Sonntag, 28. Januar 2018

Darling Jane


Heute vor 205 Jahren erschien Jane Austens Roman Pride and Prejudice. Anonym. Auf dem Titelblatt stand nur By the author of Sense and Sensitivity. Und auf dem Titelblatt des zwei Jahre zuvor erschienenen Romans können wir lesen: By a Lady. Nicht Jane Austen, nur by a Lady. Man könnte jetzt sagen, dass sich in dieser Zeit weibliche Autoren durch solche Anonymität (oder Pseudonyme wie die Brontë Schwestern) schützen. Ja und nein. Was sich auf den Titelblättern der Romane von Jane Austen findet, können wir schon in ähnlicher Art und Weise bei Fanny Burney finden, die hier einen Post hat. Jane Austen hat Fanny Burney sehr bewundert.

Anonymität ist angesagt unter Schriftstellern in jenen Tagen. Ein anglophiler deutscher Adliger, der uns seine Reiseerinnerungen ebenfalls anonym als Briefe eines Verstorbenen präsentiert, berichtet uns aus England: Ich war zum Mittag wieder bei der Herzogin von St. A... auf ihrem Landhause versagt, wo mich eine angenehme Überraschung erwartete. Man plazierte mich, der zu spät kam, zwischen der Wirtin und einem langen, sehr einfach aber liebevoll und freundlich aussehenden, schon bejahrten Manne, der im breiten schottischen, nichts weniger als angenehmen Dialekte sprach, und mir außerdem wahrscheinlich gar nicht aufgefallen wäre, wenn mir nicht nach einigen Minuten bekannt geworden – daß ich neben dem berühmten – Unbekannten säße. Es dauerte nicht lange, so kam mancher scharfe, trockene Witz aus seinem Munde, und mehrere höchst anspruchslos erzählte Anekdoten, die, ohne eben brillant zu erscheinen, doch immer frappierten. Seine Augen glänzten dabei, sobald er sich irgend animierte, so licht und freundlich, und es war so viel treuherzige Güte und Natürlichkeit darin ausgedrückt, daß man ihn lieb gewinnen mußte. Da plaudern also zwei Unbekannte beim Diner miteinander. Der eine ist unser Fürst Pückler, der lange Schotte ist niemand anders als Sir Walter Scott.

Pücklers Getue und Geziere mit der Anonymität ist Ludolf Wienbarg zu viel. Und so schreibt er über den Fürsten: Auf die bekannten Größen der früheren Literatur folgte der große Unbekannte; auf den großen Unbekannten folgte der vornehme Unbekannte. Jener, als er sein Incognito verrathen sah, stand nicht weiter an, sich öffentlich Walter Scott zu nennen und nennen zu lassen. Dieser aber, unser Verstorbene, unser Tuttifruttist, den Jedermann schon längst als Fürsten Pückler Muskau bezeichnet, zuckt noch immer dazu die Achsel und findet es in der Vorrede zum dritten der Tutti Frutti ungalant von einem Recensenten, daß derselbe seinen somnambülen Doppelgänger mit Namen angerufen.

Wienbarg ist ein scharfzüngiger Satiriker (er wird sich leider zu Tode saufen). Wir können dem Text auch entnehmen, dass es ➱Tutti Frutti schon vor ➱Elvis, Hugo Egon Balder und Monique Sluyter (Bild oben) gab. Charles Dickens hat in seinen Pickwick Papers unseren Fürsten (hier mit elegantem ➱Zylinder) als the famous foreigner und Count Smorltork verewigt.

Es wäre schön, wenn wir über die Pfarrerstochter Jane Austen ebenso viel wüssten, wie über den Fürsten Pückler. Wir wissen nicht, ob dieses Portrait von Ozias Humphry wirklich Jane Austen darstellt. Und auch bei dieser Zeichnung ist man sich nicht sicher. So bleibt als einzig gesichertes Bild eine Zeichnung ihrer Schwester Cassandra, auf der sie etwas missmutig in die Welt schaut. Aber wir haben ihr Werk und ihre Briefe. Die sogar im Internet zu finden sind. Da gibt es einmal die Briefe im ➱Projekt Gutenberg, und dann haben wir noch die ➱Edition von Baron Brabourn, dessen Mutter eine Nichte von Jane Austen war. Und dessen Großvater sich von ➱John Singleton Copley hatte malen lassen.

