Freitag, 9. April 2010

Fußballpoesie




Als Rudyard Kipling in seinem Gedicht The Islanders von den flannelled fools at the wicket or the muddied oafs at the goal schreibt, nimmt ihm das die Nation, die gerade die neuen Sportarten Cricket und Fußball verinnerlicht hat, ein bisschen übel. Aber richtig tolle Fußballgedichte von richtigen Dichtern gibt es auch nicht. Also auf einer literarisch etwas höheren Ebene als Was ist grün und stinkt nach Fisch? Wärdär Breeeeemen. So wirklich schöne Gesänge fallen den deutschen Fans (reimt sich auf Hooligans) auch nicht ein. Englischen Fans schon, die haben ein breites Repertoire von Liedern. Singen Vereinshymnen zur Melodie von Rule Britannia und Land of Hope and Glory, oder singen ganz ohne Hilfe von Gotthilf Fischer You'll never walk Alone.

Irgendwie scheinen die Musen der Dichtung wie Melpomene, Euterpe und Polyhymnia den Ball nicht so zu mögen. Die größten Dichter dieses Genres heißen Sportreporter, die ständig neue Bilder und Metaphern prägen, wenn Netzer aus der Tiefe des Raumes kommt und das runde ins Eckige muss, weil das Spiel, auch das Spiel ohne Ball, neunzig Minuten dauert. Leider sieht man manche dieser Wort- und Gedankenkünstler, wie den unvergessenen Heribert Faßbender, heute selten auf dem Bildschirm. Das einmal verliehene epitheton ornans blieb damals auch ewig mit dem Namen des Spielers verbunden, Eisenfuß Hoettges, Sense Ackerschott. Eilts, der Ostfriesen-Alemao. Libuda, der Flankengott vom Kohlenpott. Der Begriff Schwabenschwuchtel für Klinsmann ist Harald Schmidt gerichtlich verboten worden, es gibt offensichtlich Grenzen der Metaphorik. Die Bildlichkeit der Sportreporter erreicht der Fußballer selber nicht, obgleich aber manche seiner Sätze von elementarer Wucht sein können. Wie Lothar Emmerichs Gib mich die Kirsche! Oder Sätze, die von einem Titanen gesprochen wurden.

Am Anfang seiner Karriere schrieb ein junger deutscher Dichter Gedichte wie:

     Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968


                                     Wabra
                           Leupold      Popp
         Ludwig Müller   Wenauer   Blankenburg
   Starek   Strehl   Brungs   Heinz Müller    Volkert
                                Spielbeginn
                                   15 Uhr

Als er das damals in dem Audimax meiner Universität vorlas, merkte der Autor der Publikumsbeschimpfung, dass das Wort Publikumsbeschimpfung ein doppelte Bedeutung haben kann. Und was ist mit den Ersatzspielern? gellte es von den Rängen. Dies Gedicht, das am Anfang der Dichterlesung von Peter Handke stand, markierte auch seinen Untergang an diesem Abend. Der Gesellschaftsschreck schreckte die studentische 68er Gesellschaft nicht, das Publikum war mit seinen Zwischenrufen witziger als Handke. Er hat sich dann auch der epischen Form zugewendet. Obgleich da auch noch Fußball vorkommt, wie in Die Angst des Tormanns beim Elfmeter. Der einzige poetische Gewinn, den wir aus dem Gedicht mitnehmen können, ist, dass damals noch nicht mit einer Viererkette gespielt wurde.

Und man muss natürlich auch festhalten, dass der österreichische Autor natürlich nicht im geringsten an an die dichterische Pracht der Hymne auf Bum Kun Cha von Eckhard Henscheid herankommt:

Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht,
die den großen Gedanken vermochte, den
Knaben zu träumen, zu denken - und dann auch zu
bilden mit den schnellen, beseelten, jauchzenden
Füßen des Jünglings: Flink und flitzend,
flirrend und flackernd - nicht lange fackelnd,
doch feuernd und feiernd; den fühlenden Herzen
Frankfurts zur Freude.
Bum Kun Cha! Freund aus dem Osten! Fremdling bist
Du nicht länger - nicht bittres Los ist Exil
Dir. Heimat, die zweite, du fandst sie.

Also, ich höre hier mal auf, das geht jetzt noch über hundert Verse so weiter. Aber es zeigt auch, dass die große dichterische Form der Hymne hier die einzige Form für den Gegenstand ist. Man wird sie nicht für alle gebrauchen können. Einzeiler wie Schiri! Wir wissen wo dein Auto steht sind in ihrer Form unübertrefflich. Manchmal ist ein Vierzeiler auch schon genug, wie in dem Gedicht Nächtliches Stadion von Günter Grass

Langsam ging der Fußball am Himmel auf.
Nun sah man, daß die Tribüne besetzt war.
Einsam stand der Dichter im Tor,
Doch der Schiedsrichter pfiff: Abseits.

Nicht immer haben Dichter im Abseits gestanden. Joachim Ringelnatz dichtete seine Verse über den Fußballwahn ganz selbstverständlich. Aber der wollte ja mit dem Gedicht auch keine tiefere Bedeutung haben, obgleich die beiden letzten Verse durchaus bedenkenswert sind: Ich warne euch, ihr Brüder Jahns/vor dem Gebrauch des Fußballwahns.

Fußballer selbst dichten kaum. Sie können auch meistens nicht singen, wie die zahlreichen Aufnahmen von deutschen Nationalmannschaften beweisen. Meistens können sie nicht mal die Nationalhymne. Das ist vielleicht keine Schande. Deutsche Politiker haben das selbst beim Fall der Mauer nicht hingekriegt, und Hillary Clinton kann die amerikanische Nationalhymne auch nicht. Aber selbst, wenn man sich professionelle Sängerinnen für die Nationalhymne holt, kann das schiefgehen. Wie bei der Sirene aus Delmenhorst (die mit ihrer kleinen Schwester immer eine Gefahr für Spieler von Werder Bremen wie Diego und Özil gewesen ist), die so schön Brüh' im Lichte dieses Glückes gesungen hat. Nur ein Lied, das für eine Nationalmannschaft geschrieben wurde, hat sich wirklich durchgesetzt. Nicht 1974 Fußball ist unser Leben, sondern 1996 Football's Coming Home.

Der Lorbeerkranz für ein unvergängliches Fußballgedicht gebührt sicherlich dem großen Dichter Kurt Feltz, denn den Refrain seines Liedes, den kennt jeder:

Der Theodor, der Theodor,
der steht bei uns im Fußballtor,
wie der Ball auch kommt,
wie der Schuß auch fällt,
der Theodor, der hält!
Die Männeraugen werden wach,
die Mädchenherzen werden schwach,
wie der Ball auch kommt,
wie der Schuß auch fällt,
der Theodor, der hält!
Und rollt der Angriff in unsern Strafraum,
dann kommt die Flanke und Schuß hinein!
Aber nein, aber nein, aber nein:
der Theodor, der Theodor
steht unbesiegt im Fußballtor,
wie der Ball auch kommt,
wie der Schuß auch fällt,
der Theodor, der hält, der hält,
ja unser Theodor, der hält, der hält!

1 Kommentar:

  1. Sollte dann aber in den letzten beiden Zeilen heißen:"...der Theodor,der hält, der hält, ja, unser Theodoer, der hält, der Held!"
    (der kleine, feine "kick" zum Schluss!)

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