Sonntag, 14. Januar 2018

Pidgin English


Es war zappenduster. Mein Kommandeur hatte mich losgeschickt, damit ich den Colonel eines Panzerbataillons überreden sollte, mit seinen Panzern noch ein paar Kilometer vorzurücken. Mein Fahrer hatte Schwierigkeiten, in der Dunkelheit den Jeep auf dem Weg zu halten. Nach einigen Kilometern sahen wir einen englischen Soldaten, ich erkundigte mich nach seiner Einheit. Der Soldat nahm Haltung an und bellte: Sir! Er konnte meinen Dienstgrad in der Dunkelheit nicht sehen, aber das Englisch, das ich sprach, sagte ihm, dass ich ein Offizier sein musste. Hätte ich nicht mein schönes Schulenglisch gesprochen, hätte er vielleicht gesagt: Piss off, fella. Diese kleine Geschichte mag illustrieren, dass Englisch nicht gleich Englisch ist. Es ist eine Klassensprache.

Gemeinhin gilt das Pidgin English als die unterste Form des Englischen. Die Königin spricht das nicht. Die Königin spricht etwas, was die Deutschen Oxford Englisch nennen, was für die Linguisten aber RP ist (ich habe ➱hier ein Beispiel). RP heißt Received Pronunciation, nur ein ganz kleiner Prozentsatz der Engländer spricht das. Daniel Jones definierte 1916 für sein Aussprachewörterbuch RP als den Akzent most usually heard in everyday speech in the families of Southern English persons whose menfolk have been educated at the great public boarding schools.

Wenn man das spricht, dann ist man ganz oben. Dieser Verwandlungsvorgang, der jetzt nicht Kleider machen Leute, sondern Aussprache definiert die Klasse heißt, ist manchmal schon seltsam. Mrs. Thatcher, von ihrer Herkunft definitiv lower middle class, bemühte sich ihre Leben lang, königlicher als die Königin zu sprechen. Das ist ebenso komisch wie die Mrs Malaprop in Sheridans Theaterstück The Rivals. Man nimmt heute übrigens an, dass ➱George Bernard Shaw Daniel Jones als Vorlage für seinen Professor Henry Higgins in Pygmalion genommen hat.

Julie Burchill, die damalige Königin der englischen Subkultur, hat 1985 (damals war das ➱Sloane Ranger Handbook ein Bestseller in England) mit leichter Verzweiflung geschrieben: Dies ist immer noch das einzige Land in der englischsprechenden Welt oder Europa, in dem der Akzent eher von der sozialen Klasse als vom Landstrich abhängig ist - die Leute beurteilen Macht eher nach Akzent als nach Reichtum oder guter Bildung. Bildung zählt immer noch nichts in diesem Land, wenn man nicht so spricht wie die Bessergestellten; und wenn man so redet, kann man so doof sein, wie man will, und trotzdem aufsteigen ... Doch solche Sätze von einer Frau, die in der Punk Szene angefangen hat und von der journalistischen Konkurrenz als Trendnutte bezeichnet wurde, lassen die Upper Class kalt. Neuerdings behaupten Linguisten, dass die Königin schon gar nicht mehr RP spräche, sondern zum ➱estuary neige. Das lassen wir mal beiseite. Theresa May ist strohdoof, aber sie hat den richtigen Akzent, das reicht für die englische Oberklasse aus. Von John Majors Idee der ➱classless society ist nichts übriggeblieben.

Die BBC hatte jahrzehntelang nur Sprecher beschäftigt, die RP sprachen, aber seit Ende der 60er Jahre konnte man auch ➱regionale Akzente hören. Nicht gerade das Cockney, mit dem ➱Michael Caine aufwuchs, aber eben auch nicht das Englisch, das Professor Higgins auf der Bühne spricht. Gegen regionale Akzente ist nichts zu sagen, das haben wir im Deutschen auch. Das hat bei uns nichts mit einer sozialen Klasse zu tun. Wenn eine Bank mit dem Spruch Wir können alles. Außer Hochdeutsch wirbt, dann kann sie damit Erfolg haben. Für ➱Sir Philip Sidney sprach man in Sachsen das beste Deutsch, Sprachwissenschaftler sagen, dass in ➱Hannover das beste Deutsch gesprochen wird. Wenn Sie einen regionalen Akzent hören wollen (außer Jürgen von Mangers ➱Schwiegermuttermörder), dann kann ich ➱Lernt Rheinisch mit Konrad Adenauer empfehlen.

