Freitag, 5. Februar 2010

Eisenhammer


Dryander war an den Abhang des Gartens getreten und schaute in das dunkle Tal hinaus; man unterschied nur noch einzelne Massen von Wald, Feldern und Dörfern, durch die weite Stille kam der dumpfe Schlag eines Eisenhammers herüber... Das ist natürlich ➱Eichendorff. Der Eisenhammer (den schon 1517 Nicolas Bourbon besungen hatte) stört in diesem Idyll im zwanzigsten Kapitel von Dichter und ihre Gesellen ein wenig. Er störte auf jeden Fall in den fünfziger Jahren einen von Deutschlands führenden Germanisten: Maschinenlärm aus einer Fabrik - denn um nichts anderes handelt es sich - etwas weniger "Romantisches" ist schwer zu denken, schrieb Richard Alewyn. Diesen unromantischen Erscheinungen sei kein Reiz abzugewinnen. Woraufhin der ebenso berühmte Leo Spitzer seinen verehrten Kollegen bezüglich des unpoetischen Charakters des Rohmaterials, das der Dichter gebraucht ein wenig korrigieren musste. Alle Germanistikstudenten freuten sich damals über diese mit Samthandschuhen geführte Literaturfehde.

Wenn William Wordsworth mit seiner Schwester Dorothy lonely as a cloud durch die Landschaft des ➱Lake District wandert, sind da zwar gelbe Narzissen (ten thousand saw I at a glance) aber keine Fabriken. Es sind jetzt viele Dichter auf der Suche nach der blauen Blume unterwegs, aber sie treffen offensichtlich selten auf die Spuren der industrial revolution.

Außer immer wieder bei Eichendorff. So in Viel Lärmen um Nichts: Die Wälder rauschten durch die weite Stille, aus der Ferne hörte man den dumpfen Schlag eines Eisenhammers oder "Wo führen Sie mich hin?" sagte endlich die Gräfin wieder, "da höre ich einen Eisenhammer in weiter Ferne." Oder, in Ahnung und Gegenwart: Der Schlag der Eisenhämmer kam nur schwach und verworren durch das Singen der Vögel und den schallenden Tag aus der fernen Tiefe herauf. Aber auch hier ist die Fabrik in der weiten Ferne, so mag die Technik in der romantischen Landschaft einigermaßen erträglich sein.

Im Jahre 1824 begleitet James Cooper einen Engländer namens Edward Smith-Stanley und drei englische Adlige auf einem Ausflug den Hudson hinauf zu den Wasserfällen von Glens Falls. Cooper ist ein wenig angeekelt, überall in der romantischen Natur Fabriken, zum Teil schon aufgegebene Ruinen von Fabriken. In den Worten seiner Tochter liest sich Coopers Ekel etwas netter: The hand of man had already been busy there, turning the power of the stream to account for industrial purposes. Angesichts des Wasserfalls unter der dahinter liegenden Höhle macht Smith-Stanley dem Romautor Cooper den Vorschlag, diese scene of romance in einen Roman zu schreiben. Das notiert Smith-Stanley, der 14. Earl of Derby (und spätere Premierminister), so in seinem Tagebuch. Wir kennen die Szene aus The Last of the Mohicans, wenn Cora, Alice und Major Heyward begleitet von Natty Bumppo und seinen indianischen Gefährten hier Schutz vor dem bösen Magua suchen. Natty Bumppo wird eine lyrische Beschreibung der pittoresken Naturszenerie liefern, aber auf der gleichen Seite meldet sich auch der kritische Autor mit einer Fußnote zu Wort. Jetzt sei das alles nicht mehr so schön wie im Jahre 1757. Die Schönheit der Natur, die man in Europa bewahren würde, wird in der neuen Nation vernichtet, simply with a view of "improving" as it is called. Wir wissen, wohin dieses improving führt.

In seinem ersten Lederstrumpf Roman, The Pioneers, hat Cooper eine Art ökologisches Manifest für das romantische Amerika geschrieben. Immer wieder wird vor der Ausbeutung und der Vernichtung der riesigen jungfräulichen Natur gewarnt. Aus dem Munde des Judge Temple (wiedererkennbar Coopers Vater) sind das praktische Erwägungen, aus dem Munde von Natty Bumppo ist es die Bewahrung der Natur um der Natur willen. Die Figur des Holzhauers Bill Kirby, der sinnlos Bäume abhackt, die Szene mit der Vernichtung der Wandertauben (wobei auch eine Kanone zum Einsatz kommt), der große Fischzug - das alles sind für Cooper Warnungen an seine Landsleute. Wenn man schon das American Paradise besitzt, wenn man God's Own Country und Nature's Nation ist, dann muss man auch richtig mit diesem Erbe umgehen. Es ist nicht der immer wieder gefeierte Henry David Thoreau mit seinem autobiographischen Walden, der die Blaupause für die ökologische Bewegung liefert, es sind zwei Jahrzehnte zuvor Cooper und andere Schriftsteller. Thoreau ist mir immer als zweifelhafter Gewährsmann für eine konservierende Naturphilosophie erschienen, schließlich hat er einmal aus Unachtsamkeit einen ganzen Wald angezündet. Und nicht mal bei den Löscharbeiten geholfen.

Der Maler Thomas Cole, der die ersten romantischen amerikanischen Landschaften gemalt hat, hat auch Gedichte geschrieben, in denen er vor der Vernichtung der Natur warnt. Und sein Freund, der Naturdichter William Cullen Bryant (Amerikas Äquivalent von William Wordsworth), findet in seinem Gedicht The Indian at the Burial Place of his Fathers (und auch in The Prairies) klare Worte der Warnung. In Coopers Roman The Prairie sagt sein, nun schon über achtzig Jahre alter, Held Natty Bumppo, I often think the Lord has placed this barren belt of Prairie, behind the States, to warn men to what their folly may yet bring the land...And yet the wind seldom blows from the east, but I conceit the sounds of axes, and the crash of falling trees in my ears. Von hier bis zu Rachel Carsons Silent Spring ist es nicht weit. Und das alles simply with a view of "improving". Da braucht man dann auch das Kyoto Protokoll nicht zu unterschreiben.

Die wilden ➱Tauben, die in dem Kapitel The Slaughter of the Pigeons des Romans The Pioneers beschrieben werden, waren millionenfach in Amerika vertreten. Man wird sie im 19. Jahrhundert (wie die Indianer) ausrotten. Das letzte Exemplar der ectopistes migratorius ist 1914 in Zoo von Cincinnati gestorben.

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