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Freitag, 29. Oktober 2021

der bestrafte Wüstling


Ja, das ist der Originaltitel der Oper: Il dissoluto punito mit dem Zusatz: ossia il Don Giovanni. Zu Don Giovanni gab es ja hier letztens den Post Don Giovanni in Salzburg, der von vielen tausend Lesern goutiert wurde. Ich komme noch mal auf Mozarts Oper zurück, die am 29. Oktober 1787 in Prag aufgeführt wurde. Mozart dirigierte selbst, wir wissen dank eines tschechischen Films aus dem Jahre 1971, wie das ausgesehen hat. 

Die Pressereaktion sah so aus: Montags, den 29. wurde von der italienischen Operngesellschaft die mit Sehnsucht erwartete Oper des Meisters Mozart 'Don Giovanni oder Das Steinerne Gastmahl' gegeben. Kenner und Tonkünstler sagen, daß zu Prag ihres Gleichen noch nicht aufgeführt worden. Hr. Mozart dirigierte selbst, und als er in’s Orchester trat, wurde ihm ein dreymaliger Jubel gegeben, welches auch bei seinem Austritte aus demselben geschah. Die Oper ist übrigens äußerst schwer zu exequiren und jeder bewundert dem ungeachtet die gute Vorstellung derselben nach so kurzer Studierzeit. Alles, Theater und Orchester bot seine Kräfte auf, Mozart zum Danke mit guter Exequirung zu belohnen. Es werden auch sehr viele Kosten durch mehrere Chöre und die Dekorazion erfordert, was alles Herr Guardasoni hergestellt hat. Die außerordentliche Menge Zuschauer bürgen für allgemeinen Beifall. 

Mozart hatte die Oper bei seinen Freunden in der Prager Villa Bertram vollendet, er schrieb gegen die Zeit an, die Ouvertüre hatte er erst zur Generalprobe fertig. Und die Konzertarie, die er seiner Gastgeberin, der Sängerin Josepha Duschek, versprochen hatte, die hatte er immer noch nicht fertig. Am 3. November 1787 sperrte ihn die Sängerin in dem kleinen Pavillion im Park ein und sagte ihm, er käme da erst wieder heraus, wenn er die Arie fertig habe. So soll Bella mia fiamma – Resta, o cara entstanden sein. Aber so genau weiß man das nicht.

In meinem ersten Jahr als Blogger gab es am 29. Oktober den Post Don Giovanni. Ein Jahr später gab es am 29. Oktober den Post La ci darem la mano. Sie merken, die Sache mit dem Datum der Uraufführung habe ich drauf. Meine Lieblingsinszenierung der Oper ist dreißig Jahre alt, dirigiert von dem australischen Dirigenten Sir Charles Mackerras.

Mackerras war nach dem Zweiten Weltkrieg zum Studium nach Prag gegangen und hatte Janácek neu entdeckt. Die lieben ihn da heute noch. Mit dem Prager Kammerorchester hat er alle einundvierzig Mozart Symphonien eingespielt. Und als 1991 das Prager Ständetheater frisch renoviert eröffnet wurde, da durfte die Don Giovanni Aufführung am Ort der Uraufführung natürlich niemand anderer dirigieren als der frischgebackene Prager Ehrenbürger Mackerras. Mit dem Orchester, Chor und Ballet des Nationaltheaters Prag am 200. Todestag Mozarts. Vaclav Havel war auch da. Es gibt davon eine DVD, die zum Billigpreis bei Amazon verhökert wird, man kann sie für einen Cent bekommen. Und wenn man auch keinen der Sänger kennt, die Aufführung ist einfach nur schön, weil sie einen für zweieinhalb Stunden ins 18. Jahrhundert zurückversetzt. Das hat Mackerras an diesem historischen Ort mit einer schön altmodischen Inszenierung auch besser gefallen, als wenn er Opern dirigieren musste, bei denen das so genannte Regietheater eine schrill modernistische Inszenierung auf die Bühne brachte. Er war das irgendwann leid und hat sich ein Mitspracherecht bei Operninszenierungen ausbedungen. Die Ratten, Ziegen, Pudel und das Auto, die es in diesem Jahr in Salzburg auf der Bühne gab, hätten ihm bestimmt nicht gefallen.

Der Post La ci darem la mano beginnt mit einem Auto auf der Bühne, aber das fällt nicht als Gag krachend aus dem Schnürboden wie in Salzburg, das gehört da schon hin. Weil da nicht Mozarts Don Giovanni gespielt wird, sondern George Bernard Shaws Variation der Oper, das Theaterstück Man and Superman. Ein Stück, wo sich im dritten Akt Don Juan, Donna Ana und der Komtur in der Hölle wiederfinden und mit dem Teufel diskutieren. Shaw beherrschte das Klavier, und unter dem Pseudonym Corno di Bassetto schrieb er jahrelang Musikkritiken, bevor er als Dramatiker berühmt wurde. Er hat gesagt: All my musical self-respect is based on my keen appreciation of Mozart’s work. Und er hat auch gesagt: From Mozart I learnt to say important things in a conversational way.

Im Frühjahr hatte es schon eine Don Giovanni Aufführung gegeben, die kein solches Presseecho hatte wie die Salzburger Inszenierung. Die Hamburger Hochschule für Musik und Theater gestaltete unter der Leitung von Professor Ulrich Windfuhr wegen Corona eine konzertante Aufführung, nur die Sänger waren ohne Maske. In Prag gab es 2021 auch einen Don Giovanni. Ohne Masken, aber auch ohne Publikum. Man hatte sich den Regisseur Alexander Mørk-Eidem, der bisher sehr wenige Opern inszeniert hatte, in das Nationaltheater geholt. Man wusste, dass er das Stück ganz anders inszenieren würde, als es 1991 zur Neueröffnung des Theaters in Szene gesetzt wurde. Sie können die Inszenierung hier sehen. Ist sehr interessant, interessanter als die Salzburger Version, ähnelt ein bisschen dem Don Giovanni aus Aix-en-Provence, den ich hier noch einmal anbiete. Dirigent war Karsten Januschke, es war für ihn und die Sänger ein wenig traurig, dass die Premiere wegen der Corona Epidemie ohne Zuschauer stattfand. Aber dafür wurde sie vom tschechischen Fernsehen live übertragen und aufgezeichnet. Sie ist jetzt in guter Qualität dank OperaVision bei YouTube zu sehen. Es lohnt sich unbedingt, das anzusehen.
 
Hoffentlich gefällt es auch Mozart dort oben, betitelte Radio Prag seinen Bericht über die Aufführung. Ich glaube es gefällt ihm bestimmt. Ich glaube auch, der Salzburger Don Giovanni hat ihm nicht gefallen.

Noch mehr Don Giovanni in den Posts: Don Giovanni, La ci darem la mano, Don Giovanni in Salzburg, Premiere, Champagnerarie, zwei Opern in Berlin, Dietrich Fischer-Dieskau, Charles Mackerras

Freitag, 29. Oktober 2010

Don Giovanni


Als ich vor beinahe einem halben Jahrhundert mein ganzes Taschengeld zusammengekratzt hatte, um Dietrich Fischer-Dieskau als Don Giovanni in der neuen Deutschen Oper in Berlin zu sehen, da war er schon nicht mehr da. Der hatte die Premiere gesungen, in der zweiten Woche war er schon weg. War vielleicht auch gut so, er ist eh nicht meine Idealbesetzung für den Don Giovanni. Und da wir gerade bei der Idealbesetzung sind, es ist schwer, eine zu finden. In der Welt der Kunst ist natürlich die Darstellung des Sängers Francisco d'Andrade von Max Slevogt nicht zu übertreffen (wie oft hat der den eigentlich gemalt?), aber wie ist es mit der Welt der CD? Ich möchte an dieser Stelle mal die Wikipedia loben, denn der Don Giovanni Artikel ist von jemandem geschrieben worden, der etwas davon versteht. Das muss man hervorheben, das ist leider nicht immer so.

Generell kann man bei den zitierten Aufnahmen der Oper wohl sagen, dass man keine großen Fehler macht, wenn man dem Verfasser folgt. Obgleich, gerade bei Opernaufnahmen gibt es ja große geschmackliche Differenzen bei den Kritikern. Hat eine Aufführung einen guten Don Giovanni, so hat sie vielleicht einen unerträglichen Ottavio. Hat sie eine hervorragende Donna Ana, so ist die Elvira vielleicht nicht auszuhalten. Nur bei Masetto und Zerlina gibt es selten Fehlbesetzungen, die beiden Rollen sind beinahe immer gut besetzt. Der Commendatore auch, aber der braucht ja auch nicht so viel zu singen. Und stimmen alle Rollen - was selten der Fall ist - dann hat vielleicht der Dirigent überhaupt kein Verhältnis zu Mozart. Oder die Aufnahme klingt technisch so, als wäre sie in einer Garage oder unter Wasser aufgenommen.

