Sonntag, 21. Februar 2010

Winter


Wenn ich aus dem Fenster blicke, sieht es draußen aus wie auf Brueghels Winterlandschaft. Und das schon seit Wochen. Enervierend, man wünscht sich den Frühling herbei. Dabei hatten wir schon viel strengere Winter in den letzten fünfzig Jahren. Aber wir sind verwöhnt durch den Klimawandel. Bei Breughel sieht der Winter noch nicht nach Klimawandel aus. Sein Bild mit den Jägern im Schnee von 1565 erfreut sich offensichtlich auch nach Jahrhunderten großer Beliebtheit, im Internet werden hunderte von Kunstdrucken angeboten. Es hat im zwanzigsten Jahrhundert erstaunlich viele Dichter herausgefordert: Walter de la Mare, William Carlos Williams, Joseph Langland und John Berryman haben Gedichte über dieses Bild geschrieben. Dichter schreiben sowieso gerne über den Winter, vor allem in Zeiten, als es das Wort Klimawandel noch nicht gibt. Thomas Campion, Robbie Burns, Robert Frost, David Gascoyne, und wie sie alle heißen.

Das längste Gedicht über den Winter stammt von James Thomson, es ist Teil seiner berühmten The Seasons. Den Winter hat er zuerst geschrieben (1726), obgleich in der Gesamtausgabe der Seasons der Frühling von 1728 natürlich ganz vorne steht. 1745 hat der Hamburger Barthold Heinrich Brockes die Jahreszeiten für die anglophilen Hamburger ins Deutsche übersetzt. Obgleich die ja eigentlich Englisch können sollten. Und so bringt John (eigentlich Johann) Timaeus 1791 in Hamburg eine englische Ausgabe heraus. Mit einer zweiseitigen Widmung an Christian Daniel Ebeling. Der ist eigentlich Professor für Geschichte und Griechisch am Akademischen Gymnasium in Hamburg, aber er interessiert sich für England und Nordamerika. Er ist heute erstaunlicherweise in Amerika berühmter als in Hamburg. Er heißt auch nicht Christian sondern Christoph. Erstaunlich, dass Timaeus den Vornamen seines Mentors aus der gemeinsamen Zeit an der Hamburger Handelsakademie (zu deren Schülern kein Geringerer als Alexander von Humboldt zählte) von Johann Georg Büsch auch bei der zweiten Auflage des Werkes (Leipzig 1794) noch nicht richtig hingekriegt hat. Für einen Philologen ein wenig peinlich. Vor allem, wenn er im Vorwort in Bezug auf seinen Text des unrivalled masterpiece of the British Bard das Wort correctness gebraucht.

Das steht neben dem Wort cheapness. Timaeus möchte, dass seine Ausgabe in den Schulen verwendet wird und dass das Werk be more universally spread and acknowledged amongst my countrymen. Die Aufklärung ist doch eine schöne Zeit, wo man annehmen kann, dass solche Langgedichte wie The Seasons in den Schulen gelesen werden. Heute verstehen deutsche Schüler häufig deutsche Texte nicht mehr, von englischen ganz zu schweigen. Aber auch Leute, die studiert haben, sprechen seltsames Englisch, wie der Herr Doktor Westerwelle oder der Herr Oettinger, der Schwänglisch spricht. Da sehnt man sich doch nach den Hamburger Aufklärern wie Brockes, Büsch oder Timaeus zurück. Timaeus, der selbst übersetzte (so hat er Johann Heinrich Campes Robinson der Jüngere ins Englische übertragen), mag sich mit seiner deutschen Neuausgabe auch gegen die ins Kraut geschossenen deutschen Übersetzungen gewandt haben. So gab es neben Brockes' Übersetzung (an der Gottsched herumgenörgelt hat), auch eine von Johann Franz Pahlten von 1766, die Lessing annehmbar fand. Dazu eine von Daniel Schubart und eine schlimme Version vom Baron van Swieten (über die sich Haydn bei der Vertonung des Gedichtes immer ärgerte). Später (1796) erschien noch eine Übersetzung in deutschen Jamben von Heinrich Harries aus Flensburg im dänischen Altona.

