Mittwoch, 29. Juni 2016

Engländer


The English are so nice
so awfully nice
they are the nicest people in the world.

And what's more, they're very nice about being nice
about your being nice as well!
If you're not nice they soon make you feel it.

Americans and French and Germans and so on
they're all very well
but they're not really nice, you know.
They're not nice in our sense of the word, are they now?

That's why one doesn't have to take them seriously.
We must be nice to them, of course,
of course, naturally.
But it doesn't really matter what you say to them,
they don't really understand
you can just say anything to them:
be nice, you know, just nice
but you must never take them seriously, they wouldn't understand,
just be nice, you know! Oh, fairly nice,
not too nice of course, they take advantage
but nice enough, just nice enough
to let them feel they're not quite as nice as they might be.


Sie werden es gemerkt haben, das Gedicht von D.H.Lawrence ist ein klein wenig sarkastisch. Sind die Limeys wirklich nice? Wir wollen heute einmal der Frage nachgehen, wer diese Engländer sind.

Just arrived in Scotland. Place is going wild over the vote. They took their country back, just like we will take America back. No games! twitterte ein gewisser Herr Trump am 24. Juni. Die Antwort liess nicht auf sich warten: Scotland voted IN you moron. Die Amerikaner verstehen Europa nicht. Vor Jahrzehnten haben sie bei einem Manöver Planspiel Kiel statt Kiew bombardiert, ist ja so ähnlich.

Nun ist er da, der Brexit. Ist aber schon abgelöst von einem anderen Portmanteau Wort: Bregret. Gebildet aus Britain und Regret. Portmanteau Wörter sind linguistisch eine interessante Sache (Blog ist übrigens auch eins), ➱Alice in Wonderland ist voll davon. Ich möchte dem Plakat im ersten Absatz dies hier entgegenstellen: ➱Keep Calm and Read Silvae, in diesem Blog herrscht keine Aufgeregtheit und kein Katzenjammer (ein deutsches Wort, das die Engländer adaptiert haben). Das kleine Problem dabei ist nur: die Engländer lesen mich nicht. Die sind in der Statistik meines Lesepublikums auf einem der letzten Plätze. Hinter Russland.

Kann man die Engländer verstehen? Das ist eine gute Frage, auf die man aber schwer eine Antwort finden wird. Ich möchte heute einmal eine Anzahl von Büchern aufzählen, in denen wir Anworten finden können, was denn die Bewohner des Vereinigten Königreichs im Innersten zusammen hält. Ich lasse dabei akademische Publikationen mit vielen Fremdwörtern, die schon auf der ersten Seite ➱Lucien Febvres outillage mental zitieren, einfach aus. Was ich zitiere, sind Bücher, die man lesen kann. Und die man antiquarisch (oder in Bibliotheken) finden kann. Dies Bild hier habe ich aus dem interessanten ICONS: A Portrait of England Projekt. Es ist eine interessante Sache, die Kultur eines Landes über ikonisch gewordene Bilder zu definieren. Die Spitfire, Henry VIII, den Tee, das können Sie leicht identifizieren. Aber das Schiff unten rechts? Wenn Sie den Post ➱Notting Hill lesen, dann wissen Sie, was die Empire Windrush für England bedeutet.

Fangen wir mal eben mit den Franzosen an: alles, was André Maurois (der im Ersten Weltkrieg Verbindungsoffizier zu den Engländern war) über ➱England schreibt, lohnt die Lektüre. Und die in diesem Blog schon mehrfach erwähnten Bücher von Pierre Daninos kommen unbedingt auf meine Liste. Wir haben hier auf dem Buchumschlag ja auch ein schönes Beispiel für ein nationales Stereotyp: der englische Gentleman mit kariertem Anzug, ➱Bowler auf dem Kopf, ➱Regenschirm in der Hand und die Times unter dem Arm. Aber nicht alle Engländer sind Gentlemen (Boris Johnson bestimmt nicht), und so wie hier sieht heute kaum noch ein Engländer aus. Leider. Und ➱Pfeife rauchen, das darf man längst nicht mehr, davon kann ich ein Lied singen.