Man hat die Skizze aus dem Jahre 1810, die ihre Schwester Cassandra auf Papier gebracht hat, immer ein wenig zu verschönern versucht, und mit einer dieser Versionen ist Jane Austen im letzten Jahr auf einen zehn Pfund Schein gewandert. Direkt neben das Bild der Königin. Außer ihr war noch nie eine Frau auf dem Geldschein. William Shakespeare und Charles Dickens waren auch schon auf Zehn-Pfund-Noten. Das ist offensichtlich der literarische Olymp, auf diesem Geldschein zu sein.

Der Roman Pride and Prejudice wurde bei seinem Erscheinen vom Publikum gut aufgenommen. Nur Charlotte Brontë hatte etwas zu meckern: a carefully fenced, highly cultivated garden, with neat borders and delicate flowers; but ... no open country, no fresh air, no blue hill, no bonny beck. Es ist etwas dran , wenn Charlotte Brontë den Roman mit einem englischen ➱Landschaftsgarten vergleicht. Die novel of manners präsentiert uns eine geordnete Welt, da ist kein Raum für die wilde Sturmeshöhe, die ihre Schwester Emily in ➱Wuthering Heights beschreibt.

Der große Unbekannte (Sir Walter) schrieb 1826 über den Roman: Also read again, and for the third time at least, Miss Austen’s very finely written novel of 'Pride and Prejudice'. That young lady had a talent for describing the involvements and feelings and characters of ordinary life, which is to me the most wonderful I ever met with. The Big Bow-wow strain I can do myself like any now going; but the exquisite touch, which renders ordinary commonplace things and characters interesting, from the truth of the description and the sentiment, is denied to me. What a pity such a gifted creature died so early! 

Als Literaturwissenschaftler, wird man Pride and Prejudice in einer kritischen Ausgabe lesen, wie zum Beispiel der oben abgebildeten Norton Critical Edition. Wenn man ein normaler Leser ist, kann man jede Ausgabe nehmen, solange sie nicht gekürzt und bowdlerized ist. Die Bilder in diesen beiden Absätzen sind dafür da, damit ich sagen kann, dass die beinahe unzähligen Jane Austen Verfilmungen draußen vor lasse. Mit oder ohne Kira Knightley. Vor allem die Pride and Prejudice Zombies würdige ich keiner Behandlung. Im Gegensatz zu den Brontës macht Jane Austen wenig Gebrauch von der Schatztruhe der Gothic Novel. Lediglich in Northanger Abbey finden wir Spuren davon. Und das gibt mir jetzt einen schönen Übergang.

Dem Herrn, der hier Northanger Abbey in der Hand hält, können die deutschen Leser dankbar sein. Denn Christian Grawe (der auf für die Reclam Bände Fontane zum Vergnügen und die Fontane Chronik verantwortlich ist) hat zusammen mit seiner Gattin beinahe das Gesamtwerk von Jane Austen ins Deutsche übersetzt. Und noch eine Biographie geschrieben („Darling Jane“: Jane Austen, eine Biographie) hat.  Und zwei immens nützliche Bücher, die Jane Austen: 100 Seiten und Jane Austens Romane heißen (die Links führen beide zu Leseproben, die sehr viel über das jeweilige Buch aussagen). Das wird Sie zum Kauf verführen, die Bücher kosten auch nicht die Welt. Aber sie werden in der Welt von Jane Austen noch heimischer.

Before Jane Austen war der Titel einer Geschichte des englischen Romans des 18. Jahrhunderts von H.R. Steeves. Der Buchtitel impliziert, dass die Romane von Austen einen Einschnitt markieren, ein Ende des Romans des 18. Jahrhunderts. Jetzt beginnt etwas Neues, das kein aufgedrucktes Verfallsdatum hat, und das nach zweihundert Jahren noch genau so frisch ist wie bei der Drucklegung. Mein Lieblingsbuch zu Jane Austen ist A Portrait of Jane Austen von Lord David Cecil. Elsemarie Maletzke (die auch eine Biographie der Brontës geschrieben) hat eine Biographie geschrieben (Jane Austen: Eine Biographie), die ich Ihnen nicht vorenthalten will, viele Leser lieben das Buch. Und diese beiden jungen Damen sollte ich auch noch erwähnen. Und Sie werden jetzt anfangen Pride and Prejudice zu lesen: It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife. Das ist ein Romananfang, dem man nicht widerstehen kann.


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