Der englische Dichter und Kulturkritiker Matthew Arnold, der am 15. April 1888 starb, war schon einige Male in diesem Blog. Es gibt schon einen Post Matthew Arnold, den Post Elegie, und sein berühmtestes Gedicht Dover Beach findet sich in dem Post Unsere Marine. Alle Posts wurden an einem 15. April geschrieben. Die schöne deutsche Übersetzung von Dover Beach von Walter A. Aue, auf die ich damals hinwies, ist leider verschwunden, findet sich aber an anderer →Stelle wieder. Heute habe ich zum vierten Mal ein Gedicht von Arnold an seinem Todestag. Das Sonett heißt West London, es findet sich in seinen New Poems von 1867.
West London
A tramp I saw, ill, moody, and tongue-tied;
A babe was in her arms, and at her side
A girl; their clothes were rags, their feet were bare.
Some labouring men, whose work lay somewhere there,
Pass'd opposite; she touch'd her girl, who hied
Across, and begg'd and came back satisfied.
The rich she had let pass with frozen stare.
Thought I: Above her state this spirit towers;
Across, and begg'd and came back satisfied.
The rich she had let pass with frozen stare.
Thought I: Above her state this spirit towers;
She will not ask of aliens, but of friends,
Of sharers in a common human fate.
She turns from that cold succour, which attends
The unknown little from the unknowing great,
Of sharers in a common human fate.
She turns from that cold succour, which attends
The unknown little from the unknowing great,
And points us to a better time than ours.
Dieses Photo von John Thomson hat Arnold nicht gekannt, als er sein Gedicht schrieb. Es erschien erst zehn Jahre später in einer Monatsschrift mit dem Titel →Street Life in London, für die Adolphe Smith Headingley die Texte schrieb. Es war nicht die erste Sozialreportage. Headingley weist darauf hin, dass es schon das Buch →London Labour and the London Poor von →Henry Mayhew gegeben hat. Beide Publikationen erscheinen ein Jahrzehnt früher als das berühmte →How the Other Half Lives von dem amerikanischen Photographen und Sozialreformer Jacob Riis (hier die →Photos). The problem of our age is the proper administration of wealth, so that the ties of brotherhood may still bind together the rich and poor in harmonious relationship, hat Andrew Carnegie in einem Essay mit dem Titel The Gospel of Wealth gesagt. Die harmonious relationship gibt es in dem Gedicht von Arnold nur unter den Armen: She will not ask of aliens, but of friends, Of sharers in a common human fate.
Arnolds Gedicht heißt West End, und damit sind wir im feinen Teil von London. Das sind Ortsteile wie Chelsea, Knightsbridge (wo Harrod's sitzt) und Notting Hill, wo ✺Julia Roberts herumläuft. Aber vor der Gentrifizierung gab es da ein anderes Notting Hill, einen Ort der Rassentrennung und der Straßenkämpfe. Wir können aus dem Roman The French Lieutenant’s Woman von John Fowles entnehmen, dass das London der viktorianischen Zeit voller Prostituierten ist. Aber es ist auch voll von →Bettlern, auch im feinen West End. Die es vielleicht in a better time than ours nicht mehr geben wird. Vielleicht. Die Frau eines Schneidermeisters mit dem Kind auf dem Photo von 1877 bettelte, weil ihr Mann gestorben war und sie keine Arbeit fand. Heute wird noch im West End gebettelt, aber das ist zu einem kriminellen →Geschäft geworden.
Das Sonett von Arnold ist von dem amerikanischen Komponisten Charles Ives vertont worden. Ives wird hier schon in den Post Stars and Stripes Forever und strange music erwähnt. Das Lied ist von zahlreichen Sängern gesungen worden. Ich habe ✺West End, das sich auch auf der Hyperion CD →A song for everything findet, hier von Dietrich Fischer-Dieskau gesungen.



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