Die Bücher von Pierre Daninos begegneten England mit einem Ton des Humors und der Ironie. Anders geht es offensichtlich nicht. Das hatte schon George Mikes erkannt (der Ghostwriter von ➱The Duke of Bedford's Book of Snobs des Herzogs von Bedford), als er 1946 How to Be An Alien veröffentlichte. Ein Buch, das schnell zu einem Klassiker wurde.

Der würdige Nachfolger von Mikes' Buch war 1989 für die ➱Zeit The English Companion: An Idiosyncratic A-Z of England and Englishness von Godfrey Smith, ein Buch, das auch nicht ohne Humor und Ironie auskam. Nicht nur die Hamburger Wochenzeitung mit dem ➱Bremer Stadtwappen mochte das Buch, auch die englischen Stimmen waren nahezu euphorisch: Evelyn Waugh: A most entertaining book, ➱Kingsley Amis: A mixture of eccentricity and scholarship, highly entertaining, A.J.P. Taylor: Godfrey Smith writes beautiful pithy English, he venerates the beauties of English towns and countryside, luxuriates in English freedoms, cherishes the riches of English civilisation, loves his country.

Zum Thema Europa findet sich bei Smith der Lexikoneintrag: Europe: To an Englishman, still the Continent. Thus one of the great political debates of the last decade was whether or not we should go into 'Europe'; the fact that we were for all other purposes already in it was ignored. To this day 'we' are in England; 'they' are in Europe. Man muss ein wenig über die Sätze nachdenken, sie gelten noch heute.

Ich habe in dem Post ➱Class, der vor vier Jahren (als das Zusammenleben mit den Engländern noch einfacher war) hier stand, geschrieben: Jilly Coopers Buch Class steht in einer Tradition von Büchern, die häufig sehr witzig das Wesen der Engländer zu verstehen suchten. Ich meine damit Bücher wie The English: Are They Human? (1931) von dem Holländer G.J. Renier, How to be an Alien (1946) von George Mikes oder Major Thompson entdeckt die Franzosen (1954) von Pierre Daninos. Und natürlich Nancy Mitfords Noblesse oblige (1956), ihr Buch über U und Non-U nicht zu vergessen. Beinahe all diese Bücher waren Bestseller, sie sind heute schon kleine Klassiker. Wenn ich mal viel Zeit habe, werde ich sie noch einmal besprechen.

Sie merken schon, dass jetzt endlich die Zeit gekommen ist, dass ich dieses Versprechen einmal wahr mache. Ich springe mal eben in die Zeit vor How to be an Alien zurück. 1931 erschienen mit The English: Are They Human? und John Bull at Home gleich zwei Bücher, die uns die Insel und ihre Bewohner mehr oder weniger kritisch beschrieben - wobei uns klar sein muss, dass all diese Bücher nur Momentaufnahmen sind. Sie sind gut für ein Jahrzehnt, wie zum Beispiel die Sozialgeschichte ➱The Long Week-End von Robert Graves und Alan Hodge für die dreißiger Jahre (es gibt nichts Besseres), eine Zeit, in der sich England entscheidend wandelt.

The English: Are they human? war das Werk eines Holländers namens Gustaaf Johannes Renier, der Professor in London war. Es war ein Buch, das die Engländer erschütterte. Lesen Sie doch einmal diesen ➱Leserbrief aus dem Jahre 1931 an den Spectator (wo Boris Johnson mal Herausgeber war, also damals, als er noch nicht durchgeknallt war), dann bekommen Sie einen Eindruck davon. Das Buch war von Montague Phillip Mendoza illustriert, schon der Buchumschlag zeigt, dass das alles vielleicht nicht so ernst war. In der Überschrift seiner Einleitung fragte der Verfasser etwas scheinheilig May a foreigner raise his voice? Is his distorted vision of 'reality' worth communicating? Wir sind heute noch für diese distorted vision of 'reality' dankbar.

