Sonntag, 13. Januar 2019

Tristesse


Ein Leser schrieb mir unlängst, dass in manchen meiner Texte immer ein Unterton von Traurigkeit mitschwingt. Das kann sein, ich nehme an, dass das in den autobiographischen Texten stärker zu spüren ist, als in der anderen. Nicht, dass ich darauf anlegte wie die Dichter des Barock, die nur von der Zerbrechlichkeit der Welt und der Vergänglichkeit der Schönheit sprechen. Die Tristesse, von der ich rede, überkommt einen immer zuerst im November: whenever it is a damp, drizzly November in my soul. Das sagt Melvilles Ishmael gleich im ersten Kapitel von Moby-Dick. Ishmael sucht die Weite des Meeres als Flucht aus der seelischen Ödnis. Aber vielleicht ist das auch eine Gefahr: Mais la tristesse en moi monte comme la mer. Den November verbindet auch Gottfried Benn mit der Tristesse, wenn er in der letzten Strophe seines Gedichts Tristesse schreibt:

Und dann November, Einsamkeit, 
Tristesse, Grab oder Stock, der den Gelähmten trägt -
die Himmel segnen nicht, nur die Zypresse
der Trauerbaum, steht groß und unbewegt

Das französische Wort tristesse schleicht sich im 18. Jahrhundert in die  deutsche Sprache ein. Doch was im Zeitalter der Empfindsamkeit vielleicht noch ein echtes Gefühl war, verkommt immer mehr zu einer Mode. Wie in Bonjour Tristesse oder Tristesse Royal. Die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts hat ihre Quellen in der französischen Literatur. Das würde ich so nicht sagen, aber ich habe das letztens Sandra Richter, die neue Direktorin des Marbacher Literaturarchivs, in einem Interview sagen hören. Man kann für den französischen Einfluss sicher Beispiele finden, unser großer Friedrich hatte seinen Voltaire, Louis Philippe war Tanzlehrer in Friedrichstadt. Aber was ist mit der grünen Insel? Die denken noch nicht an den Brexit, die haben jetzt Könige aus Hannover. Und sie haben Exportartikel: die englische Herrenmode, die schottische Philosophie und den englischen Roman. Die Engländer gelten gemeinhin als gefühlskalt, ein Satz wie Montaignes erster Satz aus seinem Essay De la TristesseJe suis des plus exempts de cette passion, et ne l'ayme ny l'estime : quoy que le monde ayt entrepris, comme à prix faict, de l'honorer de faveur particulière. Ils en habillent la sagesse, la vertu, la conscience. Sot et vilain ornement, scheint für sie formuliert worden zu sein.

Der englische Roman kommt gleich nach seinem Beginn in vielen Formen daher. Eine davon ist die sentimental novel (manchmal auch novel of sensibility genannt), ein Romantitel wie The Man of Feeling ist geradezu ein Programm. Das sentimental findet sich auch in Romantiteln wie A Sentimental Journey Through France and Italy von Laurence Sterne, Johann Christoph Bode hat das Buch als Yoriks empfindsame Reise ins Deutsche übersetzt. Das Wort empfindsam war neu im Deutschen. Wörter verändern mit der Zeit ihren Sinn, das Lehnwort tristesse behält im Gegensatz zur Saudade seinen Sinn nicht. Es bedeutet eher eine Langeweile, die Melancholie ist dahin. Aber die Wörter mögen ihre Bedeutung verlieren, die tristesse in uns bleibt.

Adieu tristesse,
Bonjour tristesse.
Tu es inscrite dans les lignes du plafond.
Tu es inscrite dans les yeux que j'aime
Tu n'es pas tout à fait la misère,
Car les lèvres les plus pauvres te dénoncent
Par un sourire.
Bonjour tristesse.
Amour des corps aimables.
Puissance de l'amour
Dont l'amabilité surgit
Comme un monstre sans corps.
Tête désappointée.
Tristesse, beau visage.


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