Donnerstag, 8. April 2010

bêtes noires


Richard Wagner muss Riga 1839 bei Nacht und Nebel fluchtartig verlassen, kaum dass seine Frau Minna wieder zu ihm zurückgekehrt ist. Seine Gläubiger sind hinter ihm her. Richard und Minna und der Neufundländer Robber schleichen sich in der Dunkelheit auf die Thetis, die sie nach London bringen soll. Dank schlechten Wetters dauert die Reise drei Wochen. Richard Wagner hat jetzt bei Sturm und Regen ausgiebig Gelegenheit, Material für den Fliegenden Holländer zu sammeln. Öd und leer das Meer. Die Woche in London verläuft für die Wagners, bevor sie nach Boulogne weiter reisen, einigermassen enttäuschend. Man hat kein Geld, es reicht nur für billige Gasthöfe wie Hoop and Horseshoe und King's Arms, es reicht nicht für die Oper. Aber Sir Edward Bulwer möchte Wagner  kennenlernen, der hat den Rienzi geschrieben, Wagner ist gerade dabei, das zu vertonen.

Richard Wagner begibt sich zum Parlament und verlangt, den Baronet zu sprechen. Er trägt sein schwarzes Barett, ein schwarzes Cape, gestikuliert dramatisch und spricht das breiteste Sächsisch. Englisch kann er nicht, wird er nie lernen (sein Französisch ist auch nicht toll), aber einige Brocken Shakespeare hat er drauf. Mit sächsischer Aussprache. Aber waren die Angelsachsen nicht auch mal Sachsen? Ein unbekannter höflicher Gentleman erbarmt sich der seltsamen Erscheinung und zeigt ihm das Parlament. Und den Wollsack. Auch Wellington wird er von ferne sehen. Aber Sir Edward ist nicht da. Als Wagner 1855 für einige Monate als Dirigent nach London kommt, kann er immer noch kein Englisch, aber inzwischen kennt man ihn. Sogar die Königin besucht eins seiner Konzerte. Viel Wagner gibt es da nicht zu hören, die Engländer lieben Meyerbeer und Mendelsohn. Dass man das dem Judenhasser Wagner zumutet (obgleich er ja musikalisch Meyerbeer viel verdankt). Die ihm feindliche Londoner Presse ist für ihn nur ein Judengesindel. Wagner wird zum Dirigieren von Mendelsohns Italienischer Symphonie weiße Ziegenlederhandschuhe tragen, die er danach demonstrativ auszieht, wenn er Webers Euryanthe Ouvertüre dirigiert. Mit solchen Gesten macht man sich in England nicht beliebt.

Dass er in England berühmt wird und sich eines Tages ein Wagnerkult in England entwickelt (der bis heute anhält), verdankt er einem Deutschen namens Franz Hüffer, der sich in England Francis Hueffer nennen wird. Hueffer ist genau so wie die Karikatur sich einen Deutschen vorstellt, kahlköpfig, fett und laut. Und er hat zwei Götter, Wagner und Schopenhauer. Es gibt sogar einen zeitgenössischen Limerick über ihn:

There's a solid fat German called Hueffer
Who at anything funny's a duffer:
To proclaim Schopenhauer
From the top of a tower
Will be the last effort of Hueffer.

Aber der Dr. Hueffer wird noch berühmt werden, schreibt Bücher über Wagner, wird der Musikkritiker der Times. Er heiratet die jüngere Tochter von Ford Madox Ford. Sein Sohn Ford Madox Hueffer wird sich Ford Madox Ford nennen und als Literat bekannt werden.

Alfred Lord Tennyson und Wagner haben sich nicht gekannt, aber sie haben viel gemeinsam. Zum einen  kann ich sie beide nicht ausstehen. Sie werden damit berühmt, dass sie die Artuslegenden verwursten. Und sie tragen auch das gleiche Outfit, das ihren Künstlerstatus betont. Tennyson einen schwarzen Schlapphut, unter dem dem seine langen ungewaschenen Haare hervorquellen. Und ein Cape über die Schulter geschlungen. Einmal sagt er zu der kleinen (in züchtigem viktorianischen Mausgrau gekleideten) Elspeth Thompson: Child, your mother should dress you less conspicuously - people are staring at us. Eine Bemerkung, die zeigt, wie getrübt sein Wirklichkeitssinn ist. Was hätten Tennyson und Wagner zu einander gesagt, wenn sie sich in London getroffen hätten? Tennyson hat furchtbar lange und furchtbar langweilige Gedichte geschrieben, die von den langweiligen Viktorianern für große Lyrik genommen wurden. Oder schon früh parodiert wurden, sogar der Tennyson Liebhaber Lewis Carroll hat kleine Witzchen über Tennysons Maud gemacht. Eine der besten Parodien seines langen und tragischen Gedichts The Lady of Shalott (abgesehen von der Version von Lancelot auf dem Fahrrad von Phyllis McGinley) wird Fiona Pitt-Kethley zugeschrieben. Und diese ist glücklicherweise sehr kurz, weshalb sie heute zum Gedicht des Tages avanciert.

Terse verse:
saw knight pass
in glass
left room,
full of gloom.
Stole boat,
died afloat.

Das Bild oben zeigt die Lady in der Version von John Atkinson Grimshaw, der ein großer Verehrer von Tennyson war. Aber auch beinahe alle anderen viktorianischen Maler wie John William Waterhouse (unten) haben diesen Gegenstand gemalt. Tote, im Wasser schwimmende Frauen wie Ophelia oder auf dem Wasser schwimmende Frauen wie die Lady von Shalott, kommen bei den Viktorianern gut an. Wahnsinnig und tot, so können die Viktorianer die Frauen ertragen.

Kommentare:

  1. Herzlichen Dank eingangs für die sehr schönen Texte in Ihrem Blog, die ich nicht nur mit viel Genuß, sondern auch mit viel Erkenntnisgewinn lese.
    Eine kurze Frage: Ist der im Beitrag genannte Edward Bulwer identisch mit dem berüchtigten Bulwer-Lytton? Dann würden sich nämlich noch weitere Kreise schließen.
    Wagner man man unterstellen, daß er nicht aufzuhören wußte. Den gleichen Vorwurf muß sich B-L gefallen lassen, der den wahrscheinlich berüchtigtesten ersten Satz der Literaturgeschichte geschrieben hat.
    Gleichermaßen ist B-L's Roman "The Coming Race" für die wagnerianisch anmutende Legende von der mystischen Kraft "Vril" verantwortlich, die sich in Kreisen rechtsextremer Esoteriker seit den 20er Jahren großer Popularität erfreut. Von den völlig abstrusen Nachkriegslegenden, die nur ein erfahrener Genießer von Verschwörungstheorien ertragen mag, ganz zu schweigen...

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  2. Ja, die beiden sind ein und die gleiche Person. Als Wagner ihn in London sucht, ist er noch Sir Edward, ab 1866 ist er Lord Bulwer-Lytton, und der Name steht heute ja auch auf all seinen Schriften. Arno Schmidt fand ihn bemerkenswert und hat auch zwei seiner Romane ins Deutsche übersetzt.

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