Samstag, 6. Februar 2010

Folksongs


Der Texaner John Lomax bekommt am Anfang des 20. Jahrhunderts ein Stipendium für graduate studies in Harvard. Die sind da seit den Tagen des berühmten Francis James Child die Nummer Eins der Volkliedforschung. Lomax studiert bei George Lyman Kitteredge. Der ist der Nachfolger von Child (und auch sein Schwiegersohn). Lomax hat keine große Lust, schottische border ballads zu erforschen und schlägt seinem Professor stattdessen Cowboy Songs als Forschungsvorhaben vor. Kitteredge sagt ja, und Lomax sammelt alles, was man ihm in Texas vorsingt. Das findet auch den Gefallen von Theodor Roosevelt, nach dem die Teddybären Teddybären heißen. Der wäre am liebsten Cowboy geworden. Und dass jetzt ein junger Forscher das nationale Erbe von Cowboysongs sammelt, das gefällt "Teddy" Roosevelt. Er wird das Vorwort zu Cowboy Songs and other Frontier Ballads schreiben. Sein Namensvetter (und entfernter Verwandter) Franklin Delano Roosevelt schwärmt für Home on the Range, aber diese inoffizielle Nationalhymne des amerikanischen Westens ist eigentlich ein Kunstlied, kein echter Folksong (obgleich ihn Lomax auch aufgeschrieben hat).

Moses (Moe) Asch ist der Sohn des Schriftstellers Scholem Asch. Er ist in Warschau geboren, aber jetzt ist er Amerikaner. Er studiert in den zwanziger Jahren Radiotechnik in Deutschland. Und Musik. Er wird aber damit gehänselt, dass die Amerikaner überhaupt keine eigene Musik haben. Musik haben nur wir Deutschen. Bei einem Parisbesuch findet Moe Asch bei einem bouquiniste am Seineufer ein Exemplar von John Lomax' Sammlung der Cowboy Songs. Das fasziniert ihn, amerikanische Volkslieder, keine ausgefeilte Lyrik, holprig, manchmal schmutzig. Anfang der dreißiger Jahr nimmt Scholem Asch seinen Sohn mit zu seinem Freund Albert Einstein nach Princeton. Moe Asch hat sein Aufnahmegerät dabei, er soll eine Radiobotschaft von Einstein aufzeichnen. Das kann er, das hat er gelernt. Beim Kaffee fragt Einstein den jungen Asch, was er denn einmal werden wolle. Asch sagt, eigentlich würde er gerne Mathematik studieren. Aber die Volksmusik Amerikas interessiere ihn auch sehr, es wäre doch ein schönes Unternehmen, das alles mit der neuen Technik aufzuzeichnen. Und da sagt Einstein: mach das, das Gerät, das Du da hast, das ist die Zukunft. Arbeitslose Mathematiker gibt es schon genug. Und er fügt hinzu: You're exactly right. Americans don't appreciate their culture. It'll be a Polish Jew like you who will do the job. Wir haben über diesen Tag in Einsteins Wohnzimmer ein halbes Dutzend Berichte, alle widersprechen sich in Details, aber nicht in der Sache. Das Einstein Zitat in dieser Version stammt von Pete Seeger, der mit Moe Asch befreundet war. Diese Version gefällt mir am besten. Sie ist wahrscheinlich auch wahr. Radio und Aufnahmegerät werden die Zukunft des Jahrhunderts sein. Moses Asch wird Amerikas kulturelles Erbe aufzeichnen.

Er wird zahlreiche Plattenlabels gründen, von denen das berühmteste das 1948 gegründete Folkways Records ist. Das ist eine Plattform für diejenigen, die die kommerzielle Plattenindustrie der dreissiger Jahre nicht interessiert. Zu wenig Chancen auf große Gewinne. John Lomax und sein Sohn Alan Lomax nehmen auch auf, aber für wissenschaftliche Zwecke. Jetzt in den dreißiger Jahren auch für die neuen Library of Congress Recordings. Aber Moses Asch zahlt wenigstens eine kleine Gage. Und alle seine Aufnahmen sind immer lieferbar. Das ist einmalig und ein wenig ruinös. Asch wird Woody Guthrie verpflichten, Pete Seeger und Cisco Houston. Wird Jazz aufnehmen und kubanische Rhythmen. Lange bevor der Begriff "Weltmusik" en vogue ist, gibt es die bei Folkways zu kaufen. Nach dem Tode von Asch im Jahre 1986 wird die Smithsonian Institution das Label Folkways kaufen, so dass das nationale Erbe Amerikas gesichert ist. Wenn Einstein, das so gesagt hat, wie Pete Seeger es überliefert, dann ist das eine weise Voraussage gewesen.

Meine erste Folkways LP hat mir ein Freund vor einem halben Jahrhundert aus Amerika geschickt. Sie hatte die Nummer FJ 2802, war die zweite in der Reihe Jazz und hieß The Blues. Blind Willie Johnson und Blind Lemon Jefferson sind da drauf. Und Ma Rainey, Jelly Roll Morton und Louis Armstrong. Die Platte war herausgegeben von Frederic Ramsey und mit einem photokopierten, selbstgetippten Text versehen. Frederic Ramsey ist 1995 im Alter von 80 Jahren gestorben, er war ein berühmter Mann. Bei Moses Asch schrieben Fachleute die Texte, da gab es keine unverbindlichen wischiwaschi liner notes. Ich musste meine Folkways Langspielplatte beim Hauptzollamt Bremen abholen, argwöhnisch beäugt von einem halben dutzend Zollbeamten. Heute ist der Kauf einfacher. Die Nummer FJ 2802 gibt es immer noch.

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