Ich möchte das an einem Beispiel erläutern. Es gibt eine Live-Aufnahme aus Salzburg von 1960 von Herbert von Karajan mit Wächter, Price, Schwarzkopf, Valletti, Berry, Panerai, Sciutti, Zaccaria. Zu Karajan sage ich jetzt nichts. Aber die Schwarzkopf als Elvira? Und dann noch den Schmalspurtenor Caesare Valletti ertragen? Nicht auszuhalten. Nun hat es diese Aufnahme drei Jahre später als Live-Mitschnitt im Radio aus Wien noch einmal gegeben. Und im Prinzip bleibt alles beim alten, lediglich Frau Schwarzkopf wird durch Hilde Güden ersetzt. Hilde Güden ist immer gut und immer etwas unterschätzt, hier singt sie die Rolle zum ersten Mal. Und Caesare Valletti weicht glücklicherweise Fritz Wunderlich. Da ist sie plötzlich, die Traumbesetzung! Eberhard Wächter ist sicher einer der besten Don Giovannis gewesen, Leontyne Price ist eine sehr gute Donna Anna, obgleich sie, wie viele Sängerinnen, diese Rolle etwas zu sehr in Richtung Rachegöttin anlegt. Walter Berry ist als Leporello kaum zu übertreffen, und Rolando Panerai ist sowieso immer gut. Und dann noch Graziella Sciutti als Schnuckelchen Zerlina. Und Wunderlich als Don Ottavio, was kann man sich noch mehr wünschen? Sie ahnen schon, was jetzt als Antwort kommt. Man wünscht sich eine bessere Aufnahmequalität - man wünscht sich ja am liebsten den Decca Standard (dessen Mikrophonanordnung als Decca Tree bekannt wurde). Ist hier leider nicht. Da ist es wieder, das fehlende Eckstück bei der Quadratur des Kreises.

Ich liste mal, für den Fall, dass Sie sich zufälligerweise gerade eine Gesamteinspielung von dieser Oper kaufen wollten, die heute vor 223 Jahren in Prag uraufgeführt wurde, die meiner Meinung nach besten Aufnahmen auf. Auch wenn ich damit bei manchen Lesern Ärger bekomme. Ich habe natürlich für meine Hitliste auch ein wenig Literatur zu Rate gezogen wie den Penguin Guide to Compact Discs (sehr zu empfehlen), den Classical Good CD&DVD Guide (na ja) und das Hermes Handlexikon: Opern auf Schallplatten. Das ist nun wirklich unübertroffen (und leider vergriffen, obgleich es noch einzelne Exemplare bei Amazon und dem ZVAB gibt), denn auf das fachmännische Urteil von Karl Löbl und Robert Werba  kann man sich eigentlich immer verlassen.

Auf Platz 1 setze ich, und da gehe ich auch kein Risiko ein (denn das tun beinahe alle Kritiker), Carlo Maria Giulinis Aufnahme von 1961, auch wenn die Schwarzkopf da mitsingt und ich lieber Hilde Güden hätte. Auf Platz zwei und drei sind zwei historische Aufnahmen, die so mangelhaft sie in Teilen sind, man doch besitzen sollte. Das ist zum einen die Fritz Busch Aufnahme aus Glyndebourne 1936 (Mildmay, Souez, Helletsgruber, Pataky, Brownlee, Henderson, Baccaloni, Franklin), die leider nicht an seine großartigen Aufnahmen von Cosi fan Tutte und Le nozze di Figaro heranreicht. Aber trotz der mangelnden Homogenität der Besetzung doch einen schönen Mozart bietet.

Und da ich gerade in England bin, hätte ich an dieser Stelle auch noch einen schönen Don Giovanni Cartoon aus dem wunderbaren Jane Austen Blog für Sie. Hier wird der dicke Möchtegern ➱Dandy und Möchtegern Don Giovanni George (das Lieblingsobjekt von allen englischen Karikaturisten der damaligen Zeit) von seiner Frau Caroline überrascht.

Ja, so ähnlich ist es auch auf der Bühne der Oper. Nicht alle Don Giovannis sehen aus, als wären sie God's gift to woman. Optisch sehr überzeugend sind die Sänger auf der DVD einer minimalistischen Inszenierung aus Aix-en-Provence von dem berühmten Peter Brook. Mit einem kaum glaublichen Leporello (Gilles Cachemaille, der auch auf der Glyndebourne DVD einen guten Don Giovanni abgibt) und einer sehr gut aussehenden Mireille Delunsch als Elvira. Als Inszenierung brillant, schauspielerisch exzellent, kann man das sicher empfehlen. Musikalisch gibt es vielleicht Besseres. Es wäre wahrscheinlich nicht auszuhalten, wenn Mireille Delunsch stimmlich mit ihrem großen schauspielerischen Talent und ihrem guten Aussehen mithalten könnte (hier links ist sie als Marilyn Monroe Kopie in der gefeierten La Traviata wiederum aus Aix-en-Provence zu sehen). Mein zweiter DVD Tipp wäre eine Billigproduktion, bei der ich von keinem der Sänger je gehört habe. Aber sie ist da aufgenommen worden, wo Don Giovanni uraufgeführt wurde. Und der Dirigent Charles Mackerras bürgt für das richtige Mozart Verständnis [(1991. Charles Mackerras. Chor & Orchester des Nationaltheaters Prag. Commendatore: Dalibor Jedlicka, Don Giovanni: Andrei Bestchansky. Don Ottavio: Vladimir Dolezal, Donna Anna: Nadezdka Petrenk, Donna Elvira: Jirina Markov, Leporello: Ludek Vele, Masetto: Zdenek Harvánek, Zerlina: Alice Randova. Amado V6:1 DVD 152' live)]. Insgesamt ist das ein erstaunliches, liebenswertes Gesamtkunstwerk. So hat Mozarts Oper vielleicht damals ausgesehen. Gut, die Aufnahme ist nicht zu vergleichen mit dem ultimativen Don Giovanni Film von Joseph Losey. Der auch ein schöner Andrea Palladio Film ist. Den sollte man gesehen haben (man bekommt ihn bei Amazon als DVD ab fünf Euro, da kann man nicht viel falsch machen). Mehr sage ich dazu nicht, weil ich irgendwann hier noch lang über ➱Joseph Losey schreiben will.

Nach diesem kleinen Ausflug in den Bereich der bewegten Bilder möchte ich wieder zu meiner Hitliste zurückkommen. Auf Platz drei steht die New Yorker Aufnahme vom 7. März 1942 von Bruno Walter. Mit Ezio Pinza (links) als Giovanni und Alexander Kipnis als Leporello (und Bidu Sayao als Zerlina). An dieser Aufnahme hat man inzwischen computermäßig mit verschiedenen CEDAR Prozessen solange herumgewerkelt, dass man sich das durchaus (im Gegensatz zur alten Plattenaufnahme) anhören kann. Ist bei Naxos in der Reihe Immortal Performances erschienen. Und hat große Momente, da gibt es nichts.

Und an dieser Stelle weiß ich nicht weiter. Ich habe noch ein Dutzend Aufnahmen neben mir liegen, aber kann ich die wirklich empfehlen? Und es gibt ja noch so viel mehr, wie man auf dieser ziemlich vollständigen Liste hier sehen kann. Manche habe ich gekauft, weil da Sänger oder Sängerinnen dabei waren, die ich mag. Wie Alfredo Kraus als Don Ottavio. Andere wurden gekauft, weil das Label für Qualität steht, wie die Decca Aufnahme von 1955 von Josef Krips (mit Caesare Siepi und Lisa della Casa), eigentlich eine perfekte Aufnahme, wenn man eine andere Donna Anna als Suzanne Danco gehabt hätte. Dann gab es CDs, die lagen im Grabbelkasten und verführten mich durch ihren Preis. 79 Cent für Barenboim (mit Heather Harper, Sir Gerard Evans, Luigi Evans), und ich habe gerade eben dem Rezensenten bei Amazon, der als Resümee seiner Rezension schrieb: Meine Empfehlung zur Aufnahme: Besser eine andere kaufen, ein Kreuzchen in das Kästchen War diese Rezension für Sie hilfreich? gemacht.

Was fällt mir nach zwei Tagen Don Giovanni Hören noch dazu ein? Man kann das Musikerlebnis natürlich literarisch überhöhen, indem man Shaws Man and Superman liest. Man kann es philosophisch überhöhen, indem man ➱Kierkegaard liest (dazu hätte ich eine interessante Einführung durch einen Theologen). Man kann aber auch einfach nur die Musik hören, die nach 223 Jahren immer noch nichts von ihrem Zauber verloren hat. Lautesten Beyfall habe es gegeben, notierte Mozart nach der Uraufführung. Der Kompositeur war extra zum Dirigieren nach Prag gereist. In Wien war man ein Jahr später nicht so begeistert. Banausen.

