Montag, 1. Februar 2010

Intertextualität


Thomas Pynchon ist ein amerikanischer Schriftsteller über den wir noch weniger wissen als über J.D. Salinger. Er entzieht sich beharrlich der amerikanischen Medienmaschinerie, die nichts Privates privat lässt. Vielleicht ist das ein Relikt aus puritanischen Tagen, als man a city upon a hill bauen wollen. Etwas, wo jedermann hineinschauen konnte. So wie die puritanischen Holländer früher keine Vorhänge vor den Fenstern hatten. Wir haben von Pynchon einige Photos, und er ist bei den Simpsons aufgetreten. Allerdings mit einer Papiertüte auf dem Kopf, auf der ein Fragezeichen war. Pynchon schreibt dicke Romane, rätselhaft, bizarr und voll von enzyklopädischer Bildung. Man könnte auch Papiertüten mit Fragezeichen auf den Buchumschlag malen. In dem Roman Mason&Dixon geht es um zwei englische Astronomen und Landvermesser, die für die berühmte Mason und Dixon Line verantwortlich sind. Die nach Amerika geholt wurden, um einen immer währenden Grenzstreit zwischen den Familien Penn und Calvert zu schlichten. Die Calverts waren schon etwas länger in dem neuen Land, Charles I. hatte seinem Freund Lord Baltimore eine Kolonie geschenkt, die der nach der Gattin von Charles benannte. William Penn bekommt seine Kolonie von Charles II., der damit seine Schulden abträgt. Penns Vater, der Admiral William Penn war einer der reichsten Männer Englands, er hatte dem König Geld geliehen. Könige haben ja nie Bargeld. William Penn Junior wollte die Kolonie New Wales nennen, aber der König sagte: nichts da, der Name Deines Vaters kommt in den Namen hinein. Also wird es Pennsylvania. Ein bürgerlicher Name für eine Kolonie. Virginia, New York, Carolina, Maryland, Georgia und Louisiana heißen nach Königen und Königinnen. Sowohl Lord Baltimore als auch William Penn haben ihre Kolonien auf Religions- und Gedankenfreiheit und auf Toleranz begründet. Aber einige Generationen später ist es mit der Toleranz nicht mehr so weit her, Grenzstreitigkeiten unter Nachbarn, wie in der Schrebergartenkolonie. Mason und Dixon sollen es jetzt richten.

Wenn sich unsere Helden am Anfang des Romans im sechsten Kapitel auf einer englischen Fregatte befinden, schreibt der Autor Thomas Pynchon einen Schriftstellerkollegen in den Text hinein: "Excuse me, Captain, problem with the Euphroes again." "Get O'Brian up here, then, if it's about Euphroes, he's the one to see.""Hey, t'en, Pat. Scribblin' again, are ye? More Sea Stories?" Not only does O'Brian know all there is to know and more 'pon the Topick of Euphroes, and Rigging even more obscure,- he's also acknowledg'd as the best Yarn-Spinner in all the Fleets. Dieser Patrick O'Brian, der best Yarn-Spinner in all the Fleets, ist uns natürlich als der Autor von zwanzig Seeromanen bekannt. Pynchon deutet durch diese kleine Reverenz an, dass er alles, was er jetzt über das Leben auf Schiffen weiß, bei O'Brian abgeschrieben hat. Schriftsteller schreiben immer bei anderen Schriftstellern ab, das ist eine Tatsache der Literaturgeschichte. Für diejenigen, die das noch nicht wussten, hat der holländische Germanist Herman Meyer das mit seinem Buch Das Zitat in der Erzählkunst mit hunderten von Beispielen bewiesen. Neuerdings nennt die Literaturwissenschaft das Intertextualität. Intertextualität klingt auch besser als Klauen.

Aber versteht Patrick O'Brian wirklich etwas von all diesen nautischen Feinheiten wie euphroes und rigging? So wie Herman Melville und Joseph Conrad, die zur See gefahren sind? Die Antwort ist, und Patrick O'Brian Fans müssen jetzt ganz stark sein: Nein. Er ist nie zur See gefahren (er ist auch kein Ire, und er heißt auch nicht Patrick O'Brian). C.S. Forester, der Schöpfer von ➱Horatio Hornblower, ist immerhin mit einem kleinen Segelboot um ganz England gesegelt. Northcote Parkinson war Dozent am Royal Naval College. Douglas Reeman, der als "Alexander Kent" schreibt, war britischer Marineoffizier im Zweiten Weltkrieg. Richard Patrick Russ, der seine Romane als Patrick O'Brian in Südfrankreich schreibt, hat sich immerhin irgendwann einmal ein kleines Segelboot gekauft. Aber alles, was er an nautischen Fachtermini in seinen Büchern verwendet, hat er aus anderen Büchern.

Das ist ein Trick von Schriftstellern, durch das Nennen von tausenderlei Fachbegriffen, die der Leser nicht kennt, die völlige Beherrschung der Materie vorzutäuschen. Hemingway redet über Gewehre, als sei er in einer Waffenfabrik aufgewachsen. Der Meister dieser Täuschung ist sicher Ian Fleming gewesen. Der Schriftsteller Kingsley Amis hat diese Verwendung von Markennamen und Fachbegriffen in seinem witzigen James Bond Dossier den Ian Fleming effect getauft. Fleming wußte, was er tat: Um meine phantastischen Fabeln zu verankern, wende ich den Kunstgriff an, die richtigen Namen von Dingen und Orten zu verwenden. Die ständige Benutzung von wirklichen und vertrauten Namen und Dingen gibt dem Leser die Gewißheit, dass sowohl er wie der Autor mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen steht, obwohl beide in ein phantastisches Abenteuer verwickelt sind. Aus diesem Grund begann ich mit dem technischen Kunstgriff zu arbeiten, daß ich von einem Ronson-Feuerzeug sprach, von einem 4,5-Liter-Bentley mit einem Amherst-Villiers-Vorverdichter, dem Ritz-Hotel in London, dem 21 Club in New York, den genauen Namen auch für die geringfügigste Einzelheit. All das gibt dem Leser das Gefühl des Wahrscheinlichen. Man sollte natürlich hinzufügen, dass der ehemalige Commander der Royal Navy eine Welt beschrieb, die ihm in allen Details vertraut war.

Anders als die postmodernen Schreiber, die ihre Romanwelt nur aus anderen Romanwelten beziehen. Richard Henry Dana, Captain Marryat, James Fenimore Cooper, Herman Melville und Joseph Conrad sind zur See gefahren. Die wissen, worüber sie schreiben. Sie brauchen ihre seemännischen Kenntnisse nicht durch die Verwendung von tausenderlei Fachausdrücken zu beweisen. Oder sie sich wie Pynchon bei dem yarn-spinner O'Brian zu borgen. Wobei Thomas Pynchon nicht Thomas Pynchon wäre, wenn diese Romanstelle über euphroes and rigging even more obscure nicht auch eine Portion Ironie enthalten würde.

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