Donnerstag, 8. August 2013

Weiße Socken


Ja nee, iss klar (um mal eben Atze Schröder zu zitieren), weiße Socken gehen gar nicht. Außer zum Tennis. Aber da sieht man heute leider auch Kleidungsstücke, mit denen man früher keinen Platz hätte betreten dürfen. Die weißen Socken sollen ja angeblich mal in den fünfziger Jahren von Playboys in Saint-Tropez getragen worden sein, aber was dann daraus geworden ist, wissen wir alle. Charlie Sheen trägt weiße Socken, auf jeden Fall in Two and a half Men. Und da auch manchmal im Bett. Muss man noch mehr dazu sagen?

Wenn Charlie seine weißen Socken zu braunen loafers trägt, dann lassen wir das noch mal durchgehen. Aber der der deutsche Mann trägt seine weißen Socken am liebsten zu Sandalen, und da wird es schlimm. Dazu bieten sich dann stilecht Shorts an. ➱Jogginghosen passen auch prima (weshalb dieser Post in den letzten zwölf Monaten über siebentausend Mal gelesen wurde, weiß ich wirklich nicht). Eine gefälschte Rolex rundet dann das Erscheinungsbild ab. Wenn man im Ausland unbedingt betonen möchte, dass man ein Deutscher ist, aber vor weißen Socken ein wenig zurückschreckt, dann sollte man vielleicht so etwas wie dies hier in Erwägung ziehen.

Der deutsche Mann hat es wirklich nicht leicht, noch immer muss er gegen böse Vorurteile ankämpfen: Er tanzt schlecht, hat wenig Sex, ist verbissen und hat wenig Spaß. Und auch wenn es um sein Styling-Bewusstsein geht, kommt er nicht gut weg: Man assoziiert ihn in der Regel mit einem Bierbauch, Hawaiihemd, Sandalen und weißen Socken. Steht so in der Welt. Sagen Sie jetzt nicht, dass das nicht stimmt. Wenn Sie in diesem heißen Sommertagen einmal mit offenen Augen (und ohne die Ray-Ban mit den extra dunklen Blues Brothers Gläsern) durch die Stadt gehen, werden Sie sehen: es ist noch viel schlimmer. Dasa es bei Hitze auch anders geht, beweist dieser elegante Herr hier in Cannes.

Diese beiden jungen Damen sind modisch en vogue, allerdings sollte man dazu sagen, dass wir in den vierziger Jahren sind. Und hier gerade eine der ersten mit einem Modestil verbundenen youth cultures entstanden ist: die ➱Bobby Soxers. Aber nicht nur bei den weiblichen Frank Sinatra Fans ist dieser Look damals in, auch bei den männlichen Studenten an den Ivy League Universitäten findet er sich. In dem Buch Jocks And Nerds von Richard Martin und Harold Koda wird diese Mode unter Joe College beschrieben. Es ist der Look, den ➱Ralph Lauren seit Jahren vermarktet, vor allem für Leute, die niemals eine Ivy League Universität besuchen werden.

Hören wir dazu mal eben einen Zeitzeugen: We had pretty much a uniform, just like college students have today with their T-shirts, cargo pants and flip-flops. Then it was Weejun penny loafers, which had to be as decrepit as possible, often held together with duct tape. We wore thick white woolen socks by Adler. On the label it said “Do not bleach,” so of course we all bleached them. It turned them a sickly yellow color, and that was standard. Then we wore khakis or chinos, but the kind we tried to find were not the better brands like Corbin. There were a couple of companies that used to make them for the Army in World War II. They were only $5.95 and had a rough quality to them, and developed a lived-in quality quicker than a better brand of khakis. Then most of us wore university-striped Gant shirts and Baracuta jackets. For dressing up, we wore a gray herringbone jacket and a thick, heavy-silk club tie.

Natürlich gibt es neben den Bobby Soxers und den amerikanischen Studenten noch eine andere Gruppe, die weiße Socken tragen darf, ohne deshalb von den Stilwächtern verhöhnt zu werden: Tennisspieler. In meinem Verein wäre ja in den fünfziger und sechziger Jahren niemand mit andersfarbigen Socken auf den Platz gekommen. Aber damals wurden von Senioren auch noch lange weiße Hosen getragen. Das sah sehr elegant aus, nicht nur, wenn man wie Gottfried von Cramm ein Tennisbaron war.

Aber spätestens seit der Bobbele auf dem Platz war, war es mit der weißen Herrlichkeit vorbei. Bei den Herren wie bei den Damen. Ein Ideal wie Suzanne Lenglen - hier eine Etüde in Weiß, weiße Strümpfe inklusive - war nicht mehr gefragt. Heute ist bei den Damen, die für Geld Tennis spielen, eher der Look von Freizeitnutten angesagt. Modischer Verfall allerorten. Die weißen Seidenstrümpfe waren im ➱18. Jahrhundert ein Zeichen des Adels und der OberschichtDer Freiherr ➱Knigge hat sicherlich noch welche getragen. Aber heute sind weiße Socken nur noch ein Zeichen der Prollis.

Göttern und Halbgöttern in Weiß gestehen wir vielleicht auch noch weiße Socken zu. Jungärzte tragen die gerne zu Birkenstock Sandalen, aber das sind kochfeste Socken, die angeblich aus hygienischen Gründen getragen werden. Diese Arztsocken sind allerdings nur echt, wenn da eine Äskulapnatter eingedruckt ist, es soll aber schon Raubkopien geben. Chefärzte, die immer einen gestärkten Eppendorf Kittel tragen, würden so etwas nicht anziehen. Englische Chirurgen erst recht nicht. Die tragen nämlich im Krankenhaus einen Straßenanzug und werden nicht mit Doctor sondern mit Mister angeredet. Zur OP verkleiden sie sich natürlich auch. Tragen dann wahrscheinlich auch frisch desinfizierte kochfeste weiße Socken.

Zu diesem Bild kann ich nur einen Satz zitieren, der sich in Brett und Kate McKays Buch The Art of Manliness: Classic Skills and Manners for the Modern Man findet: Absolutely and under no condition should you ever wear white socks with dark pants unless you want to look like Steve Urkel or Michael Jackson circa 1983. Wenn Sie wissen wollen, wie Steve Urkel damals aussah, klicken Sie ➱hier. Oder lassen Sie's lieber. Die quasi-religiöse Pose von Michael Jackson kann uns daran erinnern, dass es einen Mann gibt, der ungestraft weiße Socken tragen darf. Und nur er, kein anderer. Richtig, es ist der Papst.

Geben wir das letzte Wort zu dem Thema nicht dem Papst, sondern Paul Keers, dem Autor von A Gentleman's Wardrobe, der zum Thema Socken sagt: The Charter of Eton College states that neither staff nor boy are 'permitted to wear red, green or white hose'. Peregrine Worsthorne, now an Editor of 'The Sunday Telegraph', achieved notoriety for wearing red socks with his pinstripe suits. David Hockney continues to wear a different colour on each foot. As style-spotter Peter York pointed out, who can say that the art of conversation is dead when a man can still make a point with the colours of his socks?


Kommentare:

  1. Demnächst erwarte ich einen Post über Beach-Volleyball. Wirklich.

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  2. Dem zweiten Absatz würde ich noch sandfarbene Westen mit sehr vielen Taschen über einem zu kleinen Fussball-Trikot, das Handy am Gürtel und ein Bordeaux-rotes Herrentäschchen mit Schlaufe hinzufügen...;)

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