Mittwoch, 14. April 2010

Grande Opéra


... denn wenn man stirbt, ist es am Schönsten, wenn man sich dann soweit isoliert fühlt, daß man keine Angst mehr vom Tod hat, was zu verlieren. Das ist aber nicht eine Art von Härte, die man entwickelt, sondern daß man ruhiger wird, glaub ich, auch wenns einem mitunter schlecht geht. Also wenn ich mir vorstell, daß ich sterben kann, das kann ja morgen sein, oder in einem halben Jahr oder auch in drei Minuten, "Wie man so weiß, wie's nun mal so ist, bedauerlich wie überall, ist jeder eigne Todesfall", laut Wilhelm Busch. Soviel Humor hatte Werner Schroeter denn doch noch, als er das in einem Interview mit Daniel Schmid sagte. Er sollte noch dreißig Jahre leben.

Seine Filme handelten beinahe nur vom Tod, untermalt von trauriger Musik, wenn wir von Caterina Valente in Eika Katappa mal absehen. Da spielte Gisela Trowe noch mit, die ist auch gerade gestorben. Sie ist 87 geworden, Werner Schroeter nur gerade mal 65. Er hat seltsame Filme gedreht, für die man bis in die Nacht aufbleiben musste, um sie im Fernsehen zu sehen. Die Lichtspieltheater zeigten so was gar nicht erst, und auch die studentischen Filmclubs zögerten. Die hatten sich schon zu oft finanziell die Finger an der neuen Filmkunst verbrannt. Denn nach einem finanziellen Desaster von Die Chronik der Anna Magdalena Bach, wo nicht einmal die Mensamiete eingespielt wurde, da überlegt man es sich 1968 im Filmclub schon, ob man nicht lieber einen Italowestern ins Programm nimmt als einen Werner Schroeter Film. Ich schimpfe ja gerne aufs Fernsehen, aber nachträglich gesehen bin ich dem ZDF dankbar, dass sie Schroeter von Anfang an unterstützt haben und seine Filme in ihrer Reihe Das kleine Fernsehspiel gezeigt haben.

Die ersten Filme, also die vor Der Tod der Maria Malibran, wirken manchmal seltsam unbeholfen. Als ob der Regisseur noch einmal die ganze Entwicklung des Stummfilms nachvollziehen müsse. Wenn er die Filmhochschule nicht nach wenigen Wochen verlassen hätte und wenn er eine solide handwerkliche Ausbildung gehabt hätte, dann wäre das anders gewesen. Aber der Soundtrack war von Anfang an toll. Alle seine Filme sind eigentlich nur Bilder zu Opernarien. Viel ➱Maria Callas, viel Verdi, Donizettis Lucia di Lammermoor, aber natürlich auch Isoldes Liebestod. Schroeter hat einmal den Film über die Sängerin Maria Malibran als sein Hauptwerk bezeichnet, Operndiven sind bei bei diesem Regisseur, der von der großen Oper besessen ist, gut aufgehoben.

Abfallprodukte der Liebe ist kein Spielfilm, sondern eine Dokumentation, eine Mischung zwischen Workshop und therapeutischer Sitzung, lauter Opernsängerinnen in großer Kulisse. Martha Mödl mit ihren 83 Jahren ist vielleicht am lebendigsten. Isabelle Huppert als Assistentin von Schroeter, in einer Art Michelle Hunziker Rolle im Gespräch mit großen Diven. Woher kommt die Magie der Stimme? Anita Cerquetti, die große Hoffnung der Oper, die irgendwann aufhörte zu singen (was ist eigentlich aus Huguette Tourangeau geworden?), singt hier nicht. Aber die Kamera ist auf ihrem Gesicht, wenn ihre Stimme im Playback ertönt. Eine Träne rinnt über ihr Gesicht. Das alles ist voyeuristisch und zugleich intim. Und häufig nicht ohne Humor, eigentlich untypisch für Schroeter.

Rainer Fassbinder hat Schroeters Werk einmal als eine Mischung von Lautréamont, Novalis und Céline bezeichnet, besser kann man es wohl nicht sagen.

Pace, pace, mio Dio, cruda sventura
m'astringe, ahimè a languir
come il di primo da tant'anni dura
profondo il mio soffrir.
L'amai, gli è ver!...ma di beltà e valore
cotanto iddio l'ornò che l'amo ancor,
né togliermi dal core l'immagin sua saprò
Fatalità!...fatalità!...un delitto disgiunti n'ha quaggiù!
Alvaro, io t'amo, e su nel cielo è scritto:
non ti vedrò mai piu!
Oh, Dio, Dio, fa ch'io muoia: ché la calma
può darmi morte sol.
Invan la pace qui sperò quest'alma
in predo a tanto duol.
Misero pane...a prolungarmi vieni
la sconsolata vita...Ma chi giunge?
chi profanare ardisce il sacro loco?
Maledizione!...Maledizione!

Der Regisseur Werner Schroeter ist am 12. April, wenige Tage nach seinem fünfundsechzigsten Geburtstag gestorben. Die Arie der Leonora aus La Forza del Destino sollte man sicher mit der Callas hören, aber bei mir liegt heute vormittag Anita Cerquetti im CD Player. Und wenn sie das singt, habe ich ihr Gesicht vor Augen, wie es sich in Schroeters Dokumentation plötzlich aufhellt und wie sie glücklich ihrer eigenen Stimme im Off lauscht.

Das Bild oben zeigt La Malibran, die erste Diva der Operngeschichte, in der Darstellung von François Bouchot.

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