Leider habe ich die Don Giovanni Aufführung des Music Theatre London vor Jahrzehnten verpasst. Ich finde von denen auch keine DVD im Internet, nur die einzelnen Meinungen von Kennern, die sagen, dass die BBC einfach zu blöd ist, diese herrlichen Aufnahmen auf eine DVD zu pressen. Aber damit ich beweisen kann, dass es die Truppe wirklich gab, bilde ich einmal Jacinta Mulcahy ab. Die zwar nicht soo toll sang, aber hervorragend aussah. Die Truppe glänzte bei ihren Auftritten in Hamburg (übertragen vom NDR) durch völlig schräge Mozart Interpretationen, die auch einer anderen Klientele als dem bürgerlichen Bildungspublikum Spaß machten. Sicher auch dem Kompositeur, dem Herrn Mozart in seinem roten ➱Frack.

Und inzwischen wird diese Truppe auch schon ➱hier im Blog gewürdigt.



Samstag, 29. Oktober 2011

la ci darem la mano


Questo è il fin di chi fa mal! E de' perfidi la morte alla vita è sempre ugual! singen sie am Schluss der Oper, nachdem der Erdboden Don Giovanni verschlungen hat. Was bleibt dem Bösewicht? Natürlich die Hölle. Seit etwas mehr als hundert Jahren wissen wir, wie es da aussieht. Dank ➱George Bernard Shaw. Der kennt sich da aus. In der Hölle unterhalten sich Don Juan Tenorio und sein Opfer, der jetzt eine Statue ist, ständig miteinander. Beide, Liebhaber und Vater, erkennen Donna Ana nicht, die jetzt eine alte Frau ist. Don Juan bleibt immer jung, der Komtur immer eine Statue. Das alles finden wie in einem ➱Zwischenspiel, dem III. Akt von Man and Superman, der häufig als eigenes Stück unter dem Titel Don Juan in Hell aufgeführt wird. Oder das bei einer Aufführung, wie zum Beispiel bei der Premiere des Stückes, ganz weggelassen wird. Wahrscheinlich wussten sie nicht, wie sie ein Auto auf die Bühne kriegen sollten. Denn Man and Superman ist von allen Versionen der Don Juan/Don Giovanni Geschichte die erste, in der ein Automobil eine Rolle spielt. Man mag sich gar nicht ausdenken, was aus Don Giovanni geworden wäre, wenn er schon ein Auto gehabt hätte. Wahrscheinlich so ein italienischer Strizzi mit Goldkettchen und Pomade im Haar, der aus einem Porsche Cabrio heraus la ci darem la mano brüllt.

In Shaws Theaterstück hat John Tanner (Shaw spielt hier mit dem Namen Don Juan Tenorio, da man Tanner und Tenor gleich ausspricht) ein Auto, aber er hat natürlich kein Goldkettchen. Es wird in dem Stück auch wenig gesungen, aber dennoch ist Mozarts Don Giovanni die ganze Zeit die Folie für Man and Superman. In den Szenenanweisungen (die bei diesem Stück schon die Länge einer Kurzgeschichte annehmen) finden sich auch Noten von Melodien aus Don Giovanni. Nicht einfach so reinkopiert ohne Sinn und Verstand wie bei den Autoren der Postmoderne, nein, mit Mozart kennt Shaw sich aus. All my musical self-respect is based on my keen appreciation of Mozart’s work, hat er einmal gesagt. Auch wenn man bei ihm manchmal nicht den Eindruck hat, wenn er mit seinen seltsamen Dr Jaeger Gesundheitsanzügen durch die Gegend läuft, dass er etwas von Musik versteht - dieser Eindruck täuscht. Er kann Noten lesen, kann Klavier spielen und war jahrelang Musikkritiker. Und er hat scharfsinniges Zeug über Musik gesagt. Hat ein ganzes Buch über ➱Wagner geschrieben - das wäre ja nun wirklich nicht  nötig gewesen. Hat böse Dinge über Brahms gesagt, wie it could only have come from the establishment of a first-class undertaker über das Deutsche Requiem. Das ist fies, ich mag das Deutsche Requiem, ich lege es jeden Karfreitag auf. Er hat aber Jahrzehnte später gesagt, dass er sich in Bezug auf Brahms damals geirrt hätte. All my musical self-respect is based on my keen appreciation of Mozart’s work.

Ich komme natürlich heute auf Don Giovanni, weil heute vor 224 Jahren Il dissoluto punito ossia il Don Giovanni in Prag zum ersten Mal aufgeführt wurde. War übrigens mit zweieinhalb Stunden nur halb so lang wie Shaws Man and Superman. Ich hätte ja gerne über die Oper geschrieben, jedoch: ---- ich habe es vor genau einem Jahr schon getan. Wenn Sie das damals nicht gelesen haben sollten oder wenn Sie wissen wollen, welche Aufnahme der Oper Sie sich kaufen sollen, dann lesen Sie doch noch einmal diesen schönen kleinen ➱Artikel.

Und wenn ich nachher meine Aufgabe als Streckenposten bei der Kindergeburtstags-Schnitzeljagd erfüllt habe, dann lege ich für den Rest des Tages Mozarts Don Giovanni auf. Ich hätte ja auch zu den Maßtagen bei ➱Kelly's mit dem Schneider Thomas Ertl von der Firma ➱Regent gehen können. Ich habe auch nichts gegen die Firma Regent, die machen schon gutes Zeug (meine Brisbane Moss Cordhosen von Regent halten seit zwanzig Jahren), natürlich alles viel eleganter als die Jaeger Anzüge von Shaw. Aber die Kindergeburtstags-Schnitzeljagd ist heute wichtiger. Vielleicht ziehe ich nachher dazu ein Regent Jackett an, das wäre der echte Snobismus.

Dies Regent Jackett ist aus dem Internet kopiert, ich wollte eins von der Regent Internetseite nehmen, aber das ging nicht. Nicht wegen des zweifelhaften englischen Wortes handtailored, das wie Talkshow und Handy wohl eher eine deutsche Erfindung ist. Nein, wegen des Models, das da in Regent Modelle gehüllt ist. Eine Mischung zwischen latin lover und Oscar Wilde Dandy. Sieht so die Zielgruppe der Firma aus? Gibt es in der ganzen Produktwerbung nichts mehr zwischen dem ➱Marlboro Man und diesen schmierigen Typen der Dolce & Gabbana Werbung?

Hat Don Giovanni Probleme mit seiner Selbstdarstellung als Mann? Wenn er einen Diener beschäftigt, der eine Strichliste über die Eroberungen führen muss (ma in Ispagna son già mille e tre), dann haben wir doch schon leichte Zweifel. George Bernard Shaw löst diese Fragen auf seine Weise. In seinem Stück heißen die wirklichen Männer nicht John Tanner, Gentleman und Salon-Revolutionär, sondern sie heißen 'Enry Straker und Ann Whitefield. Ein Cockney sprechender (dropping the aitches) Chauffeur und Mechaniker und die New WomanBut all this is beside the point as an explanation of Ann’s charm. Turn up her nose, give a cast to her eye, replace her black and violet confection by the apron and feathers of a flower girl, strike all the aitches out of her speech, and Ann would still make men dream. Vitality is as common as humanity; but, like humanity, it sometimes rises to genius; and Ann is one of the vital geniuses. Not at all, if you please, an oversexed person: that is a vital defect, not a true excess. She is a perfectly respectable, perfectly self-controlled woman, and looks it; though her pose is fashionably frank and impulsive. She inspires confidence as a person who will do nothing she does not mean to do; also some fear, perhaps, as a woman who will probably do everything she means to do without taking more account of other people than may be necessary and what she calls right. In short, what the weaker of her own sex sometimes call a cat.

Dagegen ist Mozarts Donna Ana ein blasses Wesen. Und wenn es bei Shaw am Ende über Ann und John Tanner heißt: ANN [looking at him with fond pride and caressing his arm] Never mind her, dear. Go on talking - dann wissen wir, wer im Geschlechterkampf gewonnen hat. Dalla sua pace la mia dipende.

Mittwoch, 11. August 2021

Don Giovanni in Salzburg


Das hier sind Zerlina und Don Giovanni. Gleich wird er Là ci darem la mano, Là mi dirai di sì, Vedi, non è lontano, Partiam, ben mio, da qui singen. Vom Schnürboden hat man schon eine Kutsche heruntergelassen. Dabei braucht man die doch eigentlich nicht, denn es ist ja nicht lontano. Man könnte ja auch das Luxuscoupé nehmen, das vorhin noch auf die Bühne krachte, aber das ist jetzt weg. Was das rote Seil soll, das an ein Bühnenbäumchen gebunden ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hat das was mit irgendwelchen BDSM Fesselspielchen zu tun. 

Hinter der auf dem Boden sitzenden Zerlina liegt eine nackte junge Frau, die sich lasziv räkelt (auf diesem Photo kann man das noch besser sehen). Wir fragen uns, ob das dieselbe nackte junge Frau ist, die am Anfang der Oper von links nach rechts über die Bühne gerannt ist. Gleich nachdem die Ziege von links nach rechts über die Bühne gelaufen ist. Also, bevor das Luxusauto auf die Bühne gefallen ist. Es fällt viel auf die Bühne, Basketbälle, ein Rollstuhl, ein Klavier. Der italienische Regisseur Romeo Castellucci mutet dem Zuschauer einiges zu.

