Donnerstag, 30. April 2026

Leucht-Feuer


Ich habe dieses Bild vor über vierzig Jahren gekauft, ich weiß nicht, von wem es ist. Besucher, denen das Bild mit der ungeheuren Leuchtkraft der Farben auffiel, fragten immer wieder nach dem Künstler. Ich musste passen. Es war damals ein Sonderangebot der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft für ihre Autoren gewesen. Ich wusste noch, dass der Maler irgendwo Professor für Graphik gewesen sein sollte. Ich hatte damals nie von ihm gehört, aber das Bild gefiel mir, und es steht seit Jahrzehnten schön gerahmt mit einer stolzen Größe von 61 x 47 Zentimeter bei mir neben dem Schreibtisch vor einer Bücherwand. Ich weiß nicht mehr, was es gekostet hat, wahrscheinlich war der Rahmen teurer.

Wenn ich mich vom Computer ein klein wenig nach rechts drehe, sehe ich es. Wenn Sie auf diesem Bild in die Dunkelheit eintauchen, dann können Sie in der Bildmitte ganz hinten noch einen gelben Fleck erkennen, da steht das Bild. Wenn ich durch die Tür gehe, laufe ich auf das Bild zu. Letztens, als der Barni an meinem Schreibtisch saß und einer alten Grand Seiko eine neue Batterie verpasste, stand ich neben ihm, vor dem Bild. Und hatte plötzlich diese Idee, weil der Barni doch so ein Super-Handy hat, mit dem man das ganze Internet durchsuchen kann. Mein altes IPhone kann das nicht, ich glaube, das kann nicht mal Internet. Als der Barni mit der Seiko fertig war, bat ich ihn, einmal das Bild zu photographieren und dann die Suchfunktion des Handys zu aktivieren. Der Barni hat nicht nur dieses Luxusteil voller KI, der kann damit auch umgehen. In einer Minute hatte er ein Auktionshaus gefunden, bei dem dieses Bild einmal verkauft worden war.

Jetzt weiß ich, dass der Künstler →Christian Kruck heißt und einmal wirklich berühmt war. Und dass es von dieser signierten Farblithographie in den achtziger Jahren 200 Exemplare auf Bütten gegeben hat. Mein Bild ist bei den zweihundert nicht dabei; es ist signiert, aber nicht nummeriert, es steht mit Bleistift EA drauf. Das bedeutet épreuve d'artiste, das ist schon was Besonderes. Besonders bei dieser Art des Druckes. Jedes Exemplar meiner Steindruckmalerei ist ein Unikat, hat Kruck gesagt. Weil er ein Verfahren der Lithographie entwickelt hat, das er Steindruckmalerei nannte, gekennzeichnet durch das Drucken vieler Farben auf einem einzigen Stein. Möglich wurde dies, da Christian Kruck eine Schreibtinte zum Vorzeichnen benutzte, die in den Stein eindrang, aber nicht mitdruckte. So konnte er passgenau Farbe um Farbe auftragen, was zu virtuosen Bilddarstellungen führte, die an Intensität und Farbkraft der Öl-Malerei in nichts nachsteht. Stimmt alles, das Bild des →Steindruckmalers leuchtet nach über vierzig Jahren immer noch.

Ich habe natürlich heute auch ein Leuchtturm Gedicht. Es hat keinen Titel, es war 1959 das erste Gedicht in Wolfgang Borcherts Gedichtband →Laterne, Nacht und Sterne:
 
Ich möchte Leuchtturm sein
in Nacht und Wind –
für Dorsch und Stint,
für jedes Boot –
und ich bin doch selbst
ein Schiff in Not!

Noch mehr Signalfeuer in dem Post Leuchttürme

Mittwoch, 29. April 2026

Poets, painters, and puddings


Der englische Schriftsteller Richard Hughes, der gestern vor fünfzig Jahren starb, hatte 1922 als Dichter begonnen, aber berühmt wurde er durch andere Dinge. Er ist wahrscheinlich der erste Autor eines in Europa im Radio gesendeten Hörspiels, das steht hier schon in dem Post Hörspiel. Da wird auch sein berühmtester Roman erwähnt, den er 1929 schrieb. Der hieß zuerst The Innocent Voyage, aber er taufte ihn gleich in A High Wind in Jamaica um. Der Roman (hier im Volltext) wurde ein Bestseller, er gilt heute als ein Klassiker des englischen Romans. Hat wahrscheinlich William Golding beeinflusst. Was in Lord of the Flies über Kinder gesagt wird, steht im Ansatz schon hier. 1969 gab es den Roman von Hughes als ✺Film mit Anthony Quinn in der Hauptrolle. Peter Suhrkamps Ehefrau Annemarie Seidel lieferte 1950 mit Ein Sturmwind auf Jamaika die erste deutsche Übersetzung. Seit 2013 gibt es mit dem Titel Orkan über Jamaika eine Neuübersetzung von Michael Walter.

Mein Gedicht heute ist nicht sehr ernst. Es steht eher in der Tradition der englischen Nonsense Dichtung, die Edward Lear und Lewis Carroll im 19. Jahrhundert begründeten. Dadrin können Engländer sehr witzig sein. Prince Charles schätzte das, er war mit Spike Milligan befreundet: Jetzt erstmal zum Monatsausklag Arthur Hughes: 

Poets, painters, and puddings; these three
Make up the World as it ought to be.

Poets make faces
And sudden grimaces:
They twit you, and spit you
On words: then admit you
To heaven or hell
By the tales that they tell.

Painters are gay
As young rabbits in May:
They buy jolly mugs,
Bowls, pictures, and jugs:
The things round their necks
Are lively with checks,
(For they like something red
As a frame for the head):
Or they’ll curse you with oaths,
That tear holes in your clothes.
(With nothing to mend them
You’d best not offend them).

Puddings should be
Full of currants, for me:
Boiled in a pail,
Tied in the tail
Of an old bleached shirt:
So hot that they hurt,
So huge that they last
From the dim, distant past
Until the crack o’ doom
Lift the roof off the room.

Poets, painters, and puddings; these three
Crown the day as it crowned should be.

Dienstag, 28. April 2026

die Fortdauer des Glücks


Den Dichter Walter Helmut Fritz habe ich ans Monatsende geschoben, mit seinen Gedichten habe ich Schwierigkeiten. Er war im letzten Jahr schon einmal mit einem Gedicht in dem Post Silhouette. Ich besitze seit Jahren einen Band, der Gesammelte Gedichte heißt, und ich weiß, dass alle Literaturkritiker ihn als einen Meister der leisen Töne schätzen. Er hat eine Vielzahl von Preisen bekommen und war Mitglied von drei Akademien. Er kommt aus Karlsruhe, wo er auch lebte, und die Stadt, hat er auch bedichtet:

In Karlsruhe
Tägliche Stadt, Fortgang, Vibration
mit vertrauten Wegen, Plätzen, Häusern,
die horchen, sich zu einem kurzen
Umzug zusammentun, früh die Augen zumachen.
Hier auf einem Sand- und Kiesrücken
der Oberrheinebene, wenig tellurischer Druck,
zwischen Daxlanden und Durlach,
der Hardtwald ist in der Nähe, das Albtal.
An diesem Ort gerecht zu leben versuchen,
älter werdend in der Schwerkraft,
in Zimmern mit umhergehenden Stunden,
Arbeit, Liebe, Wörtern, Gegenwart.

Er hat viele Liebesgedichte geschrieben, die 2008 noch einmal unter dem Titel Herzschlag von Hoffmann und Campe veröffentlicht wurden. Drei davon gibt es heute hier. Das erste ist wahrscheinlich das Bekannteste, das dritte ist ein Prosagedicht, davon hat er auch viele geschrieben:

Weil du die Tage
zu Schiffen machst,
die ihre Richtung kennen.

