Dienstag, 23. Februar 2010

Albert Stagura


Albert Stagura (1866-1947) ist ein bedeutender Maler gewesen, aber irgendwie ist er von der Nachwelt etwas sträflich behandelt worden. Es gibt keine Bücher über ihn, er hat keinen Wikipedia Artikel, lediglich der Artikel Chiemseemaler bei Wikipedia erwähnt seinen Namen. Eigentlich ist das schade, denn er war ein guter Maler. Es hat ihm zu Lebzeiten auch nicht an Ehrungen gefehlt, die Dresdener Künstlergenossenschaft wählt in schon in jungen Jahren in ihren Vorstand.

Und unter Gotthard Kuehl (hier ein Bild von dem unterschätzten ganz großen Maler) ist er 1897 und 1899 in der Leitung der Großen Internationalen Kunstausstellung. In München wird er jahrelang im Vorstand und in der Jury der Glaspalast Ausstellungen sein. Er erhält eine Titularprofessur des Staates Bayern und die silberne und goldene Staaatsmedaille für bildende Kunst in Österreich. Bei Auktionshäusern, die ja griffige Zuordnungen lieben, wird er als Chiemseemaler oder als Mitglied der jüngeren Münchener Schule geführt. Er taucht nicht im Band Die Münchener Malerei im 19. Jahrhundert von Rudolf Oldenbourg auf, aber das kann nicht verwundern. Denn zu der Zeit, über die Oldenbourg schreibt, ist Stagura noch in seiner Heimatstadt Dresden.

Immerhin hat die Münchener Schule mit Rudolf Oldenbourg schon 1922 einen Chronisten. Und das mit einer Widmung, die Stil hat: Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen Rupprecht von Bayern widmet diesen Band in dankerfüllter Bewunderung seines erlauchten Urgroßvaters, König Ludwigs. I, der Münchens Glanz und Weihe schuf, ehrfurchtsvoll der Verfasser. Manche Städte brauchen ja etwas länger, um ihre Maler zu würdigen. Während es längst Bücher über die Maler Weimars und Düsseldorfs gab, dauerte es bis 1990 bis Wolf Jobst Siedler den verlegerischen Wagemut hatte, das 550 seitige Buch Berliner Malerei im 19. Jahrhundert von Irmgard Wirth herauszubringen. Die bauen da in Berlin U-Bahnen zum Kanzleramt, die keiner braucht, aber für die Erforschung der Berliner Malerei haben sie kein Geld. Irgendwie haben die Bayern mehr Stil.

Albert Stagura wird wahrscheinlich von der Kritik nicht geliebt, weil er kein Revolutionär der Malerei ist, er bleibt zeitlebens dem Realismus verhaftet. Mit einem impressionistischen Touch. Und sein Hauptwerk besteht aus Pastellmalerei, die ist für die Kunstgeschichte seit den Tagen von Rosalba Carriera, Jean Siméon Chardin und Anton Graff eigentlich tot (obgleich natürlich auch Degas und Picasso in Pastell gemalt haben). Der junge Stagura hat als Schüler der Dresdener Akademie die hier reichlich vorhandenen Pastellportraits von Graff kennengelernt und sich an ihnen geschult. Stagura ist Schüler von Friedrich Leon Pohle und Friedrich Preller d. J. gewesen und hat bei ihnen eine solide zeichnerische Ausbildung erfahren. Obgleich es auch einige Ölbilder von ihm gibt, hat er sich schon früh auf großformatige Naturstudien in Pastell spezialisiert, die sich auch gut verkauften. Er wird als einziger deutscher Künstler im 20. Jahrhundert die Pastellmalerei zu einer nie gekannten Höhe führen. Um die Jahrhundertwende zieht er nach Bayern, seit 1918 hat er ein Atelier in München. Im Alter von 60 Jahren entdeckt er den Chiemsee, und die Landschaft des Chiemgaus wird für die nächsten zwanzig Jahre seine künstlerische Heimat.

