Freitag, 9. August 2013

Wende


In Schleswig-Holstein, dem Land, das in Bildungsstatistiken ziemlich weit unten steht, gibt es eine Kultusministerin namens Wende. Sie heißt Waltraud mit Vornamen, besteht aber darauf, dass sie Wara heißt: Ich habe unter dem altmodischen Vornamen Waltraud mein Leben lang gelitten. Und da ich Waldi nicht so sexy fand, habe ich ein paar Buchstaben weggestrichen. Wara finde ich ganz gut. Früher hieß sie Waltraud Wende-Hohenberger, aber von dem Namen ist jetzt nicht mehr die Rede. Sie hat die verantwortungsvolle Aufgabe als Bewahrerin der Kultur nur übernommen, als man ihr zusicherte, dass sie ihren Hund mitbringen durfte: Dass ich "Wolpino" mitbringen darf, war eine Voraussetzung dafür, dass ich das Amt übernehme - das habe ich mit dem heutigen Ministerpräsidenten frühzeitig besprochen. Den Hund bringt sie auch zu ihren Pressekonferenzen mit. In einem Interview hat sie gestanden, dass sie eine schlechte Schülerin war: Dann kam ich nach einem Kurzschuljahr auf die Realschule und habe Fünfen und Sechsen gesammelt. Ich weiß also, wie es sich anfühlt, Schulversagerin zu sein. Wahrscheinlich war ihr Lieblingssong Pink Floyds We don't need no education.

Wir sind hier oben mit Kultusministern von Format nicht gerade gesegnet. In den fünfziger Jahren hatten wir einen echten Nazi, der dann später auch noch Ministerpräsident wurde. Sein Nachfolger (der als Student 1933 Bücherverbrennungen organisiert hatte) beging in der Mittagspause in der Förde Selbstmord. Dann gab es einen Herren, der 1969 zurücktrat, als Dreiviertel der Studentenschaft vor seinem Ministerium skandierte: Wir sind eine kleine radikale Minderheit. Als sich der Rektor in einer Vollversammlung gegen ihn stellte, konnte er die Schrift an der Wand lesen. Und es gab dann noch einen Verbindungsstudenten mit Schmissen im Gesicht, der ein Haus im schönsten Stadtteil bewohnte. Er musste allerdings später erfahren, dass er es deshalb so billig gekriegt hatte, weil es vorher ein Privatpuff gewesen war. Danach kamen mit  Eva Rühmkorf, Marianne Tidick und Gisela Böhrk drei seriöse Frauen, aber dann war dieser kurze schöne Schein der Symbiose von Kultur und Politik auch schon wieder vorbei. Der letzte Minister hieß Klug, aber dass der klug war, würde niemand im Lande behaupten wollen.

Die parteilose Quereinsteigerin Wende ist bisher durch eine Vielzahl von kauzigen politischen Ankündigungen aufgefallen, meistens musste sie ihre Pläne schon nach wenigen Tagen zurücknehmen. Aber sie sorgt auf jeden Fall für eine Belebung des Sommerlochs, also dessen, was die Engländer die silly season nennen. Ihr Ministerium bereitet nämlich gerade ein neues Schulgesetz vor: In dem neuen Schulgesetz manifestiert sich nicht nur das, was mir, der Landesregierung und den regierungstragenden Fraktionen wichtig ist, sondern hier manifestiert sich vor allem auch das, was den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Bildungskonferenz wichtig war: Wir sind auf dem richtigen Weg, sagte Frau Wende dazu.

In dem Referentenentwurf, in dem sich manifestiert, was Frau Wende wichtig war, wurden die Begriffe Bildung und Erziehung konsequent gestrichen. Einfach so. Wehe jeder Art von Bildung, welche die wirksamsten Mittel wahrer Bildung zerstört. Vor Wochen hatte Frau Wende schon vorgehabt, im Fach Heimat- und Sachkunde die Heimat zu streichen, aber das war dann nach drei Tagen doch schon wieder vom Tisch. Zwei Monate zuvor hatte sie gesagt, dass die Lehrer in den Schulferien mehr arbeiten müssten. Ministerin der Fettnäpfe war da noch eine von den netteren Schlagzeilen. Hinterher gibt die Ministerin immer die große Missverstandene: Die aufgeregte Diskussion um meine Worte zur Arbeits- und Ferienzeit der Lehrerinnen und Lehrer verwundert mich nicht wenig. Allerdings wirkt diese Rolle doch schon ein wenig abgenutzt. Das Verfallsdatum ist bei ihren hochfliegenden Plänen eigentlich immer schon aufgedruckt. Man rätselt, wie lange sie sich mit ihrem Hund Wolpino noch im Amt halten wird. Frau Wende ist genau so alt wie der Tutzinger Maturitätskatalog, der einmal die Minimalanforderungen der Hochschulen definierte. So etwas brauchen wir heute natürlich nicht mehr. Frau Wende eigentlich auch nicht.

Es gibt schlechterdings gewisse Kenntnisse, die allgemein sein müssen, und noch mehr eine gewisse Bildung der Gesinnungen und des Charakters, die keinem fehlen darf. Jeder ist offenbar nur dann guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist. Gibt ihm der Schulunterricht, was hierfür erforderlich ist, so erwirbt er die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher so leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum anderen überzugehen. Behauptet ein gewisser Wilhelm von Humboldt, der vor zweihundert Jahren das deutsche Schulsystem reformierte. Da kann man nur mit Schiller sagen Sonderbarer Schwärmer. Geht doch alles ohne Bildung und Erziehung. If you think education is expensive, try ignorance.

Der Referentenentwurf sieht anstelle der heute ja bedeutungslosen Wörter Bildung und Erziehung die Formulierung pädagogische Angelegenheiten vor. Weil Frau Wende einen modernen, zeitgemäßen Bildungs- und Erziehungsbegriff haben möchte. In George Orwells 1984, wo die Newspeak die normale Sprache ablöst, heißt es It's a beautiful thing, the destruction of words. Das brauchen wir, das ist zeitgemäß. Ah! que ces gens-là sont bètes! ah! quelle ineptie! ah! quelle sotte espèce! Ich nehme an, dass die Ministerin jetzt schon neues Briefpapier in Auftrag gegeben hat, auf dem statt Ministerin für Bildung stehen wird Ministerin für pädagogische Angelegenheiten. Oder vielleicht einfach: no brain no headache? Journalisten führt die Ministerin stolz vor, dass Wolpino kleine Kunststücke kann. Die hat die Wara ihm beigebracht. Ich überlege mir gerade, ob das etwas mit Erziehung oder pädagogischen Angelegenheiten zu tun hat.

1 Kommentar:

  1. Hiiiillllffffeeeee!
    Ich weiß, wie man ohne Fachkollegium für jedes auszubildende Fach mit einem 12 Jahre alten Ausbildungsplan und Lehrern mit einem Methodiklehrgang von insgesamt vielleicht 12 Wochen (mehr nicht) Jahr für Jahr mehrere hundert Gesellen einer nicht zu nennenden Berufsgruppe herstellt. Welche das ist verrate ich nicht, denn dann begehe ich eine Dienstpflichtverletzung.
    Ich muss es wissen, denn ich bin in doppelter Hinsicht betroffen...

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