling, sondern Heines ➱Loreley zum Thema. Nach John Willett (➱Brecht in Context) soll Brecht die Übersetzung von Hanns Sachs (und nicht die von Marx Möller) benutzt haben, es gibt da einige Konfusionen.

Lassen Sie uns einmal einen Blick auf die Übersetzungen werfen, ich nehme mir dazu die letzte Strophe von Kiplings ➱Gedicht:

Ship me somewheres east of Suez, where the best is like the worst,
Where there aren't no Ten Commandments an' a man can raise a thirst;
For the temple-bells are callin', an' it's there that I would be
By the old Moulmein Pagoda, looking lazy at the sea;
On the road to Mandalay,
Where the old Flotilla lay,
With our sick beneath the awnings when we went to Mandalay!
O the road to Mandalay,
Where the flyin'-fishes play,
An' the dawn comes up like thunder outer China 'crost the Bay!


Wir lassen das mal eben weg, dass Kipling wahrscheinlich nie in Mandalay war und die old Moulmein Pagoda hunderte von Kilometern von Mandalay entfernt ist, wir konzentrieren uns auf den Text. Hanns Sachs übersetzt die Strophe so:

Schafft mich östlich nur von Suez, alles and’re ist mir wurst,
Wo die zehn Gebot’ nichts gelten und ein Mann sich holt ’nen Durst. 
Denn die Tempelglocken rufen und ich will in ihre Näh’,
Hin zur alt’ Moulmein Pagode, müßig blicken über See. 
Auf dem Weg nach Mandalay 
Zu den Schiffen, zu der See,
Mit den Kranken unter Zelten kamen wir nach Mandalay. 

Oh, der Weg nach Mandalay, 
Fliegefische in der Höh’
Und auf Donnersflügeln brausend kommt die Dämm’rung über See. 


Das ist eine Übersetzung, mit der man leben kann. Mit Marx Möller vielleicht auch, dessen Übersetzung nicht den Titel Mandalay, sondern den Titel Vor den alten Tempeltoren hat. Mandalay, das im Original zwölfmal (bei Sachs elfmal) erwähnt wird, kommt bei Möller erstaunlicherweise nur einmal im Gedicht vor. Und mit den Silberfischen wird man heute auch nicht so glücklich sein:

Lasst mich über Suez fahren, Wo noch jeder Kerl was gilt, 
Wo nicht jeden, der mal Durst hat, Frömmelnd man als Säufer schilt! 
Denn die Tempelglocken läuten Ewig mir und locken laut 
In das Land, wo übers Wasser Ruhig die Pagode schaut! 
Wo die alten Schiffe liegen, deren Räder so rumoren, 
wo die Silberfische fliegen Vor den alten Tempeltoren ...

Am nähesten am Original, am nähesten an der Sprache des einfachen Soldaten, und das würde Kipling gefallen haben, ist die plattdeutsche Übersetzung von Werner Seifert:

Loot mi weg, vörbi an Suez, wo de Mann is noch’n Mann,
Wo’t geit ohne Zehn Gebote, un’ man noch een heben kann –
Denn de Tempelglocken roopt mi, un’ dorhen treckt mi dat Weh,
No de ool’ Moulmein Pagoda, de so meud kikt op de See –
An de Stroot no Mandalay
As de Scheep käm för de See
Mit de Kranken ünner't Sünnsail, as wi gung'n no Mandalay!
Oh, de Stroot no Mandalay,
Wo de Fisch fleeg in de Höh'
Un' de Dag is door as't Weder wiet ut China öber See!


Und dann ist da noch diese Übersetzung im Internet, die mein Freund Georg in einem Blog namens ➱lux autumnalis entdeckte. Dort sieht die letzte Strophe so aus:

Laßt uns irgendwo östlich von Suez segeln, wo der Edelste den Niedersten grüßt,
wo sich keiner um die Zehn Gebote schert und ein Mann erregen kann süßes Gelüst.
Wo die Tempelglocken rufen, dorthin möchte ich gehen,
bei der alten Pagode von Moulmein, um träge aufs Meer hinauszusehen.
Auf dem Weg nach Mandalay,
wo die Flotte liegt am Kai,
unsere Kranken bargen die Segel, als es ging nach Mandalay!
Auf dem Weg nach Mandalay,
dort siehst fliegende Fische du tollen
und die Sonne von China her über die Bucht wie Donner rollen!

Ship me somewheres east of Suez bedeutet niemals Laßt uns irgendwo östlich von Suez segeln, das ist totaler Unsinn. Man ist Marx Möller für Wo noch jeder Kerl was gilt dankbar, denn dieses wo der Edelste den Niedersten grüßt des Anonymus ist nur schreiend komisch. Aus dem Säufer von Möller wird hier ein Mann erregen kann süßes Gelüst. Ich weiß nicht, was das heißen soll, aber es ist nicht von Kipling. Die Kranken bergen übrigens keine Segel, sie liegen zum Schutz gegen die Sonne (With our sick beneath the awnings) unter ihnen. In einem Vers des Gedichts heißt es bei dem unbekannten Übersetzer: man kann keinen Bus von der Bank nach Mandalay nehmen. Von der Bank? Der ➱Bank of England vielleicht? Bei Seifert heißt es: Un’ door geit keen Bus mool eben von de Thems’ no Mandalay (Sachs hat an dieser Stelle eine Tramwaylinie). Und das ist richtig. In London kennt sich unser Übersetzer nicht so aus. Es gibt da eine Straße namens Strand. Die kennen wir von Bert Brechts Zeilen: An' nem schönen blauen Sonntag Liegt ein toter Mann am Strand Und ein Mensch geht um die Ecke Den man Mackie Messer nennt. Der Strand kommt bei Kipling auch vor: Tho' I walks with fifty 'ousemaids outer Chelsea to the Strand. Unser Anonymus macht daraus: bin ich auch mit fünfzig Hausmädchen nach Chelsea um die Klippen gebogen. Klippen in London? Gah mi af.

Die grottenolmschlechte Übersetzung war lange Zeit der meistgelesene Post in dem Blog lux autumnalis, ist gerade etwas abgesackt. Ich habe auf der Seite von Mandalay einen zurückhaltenden Kommentar geschrieben, der aber gleich gelöscht wurde. Man kann ja viel gegen Kipling sagen, aber solch eine stümperhafte Übersetzung hat er nicht verdient. Dass ich Kipling (der am 18. Januar 1936 starb) mag, steht schon in den Posts ➱The White Man's Burden, ➱Rudyard Kipling und ➱Mandalay. Ich habe in meinem Blog immer wieder über Übersetzer und Übersetzungen geschrieben. In dem Post ➱Übersetzer (der dem Übersetzer Curt Meyer-Clason gewidmet ist) finden sich eine Vielzahl von Links, die mit Übersetzungen zu tun haben. Klicken Sie's mal an.

Dass der englische Außenminister Boris Johnson im letzten Jahr in Myanmar in einer Pagode Come you back, you British soldier; come you back to Mandalay! zitierte, bis ihn der englische Botschafter (hier links neben Johnson) mit einem No. Not appropriate stoppte, zeigt, wie gefährlich Kipling immer noch ist. Oder wie blöd Johnson ist.

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