Donnerstag, 9. April 2026

Die Welt ist allezeit schön


Den Dichter Paul Georg Krüsike, der am 9. April 1723 in Hamburg starb, können wir uns schenken. Er soll ein überaus gewandter Versificator in lateinischer und griechischer Sprache, dessen Stärke freilich vornehmlich im leichten Beherrschen der Form beruhte, gewesen sein. Man hat ihm Professuren angeboten, aber er schlägt sich als Hofmeister durch. Das tun Friedrich Hölderlin und sein Freund Boehlendorff auch. Erfolgreich sind sie nicht. Hölderlin wandert zu seinem neuen Arbeitsplatz Bordeaux durch ganz Frankreich, wird aber nur kurz dort bleiben. Boehlendorff irrlichtert durch das Baltikum, schnorrt sich von einem Adelssitz zum anderen, bis er zur Pistole greift. Krüsike bekommt im Alter von achtunddreißig Jahren eine feste Anstellung an der berühmten Hamburger Gelehrtenschule Johanneum, steigt 1683 zum Subconrector auf und wird 1699 Conrector. Steht alles so im Wiki Artikel. Aber was da nicht steht, ist der Name seines berühmtesten Schülers. Das könnte man in einem Lexikonartikel erwähnen, das sollte man in einem Lexikonartikel erwähnen. 

Als ich den Post ein Traum der Zeit über die Barocklyrik geschrieben hatte, fragte mich ein Freund, warum ich Barthold Heinrich Brockes nicht erwähnt hätte. Gut, der stand nicht im Text, aber er war doch da. Wenn auch etwas verborgen. Wenn Sie die Links Poetry trumps Trump, porentief rein und Frühlingsanfang unten in dem Post anklicken, dann ist da ganz viel Brockes. Der Hamburger Kaufmannssohn, den seine Zeitgenossen als Fürst der Dichter bezeichneten, ist am Hamburger Johanneum ein Schüler von Krüsike gewesen. Er hat er in seiner Selbstbiographie gesagt, dass er seinem Lehrer, dem er in secunda Classe zur Information übergeben worden sei, vielen Dank schuldig sei.

Das heutige Gedicht Die Welt ist allezeit schön (bei YouTube gelesen von Matthias Habich) ist 1727 im zweiten Band seiner neunbändigen Gedichtsammlung Irdisches Vergnügen in Gott erschienen. Die Verherrlichung der Natur, die für ihn Gottes Natur ist, ist für Brockes (der auch Thomsons The Seasons übersetzt hat) eine Herzensangelegenheit. Die Schönheit der Natur ist für ihn der Beweis, dass es Gott gibt. Heute, da Donald Trump die Welt beherrscht, würde wohl kein Dichter mehr sagen, dass die Welt allezeit schön ist. Brockes' Naturtheologie ist nicht mehr en vogue.

Die Welt ist allezeit schön  

Im Frühling prangt die schöne Welt
In einem fast smaragdnen Schein.

Im Sommer glänzt das reife Feld
Und scheint dem Golde gleich zu sein.

Im Herbste sieht man, als Opalen,
Der Bäume bunte Blätter strahlen.

Im Winter schmückt ein Schein, wie Diamant
Und reines Silber, Flut und Land.

Ja kurz, wenn wir die Welt aufmerksam sehn,
Ist sie zu allen Zeiten schön.



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