Samstag, 13. Februar 2010

Leser


Manche Schriftsteller meiden ihre Leser und die Öffentlichkeit wie die Pest, Jerome David Salinger, Thomas Pynchon. Man kann das verstehen, wenn man gerade die 1085 Seiten von Against the Day schreibt, möchte man nicht ständig von Ph.D. students belämmert werden, die einen nach dem Sinn fragen. Arno Schmidt vertrieb jeden Besucher vom Grundstück. Bis auf den jungen Mann, der ihm sagte, dass er zufälligerweise Millionär sei und beschlossen habe, dem großen Arno Schmidt so viel Geld zu geben, wie der Literaturnobelpreis einbringen würde. Der hieß Reemtsma, und den hat Arno denn doch in die Küche eingeladen und ihm einen Korn eingeschenkt. Manche Schriftsteller beantworten ganz rührend Post von den Lesern, Hermann Hesse hat das getan. Manche schreiben dann darüber, wie Martin Walser in Des Lesers Selbstverständnis: Inzwischen bin ich Adressat von Schülerpost und erfahre so, daß im Deutschunterricht Schülerinnen und Schüler darin geübt werden, die Bedeutung von Büchern zu entdecken, die ich geschrieben habe. Der Lehrer weiß offenbar die Bedeutung, darf sie aber den Schülern nicht sagen. Ich weiß, meinen die Schüler, die Bedeutung. Findige Schüler rufen mich abends an oder schreiben mir...Walsers kleines Pamphlet ist ein Plädoyer für die Autonomie des Lesers. Eine Aufforderung, selbst eine Meinung zu haben und nicht ständig nach dem Interpreten zu rufen. Aber Schüler und Studenten werden nicht aufhören, Autoren nach dem Sinn zu fragen. Rosamunde Pilcher braucht man nicht zu fragen, da ist dem Leser alles klar.

Als der englische Dichter und Literaturkritiker Ian Hamilton eine Biographie über Salinger schrieb, ist der gerichtlich gegen ihn vorgegangen, um vieles aus dem Buch zu verbieten, was Hamilton in mühevoller Kleinarbeit in Archiven herausgefunden hatte. Da hatte er allerdings, wie er später merkte, einen Fehler gemacht. Denn nach amerikanischem Recht muss alles, was im Prozeß verboten werden soll, vorher gerichtsöffentlich vorliegen. Die Schlange vor der Gerichtsdruckerei soll einen Kilometer lang gewesen sein. Hamiltons Buch, In Search of J.D. Salinger, ist ohne die verbotenen Stellen erschienen. Aber halb Amerika kannte die jetzt.

Manche Autoren führen ein Büchertagebuch, das sie dann veröffentlichen. Thomas Mann hat das mit Die Entstehung des Doktor Faustus so gemacht, da braucht dann kein Leser mehr Fragen zu stellen. Kommentierte Werkausgaben, in denen viel philologische Arbeit in Fußnoten und Kommentar gesteckt wurde, sind für den Leser auch immer schön. Alle Bücher brauchen spätestens nach fünfzig Jahren Fußnoten und Erklärungen, hat der berühmte Dr. Johnson im 18. Jahrhundert gesagt. Manchmal werden die Erklärungen beinahe so lang wie der Text. Harold Beaver hat das mit seiner Ausgabe von Melvilles Moby-Dick bewiesen. Manchmal verraten Autoren auch, wo sie all die Zitate geklaut haben, die sie in den Text montiert haben. T.S. Eliot hat das bei The Waste Land getan. Und Michael Wildenhahn bei Prinzenbad. Aber das war natürlich nicht so berühmt wie The Waste Land, nachdem Eliots Freund Ezra Pound das erstmal umgeschrieben hat.

Eigentlich brauchen wir als Leser den Autor ja nicht als sinnstiftenden Oberlehrer, wir suchen uns ja selbst aus dem Text aus, was wir darin finden wollen. Ich glaube eher, daß es einem Buch gegenüber kein Mißverständnis gibt, da jeder Leser, wenn er ein Buch liest, mit diesem Buch immer nur sich versteht, nicht das Buch hat Martin Walser gesagt. Und etwas Ähnliches hat auch Marcel Proust gesagt: In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst hätte nicht erschauen können. Danke, Marcel.

Die einfältige Wirtstochter Maritornes in Don Quixote, die all die Rittergeschichten so gerne hört, weil sie gar hübsch sind, antwortet auf die Sinnfrage Und was dünkt euch davon, junges Mägdlein? des Pfarrers: Ich weiß es meiner Seelen nicht. Ich höre auch mit zu, und wirklich, wenn ich es auch nicht verstehe, so habe ich doch meine Freude am Zuhören. Bewahren wir uns als Leser diese Naivität, nicht nur bei Ritterromanzen.


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