Samstag, 13. Februar 2010

Dresden


Von der Kuppel der Frauenkirche sah ich diese leidigen Trümmer zwischen die schöne städtische Ordnung hineingesät; da rühmte mir der Küster die Kunst des Baumeisters, welcher Kirche und Kuppel auf einen so unerwünschten Fall schon eingerichtet und bombenfest erbaut hatte. Der gute Sakristan deutete mir alsdann auf Ruinen nach allen Seiten und sagte bedenklich lakonisch: Das hat der Feind Gethan! Der junge Mann, der hier schreibt (und von der Dresdener Gemäldegalerie beeindruckter sein wird als von Frauenkirche und Zerstörungen), ist Student und hat gerade über den Holocaust geschrieben.

Wir sind nicht im Jahre 1945. Wir sind im Jahre 1768. Der junge Mann heißt Johann Wolfgang Goethe, sein literarisches Werk über den Untergang einer Stadt heißt Belshazzar. Die Frauenkirche verdankt ihr Überleben damals vielleicht nicht der bombenfesten Bauweise durch George Bähr, sondern vielleicht eher Friedrich II, der einem Artillerieoffizier befohlen hatte: Laß er den ollen Dickkopp stehen! Zweihundert Jahre nach Goethe will ein Schriftsteller einen Roman über die Bombardierung von Dresden schreiben. Er findet keinen rechten Anfang. Er schreibt an die US Air Force und bitte um Informationen über den Bombenangriff. Man teilt ihm mit: top secret. Wir sind im Jahre 1968, top secret. Wenige Leute in Amerika wissen etwas darüber, so soll es auch bleiben. Der Autor besucht Freunde, um sie nach Dresden zu fragen. Er hat seine kleine Tochter und deren beste Freundin dabei. The two little girls and I crossed the Delaware River where George Washington had crossed it, the next morning. We went to the New York World's Fair, saw what the past had been like, according to the Ford Motor Car Company and Walt Disney, saw what the future would be like, according to General Motors. And I asked myself about the present: how wide it was, how deep it was, how much was mine to keep. Der Autor, der hier Kultur und Geschichte der USA mit einer automobilen Bildlichkeit beschreibt, war zehn Jahre vorher Saab Händler. Er kennt sich aus, in der Welt der Automobile. Er wird bis zu seinem Lebensende die Meinung vertreten, dass er den Nobelpreis nur deshalb nicht bekommen hat, weil er in seinen Werken abfällige Bemerkungen über schwedische Automobile gemacht hat. The Swedes have short dicks and long memories, soll er gesagt haben. Solche Sätze kommen beim Nobelpreis Komitee nicht so gut an.

Der Autor, der im ersten Kapitel seines Romans über die Schwierigkeiten beim Schreiben über Dresden erzählt, heißt Kurt Vonnegut, Jr. Er hat deutsche Vorfahren. Er hat sich 1943 freiwillig zur US Army gemeldet, als er nach Deutschland kam, hat sich seine Mutter umgebracht. Der Roman heißt Slaughterhouse Five, der Held des Romans heißt Billy Pilgrim. Ein amerikanischer Jedermann, hat aber auch ein bisschen von Vonnegut. Wie Vonnegut geht Billy 1943 in die Armee, wie Vonnegut kämpft er in der Ardennenoffensive. Über die hat Vonneguts Kollege William Wharton einen beeindruckenden Roman geschrieben, der A Midnight Clear heißt. Und wie Vonnegut landet Billy Pilgrim als Kriegsgefangener in Dresden. Die Mauern des Schlachthofs Nummer fünf schützen die beiden vor dem Bombentod. Billy Pilgrim lebt zwischen mehreren Welten, unstuck in time, der Roman ist auch Science Fiction, Utopie. Wir können es uns aussuchen, in welcher Welt wir sein wollen. So it goes. Weder Billy Pilgrim noch Kurt Vonnegut bekommen den Nobelpreis. Auch nicht eine Romanfigur namens Kilgore Trout, der in diesem Roman (und in vielen anderen von Vonnegut) auftaucht. So it goes. Dieser Satz kommt im Roman aber immer wieder vor. Als der Roman verfilmt wurde, hat kein geringerer als ➱Glenn  Gould die Filmmusik dazu geschrieben.

Arthur Harris, der eigentlich mit Vornamen Bomber zu heißen scheint, bekommt in der New Year's Honours List von 1946 keinerlei Erwähnung (erst Churchill macht ihn 1953 zum Baronet). Er ist der Chef des Bomber Command, er hat sich diese Position in einem erbitterten Machtkampf gegen intelligentere Luftmarschälle wie Hugh Dowding und und Keith Rodney Park erkämpft. Die haben immerhin England in der ➱Battle of Britain gerettet. Wenn es nach Harris gegangen wäre, hätte es überhaupt keine Spitfires gegeben, es wären nur Bomber gebaut worden. Flächenbombardement ist seine Devise, neben dem Vornamen Bomber hat er noch einen zweiten Vornamen. Butcher, der Schlächter. Jeder zweite RAF Soldat verliert unter seinem Kommando das Leben. Weil Harris Deutschland brennen sehen will. Lübeck bombardiert er vor Dresden mal zu Probe, weil historische Stadtkerne so schön brennen. Hat er gesagt. Wenige Jahre nach seinem Tod hat Queen Mom ein Denkmal für Harris enthüllt. So it goes. Viele Engländer waren der Meinung, das sie da doch ein paar Pink Gins zuviel getrunken hätte und besser zu Hause geblieben wäre.

Wir gedenken heute der Dresdener Bombennacht und der Opfer, aber wir scheinen nur über Neonazis zu reden. Billy Pilgrim hätte das seltsam gefunden. Sind die Neonazis dafür da, dass wir es vermeiden können, über Dresden nachzudenken? Oder sind sie, wie im Trauerspiel des jugendlichen Goethe die Schrift an der Wand mene mene tekel u-pharsin?

And I asked myself about the present: how wide it was, how deep it was, how much was mine to keep.


1 Kommentar:

  1. Den Post druck ich aus und lege die Blätter in das Buch SCHLACHTHOF Nr. 5

    AntwortenLöschen