Stagura malt in der freien Natur, beinahe immer allein. Nur den jüngeren Willibald Demmel duldet er manchmal neben sich. Er trägt eine Lodenjacke, einen Filzhut und raucht immer eine Zigarre. Das erwartet man von einem Künstler. Er kann die Zeichen der Natur voraussagen, er ist stolz darauf, dass er eine halbe Stunde vorher einen Wetterwechsel erkennt. Also ihm wäre das nicht passiert, dass er wie Heinrich Drendorff im Gebirge vor einem Gewitter Schutz suchen muss. Und so bleibt ihm auch der Freiherr von Risach mit dem sanften Gesetz erspart. Uns als Lesern von Stifters Nachsommer leider nicht. Die ständigen wechselnden Stimmungen des Lichts, wenn die Wolken aus Italien über die Chiemgauer Alpen hereingeschossen kommen, das ist sein Thema. Er ist in seinen Bildern manchen Malern der Haager Schule, die licht en lucht einfangen, wie zum Beispiel Hendrik Weissenbruch, sehr ähnlich. Er ist zwar einmal in Holland (und auch einmal in Venedig) gewesen, aber diese Aufenthalte haben ihm nichts gegeben. Wenn man die bayrischen Alpen liebt, ist Holland nichts für einen.

Es hat 1989 auf der Insel Frauenchiemsee eine kleine Gedächtnisausstellung für Albert Stagura gegeben. 32 Werke waren ausgestellt, Fritz Aigner hat ein kurzes Vorwort zu dem schmalen Katalogbändchen geschrieben. Der Linzer Maler, in einer gerade erschienenen Publikation als Wunderkind & Malmaschine bezeichnet, hatte sich zu Lebzeiten mit Ausstellungen und Buchpublikationen immer um Kollegen der Chiemseemaler gekümmert.

Die Künstlerkolonie Frauenchiemsee hat es in der Kunstgeschichte ja nicht geschafft, in einem Namen mit Worpswede genannt zu werden. Der große Katalog Künstlerkolonien in Europa vom Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg 1982, erwähnt die Maler vom Chiemsee überhaupt nicht. Und es ist sicherlich eine kleine Ironie der Kunstgeschichte, dass die erste wissenschaftliche Studie, Ruth Negendancks Künstlerlandschaft Chiemsee, im Jahre 2008 im Verlag Atelier im Bauernhaus in Fischerhude erschienen ist. Fischerhude liegt nicht am Chiemsee. Das liegt auf der Landkarte neben Worpswede und ist der Ort, wohin Otto Modersohn und andere gezogen waren, als ihnen Worpswede nicht mehr gefiel.

Nachdem sein Studio in München 1944 einem Bombenangriff zum Opfer gefallen waren (wobei alle Werke und Skizzen durch Feuer oder Löschwasser vernichtet wurden), zog Stagura ins österreichische Gstadt. Da hatte er bei der Huber Sali noch von seinem letzten Malaufenthalt Farben und Leinwand liegen. So etwas gibt es jetzt in München nicht mehr. Albert Stagura fängt noch einmal neu an. So alt wie diese Bäume möchte ich gerne werden, aber immer dabei malen können, sagt er in seinem letzten Lebensjahr unter den Linden von Frauenchiemsee zu seiner Frau Maria. Wenn er schon keinen Wikipedia Artikel hat, und es keine Bücher über ihn gibt, immerhin hat Gstadt eine Straße nach im benannt.

Das Boot auf seinem Bildern ist immer das gleiche, Stagura hatte es einmal für zehn Mark gekauft. Aber die Landschaft und der See, die sind immer anders.



Kommentare:

  1. Guten Tag
    natürlich gibt es ein Buch über Albert Stagura und die Chiemsee-Maler.Schauen Sie einfach mal unter Ruth Negendanck, Künstlerlandschaft Chiemsee, da werden Sie geholfen :-((

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  2. LIeber Herr Pawelcik,
    schauen Sie doch vielleicht einmal in den drittletzten Absatz, da steht der Titel drin.

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