Man kann das nicht so genau erkennen, was das für ein Auto ist, das da aus dreißig Metern auf die Bühne kam. Vor der Bühne ist ein hauchdünner Gazevorhang, der alles etwas milchig und unscharf aussehen lässt. Ist natürlich auch gut gegen Coronaviren (für Zuschauer herrscht Maskenpflicht). Ich fragte einen Freund, der normalerweise in einem Spielfilm sofort jedes auftauchende Automobil identifizieren kann, aber der wusste es nicht. Tippte aber auf einen Bentley. Auf den Bentley Continental R hatte ich auch getippt, also schrieb ich Keith eine E-Mail, weil ich weiß, dass der mehrere Bentleys hat. Es könne ein Continental sein, antwortete er, er hätte leider keinen, aber er hätte einen Azure, der sei so ähnlich gebaut. Schön, dass wir das mal geklärt haben.

Nicht nur Zerlina hat ein nacktes Double, auch Donna Elvira bekommt eine nackte Frau zur Seite gestellt. Und dann muss sich Zerlina, gespielt von Anna Lucia Richter (die hier schon einen Post hat) auch noch ausziehen. Naja, Strumpfhose und BH darf sie anbehalten, wenn sie Vedrai carino singt. Sie strahlt dabei so viel Erotik aus wie eine ELBEO Nylonstrumpf Reklame aus den fünziger Jahren. Und dann füllt sich die Bühne mit mehr oder weniger nackten Frauen, einhundertfünzig Salzburgerinnen. Warum nicht tausendunddrei, fragt man sich. Wenn man ein bisschen bei den österreichischen Nudistenvereinen herumtelephoniert hätte, dann hätte man de mille e tre, von denen Leporello singt, bestimmt auf die Bühne bekommen. Die ist mit einer Tiefe von fünfundzwanzig Metern groß genug.

Einer der Höhepunkte der vierstündigen Materialschlacht von zweifelhaften Gags, ist der Auftritt von Don Ottovio (Michael Spyres), wenn er Dalla sua pace singt. In seltsamer Verkleidung, als norwegischer Polarforscher, mit einem Pudel an der Leine. Muss ich noch den überdimensionalen Photokopierer erwähnen, den Leporello braucht, um die Registerarie zu singen? Oder die kleine Ratte, die irgendwann auf die Bühne scheißt? Sie brauchen jetzt die Wiener Tierschutzbund nicht anzurufen, es ist eine handzahme Ratte, und sie hat eine Tierpflegerin hinter der Bühne. Die Ziege auch.

Das hier sind Donna Anna (in schwarz) und Donna Elvira. Das Rad der Kutsche, die zuvor noch über Zerlina und Giovanni schwebte, ist abgefallen, man hat es an die Wand gerollt. Weshalb auf dem Bild einer Dame von Petrus Christus eine schwarze Figur herumklettert, das weiß ich nicht. Vielleicht weiß Romeo Castellucci das. Vielleicht aber auch nicht. Jürgen Kesting schrieb in der FAZ: Ein Nachwort, aus Irritation, aus Verzweiflung, aus Zorn: Nach einem ästhetischen Terroranschlag wie dem mit dem Holzhammer inszenierten Salzburger 'Don Giovanni' ist es nicht leicht, die Gedanken zu ordnen oder zu sortieren. Ich habe die Aufführung, bei der die Einfälle und Pointen wie von Kartätschen abgeschossen wurden, in ihrem Verlauf zunehmend als Belästigung empfunden. Habe den Zwang, ein Dauer-Quiz von Bildern enträtseln oder mich über den faulen Zauber szenischer Kalauer amüsieren zu müssen, als Anmaßung verstanden. Mehr braucht man dazu kaum zu sagen. Was Castellucci anrichtet, ist nichts als die Mickymausisierung der Opernwelt.

Hier zertrümmert Don Giovanni mit einem Baseballschläger gerade eine auf dem Boden liegende Frauenfigur, das ist sicherlich auch irgendwie symbolisch. Irgendwie. Kommt auch nicht drauf an. Es hat lange gedauert, aber nun, langsam beginnt sie endlich, die öffentliche Entzauberung von Teodor Currentzis, schrieb Axel Brüggemann im Klassik Magazin Crescendo, und viele Kritiker stimmten ihm zu. Thomas Prochazka, der sogar die Namen der Tierpflegerinnen der Ziege und der Ratte kennt, schrieb in Der MerkerDiese Don Giovanni-Produktion ist nicht kontroversiell. Sondern einfach schlecht. 

Viel Lärm um nichts. Es ist vielleicht die teuerste Produktion von Mozarts Oper Don Giovanni, die es je gegeben hat. Aber Geld spielt in Salzburg keine Rolle. Die besten Karten kosten über sechshundert Euro und die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, die jetzt nach sechundzwanzig Jahren aufhört, bekam 220.000 Euro im Jahr. Opern haben offenbar nichts mehr mit Musik zu tun, das sind Geldverbrennungsmaschinen. Thomas Prochazka fand die ganze Produktion degoutant: In der Armseligkeit seiner Bedürfnisse applaudierte ein Publikum Leistungen, die nicht einmal entfernt an die Hausmannskost des Wiener Staatsopern-Repertoires des letzten Dezenniums heranreichten. Es sei. — Doch daß kritische Beobachter solches ohne unmiß­verständ­liche Widerworte hinnahmen?

Die kleine Ziege muss ich auf diesem Bühnenbild der gewollt klassischen Architektur noch eben mal zeigen. Als Joseph Losey seinen Film Don Giovanni drehte, vertraute er auf die Wirkung der Villen von Palladio, ein bisschen Klassik möchte Romeo Castellucci auch haben. Bevor die Ouvertüre beginnt, sehen wir, dass dies einmal ein Kirchenraum war. Bauarbeiter nehmen ein Kruzifix von der Wand, das ein wenig nach Giotto aussieht und räumen den Kirchenraum für das monumentale Einheitsbühnenbild ratzekahl. Der Platz wird jetzt gebraucht, damit es Autos, Rollstühle und Basketbälle aus dem Schnürboden regnen kann.

Sie können die vierstündige Aufführung hier sehen. Wenn Sie wollen. Weil Sie die Ziege, die Ratte, die nackten Mädchen und das Auto sehen wollen. Ob es sich musikalisch lohnt, weiß ich nicht. Don Ottavio ist gut, Don Giovanni eher schwach. Man hat zwar viel Geld für die Dekoration ausgegeben, aber die großen Namen der Opernwelt, die hat man in Salzburg nicht auf der Bühne. Ich habe für Sie noch eine ganz andere Inszenierung, ist nur knapp drei Stunden lang, hier wird nichts gedehnt und zerfieselt. Man wünschte sich, es wäre länger. Es ist der Don Giovanni aus Aix-en-Provence aus dem Jahre 2017. Italienisch gesungen, französische Untertitel.

Kein Currentzis, kein Castellucci, keine großen Namen. Keine Ratten, keine Ziegen. Aber eine unglaubliche Spielfreude und Dynamik. Sie können an den Photos schon sehen, dass das Ganze ein klein wenig schräg ist, wahrscheinlich können das nur Franzosen. Mit deser frz. Flottigkeit, von der die Malerin Ida Gerhardi redete.

Meinen ersten Don Giovanni habe ich in Bremen gesehen, ist mehr als ein halbes Jahrhundert her. Damals fiel Leporello am Anfang der Oper von einer Leiter. Ich fand das einen ziemlich blöden Einfall. Ich wusste noch nicht, was das Regietheater für mich noch in petto haben würde.

Samstag, 10. Dezember 2011

Premiere


Falls Sie es am Mittwoch auf arte verpasst haben: Sie haben nichts verpasst. Zum einen können Sie es sich ➱hier noch anschauen (und es wird sicher auch bald auf DVD lieferbar sein), zum anderen war diese teuerste ➱Don Giovanni Inszenierung das Geld der Eintrittskarte nicht wert (was bei der Premiere einige tausend Euro sein konnten). Große Namen wie Anna Netrebko, Peter Mattei und Bryn Terfel machen noch längst kein gutes Ensemble. Da hätte sich Daniel Barenboim mal lieber die Aufnahme von Fritz Busch (Glyndebourne 1936) zum Vorbild nehmen sollen. Die gibt es als CD bei ➱Naxos Historical, und sie ist musikalisch mehr wert als die Don Giovanni Aufführung in der Mailänder Scala.

Es gab neben zehnminütigen Beifall (und hörbaren Buh-Rufen) auch Pfiffe. Speziell für Barenboim. Das müssen musikalische Kenner gewesen sein, die sich nicht jeden Orchesterbrei als Mozart verkaufen lassen. So schrieb die Wiener Zeitung am Tag danach: Zur matten Inszenierung passt auch das Dirigat Daniel Barenboims. Bei der vor Opernbeginn gespielten Nationalhymne gibt es sogar Patzer. Barenboims Mozart ist dann eine Mischung aus mechanisch aneinander gereihten Einzelelementen ohne Doppelbödigkeit oder besondere Konturen. Arie reiht sich an Arie, die Rezitative versickern im Belanglosen, selten wird der Brei aus gediegenen Tempi und mittlerer Lautstärke aufgekocht.