Dagegen war John Bull at Home, das 1931 in London und 1932 bei Tauchnitz in Leipzig erschien (die Ausgabe habe ich), von dem Journalisten Karl Silex geradezu harmlos. Dennoch liefert das Buch (das schon in dem Post ➱Blazer erwähnt wird) eine Bestandsaufnahme der englischen Gesellschaft, die noch heute interessant ist. Aus den dreißiger Jahren haben wir auch den schönen Roman England, Their England eines Schotten namens A. G. Macdonell. Da der ➱hier aber schon einen langen Post hat, brauche ich zu diesem Klassiker nichts mehr zu sagen.

Wenn ich schon einen Roman erwähnt habe, möchte ich noch einen zweiten erwähnen. Anthony Powells ➱Dance to the Music of Time beschreibt uns beinahe ein ganzes Jahrhundert, wir könnten den Roman für ein Abbild Englands nehmen. Es wäre allerdings wohl besser, ➱Friedrich Engels Lage der arbeitenden Klasse in England zu lesen, Romane können ein gutes Bild eines Landes vermitteln, aber sie sind eben nur Romane. Und sie portraitieren allzu häufig nur die Upper und Upper Middle Class. Mr Warburton, der im Dschungel jeden Abend sein ➱Dinner Jacket anzieht, ist ein Geschöpf von ➱Somerset Maugham, in der Wirklichkeit ist er wohl ausgestorben. Wie der Gentleman im karierten Anzug auf dem Cover der Bücher von Pierre Daninos.

Es blieb jemandem wie Joseph Goebbels vorbehalten, eine Romanfigur aus einem satirischen ➱Roman für einen wirklichen Engländer zu halten: Kürzlich ist auch auf dem deutschen Buchmarkt unter dem Titel 'Selbstbildnis eines Gentleman' der Roman eines Engländers mit Namen Macdonell in Übersetzung erschienen, den man gelesen haben muß, wenn man das Wesen und die Seele der heute auf den britischen Inseln und im englischen Weltreich regierenden plutokratischen Herrenschicht ganz verstehen will. Man wird dieses Buch nicht aus der Hand legen, ohne auf das tiefste erschüttert zu sein.

Journalisten sind häufig eine schöne Quelle für das Englandbild einer gewissen Zeit. Da könnten wir mit Theodor Fontane anfangen. Seine Sammlung von Reportagen Aus England (aus der man ➱hier Ein Sommer in London lesen kann) kann man noch immer lesen. Und wird darin immer noch Dinge finden, die man im heutigen England wieder finden kann.

Fontane kann schreiben, das wissen wir. Nicht jeder Journalist und Auslandskorrespondent kann schreiben. Rolf Seelmann-Eggebert ist zwar immer ordentlich angezogen und kann für einen Engländer der Upper Middle Class durchgehen; er hat auch alle Orden, die die Königin einem Deutschen verleihen kann, aber er ist ein furchtbarer Langweiler. Er konnte niemals schreiben wie Heinz Ohff (➱Gebrauchsanweisung für England) oder Karl-Heinz Wocker. Der war für die Zeit, als sie seinen Nachruf schrieb ➱Die Stimme aus England, er (und auch Heinz Ohff) fehlen mir. Aber natürlich gibt es junge Leute, aus denen noch viel werden kann. Ich denke da an Christian Zaschke, der die schöne Kolumne ➱Little Britain in der Süddeutschen schreibt. Der liest auch manchmal meinen Blog. Nicht weil ich so berühmt bin, er war mal einer meiner Studenten.

