Dienstag, 27. April 2010

Vollmond


Wenn die kleine goldene Scheibe unten in der Aussparung der Kalenderuhr ganz zu sehen ist, dann ist Vollmond. Oder auf jeden Fall ungefähr, ich traue dieser Mondphase nicht so recht. Aber der Mond am Himmel sah gestern Nacht schon ziemlich voll aus. Der Mond gehört niemandem, außer uns allen, die ihn anschauen und den Dichtern, die ihn besingen. Er gehört nicht den Amerikanern, obgleich die als erste einen Menschen auf dem Mond hatten. Na ja, eigentlich war der Baron Münchhausen der erste, das belegt der Film mit Hans Albers ganz klar. Aber richtige Besitzansprüche kann niemand auf den Mond haben, das sagt der Outer Space Vertrag von 1967, dessen ungeachtet verkaufen in Amerika einige Immobilienhändler Grundstücke auf dem Mond. Zum Ärger eines Rentners aus Westercappeln, der hat nämlich eine Schenkungsurkunde vom 17.7.1756, in der Friedrich der Große einem seiner Vorfahren gesagt hat Jetzo soll ihm der Mond gehören. Durfte Friedrich den überhaupt verschenken?

Wenn Vollmond ist, verwandeln sich manche Menschen in Werwölfe, andere schlafen schlecht und Dichter schreiben Mondgedichte. Unsere deutsche Romantik hat es ja mit dem Mond, überall ist er, obgleich er an dem Tag gar nicht da sein konnte oder in der Himmelsrichtung nicht auf- oder untergehen konnte. Sagt ➱Arno Schmidt, der mal die Monde seiner mondsüchtigen Kollegen untersucht hat. Arno Schmidt wäre ja am liebsten Astronom geworden. Er ist auch einer der wenigen deutschen Schriftsteller, der immer wieder Wilhelm Olbers aus Lilienthal bei Bremen erwähnt. Der war seinerzeit so berühmt, dass ihn sogar Napoleon kannte. Arno Schmidt hat auch schöne Mondbeschreibungen in seinem Werk untergebracht. Hier findet sich unter dem Titel Arno Schmidts Monde eine hübsche Sammlung.

Mondgedichte gibt es in der deutschen Literatur wie Sand am Meer. Von Goethe gleich mehrere. Unter der Adresse www.hundeiker.de/Texte/Klausur90.html hat eine Friederike Hundeiker ihre Interpretation eines Goethe Gedichtes mit den Kommentaren ihrer Deutschlehrerin ins Netz gestellt. Beinahe so komisch wie die Gedichte einer anderen Friederike, die auch die schlesische Nachtigall heißt. Aber Goethe und Friederike Kempner können so viel Mondgedichte schreiben wie sie wollen, an Matthias Claudius Der Mond ist aufgegangen kommen sie alle nicht heran. Ist unschlagbar auf Platz 1 der Hitparade der deutschen Mondgedichte. Das einzige Gedicht, das ihm diesen Rang streitig machen könnte, ist Eichendorffs Mondnacht:

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Die Perle der Perlen, hat Thomas Mann das Gedicht genannt, aber eigentlich braucht man da gar nichts mehr zu sagen. Mein alter Movado Celestograf schummelt offensichtlich ein bisschen mit dem Vollmond, der erst morgen um 14 Uhr 18 (und dreißig Sekunden) ist. Das Bild oben ist Ansel Adams berühmtes Moonrise, Hernandez, New Mexico, eins der schönsten Photos von Adams. Ein Originalabzug kostet heute über 50.000 Dollar. Heute in der Nacht den Mond anzugucken, kostet glücklicherweise nix.

Und noch etwas für Arno Schmidt Freunde, da dieser Blog offensichtlich auch von den Beziehern des Bargfelder Boten gelesen wird. Bernhard J. Dotzler hat in seinem Artikel Mondlandschaften (in: Guido Graf, Arno Schmidt: Leben in Werk. 1999) eine ganze Menge über den Mann in Bargfeld und den Mond zu sagen. Und für die zwei ➱Cricketfans unter den Lesern habe ich auch noch eine schöne Mondgeschichte. Bei einem test match zwischen England und Australien, kommen die Australier Jeff Thompson und Dennis Lillee zum Schiedsrichter Dickie Bird, um einen vorzeitigen Spielabbruch (bad light stops play) für diesen Tag zu erreichen. Dickie Bird, einer der beliebtesten Schiedsrichter in England, ist gegenüber dem Dickie, mate, we can't see that far unempfänglich und deutet auf eine kleine weiße Scheibe am Spätnachmittaghimmel: What is that there? Worauf Jeff Thompson sagt That's the moon, Dickie. Und er erhält die wunderbare Antwort: Well, how far do you want to see? Das Spiel ging weiter.

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