Doch hören wir dazu noch eine andere Pressestimme (diepresse.com): Die anspruchsvollen "Loggionisti", die berühmt-berüchtigten Mailänder Opernfans, meldeten ihren Unmut mit einigen Pfiffen, was von Barenboim kritisiert wurde. "Ich bin liberal und denke, dass jeder seine Meinung ausdrücken soll. Wenn ich in einem Restaurant schlecht esse, gehen ich aber nicht in die Küche und brülle den Koch an", meinte der Dirigent nach Angaben der römischen Tageszeitung "La Repubblica" am Freitag. Beide Stimmen kommen aus Österreich, man lässt sich wohl nicht so gerne den Mozart von den Italienern wegnehmen. Aber Recht haben sie allemal.

Auch die Hamburger Welt stimmt in diesen Chor der Kritik an Barenboim ein: 1973 hat Daniel Barenboim die Oper erstmals beim Edinburgh-Festival dirigiert, und aus solchen Zeiten scheint bis heute sein lähmend langsames, ja langweiliges Mozart-Verständnis zu rühren: Es ist ganz im Gestrigen festgetackert. Dieser "Don Giovanni" glich so einer eigentlich ungenießbaren Mischung aus altem Hausschuh und aufgekochtem Teebeutel: völlig formlos und muffig geschmacksneutral. Ja, das kann man so sagen. Ich war während der Stunden vor meinem Fernseher so verärgert, dass ich mir mein Schreibbrett gegriffen habe und ähnlich schlimme Sätze auf einen DIN A 4 Bogen schrieb. Und inzwischen stehen ja Sätze, die auch ich hätte sagen können, im Netz. So der Kommentar von operalover in dem Blog ➱GesamtkunstwerkDie Inszenierung war enttäuschend, weil ziemlich nichtssagend. Auch musikalisch war das alles gehobener Durchschnitt und das ist zu wenig. Barenboim-Ware von der Stange und der Rest auch. Manches deutsche Stadttheater bringt gehaltvollere Mozartinszenierungen auf die Bühne!

Am Anfang dieser Inszenierung, die weniger eine Oper als eine Nummernrevue ist, macht Anna Netrebko (die ein wenig füllig geworden ist) im weißen Negligee mit Peter Mattei im Bett rum. Das mit dem Bett ist praktisch, weil gleich darauf der von Don Giovanni erstochene Komtur (Kwangchul Youn, der sehr gut bei Stimme war) auf dem selben Bett stirbt. Andererseits ist die Bettszene auch ein klein bisschen blöd, weil im Originaltext Donna Anna ihren Angreifer nicht erkannt hat, und es zu gar keinem Sex gekommen ist. Auf dieser Grundannahme beruht die ganze Oper. Aber was kümmert einen Regisseur heute noch ein Libretto? Es genügt ja, wenn sich der Dirigent noch an die Noten hält. Vor allem diesen Robert Carsen, den kümmert es nicht. Er möchte wohl gerne ein Jérôme Savary sein, ist es aber leider nicht.

Aber er bemüht sich. Mit einem Feuerwerk von inszenatorischen Einfällen, von denen manche für einen Augenblick ganz witzig sind. Vieles aber nur peinlich ist. In dieser Inszenierung ziehen sich ständig Leute an oder aus. Meistens aus. Ständig werden Kleiderständer mit Klamotten hereingerollt. Hat der Regisseur die Scala mit der Mailänder Modewoche verwechselt? Auf diesem Bild kleidet sich Don Giovanni gerade zum Abendessen um und lädt so ganz nebenbei den Komtur zum Essen ein. Der wird in die Staatsloge im Hintergrund hinein projiziert, die wiederum ein Spiegelbild des Zuschauerraums ist. Ganz toller Einfall, Theater im Theater undsoweiter. Sah blöderweise nur ein bisschen so aus wie die grummelnden Greise Statler und Waldorf aus der Sesamstraße.

Neben dem wahnsinnig witzigen Einfall, die Scala selbst zur Bühnendekoration zu machen - und dem ständigen ➱fourth wall break - ist das An- und Ausziehen ein wiederkehrendes, geradezu strukturierendes Element der Inszenierung. Für die Damen bietet sich da natürlich das deshabillé an, und so wird viel Unterwäsche getragen. Bei Zerlina (Anna Prohaska) soll dies weiße Nichts wahrscheinlich auch ein Brautkleid sein, es sieht aber aber nur nuttig aus. Und was sie bei ihrer Arie Vedrai Carino aufführt, wäre früher etwas für das Salambo in St. Pauli gewesen. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn sich Barbara Frittoli als Elvira im schwarzen Unterkleid lasziv pantomimisch zu Leporellos (ein Rezensent taufte Bryn Terfel durchaus berechtigt in Le Prollo um) Registerarie auf der Bühne wälzen muss. Haben die da an der Scala keine Frauenbeauftragte für die Sängerinnen? Es ist erstaunlich, was Regisseure den Opernsängerinnen neuerdings zumuten. Klicken Sie doch mal eben (aus anderen Inszenierungen) die Damen ➱Netrebko und ➱Prohaska an.

Wenn sich die Angestellten der Royal Opera in London für einen Kalender ausziehen, der für einen ➱guten Zweck verkauft wird (also so etwas Ähnliches wie Calendar Girls), dann kann man ja noch sagen O.K. Aber beinahe Nackte in einer Oper, die nicht ➱Salomé heißt? Ist das nun ein Nachklang von Bunga Bunga? So niedlich sie ist, aber was soll der Nackedei, den Don Giovanni plötzlich neben sich hat? Falls Sie sie jetzt suchen: Sie finden die junge Dame ungefähr in der 150. Minute auf dem Video der arte Aufzeichnung.

Wenn man schon am Anfang der Oper mit dieser Sexszene von da Pontes Text abweicht, dann muss man das Ende natürlich auch tun. In diesem Punkt enttäuscht uns der Regisseur nicht. Zum einen ersticht der Komtur Don Giovanni mit seinem Degen. Das ist bei Mozart irgendwie etwas anders. Na ja, denken wir und schauen dem Todeskampf von Don Giovanni zu und dem schönen Theaterblut auf der Hemdbrust des Smokinghemdes (der Komtur trug auch noch sein blutiges Frackhemd aus der ersten Szene). Und dann singen die Übriggebliebenen am Ende Questo è il fin di chi fa mal! E de' perfidi la morte alla vita è sempre ugual! Weil dies ein dramma gioccoso ist. Und da siegt nun mal das Gute am Schluss. Denkste. Wenig später fahren sie alle zur Hölle. Und übrig bleibt der plötzlich wiedergenesene Don Giovanni, zynisch lächelnd und eine Ziggi rauchend (tut er das ganze Stück). Ist das jetzt der Gegenbeweis für den Aufdruck auf den Zigarettenschachteln, wonach Rauchen zum Tode führt?

Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, wenn ich mir an dem Abend auf zdf.neo den Wilsberg Krimi angeguckt hätte.

Ich habe im letzten Jahr schon einmal über ➱Don Giovanni geschrieben. Zu dem, was da steht, vor allem zu den Kaufempfehlungen, stehe ich nach wie vor. Eine DVD von dieser Inszenierung würde ich niemals zum Kauf empfehlen. Es sei denn, Sie wollten sich mit ein paar Opernfreunden einen wirklich lustigen Abend machen.

Freitag, 26. Januar 2018

Die Liebesschule


Ist dies der Vorhof zur Hölle? Es sieht aus, als sei es irgendetwas zwischen Kafka, Nosferatu und Dr Mabuse. Es ist ein Szenenbild aus Teodor Currentzis' Inszenierung von Don Giovanni, ich weiß allerdings nicht, aus welcher Aufführung. Currentzis hatte unseren adligen Wüstling ja schon einmal 2014 auf der Bühne, hatte auch eine Aufnahme fertig, aber dann sagte er: Nein. Es gefiel ihm nicht. Die Plattenfirma spielte erstaunlicherweise mit und spendierte Zeit und Geld für eine zweite Aufnahme. Was Sony 2016 auf den Markt brachte, ist die zweite Aufnahme, über die der Spiegel sagte: Alle geben alles: ein "Don Giovanni" für die Ewigkeit. Die erste der drei LPs von Don Giovanni von Teodor Currentzis geht mit dem Dalla Sua Pace des Ottavio zu Ende, hier ist es kein Vorzeigestück für einen Tenor, hier wird es gesungen, wie man es noch nie gehört hat. Leider gibt es die Aufnahme von Kenneth Tarver nicht im Internet (es gibt eine, aber das ist nicht Currentzis Version), deshalb führt der Link da oben zu Fritz Wunderlich ....