The Seasons ist ein seltsames Gedicht. Ein Lehrgedicht, zuweilen tief religiös, zuweilen sehr detaillierte Naturbeobachtung, die schon ahnen lässt, das irgendwann die Romantik kommen wird. Und dann immer wieder Lobhudeleien auf seine jeweiligen aristokratischen Gönner, die den jungen Dichter finanzieren. Und voll von dem, was man in der Nachfolge Miltons so schön poetic diction nennt, eine künstliche und kunstvolle Sprache, für die man die Klassiker kennen muss. William Wordsworth fand das furchtbar, er forderte für die Dichtung eine language near to the language of men. Und diesen Weg hat die englische Lyrik dann ja auch eines Tages genommen.

Man kann auch heute James Thomsons Seasons erstaunlicherweise immer noch lesen. Also nicht die Herren Westerwelle oder Oettinger, die kein Englisch lesen und sprechen können. Man muss sich Zeit nehmen, die zeitgenössischen Leser von Thomson wurden natürlich noch nicht von allen möglichen Massenmedien abgelenkt. Es ist ein Buch, das auch grosse Ruhe ausstrahlt, eine Ruhe, die uns heute vielleicht fehlt. Am Anfang von Spring ist der Winter, wie jetzt bei uns, immer noch gegenwärtig:

As yet the trembling year is unconfirm'd
And WINTER oft at eve resumes the breeze,
Chills the pale morn, and bids his driving sleets
Deform the day delightness; so that scarce
The bittern knows his time, with bill ingulphr,
To shake the sounding marsh; or from the shore
The plovers when to scatter o'er the heath,
And sing their wild notes to the listening waste.


Es wäre vielleicht für die Lektüre nützlicher, wenn man statt der Ausgabe von John Timaeus die Oxford Ausgabe von Thomsons Werken von James Logie Robertson benutzt. Der ändert nämlich das unverständliche ingulphr in engulfed. Macht bei der kleinen Rohrdommel auch mehr Sinn. Andererseits ist es auch immer schön, einen Text aus dem 18. Jahrhundert in einem Buch aus dem 18. Jahrhundert zu lesen. Mein Exemplar ist in den letzten zweihundert Jahren schon von zahlreichen Lesern handschriftlich kommentiert worden. Der erste Leser aus dem 18. Jahrhundert hat noch sehr gebildete Kommentare mit der Feder geschrieben, der letzte hat sich mit Bleistift in Sütterlinschrift Vokabeln notiert. Es geht mit der Bildung immer mehr bergab.

Vor wenigen Jahren hat Wolfgang Schlüter das Gedicht neu übersetzt. Der ist jahrelang Herausgeber der Arno Schmidt Ausgabe gewesen, und das schädigt doch fürs Leben. Und so klingt sein Thompson auch altertümelnder als das Original. Ich zitiere einmal den Anfang von Sommer (Winter haben wir jetzt genug gehabt):

Aus Äthers strahlendem Gefild enthüllt,
kommt jetzt der Sonne Kind: der Sommer,
prangend im Stolz der Jugend und durch alle Tiefe der Natur gefühlt,
auf seiner Bahn begleitet von den schwülen Stunden
oder luftigem Gefächel,
indes vor seinem Siedeblick der Lenz sich kehrt,
das blühnde Anlitz wendet, Erd und Firmament
All-lächelnd seiner heißen Herrschaft überlässt. 


Im Original heißt es:

From brightening fields of ether fair-disclos'd,
Child of the sun, refulgent Summer comes,
In pride of youth, and felt through nature's depth:
He comes, attended by the sultry Hours
And ever-fanning Breezes, on his way;
While, from his ardent look, the turning Spring
Averts her blushful face; and earth and skies,
All-smiling, to his hot dominion leaves.