Weil dein Körper
lachen kann.

Weil dein Schweigen
Stufen hat.

Weil ein Jahr
die Form deines Gesichts annimmt.

Weil ich durch dich verstehe,
daß es Anwesenheit gibt,

liebe ich dich.



Du bist es.
Es ist dein sonnenwarmer Körper.
Es ist die Bewegung deiner Hand,
die auf das Meer deutet.
Es ist die Linie deines Gesichts,
sie ist da,
ich muß sie nicht erfinden.
Es ist die Fortdauer des Glücks. 



Landschaft für verliebte

Nein es ist nichts zu Ende, kann man hören. 
Es sei doch kein Grund, den Mut zu verlieren. 
Man kann es hören auf dieser Straße, die Baustelle ist da , 
die Wäscherei, das Café mit Tischen 
und Stühlen, reglosen, bunten Käfern. Ein Postbote 
geht vorbei, ein Mädchen, das stehenbleibt und 
dann umkehrt. Kleider sind da, Stimmen, Hände, 
Helligkeit, die die Stadt durchblättert, die Nasch-
haftigkeit unserer Träume.


Walter Helmut Fritz  hat einmal gesagt, warum er Gedichte schreibt. Und da das nirgends im Netz steht, stelle ich das hier einmal hin: 

Man wird sich nur einigermaßen kenntlich in dem, was man tut, sagt, schreibt. Oder verbirgt man sich darin? Wie auch immer: Im Gedicht (einem der brauchbarsten Namen für unsere Unruhe, für die Suche nach unserem Leben) finde ich eine Möglichkeit zu atmen; wach zu blei­ben; ein Dach über den Kopf zu bekommen, zu merken, wie die Dinge sich nähern; ein Netz auszuwerfen; etwas kennenzulernen, was dem Nützlichkeitsdenken fernbleibt; Gefühlen zu entfliehen, in denen man festsitzt wie die Fliege im Leim, mich einem emotionalen oder gedanklichen Risiko zu überlassen; Erlebnisse zu haben, die nicht zu erwarten waren; Einsichten zu gewinnen, die auf keine andere Weise zu gewinnen sind; in Augenblicken der Mutlosigkeit nicht zu vergessen, daß etwas vor einem liegt, daß etwas of­fen­bleibt.

Wir brauchen diesen langen Satz gar nicht, seine Poetik steht in dem Gedicht Sieh lange hin:

Den Weg hier
siehst du jeden Tag
und doch blieb er verhüllt.
Sieh wieder hin, sieh lange hin,
bis du begreifst,
daß du ihn nie gesehn,
daß er sich erst
in diesem Augenblick enthüllt


Das habe ich aus dem Gedichten von Walter Helmut Fritz  gelernt, man muss lange hinsehen, um ihre Schönheit zu erkennen.

Montag, 27. April 2026

lost at sea


Lost at Sea steht auf seinem Grabstein. Am 27. April 1932  ist der amerikanische Dichter Hart Crane im Golf von Mexiko ertrunken. Über Bord gesprungen. Wie es der Dichter Ken Beattie in seinem Gedicht For Hart Crane beschreibt:

Pushed
from this ship
by his own hand
Hart's image merges.
No St. John or Scylla
to embellish his swim,
but stark realization
the leap toward wonder
rests with him...
his own priest
casting his
own line.

Crane gilt als einer der wichtigsten Vertreter der literarischen Moderne in Amerika. Er hat es schwer gehabt, in Deutschland bekannt zu werden. An mir kann das nicht liegen, denn er war schon hier in den Posts Hart CraneBrooklyn Bridge und White Buildings. Der erste, der Hart Crane nach Deutschland brachte, war der Dichter Joachim Uhlmann, der 1960 die Gedichte Weiße Bauten übersetzte. Ihm folgte 1966 Dieter Leisegang, der bei Adorno studiert hatte, mit einem zehn Seiten schmalen Band, der Moment Fugue hieß, das titelgebende Gedicht finden Sie hierDann dauerte es beinahe noch vierzig Jahre, bis endlich mal jemand Cranes Hauptwerk The Bridge übersetzte. Man muss Ute Eisinger für die Übersetzung des Langgedichts sehr dankbar sein. Klaus Reichert auch, der das kluge Nachwort geschrieben hat. 2013 kam noch einmal Weiße Bauten: Gedichte heraus, diesmal in der Übersetzung von Christian Lux. Ein riesiger Teil der Collected Poems wartet immer noch auf Übersetzer.

Ich habe heute ein Gedicht, in dem sich Hart Crane selbst vorstellt. Robert Lowell, der Crane the best writer of his generation genannt hat, hat es für ihn geschrieben:

Words for Hart Crane

When the Pulitzers showered on some dope
or screw who flushed our dry mouths out with soap,
few people would consider why I took
to stalking sailors, and scattered Uncle Sam’s
phoney gold-plated laurels to the birds.
Because I knew my Whitman like a book,
stranger in America, tell my country: I,
Catullus redivivus, once the rage
of the Village and Paris, used to play my role
of homosexual, wolfing the stray lambs
who hungered by the Place de la Concorde.
My profit was a pocket with a hole.
Who asks for me, the Shelley of my age,
must lay his heart out for my bed and board
.

Wenn Lowell ihn the Shelley of my age sagen lässt, dann war das nicht ironisch gemeint, Lowell meinte das wirklich. Ein Gedicht von Hart Crane habe ich natürlich auch noch: 

Repose Of Rivers

The willows carried a slow sound, 
A sarabande the wind mowed on the mead. 
I could never remember 
That seething, steady leveling of the marshes 
Till age had brought me to the sea. 

Flags, weeds. And remembrance of steep alcoves 
Where cypresses shared the noon’s 
Tyranny; they drew me into hades almost. 
And mammoth turtles climbing sulphur dreams 
Yielded, while sun-silt rippled them 
Asunder ... 

How much I would have bartered! the black gorge 
And all the singular nestings in the hills 
Where beavers learn stitch and tooth. 
The pond I entered once and quickly fled— 
I remember now its singing willow rim. 

And finally, in that memory all things nurse; 
After the city that I finally passed 
With scalding unguents spread and smoking darts 
The monsoon cut across the delta 
At gulf gates ... There, beyond the dykes 

I heard wind flaking sapphire, like this summer, 
And willows could not hold more steady sound.

Sonntag, 26. April 2026

ganz oben


Heute vor 690 Jahren hat Francesco Petrarca seinen berühmten →Brief geschrieben, in dem er davon berichtet, wie er den Mont Ventoux erklommen hat: Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht zu Unrecht Ventosus, ,den Windigen‘, nennt, habe ich am heutigen Tag bestiegen, allein vom Drang beseelt, diesen außergewöhnlich hohen Ort zu sehen. Das gilt heute als der Beginn des touristischen Bergsteigens, das aber erst im 18. Jahrhundert wirklich einsetzt. Jahrhunderte lang hatten die Berge niemanden interessiert, sie waren Warzen auf dem Gesicht der Erde gewesen, die Ästhetisierung der Bergwelt hatte noch nicht begonnen. Eher redeten Dichter von den Zickzackkämmen und widerwärtigen Felswänden. Wir wissen nicht, ob Petrarca wirklich oben auf dem Berg gewesen ist, oder ob dies nur eine imaginäre dichterische Kletterpartie war. Aber am 26. April ist die Geschichte immer wieder in diesem Blog gewesen, das geht nicht anders. Es gibt hier schon seit fünfzehn Jahren den sehr ausführlichen Post Mont Ventoux. Und dann sind da noch die Posts Fietsen, Liebestaumel, der windige Berg, Tanzseuche, und Weltlandschaften.