So sieht ein Post aus, der angefangen, aber nicht vollendet wurde. Ist abgelegt unter Entwurf. Da habe ich eine Menge von Posts, es mangelt mir nicht an Ideen. Aber ich lasse heute Don Giovanni mal Don Giovanni sein. Der Mann, der in Spanien über tausend Frauen beglückt hat (Ma in Spagna son gia mille e tre), hat schon mehrere Posts (➱Don Giovanni, ➱la ci darem la mano, ➱Premiere und ➱Champagnerarie).

Ich schreibe heute lieber einige Zeilen über Mozarts Oper Cosi fan tutte, die den Untertitel La scuola degli amanti hat. Sie wurde am 26. Januar 1790 aufgeführt. Mit mäßigem Erfolg. Joseph II, der Mozart immer wohlgesonnen war und die Oper in Auftrag gegeben hatte, war nicht bei der Premiere, er lag todkrank im Bett und starb keine vier Wochen später. Mozarts erster ➱Biograph Franz Xaver Niemetschek schrieb über die Oper: In dem Jahre 1789 im Monat December schrieb Mozart das italienische komische Singspiel, Cosi fan tutte, oder die Schule der Liebenden; man wundert sich allgemein, wie der Mann sich herablassen konnte, an ein so elendes Machwerk von Text seine göttlichen Melodien zu verschwenden.

Der Tod von Joseph II ist auch das Ende der Oper, die nur zehn Mal aufgeführt wurde. Was jetzt kommt, ist eine erstaunliche Sache, die Oper bekommt andere Titel und andere Handlungen. Was halten Sie von ➱Weibertreue, oder die Mädchen sind von Flandern? Der Übersetzer Christoph Friedrich Bretzner schreibt Nach Cosi fan tutte frey bearbeitet auf das Titelblatt. Man geht sehr frei mit den Kunstwerken anderer um. Mozart übrigens auch, seine Entführung aus dem Serail bedient sich freigiebig bei Bretzners Singspiel Belmonte und Constanze, oder: die Entführung aus dem Serail. Ich weiß jetzt nicht, wie Bretzner auf Flandern gekommen ist, Lebe wohl mein flandrisch Mädchen ist noch nicht geschrieben. Bei Mozart sind wir in Neapel, da kommt Flandern nicht vor. Bei ➱Bretzner immer wieder:

Ach! wir alle sind von Flandern,
Küßen da und küßen dort;
Froh zu täuschen, leicht zu wandern,
Bricht man Treue, Schwur und Wort

Offensichtlich herrschen im Flandern des 18. Jahrhunderts besonders lockere Sitten. Das so elende Machwerk von Text wird im 19. Jahrhundert zerlegt und geplündert, bekommt andere Titel (Liebe und Versuchung oder So machen's die Mädchen bei Heinrich Schmieder), erst am Ende des 19. Jahrhunderts wird Hermann Levi (der auch Le nozze di Figaro und Don Giovanni neu übersetzt) eine korrekte deutsche Übersetzung von da Pontes Libretto liefern. Für Richard Wagner bedeutete Cosi fan Tutte wenig: O wie ist mir Mozart innig lieb und hochverehrungswürdig, daß es ihm nicht möglich war zum Titus eine Musik wie die des Don Juan, zu Cosi fan tutte eine wie die des Figaro zu erfinden: wie schmählich hätte dies die Musik entehren müssen! Erst ➱Gustav Mahler und Richard Strauss werden die Oper würdigen, und die Aufnahme von Fritz Busch beim britischen Mäzen John Christie in Glyndebourne wird der Oper endgültig den Rang geben, der ihr zusteht.

Das hat mehr als hundert Jahre gedauert, aber die Verhunzung eines Werks ist nichts Einmaliges. Nehmen wir zum Beispiel William Shakespeare. Nach seinem Tode schnell vergessen, dann kommen die Puritaner und schließen die Theater. Im 18. Jahrhundert wird sein Werk zerstückelt und umgeschrieben. Sie finden alles dazu in dem lesenswerten Buch von Gary Taylor Shakespeare Wie er euch gefällt, es ist die Kulturgeschichte einer Plünderung durch vier Jahrhunderte. Heute haben wir verlässliche Texte, verlässliche Partituren.

Die einzige Gefahr für eine Oper ist heute das Regietheater. Wie zum Beispiel Christophe Honoré 2016 in Aix-en-Provence, der die Oper aus dem Neapel des 18. Jahrhunderts in das Afrika des Abessinienkriegs verlegte. Und Fiordiligi und Dorabella wie Straßennutten aussehen ließ (Sie können hier noch eine ➱Szene aus dieser Inszenierung sehen). Sie wollen ja alle so furchtbar originell sein, diese Regisseure des Regietheaters, aber letzten Endes ist das nichts als eine Mickymausisierung der Kultur. So schrieb ein Kritiker: Opera directors in general and European ones in particular have for some years now been pushing the envelope as it were in producing classic works in most unlikely versions. Wagner’s Ring in a gas station, Rigoletto in Las Vegas, Zaide in a third-world sweatshop, The Abduction from the Seraglio set among the jihadists and ISIS are just a few examples that come to mind.

Am 26. Januar 2011 gab es hier schon einen Post, der ➱Cosi fan Tutte hieß. Damals kannte ich die Aufnahme von Teodor Currentzis noch nicht. Heute habe ich die natürlich, und ich kann sie sehr empfehlen (schauen Sie hier einmal hinein). Die DVD der Aufführung in Glyndebourne 2006 mag ich auch sehr. Wir hören mal eben in das ➱Soave sia il vento hinein, schöner geht es nicht. Da brauchte man kein Abessinien, keine Straßennutten und Duce Plakate wie bei Christophe Honoré, da braucht man nur ein schlichtes Bühnenbild und wunderbare Stimmen. Wie Nicolas Rivenq als Don Alfonso, Miah Persson als Fiordiligi und Anke Vondung als Dorabella. Das bleiben, wie Franz Xaver Niemetschek schrieb, göttliche Melodien und die lieblichste und scherzhafteste Musik voll Charakter und Ausdruck.

Montag, 8. Oktober 2012

Champagnerarie


Don Giovanni hat in Mozarts Oper keine großen Arien. Ein Duett mit Zerlina, ein Terzett mit Elvira, eine Canzonetta zur Gitarre. Aber keine großen Arien. Außer der Champagnerarie. Don Ottavio dagegen, der darf ➱Dalla sua pace und ➱Il mio tesoro intanto singen (die beiden Links führen zu den Arien, gesungen von ➱Fritz Wunderlich). Und doch bewundern wir immer Don Giovanni und nicht den stillen, edlen Don Ottavio. Lascia, o cara, la rimembranza amara: hai sposo e padre in me, sagt/singt Ottavio zu Donna Anna, nachdem Don Giovanni ihren Vater umgebracht hat. Sie soll den Verlobten und den Vater in ihm sehen. Wollen Frauen das?

Ricki-Ticki-Tavy nennt Ann Whitefield (Rudyard Kipling zitierend) in Shaws Version von Don Giovanni den armen Liebenden (the man who will love and suffer later on) Octavius Robinson, really an uncommonly nice looking young fellow. Ich hätte da einen netten Dialog zwischen John Tanner (= Don Juan Tenorio) und Octavius:

TANNER. Why, man, your head is in the lioness's mouth: you are half swallowed already—in three bites—Bite One, Ricky; Bite Two, Ticky; Bite Three, Tavy; and down you go.
OCTAVIUS. She is the same to everybody, Jack: you know her ways.
TANNER. Yes: she breaks everybody's back with the stroke of her paw; but the question is, which of us will she eat? My own opinion is that she means to eat you.
OCTAVIUS. [rising, pettishly] It's horrible to talk like that about her when she is upstairs crying for her father. But I do so want her to eat me that I can bear your brutalities because they give me hope.
TANNER. Tavy; that's the devilish side of a woman's fascination: she makes you will your own destruction.
OCTAVIUS. But it's not destruction: it's fulfilment.

