Freitag, 26. Januar 2018

Die Liebesschule


Ist dies der Vorhof zur Hölle? Es sieht aus, als sei es irgendetwas zwischen Kafka, Nosferatu und Dr  Mabuse. Es ist ein Szenenbild aus Teodor Currentzis' Inszenierung von Don Giovanni, ich weiß allerdings nicht, aus welcher Aufführung. Currentzis hatte unseren adligen Wüstling ja schon einmal 2014 auf der Bühne, hatte auch eine Aufnahme fertig, aber dann sagte er: Nein. Es gefiel ihm nicht. Die Plattenfirma spielte erstaunlicherweise mit und spendierte Zeit und Geld für eine zweite Aufnahme. Was Sony 2016 auf den Markt brachte, ist die zweite Aufnahme, über die der Spiegel sagte: Alle geben alles: ein "Don Giovanni" für die Ewigkeit. Die erste der drei LPs von Don Giovanni von Teodor Currentzis geht mit dem ➱Dalla Sua Pace des Ottavio zu Ende, hier ist es kein Vorzeigestück für einen Tenor, hier wird es gesungen, wie man es noch nie gehört hat. Leider gibt es die Aufnahme von Kenneth Tarver nicht im Internet (es gibt ➱eine, aber das ist nicht Currentzis Version), deshalb führt der Link da oben zu Fritz Wunderlich ....


So sieht ein Post aus, der angefangen, aber nicht vollendet wurde. Ist abgelegt unter Entwurf. Da habe ich eine Menge von Posts, es mangelt mir nicht an Ideen. Aber ich lasse heute Don Giovanni mal Don Giovanni sein. Der Mann, der in Spanien über tausend Frauen beglückt hat (Ma in Spagna son gia mille e tre), hat schon mehrere Posts (➱Don Giovanni, ➱la ci darem la mano, ➱Premiere und ➱Champagnerarie).

Ich schreibe heute lieber einige Zeilen über Mozarts Oper Cosi fan tutte, die den Untertitel La scuola degli amanti hat. Sie wurde am 26. Januar 1790 aufgeführt. Mit mäßigem Erfolg. Joseph II, der Mozart immer wohlgesonnen war und die Oper in Auftrag gegeben hatte, war nicht bei der Premiere, er lag todkrank im Bett und starb keine vier Wochen später. Mozarts erster ➱Biograph Franz Xaver Niemetschek schrieb über die Oper: In dem Jahre 1789 im Monat December schrieb Mozart das italienische komische Singspiel, Cosi fan tutte, oder die Schule der Liebenden; man wundert sich allgemein, wie der Mann sich herablassen konnte, an ein so elendes Machwerk von Text seine göttlichen Melodien zu verschwenden.

Der Tod von Joseph II ist auch das Ende der Oper, die nur zehn Mal aufgeführt wurde. Was jetzt kommt, ist eine erstaunliche Sache, die Oper bekommt andere Titel und andere Handlungen. Was halten Sie von ➱Weibertreue, oder die Mädchen sind von Flandern? Der Übersetzer Christoph Friedrich Bretzner schreibt Nach Cosi fan tutte frey bearbeitet auf das Titelblatt. Man geht sehr frei mit den Kunstwerken anderer um. Mozart übrigens auch, seine Entführung aus dem Serail bedient sich freigiebig bei Bretzners Singspiel Belmonte und Constanze, oder: die Entführung aus dem Serail. Ich weiß jetzt nicht, wie Bretzner auf Flandern gekommen ist, ➱Lebe wohl mein flandrisch Mädchen ist noch nicht geschrieben. Bei Mozart sind wir in Neapel, da kommt Flandern nicht vor. Bei ➱Bretzner immer wieder:

Ach! wir alle sind von Flandern,
Küßen da und küßen dort;
Froh zu täuschen, leicht zu wandern,
Bricht man Treue, Schwur und Wort

Offensichtlich herrschen im Flandern des 18. Jahrhunderts besonders lockere Sitten. Das so elende Machwerk von Text wird im 19. Jahrhundert zerlegt und geplündert, bekommt andere Titel (Liebe und Versuchung oder So machen's die Mädchen bei Heinrich Schmieder), erst am Ende des 19. Jahrhunderts wird Hermann Levi (der auch Le nozze di Figaro und Don Giovanni neu übersetzt) eine korrekte deutsche Übersetzung von da Pontes Libretto liefern. Für Richard Wagner bedeutete Cosi fan Tutte wenig: O wie ist mir Mozart innig lieb und hochverehrungswürdig, daß es ihm nicht möglich war zum Titus eine Musik wie die des Don Juan, zu Cosi fan tutte eine wie die des Figaro zu erfinden: wie schmählich hätte dies die Musik entehren müssen! Erst ➱Gustav Mahler und Richard Strauss werden die Oper würdigen, und die Aufnahme von Fritz Busch beim britischen Mäzen John Christie in Glyndebourne wird der Oper endgültig den Rang geben, der ihr zusteht.

Das hat mehr als hundert Jahre gedauert, aber die Verhunzung eines Werks ist nichts Einmaliges. Nehmen wir zum Beispiel William Shakespeare. Nach seinem Tode schnell vergessen, dann kommen die Puritaner und schließen die Theater. Im 18. Jahrhundert wird sein Werk zerstückelt und umgeschrieben. Sie finden alles dazu in dem lesenswerten Buch von Gary Taylor Shakespeare Wie er euch gefällt, es ist die Kulturgeschichte einer Plünderung durch vier Jahrhunderte. Heute haben wir verlässliche Texte, verlässliche Partituren.

Die einzige Gefahr für eine Oper ist heute das Regietheater. Wie zum Beispiel Christophe Honoré 2016 in Aix-en-Provence, der die Oper aus dem Neapel des 18. Jahrhunderts in das Afrika des Abessinienkriegs verlegte. Und Fiordiligi und Dorabella wie ➱Straßennutten aussehen ließ (Sie können hier noch eine ➱Szene aus dieser Inszenierung sehen). Sie wollen ja alle so furchtbar originell sein, diese Regisseure des Regietheaters, aber letzten Endes ist das nichts als eine Mickymausisierung der Kultur. So schrieb ein Kritiker: Opera directors in general and European ones in particular have for some years now been pushing the envelope as it were in producing classic works in most unlikely versions. Wagner’s Ring in a gas station, Rigoletto in Las Vegas, Zaide in a third-world sweatshop, The Abduction from the Seraglio set among the jihadists and ISIS are just a few examples that come to mind.

Am 26. Januar 2011 gab es hier schon einen Post, der ➱Cosi fan Tutte hieß. Damals kannte ich die Aufnahme von Teodor Currentzis noch nicht. Heute habe ich die natürlich, und ich kann sie sehr empfehlen (schauen Sie ➱hier einmal hinein). Die DVD der Aufführung in Glyndebourne 2006 mag ich auch sehr. Wir hören mal eben in das ➱Soave sia il vento hinein, schöner geht es nicht. Da brauchte man kein Abessinien, keine Straßennutten und Duce Plakate wie bei Christophe Honoré, da braucht man nur ein schlichtes Bühnenbild und wunderbare Stimmen. Wie Nicolas Rivenq als Don Alfonso, Miah Persson als Fiordiligi und Anke Vondung als Dorabella. Das bleiben, wie Franz Xaver Niemetschek schrieb, göttliche Melodien und die lieblichste und scherzhafteste Musik voll Charakter und Ausdruck.

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