Der Franzose Pierre de Nolhac hat ein Gedicht mit dem Titel Écolier d’Avignon geschrieben, das 1931 in der Revue des deux mondes erschien. Hier erzählt uns ein fiktiver Schüler von Petrarca in acht Episoden in Alexandrinern alles über das Leben des Meisters. Von der ersten Begegnung (La Rencontre) bis zum Abschied von seinem Lehrer (Le Départ). Und der weiß auch, wie sich Petrarca auf dem Gipfel des windigen Bergs gefühlt hat:

La solitude est bonne à l’âme et la féconde:
Je regarde à mes pieds fuir les plaines du monde;
Je devine au lointain les altières cités
Où sont tant de misère et tant de vanités,
Et le fleuve qui porte aux mers les pleurs des hommes
Je sens notre grandeur dans le peu que nous sommes;
Je pèse à leur néant les choses que j’aimais
Et je suis dans leur vol les aigles des sommets.
Le jour ainsi se passe où la pensée est reine;
Je redescends, le corps dispos, l’âme sereine,
Allégé par la paix que donne le haut lieu
Et les yeux éblouis des merveilles de Dieu

Die Einsamkeit tut der Seele gut und befruchtet sie:
Ich sehe, wie die Ebenen der Welt unter meinen Füßen entschwinden;
Ich erahne in der Ferne die hochmütigen Städte,
In denen so viel Elend und so viel Eitelkeit herrscht,
Und den Fluss, der die Tränen der Menschen zu den Meeren trägt.
Ich spüre unsere Größe in dem Wenigen, das wir sind;
Ich wäge die Dinge, die ich liebte, gegen ihr Nichts ab
Und folge in ihrem Flug den Adlern der Gipfel.
So vergeht der Tag, an dem der Gedanke König ist;
Ich steige wieder hinab, der Körper bereit, die Seele heiter,
Erleichtert durch den Frieden, den der hohe Ort schenkt
Und die Augen geblendet von den Wundern Gottes

Gut, dass wir das endlich mal wissen. Denn Petrarca erzählt uns wenig, wie er sich auf dem Gipfel gefühlt hat. Er hat nicht die Landschaft unter sich bewundert, er hat Augustinus gelesen. Die Bergbesteigung ist für ihn eher eine Allegorie des Lebensweges: Was du heute so oft bei Besteigung dieses Berges hast erfahren müssen, wisse, genau das tritt an dich und an viele heran, die da Zutritt suchen zum seligen Leben. Aber es wird deswegen nicht leicht von den Menschen richtig gewogen, weil die Bewegungen des Körpers zutage liegen, die der Seele jedoch unsichtbar sind und verborgen. Wohl aber liegt das Leben, das wir das selige nennen, auf hohem Gipfel, und ein schmaler Pfad, so sagt man, führt zu ihm empor. Es steigen auch viele Hügel zwischendurch auf, und von Tugend zu Tugend muß man weiterschreiten mit erhabenen Schritten. Auf dem Gipfel ist das Ende aller Dinge und des Weges Ziel, darauf unsere Pilgerfahrt gerichtet ist.

Wir lassen das mal so stehen und geben zu Schluss Emily Dickinson mit einem Bergedicht das Wort:

The Mountains—grow unnoticed—
Their Purple figures rise
Without attempt—Exhaustion—
Assistance—or Applause—

In Their Eternal Faces
The Sun—with just delight
Looks long—and last—and golden—
For fellowship—at night—


Und Bertram Kottmann hat mir diese schöne Übersetzung gerade zugeschickt:

Die Berge wachsen - unerkannt,
sie ragen purpurn auf
ganz ohne Müh’, nie ausgebrannt,
ohn’ Beistand und Applaus.

Auf ihr Gesicht, das ewig,
die Sonne nieder lacht
ausdauernd, golden, freudig,
Gefährtin für die Nacht.

Samstag, 25. April 2026

meine Seele flieht im Fluge

Ich dachte, ich mache mal eine Pause und schreibe nichts, wo es gestern zwei Posts gab. Aber dann sah ich, dass heute der Todestag des italienischen Dichters Torquato Tasso ist. Da dachte ich, dass ein kleines Liebesgedicht von ihm nicht schaden könne. Aber dann wurde es kurios, weil ich nicht herausfinden konnte, ob das Gedicht, das ich mir ausgesucht hatte, wirklich von Tasso ist. Der Text ist:

Se la mia morte brami, 
crudel, lieto ne moro.
E dopo morte ancor te solo adoro.
Ma se vuoi che non t'ami, 
ahi, che a pensarlo solo
Il duol m'ancide 
e l'alma fugge a volo. 


Im Internet findet sich eine Übersetzung von Bertram Kottmann, der hier zuletzt in dem Post World Book Day erwähnt wurde:

Wenn du meinen Tod begehrst,
Grausame, dann sterb’ ich freudig.
Und selbst nach dem Tode werde ich nur dich verehren.
Verwirfst du jedoch meine Liebe,
ach, schon wenn ich daran denke,
bringt der Schmerz mich um,
und meine Seele flieht im Fluge
.

Auf der Seite, auf der Bertram Kottmanns Übersetzung steht, findet sich auch der Satz author's text not yet checked against a primary source. Es gibt aber einen Hinweis auf ein Madrigal im sechsten Buch der Madrigale von Gesualdo. Gechrieben 1611 für fünf Stimmen. Carlo Gesualdo weiß, was Liebe und Tod bedeuten, er hat seine Frau und ihren Liebhaber umgebracht. Das war so etwas Ähnliches wie die Geschichte von Francesca da Rimini und Paolo Malatesta, über die Sie alles in dem Post Nackt lesen können. 

Das Madrigal über Tod und Liebe gibt es wirklich, mit Text und Noten. Sie können es hier bei YouTube hören und die Noten mitlesen. Der italienische Text findet sich auch, ohne Angabe des Autors, in einem Buch über den italienischen Dichter Girolamo Molin. Er findet sich aber nicht in der Ausgabe von Torquato Tassos Rime. Da sind 1.708 Gedichte drin, aber Se la mia morte brami ist nicht dabei. In dieser Ausgabe auch nicht.

Wenn Sie schöne Liebesgedichte von Torquato Tasso in der Übersetzung von Karl Förster aus dem Jahre 1821 lesen wollen, dann klicken Sie diese Seite an. Torquato Tasso war immer in diesem Blog. Ich habe Peter Steins berühmte Inszenierung von Goethes Torquato Tasso 1969 in Bremen gesehen, das steht in dem Post giftgrün. Er ist aber auch noch in den Post Seekrankheitt, Das Wetter von morgenKreuzzug und Richard Lester zu finden.

Freitag, 24. April 2026

ein anderes Wolgalied


Am 24 April 1671 wurde Stenka Rasin, der Anführer der Donkosaken  nach einem misslungen Aufstand durch Truppen des Zaren  Alexei festgenommen. Er wird nicht mehr lange leben. Aber er lebt in Legenden, Geschichten und Liedern weiter. Ein Lied habe ich hier, gesungen von Ivan Rebroff. Die Melodie kennen Sie alle. Es ist viel von der Wolga die Rede in dem Stenka Rasin Lied, das es hier zu lesen gibt, und das seit dem 24. April 2020 mit dem Post Stenka Rasin hier im Blog steht.

Ich habe noch ein anderes Gedicht über die Wolga, von jemandem, der 1917 an der Wolga geboren wurde. Der Dichter heißt Woldemar Herdt, (die Liste seiner Publikationen können Siehier sehen), und Stenka Rasin kommt in seinem Gedicht auch vor:

Sing, Dichter, nicht von Wolgas blauen Fluten,
solang vor mir der dunkle Urwald steht.
Du lässt mein Herz durch deine Harfe bluten,
mein krankes Herz, das sich schon totgesehnt.