Wenn man Englisch als Fremdsprache vermittelt, ist es natürlich nützlich, einen ➱Standard anzunehmen. Da bietet sich RP an. Ich hatte einmal einen Examenskandidaten, der vorher Kapitän gewesen war. Es machte ihm keinen Spaß mehr, auf ➱ausgeflaggten Schiffen mit der Pistole in der Hand eine Mannschaft zu befehligen, mit der er sich nur im grauenhaftesten Pidgin English verständigen konnte. Die Prüfung verlief sehr gut. Bis wir zu dem Teil kamen, der auf Englisch abgehalten wird. Und da staunte ich. Und die Herren vom Prüfungsamt erst recht. Der Akzent der malaischen Mannschaft hatte offensichtlich auf unseren Kapitän abgefärbt. Grammatisch war alles korrekt, es war nicht das Englisch von ➱Oettinger, aber da war dieses grauenhafte Pidgin English in der Aussprache. Wir berieten uns nach der Prüfung und empfahlen dem Kandidaten einen längeren Aufenthalt in England. Den hatte er sowieso geplant. Er ist ein guter Lehrer geworden, irgendwo an der Westküste, wo er das Meer sehen konnte.

Ich habe Pidgin English eben so behandelt, wie man es gemeinhin umgangssprachlich versteht. Das ist nicht ganz richtig. Pidgin und Kreol sind Sprachen, reduzierte Sprachen, aber Sprachen. Und Fremdsprachen für viele Sprecher. Die Pidgin- und Kreolsprachen quer durch die Welt haben nur etwas miteinander gemein, wenn sie von der gleichen Ausgangsprache abstammen. Das Louisiana Creole kommt vom Französischen, Hawaiianisches Pidgin vom Englischen etc. Millionen auf der Welt sprechen Pidgin English, es ist eine Lingua Franca, wie es das Latein einst war. Auf das Latein wollte sich der Papst Johannes Paul nicht verlassen, als er 1984 Papua-Neuguinea besuchte, da hat er in Pidgin English gepredigt.

Millionen Menschen auf der Welt kennen die Bibel nur im Pidgin English. Ich zitiere einmal die Schöpfungsgeschichte im hawaiianischen Pidgin English:

God Make Da World

1 Da time wen eryting had start, God wen make da sky an da world.
2 Da world come so no mo notting inside, no mo shape notting. On top da wild ocean dat cova eryting, neva had light notting. Ony had God Spirit dea, moving aroun ova da watta.
Day Numba One
3 Den God say, “I like light fo shine!” an da light start fo shine.
4 God see how good da light. Den he put da light on one side, an da dark on da odda side.
5 Da light time, he give um da name “Day time.” Da dark time, he give um da name “Nite time.” So, had da nite time an da day time, az day numba one.
Day Numba Two
6 Den God say, “I like get someting inside da middo, fo no let da watta up dea an da watta undaneat come togedda!”
7 An dass wat God wen do. God make someting fo no let da watta up dea an da watta undaneat come togedda.
8 Da ting inside da middo, God give um da name “Da Sky.” Had da nite time an da day time, az day numba two.
Day Numba Three
9 Den God say, “I like da watta unda da sky come togedda one place, so dat get dry land!” An dass wat God wen do.
10 Da dry groun, God give um da name “Land,” an da watta dat wen come togedda one side, he give um da name “Sea.” God look da dry groun an da sea, an he tell, “Real, real good, all dat!”
11 Den God say, “I like da land, get all diffren kine plant grow! Da kine plants dat make dea own kine seed, an da kine trees dat make da fruits wit da seed inside, eryting!” An dass wat God wen do.
12 So da land wen make all diffren kine plant grow, da kine plants dat make dea own kine seed, an da kine trees dat make da fruits wit dea own kine seed inside, eryting. An God look da plants, an he tell, “Real, real good, all dat!”
13 Had da nite time an da day time, az day numba three.

Bei Monsignore ➱Ronald Knox klingt das in seiner ➱Bibelübersetzung natürlich etwas anders. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen, dass die Pidgin Version sehr eindrucksvoll und eingängig ist. Einfach und schlicht, für jeden zu begreifen. All this God saw, and found it good heißt es in der Hochsprache, Real, real good, all dat! im Pidgin. Klingt ein wenig nach Donald Trump, aber über dessen Sprachverarmung wollen wir jetzt nicht reden. Das ist kein Pidgin, das ist nur schlechtes Englisch. Ich habe Sie in ein Labyrinth der Sprachen geführt. Und dabei sind wir auf Dialekte und Soziolekte noch gar nicht eingegangen. Ich hätte ➱hier ein Zipfelchen vom Ariadnefaden, damit Sie einen kleinen Überblick bekommen.

Und dann habe ich, weil heute Sonntag ist, noch das ➱Vaterunser im Hawaiian Pidgin English. Gott versteht das, er versteht jeden, der zu ihm spricht, ob er RP oder Pidgin spricht. Da bin ich sicher.

Kommentare:

  1. Zu ergänzen wäre noch, daß nicht Gott Pidgin versteht, sondern auch die alte Damee BBC Pidgin auf Pidgin, nein, nicht "sendet", aber informiert:

    https://www.bbc.com/

    AntwortenLöschen
  2. Wer die wunderbarsten Beispiele von Unterschichten-Englisch erleben möchte,probiere einmal Übertragungen von Darts-Meisterschaften.Absolut liebenswerete Charaktere.

    AntwortenLöschen