Das Bild da oben hat den Titel Das Champagnerlied oder Der Weiße d’Andrade. Max Slevogt (der heute vor 144 Jahren geboren wurde) hat den Bariton Francisco d'Andrade ja mehrfach gemalt, es gibt ihn in vielen Farben. Interessanterweise entstehen Slevogts Bilder zur gleichen Zeit, als George Bernhard Shaw sein Theaterstück ➱Man and Superman schreibt. Aber in Shaws ➱Theaterstück haben die Männer keine Chance, dies ist ein Propagandapamphlet für die New Woman. Und am Ende ist es nicht der arme Octavius, der von der lioness Ann gefressen wird, sondern John Tanner. Und so heißt es am Schluss:

TANNER [continuing] I solemnly say that I am not a happy man. Ann looks happy; but she is only triumphant, successful, victorious. That is not happiness, but the price for which the strong sell their happiness. What we have both done this afternoon is to renounce happiness, renounce freedom, renounce tranquillity, above all, renounce the romantic possibilities of an unknown future, for the cares of a household and a family. I beg that no man may seize the occasion to get half drunk and utter imbecile speeches and coarse pleasantries at my expense. We propose to furnish our own house according to our own taste; and I hereby give notice that the seven or eight travelling clocks, the four or five dressing cases, the carvers and fish slices, the copies of Patmore’s Angel In The House in extra morocco, and the other articles you are preparing to heap upon us, will be instantly sold, and the proceeds devoted to circulating free copies of the Revolutionist’s Handbook. The wedding will take place three days after our return to England, by special licence, at the office of the district superintendent registrar, in the presence of my solicitor and his clerk, who, like his clients, will be in ordinary walking dress— Und Ann sagt nur Go on talking

Il dissoluto punito ossia il Don Giovanni, ist der Originaltitel von Mozarts Oper. Was ist die schlimmere Strafe für einen Wüstling: in die Hölle zu fahren oder als domestizierter Ehemann zu enden? So oder so - das Ende ist furchtbar. Gönnen wir ihm das kleine Vergnügen, lassen wir ihn seine ➱Champagnerarie singen (diese Version sollten Sie unbedingt anklicken):

Finch' han del vino calda la testa, 
Una gran festa fa' preparar. 
Se trovi in piazza qualche ragazza, 
Teco ancor quella cerca menar. 
Senza alcun ordine la danza sia, 
Chi 'l minuetto chi la follia, 
Chi l' alemanna farai ballare.
Ed io frattanto dall' altro canto 
Con questa e quella vo' amoreggiar. 
Ah la mia lista doman mattina 
D' una decina devi aumentare.

Sonntag, 23. November 2014

The marriage of Figaro


Bei meinen ➱Aufräumarbeiten stieß ich auf zwei alte Posts, in denen ich beklagte, dass die wunderbar schrägen Operninszenierungen des Music Theatre London nicht als DVD zu finden sind. Die erste dieser Bemerkungen findet sich in dem Post über ➱Don Giovanni:

Leider habe ich die Don Giovanni Aufführung des ➱Music Theatre London vor Jahrzehnten verpasst. Ich finde von denen auch keine DVD im Internet, nur die einzelnen Meinungen von Kennern, die sagen, dass die BBC einfach zu blöd ist, diese herrlichen Aufnahmen auf eine DVD zu pressen. Aber damit ich beweisen kann, dass es die Truppe wirklich gab, bilde ich einmal Jacinta Mulcahy ab. Die zwar nicht soo toll sang, aber hervorragend aussah. Die Truppe glänzte bei ihren Auftritten in Hamburg (übertragen vom NDR) durch völlig schräge Mozart Interpretationen, die auch einer anderen Klientele als dem bürgerlichen Bildungspublikum Spaß machten. Sicher auch dem Kompositeur, dem Herrn Mozart in seinem roten Frack.

Die andere Erwähnung des Music Theatre London steht in dem Post zu ➱Cosi fan Tutte:

Mein allerschönstes Cosi fan Tutte Erlebnis gibt es leider auf keinem Ton- und Bildträger. In den 90er Jahren war die etwas schräge Truppe des Music Theatre London mehrfach mit Mozart Opern nach Hamburg gekommen. Es dirigierte Tony Britten (der gerade die Champions League Hymne komponiert hatte), und das Ensemble bestand aus actor-singers. Schauspielern, die ein wenig singen können oder Sängern, die auch gute Schauspieler sind. Sänger, die nicht schauspielern können, so Britten, gibt es schon genug. Aus der Truppe, die bei Cosi fan Tutte auf der Bühne stand, sind wohl nur Simon Butteriss und Jacinta Mulcahy noch berühmt geworden.

Die Inszenierung verlegt das Stück in den Golfkrieg. Zuerst sind Gugliemo und Ferrando englische RAF Piloten, die sich dann als prollige US Offiziere verkleiden. Man merkt den Engländern an, dass ihnen das so richtig Spaß gemacht hat (hier Simon Butteriss als Ferrando in der Hamburger Aufführung 1993). Der Abend stand dem Boulevard und der Music Hall Tradition näher als der Scala oder der Met. Die leichten sängerischen Defizite wurden durch die Spielfreude wettgemacht. Mozart hätte jede Minute davon gefallen. Ich war hingerissen von Jacinta Mulcahy. Und man muss ja auch erst einmal auf die Idee kommen, dass sich Fiordiligi in schwarzem Mieder (mit Strapsen) vor dem Spiegel aufbrezelt und dabei von der ewigen Liebe singt. Man findet wenig Fiordiligis, die mit schwarzen Strapsen so gut aussehen wie Jacinta Mulcahy damals. Und die auch noch singen können. Ich kann jetzt nur hoffen, dass irgendjemand beim NDR (der alle Auftritte des Music Theatre London im Hamburg aufgezeichnet hatte) jetzt mal ins Archiv stapft und sich ernsthaft überlegt, das Ganze mal auf DVD herauszubringen.

In einer Kundenrezension zu einer nicht mehr lieferbaren Aufnahme von Cosi fan Tutte, die dem ➱Spiegel immerhin eine Besprechung wert war, schreibt ein Rezensent bei Amazon: This is a really fun performance, with acting and singing of equal quality. The performance is updated to an airforce base with dialogue in modern english replacing some of the singing. This makes it much easier to understand and is ideal for newcomers to the opera. It is a great shame that the company has now closed but this is an entertaining record of what they were trying to do, making opera accessible to all. Tja, das war die mit den Strapsen. Habe ich noch auf VHS, aber mein VHS Recorder ist leider kaputt.

Ich kann heute eine kleine Überraschung präsentieren, ich habe nämlich The Marriage of Figaro im Internet gefunden. War vor Jahren, als ich mich wortreich beklagte, noch nicht da. Lassen Sie uns zuvor einen Blick auf eine Seite der Firma Pozzitive werfen: In 1994, producer Dan Patterson came to Pozzitive with a proposal to televise the work of Music Theatre London, an opera company who had hit on the brilliant idea of presenting classic opera - Die Fledermaus, Cose Fan Tutte, Don Giovanni etc with modern day translated and updated librettos, performed by singers who were also actors, and with a small orchestral ensemble. MTL had been touring with great success for many years, under the Musical Direction of Tony Britten and the Stage Direction of Nicholas Broadhurst. Die Produktionsfirma Pozzitive ist, horrbile dictu, auf Comedy spezialisiert. Da ist unser Wolferl Mozart nun gelandet.

Macht nichts. Es ist ja eine opera buffa. Warum nicht einmal so. Die Inszenierung war ein großer Erfolg quer durch Europa. Vor allem, weil man in England ein neues, junges Publikum gewinnen konnte. Es wird englisch gesprochen (die Rezitative sind neu) und gesungen, nicht italienisch. Wenn Cherubino sein Voi che sapete che cosa e amor singt, dann hört man einen anderen Text, als man ihn sonst in einer englischen Aufführung hören würde. Hören Sie ➱hier (ab Minute 9:33) doch einmal Jacinta Mulcahy in der Hosenrolle des Cherubino zu. Das hier sind Mary Lincoln, die sängerisch und schauspielerisch eine überzeugende Susanna gibt, und Harry Burton als Figaro.

In diesem Zimmer des Schlosses spielt ein großer Teil der Handlung. Wir erkennen den Heimtrainer und den Schuhschrank der Gräfin. Der Schuhschrank wird in der Oper übrigens funktional gebraucht (der Heimtrainer auch), wenn Susanne mit einer Stange die Schuhe für die Gräfin (Jan Hartley) herunterangelt. Sind wahrscheinlich alle von Manolo Blahnik. Bevor Cherubino seine Liebeserklärung singt, können wir die Gräfin auf dem Heimtrainer mit dem Porgi amor hören (ab ➱Minute 1:48). Gut, das klingt bei der ➱Callas oder bei ➱Renée Fleming anders, ist aber auch nicht schlecht.

Vieles in dieser Aufführung ist spezifisch englisch. Wenn Cherubino in den Krieg geschickt wird - was Figaro die Gelegenheit gibt - (ab ➱Minute 34) sein Non più andrai, farfallone amoroso zu singen - dann ist dieser Krieg natürlich der Falkland Krieg, das war er in der Cosi fan tutte Inszenierung des London Music Theatre auch. Dass Graf Almaviva (Andrew C. Wadsworth in der Bildmitte) Ähnlichkeiten mit Alan Clark hat (dessen berühmte Diaries am Anfang ins Bild gesetzt werden), ist wohl nur von einem englischen Publikum goutiert worden. Er heißt hier auch nicht Graf Almaviva, sondern Sir Cecil Portico und ist Europaabgeordneter der Konservativen Partei. Cecil Portico klingt ein wenig nach Michael Portillo, der ebenso wie Alan Clark (the most politically incorrect, outspoken, iconoclastic and reckless politician of our times) keine Zierde der Partei war.