O Wolgaland, wenn ich für immer scheide
Und deine Fluren nimmer wiederseh’,
möcht auferstehen ich als Trauerweide
auf vielbesung’ner Stenka-Rasin-Höh’.

Dort will ich weinen durch die bitt’re Rinde,
mit meiner Krone rauschen früh und spät,
und so erzählen meinen Enkelkindern
von meinem Völkchen, das im Wind verweht.

Ich habe das Gedicht auch in englischer Übersetzung für meine englischen und amerikanischen Leser. Die Übersetzung stammt von Werner Schulz, einem emeritierten Germanistikprofessor in Hickory in den USA. Heute kommen bei mir viele Nationen zusammen

Do not sing, poet, of the Volga River’s flowing waters
as long as dark the ancient forest looms in front of me.
My heart is bleeding through your doleful harpstrings,
my wounded heart that yearns for death, alas.

Oh Volga-Land, if I must part forever
and never see your open fields again,
I’d like to rise anew, a weeping willow tree,
On Stenka Rasin’s song-praised height.

There I shall weep through bitter willow bark
and rustle with my crown from dawn to dusk;
thus I shall tell to all my children
of our people like the wind dispersed.

leise Melodien


Ich konnte Klaus Groth schlecht in einem Post mit Stenka Rasin unterbringen, deshalb gibt es heute zwei Posts. Dieser zweite gehört dem Dichter, der die Sommer häufig in der Weserstraße in meinem Heimatort verbrachte, weil seine reichen Schwiegereltern dort eine Villa hatten. Hier liegen die Villen der Aristokraten, deren Anlagen das Weserufer eine kleine Strecke hin wirklich sehr verschönern, schrieb Friedrich Engels nach einer Dampferfahrt auf der Weser. Und er sagte, vielleicht etwas übertreibend, über den Ort: Vegesack ist die Oase der bremischen Wüste Die Villa Finkenhof gibt es nicht mehr, und eine Oase ist Vegesack auch ich mehr. Eher Teil der Wüste. Doch die Dichtung von Klaus Groth, die hat überlebt.

An seinem Geburtstag, dem 24. April, hat es hier schon zahlreiche Posts zu Klaus Groth gegeben. Er wurde im Jahr 1819 geboren, in dem auch die spätere englische Königin geboren wird, nach der man in England das Jahrhundert als Victorian Age bezeichnen  wird. 1819 ist aber auch das Geburtsjahr der Literatur des 19. Jahrhunderts, wenn ich das mal ein wenig übertrieben formulieren datf. Denn in diesem Jahr wird eine Vielzahl von Autoren, geboren die die wichtigsten Werke des Jahrhunderts schreiben werden: Herman Melville und Walt Whitman zum Beispiel. Und da wären noch Arthur Hugh Clough, George Eliot, James Russell Lowell, Gottfried Keller, Theodor Fontane. unf Klaus Groth. Die haben beinahe alle schon einen Post, ich erspare mir mal die Links. 

Ich habe heute ein schönes Klaus Groth Gedicht für Sie:

Wie Melodien zieht es
Mir leise durch den Sinn,
Wie Frühlingsblumen blüht es,
Und schwebt wie Duft dahin.

Doch kommt das Wort und fasst es
Und führt es vor das Aug',
Wie Nebelgrau erblasst es
Und schwindet wie ein Hauch.

Und dennoch ruht im Reime
Verborgen wohl ein Duft,
Den mild aus stillem Keime
Ein feuchtes Auge ruft.

Johannes Brahms hat das Gedicht vertont, es gehörte zu einer Reihe von fünf Liedern für eine tiefere Stimme mit Begleitung des Pianoforte. Die tiefere Stimme hat Hans Hotter, und er singt das Lied, begleitet von Gerald Moore, sehr schön.

Noch mehr Klaus Groth in diesem Blog in den Posts: Klaus Groth, Min Jehann, Min Modersprak, Plattdeutsch, Frisia non cantat, Oase in der bremischen Wüste, noch immer Schnee, Reimer Bull ✝

Donnerstag, 23. April 2026

World Book Day


Zum Tag des Buches, sagte der Buchhändler Wolfgang Erichsen und schenkte mir eine quietscherote Plastikuhr, auf deren Zifferblatt nur die Zahlen 23 und 4 zu sehen waren. Es ist heute nicht nur der Tag des Buches, weil an einem 23. April Shakespeare und Cervantes gestorben sind, es ist heute auch der Tag des internationalen Copyrights. Das wissen alle, die gerade einen neuen Wahrnehmungsvertrag bei der Verwertungsgesellschaft Wort (das ist die GEMA der Schreibenden) unterzeichnet haben. So ganz stimmt das mit dem gleichzeitigen Tod von Shakespeare und Cervantes nicht, sie sind zwar beide an einem 23. April gestorben, aber in Spanien und England gab es damals noch unterschiedliche Kalender. Das stand in meinem ersten Bloggerjahr 2010 hier in dem Post Blankvers. 

Die quietscherote Plastikuhr läuft nicht mehr, ich habe die Batterie herausgenommen, die Uhr ist jetzt nur noch ein Dekorationsobjekt. Den Welttag des Buches gibt es seit 1997, aber schon Jahre vor drei Jahre vorher gab es bei uns den Tag des deutschen Bieres, das muss mal eben erwähnt werden. Man kann also heute zur Feier des Tages ein Bier trinken, wenn man kein Buch liest. Aber ein Buchgedicht habe ich natürlich auch. Es ist von Emily Dickinson und heißt ganz schlicht A Book:

There is no frigate like a book
To take us lands away,
Nor any coursers like a page
Of prancing poetry.
This traverse may the poorest take
Without oppress of toll;
How frugal is the chariot
That bears a human soul!


Ich habe eine deutsche Übersetzung bei Bertram Kottmann gefunden. Den Übersetzer kennen Sie schon, weil er gerade in dem Post Mad, bad, and dangerous to know erwähnt wurde. Bei ihm hat das Gedicht den Titel Buchreise, und darum geht es ja:

Kein Schiff bringt uns - so wie ein Buch -
an einen fernsten Ort,
kein schnelles Ross der Seite gleicht,
wo tänzelt Dichters Wort.
Der Ärmste selbst reist ohne Last,
wenn diesen Weg er wählt -
wie preiswert doch der Wagen fährt,
der unsre Seele trägt
.

Als Dickinsons Gedichte vier Jahre nach ihrem Tod zuerst erschienen, schrieb eine Rezensentin: Madder rhymes one has seldom seen— scornful disregard of poetic technique could hardly go farther— and yet there is about the book a fascination, a power, a vision that enthralls you, and draws you back to it again and again. Not to have published it would have been a serious loss to the world. 

Paul Celan hat manche Gedichte übersetzt. Wem der kleine Reclam Band mit Gedichten englisch-deutsch in der Übersetzung von Gertrud Liepe aus dem Jahre 1970 nicht ausreicht, der kann seit einigen Jahren auf eine größere Sammlung zurückgreifen. Gunhild Küblers Übersetzungen sind bei Hanser erschienen und sind jetzt bei Fischer als Taschenbuch erhältlich. Das Vorwort zu dem Buch können Sie hier lesen. Die Übersetzerin hat auch für ein Hörbuch Gedichte ausgewählt, die von Julika Jenkins gelesen wurden. Von dem Reclam Band gibt es noch eine recycelte  Version, die An irgendeinem Sommermorgen heißt. Das Nachwort in beiden Fällen ist von Klaus Lubbers, dessen Buch Emily Dickinson: The Critical Revolution bei Google Books teilweise zu lesen ist. 

