Montag, 12. April 2010

Number One


Amerikas erfolgreichster Dichter hat heute noch keine Botschaft für uns. Gestern hieß sein Thought for Today ganz schlicht Revolution nearly always destroys more than it liberates. Nicht gerade revolutionär. Sein Landsmann Thomas Jefferson war noch der Meinung, dass eine kleine Revolution von Zeit zu Zeit nicht schaden könne. In Lawrence Ferlinghettis Gedicht Lost Parents, das mit den Zeilen It takes a fast car to lead a double life beginnt, wird Amerikas erfolgreichster Dichter erwähnt. Da heißt es:

the ignition key hot
and the backseat a jumble of clothes for different life-styles
a surfboard on the roof
and a copy of Kahlil Gibran or Rod McKuen under the dashboard
next to the Indian music cassettes
packs of Tarot and the I-Ching crammed into the glove compartment
along with traffic tickets and hardpacks of Kents

Die Ziggis und die Strafmandate werden noch immer da sein (auch bei Leuten, die kein Doppelleben führen), aber einen Gedichtband von Rod McKuen wird man da heute vergeblich suchen. Heute findet man Rod McKuen eher im Internet, seine Gedichtbände, die sagenhafte Verkaufszahlen erreicht haben sollen, sind nicht mehr im Handel. Man kann sie noch erhalten, ab 1 Cent bei Amazon. Noch nie war ein Dichter so preiswert. Ich habe einen Paperback von Alone, 1975 erschienen, da gab es von ihm schon 11 Gedichtbände und 5 Collected Poems Ausgaben. Und der Verlag versicherte, dass man schon mehr als 10 Millionen Bücher des Dichters verkauft hätte. Heute sollen es angeblich über 65 Millionen sein. Das ist wahrscheinlich mehr als alle amerikanischen Dichter des 20. Jahrhunderts zusammen verkauft haben. Allerdings sucht man den Dichter vergeblich in allen Nachschlagewerken, er scheint ein Dichter des Volkes zu sein. Etwas, was Whitman sein wollte, aber der hatte nicht solche Verkaufszahlen. Nach dem Tode von W.H. Auden tauchte ein Satz des englischen Dichters auf dem Cover von Gedichtbänden von McKuen auf, der angeblich die Dichtkunst McKuens lobte. Allerdings wurde dieser Satz von Auflage zu Auflage vom Verlag verändert, und wir können Auden nicht mehr fragen, was er wirklich gesagt hat. Die Times-News von Hendersonville (North Carolina) hat McKuen den Carl Sandburg für unsere Zeit genannt. Das war 1973, jedoch hat sich keine überregionale Zeitung dieser Aussage angeschlossen. Sandburg hat auch gesungen (und Volkslieder gesammelt), er ist in seiner Zeit der beliebteste Dichter Amerikas gewesen. Er hat niemals die Verkaufszahlen von McKuen erreicht. Aber dafür ist er in jeder Anthologie amerikanischer Dichtung, unser Dichter aus Oakland nicht.

McKuen schreibt auch Songs (hat über tausend geschrieben) und singt auch, meistens eine Art Sprechgesang mit plüschiger Musik. Diese Art Musik, die man in den Sixties in Amerika im Hintergrund hörte, wenn man voll zugedröhnt war. Wenn man nicht den Geräuschen von Buckelwalen lauschte. Buckelwale sind besser. Seinen Durchbruch (und größten Erfolg) hatte er mit Cover-Versionen von Jacques Brel, ich hatte mal eine CD. Wenn man Jacques Brel mag, braucht man eigentlich keinen Rod McKuen. Er hat aber immer noch seine Fans, vornehmlich äußern sie sich im Internet: If the depths & innocence of compassion seem to have lost their way in either this world, or within your heart, listen to Rod McKuen. Your soul will be touched. Es ist nicht leicht, ein typisches McKuen Gedicht zu finden, aber ich nehme mal Oakland Bus Depot/1951

alone in the busy station
     I waited
but you never arrived.
people came and went
little family pageants
     were enacted
over and over again
and still
you did not come.
I watched 
the wall clock
picked out
     the dispatcher's
every scrambled word
I waited
and the hour grew late
still no you.
and so very weary
I left the station
and went home.

Rührt das nicht unsere Seele? Oder ist es einfach grottenolmschlecht? Wenn man einsam auf Bahnhöfen oder on the road ist, dann sollte man mal an Me and Bobby McGee denken

Busted flat in Baton Rouge, heading for the trains
feeling nearly faded as my jeans
Bobby thumbed a Diesel down
just before it rained
took us all the way to New Orleans...

Janis Joplin hat mit diesem Song von Kris Kristofferson den ersten Platz der amerikanischen Hitparade erreicht, und in dem Song ist mehr dichterisches Gefühl als in der lauwarmen Weichspülerlyrik von McKuen.

Christoph Dallach schrieb 2008 im Spiegel, dass der legendäre Held der Schwermut gerade wieder entdeckt wird. War das nur ein PR Gag für die Gesamtaufnahme (sieben CDs) von McKuen Songs bei Bear Records? Dichter der Schwermut gibt es ja seit John Keats zur Genüge. Und wenn man man Schwermut aus den Lautsprechern haben möchte, könnte man ja ➱Leonard Cohen oder die ➱Winterreise auflegen. Oder die Songs of the Humpback Whale.


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