Man hat Opern in den letzten Jahrzehnten viel angetan. Werner Schneyder hat in seinem schönen Buch Meiningen, oder, Die Liebe und das Theater witzige Sachen zu einer total bescheuerten Don Giovanni Inszenierung gesagt. Er endet seine Philippika mit den Sätzen: Warum gab es in der Premiere dieser Inszenierung nicht derartige Lachsalven, daß der Dirigent abklopfen mußte? Warum hat der Theaterdirektor nach der Hauptprobe nicht laut gesagt: „Das nicht!" Warum nehmen die Menschen Vertrottelung nicht mehr als Vertrottelung wahr? Und da ich bei Trotteln bin: das hier rechts ist der trottelige Gärtner des Grafen, gespielt von dem Vollblutschauspieler Nigel Planer. Auch Komik will gelernt sein, der über die Bühne irrlichternde Otto Waalkes war in der Fledermaus der Hamburger Staatsoper nicht wirklich komisch.

Schuld ist das Feuilleton, sagt Schneyder. Es setzt die Regisseure unter Druck, auf Gewalt originell sein zu wollen. Damit das Feuilleton über die genialen Einfälle (oder die Auswüchse) des Regietheaters schreiben kann. Ob jemand seine Rolle sprechen oder seinen Part singen kann, das interessiert längst nicht mehr. Aber wenn man wie Zadek in Hamburg die Bühne mit grünem slime übezieht, dann redet man darüber (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Die Engländer fanden das gar nicht so witzig: Zadek’s dreadful Winter’s Tale in Hamburg, with a provincial prose text...stage covered in green ’slime‘, live sheep, and so onUnd wenn Zadek in Bremen den armen Martin Sperr, der mit Jagdszenen aus Niederbayern ein one day wonder war, daran setzt, Shakespeare neu zu übersetzen, obgleich Sperr kaum Englisch konnte, dann kann man trefflich sehr lange darüber reden.

Zadek ist an vielem Schuld, weil plötzlich jeder Regisseur in Deutschland so sein wollte wie Zadek. Aber Zadek hatte lediglich aus England diese vielen kleinen Gags des Boulevardtheaters mitgebracht, statt Tiefsinn Turbulenz, statt sogenannter Werktreue Gag-Serien, konstatierte der Spiegel ➱1964. Doch viele hielten die kleinen billigen Gags (wie die golfspielenden Bischöfe in Held Henry) für große Kunst, und das ist bis heute die Misere des Regietheathers. Denn die Engländer haben da eine ganz andere Tradition, schon Shakespeare machte viele kleine schmutzige Witze (lesen Sie doch einmal ➱William Shakespeare), weil er wusste, dass die prollige Hälfte seines Publikums das goutierte. Wir haben im Barocktheater nur den Pickelhäring (und schon der war ein englischer Import, den die englischen Komödianten mitbrachten). Wir haben nicht Gilbert und Sullivan und die Music Hall, das haben nur die Engländer.

Der Herr im oberen Absatz ist Simon Butteriss, der als Basilio in The Marriage of Figaro etwas untergeht, aber das liegt an der Rolle. In Cosi fan Tutte hatte er mehr Raum für seine Spielfreude. Und da ich Gilbert und Sullivan erwähnt habe, er kann auch einen komischen ➱Major General. Und für Jacinta Mulcahy sind Gilbert und Sullivan auch eine Stufe auf der Karriereleiter gewesen. Zehn Jahre bevor sie in Hamburg die Fiordiligi sang, war sie in Cork in dem ➱Musical Mr Gilbert & Mr Sullivan zu sehen. Und die Mabel in den Pirates of Penzance hat sie im Opernhaus von Cork auch gesungen.

The Marriage of Figaro ist keine abgefilmte Bühnenaufführung. Dies ist für das Fernsehen gedreht, und die Aufführung nutzt die Möglichkeiten. Viele Figuren wenden sich direkt an die Kamera. Wie Harry Burtons Figaro, wenn er sein Se vuol ballare, signor contino (hier bei ➱Minute 7:43) in die Kamera singt. Das hat vielleicht nicht mehr die bedrohliche Brisanz, die Beaumarchais' La Folle Journée, ou Le Mariage de Figaro drei Jahre vor der Französischen Revolution hatte, aber effektiv ist es doch. Er singt in dieser Aufnahme allerdings nicht Se vuol ballare, signor contino, da man ja alle Texte überarbeitet hat. Statt sein Zimmer mit dem Cinque, dieci, venti, trenta (hier bei ➱Minute 3:00) auszumessen, hören wir ihn mit einer Fernbedienung in der Hand TV, video, HiFi, CD singen.

Leider ist es um das Music Theatre London sehr, sehr still geworden. Als sie begannen, sah es bei denen wahrscheinlich so aus wie auf diesem Szenenbild des Zimmers, das der Graf dem jungen Paar Susanna und Figaro überlassen hat: The basic idea behind Music Theatre London started as a conversation between Nicholas Broadhurst and Tony Britten whilst they were working as Staff and Musical Directors, respectively, for The National Theatre’s 'Guys and Dolls' in 1985. They discovered a shared passion about finding a means of de-mystifying opera. Putting these ideas into practice they organised a workshop of 'The Marriage of Figaro', presenting it as a music drama with actor-singers, and concentrating on re-establishing the importance of the text by experimenting with a new and colloquial translation. The success of the workshop led to a production at the Croydon Warehouse; and the unanimous acclaim with which it was greeted led almost immediately to a West End transfer to The Ambassadors Theatre.

Since that time MTL has continually questioned the conventional notion that Opera is about a sublime musical experience, which propels the entire production process. It is interesting to note that while “designer Opera” is still prevalent - i.e. big pictures and broad strokes, companies like ENO, Opera North and even the Royal Opera House are gradually coming round to the idea that if Opera is an all-encompassing art form then it had better pay attention to all the constituent elements. MTL, however, continues in the vanguard of the restoration of textual and dramatic values by its insistence on the importance of modern and relevant translations, performed by genuine actor-singers. Accompanied by a chamber group playing new orchestrations that ensure that every word is heard, we are able to present comedies that are actually funny, and tragedies that move and affect an audience in a way that we believe is unique.

Vielleicht ist das verlassene Zimmer ein Symbol für die augenblickliche Lage des MTL. Dabei war das Konzept ja goldrichtig. Weg von der designer Opera - und weg von verstaubten Räumen wie diesem - hin zu einem Mozart für jedermann, dessen Melodien man auf der Straße singt und pfeift (so wie man das mit den Melodien von ➱Weber und ➱Jacques Offenbach auch eines Tages tun wird).

Ich nehme an, dass mit dem designer opera so etwas wie die Salzburger Aufführung von Le nozze di Figaro aus dem Jahr 2006 gemeint sein muss. Ich habe die Inszenierung nicht verstanden, weiß aber noch, dass der Bühnenbildner schwer von kalten weißen Treppenhäusern begeistert war. Und dass mir die Freundin von Herrn Putin in der Rolle der Susanna als eine Fehlbesetzung erschien.

Mozart und die Engländer, das ist eine lange Geschichte. Mozart war ja am Anfang seiner Karriere einmal in England. Der König ➱George war von ihm begeistert. Der junge ➱William Beckford wurde angeblich von Mozart unterrichtet, und angeblich hat Mozart die Melodie, die der kleine William Beckford spielte, später zu Figaros Arie Non più andrai, farfallone amoroso verarbeitet. Wenn diese schöne Geschichte wahr ist, dann liegt die Entstehung von Figaros Hochzeit also in England. Und bei den Engländern ist Mozart immer gut aufgehoben gewesen. Was wäre Glyndebourne ohne ihn?

Wenn Sie ein wenig skeptisch bezüglich der gesanglichen Leistungen des MTL sind, dann können Sie sich natürlich diese schöne Aufführung aus ➱Glyndebourne anschauen, die ich schon in dem Post ➱Hochzeitsvorbereitungen hervorhob. Aber wenn Sie den Mut haben, sich auf ein wenig ham acting einzulassen, dann klicken Sie dies hier an (➱Teil 1, ➱Teil 2 und ➱Teil 3). Wurde in der Produktbeschreibung der VHS Cassette damals angepriesen als: Randy conservative Euro MP Sir Cecil Portico has made amorous advances to his wife's maid, Susanna, while his godson, Cherubino, has made some sleazy advances of his own - to the bored Lady Portico. Worse still, news has been leaked to a reporter from The Sun. But Sir Cecil's wily valet, Figaro, has a plan that should put them all firmly in their place. This is Mozart's grand opera transformed into modern soap opera by the BBC, with an English translation that sets the capers and confusions in a National Trust property.

Kostet keinen Eintritt. Und Sie brauchen auch weder Frack noch Smoking.

P.S. In einem Kommentar hat rabinovitch1 auf die Aufnahme von Teodor Currentzis mit seinem Ensemble MusicaAeterna (Sony 2014) hingewiesen. Aus irgendwelchen Gründen weigert sich das System, den Kommentar abzudrucken, also weise ich so noch einmal auf diese schöne ➱Aufnahme hin.