Aber ich muss noch einmal auf Bertram Kottmann zurückkommen. Er hat nicht nur das eine Gedicht von Dickinson übersetzt, sondern ganz viele. Zwar nicht die Complete Poems, aber doch ganz, ganz viele. Das ist bewundernswert. Wenn Sie die Dichterin kennenlernen wollen, dann gehen Sie doch zu dieser Seite und fangen an zu lesen. 

Dickinsons Gedicht Tell all the truth but tell it slant —: (das vielleicht eine Poetik ihres Schaffens ist):

Tell all the truth but tell it slant —
Success in Circuit lies
Too bright for our infirm Delight
The Truth's superb surprise
As Lightning to the Children eased
With explanation kind
The Truth must dazzle gradually
Or every man be blind —

übersetzt Gunhild Kübler so:

Sag Wahrheit ganz, doch sag sie schräg -
Erfolg liegt im Umkreisen
Zu strahlend tagt der Wahrheit Schock
Unserem Begreifen
Wie Blitz durch freundliche Erklärung
Gelindert wird dem Kind
Muss Wahrheit sachte blenden
Sonst würde jeder blind

Bei Bertram Kottmann sieht es so aus:

Künd’ Wahrheit ganz, doch sag’s verquer:
Erfolg verspricht umkreisen!
Kommt sie zu unverblümt daher,
wir uns zu schwach erweisen.
So wie man ruhig nimmt die Angst
vor Blitzen einem Kind,
sollt’ Wahrheit mählich uns erhell’n,
sonst würd’ ein jeder blind.

Das ist für mich etwas origineller, aber testen Sie es selbst und lesen sich durch Emily mit der verqueren Weltsicht.

Ich habe zum Schluss noch ein Gedicht von Wendy Cope, das Emily Dickinson heißt:

Higgledy-piggledy
Emily Dickinson
Liked to use dashes
Instead of full stops.

Nowadays, faced with such
Idiosyncrasy,
Critics and editors
Send for the cops


Gut, das stand hier schon mal in dem Post Higgledy-piggledy. Und es gibt hier auch einen langen Post Emily Dickinson mit schönen Bildern. Die alle mit der Eisenbahn zu tun haben, weil Emily, die auch einmal bedichtet hat. Und Emily Dickinson ist auch in den Posts VulkaneMoor und flinke Finger, wo das Gedicht Taking Off Emily Dickinson's Clothes erwähnt wird.

Mittwoch, 22. April 2026

van Gogh


Der australische Maler John Peter Russell, der am 22. April 1930 in Sydney starb, wird häufig als lost impressionist bezeichnet. Seine Bilder waren kaum auf Ausstellungen zu sehen, weil er sie nie einreichte. Er brauchte nicht von der Malerei zu leben, weil er ein Vermögen geerbt hatte. Er war mit Claude Monet befreundet und hat Henri Matisse stark beeinflusst. Und er hat den jungen Vincent van Gogh gefördert, der ihm dafür sehr dankbar war und Russell immer wieder seine neuen Bilder zeigte. 

Das Guggenheim Museum in New York besitzt einen Brief von van Gogh an Russell, den man hier sehen kann. Russell hat seinen Freund, den er im Atelier von Fernand Cormon in Paris kennengelernt hatte, 1886 gemalt. Das Bild hat van Gogh sehr geschätzt. Seit 1938 hängt es im Van Gogh Museum in Amsterdam. Ich habe hier ein YouTube Video, nur Bilder und Musik. Bei WikiArt gibt es einige Bilder von Russell. Und in diesem Blog hat er schon die Posts John Peter Russell und wüstes Land.

Ein Gedicht über Russell habe ich nicht, aber dafür eins über van Gogh. Es heißt Van Gogh geht zur Arbeit, geschrieben von Anne Duden, von der es hier weitere Gedichte gibt. Hier im Blog war sie schon einmal in dem Post Drachen.

Van Gogh geht zur Arbeit

Van Gogh geht zur Arbeit
auf steiler abschüssiger Bahn.
Der Boden brennt ihm unter den Füßen
in kühler Dunkelheit.
Eine immer schneller sich bewegende Lavamasse
sein Wohnort.
Feuerball, flüssige Sonne.
Nicht anhalten, weiter.
Von einem Fuß auf den andern.
Nicht stehen- sitzen- liegenbleiben.
Alles versengt.
Ein Skifahrer bei der Abfahrt auf rotglühender Piste.
Zur Arbeit.
Und immer entlang dieser schwarzen Luft
in die er eingehen wird – als Rauch –
nach getaner Arbeit. Oder eher.
Weiter. Zur Arbeit.
Nichts anderes geht mehr.
Schon das leichteste Feldbett
würde in der kreisenden Hitze versinken
und sich spurlos verflüssigen.
Wirklich. Seine Glieder dürfen nie wieder weich
werden.
Nie mehr darf er sich hinlegen.
Nie eine einzige Ruhe finden.
Es ist kein Licht.
Neben dem Glutstrom nichts als uferlose Kaltluft.
Wer wirft denn den verkrüppelten Schatten
hinter und unter ihn.
Oder kommt er schon ins Rutschen.
Ist dies schon die Sengspur des sich ankündenden Sturzes.
Geh schneller, van Gogh, zur Arbeit.
Lauf. Es ist vielleicht gerade noch Zeit
zwischen Vereisen und Verglühen.
Kein Zweifel, er wird sich ums Leben laufen
bei diesen Arbeitsbedingungen.
Noch ein paar Bilder
kopfüber mit dem Flammenwerfer gemalt
immer noch einmal gegen die letzte Mauer,
die Leinwand.
Sein Gepäck will nicht leichter werden.
Er müßte sich selber durchbrennen
wie ein Blutvergießer sich hinfeuern mit Haut und
Haar.
Dann – es ist schon passiert –
geht ein dunkles, in alle Richtungen sich
dehnendes Blau
das sommerliche Bewölkung nur teilweise abdeckt
mit gelbgrünen Feldern und Wiesen
ihm auf bis zum Horizont.
Aus diesem Bild kommt keiner mehr lebend heraus.
Bis in die Mitte muß er gehen
sich einwühlen, an der Faltachse aufschlagen
oder sich zerquetschen in der plötzlichen Enge.
Die Erde reicht zu hoch, der Himmel zu tief.
Er sieht die Wolkenschweife noch hektisch das
Bild fliehen
das stärkste Blau immer hohler werden.
Er müßte hindurch.
Ganz vorn noch und winzig schon im Rücken
die Ansammlung roter Blumenköpfe.
Wie ein Fangeisen schlägt es über ihm zusammen.
Er ist zu weit gegangen.
Van Gogh ist tot.
Bei der Arbeit gestorben.
Sein Rauch steigt auf in die Kaltluft.
Sein Krüppelschatten kreist weiter auf unendlicher
Umlaufbahn.

Dienstag, 21. April 2026

I will not, cannot go


Charlotte Brontë ihat hier schon den Post Lebensmut bekommen, auch an einem 21. April, weil das ihr Geburtstag ist. Sie ist die erfolgreichste der drei Brontë Schwestern gewesen, die Arno Schmidt mal die taubengrauen Schwestern genannt hat. Vor allem, weil sie den Roman Jane Eyre: An Autobiography geschrieben hat. In dem wir lesen können: Reader, I married him. Ein berühmter Kapitelanfang. Es ist das Kapitel XXXVIII, zehn Kapitel vorher hätte die Heldin diesen Satz auch schon sagen können, aber da ist in der Kirche aus der Hochzeit nichts geworden. Jemand hatte Einwände in letzter Sekunde, man kennt das aus Hollywoodfilmen. So wie in Vier Hochzeiten und ein Todesfall

Aber in dem Kapitel sind die Einwände schwerer, Mr Rochester ist schon verheiratet. Zwar nur noch pro forma, da seine Frau, Tochter einer Kreolin aus der Karibik, wahnsinnig geworden ist. Er hat sie oben im Haus weggesperrt. The madwoman in the attic. Das ist jetzt im viktorianischen Roman noch so ein Rest von der Gothic Novel, dem Schauerroman. Findet sich auch bei Charlottes Schwester Emily in Wuthering Heights immer wieder. 