Klingt irgendwie viel frischer als die gestelzte Sprache der Übersetzung. Wenn auch viele Engländer The Seasons nicht mehr kennen, ein Gedicht von Thomson können selbst englische Fußballfans noch volltrunken singen. Und das heißt Rule Britannia. Es ist eine kleine Ironie der Weltgeschichte, dass Thomsons Übersetzer Heinrich Harries auch etwas Vaterländisches geschrieben hat, das genau so gefürchtet wurde wie Rule Britannia, Britannia Rule the Waves. Am 27. Januar 1790 hat er im Flensburger Wochenblatt ein Gedicht auf den Geburtstag des dänischen Königs Christian geschrieben. Ich weiß nicht, was sich der Pfarrer Harries davon versprochen hat, eigentlich regiert der geisteskranke König gar nicht mehr. Aber sein Loblied Heil dir, dem liebenden Herrscher des Vaterlandes! Heil, Christian dir! (zu singen nach der Melodie von God Save the King von Dr. Thomas Arne) wird drei Jahre später von einem Deutschen namens Balthasar Heinrich Schumann umgedichtet. Es wird unter dem Titel Heil Dir im Siegerkranz! berühmt und berüchtigt werden.

Kommentare:

  1. lieber jay,

    das mag sich komisch anhören, aber dein blog ist das arte (auch 3sat, je nach belieben) in meinem google reader. es gibt tage da brauche ich genau dies und liebe es in deinen blog einzutauchen. ich freue mich bei dir dinge zu erfahren, die neue perspektiven eröffnen und spannenden geschichten an mich herantragen.

    vielen dank für die mühe die in deinem blog steckt, für gut geschriebenes. du machst wirklich etwas besonderes!

    beste grüße
    rene

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  2. Hallo Jay,

    dem obigen Kommentar kann ich mich nur aus ganzem Herzen anschließen!

    Anfang Januar habe ich William Cowpers Langgedicht "The Task" gelesen, das ein halbes Jahrhundet nach den "Seasons" erschienen ist und von Jane Austen sehr geschätzt wurde. Kennen Sie es?

    Viele Grüße
    Cudo

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  3. "Thank You," (wie Doc Boone in "Stagecoach" sagt) "Professional compliments are always pleasing."

    Der Artikel war ja noch nicht ganz fertig (ich schrieb noch an der Pointe zum Schluss), da hat Rene Schaller mich schon gelobt. Das ist ein schönes Gefühl. Und Cudo darf ich sagen, dass ich "The Task" gelesen habe. Und noch mit einer weiteren Verbindung zwischen Cowper und Jane Austen aufwarten kann. Lord David Cecil hat unter dem Titel "The Stricken Deer" (natürlich eine Zeile aus "The Task") eine Biographie von Cowper geschrieben. Und er hat auch eins der lesbarsten Bücher über Jane Austen geschrieben.
    Meine Komplimente an meine belesenen Leser.
    Jay

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  4. Laut meiner Recherche, damit meine ich selbstredend einen Besuch bei Wikipedia, hieß der gute Mann Balthasar Gerhard Schumacher.
    Da ich schon mal dabei bin. In einem Ihrer Artikel ist Ihnen auch der lateinische Name einer ausgerotteten wilden Taubenart in Amerika, wiederum laut Wiki, nicht ganz gelungen.

    Abgesehen von diesen Kleinigkeiten, finde ich Ihre Blogeinträge äußerst interessant, lesenswert und anregend. Dafür vielen Dank.

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  5. Sie haben Recht, natürlich hieß er Schumacher. Ist mir peinlich, kann aber mal passieren. Die Ectopistes migratorius habe ich inzwischen mit ihrem korrekten lateinischen Namen versehen. Thanx.

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