Kann man Bill Bryson noch zu den Journalisten zählen? Sein Bücher Notes From A Small Island (deutsch: Reif für die Insel) und The Road to Little Dribbling: More Notes From a Small Island sind auf jeden Fall eine Leseempfehlung. Bryson ist inzwischen nicht nur Amerikaner, er besitzt jetzt auch die englische Staatsbürgerschaft. Und darf OBE hinter seinen Namen schreiben. Der Langweiler Seelmann-Eggebert hat einen CBE Orden, aber er darf das nicht hinter seinen Namen schreiben, das dürfen nur Engländer. Ich könnte jetzt noch viel mehr Bücher zum Thema England aufzählen, das ahnen Sie schon, aber ich möchte doch zum Ende kommen.

Nicht ohne Großbritannien von A bis Z, das der Brockhaus Verlag 1983 herausbrachte, zu erwähnen. Alle Artikel des Großen Brockhaus, die sich auf England bezogen, in einem Paperback versammelt. Und Hans-Dieter Gelferts Typisch englisch: wie die Briten wurden, was sie sind ist auch ganz nett. Das Buch Traurige Insulaner: Als Ethnologe bei den Engländern (Native Land) von Nigel Barley finde ich überschätzt. Jilly Coopers Class bietet eine bessere Beschreibung der englischen Gesellschaft als dieses Buch. Die Idee, als Ethnologe die eigenen Landsleute so zu beschreiben, wie man einen Südseestamm beschreiben würde, ist ja ganz nett. Aber leider ist Barley kein ➱Clifford Geertz, dem wäre das besser gelungen.

Doch ich habe noch zwei wirklich gute Dinge zum Schluss. Das eine ist Karl Heinz Bohrers Ein bißchen Lust am Untergang: Englische Ansichten. Der Autor sagt über seine Essays, die aus den sechziger und siebziger Jahren stammen, im Vorwort: Dieses Buch handelt von Untergängen. Von englischen Untergängen. Also doch nicht ganz so ernst gemeinten, gewiß nicht pathetischen. Die Ereignisse, die Personen, die Stimmungen, die hier geschildert sind, erklären, warum in der vielzitierten 'Englischen Krankheit' soviel Frivolität, Romantik und Anarchie steckt. 

Karl Heinz Bohrer ist einer der bedeutendsten Intellektuellen unseres Landes, er verlor seinen Posten als Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen, weil man Reich-Ranicki auf der Position haben wollte. Es wäre besser für die deutsche Literaturkritik gewesen, wenn Bohrer den Posten behalten hätte. Die FAZ machte ihm aber das Angebot, Englandkorrespondent der Zeitung zu werden. Das nahm Bohrer, der seit seinem Abi im Jahre 1953 die grüne Insel immer wieder besucht hatte, dankend an. Seine Berichte aus England, die zuerst in der Frankfurter Allgemeinen und im Merkur abgedruckt wurden, erhielten 1978 den Johann Heinrich Merck Preis.

Solch schönen Preis hat Peter Nonnenmacher, der für die Frankfurter Rundschau arbeitete, nicht bekommen. Aber seine Bücher Das blau-rote Königreich: Nachrichten und Geschichten aus Britannien und Insel sucht Anschluss: Wohin treibt Grossbritannien? sind unbedingt die Lektüre wert. Peter Nonnenmacher sitzt immer noch in London, die FR gibt es nicht mehr, jetzt schreibt er für den Züricher ➱Tagesanzeiger. Für diese Seite sollten Sie sich ein Lesezeichen machen.

Engländer sind awfully nice, aber auch leicht beleidigt, das To this day 'we' are in England; 'they' are in Europe von Godfrey Smith ist nur zu wahr. Ich hätte da zum Schluss noch ein nettes Zitat: We judge the inhabitants of other European nations, it is said, from our own insular point of view, are very unjust, admire the wrong men, and adore or detest equally without foundation. In contrast with these shifting, confused, and ill- informed judgments, we are asked to compare, greatly to the disadvantage of our more democratic times, the steady purpose and definite aims of England when it was under the rule of a governing class, and was the soul of the coalition against Napoleon. Das stammt nicht etwa aus der Diskussion der letzten Woche. Das stand 1874 im Saturday Review.

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