Charlotte Brontë hat die zweite Auflage des Romans dem führenden Romancier der Zeit, William Makepeace Thackeray, gewidmet. Wenig später ist ihr das ganz furchtbar peinlich gewesen. Sie hatte nicht gewusst, dass Thackeray auch eine geisteskranke Frau hatte. Thackeray hat das aber äußerlich ungerührt genommen, und hat das Werk der unbekannten jungen Autorin als the masterwork of a great genius bezeichnet. Aber dieses melodramatische Motiv der madwoman in the attic, die irgendwann das Haus anzündet, wirkt natürlich weiter. Daphne du Maurier klaut es sich für Rebecca (Hitchcock gefällt das auch sehr). Und Jean Rhys erweckt die geheimnisvolle Unbekannte auf dem Dachboden in ihrem Roman Wide Sargasso Sea zu neuem literarischen Leben. Das Bild von der halbnackten Rowena King oben ist aus der Verfilmung von dem Roman von Jean Rhys.

Ich mag Charlotte Brontë nicht so sehr, ich habe ihre Romane gelesen, weil es zu meinem Beruf gehörte. Jane Austen, über die sie sich abfällig äußerte, lese ich lieber. Immer wieder. Die Gedichte von Charlotte sagen mir wenig, da nehme ich lieber heute eins von ihrer Schwester Emily aus dem Jahre 1837, dem selben Jahr, in dem Wuthering Heights erschien: 

Spellbound

The night is darkening round me,
The wild winds coldly blow;
But a tyrant spell has bound me
And I cannot, cannot go.

The giant trees are bending
Their bare boughs weighed with snow.
And the storm is fast descending,
And yet I cannot go.

Clouds beyond clouds above me,
Wastes beyond wastes below;
But nothing drear can move me;
I will not, cannot go.


Auf der Seite des Signaturen Magazins habe ich eine anonyme Übersetzung gefunden. Der Titel Spellbound ist nicht übersetzt, weil er auch nicht zu dem Gedicht gehört. Ein späterer Herausgeber hatte den hinzugefügt.

Das Dunkel hält mich umwunden,
die kalten Winde wehn,
doch ein Bann hat mich gebunden,
und ich kann nicht, kann nicht gehn.

Die riesigen Bäume neigen
die Zweige, den Schnee zu bestehn,
der Sturm kommt rasch zum Schweigen,
und doch, ich kann nicht gehn.

Wolken da oben und Regen,
Wüsten, nicht abzusehn,
Dürre – nichts kann mich bewegen;
ich will nicht, kann nicht gehn. 


Auf der Seite sind auch Drei Gedichte von Emily mit Übersetzung. Und all ihre Gedichte sind hier.. Und dann habe ich noch ein Gedicht, das mit Emily Brontë und Wuthering Heights zu tun hat.

Out on the wily, windy moors
We'd roll and fall in green
You had a temper like my jealousy
Too hot, too greedy
How could you leave me
When I needed to possess you?
I hated you, I loved you, too
Bad dreams in the night
They told me I was going to lose the fight
Leave behind my Wuthering, Wuthering
Wuthering Heights
Heathcliff, it's me, I'm Cathy
I've come home, I'm so cold
Let me in your window
Heathcliff, it's me, I'm Cathy
I've come home, I'm so cold
Let me in your window
Ooh, it gets dark, it gets lonely
On the other side from you
I pine a lot, I find the lot
Falls through without you
I'm coming back love, cruel Heathcliff
My one dream, my only master
Too long I roam in the night
I'm coming back to his side to put it right
I'm coming home to wuthering, wuthering
Wuthering Heights
Heathcliff, it's me, I'm Cathy
I've come home, I'm so cold
Let me in your window
Heathcliff, it's me, I'm Cathy
I've come home, I'm so cold
Let me in your window
Ooh, let me have it
Let me grab your soul away
Ooh, let me have it
Let me grab your soul away
You know it's me, Cathy
Heathcliff, it's me, I'm Cathy
I've come home, I'm so cold
Let me in your window
Heathcliff, it's me, I'm Cathy
I've come home, I'm so cold
Let me in your window
Heathcliff, it's me, I'm Cathy
I've come home, I'm so cold

Die Dichterin singt es hier selbst.

Noch mehr Brontë in diesem Blog in den Posts: Sturmeshöhe, Wuthering Heights, muss nicht sein, Darling Jane, die vergessene Oper, Ermenegildo Zegna

Montag, 20. April 2026

Weed Day


Ich habe nicht gewusst, dass heute der internationale Kiffertag ist, aber als ich das las, suchte ich erstmal einen kleinen Zettel. Den hatte mir vor Jahrzehnten unser amerikanischer Lektor Jack Daugherty, ein Mann mit viel Humor, am 20. April zugesteckt. Es standen nur zwei Zeilen drauf. Inzwischen weiß ich, dass diese Zeilen ein Gedichttitel und ein Gedicht sind. Und einen Dichter haben. Und das war nicht Jack, wie ich damals dachte. 

Das Gedicht hat den Titel Poem for National LSD Week, und es besteht aus einer einzigen Zeile:

Mind, how you go!

Der kleine Witz des Gedichtes liegt in dem Komma hinter dem Mind. Ohne Komma wäre es ein banaler Satz auf einem Hinweisschild, das zur Vorsicht mahnt. Der Autor des Gedichts ist Roger McGough, ein Mann, der für Wortspiele viel übrig hat. Ich habe ihn einmal bei einer Dichterlesung erlebt, er trug einen cremefarbenen Leinenanzug und las die Klassiker, mit denen er berühmt geworden war. Wie Let me die a youngman's death. Nach der Lesung habe ich ihn gefragt, ob er mir meinen alten Penguin Band von The Mersey Sound signieren könnte, ich sei ein Fan der ersten Stunde. Was er denn auch mit einem Lächeln getan hat.

Noch mehr Roger Mc Gough in den Posts: Kathedralen, Liverpool, Pilzköpfe
Noch mehr Rauschmittel in: Go ask Alice

Sonntag, 19. April 2026

Mad, bad, and dangerous to know


Es ist Sonntagmorgen, und ich habe keine Lust zu schreiben. Aber ich kann den Todestag von Lord Byron nicht ohne einen kleinen Post vorbeigehen lassen. Und deshalb gibt es heute zu unserem Baron, den Lady Caroline Lamb Mad, bad, and dangerous to know nannte, nur sein berühmtestes Gedicht She Walks in Beauty und drei Übersetzungen. Und Links zu allen Byron Posts im Blog. Mehr nicht. Kann auch mal sein.

She Walks in Beauty 


She walks in beauty, like the night 

Of cloudless climes and starry skies, 

And all that's best of dark and bright 

Meets in her aspect and her eyes; 

Thus mellow'd to that tender light 

Which Heaven to gaudy day denies.



One shade the more, one ray the less, 

Had half impair'd the nameless grace 

Which waves in every raven tress

Or softly lightens o'er her face, 

Where thoughts serenely sweet express 

How pure, how dear their dwelling-place. 



And on that cheek and o'er that brow 

So soft, so calm, yet eloquent,

The smiles that win, the tints that glow,

But tell of days in goodness spent,
A mind at peace with all below,
A heart whose love is innocent.


