Dienstag, 7. April 2026

Ein Gedicht schreiben ohne Ballast

Wenn ich nicht die Rezension von dem Buch Rainer Brambach – Ich wiege 80 Kilo und das Leben ist mächtig gelesen hätte, dann hätte ich gar nicht gewusst, wer Rainer Brambach ist. In dem einzigen Vortrag, den er gehalten hat, hat er sich 1962 vorgestellt: Ich bin im Jahr 1917 in Basel geboren, besuchte während acht Jahren die Primar- und Sekundarschule und wurde – außer im Singen und Turnen – mit einem miserablen Zeugnis versehen zum staatlichen besoldeten Berufsberater geschickt, der mich und meinen Ausweis stirnrunzelnd betrachtete und nach wenigen Minuten herausfand, dass eine Flachmalerlehre das einzig richtige für mich sei. Er wird Malergeselle werden und in Stuttgart bei Daimler Benz Autos lackieren. Er hat noch keinen Schweizer Pass, und so wird er 1939 zur Wehrmacht eingezogen. Er desertiert mehrfach, kommt wieder in die Schweiz, aber kommt da ins Gefängnis und das Internierungslager Lindenhof–Witzwil. Dort liest er sich durch Büchner, Cervantes, Céline, Hemingway und François Villon und fängt nach dem Krieg an zu schreiben.

Ich schreibe keine Geschäftsbriefe,

ich beharre nicht auf dem Termin
und bitte nicht um Aufschub.
Ich schreibe Gedichte.

Ich schreibe Gedichte auf Rummelplätzen,
in Museen, Kasernen und Zoologischen Gärten.
Ich schreibe überall,
wo Menschen und Tiere sich ähnlich werden.

Viele Gedichte habe ich den Bäumen gewidmet.
Sie wuchsen darob in den Himmel.
Soll einer kommen und sagen,
diese Bäume seien nicht in den Himmel gewachsen.

Dem Tod keine Zeile bisher.
Ich wiege achtzig Kilo, und das Leben ist mächtig.
Zu einer anderen Zeit wird er kommen und fragen,
wie es sei mit uns beiden.

Er wird dem Tod doch noch einige Zeilen widmen. In Paul, seinem bekanntesten Gedicht, spielt der Tod die Hauptrolle:

Neunzehnhundertsiebzehn
an einem Tag unter Null geboren,

rannte er wild über den Kinderspielplatz,
fiel, und rannte weiter

den Ball werfend über den Schulhof,
fiel, und rannte weiter

das Gewehr im Arm über das Übungsgelände,
fiel, und rannte weiter

an einem Tag unter Null
in ein russisches Sperrfeuer

und fiel
.

Ein ganzes Leben in elf Versen, man vergisst dieses Gedicht, das er seinem Freund Jürg Federspiel gewidmet hat, nicht so schnell. Kurz nach Brambachs Tod 1983 (er hatte beim Ausflug einen Herzinfarkt und fiel tot vom Fahrrad) erschien sein Gedichtband Auch im April. Die vierzig Gedichte sind den Jahreszeiten gewidmet, über den Frühling können wir lesen:

das blaue Band, wie Mörike es sah,
flatternd in den Lüften, wo?
Ich sehe einen Kondensstreifen
quer über den Himmel gezogen –
aber die Amsel ist abends immer da
auf dem First gegenüber singt sie ihr Lied
unsäglich –


Und bei den Herbstgedichten findet sich auch dieses Gedicht, das eine kleine Poetik enthält:

Ein Gedicht schreiben
ohne Ballast
zum Beispiel Spätherbst
leeres Schneckenhaus Spinnweben
lautlos Fallendes
im Geflüster der Bäume
.

Nach der Zeit im Gefängnis und im Internierungslager hat Brambach einen Arbeitsplatz beim Gartenarchitekten Helmut Vivell gefunden, er bleibt da für vier Jahre, die Arbeit gefällt ihm. Kritiker werden ihn später als Gärtner-Dichter bezeichnen. Die Natur wird eine große Rolle in seiner Lyrik spielen: Ich war ein Gartenbauarbeiter, ich habe Bleibendes geschaffen. Mein letztes Gedicht heute, mit dem Titel Poesie, ist das erste Gedicht, das ich vor Jahren von Brambach las. Auf dem Rückweg von einem Spaziergang sah er im Basler Sankt Margarethenpark hinter einem Baum einen Schatten. Meine Phantasie gab mir ein, dass Edgar Allan Poe hinter dem Baum steht. Daraus ergab sich das Gedicht 'Poesie'. Jetzt wissen wir, wie Gedichte entstehen:

Außer Poesie und mir
war niemand im Park.
Nur jemand wie Poe
zeigt sich in der Dämmerung
unter alten Ulmen.
Ich habe Poe gesehn.
Unter den Ulmen stand er
im nassen Laub, allein
und verregnet.
Ich sah Poe.
Er trug den Mantel
mit dem Samtbesatz
und sah düster nach – ich weiß nicht.
Pfeif dir was, Brambach! Versuch
eine Melodie,
denk dir einen Vogel,
laß ihn fliegen… wahrhaftig,
ich habe Poe gesehn
und wie er allmählich eins wurde
mit den Ulmen im Regen.

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