Mittwoch, 3. Februar 2010

Ritter


Seinen ersten Roman, The Big Sleep, beginnt Raymond Chandler mit der Beschreibung eines Glasfensters in dem riesigen Haus des Generals Sternwood: there was a broad stained-glass panel showing a knight in dark armour rescuing a lady who was tied to a tree and didn't have any clothes on but some long and convenient hair. The knight had pushed the vizor of his helmet back to be sociable, and he was fiddling with the knots on the ropes that tied the the lady to the tree and not getting anywhere. I stood there and thought that if I lived in the house, I would sooner or later have to climb up there and help him. He didn't seem to be really trying. Hier spricht der wunderbar schnoddrige Erzähler Philip Marlowe, Raymond Chandlers Version eines Ritters. Der architektonische Alptraum der Sternwood Villa steht sicher für die Geschmacklosigkeit der amerikanischen Millionäre. Nathanael West hat drei Jahre nach Chandlers Roman in The Day of The Locust eine kleine Architekturgeschichte des schlechten Geschmacks in Hollywood geschrieben. Ritter in Amerika? Hatte nicht Goethe gedichtet: Amerika, Du hast es besser als unser Kontinent, das alte. Hast keine verfall'ne Schlösser und keine Basalte? Mit den Basalten hat sich der Meister ein wenig geirrt. Und neugotische Schlösser werden sich spleenige amerikanische Millionäre auch bauen. Das ist im 19. Jahrhundert in England, von wo die Welle auch nach Amerika schwappt, die große Sache.

Zurück zum Mittelalter. Man begegnet dem Industriezeitalter, indem man sich eine mittelalterliche Scheinwelt aufbaut. Der englische Kunsthistoriker ➱Mark Girouard hat das in seinem Buch The Return to Camelot: Chivalry and the English Gentleman detailreich beschrieben. Den Ritter auf dem Glasfenster hat sich Chandler nicht ausgedacht, es gibt dieses Bild. Es ist Sir John Everett Millais' The Knight Errant von 1870 (Tate Gallery), Philip Marlowes Beschreibung passt genau auf dieses Bild. Die Szene, die irgendwie aus der damals wieder aufflammenden Artus Mythologie stammt, bietet dem Künstler die Gelegenheit, eine nackte Frau darzustellen. Mit long and convenient hair, aber nackt. Sonst sind es bei den viktorianischen Malern ja nackte Römerinnen im Bade. Der double standard der viktorianischen Sexualmoral segnet den historischen oder mythologischen Akt ab.

Obgleich Chandler als Vertreter der amerikanischen hard-boiled school gilt, ist er doch im Herzen noch ein Viktorianer. Das kann man auch an seinen Jugendgedichten ablesen. Wenn man auf einer englischen Public School gewesen ist, bleibt man dem viktorianischen Geist der chivalry verhaftet. So tough Philip Marlowe ist und so voller wunderbarem (von Chandler selbst geprägtem) Slang seine Sprache ist, im Grunde bleibt er ein romantischen Relikt des knight und der chivalry. Die im 19. Jahrhundert seltsame Blüten getrieben hat. Man verkleidet sich mit Blechrüstungen und veranstaltet Turniere. Auch das wird in Amerika bereiwillig aufgenommen. Im Bürgerkrieg nehmen Südstaatenoffiziere Urlaub von der Front, weil sie zuhause auf der plantation ein Turnier am Laufen haben. Faulkners Großvater organisiert kurz nach Ende des Bürgerkrieges ein Turnier, um das Geld für ein Soldatendenkmal zusammen zu bekommen. Und noch im Juli 1870 kann sich Mark Twain über ein Turnier in Brooklyn herrlich aufregen. Für diese ganze mittelalterliche Welt von Sir Walter Scott hat Mark Twain nur Hohn und Spott übrig. Wenn in Life on the Mississippi ein gesunkener Mississippi Dampfer beschrieben wird, dann heißt der natürlich Walter Scott. Und Mark Twains Roman A Connecticut Yankee in King Arthur's Court ist eine Breitseite gegen diese ganze Bewegung. Am schönsten ist die Stelle, wenn unser Yankee die glänzenden Ritterrüstungen mit Werbebotschaften versieht. Und so reiten die Ritter auf der Suche nach dem Gral oder nach damsels in distress dann mit Werbung bepflastert durch die Landschaft. Wie Bundesligatrainer, deren Hemdkragen und Jackett mit den Namen der Sponsoren verziert sind.

Chandlers Freund ➱Ian Fleming hatte ihm einmal geschrieben: you after all write "novels of suspense" - if not sociological studies - whereas my books are straight pillow fantasies of the bang-bang, kiss-kiss variety. Chandler schreibt sociological studies der Gesellschaft in der Great Depression, und sein Held ist äußerlich tough. Aber nicht so tough wie die Helden von Dashiell Hammett, denn im Grunde seines Herzens ist Chandlers Wunschfigur (mit der er sich immer identifizierte) soft. Chandler hat seinen Helden in dem ➱Essay The Simple Art of Murder als eine Art Superman Helden in einer schlimmen Zeit beschrieben. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass all die Comic Helden, die ständig Amerika retten, auch in der Great Depression auftauchen. Leider geschieht das nur in der Welt der Phantasie und der Welt der Literatur. Und natürlich flüchtet der Leser gern in solche Welten, wenn er sich in der wirklichen Welt bedroht fühlt. So wie sich die Viktorianer in den Mittelalterkult flüchten. Die Welt der Kriminalität verändern Wunschfiguren wie Philip Marlowe nicht. Philip Durham, Professor an der Universität von Kalifornien In Los Angeles hat das in seinem Buch Down These Mean Streets a Man Must Go: Raymond Chandler's Knight sicherlich am genauesten beschrieben: It must be emphasized, however, that the detective hero was only a literary one... he was only what his creator intended him to be - pure fantasy. As a symbol the detective hero was superb, but as a symbol he could never achieve reality. The result was that Chandler was actually writing romantic fiction, but by simulating reality through the hard-boiled attitude he could stay within an American literary tradition.

Benutzt die Gegenwart mit Glück! Und wenn nun eure Kinder dichten, Bewahre sie ein gut Geschick vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten! dichtete Goethe in der letzten Strophe von Amerika, Du hast es besser. Irgendwie haben sich die Amerikaner nicht so ganz an Goethes Rat gehalten.

Kommentare:

  1. Großartiger Essay. Ein Zitat wäre zu ergänzen:

    "The private detective of fiction is a fantastic creation who acts and speaks like a real man. He can be completely realistic in every sense but one, that one sense being that in life as we know it such a man would not be a private detective."
    Chandler in einem Brief vom 19.4.1951

    Hier noch ein schöner Essay zu Chandlers Held:

    http://www.mahagoni-magazin.de/Kultur/dark-city.html

    Viele Grüße
    Thorsten

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  2. Many thanks. Das Zitat muss aus dem berühmten Brief an D.J. Ibberson stammen. Im Oktober 1951 sagt Chandler in einem Brief an einen Mr. Inglis ja Ähnliches. Chandler ist in seinen Briefen ja sehr scharfsinnig über seine Sorte Literatur. Zwei Jahre vor seinem Tod schreibt er an Helga Green: "To accept a mediocre form and make something like literature out of it is in itself rather an accomplishment." Was kann man mehr sagen?

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