Die erste Übersetzung ist von Adolf Böttger, den man einmal den vergessenen Poeten der Romantik genannt hat. Er hat den ganzen Byron ins Deutsche übersetzte, und Byron hat auch seine eigenen Gedichte beeinflusst:

Sie geht in Schönheit, gleich der Nacht
In wolkenlosem Sternenlicht;
Des Schattens und des Lichtes Pracht
Eint sich in ihrem Angesicht;
Aus dem ein milder Schimmer lacht,
Der stets dem grellen Tag gebricht.

Ein Strahl hinweg, ein Schatten mehr,
Und fort würd’ auch die Anmut sein,
Die aus dem Rabenlockenmeer
Die Stirn umglänzt mit sanftem Schein,
Wo die Gedanken süß und hehr
Verkünden, dass ihr Wohnsitz rein.

Und auf der Stirn, dem Wangenpaar,
Spricht von dem reinsten Jugendmut
So sanft beredt, so ruhig klar
Des Lächelns Reiz, der Farben Glut,
Von einem Herzen wunderbar,
Wo Liebe voller Unschuld ruht
.

Das Rabenlockenmeer gefällt mir ganz besonders. Das ist besser als der Flechten Rabenton in der →Übersetzung von dem württembergischen Oberst Adolf Seubert. Den ich aber unbedingt nennen muss, weil er der erste Übersetzer von Carl Jonas Love Almqvist war, der hier schon in den Posts Giuseppe Verdi und Sexuelle Revolution vorkommt. 

Die zweite Übersetzung ist von dem Bremer Otto Gildemeister. Der mehrfache Bürgermeister seiner Heimatstadt ist wohl der gebildetste Bremer im 19. Jahrhundert gewesen. Er ist in diesem Blog schon häufig erwähnt worden, irgendwann komme ich noch mal dazu, einen längeren Post über ihn zu schreiben. Schon als Schüler hatte er damit begonnen, sich an Übersetzungen zu versuchen. Am Ende seines Lebens hatte er Shakespeares Sonette, Ariosts Der rasende Roland und Dantes Göttliche Komödie übersetzt. Und dazu noch Lord Byrons Werke in sechs Bänden. Und dann gibt es auch noch diese wunderbaren Essays von ihm, von denen der Rütten und Loening Verlag 1991 eine Auswahl unter dem Titel Allerhand Nörgeleien herausgebracht hatte. Die Essays sind aber auch im Projekt Gutenberg zu lesen.

In ihrer Schönheit wandelt sie
Wie wolkenlose Sternenacht;
Vermählt auf ihrem Antlitz sieh'
Des Dunkels Reiz, des Lichtes Pracht:
Der Dämmerung zarte Harmonie,
Die hinstirbt, wann der Tag erwacht.

Ein Schatten mehr, Licht minder klar,
So wär' die tiefe Anmuth nicht,
Die niederwallt im Rabenhaar
Und sanft verklärt ihr Angesicht,
Aus welchem hold und wunderbar
Die reine liebe Seele spricht.

O diese Wang', o diese Brau'n,
Wie sanft und still und doch beredt,
Was wir in ihrem Lächeln schau'n!
Ein frommes Wirken früh und spät;
Ein Herz voll Frieden und Vertraun,
Und Lieb', unschuldig, wie Gebet

Meine letzte Übersetzung ist neueren Datums. Der Übersetzer Bertram Kottmann, der in diesem Blog schon einige Male genannt wurde, vor allem, weil ihm die beste Übersetzung von Wordsworths →Daffodils gelungen ist, hat mir freundlicherweise erlaubt, seine Übersetzung hier abzudrucken:

In Schönheit geht sie wie die Nacht,
die wolkenlos und sternbesät;
des Dunkels Glanz, der Helle Pracht
in ihrem Blick und Antlitz steht
und so ein mildes Licht entfacht,
das Himmel grellem Tag verwehrt.

Mehr Schatten, ein gering´res Licht -
getrübet würd' der Liebreiz sein,
der aus den schwarzen Locken spricht,
die Stirn umglänzt in mildem Schein;
und ihr beseelter Blick verspricht,
dass er dort wohne, schön und rein.

Auf ihrer Stirn, der Wangen Paar
spricht mild und still und doch beredt
ein strahlend Lächeln, das fürwahr
für ihre reine Seele steht,
ein Herz aus dem unwandelbar
der Liebe holde Unschuld weht
.

Wenn Sie den Übersetzer Bertram Kottmann kennenlernen wollen, dann kann ich seine →Seite sehr empfehlen, eine Schatztruhe der Übersetzung. Die Oxford University Press hatte zum zweihundertsten Todestag von Byron The Oxford Handbook of Lord Byron herausgebracht. Das habe ich mir nicht gekauft. Ich vertraue immer auf die →Letters and Journals of Lord Byron: With Notices of His Life, die Thomas Moore 1830 herausbrachte. Ich habe noch eine Erstausgabe des Buches. Von den vielen Romanen, die es über Byron gibt, kann ich Derek Marlowes A single summer with L. B. und Sigrid Combüchens Byron umbedingt empfehlen. 

Und noch mehr Byron findet sich in den Posts: Lord Byrons Schuhe, Shelley, Byron, Lord Byron, Lord Byrons Schuhe, Lord Byron, Drachenfels, Elba, Luxuskutschen, Hellas, hélas, Griechen, Wilhelm Müller, Griechen-Müller, Volkslieder, Thomas Moore, Dante Gabriel Rossetti, Dracula, Touristen, Vulkane, Cricket, William Hazlitt, Lord John Russell, Frederic Raphael, Henry Kirk White, Rahel, Horace Walpole, Thomas Chatterton, Schmutzige Lyrik, Papierkragen, Landleben, Sigrid Combüchen, Waterloo, Lord Byron, Nachdichtung, das Jahr ohne Sommer, The Vampyre

Samstag, 18. April 2026

Es ist was es ist


Esther Schweins hat heute Geburtstag, da möchte ich gratulieren. Ich sah sie zum ersten Mal in den neunziger Jahren in der RTL Comedy Samstag Nacht, und da war sie wirklich komisch. Sie ist beim Fernsehen geblieben und berühmt geworden, →Schauspielerin, Moderatorin und Regisseurin. Gedichte hat sie keine geschrieben, aber sie hat doch etwas mit Lyrik zu tun. Sie mag die Gedichte von Erich Fried und trägt sie öffentlich vor, auf der →Buchmesse und bei Kulturveranstaltungen. Auf dem Hörbuch →wieder/und immer wieder/wieder du kann man sie auch hören. Ich habe hier auf YouTube Erich Frieds Gedicht Das Schwere von ihr gelesen. Und ich habe natürlich auch den Text:

Die Landschaft sehen
und die Landschaft hören
und nicht nur hören und sehen
die eigenen Gedanken
die kommen und gehen
beim Denken an die Landschaft
an die Landschaft ohne dich
oder an dich in der Landschaft

Vögel die steigen
hinauf in den Morgenhimmel
sind keine Raumschiffe
keine singenden Skalpelle
Nicht einmal Kinderdrachen sind sie
denn die gehören
nur dann zur Landschaft
wenn wirkliche Kinder
wirkliche Drachen steigen lassen im Wind

Und das Grau
unter den Bäumen
an einem verregneten Mittag
ist keine Höhle
für lauernde Meerungeheuer
sondern es ist nur das Grau unter den Bäumen
die vielleicht Unterschlupf sein können
vor dem Regen

Und auch die Sonne hat
keine rotblonden Haare
und der Mond hat auch ohne dich
keinen wehenden weißen Bart
Und der Abend ist der Abend
und die Nacht ist die Nacht
und Spätherbst ist immer die Zeit
zwischen Ernte und Sterben

