Freitag, 23. April 2010

Blankvers


Zum Tag des Buches, sagte der Buchhändler Wolfgang Erichsen und schenkte mir eine quietscherote Plastikuhr, auf deren Zifferblatt nur die Zahlen 23 und 4 zu sehen waren. Es ist heute nicht nur der Tag des Buches, weil an einem  23. April Shakespeare und Cervantes gestorben sind, es ist heute auch der Tag des internationalen Copyrights. Das wissen alle, die gerade einen neuen Wahrnehmungsvertrag bei der Verwertungsgesellschaft Wort (das ist die GEMA der Schreibenden) unterzeichnet haben. So ganz stimmt das mit dem gleichzeitigen Tod von Shakespeare und Cervantes nicht, sie sind zwar beide an einem 23. April gestorben, aber in Spanien und England gab es damals noch unterschiedliche Kalender. Heute ist auch der Georgstag, das ist der Heilige mit dem Drachen, dessen rotes Kreuz auch in der englischen Nationalflagge ist. Cry God for Harry, England, and Saint George heißt es in Shakespeares Henry V. Die Schlacht von Agincourt findet aber nicht am Georgstag statt, sondern am Tag des Heiligen Crispin, des Heiligen der Schuhmacher. Cry God for Harry, England, and Saint George hat das gleiche Versmaß wie To be or not to be that is the question. Shakespeare und die englischen Dichter und Dramatiker lieben dieses reimlose Versmaß. Man kann es statt blank verse auch jambischen Pentameter nennen oder fünffüßigen Jambus. Ist alles das gleiche. In Deutschland findet er sich seit Lessings Nathan der Weise im Drama, Schiller und Goethe haben ihn auch immer wieder gebraucht. In der deutschen Lyrik ist er nicht wirklich verbreitet, die englischen Dichter dagegen bevorzugen den reimlosen Blankvers. Weil man ihn mit einem enjambement so schön in die nächste Zeile hinüberziehen kann, das gibt dem Gedicht die Qualität der gesprochenen Sprache. Aber dennoch haben wir in der deutschen Literatur ein Langgedicht (130 Seiten lang) im Blankvers. Es hat den schönen Titel Auch ich in Arkadien und stammt von Wolf von Niebelschütz. Das ist der Schriftsteller, der dem Leser den immer geliebten, opulent langen Roman Der blaue Kammerherr beschert hat. Auch ich in Arkadien ist der Bericht über eine Italienreise zur Tiepolo Ausstellung im Jahre, die Niebelschütz im Jahre 1951 mit seiner Frau gemacht hat. Das Buch hat aber lange gebraucht, bis es das Licht der Welt erblickt hat. Erst 1987 wurde es im Haffmanns Verlag veröffentlicht, da war Wolf von Niebelschütz schon lange tot.

Auch ich in Arkadien, das klingt nach Goethes Italienischer Reise oder Eichendorffs Auch ich war in Arkadien, nach dieser deutschen Italiensehnsucht von Klassik und Romantik. Die später in der Adenauerzeit zu einem Massentourismus wird. Aber heißt diese Eindeutschung von Et in Arcadia ego wirklich das, was wir glauben? Im Jahre 1769 zeigt Sir Joshua Reynold seinem Freund Dr. Johnson ein gerade gemaltes Bild zweier Damen der Gesellschaft, die in der Pose der tragischen Musen vor einem Grabstein mit der Aufschrift Et in Arcadia ego meditieren. "What can this mean?" exclaimed Dr Johnson. "It seems very nonsensical - I am in Arcadia." "The King could have told you," replied Sir Joshua. "He saw it yesterday and said at once: "Oh, there is a tombstone in the background: Ay, ay, death is even in Arcadia." George III (den wir aus The Madness of King George kennen) ist ein besserer Lateiner als der ewige Besserwisser Dr Johnson. Alle klassischen Philologen sind sich daran einig, dass dieses Et in Arcadia ego den Tod bedeutet. Die Bedeutung von Auch ich war in Arkadien geboren, wie Schiller dichtet, bekommt der Satz erst viel später.

Aber bei Wolf von Niebelschütz da heißt es schon, dass er auf den Spuren der deutschen Dichter in Italien ist, und das immer im Blankvers:

In Como anzukommen, ist ein Traum -
Des Bahnhofs wegen: ach, welch süßer Bahnhof!
Welches süßes modernistisches Gebilde!
Flach apfelsinengelb dahingelagert,
Die sonnverglühten Ziegel weißgefugt,
Chromblinkende Metall-Applikationen,
Ein Zauberspiel aus Mauerwerk und Glas,
Majolika, Glyzinien, buntem Kiese;
Darunter tief das Königsblau des Sees;
Im nahen Hintergrund, in Weiß und Ocker
Mit Hunderten von Villen übertupft,
Mit nacktem Felsenaufbruch übersprenkelt,
Das satte Grün des Bergwalds von Brunate;
Und oben, fleckenlos aquarelliert,
Ultramarin in Idealverdünnung. 
Sehr schwer zu malen, unwahrscheinlich leuchtend:
Akardiens Himmel - den beschreib ich nicht.

Lesen Sie es mal laut, der Blankvers verfehlt nie seine Wirkung. Ob der Dichter nun die Bilder von Tiepolo oder den Kauf von Essigsaurer Tonerde in der Apotheke für den verstauchten Fuß beschreibt, es wird alles im Blankvers gedichtet, beinahe zehntausend Verse lang. Und es klingt bei ihm, wie das natürlichste Versmaß der Welt. Was hatte sich Johann Heinrich Voß in Eutin nicht angestrengt, um die antiken Versmaße ins Deutsche zu übertragen! Wenn man mal für einen Augenblick seine Beschreibung des Plöner Sees aus seiner ländlichen Idylle Luise gegen Niebelschütz' Como hält:

Stehn wir ein wenig still? Mir klopfet
   das Herz! Wie erfrischend
Über den See die Kühlung heraufweht! Und 
   wie die Gegend
Ringsum lacht! Da hinab langstreifige, dun-
   kel und hellgrün
Wallende Korngefilde, mit farbigen Blumen
   gesprenkelt!
O des Gewühls, wie der Rocken mit grün-
   lichem Dampfe daherwogt!
Dort in fruchtbaren Bäumen das Dorf, so
   freundlich gelagert
Um den geschlängelten Bach, und der Thurm
   mit blinkendem Seiger!
Oben das Schloß hellweiß in Kastanien!
   Vorn auf der Wies' hin
Röthliche Küh'; und der Storch, wie ver-
   traut er dazwischen einhertritt!

Obgleich mir röthliche Küh' gefällt, aber zum Weiterlesen lädt das nicht gerade ein. Der Hexameter mag ja für Vergils Aeneis gerade recht sein, aber für die Beschreibung der Landschaft Ostholstein wirkt er ein wenig fremd. Nein, der Blankvers ist schon ein sehr belastbares und anpassungsfähiges Versmaß. Alle englischen Dichter seit Milton wissen, warum sie den genommen haben. Niebelschütz' Auch ich in Arkadien ist heute leider so gut wie vergriffen, es gibt noch fünf Exemplare bei Amazon und zwölf im ZVAB (während es vom Blauen Kammernherrn und den Kindern der Finsternis noch ein großes Angebot gibt). Leider ist ja der wagemutige Gerd Haffmanns Verlag seit einigen Jahren Pleite, aber in einer Kooperation mit Zweitausendeins gibt Haffmanns da eine eigene Reihe heraus. Wie wäre es mal wieder mit einer Neuauflage dieser bezaubernden Dichtung?

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