Dienstag, 15. Januar 2019

Wolf von Niebelschütz


Lies mal Wolf von Niebelschütz, sagte mein Freund Peter. Wir flüsterten uns immer die Geheimtips der Literatur zu. Ich verdanke ihm viel. Bis heute. Er hat mir auch Der schwarze Herr Bahßetub geschenkt, was mich sofort zu einem Albert Vigoleis Thelen Fan machte. Das erste, das ich von Wolf von Niebelschütz las, war Der blaue Kammerherr. Die beiden Bände der Suhrkamp Ausgabe von 1949 haben mich vor einem halben Jahrhundert zwei Mark gekostet. Für knapp tausend Seiten Lesevergnügen war das ein guter Preis. Der Feldwebel Wolf von Niebelschütz hatte diese Verherrlichung des Barockzeitalters im Krieg in Frankreich geschrieben, eine Flucht aus der Wirklichkeit. Die Sehnsucht nach dem irdischen Paradies ist so alt wie die Dichtung, und sie kann immer wieder zu ihrem Gegenstande werden. Ein einziges Mal ist das in der Nachkriegsliteratur geschehen, im ›Blauen Kammerherren‹ des deutschen Dichters Wolf v. Niebelschütz, einem Roman, der die gesamte Elendsliteratur durch seine Schönheit, Poesie und Kunstfertigkeit überragt; der die Welt verklärt statt sie zu trüben, der skeptisch und ironisch ist, statt tiefernst, voller Handlung statt voller Reflexion und traditionsgesättigt statt traditionsarm. […] Seinen Menschen ist das Leben eine große Commedia dell’arte – auch der Roman ist es. Er ist eine leuchtende Verklärung des Barock, schrieb Walter Boehlich. Als der galante Roman 1949 (im selben Jahr wie Arno Schmidts Leviathan) erschien, passte er schlecht in die deutsche Nachkriegsliteratur. Das Werk von Wolf von Niebelschütz passte nie irgendwohin.

Das nächste, was ich von ihm las, war das Langgedicht (130 Seiten lang) im Blankvers mit dem schönen schönen Titel Auch ich in Arkadien. Es ist der Bericht über eine Italienreise zur Tiepolo Ausstellung im Jahre, die Niebelschütz im Jahre 1951 mit seiner Frau gemacht hat. Das Buch hat lange gebraucht, bis es das Licht der Welt erblickt hat. Erst 1987 wurde es im Haffmanns Verlag veröffentlicht, da war Wolf von Niebelschütz schon lange tot. Das wunderbare Buch, das jedem Italienreisenden dringend ans Herz gelegt sei, hat hier allerdings schon einen Post.

In Como anzukommen, ist ein Traum -
Des Bahnhofs wegen: ach, welch süßer Bahnhof!
Welches süßes modernistisches Gebilde!
Flach apfelsinengelb dahingelagert,
Die sonnverglühten Ziegel weißgefugt,
Chromblinkende Metall-Applikationen,
Ein Zauberspiel aus Mauerwerk und Glas,
Majolika, Glyzinien, buntem Kiese;
Darunter tief das Königsblau des Sees;
Im nahen Hintergrund, in Weiß und Ocker
Mit Hunderten von Villen übertupft,
Mit nacktem Felsenaufbruch übersprenkelt,
Das satte Grün des Bergwalds von Brunate;
Und oben, fleckenlos aquarelliert,
Ultramarin in Idealverdünnung.
Sehr schwer zu malen, unwahrscheinlich leuchtend:
Akardiens Himmel - den beschreib ich nicht.


Ich hatte es vor Jahr zu Weihnachten der Astrid geschenkt, weil sie damals nach Italien reisen wollte. Die war natürlich schon mehrfach in Italien, weil sie eine Kunsthistorikerin ist. Aber dieses Italien, das wird sie noch nicht kennen. Wenn ich oben Tiepolo erwähnt habe, fällt mir dazu immer - ob ich es will oder nicht - der Professor Tintelnot ein, bei dem immer Tiepolo, Tizian und Tintoretto in der Vorlesung vorkamen. Ich hatte ihn im Verdacht, dass er nur Künstler behandelte, die wie er mit den Buchstaben Ti anfingen. Aber ich kann mich über mein Studium der Kunstgeschichte nicht beschweren, das habe ich wohl schon geschrieben, als ich über Professor Wolfgang J. Müller schrieb. Drei Professoren und achtundzwanzig Studenten, so etwas wird es nie wieder geben. Auch wenn ich gegenüber Tiepolo, Tizian und Tintoretto ein wenig allergisch bin.

Historisches Wissen in einen Roman gepackt, so kommt es mir vor. die Sätze sind ellenlang und gelegentlich verlor ich anfangs den Faden. Der Schreibstil / Ausdruck steht dem Erzählten irgendwie im Weg. Schade, schreibt ein Leser über Die Kinder der Finsternis bei lovelybooks. Dabei ist der Schreibstil das Großartige an diesem Fantasy Roman aus der Provence im 12. Jahrhundert. Ich gebe einmal eine kleine Probe vom Anfang des RomansEs lag ein Bischof tot in einer Mur am Zederngebirge fünf Stunden schon unter strömenden Wolkenbrüchen. Die Mur war hinabgemalmt mit ihm und seinen Karren und seinen Maultieren und seiner Geliebten, unter ihm fort, über ihn hin, als schmettere das Erdreich ihn in den Schlund der Hölle, kurz vor Anbruch der Nacht. Fünf Stunden donnerten die Gießbäche, Felsen und Schuttlawinen; die Bergflanke bebte. Fünf Stunden kauerte die Geliebte neben dem Gehaßten, unverletzt, naß bis zur Haut, frierend, obwohl es warm war. Fünf Stunden schrien und keilten hufoben die Mulis und rüttelten durch das verknäulte Geschirr den Wagenkasten, der ohne Räder hintüber auf dem Steinmeer saß, bedeckt von grauenvoller Dunkelheit. In der sechsten hob sich die Regenbank, der Mond jagte hinter finsteren Schleiern und bestrahlte im Winkel den weich lehnenden Leichnam, dessen Blicke erglitzerten, loschen, glitzerten. Sein höhnisch zudringliches Schillern steigerte die Angst der Verlassenen. Aus Angst, er sei nur betäubt gewesen, wagte sie nicht, ihm die Lider zu schließen; aus Angst vor den Muren wagte sie keine Flucht. Zwanzig Klafter tiefer gischtete der Wildfluß, Ziel aller Wächten und Tobel. Wohin flüchten? zu wem? Niemandem konnte sie begegnen, der nicht Böses vorhatte, niemand in der Mauretanischen Mark öffnete nachts ein Haus, die Nächte waren von Raubkatzen durchschlichen. Nicht einmal wehren konnnte sie sich: Dom Firmians Schwertgurt, beim Fallen hinausgeschleudert, ruhte unter Klötzen begraben am Grunde der Schlüfte. Auch beten konnte sie nicht mehr, hatte der Bischof doch alles Fromme in ihr zunichte gemacht.

Das ist doch mal etwas zum Lesen.

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