Mein Lieblingsgedicht von Fried hat etwas mit meinem Heimatort zu tun, es heißt Rückfahrt nach Bremen. Es stand 1983 in dem bei Wagenbach erschienenen Band Es ist was es ist, der den Untertitel Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte hatte. Das titelgebende →Gedicht ist sehr berühmt geworden. Frieds Ehefrau Catherine schrieb in ihren →ErinnerungenSeine Gedichte standen auf Transparenten, auf Plakaten, an Brücken. Einmal sahen wir sein ungeheuer populäres Gedicht 'Es ist was es ist', Vers um Vers sorgfältig abgeschrieben, auf der Mauer einer Unterführung. 'Manchmal wünschte ich, ich hätte das Ding nie geschrieben', seufzte Erich. Das kleine Liebesgedicht Rückfahrt nach Bremen ist nicht so bekannt geworden, für mich allerdings schon. Als ich meine Autobiographie Bremensien schrieb, stand es in meinem Manuskript auf der ersten Seite: 

Spätherbst
der erste Schnee
die Nachtstraßen
eisglatt
aber zu dir hin

Dann im Morgengrauen
die Bahn
monoton
ermüdend
aber zu dir hin

Quer durch dein Land
und quer
durch mein Leben
aber zu dir hin

Zu deiner Stimme
zu deinem Dasein
zu deinem Dusein
zu dir hin


Ich habe das Gedicht damals in einen Brief hinein geschrieben, den ich einer geliebten Frau nach Bremen schickte. Sie hatte zuerst geglaubt, ich hätte das für sie gedichtet, aber ich habe ihr dann doch gesagt, dass es von Erich Fried sei. Es hat unserer Beziehung nicht geschadet. Ein schönes Liebesgedicht von Erich Fried an der richtigen Stelle hat schon vielen Liebenden geholfen.

Erich Fried und Bremen haben bei mir aber noch eine ganz andere Konnotation, die ich seit 1977 nicht loswerde. Weil sich damals mein Mitschüler Bernd Neumann in seinem Hass auf den jüdischen Emigranten, der die Shoah überlebte, zu der Forderung nach einer neuen Bücherverbrennung hat hinreißen lassen. Ja, so etwas würde ich lieber verbrannt sehen, das will ich Ihnen ganz eindeutig sagen! hat der damalige Bremer CDU-Vorsitzende über Frieds Gedicht →Die Anfrage in der Bremischen Bürgerschaft gesagt. Ein schwedischer Literaturkritiker hat beim Bergedorfer Gesprächskreis der Körber Stiftung 1978 bemerkt: In einem Land mit einer starken demokratischen Tradition müsste ein Mann wie Herr Neumann nach einer solchen Aussage moralisch tot sein. Er sollte als ein viel gefährlicherer Förderer des Terrorismus angesehen werden, als alle seine intellektuellen Gegner. Ich würde das ja sofort unterschreiben, aber wie wir alle wissen, wurde Neumann 2005 →Staatsminister für Kultur. Als ihn Journalisten mit dieser Geschichte konfrontieren, war der Satz von damals für ihn aus dem Zusammenhang gerissen. Wir tun uns in Deutschland schwer mit unserer Geschichte.

Als er Staatsminister für Kultur wurde, schickte ihm →Dietrich Kittner eine Schachtel Streichhölzer, damit er jetzt mit dem Verbrennen beginnen könne. Und Konkret schrieb: Neumann sei sein Leben lang durch keinen einzigen eigenen Gedanken aufgefallen. Ich glaube, das ist wahr. Ich bin mal nach dem Schlittschuhlaufen eine Dreiviertelstunde mit ihm zusammen nach Hause marschiert, weil wir nicht genug Geld für den Bus dabei hatten. Wenn man achtzehn ist und lange mit einem Bekannten die Straßen entlang geht, dann redet man miteinander. Über Bücher, Filme und Frauen. Hier war eine Dreiviertelstunde nichts, gar nichts. Manchmal möchte ich diese Erinnerung in meinem Gedächtnis auslöschen. Oder, und das wäre schön, gegen eine Dreiviertelstunde Spaziergang mit Erich Fried tauschen.

Freitag, 17. April 2026

Heckenkirsche


Besuch beim Anti-Trump titelte die Süddeutsche im Januar dieses Jahres. Und schrieb: Nach einer finsteren Woche hilft ein Blick zurück in die US-Geschichte: Benjamin Franklin liebte die Pressefreiheit, Wissenschaft und Literatur. Was ist heute noch übrig vom Geist des Gründervaters? Ja, das ist die Frage, größere Gegensätze als den Diplomaten Franklin und den Barbaren im Weißen Haus gibt es wohl kaum. Auf dem Hundertdollarschein, auf dem Franklin noch prangt, möchte Donald Trump gerne sein Gesicht sehen. Ich wollte an Franklins Todestag das Gedicht, das Philip Freneau nach Franklins Tod schrieb, hier einstellen. Schaute aber sicherheitshalber noch einmal in die Suchfunktion des Blogs. Und da war es schon, am 17. April 2011 stand hier schon der Post Benjamin Franklin.

Der Princeton Absolvent Philip Freneau war der Dichter der amerikanischen Revolution. Seine wilde Attacke auf den englischen König stand hier schon in meinem ersten Bloggerjahr in dem Post Philip Freneau. Und Freneau wird noch in den Posts Verlierer und Conegocheague erwähnt. Neben seiner politischen Lyrik gibt es auch andere Gedichte, zwei von ihnen sind in jede Anthologie amerikanischer Lyrik gewandert. Das eine ist →The Indian Burying Ground, das schon in dem Post Edle Wilde etwähnt wird. Das andere ist The Wild Honey Suckle:

Fair flower, that dost so comely grow,
Hid in this silent, dull retreat,
Untouched thy honied blossoms blow,
Unseen thy little branches greet;
…No roving foot shall crush thee here,
…No busy hand provoke a tear.

By Nature's self in white arrayed,
She bade thee shun the vulgar eye,
And planted here the gaurdian shade,
And sent soft waters murmuring by;
…Thus quietly thy summer goes,
…Thy days declinging to repose.

Smit with those charms, that must decay,
I grieve to see your future doom;
They died—nor were those flowers more gay,
The flowers that did in Eden bloom;
…Unpitying frosts, and Autumn's power
…Shall leave no vestige of this flower.

From morning suns and evenign dews
At first thy little being came:
If nothing once, you nothing lose,
For when you die you are the same;
…The space between, is but an hour,
…The frail duration of a flower.


Es ist keine Rose, Tulpe oder Narzisse, deren Schönheit und Vergänglichkeit die Aufmerksamkeit des Dichters auf sich zieht. Keine Blume, die Dichter sonst in ihre Gedichte schreiben. Es ist eine Heckenkirsche, die bei uns manchmal auch Jelängerjelieber heißt. Die hervorragende Seite RDL Labor, die Online Plattform zur kunsthistorischen Objektforschung (entstanden aus dem Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte), hat uns zum Vorkommen der Pflanze in Kunst und Literatur vieles zu sagen. Unter anderem den Satz: Philip Freneau schrieb 1786 mit 'The Wild Honeysuckle das bedeutendste amerikanische Naturgedicht des 18. Jh.'. Zwischen Barock, Vorromantik und Romantik liegt die Zeit des Klassizismus und der Aufklärung. Eine Zeit, die in der →Architektur interessant ist, in der Lyrik weniger. Das Standardwerk zu dieser Zeit, die Geschichte der deutschen Literatur 1740-1789: Aufklärung, Sturm und Drang, frühe Klassik, habe ich schon in dem Post Literaturgeschichte erwähnt. Aber es gibt immer Dichter, die etwas aus der Zeit fallen. Das ist bei uns in Deutschland Ewald Christian von Kleist, und das ist in Amerika Philip Freneau mit diesem Blumengedicht, das die Literaturwissenschaft heute als eins der ersten Beispiele amerikanischer Naturlyrik und als Vorläufer der Romantik betrachtet.